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Die Hölle in mir – die Hölle mitten in Europa

Posted on 25. Februar 2009 by Martin Sanner
Eine junge Frau sitzt in einer kroatischen Strandbar und trinkt, um zu vergessen. Doch vergeblich. Vor dem Koma kommt immer das schmerzhafte Erinnern und der unbestechlich deliriöse Blick auf die trostlose Gegenwart. In ihrem Debütroman "Rio Bar" schreibt Ivana Sajko über kaum zu ertragende Befindlichkeiten im Nachkriegskroatien.

Die junge Autorin Ivana Sajko schreibt in ihrem Debütroman Rio Bar über kaum zu ertragende Befindlichkeiten im Nachkriegskroatien

 

Eine junge  Frau sitzt in einer kroatischen Strandbar und trinkt, um zu vergessen. Doch vergeblich. Vor dem Koma kommt immer das schmerzhafte Erinnern und der unbestechlich deliriöse  Blick auf die trostlose Gegenwart. Das Unglück nahm in der Hochzeitsnacht seinen Lauf, als der beginnende Krieg in die Feiergesellschaft einschlug und den Bräutigam aus den Armen seiner Frau riss. Im Bunker dienten die Fetzen des reinen Brautkleids als Bandagen und Damenbinden. Im Flüchtlingslager belauscht die Protagonistin unfreiwillig den Sex in den Nachbarräumen: „Die Massenkarambolage der Liebe erschüttert das ganze Flüchtlingscamp.“ Die Suche nach ihrem Liebsten bleibt vergeblich. Auch nach dem Krieg scheitert sie in den Labyrinthen der Bürokratie mit ihren Bergen von Vermisstenakten. Immerhin hat sie den Krieg überlebt: „Ich habe nur mein Haus, meine Menstruation und meinen Sinn für Humor verloren. Ich darf mich nicht beklagen.“

Ihr neues Umfeld im Küstenort, in dem sie gestrandet ist, gibt jedoch auch wenig Anlass zu Optimismus. Prügeleien, Schießereien, politisch-mafiose Morde gehören zum Standardrepertoire ihrer täglichen Umgebung. An der Oberfläche gibt man sich touristisch offen, man möchte wieder an gute alte Zeiten anknüpfen. Doch die Touristen sind auch nicht mehr die alten. Statt Sonne, Spaß und Sex wollen sie jetzt günstig Immobilien kaufen. Viele Häuser stehen wegen Tod und Vertreibung leer und sind billig zu haben. Die politische Klasse beweihräuchert sich mit Festtagsreden und übertüncht mit verlogenem Patriotismus die eigenen Gräueltaten der jüngsten Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund erleben wir eine zutiefst erschütterte Frau, die vergeblich nach Halt sucht.

FotoSajko2Für diesen schmerzhaften Zustand hat Ivana Sajko, die sich bereits als experimentierfreudige Theaterautorin einen Namen gemacht hat, einen kongenialen Erzähl- und Sprachstil gefunden. Das 175-seitige Buch ist in 23 Kapitel unterteilt, die nicht logisch aufeinander aufbauen. In diesen Abschnitten verwendet sie verschiedene Zeitebenen und Erzählperspektiven, die kaleidoskopisch die Facetten des Ungeheuerlichen eröffnen. Das Fragmentarische, das den Leser der Hoffnung auf etwas stimmiges Ganzes beraubt, reproduziert auf der formalen Ebene den Zustand der Protagonistin und verstärkt ein betroffenes Unbehagen. Auch sprachlich  überzeugt das Buch in Tempo und Ausdruck, das von Alida Bremer aus dem Kroatischen übersetzt wurde. Schnell und abwechslungsreich, nah an der gesprochenen Sprache und dennoch komplex findet der Text für Wut, Trauer, Schmerz und Einsamkeit stets eindringliche Worte: „Ich zische, zerberste, schlage, zerreiße, donnere und bringe meinen Hochgeschwindigkeitsmotor auf Touren, ich sause durch Feuer und Detonationen, ich summe mit den Granatsplittern und stoße Benzin auf, so dass ich mich frage: Bin ich betrunken, oder ist der Mensch wirklich ein Tier, das sich an alles gewöhnt und die Tatsache zu genießen beginnt, dass nichts, aber wirklich nichts mehr genauso ist wie früher und dass man nichts zurückholen kann zu jenem Punkt, an dem alles begann“.

Eine Besonderheit sind die 14 Fußnoten in dem Roman, die am Ende des Buches unter der Überschrift „Anmerkungen über den Krieg“ auf 14 Seiten ausgeführt werden. Diese Anmerkungen liefern akribisch genau und sachlich Hintergrundinformationen zum Kriegsgeschehen in Kroatien. Auf diesen Seiten erhält man insbesondere viele Informationen über die zweifelhafte Aktion ‚Sturm’ der kroatischen Armee, die einerseits die Besetzung Kroatiens beendet hat, aber andererseits - insbesondere aufgrund der Vertreibung der serbischen Zivilbevölkerung - selbst ein Kriegsverbrechen darstellte und dennoch von der internationalen Gemeinschaft weitgehend toleriert wurde. Nicht zuletzt der Hinweis auf die internationale Gemeinschaft sowie der lakonische Satz „Ein Krieg wie alle anderen Kriege auch“ zu Beginn der Anmerkungen verwehren dem mittel- und westeuropäischen Leser jede Ausflucht zu meinen, hier handele es sich um ein spezifisch kroatisches Buch.

Ivana Sajko, 1975 in Zagreb geboren, gehört zu der Generation, die im Jugendalter den Krieg im ehemaligen Jugoslawien erlebt hat und einen kritischen Blick sowohl auf ihr Land als auch auf die internationalen Staatengemeinschaften wirft. Auch ihre Theatertrilogie Archetyp:Medea/Bombenfrau/Europa, die seit 2008 auf Deutsch vorliegt und bereits auf verschiedenen internationalen Bühnen aufgeführt wurde, ist in diesem Kontext zu sehen. Die Texte dekonstruieren gekonnt einige Grundfesten des westlichen Selbstverständnisses und zeugen von der hohen literarischen Qualität dieser bemerkenswerten Autorin.

 

Sajko, Ivana: Rio Bar. Meandar. Zagreb 2006.

Sajko, Ivana: Rio Bar. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Matthes & Seitz Berlin. Berlin 2008.

Die Hölle in mir – die Hölle mitten in Europa – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Hölle in mir – die Hölle mitten in Europa

Die junge Autorin Ivana Sajko schreibt in ihrem Debüt­roman Rio Bar über kaum zu ertra­gende Befind­lich­keiten im Nachkriegskroatien

 

Eine junge  Frau sitzt in einer kroa­ti­schen Strandbar und trinkt, um zu ver­gessen. Doch ver­geb­lich. Vor dem Koma kommt immer das schmerz­hafte Erin­nern und der unbe­stech­lich deli­riöse  Blick auf die trost­lose Gegen­wart. Das Unglück nahm in der Hoch­zeits­nacht seinen Lauf, als der begin­nende Krieg in die Fei­er­ge­sell­schaft ein­schlug und den Bräu­tigam aus den Armen seiner Frau riss. Im Bunker dienten die Fetzen des reinen Braut­kleids als Ban­dagen und Damen­binden. Im Flücht­lings­lager belauscht die Prot­ago­nistin unfrei­willig den Sex in den Nach­bar­räumen: „Die Mas­sen­ka­ram­bo­lage der Liebe erschüt­tert das ganze Flücht­lings­camp.“ Die Suche nach ihrem Liebsten bleibt ver­geb­lich. Auch nach dem Krieg schei­tert sie in den Laby­rin­then der Büro­kratie mit ihren Bergen von Ver­miss­ten­akten. Immerhin hat sie den Krieg über­lebt: „Ich habe nur mein Haus, meine Mens­trua­tion und meinen Sinn für Humor ver­loren. Ich darf mich nicht beklagen.“

Ihr neues Umfeld im Küs­tenort, in dem sie gestrandet ist, gibt jedoch auch wenig Anlass zu Opti­mismus. Prü­ge­leien, Schie­ße­reien, poli­tisch-mafiose Morde gehören zum Stan­dard­re­per­toire ihrer täg­li­chen Umge­bung. An der Ober­fläche gibt man sich tou­ris­tisch offen, man möchte wieder an gute alte Zeiten anknüpfen. Doch die Tou­risten sind auch nicht mehr die alten. Statt Sonne, Spaß und Sex wollen sie jetzt günstig Immo­bi­lien kaufen. Viele Häuser stehen wegen Tod und Ver­trei­bung leer und sind billig zu haben. Die poli­ti­sche Klasse beweih­räu­chert sich mit Fest­tags­reden und über­tüncht mit ver­lo­genem Patrio­tismus die eigenen Gräu­el­taten der jüngsten Ver­gan­gen­heit. Vor diesem Hin­ter­grund erleben wir eine zutiefst erschüt­terte Frau, die ver­geb­lich nach Halt sucht.

FotoSajko2

Für diesen schmerz­haften Zustand hat Ivana Sajko, die sich bereits als expe­ri­men­tier­freu­dige Thea­ter­au­torin einen Namen gemacht hat, einen kon­ge­nialen Erzähl- und Sprach­stil gefunden. Das 175-sei­tige Buch ist in 23 Kapitel unter­teilt, die nicht logisch auf­ein­ander auf­bauen. In diesen Abschnitten ver­wendet sie ver­schie­dene Zeit­ebenen und Erzähl­per­spek­tiven, die kalei­do­sko­pisch die Facetten des Unge­heu­er­li­chen eröffnen. Das Frag­men­ta­ri­sche, das den Leser der Hoff­nung auf etwas stim­miges Ganzes beraubt, repro­du­ziert auf der for­malen Ebene den Zustand der Prot­ago­nistin und ver­stärkt ein betrof­fenes Unbe­hagen. Auch sprach­lich  über­zeugt das Buch in Tempo und Aus­druck, das von Alida Bremer aus dem Kroa­ti­schen über­setzt wurde. Schnell und abwechs­lungs­reich, nah an der gespro­chenen Sprache und den­noch kom­plex findet der Text für Wut, Trauer, Schmerz und Ein­sam­keit stets ein­dring­liche Worte: „Ich zische, zer­berste, schlage, zer­reiße, don­nere und bringe meinen Hoch­ge­schwin­dig­keits­motor auf Touren, ich sause durch Feuer und Deto­na­tionen, ich summe mit den Gra­nat­split­tern und stoße Benzin auf, so dass ich mich frage: Bin ich betrunken, oder ist der Mensch wirk­lich ein Tier, das sich an alles gewöhnt und die Tat­sache zu genießen beginnt, dass nichts, aber wirk­lich nichts mehr genauso ist wie früher und dass man nichts zurück­holen kann zu jenem Punkt, an dem alles begann“.

Eine Beson­der­heit sind die 14 Fuß­noten in dem Roman, die am Ende des Buches unter der Über­schrift „Anmer­kungen über den Krieg“ auf 14 Seiten aus­ge­führt werden. Diese Anmer­kungen lie­fern akri­bisch genau und sach­lich Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen zum Kriegs­ge­schehen in Kroa­tien. Auf diesen Seiten erhält man ins­be­son­dere viele Infor­ma­tionen über die zwei­fel­hafte Aktion ‚Sturm’ der kroa­ti­schen Armee, die einer­seits die Beset­zung Kroa­tiens beendet hat, aber ande­rer­seits – ins­be­son­dere auf­grund der Ver­trei­bung der ser­bi­schen Zivil­be­völ­ke­rung – selbst ein Kriegs­ver­bre­chen dar­stellte und den­noch von der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft weit­ge­hend tole­riert wurde. Nicht zuletzt der Hin­weis auf die inter­na­tio­nale Gemein­schaft sowie der lako­ni­sche Satz „Ein Krieg wie alle anderen Kriege auch“ zu Beginn der Anmer­kungen ver­wehren dem mittel- und west­eu­ro­päi­schen Leser jede Aus­flucht zu meinen, hier han­dele es sich um ein spe­zi­fisch kroa­ti­sches Buch.

Ivana Sajko, 1975 in Zagreb geboren, gehört zu der Genera­tion, die im Jugend­alter den Krieg im ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien erlebt hat und einen kri­ti­schen Blick sowohl auf ihr Land als auch auf die inter­na­tio­nalen Staa­ten­ge­mein­schaften wirft. Auch ihre Thea­ter­tri­logie Archetyp:Medea/Bombenfrau/Europa, die seit 2008 auf Deutsch vor­liegt und bereits auf ver­schie­denen inter­na­tio­nalen Bühnen auf­ge­führt wurde, ist in diesem Kon­text zu sehen. Die Texte dekon­stru­ieren gekonnt einige Grund­festen des west­li­chen Selbst­ver­ständ­nisses und zeugen von der hohen lite­ra­ri­schen Qua­lität dieser bemer­kens­werten Autorin.

 

Sajko, Ivana: Rio Bar. Meandar. Zagreb 2006.

Sajko, Ivana: Rio Bar. Aus dem Kroa­ti­schen von Alida Bremer. Mat­thes & Seitz Berlin. Berlin 2008.