Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Hölle in mir – die Hölle mitten in Europa

Die junge Autorin Ivana Sajko schreibt in ihrem Debüt­roman Rio Bar über kaum zu ertra­gende Befind­lich­keiten im Nach­kriegs­kroa­tien

 

Eine junge  Frau sitzt in einer kroa­ti­schen Strandbar und trinkt, um zu ver­gessen. Doch ver­geb­lich. Vor dem Koma kommt immer das schmerz­hafte Erin­nern und der unbe­stech­lich deli­riöse  Blick auf die trost­lose Gegen­wart. Das Unglück nahm in der Hoch­zeits­nacht seinen Lauf, als der begin­nende Krieg in die Fei­er­ge­sell­schaft ein­schlug und den Bräu­tigam aus den Armen seiner Frau riss. Im Bunker dienten die Fetzen des reinen Braut­kleids als Ban­dagen und Damen­binden. Im Flücht­lings­lager belauscht die Prot­ago­nistin unfrei­willig den Sex in den Nach­bar­räumen: „Die Mas­sen­ka­ram­bo­lage der Liebe erschüt­tert das ganze Flücht­lings­camp.“ Die Suche nach ihrem Liebsten bleibt ver­geb­lich. Auch nach dem Krieg schei­tert sie in den Laby­rin­then der Büro­kratie mit ihren Bergen von Ver­miss­ten­akten. Immerhin hat sie den Krieg über­lebt: „Ich habe nur mein Haus, meine Mens­trua­tion und meinen Sinn für Humor ver­loren. Ich darf mich nicht beklagen.“

Ihr neues Umfeld im Küs­tenort, in dem sie gestrandet ist, gibt jedoch auch wenig Anlass zu Opti­mismus. Prü­ge­leien, Schie­ße­reien, poli­tisch-mafiose Morde gehören zum Stan­dard­re­per­toire ihrer täg­li­chen Umge­bung. An der Ober­fläche gibt man sich tou­ris­tisch offen, man möchte wieder an gute alte Zeiten anknüpfen. Doch die Tou­risten sind auch nicht mehr die alten. Statt Sonne, Spaß und Sex wollen sie jetzt günstig Immo­bi­lien kaufen. Viele Häuser stehen wegen Tod und Ver­trei­bung leer und sind billig zu haben. Die poli­ti­sche Klasse beweih­räu­chert sich mit Fest­tags­reden und über­tüncht mit ver­lo­genem Patrio­tismus die eigenen Gräu­el­taten der jüngsten Ver­gan­gen­heit. Vor diesem Hin­ter­grund erleben wir eine zutiefst erschüt­terte Frau, die ver­geb­lich nach Halt sucht.

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Für diesen schmerz­haften Zustand hat Ivana Sajko, die sich bereits als expe­ri­men­tier­freu­dige Thea­ter­au­torin einen Namen gemacht hat, einen kon­ge­nialen Erzähl- und Sprach­stil gefunden. Das 175-sei­tige Buch ist in 23 Kapitel unter­teilt, die nicht logisch auf­ein­ander auf­bauen. In diesen Abschnitten ver­wendet sie ver­schie­dene Zeit­ebenen und Erzähl­per­spek­tiven, die kalei­do­sko­pisch die Facetten des Unge­heu­er­li­chen eröffnen. Das Frag­men­ta­ri­sche, das den Leser der Hoff­nung auf etwas stim­miges Ganzes beraubt, repro­du­ziert auf der for­malen Ebene den Zustand der Prot­ago­nistin und ver­stärkt ein betrof­fenes Unbe­hagen. Auch sprach­lich  über­zeugt das Buch in Tempo und Aus­druck, das von Alida Bremer aus dem Kroa­ti­schen über­setzt wurde. Schnell und abwechs­lungs­reich, nah an der gespro­chenen Sprache und den­noch kom­plex findet der Text für Wut, Trauer, Schmerz und Ein­sam­keit stets ein­dring­liche Worte: „Ich zische, zer­berste, schlage, zer­reiße, don­nere und bringe meinen Hoch­ge­schwin­dig­keits­motor auf Touren, ich sause durch Feuer und Deto­na­tionen, ich summe mit den Gra­nat­split­tern und stoße Benzin auf, so dass ich mich frage: Bin ich betrunken, oder ist der Mensch wirk­lich ein Tier, das sich an alles gewöhnt und die Tat­sache zu genießen beginnt, dass nichts, aber wirk­lich nichts mehr genauso ist wie früher und dass man nichts zurück­holen kann zu jenem Punkt, an dem alles begann“.

Eine Beson­der­heit sind die 14 Fuß­noten in dem Roman, die am Ende des Buches unter der Über­schrift „Anmer­kungen über den Krieg“ auf 14 Seiten aus­ge­führt werden. Diese Anmer­kungen lie­fern akri­bisch genau und sach­lich Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen zum Kriegs­ge­schehen in Kroa­tien. Auf diesen Seiten erhält man ins­be­son­dere viele Infor­ma­tionen über die zwei­fel­hafte Aktion ‚Sturm’ der kroa­ti­schen Armee, die einer­seits die Beset­zung Kroa­tiens beendet hat, aber ande­rer­seits – ins­be­son­dere auf­grund der Ver­trei­bung der ser­bi­schen Zivil­be­völ­ke­rung – selbst ein Kriegs­ver­bre­chen dar­stellte und den­noch von der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft weit­ge­hend tole­riert wurde. Nicht zuletzt der Hin­weis auf die inter­na­tio­nale Gemein­schaft sowie der lako­ni­sche Satz „Ein Krieg wie alle anderen Kriege auch“ zu Beginn der Anmer­kungen ver­wehren dem mittel- und west­eu­ro­päi­schen Leser jede Aus­flucht zu meinen, hier han­dele es sich um ein spe­zi­fisch kroa­ti­sches Buch.

Ivana Sajko, 1975 in Zagreb geboren, gehört zu der Genera­tion, die im Jugend­alter den Krieg im ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien erlebt hat und einen kri­ti­schen Blick sowohl auf ihr Land als auch auf die inter­na­tio­nalen Staa­ten­ge­mein­schaften wirft. Auch ihre Thea­ter­tri­logie Archetyp:Medea/Bombenfrau/Europa, die seit 2008 auf Deutsch vor­liegt und bereits auf ver­schie­denen inter­na­tio­nalen Bühnen auf­ge­führt wurde, ist in diesem Kon­text zu sehen. Die Texte dekon­stru­ieren gekonnt einige Grund­festen des west­li­chen Selbst­ver­ständ­nisses und zeugen von der hohen lite­ra­ri­schen Qua­lität dieser bemer­kens­werten Autorin.

 

Sajko, Ivana: Rio Bar. Meandar. Zagreb 2006.

Sajko, Ivana: Rio Bar. Aus dem Kroa­ti­schen von Alida Bremer. Mat­thes & Seitz Berlin. Berlin 2008.

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