http://www.novinki.de

"Die große Form liegt mir nicht"

Posted on 19. Januar 2010 by Sylvia Sasse
Über den Wind am Mittelmeer, Brodskij im Garten und Kiš im Montparnasse. Ein Gespräch mit Ilma Rakusa über ihre Autobiographie "Mehr Meer" und den osteuropäischen Literaturbetrieb.

Interview mit Ilma Rakusa

 

Ilma Rakusa, Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin, Kritikerin – es gibt kaum einen Bereich des internationalen Literaturbetriebes, in dem sie nicht zuhause ist. Als promovierte Slavistin lehrt sie an der Universität Zürich russische und südslavische Literatur und gibt Sprachunterricht in ungarischer Sprache, als Literaturkritikerin bereist sie Literaturfestivals, insbesondere in Osteuropa, immer auf der Suche nach neuen literarischen Entdeckungen. Als Übersetzerin aus dem Russischen, Ungarischen, Serbokroatischen und Französischen hat sie u.a. Autoren wie Marina Cvetaeva, Aleksej Remizov, Danilo Kiš, Imre Kertész oder Marguerite Duras ins Deutsche übersetzt.

 

RakusaAls Lyrikerin debütierte sie  1977 mit Wie Winter, es folgten zwölf Bücher mit Gedichten, Erzählungen, Prosaminiaturen, Dramoletten, Essays. Die kurze Form hat sie auch in der  2009 erschienenen Autobiographie Mehr Meer beibehalten.Die 69 Miniaturen sind nicht nur autobiographische Reflexionen auf eine Kindheit in der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Italien und der Schweiz in den 1950 und 1960er Jahren, sie sind auch ein verdichtetes Mitteleuropa, das in Farben, Gerüchen, Landschaften, Dingen und Worten erinnert wird. Für Mehr Meer hat Ilma Rakusa 2009 den Schweizer Buchpreis erhalten.

 

novinki: Liebe Frau Rakusa, zuerst möchten wir gratulieren zum Schweizer Buchpreis, den Sie für Mehr Meer bekommen haben. Das Buch beginnt mit einer Reise an die Orte Ihrer Kindheit – nach Rimaszombat bzw. Rimavská Sobota in die heute Slowakische Republik, nach Budapest und dann nach Ljubljana und Triest, ans Meer. Sie reisen aber nicht nur in der Erinnerung zurück. Wann haben Sie die Orte Ihrer Kindheit wieder aufgesucht?

 

Ilma Rakusa: In Slowenien war ich sehr oft, denn dort lebt meine ganze Verwandtschaft väterlicherseits, zu der ich ein herzliches Verhältnis habe. Auch mag ich Ljubljana und Maribor, die Weinberge um Jeruzalem, die Karstlandschaft Richtung Meer. Mitten im Karst findet seit 1986 das bekannte slowenische Literaturfestival „Vilenica“ statt; ich habe regelmässig daran teilgenommen und wurde 2005 sogar Preisträgerin, was die schöne Folge hatte, dass ein Gedichtband ins Slowenische übersetzt wurde. Und vom Karst ist es nur ein Katzensprung nach Triest; diese Gelegenheit habe ich mir nie entgehen lassen. Sehe ich die Bucht von Triest, den Leuchtturm, das weisse Schloss Miramar, bin ich augenblicklich glücklich.Nach Budapest führten mich die Wege eher selten. Und meine Geburtsstadt Rimaszombat habe ich erst 2004 wiedergesehen, nach sechsundfünfzig Jahren. Es war ein berührender Moment. Mütterliche Verwandte gibt es dort keine mehr, ich kam offiziell wegen einer Lesung nach Rimavská Sobota – und wurde mit einem Empfang im Rathaus überrascht. Gesang, Reden, Geschenke, als wäre die verlorene Tochter in den Schoss der Heimat zurückgekehrt. Sehr bewegend. Zum ersten Mal sah ich bewusst mein Geburtshaus, die Apotheke meiner Mutter, alles, wovon sie mir so oft erzählt hatte. Ich kann mir ihre Kleinstadtkindheit seither viel besser vorstellen.

 

n.: Sie verflechten die Erinnerungen an die Kindheit in Ihrem Buch mit Reflexionen aus der Gegenwart, mit kleineren Exkursen, Versen und Stillleben. Insgesamt sind es 69 Miniaturen, aus denen sich Vergangenes und Gegenwärtiges zusammensetzen. Sie sind also der kleinen Form auch beim Schreiben der Autobiographie treu geblieben?

 

R.: Die grosse Form liegt mir nicht. Ich bin im Innersten Lyrikerin, mir fehlt der Atem für episches Erzählen. Indem ich mich für kürzere, vignettenhafte Kapitel entschieden habe, konnte ich mir sprachliche Intensität erlauben, was mir sehr wichtig ist. Für Zusammenhänge sorgen Leitmotive, wiederkehrende ‚Muster‘. Entstanden ist ein Gebilde, das – wie ich hoffe – gleichzeitig kohärent und durchlässig ist, d.h. dem Leser genug Spielraum für eigene Phantasien (und Erinnerungen) gewährt.

 

n.: Sie beschreiben sich in Ihrem Buch als leidenschaftliche Leserin, „hungrig nach Lektüre“: „Lesend entdecke ich mich selbst. Lesend entdecke ich das Andere.“ Lässt sich auch so etwas wie eine Lesebiographie erzählen? Sie erwähnen u.a. Dostoevskij, wer gehört noch in diese Reihe?

 

R.: Ich erwähne mehrere prägende Leseeindrücke, aber bei weitem nicht alles, was ich zwischen sechs und sechzehn an Büchern verschlungen habe. Im Zusammenhang mit meinem kindlichen Wunsch, ‚Weltforscherin‘ zu werden, steht die Lektüre von Thor Heyerdahls Kon-Tiki, Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet und anderen Berichten über Entdeckungsreisen. Dann las ich begeistert Indianerbücher - Coopers Lederstrumpf-Romane, Karl Mays Winnetou –, aber auch Selma Lagerlöfs Wunderbare Reise des Nils Holgersson. Mit Dostoevskijs Roman Schuld und Sühne, den ich ungewöhnlich früh und klammheimlich las, verlagerte sich mein Interesse auf die Entdeckung innerer Welten. Der Eindruck war gewaltig, nicht umsonst widme ich Dostoevskij ein ganzes Kapitel in meinem Buch. Dostoevskij liess mich nie mehr los. Und dass ich später Slavistik studiert habe, hat unmittelbar mit diesem Leseerlebnis zu tun.

Während der Gymnasiumszeit beschäftigten mich u.a. T.S. Eliot (Four Quartets), Martin Buber (Chassidische Geschichten), Gershom Sholem

(Kabbala), die Franzosen Bernanos und Valéry, die englischen metaphysical poets, neben Dostoevskij auch Tolstoj, Turgenev, Gončarov, Leskov, Čechov. Während meines Studienjahrs in Leningrad entdeckte ich - dank Freunden – Mandel‘štam und Cvetaeva, von denen es in den Buchläden nichts zu kaufen gab.

Die Idee gefällt mir, einmal eine reine Lesebiographie zu schreiben.

 

n.: Über Triest kommen Sie 1951, noch vor der Einschulung, mit Ihrer Familie in die Schweiz, nach Zürich. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Ein halbes Leben hinterm Eisernen Vorhang, was hätte es aus mir gemacht.“ Der Satz hat mich sehr berührt, zumal ich selbst, zum gegenwärtigen Zeitpunkt, mein halbes Leben hinterm Eisernen Vorhang verbracht habe. Sie sind zwar nicht in Osteuropa geblieben, haben aber Osteuropa zu Ihrem Beruf gemacht. Woher rührt diese Entscheidung?

 

R.: Für das Slavistik-Studium war Dostoevskij ausschlaggebend. Doch spielte auch meine halb-slowenische Herkunft eine Rolle. Die slavische Welt übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jahrelang konnte ich diese Länder nicht bereisen, da es der Staatenlosenpass nicht erlaubte. Kaum war ich im Besitz eines Schweizer Passes, fuhr ich nach Prag. Danach gab es kein Halten mehr. Ich bin froh, dass ich meinen Drang nach Osten beruflich fruchtbar machen konnte. Blicke ich auf meine Aktivitäten zurück, bin ich so etwas wie eine Brückenbauerin zwischen Ost und West. Diese Rolle scheint auf mich zugeschnitten zu sein, und ich fühle mich unvermindert wohl darin.

 

n.: Slavistik haben Sie Ende der 60er Jahre in der Schweiz und in Leningrad studiert und 1971 mit einer Promotion zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, u.a. beim romantischen Dichter Evgenij Baratynskij, abgeschlossen. Ein Slavistikstudium zur Zeit des Kalten Krieges hatte, wie ich mir vorstellen kann, sicherlich auch etwas Abenteuerliches. Es war politisch brisant, die Literatur hatte einen anderen Stellenwert... Lässt sich das Studium der slavischen Literaturen damals überhaupt noch mit dem Studium heute vergleichen?

 

R.: Kaum. Wir waren eine kleine Gruppe von Begeisterten. Niemand dachte an konkrete Berufsaussichten. Aber alle suchten wir Tuchfühlung mit dem Osten, wollten in der Sowjetunion, in Polen oder der Tschechoslowakei ein Studienjahr verbringen. Das war abenteuerlich und faszinierend zugleich. Was mich anbelangt: mein Leningrader Jahr war das intensivste in meinem ganzen Leben. In nächtelangen Küchengesprächen erfuhr ich, was Freundschaft heisst, bei privaten Lesungen, wie existenziell Literatur sein kann. Hier das repressive Regime - dort die Gegenwelt der Kunst, mächtig auf ihre Art. Diese Spannung hatte etwas Elektrisierendes.

Ich werde auch nie vergessen, wie ich in der Saltykov-Ščedrin-Bibliothek monatelang Bücher exzerpierte. Fotokopierautomaten gab es ja nicht, ich schrieb alles eigenhändig ab. Dadurch prägte es sich anders ein.

Ebenso unvergesslich sind die Begegnungen mit Efim Ėtkind, Dmitrij Lichačev, Lidija Ginzburg, Jurij Lotman und mit meinem Mentor Viktor Manujlov, der mir in seinem Kommunalka-Zimmer Briefe von Sergej Esenin und Aquarelle von Maksimilian Vološin zeigte. Das war Studium live, unmittelbar und zutiefst berührend.

 

n.: Wie war es damals möglich, Kontakte zu Künstlern und/oder Dissidenten zu knüpfen?

 

R.: Da spielten Zufälle mit. Jemand hatte mir die Adresse eines Theaterwissenschaftlers gegeben, dieser machte mich mit einer Kollegin bekannt, die ihrerseits Kontakte zu Künstlern und Literaten hatte. Plötzlich befand ich mich in einem grossen Freundeskreis.

Besonders interessant war der Kreis um Efim Etkind. Er bestand aus Literaturwissenschaftlern ebenso wie aus Literaten, und zwar mehrheitlich dissidenten Schriftstellern. Auch Etkind lernte ich über eine Drittperson kennen. Unsere Freundschaft dauerte bis zu seinem Tod.

 

n.: In Ihrem Buch schildern Sie eine Begegnung mit Iosif Brodskij im März 1972 in Leningrad, kurz vor dessen Ausbürgerung am 5. Juni im selben Jahr. Brodskij wurde damals von den sowjetischen Behörden in ein Flugzeug nach Wien gesetzt, nachdem man ihm alle Manuskripte abgenommen hatte. Haben Sie mit ihm auch über seine politische Situation gesprochen? Oder war das nicht möglich bzw. nicht angebracht?

 

R.: Nein, wir unterhielten uns nicht über Politik und seine Situation. Ich sass in seinem Zimmer, das ich durch einen Schrank hindurch betreten hatte, und sprach mit ihm über Baratynskij, Achmatova, John Donne, W.H. Auden – seine Lieblingsdichter. Allerdings erregte die kleine amerikanische Flagge, die auf dem Schrank stand, meine Aufmerksamkeit, doch wagte ich nicht zu fragen, was sie zu bedeuten hatte. Später wurde mir dann einiges klar.

Im März 1972 traf ich Brodskij ein zweites Mal - bei Etkind. Er las uns das neu entstandene Gedicht Sretenie (Darstellung im Tempel) vor und bat mich, eine Kopie in die Schweiz mitzunehmen und einer französischen Freundin zu übergeben. Ich habe meine Botenpflicht erfüllt, mehr noch, ich habe das Gedicht ins Deutsche übersetzt.

 

n.: Haben Sie ihn nach der Ausbürgerung im Westen wieder getroffen?

 

R.: Ja. Bei einem Literatursymposium in Graz, mehrmals zufällig im winterlichen Venedig, zweimal in Zürich. Bei seinem ersten Besuch schenkte ich ihm meine russische Hermes-Baby, eine praktische kleine Reiseschreibmaschine. Er war überglücklich. Bei seinem letzten Besuch legte er sich im Garten untern Apfelbaum und machte – müde von einem Vortrag, den er am Englischen Seminar gehalten hatte – ein Nickerchen. Ich bat meinen Sohn, ihn zu fotografieren. Wie sich hinterher herausstellte, war kein Film im Apparat. Danach sind wir uns nie mehr begegnet.

 

n.: Sretenie war das letzte von Brodskij in Russland geschriebene Gedicht und bezieht sich auf das jüdische Ritual „Darstellung des Herrn“. Brodskij widmet es Anna Achmatova. Hat mit Sretenie das Übersetzen bei Ihnen begonnen?

 

R.: Sretenie war gewissermassen die Initialzündung. Ich fand es faszinierend, etwas aus dem Manuskript zu übersetzen. Auch passte das Gedicht perfekt in die Anthologie „Gott in der neuesten sowjetischen Poesie“, die ich mit Felix Philipp Ingold im Arche Verlag herausgab.

 

n.: Sie sprechen sieben Sprachen – Ungarisch, Slowenisch, Serbokroatisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch. Damit sind Ihre Übersetzungsmöglichkeiten schier unbegrenzt. Und dennoch haben Sie sich für einige wenige AutorInnen entschieden, denen Sie ‘treu‘ sind, darunter Marina Cvetaeva, Marguerite Duras und Danilo Kiš. Wie kam es zu diesem Verhältnis von AutorIn und Übersetzerin bzw. Übersetzerin und AutorIn?

 

R.: Als ich 1972 die poetische Prosa von Marina Cvetaeva entdeckte, war ich völlig hingerissen. Ihre Lyrik zu übersetzen, hätte ich mich damals nicht getraut, aber die Prosa reizte mich spontan. Und so stürzte ich mich ins Abenteuer und veröffentlichte 1973 im Benziger Verlag eine kleine Auswahl von autobiographischen Erzählungen, Essays und Briefen der Cvetaeva, die im deutschen Sprachraum noch völlig unbekannt war. Heute weiss ich, dass ich mich übernommen hatte, auch ging alles zu schnell. Doch habe ich mich im Lauf der Zeit immer mehr eingearbeitet, habe die vielfältigen Verästelungen von Cvetaevas Werk gründlich studiert und ihre Sprache – mit all ihren Eigenheiten – quasi verinnerlicht. Es war nur konsequent, dass ich immer weiter übersetzt habe. Irgendwann kam ich mir fast wie ein Medium vor.

Cvetaeva habe ich mindestens zehn Jahre meines Lebens gewidmet und bin an kein Ende gekommen – ihre aus dem Nachlass veröffentlichten Notizbücher locken mich sehr –, mit Marguerite Duras aber glaube ich abgeschlossen zu haben. Es war eine Liebesgeschichte der besonderen Art, Sommer 1980, Der Liebhaber, Das tägliche Leben u.a. zu übersetzen, daneben einen Materialienband über Duras herauszugeben. Ich bin in dieses literarische Universum tief eingetaucht, fühlte mich aber von den letzten Büchern nicht mehr angesprochen.

Bei Danilo Kiš bedaure ich unendlich, dass es nichts mehr zu übersetzen gibt. Seine literarische Welt war für mich eine der Fremdnähe und übersetzerisch die grösste Herausforderung überhaupt. Kiš‘ gestochen scharfe Sprache, die so grandios die Labyrinthe des Stalinismus und die Tragödien des jüdischen Mitteleuropa evoziert, hat mit dem poetisch-elliptischen Stil der Cvetavea oder der Duras nichts gemein. Auch nicht mit meiner eigenen literarischen Diktion. Ich musste mir diese andere Sprache zu eigen machen, und das war hartes Exerzitium. Von Buch zu Buch fühlte ich mich sicherer. Vielleicht ist Sanduhr das Beste, was mir als Übersetzerin gelungen ist.

 

n.: Von Kiš haben Sie neben Sanduhr auch Ein Grabmal für Boris Davidović (1983), Der Heimatlose (1996) und zuletzt, 2007, gemeinsam mit Peter Urban, vier Stücke übersetzt. Wann haben Sie ihn kennengelernt?

 

R.: Ich lernte ihn kennen, als ich das Grabmal übersetzte. Im Februar 1983 schrieb ich ihm nach Paris, wenig später trafen wir uns dort. Er lud mich in sein Lieblingsrestaurant, die „Rotonde“ in Montparnasse, ein, wo sich seit je die revolutionäre Boheme traf. Wir verstanden uns auf Anhieb, unterhielten uns dreisprachig (ungarisch, serbokroatisch, französisch) über Literatur und Leben, Poesie und Politik. Er war gross, schlank, hatte dichtes, lockiges Haar: ein temperamentvoller Erzengel, der nach einigen Gläsern Wein zu theatralischer Form auflief und mir – und der versammelten Kellnerschar – vorführte, wie Krleža den Frauen die Hände zu küssen pflegte. - Auf die erste Begegnung folgten viele weitere: in Paris, Frankfurt, Ljubljana, zuletzt in Zürich. Im Januar 1989 kam er, bereits schwerkrank, zu einer Lesung ins Theater am Hechtplatz und besuchte mich zu Hause. Im Oktober starb er an Lungenkrebs. - Kiš gehört zu den Menschen, die ich am meisten vermisse. Es verband uns eine Freundschaft, die – durch den Fokus auf sein Werk – ebenso konzentriert wie innig war. Als Übersetzer wird man ja unfreiwillig zum Vertrauten, und Kiš war sich dessen sehr bewusst. Zugleich war er voll Respekt und Dankbarkeit für meine Arbeit. - Unsere Korrespondenz ist inzwischen (in der Zeitschrift Sarajevske sveske) veröffentlicht. Und wenn ich an all die Aufsätze denke, die ich über ihn geschrieben habe, an das Übersetzte und Edierte, merke ich, dass Kiš in meiner Lebenstopographie ein eigener Kontinent ist.

 

n.: Sie haben wie keine andere einen Überblick über die literarischen Entwicklungen der letzten vierzig/fünfzig Jahre in Osteuropa. Das ist ein schier endloses Feld von Autoren und literarischen Entdeckungen. Welche literarischen Ereignisse sind Ihnen – neben Kiš – besonders in Erinnerung geblieben?

 

R.: Sehr wichtig war für mich Gennadij Ajgi. Ich habe sein Werk über zwanzig Jahre hinweg verfolgt und finde es nach wie vor einzigartig. Ajgi war Tschuwasche, schrieb aber auf Russisch. Seine Lyrik lässt sich nicht einordnen, folgt eigenen Gesetzen, Imaginationen und Intonationen. Der Ajgi-Sound ist schlicht unwiderstehlich, wobei ich noch im Ohr habe, wie Ajgi selbst seine Gedichte las – nicht pathetisch, aber irgendwie schamanisch. Ein betörender Singsang. Ich habe ihn noch wenige Monate vor seinem Tod lesen gehört, anlässlich einer gemeinsamen Veranstaltung in Bremen. Wir waren befreundet, haben Briefe und Bücher getauscht, übersetzt habe ich ihn allerdings nicht, es blieb bei einigen Aufsätzen, die ich ihm gewidmet habe.

Was die russische Szene betrifft, muss ich auch die Moskauer Konzeptualisten erwähnen. Ich habe die Dichter-Künstler-Gruppe in Moskau kennengelernt – unvergesslich die Besuche in den Ateliers von Ilja Kabakov und Andrej Monastyrskij – und ihre Aktivitäten mit Interesse weiterverfolgt. Lev Rubinštejn, Dmitrij Prigov, der frühe Sorokin waren Entdeckungen, später Pavel Pepperštejn, der mit seiner „Medizinischen Hermeneutik“ eine neue Spielart des Konzeptualismus schuf. Mit einer gewissen Wehmut denke ich an die Zeit zurück, als sie bei mir zu Hause vorlasen: Rubinštejn, Prigov (der nicht mehr lebt), Pepperštejn (der kein Flugzeug mehr besteigt). Es war Anfang der neunziger Jahre.

 

n.: Und außerhalb Russlands?

 

R.: In Ungarn hat sich das grosse Trio Péter Esterházy, Péter Nádas, Imre Kertész als resistent gegen Moden und Trends erwiesen. Ihre Werke füllen inzwischen meine Bücherregale, Nádas‘ dreibändiges opus magnum Parallelgeschichten (2005) hat Musilsche Qualitäten. Daneben gibt es hochbegabte jüngere Autoren wie Attila Bartis (Die Ruhe) oder György Dragomán (Der weisse König).

A propos Jugend: Zu den faszinierendsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre gehören für mich die jungen Ukrainer Serhij Žadan und Ljubko Dereš. Soviel Rasanz, gepaart mit Feingefühl, ist ziemlich einmalig. Und mit welch abgründigem Humor die postkommunistische Transformationszeit geschildert wird, Chapeau!

Natürlich bewundere ich auch die (geopoetischen) Essays von Jurij Andruchovyč und seinem polnischen Kollegen Andrzej Stasiuk. Nicht zuletzt wegen ihrer subjektiven Sicht und ihrer starken Sprache.

In Sachen ex-jugoslavischer Literatur halte ich mich mit Gewinn an die Bücher von Bora Ćosić, David Albahari, Dževad Karahasan und Dubravka Ugrešić. Vier Namen, vier unterschiedliche poetische Universen. Albahari kehrt immer wieder zur Thematik des Holocaust zurück, Karahasan umkreist bosnische Befindlichkeiten (mit Rekurs auf islamische Philosophie), Ćosić schildert die jugoslawische Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg – und darin die eigene Lebensgeschichte – als absurdes Theater, Dubravka Ugrešić arbeitet sich ingeniös am Thema der Emigration ab, nachdem sie sich in furiosen Essays von ihrer kriegsverseuchten Heimat losgesagt hat.

Und fast hätte ich die Slowenen vergessen: den wunderbaren Lyriker und Essayisten Aleš Šteger. Sein Gedichtband Buch der Dinge macht aus alltäglichen Gegenständen poetische Epiphanien.

 

n.: Sie haben gerade die boomende ukrainische Literatur erwähnt. Um die russische Gegenwartsliteratur ist es gerade etwas still geworden. Wie schätzen Sie die ‚literarische‘ Lage in Russland ein?

 

R.: Eine schwierige Frage. Russland ist ein riesiges Land, wie soll man da – aus der Distanz – einen Überblick über das politische oder kulturelle Geschehen gewinnen. Ich fühle mich ziemlich ratlos. Es genügt heute ja nicht mehr, literarische Zeitschriften durchzublättern, man müsste auch im Internet ständig auf Suche sein, zumal junge Autoren ihre Arbeiten direkt ins Netz stellen.

Wahrscheinlich tut sich einiges, ohne dass wir davon wissen. Der literarische Mainstream allerdings wirkt nicht umwerfend. Seit Jahren bemühe ich mich, etwas Brauchbares für den Suhrkamp Verlag zu entdecken. Ausser kleinen Funden – wie dem Kurzroman Durst von Andrej Gelasimov - war die Ausbeute mehr als dürftig. Die Bücher, die uns über Agenturen erreichen, sind literarisch oft wenig überzeugend, haben eine problematische ideologische Tendenz oder eine so ausschliesslich russische Ausrichtung, dass sie in Westeuropa kaum Leser finden würden.

Besser bestellt ist es um die Lyrik und Essayistik, aber gerade an diesen Genres sind westliche Verlage kaum interessiert.

 

n.: Vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft in Moskau Ermittlungen aufgenommen gegen Viktor Erofeev wegen „Russophobie“ und „Schüren nationalen Hasses“, im Prozess gegen den Kurator der Ausstellung über „Verbotene Kunst“, Erofeevs Bruder Andrej, gibt es noch kein Urteil. Mir scheint, was früher die Zensur verhinderte, erledigen nun die aus dem Boden schiessenden Kläger und die Staatsanwaltschaft...

 

R.: Ja, die Lage ist diesbezüglich schlimm. Wer im Wohlstand lebt, zeigt sich politisch desinteressiert. Doch ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung driftet nach rechts, kultiviert einen rabiaten Nationalismus und Chauvinismus, der mit Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einhergeht. Russland soll wieder erstarken, soll zur angsteinflössenden Militärmacht werden usw. Leider spielt die orthodoxe Kirche zum Teil mit, gefällt sich in ihrer Rolle als Staatskirche, statt demokratische Prinzipien hochzuhalten. Und die Regierung ist zentralistisch, kontrolliert die Medien. Eine durchgreifende Demokratisierung des Landes hat nicht nur nicht stattgefunden, sondern wirkt nachgerade illusorisch.

 

n.: Haben Sie den Eindruck, dass die Autoren aus Osteuropa inzwischen im europäischen Literaturbetrieb angekommen sind? Oder werden sie – in öffentlichen Veranstaltungen und Förderprogrammen – immer noch auf ‚territoriale‘ Fragen oder Themen eingeschränkt?

 

R.: Unterschiedlich. Autoren wie Imre Kertész, Péter Nádas oder Péter Esterházy gelten längst als europäische Schriftsteller, um nicht zu sagen als Schriftsteller von Weltrang. In anderen Fällen aber folgt die Rezeption einem landeskundlich-politischen Interesse. Der Boom der ukrainischen Literatur in Deutschland ist ein typisches Beispiel: Jurij Andruchovyč oder Serhij Žadan werden nicht in erster Linie wegen ihrer literarischen Qualitäten gelesen, sondern weil man aus ihren Werken Näheres über die Ukraine erfahren möchte. Nur folgerichtig ist dann, dass Andruchovyč vor dem Europa-Parlament in Strassburg über die Orange Revolution reden muss. Vom osteuropäischen Schriftsteller erwartet man nach wie vor, dass er die Rolle des homo politicus übernimmt.

Ich finde diese Erwartungshaltung ziemlich fatal, ebenso die stereotype Festlegung osteuropäischer Literatur auf ‘territoriale‘ Fragen. Leider hat sie Tradition. Doch sollte es im Zeitalter der Globalisierung, des Internets usw. gelingen, diese Sichtweise zu sprengen und die osteuropäischen Schriftsteller aus der Exotenecke zu befreien, um sie als Künstler zu würdigen.

 

n.: Ja, da findet eine absurde Verwechslung statt. Weil sich osteuropäische Autoren seit den 90er Jahren für den Zusammenhang von Geographie und Poetik interessieren (Stichwort Geopoetik), werden sie immer mehr als ‚Heimatberichterstatter‘ wahrgenommen. Der an den Universitäten leider zu beobachtende Trend in Richtung Area Studies tut dazu sein Übriges.

Geographie spielt auch in Ihrem Buch eine wichtige Rolle, das Meer, Akazienalleen, tuchförmige Plätze, Tiefland, Wind. Sie schreiben, dass Ihre innere Kompassnadel immer nach Osten zeige. Welche Rolle spielen diese geographischen Bilder beim Schreiben?

 

R.: Sie sind Konstanten der Erinnerung und zugleich Sehnsuchtsmetaphern. Ihre Evokation ist für den Text zentral: in diesen Bildern wird Biographisches verortet und sinnfällig gemacht. Es geht nicht zuletzt um Atmosphäre. Wo nötig – wie im Falle von Triest – habe ich die Geographie durch die Historie ergänzt, um dem Ort mehr Tiefenschärfe zu geben.

 

n.: Mit dem Wind endet auch Ihr Buch. Der Unberechenbarkeit des Meeres und des Windes setzen Sie als letzten Satz „Staune und vertraue“ entgegen. Ist das auch Ihr Lebensmotto?

 

R.: So könnte man sagen. Ich habe in meiner Kindheit viele Umzüge und Wechsel erlebt, bin durch viele Fährnisse gegangen. Aber nichts konnte mich in meinem Grundvertrauen und in meiner staunenden Haltung erschüttern. Das ist ein grosses Glück. Zum einen verdanke ich es meinen Eltern, zum andern meinem neugierigen Naturell. Und wenn ich mir – im Leben und in der Kunst – etwas erhalten möchte, dann genau dies: Offenheit, Kindlichkeit, mit anderen Worten das Staunen und das Vertrauen.

"Die große Form liegt mir nicht" – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“Die große Form liegt mir nicht”

Inter­view mit Ilma Rakusa

 

Ilma Rakusa, Lyri­kerin, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin, Über­set­zerin, Kri­ti­kerin – es gibt kaum einen Bereich des inter­na­tio­nalen Lite­ra­tur­be­triebes, in dem sie nicht zuhause ist. Als pro­mo­vierte Sla­vistin lehrt sie an der Uni­ver­sität Zürich rus­si­sche und süd­sla­vi­sche Lite­ratur und gibt Sprach­un­ter­richt in unga­ri­scher Sprache, als Lite­ra­tur­kri­ti­kerin bereist sie Lite­ra­tur­fes­ti­vals, ins­be­son­dere in Ost­eu­ropa, immer auf der Suche nach neuen lite­ra­ri­schen Ent­de­ckungen. Als Über­set­zerin aus dem Rus­si­schen, Unga­ri­schen, Ser­bo­kroa­ti­schen und Fran­zö­si­schen hat sie u.a. Autoren wie Marina Cve­taeva, Aleksej Remizov, Danilo Kiš, Imre Ker­tész oder Mar­gue­rite Duras ins Deut­sche übersetzt.

 

Rakusa

Als Lyri­kerin debü­tierte sie  1977 mit Wie Winter, es folgten zwölf Bücher mit Gedichten, Erzäh­lungen, Pros­ami­nia­turen, Dra­mo­letten, Essays. Die kurze Form hat sie auch in der  2009 erschie­nenen Auto­bio­gra­phie Mehr Meer beibehalten.Die 69 Minia­turen sind nicht nur auto­bio­gra­phi­sche Refle­xionen auf eine Kind­heit in der Slo­wakei, Ungarn, Slo­we­nien, Ita­lien und der Schweiz in den 1950 und 1960er Jahren, sie sind auch ein ver­dich­tetes Mit­tel­eu­ropa, das in Farben, Gerü­chen, Land­schaften, Dingen und Worten erin­nert wird. Für Mehr Meer hat Ilma Rakusa 2009 den Schweizer Buch­preis erhalten.

 

novinki: Liebe Frau Rakusa, zuerst möchten wir gra­tu­lieren zum Schweizer Buch­preis, den Sie für Mehr Meer bekommen haben. Das Buch beginnt mit einer Reise an die Orte Ihrer Kind­heit – nach Rimas­zombat bzw. Rimavská Sobota in die heute Slo­wa­ki­sche Repu­blik, nach Buda­pest und dann nach Ljub­l­jana und Triest, ans Meer. Sie reisen aber nicht nur in der Erin­ne­rung zurück. Wann haben Sie die Orte Ihrer Kind­heit wieder aufgesucht?

 

Ilma Rakusa: In Slo­we­nien war ich sehr oft, denn dort lebt meine ganze Ver­wandt­schaft väter­li­cher­seits, zu der ich ein herz­li­ches Ver­hältnis habe. Auch mag ich Ljub­l­jana und Maribor, die Wein­berge um Jer­uzalem, die Karst­land­schaft Rich­tung Meer. Mitten im Karst findet seit 1986 das bekannte slo­we­ni­sche Lite­ra­tur­fes­tival „Vile­nica“ statt; ich habe regel­mässig daran teil­ge­nommen und wurde 2005 sogar Preis­trä­gerin, was die schöne Folge hatte, dass ein Gedicht­band ins Slo­we­ni­sche über­setzt wurde. Und vom Karst ist es nur ein Kat­zen­sprung nach Triest; diese Gele­gen­heit habe ich mir nie ent­gehen lassen. Sehe ich die Bucht von Triest, den Leucht­turm, das weisse Schloss Miramar, bin ich augen­blick­lich glücklich.Nach Buda­pest führten mich die Wege eher selten. Und meine Geburts­stadt Rimas­zombat habe ich erst 2004 wie­der­ge­sehen, nach sechs­und­fünfzig Jahren. Es war ein berüh­render Moment. Müt­ter­liche Ver­wandte gibt es dort keine mehr, ich kam offi­ziell wegen einer Lesung nach Rimavská Sobota – und wurde mit einem Emp­fang im Rat­haus über­rascht. Gesang, Reden, Geschenke, als wäre die ver­lo­rene Tochter in den Schoss der Heimat zurück­ge­kehrt. Sehr bewe­gend. Zum ersten Mal sah ich bewusst mein Geburts­haus, die Apo­theke meiner Mutter, alles, wovon sie mir so oft erzählt hatte. Ich kann mir ihre Klein­stadt­kind­heit seither viel besser vorstellen.

 

n.: Sie ver­flechten die Erin­ne­rungen an die Kind­heit in Ihrem Buch mit Refle­xionen aus der Gegen­wart, mit klei­neren Exkursen, Versen und Still­leben. Ins­ge­samt sind es 69 Minia­turen, aus denen sich Ver­gan­genes und Gegen­wär­tiges zusam­men­setzen. Sie sind also der kleinen Form auch beim Schreiben der Auto­bio­gra­phie treu geblieben?

 

R.: Die grosse Form liegt mir nicht. Ich bin im Innersten Lyri­kerin, mir fehlt der Atem für epi­sches Erzählen. Indem ich mich für kür­zere, vignet­ten­hafte Kapitel ent­schieden habe, konnte ich mir sprach­liche Inten­sität erlauben, was mir sehr wichtig ist. Für Zusam­men­hänge sorgen Leit­mo­tive, wie­der­keh­rende ‚Muster‘. Ent­standen ist ein Gebilde, das – wie ich hoffe – gleich­zeitig kohä­rent und durch­lässig ist, d.h. dem Leser genug Spiel­raum für eigene Phan­ta­sien (und Erin­ne­rungen) gewährt.

 

n.: Sie beschreiben sich in Ihrem Buch als lei­den­schaft­liche Leserin, „hungrig nach Lek­türe“: „Lesend ent­decke ich mich selbst. Lesend ent­decke ich das Andere.“ Lässt sich auch so etwas wie eine Lese­bio­gra­phie erzählen? Sie erwähnen u.a. Dos­to­evskij, wer gehört noch in diese Reihe?

 

R.: Ich erwähne meh­rere prä­gende Lese­ein­drücke, aber bei weitem nicht alles, was ich zwi­schen sechs und sech­zehn an Büchern ver­schlungen habe. Im Zusam­men­hang mit meinem kind­li­chen Wunsch, ‚Welt­for­scherin‘ zu werden, steht die Lek­türe von Thor Heyer­dahls Kon-Tiki, Hein­rich Har­rers Sieben Jahre in Tibet und anderen Berichten über Ent­de­ckungs­reisen. Dann las ich begeis­tert India­ner­bü­cher – Coo­pers Leder­strumpf-Romane, Karl Mays Win­netou –, aber auch Selma Lager­löfs Wun­der­bare Reise des Nils Hol­gersson. Mit Dos­to­evs­kijs Roman Schuld und Sühne, den ich unge­wöhn­lich früh und klamm­heim­lich las, ver­la­gerte sich mein Inter­esse auf die Ent­de­ckung innerer Welten. Der Ein­druck war gewaltig, nicht umsonst widme ich Dos­to­evskij ein ganzes Kapitel in meinem Buch. Dos­to­evskij liess mich nie mehr los. Und dass ich später Sla­vistik stu­diert habe, hat unmit­telbar mit diesem Lese­er­lebnis zu tun.

Wäh­rend der Gym­na­si­ums­zeit beschäf­tigten mich u.a. T.S. Eliot (Four Quar­tets), Martin Buber (Chas­si­di­sche Geschichten), Gershom Sholem

(Kab­bala), die Fran­zosen Bernanos und Valéry, die eng­li­schen meta­phy­sical poets, neben Dos­to­evskij auch Tol­stoj, Tur­genev, Gončarov, Leskov, Čechov. Wäh­rend meines Stu­di­en­jahrs in Lenin­grad ent­deckte ich – dank Freunden – Mandel‘štam und Cve­taeva, von denen es in den Buch­läden nichts zu kaufen gab.

Die Idee gefällt mir, einmal eine reine Lese­bio­gra­phie zu schreiben.

 

n.: Über Triest kommen Sie 1951, noch vor der Ein­schu­lung, mit Ihrer Familie in die Schweiz, nach Zürich. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Ein halbes Leben hin­term Eisernen Vor­hang, was hätte es aus mir gemacht.“ Der Satz hat mich sehr berührt, zumal ich selbst, zum gegen­wär­tigen Zeit­punkt, mein halbes Leben hin­term Eisernen Vor­hang ver­bracht habe. Sie sind zwar nicht in Ost­eu­ropa geblieben, haben aber Ost­eu­ropa zu Ihrem Beruf gemacht. Woher rührt diese Entscheidung?

 

R.: Für das Sla­vistik-Stu­dium war Dos­to­evskij aus­schlag­ge­bend. Doch spielte auch meine halb-slo­we­ni­sche Her­kunft eine Rolle. Die sla­vi­sche Welt übte eine starke Anzie­hung auf mich aus. Jah­re­lang konnte ich diese Länder nicht bereisen, da es der Staa­ten­lo­sen­pass nicht erlaubte. Kaum war ich im Besitz eines Schweizer Passes, fuhr ich nach Prag. Danach gab es kein Halten mehr. Ich bin froh, dass ich meinen Drang nach Osten beruf­lich fruchtbar machen konnte. Blicke ich auf meine Akti­vi­täten zurück, bin ich so etwas wie eine Brü­cken­bauerin zwi­schen Ost und West. Diese Rolle scheint auf mich zuge­schnitten zu sein, und ich fühle mich unver­min­dert wohl darin.

 

n.: Sla­vistik haben Sie Ende der 60er Jahre in der Schweiz und in Lenin­grad stu­diert und 1971 mit einer Pro­mo­tion zum Motiv der Ein­sam­keit in der rus­si­schen Lite­ratur, u.a. beim roman­ti­schen Dichter Evgenij Bara­tynskij, abge­schlossen. Ein Sla­vis­tik­stu­dium zur Zeit des Kalten Krieges hatte, wie ich mir vor­stellen kann, sicher­lich auch etwas Aben­teu­er­li­ches. Es war poli­tisch bri­sant, die Lite­ratur hatte einen anderen Stel­len­wert… Lässt sich das Stu­dium der sla­vi­schen Lite­ra­turen damals über­haupt noch mit dem Stu­dium heute vergleichen?

 

R.: Kaum. Wir waren eine kleine Gruppe von Begeis­terten. Nie­mand dachte an kon­krete Berufs­aus­sichten. Aber alle suchten wir Tuch­füh­lung mit dem Osten, wollten in der Sowjet­union, in Polen oder der Tsche­cho­slo­wakei ein Stu­di­en­jahr ver­bringen. Das war aben­teu­er­lich und fas­zi­nie­rend zugleich. Was mich anbe­langt: mein Lenin­grader Jahr war das inten­sivste in meinem ganzen Leben. In näch­te­langen Küchen­ge­sprä­chen erfuhr ich, was Freund­schaft heisst, bei pri­vaten Lesungen, wie exis­ten­ziell Lite­ratur sein kann. Hier das repres­sive Regime – dort die Gegen­welt der Kunst, mächtig auf ihre Art. Diese Span­nung hatte etwas Elektrisierendes.

Ich werde auch nie ver­gessen, wie ich in der Sal­tykov-Šče­drin-Biblio­thek mona­te­lang Bücher exzer­pierte. Foto­ko­pier­au­to­maten gab es ja nicht, ich schrieb alles eigen­händig ab. Dadurch prägte es sich anders ein.

Ebenso unver­gess­lich sind die Begeg­nungen mit Efim Ėtkind, Dmi­trij Lich­ačev, Lidija Ginz­burg, Jurij Lotman und mit meinem Mentor Viktor Manu­jlov, der mir in seinem Kom­mu­nalka-Zimmer Briefe von Sergej Esenin und Aqua­relle von Mak­si­mi­lian Vološin zeigte. Das war Stu­dium live, unmit­telbar und zutiefst berührend.

 

n.: Wie war es damals mög­lich, Kon­takte zu Künst­lern und/oder Dis­si­denten zu knüpfen?

 

R.: Da spielten Zufälle mit. Jemand hatte mir die Adresse eines Thea­ter­wis­sen­schaft­lers gegeben, dieser machte mich mit einer Kol­legin bekannt, die ihrer­seits Kon­takte zu Künst­lern und Lite­raten hatte. Plötz­lich befand ich mich in einem grossen Freundeskreis.

Beson­ders inter­es­sant war der Kreis um Efim Etkind. Er bestand aus Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern ebenso wie aus Lite­raten, und zwar mehr­heit­lich dis­si­denten Schrift­stel­lern. Auch Etkind lernte ich über eine Dritt­person kennen. Unsere Freund­schaft dau­erte bis zu seinem Tod.

 

n.: In Ihrem Buch schil­dern Sie eine Begeg­nung mit Iosif Brodskij im März 1972 in Lenin­grad, kurz vor dessen Aus­bür­ge­rung am 5. Juni im selben Jahr. Brodskij wurde damals von den sowje­ti­schen Behörden in ein Flug­zeug nach Wien gesetzt, nachdem man ihm alle Manu­skripte abge­nommen hatte. Haben Sie mit ihm auch über seine poli­ti­sche Situa­tion gespro­chen? Oder war das nicht mög­lich bzw. nicht angebracht?

 

R.: Nein, wir unter­hielten uns nicht über Politik und seine Situa­tion. Ich sass in seinem Zimmer, das ich durch einen Schrank hin­durch betreten hatte, und sprach mit ihm über Bara­tynskij, Ach­matova, John Donne, W.H. Auden – seine Lieb­lings­dichter. Aller­dings erregte die kleine ame­ri­ka­ni­sche Flagge, die auf dem Schrank stand, meine Auf­merk­sam­keit, doch wagte ich nicht zu fragen, was sie zu bedeuten hatte. Später wurde mir dann einiges klar.

Im März 1972 traf ich Brodskij ein zweites Mal – bei Etkind. Er las uns das neu ent­stan­dene Gedicht Sre­tenie (Dar­stel­lung im Tempel) vor und bat mich, eine Kopie in die Schweiz mit­zu­nehmen und einer fran­zö­si­schen Freundin zu über­geben. Ich habe meine Boten­pflicht erfüllt, mehr noch, ich habe das Gedicht ins Deut­sche übersetzt.

 

n.: Haben Sie ihn nach der Aus­bür­ge­rung im Westen wieder getroffen?

 

R.: Ja. Bei einem Lite­ra­tur­sym­po­sium in Graz, mehr­mals zufällig im win­ter­li­chen Venedig, zweimal in Zürich. Bei seinem ersten Besuch schenkte ich ihm meine rus­si­sche Hermes-Baby, eine prak­ti­sche kleine Rei­se­schreib­ma­schine. Er war über­glück­lich. Bei seinem letzten Besuch legte er sich im Garten untern Apfel­baum und machte – müde von einem Vor­trag, den er am Eng­li­schen Seminar gehalten hatte – ein Nicker­chen. Ich bat meinen Sohn, ihn zu foto­gra­fieren. Wie sich hin­terher her­aus­stellte, war kein Film im Apparat. Danach sind wir uns nie mehr begegnet.

 

n.: Sre­tenie war das letzte von Brodskij in Russ­land geschrie­bene Gedicht und bezieht sich auf das jüdi­sche Ritual „Dar­stel­lung des Herrn“. Brodskij widmet es Anna Ach­matova. Hat mit Sre­tenie das Über­setzen bei Ihnen begonnen?

 

R.: Sre­tenie war gewis­ser­massen die Initi­al­zün­dung. Ich fand es fas­zi­nie­rend, etwas aus dem Manu­skript zu über­setzen. Auch passte das Gedicht per­fekt in die Antho­logie „Gott in der neu­esten sowje­ti­schen Poesie“, die ich mit Felix Philipp Ingold im Arche Verlag herausgab.

 

n.: Sie spre­chen sieben Spra­chen – Unga­risch, Slo­we­nisch, Ser­bo­kroa­tisch, Deutsch, Fran­zö­sisch, Eng­lisch und Rus­sisch. Damit sind Ihre Über­set­zungs­mög­lich­keiten schier unbe­grenzt. Und den­noch haben Sie sich für einige wenige AutorInnen ent­schieden, denen Sie ‘treu‘ sind, dar­unter Marina Cve­taeva, Mar­gue­rite Duras und Danilo Kiš. Wie kam es zu diesem Ver­hältnis von AutorIn und Über­set­zerin bzw. Über­set­zerin und AutorIn?

 

R.: Als ich 1972 die poe­ti­sche Prosa von Marina Cve­taeva ent­deckte, war ich völlig hin­ge­rissen. Ihre Lyrik zu über­setzen, hätte ich mich damals nicht getraut, aber die Prosa reizte mich spontan. Und so stürzte ich mich ins Aben­teuer und ver­öf­fent­lichte 1973 im Ben­ziger Verlag eine kleine Aus­wahl von auto­bio­gra­phi­schen Erzäh­lungen, Essays und Briefen der Cve­taeva, die im deut­schen Sprach­raum noch völlig unbe­kannt war. Heute weiss ich, dass ich mich über­nommen hatte, auch ging alles zu schnell. Doch habe ich mich im Lauf der Zeit immer mehr ein­ge­ar­beitet, habe die viel­fäl­tigen Ver­äs­te­lungen von Cve­ta­evas Werk gründ­lich stu­diert und ihre Sprache – mit all ihren Eigen­heiten – quasi ver­in­ner­licht. Es war nur kon­se­quent, dass ich immer weiter über­setzt habe. Irgend­wann kam ich mir fast wie ein Medium vor.

Cve­taeva habe ich min­des­tens zehn Jahre meines Lebens gewidmet und bin an kein Ende gekommen – ihre aus dem Nach­lass ver­öf­fent­lichten Notiz­bü­cher locken mich sehr –, mit Mar­gue­rite Duras aber glaube ich abge­schlossen zu haben. Es war eine Lie­bes­ge­schichte der beson­deren Art, Sommer 1980, Der Lieb­haber, Das täg­liche Leben u.a. zu über­setzen, daneben einen Mate­ria­li­en­band über Duras her­aus­zu­geben. Ich bin in dieses lite­ra­ri­sche Uni­versum tief ein­ge­taucht, fühlte mich aber von den letzten Büchern nicht mehr angesprochen.

Bei Danilo Kiš bedaure ich unend­lich, dass es nichts mehr zu über­setzen gibt. Seine lite­ra­ri­sche Welt war für mich eine der Fremd­nähe und über­set­ze­risch die grösste Her­aus­for­de­rung über­haupt. Kiš‘ gesto­chen scharfe Sprache, die so gran­dios die Laby­rinthe des Sta­li­nismus und die Tra­gö­dien des jüdi­schen Mit­tel­eu­ropa evo­ziert, hat mit dem poe­tisch-ellip­ti­schen Stil der Cve­tavea oder der Duras nichts gemein. Auch nicht mit meiner eigenen lite­ra­ri­schen Dik­tion. Ich musste mir diese andere Sprache zu eigen machen, und das war hartes Exer­zi­tium. Von Buch zu Buch fühlte ich mich sicherer. Viel­leicht ist Sanduhr das Beste, was mir als Über­set­zerin gelungen ist.

 

n.: Von Kiš haben Sie neben Sanduhr auch Ein Grabmal für Boris Davi­dović (1983), Der Hei­mat­lose (1996) und zuletzt, 2007, gemeinsam mit Peter Urban, vier Stücke über­setzt. Wann haben Sie ihn kennengelernt?

 

R.: Ich lernte ihn kennen, als ich das Grabmal über­setzte. Im Februar 1983 schrieb ich ihm nach Paris, wenig später trafen wir uns dort. Er lud mich in sein Lieb­lings­re­stau­rant, die „Rotonde“ in Mont­par­nasse, ein, wo sich seit je die revo­lu­tio­näre Boheme traf. Wir ver­standen uns auf Anhieb, unter­hielten uns drei­spra­chig (unga­risch, ser­bo­kroa­tisch, fran­zö­sisch) über Lite­ratur und Leben, Poesie und Politik. Er war gross, schlank, hatte dichtes, lockiges Haar: ein tem­pe­ra­ment­voller Erz­engel, der nach einigen Glä­sern Wein zu thea­tra­li­scher Form auf­lief und mir – und der ver­sam­melten Kell­ner­schar – vor­führte, wie Krleža den Frauen die Hände zu küssen pflegte. – Auf die erste Begeg­nung folgten viele wei­tere: in Paris, Frank­furt, Ljub­l­jana, zuletzt in Zürich. Im Januar 1989 kam er, bereits schwer­krank, zu einer Lesung ins Theater am Hecht­platz und besuchte mich zu Hause. Im Oktober starb er an Lun­gen­krebs. – Kiš gehört zu den Men­schen, die ich am meisten ver­misse. Es ver­band uns eine Freund­schaft, die – durch den Fokus auf sein Werk – ebenso kon­zen­triert wie innig war. Als Über­setzer wird man ja unfrei­willig zum Ver­trauten, und Kiš war sich dessen sehr bewusst. Zugleich war er voll Respekt und Dank­bar­keit für meine Arbeit. – Unsere Kor­re­spon­denz ist inzwi­schen (in der Zeit­schrift Sara­je­vske sveske) ver­öf­fent­licht. Und wenn ich an all die Auf­sätze denke, die ich über ihn geschrieben habe, an das Über­setzte und Edierte, merke ich, dass Kiš in meiner Lebens­to­po­gra­phie ein eigener Kon­ti­nent ist.

 

n.: Sie haben wie keine andere einen Über­blick über die lite­ra­ri­schen Ent­wick­lungen der letzten vierzig/fünfzig Jahre in Ost­eu­ropa. Das ist ein schier end­loses Feld von Autoren und lite­ra­ri­schen Ent­de­ckungen. Welche lite­ra­ri­schen Ereig­nisse sind Ihnen – neben Kiš – beson­ders in Erin­ne­rung geblieben?

 

R.: Sehr wichtig war für mich Gen­nadij Ajgi. Ich habe sein Werk über zwanzig Jahre hinweg ver­folgt und finde es nach wie vor ein­zig­artig. Ajgi war Tschu­wa­sche, schrieb aber auf Rus­sisch. Seine Lyrik lässt sich nicht ein­ordnen, folgt eigenen Gesetzen, Ima­gi­na­tionen und Into­na­tionen. Der Ajgi-Sound ist schlicht unwi­der­steh­lich, wobei ich noch im Ohr habe, wie Ajgi selbst seine Gedichte las – nicht pathe­tisch, aber irgendwie scha­ma­nisch. Ein betö­render Sing­sang. Ich habe ihn noch wenige Monate vor seinem Tod lesen gehört, anläss­lich einer gemein­samen Ver­an­stal­tung in Bremen. Wir waren befreundet, haben Briefe und Bücher getauscht, über­setzt habe ich ihn aller­dings nicht, es blieb bei einigen Auf­sätzen, die ich ihm gewidmet habe.

Was die rus­si­sche Szene betrifft, muss ich auch die Mos­kauer Kon­zep­tua­listen erwähnen. Ich habe die Dichter-Künstler-Gruppe in Moskau ken­nen­ge­lernt – unver­gess­lich die Besuche in den Ate­liers von Ilja Kabakov und Andrej Monas­tyrskij – und ihre Akti­vi­täten mit Inter­esse wei­ter­ver­folgt. Lev Rubinš­tejn, Dmi­trij Prigov, der frühe Sorokin waren Ent­de­ckungen, später Pavel Pep­perš­tejn, der mit seiner „Medi­zi­ni­schen Her­me­neutik“ eine neue Spielart des Kon­zep­tua­lismus schuf. Mit einer gewissen Wehmut denke ich an die Zeit zurück, als sie bei mir zu Hause vor­lasen: Rubinš­tejn, Prigov (der nicht mehr lebt), Pep­perš­tejn (der kein Flug­zeug mehr besteigt). Es war Anfang der neun­ziger Jahre.

 

n.: Und außer­halb Russlands?

 

R.: In Ungarn hat sich das grosse Trio Péter Ester­házy, Péter Nádas, Imre Ker­tész als resis­tent gegen Moden und Trends erwiesen. Ihre Werke füllen inzwi­schen meine Bücher­re­gale, Nádas‘ drei­bän­diges opus magnum Par­al­lel­ge­schichten (2005) hat Musil­sche Qua­li­täten. Daneben gibt es hoch­be­gabte jün­gere Autoren wie Attila Bartis (Die Ruhe) oder György Dra­gomán (Der weisse König).

A propos Jugend: Zu den fas­zi­nie­rendsten lite­ra­ri­schen Ent­de­ckungen der letzten Jahre gehören für mich die jungen Ukrainer Serhij Žadan und Ljubko Dereš. Soviel Rasanz, gepaart mit Fein­ge­fühl, ist ziem­lich ein­malig. Und mit welch abgrün­digem Humor die post­kom­mu­nis­ti­sche Trans­for­ma­ti­ons­zeit geschil­dert wird, Chapeau!

Natür­lich bewun­dere ich auch die (geo­poe­ti­schen) Essays von Jurij Andruchovyč und seinem pol­ni­schen Kol­legen Andrzej Sta­siuk. Nicht zuletzt wegen ihrer sub­jek­tiven Sicht und ihrer starken Sprache.

In Sachen ex-jugo­s­la­vi­scher Lite­ratur halte ich mich mit Gewinn an die Bücher von Bora Ćosić, David Alba­hari, Dževad Karahasan und Dubravka Ugrešić. Vier Namen, vier unter­schied­liche poe­ti­sche Uni­versen. Alba­hari kehrt immer wieder zur The­matik des Holo­caust zurück, Karahasan umkreist bos­ni­sche Befind­lich­keiten (mit Rekurs auf isla­mi­sche Phi­lo­so­phie), Ćosić schil­dert die jugo­sla­wi­sche Geschichte seit dem Zweiten Welt­krieg – und darin die eigene Lebens­ge­schichte – als absurdes Theater, Dubravka Ugrešić arbeitet sich inge­niös am Thema der Emi­gra­tion ab, nachdem sie sich in furiosen Essays von ihrer kriegs­ver­seuchten Heimat los­ge­sagt hat.

Und fast hätte ich die Slo­wenen ver­gessen: den wun­der­baren Lyriker und Essay­isten Aleš Šteger. Sein Gedicht­band Buch der Dinge macht aus all­täg­li­chen Gegen­ständen poe­ti­sche Epiphanien.

 

n.: Sie haben gerade die boo­mende ukrai­ni­sche Lite­ratur erwähnt. Um die rus­si­sche Gegen­warts­li­te­ratur ist es gerade etwas still geworden. Wie schätzen Sie die ‚lite­ra­ri­sche‘ Lage in Russ­land ein?

 

R.: Eine schwie­rige Frage. Russ­land ist ein rie­siges Land, wie soll man da – aus der Distanz – einen Über­blick über das poli­ti­sche oder kul­tu­relle Geschehen gewinnen. Ich fühle mich ziem­lich ratlos. Es genügt heute ja nicht mehr, lite­ra­ri­sche Zeit­schriften durch­zu­blät­tern, man müsste auch im Internet ständig auf Suche sein, zumal junge Autoren ihre Arbeiten direkt ins Netz stellen.

Wahr­schein­lich tut sich einiges, ohne dass wir davon wissen. Der lite­ra­ri­sche Main­stream aller­dings wirkt nicht umwer­fend. Seit Jahren bemühe ich mich, etwas Brauch­bares für den Suhr­kamp Verlag zu ent­de­cken. Ausser kleinen Funden – wie dem Kurz­roman Durst von Andrej Gelasimov – war die Aus­beute mehr als dürftig. Die Bücher, die uns über Agen­turen errei­chen, sind lite­ra­risch oft wenig über­zeu­gend, haben eine pro­ble­ma­ti­sche ideo­lo­gi­sche Ten­denz oder eine so aus­schliess­lich rus­si­sche Aus­rich­tung, dass sie in West­eu­ropa kaum Leser finden würden.

Besser bestellt ist es um die Lyrik und Essay­istik, aber gerade an diesen Genres sind west­liche Ver­lage kaum interessiert.

 

n.: Vor kurzem hat die Staats­an­walt­schaft in Moskau Ermitt­lungen auf­ge­nommen gegen Viktor Ero­feev wegen „Russo­phobie“ und „Schüren natio­nalen Hasses“, im Pro­zess gegen den Kurator der Aus­stel­lung über „Ver­bo­tene Kunst“, Ero­feevs Bruder Andrej, gibt es noch kein Urteil. Mir scheint, was früher die Zensur ver­hin­derte, erle­digen nun die aus dem Boden schies­senden Kläger und die Staatsanwaltschaft…

 

R.: Ja, die Lage ist dies­be­züg­lich schlimm. Wer im Wohl­stand lebt, zeigt sich poli­tisch des­in­ter­es­siert. Doch ein nicht unwe­sent­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung driftet nach rechts, kul­ti­viert einen rabiaten Natio­na­lismus und Chau­vi­nismus, der mit Frem­den­feind­lich­keit und Anti­se­mi­tismus ein­her­geht. Russ­land soll wieder erstarken, soll zur ang­st­ein­flös­senden Mili­tär­macht werden usw. Leider spielt die ortho­doxe Kirche zum Teil mit, gefällt sich in ihrer Rolle als Staats­kirche, statt demo­kra­ti­sche Prin­zi­pien hoch­zu­halten. Und die Regie­rung ist zen­tra­lis­tisch, kon­trol­liert die Medien. Eine durch­grei­fende Demo­kra­ti­sie­rung des Landes hat nicht nur nicht statt­ge­funden, son­dern wirkt nach­ge­rade illusorisch.

 

n.: Haben Sie den Ein­druck, dass die Autoren aus Ost­eu­ropa inzwi­schen im euro­päi­schen Lite­ra­tur­be­trieb ange­kommen sind? Oder werden sie – in öffent­li­chen Ver­an­stal­tungen und För­der­pro­grammen – immer noch auf ‚ter­ri­to­riale‘ Fragen oder Themen eingeschränkt?

 

R.: Unter­schied­lich. Autoren wie Imre Ker­tész, Péter Nádas oder Péter Ester­házy gelten längst als euro­päi­sche Schrift­steller, um nicht zu sagen als Schrift­steller von Welt­rang. In anderen Fällen aber folgt die Rezep­tion einem lan­des­kund­lich-poli­ti­schen Inter­esse. Der Boom der ukrai­ni­schen Lite­ratur in Deutsch­land ist ein typi­sches Bei­spiel: Jurij Andruchovyč oder Serhij Žadan werden nicht in erster Linie wegen ihrer lite­ra­ri­schen Qua­li­täten gelesen, son­dern weil man aus ihren Werken Näheres über die Ukraine erfahren möchte. Nur fol­ge­richtig ist dann, dass Andruchovyč vor dem Europa-Par­la­ment in Strass­burg über die Orange Revo­lu­tion reden muss. Vom ost­eu­ro­päi­schen Schrift­steller erwartet man nach wie vor, dass er die Rolle des homo poli­ticus über­nimmt.

Ich finde diese Erwar­tungs­hal­tung ziem­lich fatal, ebenso die ste­reo­type Fest­le­gung ost­eu­ro­päi­scher Lite­ratur auf ‘ter­ri­to­riale‘ Fragen. Leider hat sie Tra­di­tion. Doch sollte es im Zeit­alter der Glo­ba­li­sie­rung, des Inter­nets usw. gelingen, diese Sicht­weise zu sprengen und die ost­eu­ro­päi­schen Schrift­steller aus der Exo­ten­ecke zu befreien, um sie als Künstler zu würdigen.

 

n.: Ja, da findet eine absurde Ver­wechs­lung statt. Weil sich ost­eu­ro­päi­sche Autoren seit den 90er Jahren für den Zusam­men­hang von Geo­gra­phie und Poetik inter­es­sieren (Stich­wort Geo­poetik), werden sie immer mehr als ‚Hei­mat­be­richt­erstatter‘ wahr­ge­nommen. Der an den Uni­ver­si­täten leider zu beob­ach­tende Trend in Rich­tung Area Stu­dies tut dazu sein Übriges.

Geo­gra­phie spielt auch in Ihrem Buch eine wich­tige Rolle, das Meer, Aka­zi­en­al­leen, tuch­för­mige Plätze, Tief­land, Wind. Sie schreiben, dass Ihre innere Kom­pass­nadel immer nach Osten zeige. Welche Rolle spielen diese geo­gra­phi­schen Bilder beim Schreiben?

 

R.: Sie sind Kon­stanten der Erin­ne­rung und zugleich Sehn­suchts­me­ta­phern. Ihre Evo­ka­tion ist für den Text zen­tral: in diesen Bil­dern wird Bio­gra­phi­sches ver­ortet und sinn­fällig gemacht. Es geht nicht zuletzt um Atmo­sphäre. Wo nötig – wie im Falle von Triest – habe ich die Geo­gra­phie durch die His­torie ergänzt, um dem Ort mehr Tie­fen­schärfe zu geben.

 

n.: Mit dem Wind endet auch Ihr Buch. Der Unbe­re­chen­bar­keit des Meeres und des Windes setzen Sie als letzten Satz „Staune und ver­traue“ ent­gegen. Ist das auch Ihr Lebensmotto?

 

R.: So könnte man sagen. Ich habe in meiner Kind­heit viele Umzüge und Wechsel erlebt, bin durch viele Fähr­nisse gegangen. Aber nichts konnte mich in meinem Grund­ver­trauen und in meiner stau­nenden Hal­tung erschüt­tern. Das ist ein grosses Glück. Zum einen ver­danke ich es meinen Eltern, zum andern meinem neu­gie­rigen Natu­rell. Und wenn ich mir – im Leben und in der Kunst – etwas erhalten möchte, dann genau dies: Offen­heit, Kind­lich­keit, mit anderen Worten das Staunen und das Vertrauen.