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Tristia – Taistra. Von Ovid über Mandelʼštam zu Marcel Beyer.

Posted on 10. Februar 2015 by Janika Rüter
Die Himmel sind leer, die Vögel längst fortgezogen. Die Auguren schließen die brennenden Augen, Wimpernhaar, stechend (Osip Mandelʼštam). Sie sind müde von der verflogenen Zukunft, die sie geschaut haben. Vielleicht sind sie auch müde, weil die Bilder seit jeher eigentümlich sich gleichen, wie jene von Verbannung und Verlust, wie sie mit Ovid und später Osip Mandelʼštam aufziehen, zuletzt in Graphit nachgezeichnet von Marcel Beyer.

Ein europäischer Dichterdialog über Verbannung und Verlust

 

Die Himmel sind leer, die Vögel längst fortgezogen. Die Auguren schließen die brennenden Augen, Wimpernhaar, stechend (Osip Mandelʼštam). Sie sind müde von der verflogenen Zukunft, die sie geschaut haben. Vielleicht sind sie auch müde, weil die Bilder seit jeher eigentümlich sich gleichen, wie jene von Verbannung und Verlust, wie sie mit Ovid und später Osip Mandelʼštam aufziehen, zuletzt in Graphit nachgezeichnet von Marcel Beyer.

 

Die Urszene: Abschied von Ovid

Ovid also, der uns an die rostigen Küsten des Schwarzen Meers verloren ging, ans Ende seiner Welt, das zu seiner letzten Welt (Christoph Ransmayr) werden sollte. Im Jahr 8 n. Chr. aus Rom verbannt in „das Land am Rand der Erde“ (Ovid), gefallen unter Geten und Sauromaten, die Ovid nur zu einer Art urzeitlichem Bestiarium, nicht aber zur menschlichen Gesellschaft taugten, verortet sich sein Verlust seither in Tomis. Heute heißt die Stadt Constanţa, und sie liegt nicht mehr am Rand der Erde, sondern in Rumänien, nunmehr ein Erinnerungsort der europäischen Literatur: als die „eiserne Stadt“, die „rostige Stadt“ (Ransmayr), „Stalinstadt“ (Marcel Beyer).
So schmerzlich und schön wie der Titel der Klagebriefe von Ovid, Tristia, sind auch die Elegien, die sich darunter vereinigen. Darin betrauert Ovid sein vergangenes Glück und fleht um Straferleichterung – wenn schon nicht Straferlass, die ersehnte Rückkehr nach Rom. Passagen verzweifelter Selbstverteidigung wechseln sich mit solchen der reuigen Selbstbezichtigung ab. Und auch diese berühmten Bilder eines Abschieds, der uns bis heute dauert, finden sich:

 

1,3
Cum subit illius tristissima noctis imago,
qua mihi supremum tempus in urbe fuit,
cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui,
labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.

 

Buch 1, Elegie 3
Wenn das schmerzliche Bild jener Nacht in mir aufsteigt,
die für mich die letzte Frist in der Stadt blieb,
wenn ich an die Nacht zurückdenke, in der ich so vieles, was mir teuer war,
zurückließ, fließen mir jetzt noch die Tränen aus den Augen.

 

Abschied & Ahnung: Osip Mandelʼštam

Die Bilder, die Ovid in der Erinnerung an seine letzte Nacht in Rom beschwört – der Schmerz, die Tränen, das gelöste Haar der gleichsam einen Toten beklagenden Geliebten –, steigen aus der Tiefe der Geschichte auch in Osip Mandelʼštams Gedicht Tristia auf, dem Zentrum des gleichnamigen Gedichtbands aus dem Jahr 1922. Sie entfalten sich darin zur eigentümlichen Gegenwart einer durchwachten Nacht, zur Gleichzeitigkeit eines bevorstehenden Abschieds und dieses einen, ewigen Abschieds von Ovid in die Verbannung. Die Atmosphäre ist archaisch und dunkel, vielleicht noch vom Zwielicht der Dämmerung der Freiheit durchwirkt, jenem Tristia vorangehenden Gedicht, das die aus den Fugen geratene Welt der Revolution von 1918 in ambivalente, aufgewühlte Bilder von brodelnden „Wassernächten“ (übers. v. Paul Celan) fasst, „nachtschwarz, unbezähmbar“ (übers. v. Ralph Dutli).
Aber die Zeit, die gerade noch als ein durch wilde Wasser zur Tiefe gehendes Schiff imaginiert wurde, scheint nun in Tristia suspendiert, stillgestellt in Erinnerung und Kontemplation, „ährend er immer kaut, der Ochse, träg –“. Es ist eine letzte wache Nacht, im Wissen um das, was kommt, „Abschiednehmen“ (Dutli), „Auseinandergehen“ (Celan) – man wünschte sich: vor den Tränen, das Haar gelöst im Schlaf, nicht im Schmerz, geborgen in der dunklen Wärme des Heims.

 

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„Ich lernte Abschied – eine Wissenschaft“ (Celan). Der das schreibt, webt sich über die Lektüre, die Erinnerung – „ich lieb, was stets sich fortspinnt, Fäden “ – in die Stimmen anderer Dichter ein, die in dem Gedicht, der „großen Kuppel für seine Vorläufer“ (Josif Brodskij), widerhallen, und findet Schutz in den vorvergangenen Abschieden der Literatur. Es ist eine Einübung des Liebenden, Lesenden in die unausweichliche Erfahrung vom Auseinandergehen und seinen Insignien, der Schmerz, die Klage, das Haar, doch das Maßlose des Gefühls ins Versmaß einhegend. Aus der Unausweichlichkeit des Abschieds erwächst bei Mandelʼštam das Glück des Wiedererkennens:

 

„Und alles war schon und wird wiederkehren:
Dein Glück – nur der Moment, da du’s erkennst.“ (übers. v. Dutli)

 

Was aber sehen die Auguren, was schaut das „über das Wachs geneigte Mädchenaug“ (Celan)? Sehen sie in dem ahnenden Rekurs auf Ovid die Zukunft Mandelʼštams, die ihn, wie dereinst Ovid, im Jahr 1934 in die Verbannung nach Woronesch führen, und die zum Ende der 1930er in einem sowjetischen Durchgangslager verfliegen wird? Sehen sie in den Zeilen aus dem Jahr 1918 die eigentümliche Präformierung eines Dichterschicksals, das zugleich Wiederholung ist? Aber ob es ein Glück ist, dieses Wiedererkennen, dieses Vorausahnen jenes wiederkehrenden Dichterschicksals – zumindest kein biographisches Glück. So eignet denn auch der lodernden Zukunft, wie sie in Mandelʼštams Tristia aufscheint, etwas Drohendes:

 

„Wer, hört dies Wort er: Auseinandergehen,
weiß, was die Trennung und das Scheiden bringt,
was es verheißt, wenn Flammen auf dir stehen,
Akropolis, und Hahnenschrei erklingt?“
(übers. v. Celan)

 

Im russischen Original endet das Gedicht auf das Wort umeret, sterben: Die Männer sterben in der Schlacht, die Frauen, denen das Wachs und damit die Weissagung zukommt, „ sterben, da sie in die Zukunft schaun.“ Das Glück der alten Stimmen, die in der Kuppel von Mandelʼštams Tristia auffliegen, verklingt mit diesem letzten letalen Wort des Gedichts.

Doch die Fäden werden fortgesponnen. Paul Celan, der seine intensive Übersetzungsarbeit aus dem Russischen in den 1950er Jahren wieder aufnimmt, begegnet den Gedichten von Osip Mandelʼštam und darin einem Geistesverwandten: „der Name Ossip kommt auf dich zu“ (Celan, Es ist alles anders). Biographie und Werk des russischen Dichters werden tiefe Spuren in Celans Schaffen hinterlassen und sich in seine eigene Poetik einschreiben. Umgetrieben vom Schicksal des verfemten, verbannten und unter widrigsten Umständen zu Tode gekommenen russischen Dichters, übersetzt er eine Reihe von Mandelʼštams Gedichten ins Deutsche, aus dem frühen Gedichtband Der Stein , aus dem späteren Tristia, auch das Gedicht daselbst: Tristia, die Fäden nun auf die Spindel einer fremden Sprache, seiner Sprache aufwickelnd. Celan übersetzt Mandelʼštam, den vierjährigen Sohn Eric am Schreibtisch dabei, das Papier ist plötzlich verzogen in der Schreibmaschine, die Zeilen stürzen ineinander, wo sie vorher gleichmäßig liefen. „Eric“ steht am Rand des Typoskripts, vielleicht später hinzugefügt. „Auf den Seitenrändern finden wir Gedichte“ steht bei Mandelʼštam.

Celan stellt Erkundigungen über das lange ungeklärte Schicksal von Mandelʼštam an, schreibt einen Radiovortrag über ihn, der bereits vielem vorgreift, was Celan wenig später in seiner berühmten Büchner-Preisrede Der Meridian formulieren wird. Celan widmet dem russischen Dichter, den er nicht gekannt hat und dessen Gedichte für ihn von existenzieller Bedeutung sein sollten, einen eigenen Gedichtband, Die Niemandsrose (1963). Im Jahr 1959 erscheinen Celans Mandelʼštam-Übersetzungen beim S. Fischer Verlag. Zum ersten Mal eröffnet sich damit die weite, alte, europäische Welt des russischen Lyrikers für deutsche Leser. Einer dieser Leser Mandelʼštams in der Übersetzung Celans wird später Marcel Beyer sein.

 

Hunde im Weltall (Tristia on tour): Marcel Beyer

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Auch Marcel Beyer also nimmt sich in seinem neuen Gedichtband Graphit der alten Geschichte von Verbannung und Verlust an, Taistra lautet der Titel des Gedichts, in dem er auf Ovid und Mandelʼštam rekurriert. Freilich ist die „Kuppel für die großen Vorläufer“, wie sie Mandelʼštam in seiner „Sehnsucht nach Weltkultur“ in Tristia errichtet hatte, unter der Last des totalitären Wahns des 20. Jahrhunderts längst eingestürzt. „Immer stimmt alles ein biszchen nicht ganz“, heißt es bei der von Beyer so geschätzten Friederike Mayröcker im Gedicht Prater (Neurasthenie), und das stimmt hier nicht nur ein biszchen, sondern ganz: Tristia, Taistra, das klingt an und geht nicht auf. Die Stimmen, die nicht mehr von hohen, hehren Kuppelwänden widerhallen können, kraxeln also über „Reservoir schiefer Bilder“, gucken alltäglich aus „Himbeerquarkgesicht“ und „Thermowams“ hervor und denken ans Auseinandergehen und die Heilpflege geschundener Füße: „ doch ich lernte Podologie, | die Wissenschaft der | Weitgereisten ohne Wiederkehr | wie derer, die genug | gelaufen sind “.
Es ist vielleicht mehr als eine Fußnote, weil symptomatisch für das kühne Understatement in Taistra, dass der auf den ersten Blick so willkürlich wie eigenartig anmutende Zusammenhang von Podologie und Dichtung bereits bei Ovid sich finden lässt:
„Dass die Gedichte hinken und jeder zweite Vers herabsinkt, dafür ist der Fuß der Grund, oder der lange Weg macht das; dass ich weder von Zedernöl gelb noch mit Bimsstein geglättet bin, liegt daran, dass ich mich schäme, feiner zu sein als mein Herr; dass die Buchstaben bekleckst sind und verlaufene Flecken haben, liegt daran, dass der Dichter selbst mit seinen eigenen Tränen sein Werk entstellte.“
(Ovid, Gedichte aus der Verbannung, Buch 3, Elegie 1)

In der Tat zeigt sich bald, dass den schiefen Bildern, die im Gedicht zusammengezwungen werden, unerwartete Fügungen erwachsen. Mit den Zeilen, die sich in sechs Teilen vorgeblich über Maniküre, Musicals, Eichhörnchen und Hunde im Weltall verbreiten, spannt sich ein weiter Bogen, von Tomis bis nach Eisenhüttenstadt, das eine Zeitlang in Stalinstadt umbenannt war. Es sind in aller Alltäglichkeit überaus gelehrte Zeilen, die da – „hier (im Grenzland)“ – mit frappierend unscheinbarer Geste Alltagswelten, sowjetische Raumfahrts- und europäische Dichtungsgeschichte auffächern, disparate Bedeutungsgegenden durchstreifend, vielleicht wie ein „junger Grenzhund“ (Durs Grünbein, Porträt des Künstlers als junger Grenzhund, mit der dem Zyklus vorangestellten Widmung: „Zum Andenken an I. P. Pawlow | Und alle Versuchshunde | Der Medizinischen Akademie der | Russischen Armee“). Tatsächlich ist die Atmosphäre des Gedichts durchwirkt von feinen poetologischen Spuren der Kollegen Mandelʼštam, Celan, Grünbein, die sich der Haptik entziehen, aber vielleicht doch in die schiefen Bilder hineinragen: Die Idee vom Dichter als junger Grenzhund, das Gedicht auch als „Ort im All“ (Celan im Radiovortrag Die Dichtung Ossip Mandelstamms) – das fällt bei Beyer in den sowjetischen „Kosmonautenhunde“ zusammen, Belka und Strelka, Eichhörnchen und Pfeil, die als „Helden der unbemannten Raumfahrt“ für einen Tag ins All geschickt wurden und unversehrt wieder landeten, mit „einer Schramme“, wie hingegen Beyer zugibt. Mit den Hunden kommt auch die Zukunft ins Gedicht: „ Die Zukunft | singt und schaut allein: ein | Hund. “

Zukunft – wie klang das noch gleich bei den großen Vorläufern? Zukunft war das, was hinter Ovid in Rom zurückblieb und war das, was bei Mandelʼštam von den Frauen im Wachs geschaut wurde und den Tod brachte. Die Zukunft hat sich auch im Grenzland von Taistra eher verbraucht und bringt in Anlehnung an die Mandelʼštam-Übersetzung von Celan eigenartige, schmerzhafte Bilder hervor: „Eichhörnchen, Feh: dir wird | das Fell gespannt. Schnurrhaar verknotet | mit der alten Zeit, während || dein Schwanz ins Übermorgen | reicht. “

„Ein Wort, ein Hieb. Noch | ein Hieb“: „Immer schön mit der | Eisenstange ins Genick “. Worte, Hiebe, das sind die alten Worte aus Constanţa (To Rome with Love…), vor allem aber jene Worte Mandelʼštams, die seinen Untergang bedeuten sollten, sein Epigramm gegen Stalin, das ihm 1934 die Verbannung eintrug. Schon in dem Epigramm geht die Rede von Himbeeren, die Beyer später vorgeblich zum profanen kosmetischen Mittel gereichen werden: „Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten – | Und breit schwillt die Brust des Osseten.“ (übers. v. Kurt Lhotzky)

Taistra, Teil VI: Es sind müde mahnende Worte, die die zurückbleibende lyrische Stimme dem Buch auf seinen ungewissen Weg mitschickt: „Und du, || mein Buch, auf schweren (oder | leichten) Füßen geh (bin | nicht verstimmt, nur weiß man | eben nie, ein Lied, ein | pornographisches Versehen – | schon bist auch du vom | Fenster weg), zieh also ohne | mich in die umbenannte Stadt.“ Man mag sich nochmals an Ovid erinnert fühlen, der einst sein Buch in ähnlicher Manier als Fürsprecher in die Welt entsandt hatte, sich der Gründe nicht gewiss, derentwegen er so plötzlich weg vom Fenster und an den unwirtlichen Rand der Welt verbannt war – wegen seiner freimütigen Liebesdichtungen, etwa? Man mag an Mandelʼštam denken, dessen eigentlich ephemeres, weil mündlich vorgetragenes Epigramm gegen Stalin zur „Eisenstange ins Genick“ wurde. Und man wird vielleicht an Ovid und Mandelʼštam und Beyer denken, wenn für einen Augenblick das Schild „Podologie“ in den Fenstern der Straßenbahn steht und der Typ gegenüber, „Himbeerquarkgesicht“ und ins „Thermowams“ gewandet, ein schal gewordenes „Sterni“ in „glutrote Hände“ hält.

 

Lektüreempfehlungen:

Marcel Beyer, Graphit. Gedichte, Berlin 2014.
Paul Celan, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Fünfter Band. Übertragungen II. Zweisprachig, Frankfurt am Main 2003.
Ossip Mandelstam, Tristia. Gedichte 1916-1925. Aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Ralph Dutli,
Frankfurt am Main 2003.
Ovid, Gedichte aus der Verbannung. Eine Auswahl aus „Tristia“ und „Epistulae ex Ponto“. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Niklas Holzberg, Stuttgart 2013.
Christoph Ransmayr, Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovidischen Repertoire, Frankfurt am Main 1991.

 

Osip Mandelʼštam, übersetzt von Paul Celan:

Tristia

Ich lernte Abschied – eine Wissenschaft;
ich lernt sie nachts, von Schmerz und schlichtem Haar.
Gebrüll von Ochsen. Warten, lange Haft.
Die Stadt-Vigilie, die die letzte war.
Und ich – ich halts wie in der Nacht der Hähne,
da ich, den Gram geschultert, wandert, lang,
ein Aug ins Ferne sah durch seine Träne
und Weiberweinen war im Musensang.

Wer, hört dies Wort er: Auseinandergehen,
weiß, was die Trennung und das Scheiden bringt,
was es verheißt, wenn Flammen auf dir stehen,
Akropolis, und Hahnenschrei erklingt?
Was, wenn ein neues Leben, irgendeines, tagt,
indes die Ochsen brüllen, träg, im Stall,
was jenes Flügelschlagen dort besagt
des Hahns, der Neues kündet, auf dem Wall?

Ich lieb, was stets sich fortspinnt, Fäden –
Das Schiffchen fliegt, die Spindel summt ...
O sieh: ein Flaum, ein wirklicher, von Schwänen –
die unbeschuhte Delia – sie kommt!
O unsres Lebens Grund, der karg-und-schmale,
die Bettelworte, die die Freude spricht!
Ach, nur Gewesnes kommt, zum andern Male:
der Nu, da duʼs erkennst – dein Glück.

So sei denn dies: Die Schale, tönern, rein,
und das Gebild aus Wachs, durchsichtig, drauf.
(Wie Fell vom Feh, gedehnt.) Daneben ein
über das Wachs geneigtes Mädchenaug.
Nicht an uns ists, den Erebos zu fragen:
dem Mann das Kupfer, Wachs den Fraun.
Uns fällt der Würfel, da wir Schlachten schlagen;
sie sterben, da sie in die Zukunft schaun.

1918

 

Osip Mandelstam, „Tristia“, in: Paul Celan, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Fünfter Band. Übertragungen II. Zweisprachig, Frankfurt am Main 2003, S. 104-107. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

 

Осип Мандельштам:
Tristia

Я изучил науку расставанья
В простоволосых жалобах ночных.
Жуют волы, и длится ожиданье,
Последний час вигилий городских,
И чту обряд той петушиной ночи,
Когда, подняв дорожной скорби груз,
Глядели вдаль заплаканные очи,
И женский плач мешался с пеньем муз.

Кто может знать при слове – расставанье,
Какая нам разлука предстоит,
Что нам сулит петушье восклицанье,
Когда огонь в акрополе горит,
И на заре какой-то новой жизни,
Когда в сенях лениво вол жует,
Зачем петух, глашатай новой жизни,
На городской стене крылами бьет?

И я люблю обыкновенье пряжи:
Снует челнок, веретено жужжит.
Смотри, навстречу, словно пух лебяжий,
Уже босая Делия летит!
О, нашей жизни скудная основа,
Куда как беден радости язык!
Всё было встарь, всё повторится снова,
И сладок нам лишь узнаванья миг.

Да будет так: прозрачная фигурка
На чистом блюде глиняном лежит,
Как беличья распластанная шкурка,
Склонясь над воском, девушка глядит.
Не нам гадать о греческом Эребе,
Для женщин воск, что для мужчины медь.
Нам только в битвах выпадает жребий,
А им дано гадая умереть.

1918

Tristia – Taistra. Von Ovid über Mandelʼštam zu Marcel Beyer. – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Tristia – Taistra. Von Ovid über Man­del’štam zu Marcel Beyer.

Ein euro­päi­scher Dich­ter­dialog über Ver­ban­nung und Verlust

 

Die Himmel sind leer, die Vögel längst fort­ge­zogen. Die Auguren schließen die bren­nenden Augen, Wim­pern­haar, ste­chend (Osip Man­del’štam). Sie sind müde von der ver­flo­genen Zukunft, die sie geschaut haben. Viel­leicht sind sie auch müde, weil die Bilder seit jeher eigen­tüm­lich sich glei­chen, wie jene von Ver­ban­nung und Ver­lust, wie sie mit Ovid und später Osip Man­del’štam auf­ziehen, zuletzt in Gra­phit nach­ge­zeichnet von Marcel Beyer.

 

Die Urszene: Abschied von Ovid

Ovid also, der uns an die ros­tigen Küsten des Schwarzen Meers ver­loren ging, ans Ende seiner Welt, das zu seiner letzten Welt (Chris­toph Rans­mayr) werden sollte. Im Jahr 8 n. Chr. aus Rom ver­bannt in „das Land am Rand der Erde“ (Ovid), gefallen unter Geten und Sau­ro­maten, die Ovid nur zu einer Art urzeit­li­chem Bes­tia­rium, nicht aber zur mensch­li­chen Gesell­schaft taugten, ver­ortet sich sein Ver­lust seither in Tomis. Heute heißt die Stadt Con­stanţa, und sie liegt nicht mehr am Rand der Erde, son­dern in Rumä­nien, nun­mehr ein Erin­ne­rungsort der euro­päi­schen Lite­ratur: als die „eiserne Stadt“, die „ros­tige Stadt“ (Rans­mayr), „Sta­lin­stadt“ (Marcel Beyer).
So schmerz­lich und schön wie der Titel der Kla­ge­briefe von Ovid, Tristia, sind auch die Ele­gien, die sich dar­unter ver­ei­nigen. Darin betrauert Ovid sein ver­gan­genes Glück und fleht um Straf­er­leich­te­rung – wenn schon nicht Straf­er­lass, die ersehnte Rück­kehr nach Rom. Pas­sagen ver­zwei­felter Selbst­ver­tei­di­gung wech­seln sich mit sol­chen der reuigen Selbst­be­zich­ti­gung ab. Und auch diese berühmten Bilder eines Abschieds, der uns bis heute dauert, finden sich:

 

1,3
Cum subit illius tris­tis­sima noctis imago,
qua mihi supremum tempus in urbe fuit,
cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui,
lab­itur ex oculis nunc quoque gutta meis.

 

Buch 1, Elegie 3
Wenn das schmerz­liche Bild jener Nacht in mir aufsteigt,
die für mich die letzte Frist in der Stadt blieb,
wenn ich an die Nacht zurück­denke, in der ich so vieles, was mir teuer war,
zurück­ließ, fließen mir jetzt noch die Tränen aus den Augen.

 

Abschied & Ahnung: Osip Mandelʼštam

Die Bilder, die Ovid in der Erin­ne­rung an seine letzte Nacht in Rom beschwört – der Schmerz, die Tränen, das gelöste Haar der gleichsam einen Toten bekla­genden Geliebten –, steigen aus der Tiefe der Geschichte auch in Osip Man­del’š­tams Gedicht Tristia auf, dem Zen­trum des gleich­na­migen Gedicht­bands aus dem Jahr 1922. Sie ent­falten sich darin zur eigen­tüm­li­chen Gegen­wart einer durch­wachten Nacht, zur Gleich­zei­tig­keit eines bevor­ste­henden Abschieds und dieses einen, ewigen Abschieds von Ovid in die Ver­ban­nung. Die Atmo­sphäre ist archa­isch und dunkel, viel­leicht noch vom Zwie­licht der Däm­me­rung der Frei­heit durch­wirkt, jenem Tristia vor­an­ge­henden Gedicht, das die aus den Fugen gera­tene Welt der Revo­lu­tion von 1918 in ambi­va­lente, auf­ge­wühlte Bilder von bro­delnden „Was­ser­nächten“ (übers. v. Paul Celan) fasst, „nacht­schwarz, unbe­zähmbar“ (übers. v. Ralph Dutli).
Aber die Zeit, die gerade noch als ein durch wilde Wasser zur Tiefe gehendes Schiff ima­gi­niert wurde, scheint nun in Tristia sus­pen­diert, still­ge­stellt in Erin­ne­rung und Kon­tem­pla­tion, „[w]ährend er immer kaut, der Ochse, träg –“. Es ist eine letzte wache Nacht, im Wissen um das, was kommt, „Abschied­nehmen“ (Dutli), „Aus­ein­an­der­gehen“ (Celan) – man wünschte sich: vor den Tränen, das Haar gelöst im Schlaf, nicht im Schmerz, geborgen in der dunklen Wärme des Heims.

 

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„Ich lernte Abschied – eine Wis­sen­schaft“ (Celan). Der das schreibt, webt sich über die Lek­türe, die Erin­ne­rung – „ich lieb, was stets sich fort­spinnt, Fäden […] “ – in die Stimmen anderer Dichter ein, die in dem Gedicht, der „großen Kuppel für seine Vor­läufer“ (Josif Brodskij), wider­hallen, und findet Schutz in den vor­ver­gan­genen Abschieden der Lite­ratur. Es ist eine Ein­übung des Lie­benden, Lesenden in die unaus­weich­liche Erfah­rung vom Aus­ein­an­der­gehen und seinen Insi­gnien, der Schmerz, die Klage, das Haar, doch das Maß­lose des Gefühls ins Versmaß ein­he­gend. Aus der Unaus­weich­lich­keit des Abschieds erwächst bei Man­del’štam das Glück des Wiedererkennens:

 

„Und alles war schon und wird wiederkehren:
Dein Glück – nur der Moment, da du’s erkennst.“ (übers. v. Dutli)

 

Was aber sehen die Auguren, was schaut das „über das Wachs geneigte[…] Mäd­chenaug“ (Celan)? Sehen sie in dem ahnenden Rekurs auf Ovid die Zukunft Man­del’š­tams, die ihn, wie der­einst Ovid, im Jahr 1934 in die Ver­ban­nung nach Woro­nesch führen, und die zum Ende der 1930er in einem sowje­ti­schen Durch­gangs­lager ver­fliegen wird? Sehen sie in den Zeilen aus dem Jahr 1918 die eigen­tüm­liche Prä­for­mie­rung eines Dich­ter­schick­sals, das zugleich Wie­der­ho­lung ist? Aber ob es ein Glück ist, dieses Wie­der­erkennen, dieses Vor­aus­ahnen jenes wie­der­keh­renden Dich­ter­schick­sals – zumin­dest kein bio­gra­phi­sches Glück. So eignet denn auch der lodernden Zukunft, wie sie in Man­del’š­tams Tristia auf­scheint, etwas Drohendes:

 

„Wer, hört dies Wort er: Auseinandergehen,
weiß, was die Tren­nung und das Scheiden bringt,
was es ver­heißt, wenn Flammen auf dir stehen,
Akro­polis, und Hah­nen­schrei erklingt?“
[…] (übers. v. Celan)

 

Im rus­si­schen Ori­ginal endet das Gedicht auf das Wort umeret, sterben: Die Männer sterben in der Schlacht, die Frauen, denen das Wachs und damit die Weis­sa­gung zukommt, „[…] sterben, da sie in die Zukunft schaun.“ Das Glück der alten Stimmen, die in der Kuppel von Man­del’š­tams Tristia auf­fliegen, ver­klingt mit diesem letzten letalen Wort des Gedichts.

Doch die Fäden werden fort­ge­sponnen. Paul Celan, der seine inten­sive Über­set­zungs­ar­beit aus dem Rus­si­schen in den 1950er Jahren wieder auf­nimmt, begegnet den Gedichten von Osip Man­del’štam und darin einem Geis­tes­ver­wandten: „der Name Ossip kommt auf dich zu“ (Celan, Es ist alles anders). Bio­gra­phie und Werk des rus­si­schen Dich­ters werden tiefe Spuren in Celans Schaffen hin­ter­lassen und sich in seine eigene Poetik ein­schreiben. Umge­trieben vom Schicksal des ver­femten, ver­bannten und unter wid­rigsten Umständen zu Tode gekom­menen rus­si­schen Dich­ters, über­setzt er eine Reihe von Man­del’š­tams Gedichten ins Deut­sche, aus dem frühen Gedicht­band Der Stein [Kamenʼ], aus dem spä­teren Tristia, auch das Gedicht daselbst: Tristia, die Fäden nun auf die Spindel einer fremden Sprache, seiner Sprache auf­wi­ckelnd. Celan über­setzt Man­del’štam, den vier­jäh­rigen Sohn Eric am Schreib­tisch dabei, das Papier ist plötz­lich ver­zogen in der Schreib­ma­schine, die Zeilen stürzen inein­ander, wo sie vorher gleich­mäßig liefen. „Eric“ steht am Rand des Typoskripts, viel­leicht später hin­zu­ge­fügt. „Auf den Sei­ten­rän­dern finden wir Gedichte“ steht bei Mandel’štam.

Celan stellt Erkun­di­gungen über das lange unge­klärte Schicksal von Man­del’štam an, schreibt einen Radio­vor­trag über ihn, der bereits vielem vor­greift, was Celan wenig später in seiner berühmten Büchner-Preis­rede Der Meri­dian for­mu­lieren wird. Celan widmet dem rus­si­schen Dichter, den er nicht gekannt hat und dessen Gedichte für ihn von exis­ten­zi­eller Bedeu­tung sein sollten, einen eigenen Gedicht­band, Die Nie­man­ds­rose (1963). Im Jahr 1959 erscheinen Celans Man­del’štam-Über­set­zungen beim S. Fischer Verlag. Zum ersten Mal eröffnet sich damit die weite, alte, euro­päi­sche Welt des rus­si­schen Lyri­kers für deut­sche Leser. Einer dieser Leser Man­del’š­tams in der Über­set­zung Celans wird später Marcel Beyer sein.

 

Hunde im Weltall (Tristia on tour): Marcel Beyer

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Auch Marcel Beyer also nimmt sich in seinem neuen Gedicht­band Gra­phit der alten Geschichte von Ver­ban­nung und Ver­lust an, Taistra lautet der Titel des Gedichts, in dem er auf Ovid und Man­del’štam rekur­riert. Frei­lich ist die „Kuppel für die großen Vor­läufer“, wie sie Man­del’štam in seiner „Sehn­sucht nach Welt­kultur“ in Tristia errichtet hatte, unter der Last des tota­li­tären Wahns des 20. Jahr­hun­derts längst ein­ge­stürzt. „Immer stimmt alles ein bisz­chen nicht ganz“, heißt es bei der von Beyer so geschätzten Frie­de­rike May­rö­cker im Gedicht Prater (Neur­asthenie), und das stimmt hier nicht nur ein bisz­chen, son­dern ganz: Tristia, Taistra, das klingt an und geht nicht auf. Die Stimmen, die nicht mehr von hohen, hehren Kup­pel­wänden wider­hallen können, kra­xeln also über „Reservoir[e] schiefer Bilder“, gucken all­täg­lich aus „Him­beer­quark­ge­sicht“ und „Ther­mo­wams“ hervor und denken ans Aus­ein­an­der­gehen und die Heil­pflege geschun­dener Füße: „[…] doch ich lernte Podo­logie, | die Wis­sen­schaft der | Weit­ge­reisten ohne Wie­der­kehr | wie derer, die genug | gelaufen sind […]“.
Es ist viel­leicht mehr als eine Fuß­note, weil sym­pto­ma­tisch für das kühne Under­state­ment in Taistra, dass der auf den ersten Blick so will­kür­lich wie eigen­artig anmu­tende Zusam­men­hang von Podo­logie und Dich­tung bereits bei Ovid sich finden lässt:
„Dass die Gedichte hinken und jeder zweite Vers her­ab­sinkt, dafür ist der Fuß der Grund, oder der lange Weg macht das; dass ich weder von Zedernöl gelb noch mit Bims­stein geglättet bin, liegt daran, dass ich mich schäme, feiner zu sein als mein Herr; dass die Buch­staben bekleckst sind und ver­lau­fene Fle­cken haben, liegt daran, dass der Dichter selbst mit seinen eigenen Tränen sein Werk entstellte.“
(Ovid, Gedichte aus der Ver­ban­nung, Buch 3, Elegie 1)

In der Tat zeigt sich bald, dass den schiefen Bil­dern, die im Gedicht zusam­men­ge­zwungen werden, uner­war­tete Fügungen erwachsen. Mit den Zeilen, die sich in sechs Teilen vor­geb­lich über Mani­küre, Musi­cals, Eich­hörn­chen und Hunde im Weltall ver­breiten, spannt sich ein weiter Bogen, von Tomis bis nach Eisen­hüt­ten­stadt, das eine Zeit­lang in Sta­lin­stadt umbe­nannt war. Es sind in aller All­täg­lich­keit überaus gelehrte Zeilen, die da – „hier (im Grenz­land)“ – mit frap­pie­rend unschein­barer Geste All­tags­welten, sowje­ti­sche Raum­fahrts- und euro­päi­sche Dich­tungs­ge­schichte auf­fä­chern, dis­pa­rate Bedeu­tungs­ge­genden durch­strei­fend, viel­leicht wie ein „junger Grenz­hund“ (Durs Grün­bein, Por­trät des Künst­lers als junger Grenz­hund, mit der dem Zyklus vor­an­ge­stellten Wid­mung: „Zum Andenken an I. P. Pawlow | Und alle Ver­suchs­hunde | Der Medi­zi­ni­schen Aka­demie der | Rus­si­schen Armee“). Tat­säch­lich ist die Atmo­sphäre des Gedichts durch­wirkt von feinen poe­to­lo­gi­schen Spuren der Kol­legen Man­del’štam, Celan, Grün­bein, die sich der Haptik ent­ziehen, aber viel­leicht doch in die schiefen Bilder hin­ein­ragen: Die Idee vom Dichter als junger Grenz­hund, das Gedicht auch als „Ort im All“ (Celan im Radio­vor­trag Die Dich­tung Ossip Man­del­stamms) – das fällt bei Beyer in den sowje­ti­schen „Kosmonautenhunde[n]“ zusammen, Belka und Strelka, Eich­hörn­chen und Pfeil, die als „Helden der unbe­mannten Raum­fahrt“ für einen Tag ins All geschickt wurden und unver­sehrt wieder lan­deten, mit „einer Schramme“, wie hin­gegen Beyer zugibt. Mit den Hunden kommt auch die Zukunft ins Gedicht: „[…] Die Zukunft | singt und schaut allein: ein | Hund. […]“

Zukunft – wie klang das noch gleich bei den großen Vor­läu­fern? Zukunft war das, was hinter Ovid in Rom zurück­blieb und war das, was bei Man­del’štam von den Frauen im Wachs geschaut wurde und den Tod brachte. Die Zukunft hat sich auch im Grenz­land von Taistra eher ver­braucht und bringt in Anleh­nung an die Man­del’štam-Über­set­zung von Celan eigen­ar­tige, schmerz­hafte Bilder hervor: „Eich­hörn­chen, Feh: dir wird | das Fell gespannt. Schnurr­haar ver­knotet | mit der alten Zeit, wäh­rend || dein Schwanz ins Über­morgen | reicht. […]“

„Ein Wort, ein Hieb. Noch | ein Hieb“: „Immer schön mit der | Eisen­stange ins Genick […]“. Worte, Hiebe, das sind die alten Worte aus Con­stanţa (To Rome with Love…), vor allem aber jene Worte Man­del’š­tams, die seinen Unter­gang bedeuten sollten, sein Epi­gramm gegen Stalin, das ihm 1934 die Ver­ban­nung ein­trug. Schon in dem Epi­gramm geht die Rede von Him­beeren, die Beyer später vor­geb­lich zum pro­fanen kos­me­ti­schen Mittel gerei­chen werden: „Wie Him­beeren schmeckt ihm [Stalin] das Töten – | Und breit schwillt die Brust des Osseten.“ (übers. v. Kurt Lhotzky)

Taistra, Teil VI: Es sind müde mah­nende Worte, die die zurück­blei­bende lyri­sche Stimme dem Buch auf seinen unge­wissen Weg mit­schickt: „Und du, || mein Buch, auf schweren (oder | leichten) Füßen geh (bin | nicht ver­stimmt, nur weiß man | eben nie, ein Lied, ein | por­no­gra­phi­sches Ver­sehen – | schon bist auch du vom | Fenster weg), zieh also ohne | mich in die umbe­nannte Stadt.“ Man mag sich noch­mals an Ovid erin­nert fühlen, der einst sein Buch in ähn­li­cher Manier als Für­spre­cher in die Welt ent­sandt hatte, sich der Gründe nicht gewiss, derent­wegen er so plötz­lich weg vom Fenster und an den unwirt­li­chen Rand der Welt ver­bannt war – wegen seiner frei­mü­tigen Lie­bes­dich­tungen, etwa? Man mag an Man­del’štam denken, dessen eigent­lich ephe­meres, weil münd­lich vor­ge­tra­genes Epi­gramm gegen Stalin zur „Eisen­stange ins Genick“ wurde. Und man wird viel­leicht an Ovid und Man­del’štam und Beyer denken, wenn für einen Augen­blick das Schild „Podo­logie“ in den Fens­tern der Stra­ßen­bahn steht und der Typ gegen­über, „Him­beer­quark­ge­sicht“ und ins „Ther­mo­wams“ gewandet, ein schal gewor­denes „Sterni“ in „glutrote[n] Hände[n]“ hält.

 

Lek­tü­re­emp­feh­lungen:

Marcel Beyer, Gra­phit. Gedichte, Berlin 2014.
Paul Celan, Gesam­melte Werke in sieben Bänden. Fünfter Band. Über­tra­gungen II. Zwei­spra­chig, Frank­furt am Main 2003.
Ossip Man­del­stam, Tristia. Gedichte 1916–1925. Aus dem Rus­si­schen über­setzt und her­aus­ge­geben von Ralph Dutli,
Frank­furt am Main 2003.
Ovid, Gedichte aus der Ver­ban­nung. Eine Aus­wahl aus „Tristia“ und „Epis­tulae ex Ponto“. Lateinisch/Deutsch. Über­setzt und her­aus­ge­geben von Niklas Holz­berg, Stutt­gart 2013.
Chris­toph Rans­mayr, Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovi­di­schen Reper­toire, Frank­furt am Main 1991.

 

Osip Mandelʼštam, über­setzt von Paul Celan:

Tristia

Ich lernte Abschied – eine Wissenschaft;
ich lernt sie nachts, von Schmerz und schlichtem Haar.
Gebrüll von Ochsen. Warten, lange Haft.
Die Stadt-Vigilie, die die letzte war.
Und ich – ich halts wie in der Nacht der Hähne,
da ich, den Gram geschul­tert, wan­dert, lang,
ein Aug ins Ferne sah durch seine Träne
und Wei­ber­weinen war im Musensang.

Wer, hört dies Wort er: Auseinandergehen,
weiß, was die Tren­nung und das Scheiden bringt,
was es ver­heißt, wenn Flammen auf dir stehen,
Akro­polis, und Hah­nen­schrei erklingt?
Was, wenn ein neues Leben, irgend­eines, tagt,
indes die Ochsen brüllen, träg, im Stall,
was jenes Flü­gel­schlagen dort besagt
des Hahns, der Neues kündet, auf dem Wall?

Ich lieb, was stets sich fort­spinnt, Fäden –
Das Schiff­chen fliegt, die Spindel summt …
O sieh: ein Flaum, ein wirk­li­cher, von Schwänen –
die unbe­schuhte Delia – sie kommt!
O unsres Lebens Grund, der karg-und-schmale,
die Bet­tel­worte, die die Freude spricht!
Ach, nur Gewesnes kommt, zum andern Male:
der Nu, da du’s erkennst – dein Glück.

So sei denn dies: Die Schale, tönern, rein,
und das Gebild aus Wachs, durch­sichtig, drauf.
(Wie Fell vom Feh, gedehnt.) Daneben ein
über das Wachs geneigtes Mädchenaug.
Nicht an uns ists, den Erebos zu fragen:
dem Mann das Kupfer, Wachs den Fraun.
Uns fällt der Würfel, da wir Schlachten schlagen;
sie sterben, da sie in die Zukunft schaun.

1918

 

Osip Man­del­stam, „Tristia“, in: Paul Celan, Gesam­melte Werke in sieben Bänden. Fünfter Band. Über­tra­gungen II. Zwei­spra­chig, Frank­furt am Main 2003, S. 104–107. Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Suhr­kamp Verlags.

 

Осип Мандельштам:
Tristia

Я изучил науку расставанья
В простоволосых жалобах ночных.
Жуют волы, и длится ожиданье,
Последний час вигилий городских,
И чту обряд той петушиной ночи,
Когда, подняв дорожной скорби груз,
Глядели вдаль заплаканные очи,
И женский плач мешался с пеньем муз.

Кто может знать при слове – расставанье,
Какая нам разлука предстоит,
Что нам сулит петушье восклицанье,
Когда огонь в акрополе горит,
И на заре какой-то новой жизни,
Когда в сенях лениво вол жует,
Зачем петух, глашатай новой жизни,
На городской стене крылами бьет?

И я люблю обыкновенье пряжи:
Снует челнок, веретено жужжит.
Смотри, навстречу, словно пух лебяжий,
Уже босая Делия летит!
О, нашей жизни скудная основа,
Куда как беден радости язык!
Всё было встарь, всё повторится снова,
И сладок нам лишь узнаванья миг.

Да будет так: прозрачная фигурка
На чистом блюде глиняном лежит,
Как беличья распластанная шкурка,
Склонясь над воском, девушка глядит.
Не нам гадать о греческом Эребе,
Для женщин воск, что для мужчины медь.
Нам только в битвах выпадает жребий,
А им дано гадая умереть.

1918