Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„…ich hatte das mäch­tige Ver­langen, von langen Seuf­zern zu spre­chen und das mit so wenig wie mög­lich Unter­bre­chung durch Inter­punk­tion“

Srđan Sandić im Gespräch mit der kroa­ti­schen Dra­ma­ti­kerin und Schrift­stel­lerin Ivana Sajko über ihren soeben erschie­nenen Roman Lju­bavni roman (dt. „Lie­bes­roman“)

 

Über die Autorin:

Ivana Sajko wurde 1975 in Zagreb geboren. Sie hat Dra­ma­turgie an der Aka­demie für dra­ma­ti­sche Künste in Zagreb stu­diert und ein Mas­ter­stu­dium an der Phi­lo­so­phi­schen Fakultät der Uni­ver­sität Zagreb absol­viert. Sajko ist Mit­be­grün­derin der Thea­ter­gruppe BAD Co. und war dort bis 2005 als Dra­ma­turgin und Regis­seurin tätig, bis sie dazu über­ging, nur noch ihre eigenen Dramen auf­zu­führen. Seither führt sie Regie in hybriden Auf­füh­rungs­formen, in denen mit dem Ver­hältnis von Dra­men­text und sze­ni­scher Umset­zung sowie mit Musik expe­ri­men­tiert wird. Sajkos Thea­ter­texte sind in zahl­reiche Spra­chen über­setzt worden und inter­na­tional zur Auf­füh­rung gekommen.

 

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Foto: Danko Stje­pa­nović

 

Srđan Sandić: Es gibt drei Per­spek­tiven im Roman Lie­bes­roman, die Per­spek­tive der Mutter, des Vaters und des Kindes. Alle sehen sich mit einer exis­ten­ti­ellen Leere kon­fron­tiert.

 

Ivana Sajko: Die Per­spek­tive des Kindes habe ich bis zu einem gewissen Grad ver­nach­läs­sigt. Bewusst. Im Text spreche ich aus seiner Per­spek­tive nie so, wie ich die Posi­tion seiner Eltern ana­ly­siere; nicht einmal das Geschlecht des Kindes wird genannt. Das Kind ist eine Tat­sache. Es exis­tiert. Es ver­langt. Als ich über die Kon­struk­tion des Romans nach­ge­dacht habe, brauchte ich es, damit die Familie kom­plett ist. Es sollte klar werden, dass das Paar, über das ich schreibe, über ein aus­schließ­li­ches Lie­bes­ver­hältnis hinaus ist, dass es die Romantik des Pre­kären, des Lebens im Hier und Jetzt, über­schritten hat, und dass gerade das Kind die Achse dar­stellt, wegen der der Mecha­nismus zwi­schen ihnen umge­staltet werden muss, um funk­tio­nieren zu können.
Es ist ein­fach nicht genug, sich schlicht Liebe, Erotik und die Hin­gabe zuein­ander vor­zu­stellen, denn die Bedin­gungen für die Ima­gi­na­tion und Umset­zung einer sol­chen Idee sind nicht gegeben. Ihre Inti­mität ist in meh­rerlei Hin­sicht von den sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gungen und dem Druck, den sie erzeugen, beein­flusst. Es stimmt schon, im Roman spreche ich von einem Loch, aber dieses Loch ist ihre Zukunft, in die sie sich umarmt stürzen, wäh­rend sie sich gleich­zeitig dar­über streiten, wer nun wen da hinein gestoßen hat. Sie beschul­digen sich gegen­seitig, denn sie sind nicht in der Lage, die Frage nach dem Schul­digen zu über­winden und die Ursa­chen für ihre Pro­bleme in den ihnen auf­ge­zwun­genen Lebens- und Arbeits­mo­dellen aus­zu­ma­chen.

 

Sr. S.: Ist dieses Loch ein Loch ohne Boden? Es zwingt sich jeden­falls von selbst auf…

 

I.S.: Ich weiß es ein­fach nicht. Es ist schwer, den kom­plexen Raum, in dem wir leben, klar zu sehen, mit all seinen poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rellen Zwängen, und sich dann darin noch das Schicksal eines Lie­bes­ver­hält­nisses aus­zu­malen. Ich bin ledig­lich in der Lage, par­ti­elle Fragen zu stellen und par­ti­elle Ant­worten zu geben, die am Ende doch sub­jektiv sind und nicht etwa wis­sen­schaft­lich. Weil ich gebil­dete, aber arbeits­lose Men­schen in den Fokus genommen habe, die in einer Miet­woh­nung leben, ängst­lich sind und auf ver­lo­renem Posten stehen, kann ich gewiss keinen Quer­schnitt der Gesell­schaft abbilden, berühre aber doch ein Thema, das ich für wie­der­erkennbar halte.
Vor uns sehen wir eine Familie, einen Mann und eine Frau, die sich auf einmal in einer wirt­schaft­li­chen Zwangs­jacke wie­der­finden, mit der sie nicht gerechnet hatten und zwar aus dem ein­fa­chen Grund, weil sie die eigene Aus­bil­dung für eine Zukunfts­ga­rantie gehalten haben. Die Situa­tion, in die sie geraten sind, bedroht sie nicht nur finan­ziell, son­dern stellt sie und ihre Fähig­keiten grund­le­gend in Frage. Armut ist für sie kein erwar­tetes Klas­sen­schicksal, son­dern erscheint ihnen als Mangel per­sön­li­cher Fähig­keiten. Sie können sie gerade des­halb nicht als kol­lek­tive Unge­rech­tig­keit emp­finden und mit anderen teilen, können in ihr nicht funk­tio­nieren, können sie nicht als etwas ratio­na­li­sieren, das eben nicht psy­chisch bedingt ist und auch keinen indi­vi­du­ellen Fehler dar­stellt.
Zugleich leben sie in einer patri­ar­chalen Umge­bung, die ihnen tra­di­tio­nelle Rollen auf­er­legt, die sie wie­derum nicht erfüllen können. Das heißt, weder ist er in der Lage, seine Familie finan­ziell zu unter­halten, noch ist sie bereit, sich dieser als Haus­frau zu widmen. Natür­lich sind beide prin­zi­piell ohnehin gegen eine solche Auf­tei­lung, da sie aber nicht die finan­zi­ellen Mittel haben, um sich als Men­schen mit Inter­essen und Ambi­tionen zu affir­mieren und diese Geschlech­ter­auf­tei­lung zu über­winden, indem sie näm­lich für solche Dienste bezahlen und sich somit davon befreien, bedrohen sie statt­dessen die Frei­heit des jeweils anderen.

 

Sr. S.: Der Titel des Romans führt den Leser in gewisser Weise auf die fal­sche Fährte. Es han­delt sich ja in Wirk­lich­keit um den ulti­ma­tiven Lie­bes­roman. Welche Erfah­rung haben Sie denn mit dem Schreiben des Romans gemacht?

 

I.S.: Es stimmt schon, dass jeder Roman, in meinem Fall auch jeder Dra­men­text, völlig unter­schied­liche Erfah­rungen mit sich bringt. Alle meine Bücher habe ich auf unter­schied­liche Weise geschrieben. Ich war auch nie in der Lage, ein vor­her­ge­hendes Modell wieder zu ver­wenden. Nur meine Beharr­lich­keit war immer da. Mit einigen Texten kann man besser alleine sein, es ist leichter, täg­lich in sie ein­zu­tau­chen und ihre Winkel, Öff­nungen und wei­ter­füh­renden Flure zu erkunden. Manche Texte sind wie Häuser, durch die du dich ohne anzu­halten bewegst, ständig irgend­welche Türen öff­nend, hinter denen, wie in einem Spiegel, wei­tere Türen auf­tau­chen. Manche Texte erobert man hin­gegen wie Fes­tungen. Schritt für Schritt, Wort für Wort.
Dieser Roman hatte Momente unglaub­li­cher Leich­tig­keit, wie auch lange Phasen, in denen er sich mir gänz­lich wider­setzte. Er ist zudem wäh­rend fort­wäh­render Umzüge ent­standen, nicht nur von Woh­nung zu Woh­nung, von Stadt zu Stadt, son­dern auch von Land zu Land. Wenn er auch in kei­nerlei Hin­sicht auto­bio­gra­phisch ist, so ist ihm doch der Stempel dieser phy­si­schen und emo­tio­nalen Erfah­rung der kon­stanten Bewe­gung auf­ge­drückt, der Stempel der Vor­läu­fig­keit, Unsi­cher­heit, der Ermü­dung, des zeh­renden Aus­nah­me­zu­stands, der mit­unter in Panik aus­ar­tete. Häu­figster Grund für Panik war die Sorge um das Kind oder die Unfä­hig­keit (aus diesem oder jenem Grund) über­haupt zu schreiben. In dieser Situa­tion war gerade der Roman, seine Fer­tig­stel­lung und seine end­gül­tige Form, der Fix­punkt, auf den ich fokus­siert blieb. Er hielt mich im Zustand der Hoff­nung.
Das Ver­hältnis von Schreiben und Hoff­nung ist ein Thema, das im Roman selbst wie­der­holt auf­taucht, denn der Raum des Textes ist ein Ort, an dem tat­säch­lich schöne Wunder ent­stehen können, wo sich die Unend­lich­keiten der Vor­stel­lungs­kraft eröffnen, wo man das Unmög­liche ima­gi­nieren und erfahren kann, um dann den Ver­such zu unter­nehmen, es in die soge­nannte wirk­liche Welt zu über­tragen. Diese Über­tra­gung kann nicht wort­wört­lich geschehen, aber wir können uns von ihr durchaus leiten lassen, sie kann uns auf dem Weg, den wir für das eigene Leben gewählt haben, ermu­tigen. Poli­tisch und mora­lisch, oder eben im emo­tiven Sinne.
Mit­unter war für mich das Schreiben dieses Romans selbst, das Schreiben als Tätig­keit, die bestimmte men­tale und phy­si­sche Bedin­gungen vor­aus­setzt, eine Fik­tion, die ich mir stets aufs Neue in der Rea­lität vor­stellen musste. Dieser Roman ist einer meiner wenigen Texte, die nicht auf einer kon­kreten doku­men­ta­ri­schen Basis auf­bauen. Für ihn hatte ich keine vor­be­rei­tende Phase der Recherche und Aus­wahl, son­dern nur das mäch­tige Ver­langen, von langen Seuf­zern zu spre­chen und das mit so wenig wie mög­lich Unter­bre­chung durch Inter­punk­tion. Ich begann aus so gut wie nichts heraus zu schreiben. Eine Frau, ein Mann, ein Kind, jetzt und hier. Fünf maximal offene Motive und eine Unzahl an Mög­lich­keiten, die sich eröffnen. Ich habe mich für jene Mög­lich­keit ent­schieden, die mir gefühls­mäßig am nächsten war.

 

Sr. S.: Danilo Kiš hat gesagt: „Lite­ratur scheint mir etwas anderes zu sein; sie ist eine ganz eigene Art der Frei­heit , die Frei­heit per se, sie ist eine Kate­gorie jenes Geistes, der im Kom­plex der Zivi­li­sa­tion und Kultur eine her­aus­ra­gende Rolle spielt, und zwar als kate­go­ri­scher Impe­rativ der Frei­heit.“ Was bedeutet Lite­ratur für Sie, wenn sie von ihr und nicht nur für sie oder ent­lang der Lite­ratur leben?

 

I.S.: Sprache. Lite­ratur ist der Raum der Sprache, in dem ich manchmal unter großer Anstren­gung, in beharr­li­cher Stille, nach der Arbeit an der Ein­sam­keit, die Grenzen meiner Welt erwei­tern kann. Das ist für mich die Lite­ratur als Erfah­rung, wobei ich auch davon aus­gehe, dass dies sowieso den Kern allen Schaf­fens bildet. Zwi­schen dem Leben für die Lite­ratur und dem Leben von Lite­ratur besteht natür­lich ein wesent­li­cher Unter­schied, das sind zwei Domänen, die pri­vate und die öffent­liche, eine einsam, die andere über­füllt mit Schrift­stel­lern, Büchern und den Pro­to­kollen des eigent­li­chen Hand­werks. Ich bin nicht zur Gänze in die Bücher­szene initi­iert, son­dern bewege mich in den Zwi­schen­räumen von Schrift­stel­lerei, Theater, Jour­na­lismus, Pädagogik…Das ist mein exis­ten­ti­elles Puzzle, das sich unauf­hör­lich umsor­tiert und auf­füllt, was zumeist gut ist, denn darin exis­tiert eine Art Durchzug, ein erfri­schendes Wan­dern von einer Praxis zur anderen, wie auch die Berüh­rung mit anders­ar­tigen krea­tiven Pro­zessen und talen­tierten Ein­zel­per­sonen aus unter­schied­li­chen Fach­rich­tungen.

 

Sr. S.: Den Lie­bes­roman könnte man viel­leicht auch als neuen sozialen Lie­bes­roman bezeichnen? Was würde dies eigent­lich heißen? Wäre es falsch, ihn so zu nennen?

 

I.S.: Viel­leicht nicht, denn ich bin in der Tat von der Idee aus­ge­gangen, dass Liebe für ihre Ent­wick­lung Vor­aus­set­zungen braucht. Nicht aus­schließ­lich im Sinne mate­ri­eller Bedin­gungen, denn das würde in der Folge bedeuten, dass Armut Liebe aus­schließt, son­dern in Hin­blick auf das kom­plexe Netz sozialer, poli­ti­scher und kul­tu­reller Aspekte, die auf unser Ver­hältnis zur Ehe und den Rollen in ihr, der Tra­di­tion, Erzie­hung, Gemein­schaft, Bür­ger­pflicht, Arbeit usw. Ein­fluss haben. In Lie­bes­ro­manen geraten Bezie­hungen nor­ma­ler­weise in eine Krise, in ein Pro­blem, für das ein Dritter oder ein Drittes die Ursache ist. Wenn das Pro­blem besei­tigt ist, endet der Roman. In meinem Roman ist die Krise nicht in einem ein­zelnen Punkt aus­zu­ma­chen, son­dern durch­dringt alle Aspekte des Lebens und der Kom­mu­ni­ka­tion, es ist also schwer, sie auf­zu­lösen. Gerade das hat mich an dem Thema gereizt, die Tat­sache, dass dieses Lie­bes­ver­hältnis nichts ver­spricht oder auf­löst, dass es kei­nerlei große Nar­ra­tion zu bieten hat, als sol­ches aber den­noch wert ist, dass man dafür kämpft.
Die beiden Prot­ago­nisten sind ihrem Cha­rakter, ihrer Erzie­hung und ihren Ambi­tionen nach gänz­lich inkom­pa­tible Men­schen, doch als der soziale und poli­ti­sche Kon­text Druck ausübt, bilden sie spontan eine Pha­lanx gegen die Außen­welt und werden in kurzer Zeit eine Familie. Ich denke, wir kennen alle solche Bezie­hungen, solche Knoten, Ehen am Rande des Erträg­li­chen, Bür­ger­kriege zwi­schen Küche und Schlaf­zimmer; sie sind, würde ich behaupten, sogar typisch für ver­armte Gesell­schaften der Post-Tran­si­tion. Es ist eini­ger­maßen schwierig über sie zu schreiben, denn ihre Haupt­ak­teure fallen aus den Scha­blonen prä­zise bestimm­barer Trieb­kräfte.
Mich inter­es­siert gerade so ein psy­cho­lo­gisch hybrides Gebilde, Kom­mu­ni­ka­tion, die sich aus einer Folge von Miss­ver­ständ­nissen und Ver­feh­lungen zusam­men­setzt, die Dys­funk­tio­na­lität eines Lie­bes­ver­hält­nisses, die in der Sprache selbst statt­findet: in der Rhe­torik des Über­lis­tens, Über­tö­nens, Über­trei­bens, in Worten, Worten. Worte, mit deren The­ma­ti­sie­rung der Roman beginnt, wäh­rend wir im ver­bor­genen Kern des­selben Ver­hält­nisses, in ihrem Zen­trum, das gänz­lich unaus­sprechbar ist, noch immer die Kon­stanten Loya­lität, Liebe und Für­sorge finden.

 

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Sr. S.: Die Figuren des Romans wan­dern zwi­schen Hoff­nung und Hoff­nungs­lo­sig­keit umher. Ein inter­es­santer Cha­rakter, den sie ein­führen, ist die Figur eines Kriegs­ve­te­ranen, mit dem Er in Kon­trast gestellt wird. Eine wür­de­volle Figur, die irgend­einen Gara­gen­ein­gang vor einer ganzen urbanen Akti­visten-Gruppe in einer Stadt bewacht. Die Szene erin­nert an den Kampf der Gruppe Pravo na grad [Akti­visten, die gegen die Pri­va­ti­sie­rung und Aus­beute gemein­schaft­li­cher Güter in Zagreb pro­tes­tieren; Anm. der Redak­tion]. Er, so wie er ist, befindet sich stets auf der fal­schen Seite. Ich habe das Gefühl, dass es vielen von uns genau so geht, ganz unab­hängig von der Ideo­logie, die wir zu ver­treten glauben…

 

I.S.: Die Posi­tionen der Vete­ranen [bra­ni­telji, wört­lich: Ver­tei­diger, gemeint sind die kroa­ti­schen Kämpfer in den jugo­sla­wi­schen Zer­falls­kriegen; Anm. der Redak­tion] sind beson­dere Posi­tionen im psy­cho­lo­gi­schen und im poli­ti­schen Sinne, wenn auch sowohl die linke intel­lek­tu­elle als auch die rechte kon­ser­va­tive Strö­mung die Ten­denz auf­weisen, sie in ihrer Bedeu­tung zu redu­zieren. Die Vete­ranen stehen für den unlieb­samen Gedanken an den Krieg, dem man sich aus anderen Per­spek­tiven nähern muss. Keine der der­zeit ver­brei­teten Per­spek­tiven ist kon­struktiv, weil sie alle die Vete­ranen sym­bo­lisch statt als Men­schen ver­stehen.
Die Figur des Vete­ranen taucht in allen meinen Romanen auf. Povi­jest moje obitelji od 1941 do 1991, i nakon (dt.: „Die Geschichte meiner Familie von 1941 bis 1991, und danach“) endet mit einem Kapitel, in dem der ver­stüm­melte Vater aus dem Krieg heim­kehrt und erzählt, wie er eine Hand bei dem Ver­such ver­loren hat, eine Gra­nate auf ein Haus voller Men­schen zu werfen. Er fragt sich, ob er sie auch tat­säch­lich geworfen hat. Die Frage, die sich an dieses Ereignis knüpft, weist auf die Mons­tro­sität des Befehls hin, die ab und an ver­langt, dass der Mensch die Mensch­lich­keit in sich leugnet, um das zu tun, was seine Hand lieber nicht aus­führen würde. Die Vete­ranen, über­haupt alle Kriegs­teil­nehmer, sind mit der Hand­lung des Tötens kon­fron­tiert worden, des eigenen oder fremden, und das ver­ur­sacht ein unaus­lösch­li­ches Trauma, das sie sich im Glauben an einen Staat und an ein Ziel, das dieser Staat und seine Füh­rung über den Ein­zelnen stellte, ein­ge­han­delt haben. Staat und Regie­rung nehmen sich das Recht, über Leben und Tod zu ver­fügen, um sich, nachdem sie sich diesen Blut­zoll genommen haben, in reines Herum-Poli­ti­sieren zurück­zu­ziehen. Und ins Mytho­lo­gi­sieren dieses unnö­tigen Kriegs, der die Zer­stö­rung, die er ange­richtet hat, und das poli­ti­sche Ver­sagen, nicht mit zivi­li­sierten Mit­teln zur Eini­gung gekommen zu sein, nur als Mythos recht­fer­tigen kann.
Aber die Figur des Vete­ranen in diesem Roman, der, in die Jahre gekommen, als Gebäu­de­wächter arbeitet, steht weniger mit dem Krieg in Ver­bin­dung als mit dem kurzen geschicht­li­chen Abriss eines Sys­tems. An seinem Bei­spiel wollte ich das Schicksal einer Genera­tion zusam­men­fassen, die erfolglos ver­sucht hat, ein bes­seres Leben für sich zu erkämpfen: mit zwanzig als Gast­ar­beiter nach Deutsch­land gehen, mit dreißig zurück­kommen, um das hart ver­diente Ersparte anzu­legen, mit vierzig alles in besag­tem­Krieg ver­lieren, mit fünfzig ver­stehen, dass nur Gräber und Schulden geblieben sind, um zuletzt mit sechzig unter­be­zahlte Arbeiten zu ver­richten, damit man irgendwie zu einem nicht erwäh­nens­werten Ren­ten­an­spruch kommt.

 

Sr. S.: Der Roman geht auch auf die pro­ble­ma­ti­sche Situa­tion, in der sich die Kunst befindet, ein; diesmal arti­ku­liert über die Stimme und das Leben einer Schau­spie­lerin, die sich als Künst­lerin nicht ver­wirk­li­chen kann. Nicht­ver­wirk­li­chung erscheint hier als unum­gäng­li­ches Faktum in den gege­benen sozio­öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gungen.

 

I.S.: Ich bin mir nicht sicher, ob wir der­selben Mei­nung dar­über sind, was es über­haupt heißt, sich als Künstler zu ver­wirk­li­chen. Für mich besteht da keine essen­ti­elle Ver­bin­dung zu den sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gungen, son­dern eine zur intrinsi­schen Kapa­zität, eine eigene Vor­stel­lung vom künst­le­ri­schen Aus­druck zu bewahren, sie zu ent­wi­ckeln und zu vari­ieren. Mir geht es hier nicht darum, das Kon­zept des hun­gernden Künst­lers zu beschwören, der hin­ge­bungs­voll alles für das eigene höhere Ziel opfert, son­dern darum, unser Gespräch anders zu into­nieren. Kunst unter­scheidet sich tat­säch­lich von anderen Berufen, d.h. sie wird erst in der Moderne über­haupt als Beruf aner­kannt, als Arbeit, die anderen gesell­schaft­li­chen Tätig­keiten gleich­ge­stellt ist, für die es eine Aus­bil­dung und Arbeits­plätze gibt. Aber Kunst als Schaffen, genau davon spreche ich, ist im Kern Teil unserer Iden­tität und sehr häufig ist die Weise, in der wir uns als Men­schen ver­än­dern, rezi­prok zur Weise, in der wir uns als Künstler ver­än­dern.
Der Pro­zess der Selbst­er­kenntnis steht hier in Ver­bin­dung mit dem Pro­zess der Welt­erkenntnis. Im Stem­pel­ab­druck ihrer Begeg­nung befindet sich die Kunst.
Aber im Roman kommt nicht gerade viel dieser Kunst vor. Die Haupt­heldin ist schlicht ‚Mit­telmaß mit Diplom’. Wie im Übrigen auch ihr Ehe­mann. Sie wün­schen sich etwas Unmög­li­ches herbei, nicht nur, weil ihnen die Gele­gen­heit dazu fehlt, son­dern auch, weil es ihnen an Talent, Willen und Vision man­gelt. Mit ihnen pro­vo­ziere ich gerade die Frage nach der eigenen Erbärm­lich­keit. Das eigene Pro­blem großer Anstren­gung und kleiner Ergeb­nisse. Die Frus­tra­tion dar­über, dass sich mir der Genuss künst­le­ri­scher Arbeit meis­tens ent­zieht, dass er nur punk­tuell in Erschei­nung tritt, z.B. bei der Lösung eines Pro­blems, eines Bildes im Satz, und dar­aufhin gleich wieder hinter dem anstren­genden Pro­zess des Schrei­bens ver­schwindet, mit dem ich mich selbst quäle. Die Figur einer irra­tio­nalen Schau­spie­lerin und die Figur eines Schrift­stel­lers, der unfähig ist irgend­etwas zu schreiben, müssen wohl meine aller­tiefsten und dun­kelsten Weg­ge­fährten sein. Ich habe sie nicht bewusst in diesem selbst­ana­ly­ti­schen Sinne erschaffen, aber, wenn ich sie jetzt aus der Distanz betrachte, kommt es mir so vor, als würde ich die beiden schon immer kennen.

 

Sr. S.: „Jeder, der sich mit Kunst befasst, ist selbst schuld…“, ist ein häu­figer gehörter Vor­wurf. Schon zu lange gilt diese Hal­tung als legitim. Immer mehr Men­schen schließen sich dieser ‚Ana­lyse’ an. Warum sollte man dieser Hal­tung keinen Glauben schenken?

 

I.S.: Eigent­lich trägt ja wirk­lich keiner die Schuld daran, womit ich mich, oder besser, womit wir uns beschäf­tigen. Auf der anderen Seite ist das nicht gerade ein Argu­ment, denn die Kunst ist ein rele­vantes Feld, sie macht uns zivi­li­sierter, geis­tiger, unab­hängig davon, ob wir sie nun erschaffen oder kon­su­mieren. Dabei arbeiten wir immer an unserer Rei­fung und geis­tigen Ent­wick­lung und das ist ja Kul­ti­viert-Sein im urei­gent­li­chen Sinne. Und es heißt, wenigs­tens teil­weise frei zu sein. Das klingt viel­leicht etwas über­holt, aber ich glaube, es ist nicht falsch.
Hinzu kommt, dass Kunst und die Krea­ti­vität, die sie aus­macht, zum Fun­da­ment der zivi­li­sa­to­ri­schen Ent­wick­lung selbst gehören, ob nun die Rede von Natur- oder Geis­tes­wis­sen­schaften ist oder sogar von der Tech­no­logie. Kunst lehrt uns, außer­halb des Sys­tems zu denken, Grenzen zu über­schreiten, unsere Mög­lich­keiten zu erwei­tern und unsere intel­lek­tu­ellen und emo­tiven Poten­ziale maximal aus­zu­schöpfen. Sie lehrt uns eine beson­dere Form der Gemein­schaft­lich­keit, denn sie kann die Zei­chen deko­dieren, mit denen wir uns ver­stän­digen und die Kom­mu­ni­ka­tion auf ein anderes Niveau bringen. Die ganze Kunst­ge­schichte besteht ja eigent­lich aus diesen Niveau­ver­schie­bungen, der Dekon­struk­tion und erneuten Rekon­struk­tion von Sprache.
Kein Mensch geht ernst­haft davon aus, dass Kunst oder die Beschäf­ti­gung mit Kunst etwas Über­flüs­siges dar­stellt, beson­ders nicht in der Ära der Ver­meh­rung von Berufen, die ja nicht einmal von jenen genau beschrieben werden können, die diese Berufe aus­führen. Letzten Endes ist Kunst Arbeit. Anstren­gende und enga­gierte Arbeit.
Erst vor Kurzem habe ich inter­es­sante Gespräche mit Leuten geführt, die sich mit der Posi­tion des Künst­lers in der Gesell­schaft befassen. Das Thema der Pre­ka­rität dieses Beschäf­ti­gungs­zweigs kam auf, und auch des Unter­schieds in den Sicht­weisen euro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher Künstler auf diese Pre­ka­rität. Die zweite Hälfte des 20. Jahr­hun­derts war in Europa eine Zeit, in der so gut wie jeder Künstler werden konnte, im Unter­schied zum ganzen Rest der Geschichte, in dem nur jene Künstler sein konnten, die ein Fami­li­en­ein­kommen bezogen oder Mäzene hatten – und keine Frauen waren. Sub­ven­tionen, wie sie den euro­päi­schen Künst­lern zu Gute kamen, hatten die ame­ri­ka­ni­schen nie, sodass die Finanz­krise, die den kul­tu­rellen Sektor in Europa so hart traf, in den USA nicht die­selbe Panik­at­tacke aus­löste. Dort exis­tierten die Rechte, die Erleich­te­rungen und die Pro­duk­ti­ons­be­din­gungen sowieso nicht, die wir heute zu erhalten, oder genauer, zurück­zu­holen ver­su­chen.

 

Sr. S.: Das Voka­bular des „Über­le­bens“ wie auch die Erfah­rung lebens­langer Unter­miete cha­rak­te­ri­sieren die Zeit, in der wir leben. Diese dau­ernde Angst, das Leben nicht bezahlen zu können, hat Ein­fluss auf die Liebe, auf Sex und Gesund­heit. Das haben Sie sehr ein­drück­lich in diesem Roman beschrieben. Liegt der Ausweg irgendwo anders? Oder bestimmt uns unsere Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit unwi­der­ruf­lich, egal wo wir stehen?

 

I.S.: Zunächst einmal glaube ich, dass wir über das Kon­zept der Klasse hinaus sind. Das, was einmal die bür­ger­liche Mit­tel­schicht war, oder das, was his­to­risch die Arbei­ter­klasse dar­stellte und aus­machte, exis­tiert nicht mehr. Wenn wir uns umsehen, sehen wir aus­ver­kaufte oder abge­ris­sene Pro­duk­ti­ons­stätten, sehen wir den Ver­lust des Umfeldes, das eine Klasse her­stellte, jener Arbeits­stätten, in denen sich der Kampf für die Arbei­ter­rechte abspielte. Unser heu­tiges Umfeld im pre­kären Kul­tur­sektor wird von Pro­jekten bestimmt und vor allem von einer hoch­bü­ro­kra­ti­sierten Platt­form der Arbeit, die nicht gemein­schaft­lich funk­tio­niert, son­dern auf Riva­lität basiert. Ich spreche von einem Zustand, der inzwi­schen als normal gilt, und gegen­wärtig sehe ich den fun­da­men­talen Wandel nicht kommen, der eine so kom­plex ver­floch­tene gesell­schaft­liche Dynamik ändern könnte.
Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Zeit, in der wir leben, etwas geschicht­lich Rele­vantes für das gesell­schaft­liche Grund­ver­ständnis mit sich bringt, ein tiefes Ver­langen nach Ver­än­de­rung und einer Rei­ni­gung der Werte. Und ich glaube, dass genau dieses Bedürfnis, das sich auf der Straße und im Internet arti­ku­liert, die Aus­ar­bei­tung von Stra­te­gien vor­an­treiben wird, die zu einer bes­seren, nach­hal­ti­geren und gerech­teren Gesell­schaft führen. Ich möchte die nächsten vierzig Jahre nicht in solch einer Welt ver­bringen. Ich denke, dass viele der glei­chen Mei­nung sind und das ist schon ein Riss im Grund­stein dieses gewaltsam nor­ma­li­sierten Zustands.

 

Sr. S.: Dass Er, der Schrift­steller, auch der Autor eines Romans sein könnte, der dem vor­lie­genden ähnelt, ist eine wun­der­bare Idee in Ihrem Roman. Wie würde dieser andere Roman denn aus­sehen, wenn er ihn geschrieben hätte? Wäre er der rea­lis­ti­schen Gesell­schafts­ana­lyse näher und ent­hielte direkte Appelle? Und wie würden Sie im All­ge­meinen Ihre Schreib­weise cha­rak­te­ri­sieren, heute, nach sieben Büchern und ich weiß nicht wie vielen Auf­füh­rungen, die Sie hinter sich haben?

 

I.S.: Es fällt mir sehr schwer, solche Selbst­ana­lysen anzu­stellen, weil mir meine Texte nah sind. Ich schreibe sie ja nicht, um zu expe­ri­men­tieren, um meine Prin­zi­pien und Dia­gnosen zum Aus­druck zu bringen, son­dern ein­fach aus dem tiefen Ver­langen heraus, mich auf eine mir adäquate Weise aus­zu­drü­cken. Aber hier, vor Kurzem hat Flo­rian Malza­cher, Dra­ma­turg und zur Zeit künst­le­ri­scher Leiter beim Impuls Fes­tival in Deutsch­land, etwas über meinen Stil geschrieben: „Ihre Texte sind per­for­mativ per se, sie reprä­sen­tieren nicht nur, son­dern haben min­des­tens eben­so­viel Prä­senz. Sie schreien förm­lich danach, auf­ge­führt zu werden, und zugleich stemmen sie sich gegen jede ein­fache Insze­nie­rung. Sie sind selbst eine Rea­lität.“ Das hat mir wirk­lich gefallen.
Ich gehe jetzt nicht darauf ein, ob es wirk­lich stimmt, was Malza­cher sagt, aber ich würde mit meinem Schreiben schon gern eine Form errei­chen, die ihren Inhalt bereits exer­ziert, eine Sprache finden, die dem Thema ent­ge­gen­kommt, von dem sie spricht. Am poli­tischsten an meiner Arbeit ist genau die Sprache, die Weise, wie ich schreibe. In ihr führe ich den Kampf mit der Welt und den Kampf mit dem Rahmen der Kunst auf ein Maximum. Meine Sprache ist viel­leicht nicht allzu groß­artig, aber das Ergebnis auf­rich­tiger Arbeit und ehr­li­cher Wut.

 

Das Inter­view (24.8.2015 auf www.mvinfo.hr) wurde von Miranda Jakiša aus dem Kroa­ti­schen über­setzt.

 

Sajko, Ivana: Lju­bavni roman. Zagreb: Meandar, 2015.

 

Wei­tere bisher erschie­nene Werke von Ivana Sajko:

Žena – bomba (Meandar, 2004)
Rio bar (Meandar, 2006)
Prema ludilu (i revo­lu­ciji): čitanje (Disput, 2006)
Povi­jest moje obitelji od 1941 do 1991, i nakon (Meandar, 2009)
Smak­nuta lica (Meandar, 2011)
Tri­lo­gija o neposluhu (Meandar, 2012)

 

In deut­scher Über­set­zung:

Archetyp: Medea/Bombenfrau/Europa (Verlag der Autoren, 2008)
Rio Bar (Mat­thes & Seitz, 2008)
Tri­logie des Unge­hor­sams (Verlag der Autoren, 2012)
Auf dem Weg zum Wahn­sinn (und zur Revo­lu­tion) (Mat­thes & Seitz, 2015)

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