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Zum Tee um fünf

Posted on 1. Oktober 2007 by aria Sankina, Larissa Tschaja
Was Teeblätter mit dem Metarealism zu tun haben, einer wenig erforschten literarischen Strömung, die im Russland der 70er Jahre entstanden ist – davon berichtet der lettische Lyriker Dmitri Dragilew.

Ein Interview mit Dmitri Dragilew

 

Der lettische Dichter Dmitri Dragilew ist Vertreter des Metarealism, einer literarischen Strömung, die in den 70er Jahren in Russland entstanden ist. Dragilew, der in Riga geboren und aufgewachsen ist, hat an der Rigaer Universität Geschichte und Philosophie studiert. Später, 1994, folgten ein Slawistikstudium an der Universität Jena und ein Musikstudium an der Weimarer Musikhochschule. Dragilew arbeitete mehrere Jahre als Redakteur der Zeitschrift VIA REGIA in Erfurt und als Moderator bei der Erfurter Leserreihe EXiLIBRIS. Seit 2005 lebt der 35-jährige Autor in Berlin, wo er im vergangenen Jahr einen Sonderpreis des IV. von „Hochkul!tura“ ausgerichteten Poetry Slam gewann. Bei Novoe literaturnoe obozrenije erschienen 2004 seine Gedichte in der Anthologie Russische Poesie außerhalb Russlands. Der Gedichtband Zum Tee um fünf wurde 2003 im ukrainischen Verlag Globus-Press, Vinnica, herausgegeben.

 

dragilew1cnovinki: Wir treffen uns ganz programmatisch – so wie es im Titel Ihres letzten Gedichtbandes heißt – „K čaju v pjat´“ zum Tee um fünf. Was hat es mit diesem Titel eigentlich auf sich?

 

Dmitri Dragilew: Die Entstehungsgeschichte des Gedichtbandes ist sehr abenteuerlich. Zunächst sollte er bei einem anderen Verlag und unter einem anderen Titel herausgegeben werden. Aber es hat sich so ergeben, dass einzelne Vordrucke meiner Gedichte zu einem anderen Verlag gelangt sind. Als die Frage nach der Titelgebung aufkam, hatte ich den Titel

K čaju v pjat´“ im Sinn. Warum? Einerseits muss man sich das so vorstellen: In einem breiten Assoziationsfeld, das sich aus unterschiedlichen Informationsströmen ergibt, greift man sich bestimmte Elemente heraus, die an Teeblätter aus dem Teeaufguss zu erinnern scheinen. Meine Lyrik ist die Summe dieser Teeblätter. Andererseits hat die folgende Strophe meines Gedichts, das aus dem ersten Gedichtband im Jahr 2001 stammt, die Titelwahl beeinflusst:

„Der gestrige Verdruss wird Tee aufkochen, / Auf Wiedersehen Wort, in der Projektion verzeih! / Das Tournier der Teeblätter sinkt auf den Boden / Doch der Grund ist für sie unerreichbar."

So ungefähr ist die Vorgeschichte!

 

n.: Sie zählen sich selbst zu den so genannten „Metarealisten“, einer literarischen Strömung, zu der auch Ivan Ždanov, Arkadij Dragomoščenko, Aleksej Parščikov, Olga Sedakova und Ilja Kutik gehören. Diese Strömung existiert offiziell seit 1982. Michail Epšteijn hat den Metarealism in seinem 1995 erschienenen Buch After The Future: The Paradoxes of Postmodernism and Contemporary Russian Culture als expansionistisch beschrieben, als Realismus, der die Realität nicht negiert, sondern erweitert um das Ungesehene. Wie würden Sie die Strömung charakterisieren?

 

D.: Dies zu erläutern, ist eine sehr schwierige Aufgabe, da nur wenige Autoren und Literaturwissenschaftler sich mit den Metarealisten beschäftigt haben. Die Ästhetik des Metarealism wurde bislang vor allem im russischen Kontext diskutiert. Allerdings leben wichtige Vertreter der “metarealistischen Schule“ wie Aleksej Parščikov in Deutschland. Nichts desto trotz lässt sich bislang keinesfalls von einem Durchbruch bei der Erforschung der Poesie der Metarealisten sprechen, auch die Metarealisten selbst, d. h. jeder, der sich zu dieser Strömung zählt, interpretiert den Metarealism auf seine Weise. Ich werde deshalb versuchen, verschiedene Ideen zu erläutern, die die Metarealisten vertreten. Zunächst sollte man von der verschachtelten, labyrinthischen Metapher sprechen, die als wichtigstes literarisches Mittel verwendet wird.

 

n.: Kann man denn solch eine Metapher als eine Metabole bezeichnen? Auf solch eine Definition bin ich in den Texten der Metarealisten gestoßen. Auch Michail Epsteijn spricht bei seiner Charakterisierung der metarealistischen Poetik davon: "The metabole is an image that cannot be divided into the two halves of literal and figurative meaning".

 

D.: Ja, das kann man. Konstantin Kedrov hat dieses grundlegende Moment als Metametapher bezeichnet und Michail Ėpštejn als Metabole. In jedem Fall ist die Metabole oder Metametapher ein Instrument, das als Verbindungsmoment fungiert, das Dinge vereint, die auf den ersten Blick zusammenhangslos erscheinen. Man kann auch von einer Suche nach Zusammenhängen sprechen, die zu einer eigenartig metaphysischen Reise von einer Realität in eine andere führt. Dabei gelangen wir zu neuen Entdeckungen, denn wir leben in einer mehrdimensionalen, vielschichtigen Welt, in der eine Vielfalt von Realitäten nebeneinander besteht. Metarealisten versuchen, den Zusammenhang dieser Realitäten, ihren Übergang von einer zur anderen darzustellen, ohne dabei eine Hierarchie der einen oder der anderen festzulegen.

 

n.: Damit das nicht zu abstrakt klingt, lassen Sie uns den Metarealism doch an einem konkreten Beispiel Ihrer Lyrik anschauen. Ich würde gerne ein paar Zeilen aus einem Ihrer Gedichte zitieren:

„ausdrucksvoller als ein Absatz / westlicher in der Breite / und vielschichtiger als Polarlichter / Jalousien oder der / Klang in der Sparbüchse…“

 

D.: Zunächst kann man die vorhandenen Vergleiche hervorheben. Ich, oder genauer gesagt, das lyrische-Ich, vergleicht Dinge aus verschiedenen Sphären und Gebieten, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander gemein haben. Doch wenn man tiefer ‚gräbt’, dann kann man Ähnlichkeiten finden. Wie ich bereits erläutert habe, ist das Grundprinzip des Metarealism die Vielschichtigkeit der Metapher, und in diesem Fall ist diese Vielschichtigkeit folgendermaßen dargestellt: Das Polarlicht, die Jalousien, der Klang in der Sparbüchse, sie alle weisen ein gemeinsames Merkmal auf – sie sind physikalisch vielschichtig. Ich muss jedoch gestehen, dass ich zu dieser Überlegung erst kam, nachdem ich das Gedicht verfasst hatte. D. h., dass meine Lyrik keine künstliche Konstruktion ist, deren Ziel nur darin besteht, dem Postulat der metarealistischen Ästhetik zu folgen. Arrangement und Improvisation verlaufen parallel zueinander.

 

n.: Sergej Birjukov schreibt im Vorwort zu Ihrem Gedichtband, dass Sie das Prinzip der Jazzimprovisation auf Ihre Lyrik übertragen, womit er Ihre Musikhochschulausbildung unterstreicht. Auf welche Art wird Ihre Dichtung durch die Musik inspiriert?

 

D.: Ich fange mal damit an, dass die Syntax, die Metapher und der Klang die drei „Säulen“ sind, auf denen wirkliche Poesie beruht. Jeder Dichter ist zumindest ein kleiner Musiker, weil die Alliteration sehr bedeutsam ist, sie ist der Klang. Was meine Erfahrung im Jazz anbelangt, so hat er einen bestimmten Einfluss auf meine Lyrik. Meine Texte wurden sogar „jazzartig“ bezeichnet.

 

n.: Lassen Sie uns wieder zu den Metarealisten zurückkehren. Sie haben zu Beginn des Interviews darauf hingewiesen, dass diese Strömung durch russische Autoren vertreten wird. Gibt es denn ein ähnliches Phänomen in der westeuropäischen Literatur?

 

D.: Um diese Frage zu beantworten, muss man sich augenblicklich von diesem „Etikett“ oder wie man in Deutschland sagt, vom „Schubladendenken“, loslösen, d.h. ein bisschen weiter schauen. Die Metapher ist eine der wichtigsten Komponenten in der Poesie und nicht nur in der zeitgenössischen. Sie folgt ihrer eigenen Dynamik, sie kann wie eine Labyrinthlandschaft sein. Sich entfaltend kann sie Einfluss auf die Syntax ausüben, d. h. sie kann diese durchbrechen oder sie neu gestalten. Deshalb sollte man die Dichter hervorheben, die solch eine Umgangsweise mit der Metapher betrieben haben. In der Lyrik Paul Celans z. B. kann man eine Reihe von verschachtelten Metaphern entdecken. Doch ich hüte mich vor Verallgemeinerungen, denn das ist riskant. Die Metarealisten in Russland hatten auch ihre Vorreiter. Da wären z.B. Andrej Voznesenskij, Viktor Sosnora, Iosif Brodskij, teilweise auch Leonid Gubanov. Und sogar in der Lyrik des späten Ossip Mandel’štam und der späten Marina Cvetaeva kann man Vorgänger des Metarealism entdecken. Da es sich hier um grundlegende Dinge handelt, sollten wir uns hier nicht in Zuschreibungen verstricken, sondern eher systematisch an Hand des einen oder anderen Merkmals, die eine oder die andere Literatur erforschen.

 

n.: Bei der Informationssuche zu diesem Thema bin ich auf eine Reihe von Arbeiten amerikanischer Literaturwissenschaftler gestoßen, die sich mit der Forschung der metarealistischen Strömung beschäftigen. War das Ihnen bekannt?

 

D.: Ja! In den USA gibt es sogar eine so genannte Language School, die von Michael Palmers vertreten wird und sich Mitte der 70-er Jahre als eine antikommerzielle poetische Gruppierung herauskristallisiert hat. Zu ihren Vertretern gehören Lin Chidžinian, Berrot Watten, Lesley Shalapino. Dort kann man gewisse Merkmale auffinden, die auf den Metarealismus verweisen. Nicht umsonst hat der schon genannte Aleksej Parščikov Palmers ins Russische übersetzt.

 

n.: Wenn wir schon angefangen haben, von modernen Schulen zu sprechen, so interessiert mich doch Ihre Meinung über die Moskauer Konzeptualisten, zu denen sich Dmitrij Prigov, Vladimir Sorokin und Lev Rubinstejn zählen. Sie führen eine aktive Polemik untereinander. Worin lassen sich die Gegensätze ausmachen?

 

D.: Eigentlich gibt es keine Gegensätze. Es ist eine Art Koexistenz, die vorherrscht.

 

n.: Dennoch, in irgendeiner Weise sind die Konzeptualisten doch ein Gegensatz zu den Metarealisten, oder habe ich Unrecht?

 

D.: In einem gewissen Punkt schon! Der Konzeptualismus stellt alles in Frage, er zweifelt alles an, d.h. dort ist ein etwas anderes Paradigma vorhanden. Während die Metarealisten vorschlagen, sich in die Form zu vertiefen und nach zusätzlichen Schichten, neuen Realitäten zu suchen, so arbeiten die Konzeptualisten mit Simulakren, mit Klischees, Masken und Zitaten, mittels ironischer und karnevalesk-parodistischer, manchmal absurder Verfahren. Sie stellen die Realität als solche in Frage. Diese Strömung hat sich in den 80-er Jahren als Opposition zum Sozialistischen Realismus herausgebildet und widerlegte alle literarischen Kanons. Die Arbeit, die die Konzeptualisten machen, ist sicherlich notwendig. Dennoch fragt man sich heut zu Tage nach ihrer Aktualität. Denn den Ursprung, den Sozrealismus, der dazu diente, Affekte zu setzen, den gibt es nicht mehr. Nichts desto trotz führen die Konzeptualisten ihre Arbeit fort und finden Möglichkeiten und neues Material für den zukünftigen Schaffensprozess.

 

n.: Sie haben gerade gesagt, dass die Zukunft des Konzeptualismus in Frage steht. Wie bewerten Sie denn Ihre Chancen bezüglich des Überlebens der metarealistischen Schule?

 

D.: Ich verstehe, worauf Sie anspielen! Es ist richtig, dass manche die Schule schon „begraben“ sehen und man schreibt, dass die Strömung schon in der Sackgasse steckt, dass sie sich ausgeschöpft hat. Aber schon Pasternak sagte, dass man nur irgendetwas tun muss, und alles wird sich fortbewegen. Zudem ist der Metarealism wegen seiner Fixierung auf die Metapher traditioneller als manch eine andere postmoderne Strömung. Die heutige Entwicklung der Welt, besonders das Leben in den Großstädten, führt uns zu mancherlei neuen Ebenen und eröffnet uns ständig neue, unbekannte Räume. Wir beschäftigen uns mit der Suche nach Zusammenhängen zwischen bereits erforschten und neuen Realitäten und wir versuchen, sie zu vergleichen und zu beschreiben, indem wir uns der Metapher bedienen. Und solange wir uns damit beschäftigen, wird die Möglichkeit metarealistischen Schaffens bestehen.

 

n.: Zum Abschluss noch eine Frage, die in die Gegenwart und Zukunft weist: Woran arbeiten Sie momentan? Welche Projekte planen Sie?

 

D.: Ich arbeite gerade an einem essayistischen Buch, schreibe auch Artikel für Zeitschriften. Was meine Gedichte betrifft, es gab es im Dezember eine neue große Veröffentlichung in der Moskauer Literaturzeitschrift Deti Ra. Im Frühjahr hat die Redaktion dieser Zeitschrift ihre jährliche Preisträgerliste bekannt gemacht. Ich war unter den Preisträgern des Jahres 2006. Gerade heute kam diese Information an mich heran. Was meine zukünftigen Pläne anbelangt, so sind diese teilweise mit dem Projekt „HochKul!tura„ ( Vysokaja Kultura) verbunden. Im Rahmen dieses Projekts finden beispielsweise die Poetry Slams in Berlin statt.

 

Das Gespräch führten Maria Sankina und Larissa Tschaja.

Dragilev, Dmitrij : K čaju v pjat’. Vinnica 2003.

www.magazines.russ.ru/ra/2006/12/dr.3.html

www.guelman.ru/slava/texts/drag.htm

www.geocities.com/dragilew

Zum Tee um fünf – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Zum Tee um fünf

Ein Inter­view mit Dmitri Dragilew

 

Der let­ti­sche Dichter Dmitri Dra­gilew ist Ver­treter des Metarea­lism, einer lite­ra­ri­schen Strö­mung, die in den 70er Jahren in Russ­land ent­standen ist. Dra­gilew, der in Riga geboren und auf­ge­wachsen ist, hat an der Rigaer Uni­ver­sität Geschichte und Phi­lo­so­phie stu­diert. Später, 1994, folgten ein Sla­wis­tik­stu­dium an der Uni­ver­sität Jena und ein Musik­stu­dium an der Wei­marer Musik­hoch­schule. Dra­gilew arbei­tete meh­rere Jahre als Redak­teur der Zeit­schrift VIA REGIA in Erfurt und als Mode­rator bei der Erfurter Leser­reihe EXi­LI­BRIS. Seit 2005 lebt der 35-jäh­rige Autor in Berlin, wo er im ver­gan­genen Jahr einen Son­der­preis des IV. von „Hochkul!tura“ aus­ge­rich­teten Poetry Slam gewann. Bei Novoe lite­ra­turnoe oboz­renije erschienen 2004 seine Gedichte in der Antho­logie Rus­si­sche Poesie außer­halb Russ­lands. Der Gedicht­band Zum Tee um fünf wurde 2003 im ukrai­ni­schen Verlag Globus-Press, Vin­nica, herausgegeben.

 

dragilew1c

novinki: Wir treffen uns ganz pro­gram­ma­tisch – so wie es im Titel Ihres letzten Gedicht­bandes heißt – „K čaju v pjat´“ zum Tee um fünf. Was hat es mit diesem Titel eigent­lich auf sich?

 

Dmitri Dra­gilew: Die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Gedicht­bandes ist sehr aben­teu­er­lich. Zunächst sollte er bei einem anderen Verlag und unter einem anderen Titel her­aus­ge­geben werden. Aber es hat sich so ergeben, dass ein­zelne Vor­drucke meiner Gedichte zu einem anderen Verlag gelangt sind. Als die Frage nach der Titel­ge­bung aufkam, hatte ich den Titel

K čaju v pjat´“ im Sinn. Warum? Einer­seits muss man sich das so vor­stellen: In einem breiten Asso­zia­ti­ons­feld, das sich aus unter­schied­li­chen Infor­ma­ti­ons­strömen ergibt, greift man sich bestimmte Ele­mente heraus, die an Tee­blätter aus dem Tee­auf­guss zu erin­nern scheinen. Meine Lyrik ist die Summe dieser Tee­blätter. Ande­rer­seits hat die fol­gende Strophe meines Gedichts, das aus dem ersten Gedicht­band im Jahr 2001 stammt, die Titel­wahl beeinflusst:

„Der gest­rige Ver­druss wird Tee auf­ko­chen, / Auf Wie­der­sehen Wort, in der Pro­jek­tion ver­zeih! / Das Tour­nier der Tee­blätter sinkt auf den Boden / Doch der Grund ist für sie unerreichbar.”

So unge­fähr ist die Vorgeschichte!

 

n.: Sie zählen sich selbst zu den so genannten „Metarea­listen“, einer lite­ra­ri­schen Strö­mung, zu der auch Ivan Ždanov, Arkadij Dra­go­moščenko, Aleksej Parščikov, Olga Seda­kova und Ilja Kutik gehören. Diese Strö­mung exis­tiert offi­ziell seit 1982. Michail Epš­teijn hat den Metarea­lism in seinem 1995 erschie­nenen Buch After The Future: The Para­doxes of Post­mo­der­nism and Con­tem­porary Rus­sian Cul­ture als expan­sio­nis­tisch beschrieben, als Rea­lismus, der die Rea­lität nicht negiert, son­dern erwei­tert um das Unge­se­hene. Wie würden Sie die Strö­mung charakterisieren?

 

D.: Dies zu erläu­tern, ist eine sehr schwie­rige Auf­gabe, da nur wenige Autoren und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler sich mit den Metarea­listen beschäf­tigt haben. Die Ästhetik des Metarea­lism wurde bis­lang vor allem im rus­si­schen Kon­text dis­ku­tiert. Aller­dings leben wich­tige Ver­treter der “metarea­lis­ti­schen Schule“ wie Aleksej Parščikov in Deutsch­land. Nichts desto trotz lässt sich bis­lang kei­nes­falls von einem Durch­bruch bei der Erfor­schung der Poesie der Metarea­listen spre­chen, auch die Metarea­listen selbst, d. h. jeder, der sich zu dieser Strö­mung zählt, inter­pre­tiert den Metarea­lism auf seine Weise. Ich werde des­halb ver­su­chen, ver­schie­dene Ideen zu erläu­tern, die die Metarea­listen ver­treten. Zunächst sollte man von der ver­schach­telten, laby­rin­thi­schen Meta­pher spre­chen, die als wich­tigstes lite­ra­ri­sches Mittel ver­wendet wird.

 

n.: Kann man denn solch eine Meta­pher als eine Meta­bole bezeichnen? Auf solch eine Defi­ni­tion bin ich in den Texten der Metarea­listen gestoßen. Auch Michail Epsteijn spricht bei seiner Cha­rak­te­ri­sie­rung der metarea­lis­ti­schen Poetik davon: “The meta­bole is an image that cannot be divided into the two halves of literal and figu­ra­tive meaning”.

 

D.: Ja, das kann man. Kon­stantin Kedrov hat dieses grund­le­gende Moment als Meta­me­ta­pher bezeichnet und Michail Ėpš­tejn als Meta­bole. In jedem Fall ist die Meta­bole oder Meta­me­ta­pher ein Instru­ment, das als Ver­bin­dungs­mo­ment fun­giert, das Dinge ver­eint, die auf den ersten Blick zusam­men­hangslos erscheinen. Man kann auch von einer Suche nach Zusam­men­hängen spre­chen, die zu einer eigen­artig meta­phy­si­schen Reise von einer Rea­lität in eine andere führt. Dabei gelangen wir zu neuen Ent­de­ckungen, denn wir leben in einer mehr­di­men­sio­nalen, viel­schich­tigen Welt, in der eine Viel­falt von Rea­li­täten neben­ein­ander besteht. Metarea­listen ver­su­chen, den Zusam­men­hang dieser Rea­li­täten, ihren Über­gang von einer zur anderen dar­zu­stellen, ohne dabei eine Hier­ar­chie der einen oder der anderen festzulegen.

 

n.: Damit das nicht zu abs­trakt klingt, lassen Sie uns den Metarea­lism doch an einem kon­kreten Bei­spiel Ihrer Lyrik anschauen. Ich würde gerne ein paar Zeilen aus einem Ihrer Gedichte zitieren:

„aus­drucks­voller als ein Absatz / west­li­cher in der Breite / und viel­schich­tiger als Polar­lichter / Jalou­sien oder der / Klang in der Sparbüchse…“

 

D.: Zunächst kann man die vor­han­denen Ver­gleiche her­vor­heben. Ich, oder genauer gesagt, das lyri­sche-Ich, ver­gleicht Dinge aus ver­schie­denen Sphären und Gebieten, die auf den ersten Blick gar nichts mit­ein­ander gemein haben. Doch wenn man tiefer ‚gräbt’, dann kann man Ähn­lich­keiten finden. Wie ich bereits erläu­tert habe, ist das Grund­prinzip des Metarea­lism die Viel­schich­tig­keit der Meta­pher, und in diesem Fall ist diese Viel­schich­tig­keit fol­gen­der­maßen dar­ge­stellt: Das Polar­licht, die Jalou­sien, der Klang in der Spar­büchse, sie alle weisen ein gemein­sames Merkmal auf – sie sind phy­si­ka­lisch viel­schichtig. Ich muss jedoch gestehen, dass ich zu dieser Über­le­gung erst kam, nachdem ich das Gedicht ver­fasst hatte. D. h., dass meine Lyrik keine künst­liche Kon­struk­tion ist, deren Ziel nur darin besteht, dem Pos­tulat der metarea­lis­ti­schen Ästhetik zu folgen. Arran­ge­ment und Impro­vi­sa­tion ver­laufen par­allel zueinander.

 

n.: Sergej Bir­jukov schreibt im Vor­wort zu Ihrem Gedicht­band, dass Sie das Prinzip der Jazz­im­pro­vi­sa­tion auf Ihre Lyrik über­tragen, womit er Ihre Musik­hoch­schul­aus­bil­dung unter­streicht. Auf welche Art wird Ihre Dich­tung durch die Musik inspiriert?

 

D.: Ich fange mal damit an, dass die Syntax, die Meta­pher und der Klang die drei „Säulen“ sind, auf denen wirk­liche Poesie beruht. Jeder Dichter ist zumin­dest ein kleiner Musiker, weil die Alli­te­ra­tion sehr bedeutsam ist, sie ist der Klang. Was meine Erfah­rung im Jazz anbe­langt, so hat er einen bestimmten Ein­fluss auf meine Lyrik. Meine Texte wurden sogar „jaz­z­artig“ bezeichnet.

 

n.: Lassen Sie uns wieder zu den Metarea­listen zurück­kehren. Sie haben zu Beginn des Inter­views darauf hin­ge­wiesen, dass diese Strö­mung durch rus­si­sche Autoren ver­treten wird. Gibt es denn ein ähn­li­ches Phä­nomen in der west­eu­ro­päi­schen Literatur?

 

D.: Um diese Frage zu beant­worten, muss man sich augen­blick­lich von diesem „Eti­kett“ oder wie man in Deutsch­land sagt, vom „Schub­la­den­denken“, los­lösen, d.h. ein biss­chen weiter schauen. Die Meta­pher ist eine der wich­tigsten Kom­po­nenten in der Poesie und nicht nur in der zeit­ge­nös­si­schen. Sie folgt ihrer eigenen Dynamik, sie kann wie eine Laby­rinth­land­schaft sein. Sich ent­fal­tend kann sie Ein­fluss auf die Syntax aus­üben, d. h. sie kann diese durch­bre­chen oder sie neu gestalten. Des­halb sollte man die Dichter her­vor­heben, die solch eine Umgangs­weise mit der Meta­pher betrieben haben. In der Lyrik Paul Celans z. B. kann man eine Reihe von ver­schach­telten Meta­phern ent­de­cken. Doch ich hüte mich vor Ver­all­ge­mei­ne­rungen, denn das ist ris­kant. Die Metarea­listen in Russ­land hatten auch ihre Vor­reiter. Da wären z.B. Andrej Voz­ne­sen­skij, Viktor Sos­nora, Iosif Brodskij, teil­weise auch Leonid Gubanov. Und sogar in der Lyrik des späten Ossip Mandel’štam und der späten Marina Cve­taeva kann man Vor­gänger des Metarea­lism ent­de­cken. Da es sich hier um grund­le­gende Dinge han­delt, sollten wir uns hier nicht in Zuschrei­bungen ver­stri­cken, son­dern eher sys­te­ma­tisch an Hand des einen oder anderen Merk­mals, die eine oder die andere Lite­ratur erforschen.

 

n.: Bei der Infor­ma­ti­ons­suche zu diesem Thema bin ich auf eine Reihe von Arbeiten ame­ri­ka­ni­scher Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler gestoßen, die sich mit der For­schung der metarea­lis­ti­schen Strö­mung beschäf­tigen. War das Ihnen bekannt?

 

D.: Ja! In den USA gibt es sogar eine so genannte Lan­guage School, die von Michael Pal­mers ver­treten wird und sich Mitte der 70-er Jahre als eine anti­kom­mer­zi­elle poe­ti­sche Grup­pie­rung her­aus­kris­tal­li­siert hat. Zu ihren Ver­tre­tern gehören Lin Chi­dži­nian, Berrot Watten, Lesley Shala­pino. Dort kann man gewisse Merk­male auf­finden, die auf den Metarea­lismus ver­weisen. Nicht umsonst hat der schon genannte Aleksej Parščikov Pal­mers ins Rus­si­sche übersetzt.

 

n.: Wenn wir schon ange­fangen haben, von modernen Schulen zu spre­chen, so inter­es­siert mich doch Ihre Mei­nung über die Mos­kauer Kon­zep­tua­listen, zu denen sich Dmi­trij Prigov, Vla­dimir Sorokin und Lev Rubin­s­tejn zählen. Sie führen eine aktive Polemik unter­ein­ander. Worin lassen sich die Gegen­sätze ausmachen?

 

D.: Eigent­lich gibt es keine Gegen­sätze. Es ist eine Art Koexis­tenz, die vorherrscht.

 

n.: Den­noch, in irgend­einer Weise sind die Kon­zep­tua­listen doch ein Gegen­satz zu den Metarea­listen, oder habe ich Unrecht?

 

D.: In einem gewissen Punkt schon! Der Kon­zep­tua­lismus stellt alles in Frage, er zwei­felt alles an, d.h. dort ist ein etwas anderes Para­digma vor­handen. Wäh­rend die Metarea­listen vor­schlagen, sich in die Form zu ver­tiefen und nach zusätz­li­chen Schichten, neuen Rea­li­täten zu suchen, so arbeiten die Kon­zep­tua­listen mit Simu­la­kren, mit Kli­schees, Masken und Zitaten, mit­tels iro­ni­scher und kar­ne­valesk-par­odis­ti­scher, manchmal absurder Ver­fahren. Sie stellen die Rea­lität als solche in Frage. Diese Strö­mung hat sich in den 80-er Jahren als Oppo­si­tion zum Sozia­lis­ti­schen Rea­lismus her­aus­ge­bildet und wider­legte alle lite­ra­ri­schen Kanons. Die Arbeit, die die Kon­zep­tua­listen machen, ist sicher­lich not­wendig. Den­noch fragt man sich heut zu Tage nach ihrer Aktua­lität. Denn den Ursprung, den Soz­rea­lismus, der dazu diente, Affekte zu setzen, den gibt es nicht mehr. Nichts desto trotz führen die Kon­zep­tua­listen ihre Arbeit fort und finden Mög­lich­keiten und neues Mate­rial für den zukünf­tigen Schaffensprozess.

 

n.: Sie haben gerade gesagt, dass die Zukunft des Kon­zep­tua­lismus in Frage steht. Wie bewerten Sie denn Ihre Chancen bezüg­lich des Über­le­bens der metarea­lis­ti­schen Schule?

 

D.: Ich ver­stehe, worauf Sie anspielen! Es ist richtig, dass manche die Schule schon „begraben“ sehen und man schreibt, dass die Strö­mung schon in der Sack­gasse steckt, dass sie sich aus­ge­schöpft hat. Aber schon Pas­ternak sagte, dass man nur irgend­etwas tun muss, und alles wird sich fort­be­wegen. Zudem ist der Metarea­lism wegen seiner Fixie­rung auf die Meta­pher tra­di­tio­neller als manch eine andere post­mo­derne Strö­mung. Die heu­tige Ent­wick­lung der Welt, beson­ders das Leben in den Groß­städten, führt uns zu man­cherlei neuen Ebenen und eröffnet uns ständig neue, unbe­kannte Räume. Wir beschäf­tigen uns mit der Suche nach Zusam­men­hängen zwi­schen bereits erforschten und neuen Rea­li­täten und wir ver­su­chen, sie zu ver­glei­chen und zu beschreiben, indem wir uns der Meta­pher bedienen. Und solange wir uns damit beschäf­tigen, wird die Mög­lich­keit metarea­lis­ti­schen Schaf­fens bestehen.

 

n.: Zum Abschluss noch eine Frage, die in die Gegen­wart und Zukunft weist: Woran arbeiten Sie momentan? Welche Pro­jekte planen Sie?

 

D.: Ich arbeite gerade an einem essay­is­ti­schen Buch, schreibe auch Artikel für Zeit­schriften. Was meine Gedichte betrifft, es gab es im Dezember eine neue große Ver­öf­fent­li­chung in der Mos­kauer Lite­ra­tur­zeit­schrift Deti Ra. Im Früh­jahr hat die Redak­tion dieser Zeit­schrift ihre jähr­liche Preis­trä­ger­liste bekannt gemacht. Ich war unter den Preis­trä­gern des Jahres 2006. Gerade heute kam diese Infor­ma­tion an mich heran. Was meine zukünf­tigen Pläne anbe­langt, so sind diese teil­weise mit dem Pro­jekt „HochKul!tura„ ( Vys­o­kaja Kul­tura) ver­bunden. Im Rahmen dieses Pro­jekts finden bei­spiels­weise die Poetry Slams in Berlin statt.

 

Das Gespräch führten Maria San­kina und Larissa Tschaja.

Dra­gilev, Dmi­trij [Драгилев, Дмитрий]: K čaju v pjat’. Vin­nica 2003.

www.magazines.russ.ru/ra/2006/12/dr.3.html

www.guelman.ru/slava/texts/drag.htm

www.geocities.com/dragilew