Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kafka leidet an der Liebe (Happy Valentine’s Day) | 14./15. Februar 1914

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Den Schmerz stillen in Prag: Tsche­chi­sche Ibu­profen sind pink

Im Februar des Jahres 1914 ist Franz Kafka Europa schon weit voraus. Denn wäh­rend der Kon­ti­nent den Schüt­zen­gräben erst noch ent­gegen tau­melt, viel­mehr: schlaf­wan­delt, wie man heute sagt, ver­sinkt Kafka schon mit beiden Beinen im Morast und „schnapp[t] im Nebel“: Love is a battle­field. Es ist Wochen­ende. Er sitzt in Prag und wartet auf Briefe, die nicht kommen: „Kein Brief nicht hier, nicht im Bureau“ und dann diese „Selbst­mord­lust“, ach, „Leid und Leid“. Immerhin hat er sich „die Haare scheren lassen“. Sein Tage­buch­ein­trag vom Samstag, den 14. Februar beginnt höchst ver­zwei­felt und auch ein biss­chen gemein: „Wenn ich mich töten sollte, hat ganz gewiß nie­mand schuld, selbst wenn z.B. die offen­bare nächste Ver­an­las­sung F.‘s Ver­halten sein sollte.“

F. – das ist Felice Bauer, die Kafka 1912 ken­nen­ge­lernt hat und die fol­gende erste Erwäh­nung in seinem Tage­buch findet: „Kno­chiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. […] Fast zer­bro­chene Nase. Blondes, etwas steifes reiz­loses Haar, starkes Kinn.“ Das klingt nicht aus­neh­mend char­mant, aber das zwi­schen „Frl. Felice Bauer“ und Franz Kafka wird Liebe sein, keine ein­fache Bezie­hung:  Es ist natür­lich kom­pli­ziert. Im Februar 1914 haben sie schon einiges hinter sich. Sie haben sich selten gesehen, dafür aber umso mehr geschrieben, seine Briefe an sie werden später Bücher füllen und über die Bücher voller Briefe an Felice werden Bücher geschrieben werden.

Gerade läuft es aber nicht so, mit den Briefen nicht, mit Felice nicht. Denn Felice, in Berlin, schweigt und schreibt nicht, zumin­dest nur unre­gel­mäßig und nicht in der Fre­quenz, die Kafka vor­schwebt, der ihr letztes Jahr erst eine Art Antrag gemacht und sich dann aus den dro­henden Ver­bind­lich­keiten wieder her­aus­ge­wunden hatte. Aber jetzt leidet er hin­ge­bungs­voll und hem­mungslos unter ihrer Zurück­hal­tung. An diesem 14. Februar 1914 ziehen so dra­ma­ti­sche wie schä­bige Bilder an seinem inneren Auge vor­über: wie er, von F. abge­wiesen, ihre Bal­kon­brüs­tung über­spränge, den aus­ge­streckten Händen der Hin­zu­ei­lenden zum Trotze, und in seinem Abschieds­brief stünde, dass er durchaus wegen F. springe, aber auch: „ […] F. ist zufällig die, an der sich meine Bestim­mung erweist, ich bin nicht fähig, ohne sie zu leben und muß hin­un­ter­springen, ich wäre aber – und F. ahnt dies – auch nicht fähig mit ihr zu leben.“ (Es ist kom­pli­ziert.) Dann schreibt er, wieder ein wenig ratio­naler, wenn­gleich damit kei­nerlei unmit­tel­bare emo­tio­nale Erleich­te­rung ein­her­geht: „[…] ich lebe ganz ver­wi­ckelt ins Leben, ich werde es nicht tun, ich bin ganz kalt, bin traurig, daß ein Hemd um den Hals mich drückt, bin ver­dammt, schnappe im Nebel.“

Ach, Kafka! Das mit F. wird noch ein paar Jahre gehen, wenn das eine Beru­hi­gung ist: Ver­lo­bung, Ent­lo­bung, Ver­lo­bung, Ent­lo­bung, hin und her, und dann ist es irgend­wann aus, aber es werden andere Frauen kommen und es wird Bücher voller Briefe an diese anderen Frauen geben (aber das ist noch weit an diesem Valen­tinstag 1914 in Prag).

 

Songs for the Lovers

Novinki hat sich anläss­lich des Valen­tins­tags in den Play­lists eines der berühm­testen Lie­bes­paare der Lite­ra­tur­ge­schichte umgetan und prä­sen­tiert im Fol­genden eine kleine reprä­sen­ta­tive Auswahl:

Zeilen aus Kafkas Playlist Zeilen aus Felices Playlist
Strange to see, the sun don’t shine
today | But I ain’t in the mood for
sunshine anyway
(Tin­der­sticks, Kath­leen)

Rivers come and | Rivers go |
Straight from my hell | to my aching
soul
(Djali Zwan, Think you know)

‘Cause I don’t wanna get over you. |
I don’t wanna get over you.
(The National, Sorrow)

[…] lay down drea­ming | woke up
this morning | screa­ming and crying
(Charlie Musselwithe/
Richard Bargel, Just a fee­ling)

I learned the hard way | That your
love is cruel | I learned the hard way,
baby | Not to be your fool
(Sharon Jones and The Dap-Kings,
I Learned The Hard Way
)

May not be true to see that you return
one day | But in your pre­sent state
you may as well not be here at all | You wear a thin dis­guise, it’s from
yourself you hide | Just take a look at
us, we are hea­ding for a fall
(Róisín Murphy, The Truth)

Not­hing com­pares | Not­hing com­pares to you | Not­hing com­pares | Not­hing com­pares to you | Not­hing com­pares | Not­hing com­pares to you
(Sinéad O’Connor, Not­hing com­pares 2 u)

 

von Janika Rüter

Lite­ratur:

Kafka, Franz: Tage­bü­cher 1912–1914. Ori­gi­nal­fas­sung. Frank­furt am Main 2008.
Illies, Flo­rian: 1913. Der Sommer des Jahr­hun­derts. Frank­furt am Main 2012.

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