http://www.novinki.de

Gespräch über Schnee

Posted on 11. November 2014 by Sylvia Sasse u.a.
Durch die russische Literatur fegen immer wieder Schneestürme, die Protagonisten und Buchstaben durcheinanderwirbeln. Vladimir Sorokin lässt in seinem 2010 erschienenen "Metel‘" dieses Natur- und Literaturphänomen wieder aufleben und dichtet es unverhohlen fantastisch um. Novinki hat mit Sorokin ein Gespräch über Schnee, Schneestürme und Schneesturmtexte geführt, zu dem Sylvia Sasse eine Einleitung verfasst hat.

Durch die russische Literatur fegen immer wieder Schneestürme, die Protagonisten und Buchstaben durcheinanderwirbeln, und dem Helden – aber auch dem Leser – Sicht und Orientierung rauben. Vladimir Sorokin lässt in seinem 2010 erschienenen "Metel‘" dieses Natur- und Literaturphänomen wieder aufleben und dichtet es unverhohlen fantastisch um. Novinki hat mit Sorokin ein Gespräch über Schnee, Schneestürme und Schneesturmtexte geführt, zu dem Sylvia Sasse eine Einleitung verfasst hat.

 

sorokin_gespräch_ueber_schnee

 

novinki: Vladimir, die russische Literatur ist voll von Schnee- und Schneesturmtexten: Vjazemskij, Puškin, Tolstoj, Blok, Esenin, Bulgakov, Pil’njak, Zabolockij, Achmadulina – um nur einige zu nennen. Hattest Du die alle im Blick, als Du mit "Metel’" begonnen hast?

 

Vladimir Sorokin: Das ist natürlich ein riesiges Thema. Wie so ein Schneeball war es, der einen plötzlich am Kopf trifft. Hinter mir in meinem Büro habe ich alle Klassiker stehen, und sie sind mir daher sehr nahe. Beim Schreiben lehne ich mich oft physisch an sie an. Im Prinzip reicht mir das, aber natürlich lese ich sie auch immer wieder.

 

n.: Und konkret bei "Metel‘"?

 

V.S.: Ich habe viele Sachen angefangen zu schreiben, als der erste Schnee fiel. Ende Oktober 2009, ebenfalls bei leichtem Schneefall, begann ich an Metel‘ zu arbeiten. Grundsätzlich lässt es sich im Winter am besten schreiben. Schnee ist für mich etwas Magisches, er kommt vom Himmel, verändert das Design der ganzen Landschaft und verschwindet dann einfach wieder. Im Sommer kann ich dafür überhaupt nicht arbeiten, weil mein Hirn unter dem Wärmedruck und der ungehinderten Sicht zu einer arbeitsunfähigen Substanz mutiert. Wahrscheinlich habe ich meine besten Werke im Winter verfasst.

 

n.: Woher kommt Deine Faszination für Winter und Schneesturm?

 

V.S.: Diese Substanz ‚Schnee‘ hat mich rein existenziell und phänomenologisch schon immer fasziniert. Vieles in meinem Leben ist mit dem Wald und der Jagd verbunden. Mein Großvater war Förster im Bezirk von Kaluga. Und der Schneesturm spielte in den Jagdgeschichten, die ich von meinen Verwandten hörte, immer eine besondere Rolle. Mein Großvater, er ist jetzt 92, kannte den Wald ausgezeichnet und erzählte mir von einem Ereignis: Bei starken Schneesturm fuhr er einmal von einem Dorf ins andere. Das sind drei Werst, nicht weit, es hat keinen dichten Wald, sondern ein Feld mit einzelnen Waldstücken. Trotzdem konnten er und sein Begleiter irgendwann nicht mehr weiterfahren, weil sie sich verirrt hatten und den Weg nicht mehr fanden. Zum Glück war es nicht sehr kalt und sie überlebten, weil sie ein Beil hatten und den Schlitten damit zerhackten und sich auf diese Weise wärmten. Gegen Morgen ließ der Schneesturm nach. Er begriff auf einmal, wo er sich befand und sie fuhren nach Hause. Das ist eigentlich das Phänomen dieser Erscheinung.

 

n.: Eine Erzählung vom totalen Verlust der Orientierung?

 

V.S.: Ja, aber es gibt noch andere: Wer von euch war schon einmal in Norilsk? Nein? Ich empfehle es sehr! An Norilsk wird man sich immer erinnern. Dort befanden sich auch die größten stalinistischen Lager, die vor allem auch wegen des Klimas schrecklich waren. Es gibt dort auch eine Art Naturphänomen, das die Einheimischen Schwarzer Schneesturm nennen.

 

n.: Ein Oxymoron, das wofür steht? Für den Tod?

 

V.S.: Ja, ein Schneesturm ist normalerweise weiß! Das ist seine eigentliche Farbe. Die Bevölkerung von Norilsk nennt diese Erscheinung trotzdem so; vielleicht weil es ein absolut tödliches Ding ist! Im Winter, wenn es dort wirklich kalt ist, mindestens minus 20 Grad, wird diese Stadt, die bereits in der Zone des ewigen Frostes liegt, von einem äußerst starken Wind samt Schnee angegriffen. Der Wind ist so stark, dass der Mensch nicht einmal mehr auf seinen Beinen stehen kann. Und wenn der Schwarze Schneesturm tobt, wagt sich niemand auf die Straße. Einmal hat ein Bus mit Arbeitern die Fabrik verlassen, als plötzlich dieser Schneesturm ausbrach, der Motor gab den Geist auf und das mitten auf dem Leninprospekt. Die Arbeiter verbrachten ganze acht Stunden im Bus. Durch den starken Schneefall verwandelte sich das Fahrzeug nach und nach in einen riesigen Schneehaufen. Der Schwarze Schneesturm bläst auch gerne einmal einen Menschen einfach aus der Stadt hinaus. Wie gesagt, ein absolut tödliches Ding, dieser Schwarze Schneesturm.

 

n.: Was hat Dich am Schneesturmtext am meisten gereizt? Der Verlust der Orientierung, das Abkommen vom Weg?

 

V.S.: Der Schneesturm in der russischen Literatur war anfangs in der Tat eine unangenehme Erscheinung, die den Menschen daran hinderte, den Weg zu finden. Aber mit der Zeit änderte sich das Bild des Schneesturms: Metel‘ war nicht mehr nur ein Fehler im Raum, sondern verwandelte sich allmählich zu einem vollwertigen Protagonisten. Und ich hatte einfach Lust, im 21. Jahrhundert ein Werk mit Metel‘ als einer von drei Hauptfiguren zu verfassen.

 

n.: Welche Schneesturmtexte magst Du besonders?

 

V.S.: Nun, die meisten habt Ihr in der Einführung schon erwähnt. Außer vielleicht noch Esenin mit seinem Gedicht über Spatzen, die sich bei einem Schneesturm an ein Haus drücken, der fehlt noch: „Авьюга с ревом бешеным / Стучит по ставням свешенным / И злится всё сильней.“ („Schneesturm mit rasendem Gebrüll / Hämmert an die hängenden Fensterläden / Und zürnt mehr und mehr.“) Das ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen.

 

n.: Und aus der erzählenden Literatur?

 

V.S.: Vielleicht Thomas Manns Zauberberg: Ich kann mich gut an die Szene erinnern, in der sich Hans Castorp auf Skiern verirrt. Er ist nicht ganz so warm angezogen. Ich habe aber, ehrlich gesagt, Thomas Mann nie ganz geglaubt, dass Castorp durch die Liebe zu Madam Chauchat wieder zu Kräften findet und deswegen nicht erfriert. Trotzdem bleibt es eine äußerst eindrucksvolle Beschreibung, die ich gut in meinem Gedächtnis aufbewahre. Man sollte aber auch über die Schriftsteller sprechen, und nicht nur über die Schneestürme in ihren Werken.

n.: An wen denkst Du dabei?

 

V.S.: Beispielsweise an Šalamov, einer der gewaltigsten Schriftsteller überhaupt. Bei ihm ist der Schnee allgegenwärtige Kulisse; Schnee und dieser absolut mörderische Raum. Oder an Blok: Seine Snežnaja Maska (Schneemaske) raubt einem den Atem, denn Buchstaben und Wörter verschwinden vor einem ganz unmittelbar. Irgendwie erinnert mich das Ganze immer an die Gemälde von Klimt mit ihrer fließenden Schönheit. Aber ja, eigentlich habe ich keine Lieblingsdarstellung des Schneesturms. Falls es tatsächlich so eine gäbe, hätte ich meinen Metel‘ wahrscheinlich nicht geschrieben. Abgesehen von der Dichtung hat niemand den Schneesturm wirklich als vollwertigen Protagonisten dargestellt. Genau das hat bis jetzt in der russischen Literatur gefehlt – ich bitte um Verzeihung für meine Bescheidenheit.

n.: Der springende Punkt war also, dass Du diese Lücke schließen wolltest, in dem Du "Metel‘" als Helden auftreten lässt?

 

V.S.: Die Novelle dreht sich vor allem um drei Figuren: Den Akademiker, den Bauern und den Schneesturm. Das ist die Grundidee des Werkes. Und warum heißt es eigentlich Metel‘? Weil der Schneesturm die anderen beiden Protagonisten überragt. Schließlich siegt der Sturm ja auch, da er auf eine radikale Weise das Leben der beiden anderen verändert: Einer stirbt und dem anderen frieren die Beine ab. Die Chinesen retten ihn zwar, aber sein Leben hat sich durchaus verändert.

 

n.: Könntest Du dieses Verhältnis zwischen den drei Hauptfiguren noch etwas ausführen?

 

V.S.: Es gibt ein ständiges Gespräch zwischen ihnen: Der Doktor und der Krächz unterhalten sich auf Russisch, aber auch der Schneesturm kommuniziert, und zwar mit der Sprache des Sturms oder, wenn man so will, auf Schneestürmisch.

 

n.: Der Doktor und sein Kutscher durchqueren einen unwirklichen, durch den Sturm verwirbelten Raum. Was ist das eigentlich für ein Raum? Wann und wo spielt diese Erzählung?

 

V.S.: Wie kann man die russische Provinz überhaupt beschreiben? Der Schneesturm hilft dabei. Stellt euch vor, die Handlung würde im Sommer spielen... Das wäre eine ganz andere Geschichte. Wenn man aber im Winter die Stadt verlässt und sich nur ein paar Kilometer entfernt, dann ist es, als ob man eine Zeitreise unternimmt. Man könnte im 19., auch im 16. oder im 20. Jahrhundert sein. Deswegen ist es schwierig zu verstehen, wann diese Geschichte spielt. Ich lebe beispielweise in Vnukovo, dort gibt es ein Geschäft und eine Post aus der sowjetischen Zeit. Ich habe manchmal das Gefühl, ich befände mich im Jahre 1975. In der russischen Provinz läuft die Zeit anders und mein Buch erzählt davon.

 

n.: Auch die Sprache Deines "Metel’" stammt nicht aus der Gegenwart...

 

V.S.: Eigentlich, und so ist es immer wenn ich schreibe, vertraue ich auf mein Gehör. Beim Schreiben eines Textes geht es vor allem darum, eine gute Intonation zu finden, sozusagen die richtige Melodie zu erwischen. Ich denke, dass das überhaupt das Wichtigste in der Literatur ist. Dies ist übrigens auch die Antwort darauf, weshalb diese Erzählung in einer Sprache, die für das Ende des 19. Jahrhunderts typisch ist, verfasst wurde. Ich habe das gemacht, weil keine andere Sprache oder Intonation zum Schneesturm passen würde. Versucht doch mal, mit der modernen oder nicht mehr so modernen Sprache des strengen Realismus den Schneesturm darzustellen. Wie bei Jack London. Es kommt nicht dasselbe heraus: Der Schneesturm wird nicht lebendig.

 

n.: Du meinst, dass der Schneesturm am besten zum ausgehenden 19. Jahrhundert passt?

 

V.S.: Nur im Raum der klassischen Literatur kann der Schneesturm zum Leben erwachen. Jedes Sujet, jede Idee benötigt eine originelle Melodie. Das ist wie mit der Kleidung: Man kann Nataša Rostova nicht in Lagerkleidung stecken oder umgekehrt die Figuren Šalamovs nicht in Zivil. Und überhaupt? Derjenige, der Schach spielt, wird mich verstehen: Fischer sagte, dass er nur einem Prinzip folgt, nämlich jenem, dass es für eine Position einen Zug, nur einen einzigen richtigen Zug gibt und genau diesen gilt es zu finden. Das ist die Wahl der Melodie. Nehmt beispielsweise Lolita. Versucht das gleiche Thema mit der Sprache Faulkners zu beschreiben. Was würde dabei herauskommen? Nabokov hat diese einzigartige, nervös flimmernde, stets vor den Augen auseinanderfallende Sprache. Deshalb hat das Ganze funktioniert: Die Bombe ist explodiert!

 

n.: Hast Du auch bei der Titelwahl auf die Melodie geachtet? Warum nicht Buran, V’juga, Pozëmka oder Purga?

 

V.S.: Von der Melodie her ist Metel‘ die beste Wahl. Die Namensfindung ist überhaupt in der Literatur eine delikate Angelegenheit. Lest nur die Namen der Helden und ihr begreift, was für ein Schriftsteller dahintersteckt. Buran, V’juga, Pozëmka oder Purga sind lediglich partielle Variationen zu diesem Thema. Metel‘ ist eben Metel‘. Dieses Wort beinhaltet alle anderen Ausdrücke für den Schneesturm in sich; wie Nataša Rostova alle adligen Mädchen in sich verkörpert.

 

n.: Nochmal zurück zu Deinem Metel’: Ein Riese, Minipferde, wachsende Zelte, pyramidenförmige Horrordrogen usw. Was hat es mit dieser Fantastik in Deinem Schneesturm auf sich? Führen Schneestürme zwangsläufig zu Fantastik, weil man nichts mehr sieht und die Einbildungskraft auf den Plan tritt?

 

V.S.: Man könnte vielleicht alles auf die russische Metaphysik abschieben, im Sinne von: Sie ist eben an solch einer Welt schuld. Diese Elemente erfüllen verschiedene Funktionen. Nehmen wir die verschiedenen Größen von Wesen und Gegenständen: Russland, dieses riesige Schneefeld, in dem von einem Gedanken zum anderen Tausend Werst zu reiten sind, ist eben ein Ort, der von einer eigenen Werteskala bestimmt wird. Dort ist alles etwas anders als in Europa. Die Idee für die Kleinpferde, die das Mobil durch den Sturm ziehen, entstammt dem Autojargon. Ich habe schon oft solche Verfahren verwendet, eine Realisierung von Redeweisen: Mann und Frau sitzen im Auto, Frau fragt: Schatz, warum stinkt es hier so? Mann: Liebling, was erwartest du, wir haben 150 Pferde unter der Haube.

 

n.: Wie ist in Deinen Augen die Verbindung zwischen Traum und Metel‘ zu sehen? Schon bei Tolstoj spielt das Träumen beim Schneesturm eine wichtige Rolle.

 

V.S.: Der Schneesturm ist selber eine Art fantastisches Element. Seine größte Gefahr liegt darin, dass er wie ein Schlafmittel wirkt.Er lässt die Reisenden langsam einschlummern, so dass sie nie mehr aufwachen. Die Fahrt, diese Bewegung durch den Raum, verschmilzt mit dem Träumerischen, in dem es nur so von komischen Wesen und Geschöpfen wimmelt. So etwas passiert eigentlich nur in Russland, ein Land der Groteske, für uns ist das normal.

 

n.: Bei Tolstoj träumt der Protagonist während des Schneesturms ausgerechnet von einer warmen Idylle.

 

V.S.: Das ist typisch. Einige Male im Winter war es so kalt, dass ich lebhafte Träume hatte. Einmal träumte ich, dass meine Beine brannten, sie glühten wie Kohle, und es war sehr schön im Traum, dabei fror ich... Und umgekehrt, als ich im Jahre 1992 mit meiner Frau in Berlin gelebt habe, war es ein sehr heißer Sommer, ungefähr 40 Grad. Einmal, als wir in der Nähe von der Tauentzienstraße eine Kreuzung überquerten, fiel meine Frau vor Hitze in Ohnmacht. Sie erträgt die Hitze nicht. Und auf dem Heimweg erzählte sie mir, dass sie in diesen Sekunden, als ich ihr half, wieder zu sich zu kommen, einen fantastischen Traum hatte: Sie sah sich, im Winter, in der Kleidung des 19. Jahrhunderts, mit einem Pelzmuff, auf Schlittschuhen auf einem Eisfeld, wo Musik ertönte und schöne Menschen Schlittschuh liefen. Ich erinnere mich, dass ich sie um diesen Traum beneidete. (lacht) Üblicherweise haben alle Erfrierenden sehr schöne, farbenfrohe Träume.

 

n.: Woher holst Du die grotesken traumartigen Wesen in Metel’? Erschaffst Du sie neu oder komponierst Du sie aus Bestehendem zusammen?

 

V.S.: Hinter mir die Klassiker, erinnert ihr euch? Ich lehne mich einfach an sie an, schließe die Augen und sage: Gebt mir Kraft! Nein, jetzt einmal im Ernst: Ich bin eine Art Literaturtier, das ständig von fremden Romanen umgeben ist. Mein Arbeitszimmer ist aber kein Museum, wo man vor Ehrfurcht auf die Knie fallen muss, sondern ein lebendiger Raum. Es ist wie in einer Werkstatt, wo das Werkzeug an den Wänden hängt. Ich erneuere mein Werkzeug stetig, übernehme aber auch viel von den russischen Klassikern.

 

n.: Übernehmen?

 

V.S.: Eigentlich brauche ich gar nichts mehr zu lesen, es ist alles schon in mir drin. Ich muss mich einfach in einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hineinversetzen. Das ist das Schwierigste an der Sache, nicht bloß etwas zu erfinden, sondern wirklich zu einer anderen Person zu werden. Wenn mir das nicht gelingt, kann ich auch nicht schreiben. Wenn es mir aber gelingt in diese literarische Haut zu schlüpfen, dann ist es wie Bobby Fischer gesagt hat: Man muss die Figuren richtig platzieren und der Rest kommt von allein.

 

n.: Schnee, Schneesturm, Tauwetter ist im 20. Jahrhundert zur politischen Metapher geworden. Bei Blok deutet der Schneesturm auf die Revolution hin, Zabolockij beginnt sein Tauwettergedicht mit: „Tauwetter nach dem Schneesturm“, Kabakov spricht davon, dass die sowjetische Regierung von den Menschen hingenommen würde wie ein Schneesturm. Kann man über Schneestürme schreiben, ohne die politische Metaphorik mitzudenken?

 

V.S.: Ich stimme der Aussage von Kabakov vollkommen zu. Es ist eine bekannte Metapher, dass das Land unter Stalin politisch einfror und danach ein Tauwetter eintrat, so wie der Frühling, der auf den Winter folgt. Auch mein Metel’ wurde im Ausland oft politisch gelesen, besonders in Deutschland.Es gibt eben bestimmte Schablonen, die immer zum Zug kommen, wenn über Russland geschrieben wird. Russland als Land des Schreckens, wo alle europäischen Wertvorstellungen sterben. Mich hat das überrascht, denn meiner Meinung nach geht es im Buch vor allem um die Metaphysik, um den Menschen und um den besonderen Raum. Man muss sich schon einige Mühe geben, um hier die Politik hineinzubringen.

 

n.: Stört Dich diese Politisierung?

 

V.S.: Natürlich gibt es oberflächliche Interpretationen. Als Profi schreibe ich aber für all jene Menschen, die nicht erst seit gestern lesen. Menschen die eine echte Liebe zur Literatur haben und bei denen schon ein gewisser Background vorhanden ist.

 

n.: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 

V.S.: Ich erinnere mich nicht, mich so lange und ernsthaft über meine Lieblingssubstanz, den Schnee, unterhalten zu haben. Danke.

 

Das Gespräch führten:

Gianna Frölicher, Simon Gerber, Irina Huber, Raphael Jost, Tatjana Kellenberger, Tajona Kirchgessner, Csilla Kovacs, Anna Möhl, Ilma Rakuša, Sylvia Sasse, Anita Vasić.

Top

Gespräch über Schnee – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Gespräch über Schnee

Durch die rus­si­sche Lite­ratur fegen immer wieder Schnee­stürme, die Prot­ago­nisten und Buch­staben durch­ein­an­der­wir­beln, und dem Helden – aber auch dem Leser – Sicht und Ori­en­tie­rung rauben. Vla­dimir Sorokin lässt in seinem 2010 erschie­nenen “Metel‘” dieses Natur- und Lite­ra­tur­phä­nomen wieder auf­leben und dichtet es unver­hohlen fan­tas­tisch um. Novinki hat mit Sorokin ein Gespräch über Schnee, Schnee­stürme und Schnee­sturm­texte geführt, zu dem Sylvia Sasse eine Ein­lei­tung ver­fasst hat.

 

sorokin_gespräch_ueber_schnee

 

novinki: Vla­dimir, die rus­si­sche Lite­ratur ist voll von Schnee- und Schnee­sturm­texten: Vja­zemskij, Puškin, Tol­stoj, Blok, Esenin, Bul­gakov, Pil’njak, Zabo­lo­ckij, Ach­ma­du­lina – um nur einige zu nennen. Hat­test Du die alle im Blick, als Du mit “Metel’” begonnen hast?

 

Vla­dimir Sorokin: Das ist natür­lich ein rie­siges Thema. Wie so ein Schnee­ball war es, der einen plötz­lich am Kopf trifft. Hinter mir in meinem Büro habe ich alle Klas­siker stehen, und sie sind mir daher sehr nahe. Beim Schreiben lehne ich mich oft phy­sisch an sie an. Im Prinzip reicht mir das, aber natür­lich lese ich sie auch immer wieder.

 

n.: Und kon­kret bei “Metel‘”?

 

V.S.: Ich habe viele Sachen ange­fangen zu schreiben, als der erste Schnee fiel. Ende Oktober 2009, eben­falls bei leichtem Schnee­fall, begann ich an Metel‘ zu arbeiten. Grund­sätz­lich lässt es sich im Winter am besten schreiben. Schnee ist für mich etwas Magi­sches, er kommt vom Himmel, ver­än­dert das Design der ganzen Land­schaft und ver­schwindet dann ein­fach wieder. Im Sommer kann ich dafür über­haupt nicht arbeiten, weil mein Hirn unter dem Wär­me­druck und der unge­hin­derten Sicht zu einer arbeits­un­fä­higen Sub­stanz mutiert. Wahr­schein­lich habe ich meine besten Werke im Winter ver­fasst.

 

n.: Woher kommt Deine Fas­zi­na­tion für Winter und Schnee­sturm?

 

V.S.: Diese Sub­stanz ‚Schnee‘ hat mich rein exis­ten­ziell und phä­no­me­no­lo­gisch schon immer fas­zi­niert. Vieles in meinem Leben ist mit dem Wald und der Jagd ver­bunden. Mein Groß­vater war Förster im Bezirk von Kaluga. Und der Schnee­sturm spielte in den Jagd­ge­schichten, die ich von meinen Ver­wandten hörte, immer eine beson­dere Rolle. Mein Groß­vater, er ist jetzt 92, kannte den Wald aus­ge­zeichnet und erzählte mir von einem Ereignis: Bei starken Schnee­sturm fuhr er einmal von einem Dorf ins andere. Das sind drei Werst, nicht weit, es hat keinen dichten Wald, son­dern ein Feld mit ein­zelnen Wald­stü­cken. Trotzdem konnten er und sein Begleiter irgend­wann nicht mehr wei­ter­fahren, weil sie sich ver­irrt hatten und den Weg nicht mehr fanden. Zum Glück war es nicht sehr kalt und sie über­lebten, weil sie ein Beil hatten und den Schlitten damit zer­hackten und sich auf diese Weise wärmten. Gegen Morgen ließ der Schnee­sturm nach. Er begriff auf einmal, wo er sich befand und sie fuhren nach Hause. Das ist eigent­lich das Phä­nomen dieser Erschei­nung.

 

n.: Eine Erzäh­lung vom totalen Ver­lust der Ori­en­tie­rung?

 

V.S.: Ja, aber es gibt noch andere: Wer von euch war schon einmal in Norilsk? Nein? Ich emp­fehle es sehr! An Norilsk wird man sich immer erin­nern. Dort befanden sich auch die größten sta­li­nis­ti­schen Lager, die vor allem auch wegen des Klimas schreck­lich waren. Es gibt dort auch eine Art Natur­phä­nomen, das die Ein­hei­mi­schen Schwarzer Schnee­sturm nennen.

 

n.: Ein Oxy­moron, das wofür steht? Für den Tod?

 

V.S.: Ja, ein Schnee­sturm ist nor­ma­ler­weise weiß! Das ist seine eigent­liche Farbe. Die Bevöl­ke­rung von Norilsk nennt diese Erschei­nung trotzdem so; viel­leicht weil es ein absolut töd­li­ches Ding ist! Im Winter, wenn es dort wirk­lich kalt ist, min­des­tens minus 20 Grad, wird diese Stadt, die bereits in der Zone des ewigen Frostes liegt, von einem äußerst starken Wind samt Schnee ange­griffen. Der Wind ist so stark, dass der Mensch nicht einmal mehr auf seinen Beinen stehen kann. Und wenn der Schwarze Schnee­sturm tobt, wagt sich nie­mand auf die Straße. Einmal hat ein Bus mit Arbei­tern die Fabrik ver­lassen, als plötz­lich dieser Schnee­sturm aus­brach, der Motor gab den Geist auf und das mitten auf dem Lenin­pro­spekt. Die Arbeiter ver­brachten ganze acht Stunden im Bus. Durch den starken Schnee­fall ver­wan­delte sich das Fahr­zeug nach und nach in einen rie­sigen Schnee­haufen. Der Schwarze Schnee­sturm bläst auch gerne einmal einen Men­schen ein­fach aus der Stadt hinaus. Wie gesagt, ein absolut töd­li­ches Ding, dieser Schwarze Schnee­sturm.

 

n.: Was hat Dich am Schnee­sturm­text am meisten gereizt? Der Ver­lust der Ori­en­tie­rung, das Abkommen vom Weg?

 

V.S.: Der Schnee­sturm in der rus­si­schen Lite­ratur war anfangs in der Tat eine unan­ge­nehme Erschei­nung, die den Men­schen daran hin­derte, den Weg zu finden. Aber mit der Zeit änderte sich das Bild des Schnee­sturms: Metel‘ war nicht mehr nur ein Fehler im Raum, son­dern ver­wan­delte sich all­mäh­lich zu einem voll­wer­tigen Prot­ago­nisten. Und ich hatte ein­fach Lust, im 21. Jahr­hun­dert ein Werk mit Metel‘ als einer von drei Haupt­fi­guren zu ver­fassen.

 

n.: Welche Schnee­sturm­texte magst Du beson­ders?

 

V.S.: Nun, die meisten habt Ihr in der Ein­füh­rung schon erwähnt. Außer viel­leicht noch Esenin mit seinem Gedicht über Spatzen, die sich bei einem Schnee­sturm an ein Haus drü­cken, der fehlt noch: „Авьюга с ревом бешеным / Стучит по ставням свешенным / И злится всё сильней.“ („Schnee­sturm mit rasendem Gebrüll / Häm­mert an die hän­genden Fens­ter­läden / Und zürnt mehr und mehr.“) Das ist eine meiner ersten Kind­heits­er­in­ne­rungen.

 

n.: Und aus der erzäh­lenden Lite­ratur?

 

V.S.: Viel­leicht Thomas Manns Zau­ber­berg: Ich kann mich gut an die Szene erin­nern, in der sich Hans Cas­torp auf Skiern ver­irrt. Er ist nicht ganz so warm ange­zogen. Ich habe aber, ehr­lich gesagt, Thomas Mann nie ganz geglaubt, dass Cas­torp durch die Liebe zu Madam Chauchat wieder zu Kräften findet und des­wegen nicht erfriert. Trotzdem bleibt es eine äußerst ein­drucks­volle Beschrei­bung, die ich gut in meinem Gedächtnis auf­be­wahre. Man sollte aber auch über die Schrift­steller spre­chen, und nicht nur über die Schnee­stürme in ihren Werken.

n.: An wen denkst Du dabei?

 

V.S.: Bei­spiels­weise an Šal­amov, einer der gewal­tigsten Schrift­steller über­haupt. Bei ihm ist der Schnee all­ge­gen­wär­tige Kulisse; Schnee und dieser absolut mör­de­ri­sche Raum. Oder an Blok: Seine Snež­naja Maska (Schnee­maske) raubt einem den Atem, denn Buch­staben und Wörter ver­schwinden vor einem ganz unmit­telbar. Irgendwie erin­nert mich das Ganze immer an die Gemälde von Klimt mit ihrer flie­ßenden Schön­heit. Aber ja, eigent­lich habe ich keine Lieb­lings­dar­stel­lung des Schnee­sturms. Falls es tat­säch­lich so eine gäbe, hätte ich meinen Metel‘ wahr­schein­lich nicht geschrieben. Abge­sehen von der Dich­tung hat nie­mand den Schnee­sturm wirk­lich als voll­wer­tigen Prot­ago­nisten dar­ge­stellt. Genau das hat bis jetzt in der rus­si­schen Lite­ratur gefehlt – ich bitte um Ver­zei­hung für meine Beschei­den­heit.

n.: Der sprin­gende Punkt war also, dass Du diese Lücke schließen woll­test, in dem Du “Metel‘” als Helden auf­treten lässt?

 

V.S.: Die Novelle dreht sich vor allem um drei Figuren: Den Aka­de­miker, den Bauern und den Schnee­sturm. Das ist die Grund­idee des Werkes. Und warum heißt es eigent­lich Metel‘? Weil der Schnee­sturm die anderen beiden Prot­ago­nisten über­ragt. Schließ­lich siegt der Sturm ja auch, da er auf eine radi­kale Weise das Leben der beiden anderen ver­än­dert: Einer stirbt und dem anderen frieren die Beine ab. Die Chi­nesen retten ihn zwar, aber sein Leben hat sich durchaus ver­än­dert.

 

n.: Könn­test Du dieses Ver­hältnis zwi­schen den drei Haupt­fi­guren noch etwas aus­führen?

 

V.S.: Es gibt ein stän­diges Gespräch zwi­schen ihnen: Der Doktor und der Krächz unter­halten sich auf Rus­sisch, aber auch der Schnee­sturm kom­mu­ni­ziert, und zwar mit der Sprache des Sturms oder, wenn man so will, auf Schnee­stür­misch.

 

n.: Der Doktor und sein Kut­scher durch­queren einen unwirk­li­chen, durch den Sturm ver­wir­belten Raum. Was ist das eigent­lich für ein Raum? Wann und wo spielt diese Erzäh­lung?

 

V.S.: Wie kann man die rus­si­sche Pro­vinz über­haupt beschreiben? Der Schnee­sturm hilft dabei. Stellt euch vor, die Hand­lung würde im Sommer spielen… Das wäre eine ganz andere Geschichte. Wenn man aber im Winter die Stadt ver­lässt und sich nur ein paar Kilo­meter ent­fernt, dann ist es, als ob man eine Zeit­reise unter­nimmt. Man könnte im 19., auch im 16. oder im 20. Jahr­hun­dert sein. Des­wegen ist es schwierig zu ver­stehen, wann diese Geschichte spielt. Ich lebe bei­spiel­weise in Vnu­kovo, dort gibt es ein Geschäft und eine Post aus der sowje­ti­schen Zeit. Ich habe manchmal das Gefühl, ich befände mich im Jahre 1975. In der rus­si­schen Pro­vinz läuft die Zeit anders und mein Buch erzählt davon.

 

n.: Auch die Sprache Deines “Metel’” stammt nicht aus der Gegen­wart…

 

V.S.: Eigent­lich, und so ist es immer wenn ich schreibe, ver­traue ich auf mein Gehör. Beim Schreiben eines Textes geht es vor allem darum, eine gute Into­na­tion zu finden, sozu­sagen die rich­tige Melodie zu erwi­schen. Ich denke, dass das über­haupt das Wich­tigste in der Lite­ratur ist. Dies ist übri­gens auch die Ant­wort darauf, wes­halb diese Erzäh­lung in einer Sprache, die für das Ende des 19. Jahr­hun­derts typisch ist, ver­fasst wurde. Ich habe das gemacht, weil keine andere Sprache oder Into­na­tion zum Schnee­sturm passen würde. Ver­sucht doch mal, mit der modernen oder nicht mehr so modernen Sprache des strengen Rea­lismus den Schnee­sturm dar­zu­stellen. Wie bei Jack London. Es kommt nicht das­selbe heraus: Der Schnee­sturm wird nicht lebendig.

 

n.: Du meinst, dass der Schnee­sturm am besten zum aus­ge­henden 19. Jahr­hun­dert passt?

 

V.S.: Nur im Raum der klas­si­schen Lite­ratur kann der Schnee­sturm zum Leben erwa­chen. Jedes Sujet, jede Idee benö­tigt eine ori­gi­nelle Melodie. Das ist wie mit der Klei­dung: Man kann Nataša Ros­tova nicht in Lager­klei­dung ste­cken oder umge­kehrt die Figuren Šal­a­movs nicht in Zivil. Und über­haupt? Der­je­nige, der Schach spielt, wird mich ver­stehen: Fischer sagte, dass er nur einem Prinzip folgt, näm­lich jenem, dass es für eine Posi­tion einen Zug, nur einen ein­zigen rich­tigen Zug gibt und genau diesen gilt es zu finden. Das ist die Wahl der Melodie. Nehmt bei­spiels­weise Lolita. Ver­sucht das gleiche Thema mit der Sprache Faulk­ners zu beschreiben. Was würde dabei her­aus­kommen? Nabokov hat diese ein­zig­ar­tige, nervös flim­mernde, stets vor den Augen aus­ein­an­der­fal­lende Sprache. Des­halb hat das Ganze funk­tio­niert: Die Bombe ist explo­diert!

 

n.: Hast Du auch bei der Titel­wahl auf die Melodie geachtet? Warum nicht Buran, V’juga, Pozëmka oder Purga?

 

V.S.: Von der Melodie her ist Metel‘ die beste Wahl. Die Namens­fin­dung ist über­haupt in der Lite­ratur eine deli­kate Ange­le­gen­heit. Lest nur die Namen der Helden und ihr begreift, was für ein Schrift­steller dahin­ter­steckt. Buran, V’juga, Pozëmka oder Purga sind ledig­lich par­ti­elle Varia­tionen zu diesem Thema. Metel‘ ist eben Metel‘. Dieses Wort beinhaltet alle anderen Aus­drücke für den Schnee­sturm in sich; wie Nataša Ros­tova alle adligen Mäd­chen in sich ver­kör­pert.

 

n.: Nochmal zurück zu Deinem Metel’: Ein Riese, Minipferde, wach­sende Zelte, pyra­mi­den­för­mige Hor­ror­drogen usw. Was hat es mit dieser Fan­tastik in Deinem Schnee­sturm auf sich? Führen Schnee­stürme zwangs­läufig zu Fan­tastik, weil man nichts mehr sieht und die Ein­bil­dungs­kraft auf den Plan tritt?

 

V.S.: Man könnte viel­leicht alles auf die rus­si­sche Meta­physik abschieben, im Sinne von: Sie ist eben an solch einer Welt schuld. Diese Ele­mente erfüllen ver­schie­dene Funk­tionen. Nehmen wir die ver­schie­denen Größen von Wesen und Gegen­ständen: Russ­land, dieses rie­sige Schnee­feld, in dem von einem Gedanken zum anderen Tau­send Werst zu reiten sind, ist eben ein Ort, der von einer eigenen Wer­te­skala bestimmt wird. Dort ist alles etwas anders als in Europa. Die Idee für die Klein­pferde, die das Mobil durch den Sturm ziehen, ent­stammt dem Auto­jargon. Ich habe schon oft solche Ver­fahren ver­wendet, eine Rea­li­sie­rung von Rede­weisen: Mann und Frau sitzen im Auto, Frau fragt: Schatz, warum stinkt es hier so? Mann: Lieb­ling, was erwar­test du, wir haben 150 Pferde unter der Haube.

 

n.: Wie ist in Deinen Augen die Ver­bin­dung zwi­schen Traum und Metel‘ zu sehen? Schon bei Tol­stoj spielt das Träumen beim Schnee­sturm eine wich­tige Rolle.

 

V.S.: Der Schnee­sturm ist selber eine Art fan­tas­ti­sches Ele­ment. Seine größte Gefahr liegt darin, dass er wie ein Schlaf­mittel wirkt.Er lässt die Rei­senden langsam ein­schlum­mern, so dass sie nie mehr auf­wa­chen. Die Fahrt, diese Bewe­gung durch den Raum, ver­schmilzt mit dem Träu­me­ri­schen, in dem es nur so von komi­schen Wesen und Geschöpfen wim­melt. So etwas pas­siert eigent­lich nur in Russ­land, ein Land der Gro­teske, für uns ist das normal.

 

n.: Bei Tol­stoj träumt der Prot­ago­nist wäh­rend des Schnee­sturms aus­ge­rechnet von einer warmen Idylle.

 

V.S.: Das ist typisch. Einige Male im Winter war es so kalt, dass ich leb­hafte Träume hatte. Einmal träumte ich, dass meine Beine brannten, sie glühten wie Kohle, und es war sehr schön im Traum, dabei fror ich… Und umge­kehrt, als ich im Jahre 1992 mit meiner Frau in Berlin gelebt habe, war es ein sehr heißer Sommer, unge­fähr 40 Grad. Einmal, als wir in der Nähe von der Tau­ent­zi­en­straße eine Kreu­zung über­querten, fiel meine Frau vor Hitze in Ohn­macht. Sie erträgt die Hitze nicht. Und auf dem Heimweg erzählte sie mir, dass sie in diesen Sekunden, als ich ihr half, wieder zu sich zu kommen, einen fan­tas­ti­schen Traum hatte: Sie sah sich, im Winter, in der Klei­dung des 19. Jahr­hun­derts, mit einem Pelz­muff, auf Schlitt­schuhen auf einem Eis­feld, wo Musik ertönte und schöne Men­schen Schlitt­schuh liefen. Ich erin­nere mich, dass ich sie um diesen Traum benei­dete. (lacht) Übli­cher­weise haben alle Erfrie­renden sehr schöne, far­ben­frohe Träume.

 

n.: Woher holst Du die gro­tesken traum­ar­tigen Wesen in Metel’? Erschaffst Du sie neu oder kom­po­nierst Du sie aus Bestehendem zusammen?

 

V.S.: Hinter mir die Klas­siker, erin­nert ihr euch? Ich lehne mich ein­fach an sie an, schließe die Augen und sage: Gebt mir Kraft! Nein, jetzt einmal im Ernst: Ich bin eine Art Lite­ra­tur­tier, das ständig von fremden Romanen umgeben ist. Mein Arbeits­zimmer ist aber kein Museum, wo man vor Ehr­furcht auf die Knie fallen muss, son­dern ein leben­diger Raum. Es ist wie in einer Werk­statt, wo das Werk­zeug an den Wänden hängt. Ich erneuere mein Werk­zeug stetig, über­nehme aber auch viel von den rus­si­schen Klas­si­kern.

 

n.: Über­nehmen?

 

V.S.: Eigent­lich brauche ich gar nichts mehr zu lesen, es ist alles schon in mir drin. Ich muss mich ein­fach in einen Schrift­steller des 19. Jahr­hun­derts hin­ein­ver­setzen. Das ist das Schwie­rigste an der Sache, nicht bloß etwas zu erfinden, son­dern wirk­lich zu einer anderen Person zu werden. Wenn mir das nicht gelingt, kann ich auch nicht schreiben. Wenn es mir aber gelingt in diese lite­ra­ri­sche Haut zu schlüpfen, dann ist es wie Bobby Fischer gesagt hat: Man muss die Figuren richtig plat­zieren und der Rest kommt von allein.

 

n.: Schnee, Schnee­sturm, Tau­wetter ist im 20. Jahr­hun­dert zur poli­ti­schen Meta­pher geworden. Bei Blok deutet der Schnee­sturm auf die Revo­lu­tion hin, Zabo­lo­ckij beginnt sein Tau­wet­ter­ge­dicht mit: „Tau­wetter nach dem Schnee­sturm“, Kabakov spricht davon, dass die sowje­ti­sche Regie­rung von den Men­schen hin­ge­nommen würde wie ein Schnee­sturm. Kann man über Schnee­stürme schreiben, ohne die poli­ti­sche Meta­phorik mit­zu­denken?

 

V.S.: Ich stimme der Aus­sage von Kabakov voll­kommen zu. Es ist eine bekannte Meta­pher, dass das Land unter Stalin poli­tisch ein­fror und danach ein Tau­wetter ein­trat, so wie der Früh­ling, der auf den Winter folgt. Auch mein Metel’ wurde im Aus­land oft poli­tisch gelesen, beson­ders in Deutschland.Es gibt eben bestimmte Scha­blonen, die immer zum Zug kommen, wenn über Russ­land geschrieben wird. Russ­land als Land des Schre­ckens, wo alle euro­päi­schen Wert­vor­stel­lungen sterben. Mich hat das über­rascht, denn meiner Mei­nung nach geht es im Buch vor allem um die Meta­physik, um den Men­schen und um den beson­deren Raum. Man muss sich schon einige Mühe geben, um hier die Politik hin­ein­zu­bringen.

 

n.: Stört Dich diese Poli­ti­sie­rung?

 

V.S.: Natür­lich gibt es ober­fläch­liche Inter­pre­ta­tionen. Als Profi schreibe ich aber für all jene Men­schen, die nicht erst seit ges­tern lesen. Men­schen die eine echte Liebe zur Lite­ratur haben und bei denen schon ein gewisser Back­ground vor­handen ist.

 

n.: Vielen herz­li­chen Dank für das Gespräch!

 

V.S.: Ich erin­nere mich nicht, mich so lange und ernst­haft über meine Lieb­lings­sub­stanz, den Schnee, unter­halten zu haben. Danke.

 

Das Gespräch führten:

Gianna Fröli­cher, Simon Gerber, Irina Huber, Raphael Jost, Tat­jana Kel­len­berger, Tajona Kirch­gessner, Csilla Kovacs, Anna Möhl, Ilma Rakuša, Sylvia Sasse, Anita Vasić.

Top