Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Lei­chen­berge, wohin man auch schaut

Ein auto­bio­gra­fi­scher Bericht von der Ver­ban­nung ans Ende der Welt

Viel Zeit hatte die Litauerin Dalia Grin­ke­vičiūtė nicht, um ihre Erin­ne­rungen an die Depor­ta­tion und das Leben in der Arktis nie­der­zu­schreiben. In knappen Worten beschreibt sie den Hunger, die Kälte, ihre Hoff­nungen und Ängste. Vor allem aber gibt sie ein­dring­lich Zeugnis vom mensch­li­chen Über­le­bens­willen. „Aber der Himmel – gran­dios“, längst Pflicht­lek­türe an litaui­schen Schulen, ist im Jahr 2014 end­lich auch auf Deutsch erschienen.


grinkeciviute_Cover_dt
„Das Leben, Dalia, besteht nicht nur aus ange­nehmen Dingen. Das Leben ist ein Kampf. Bereite dich auf diesen Kampf vor, damit du nicht vom ersten Sturm umge­worfen wirst.“

 

An diese Worte ihres Vaters erin­nert sich Dalia Grin­ke­vičiūtė nach den beschwer­lichsten Monaten ihres Lebens. Anfang der 1940er Jahre findet die Depor­ta­tion zahl­loser Litauer durch die Sowjet­macht statt. Ziel der Reise, die viele Opfer unter den Depor­tierten for­dert, ist die Arktis, der äußerste Norden Russ­lands. Als Dalia die Arktis erreicht, ist sie 15 Jahre alt. Ihre Zeit im Gulag unter­bricht sie erst 1949 im Alter von 22 Jahren durch eine kurz­zei­tige Flucht nach Litauen. Sie erfüllt den Wunsch ihrer kranken Mutter, die in ihrer Heimat sterben und bei­gesetzt werden will. Ohne Rei­se­pässe und einen Plan errei­chen sie ihr Ziel. Die Mutter stirbt und noch wäh­rend Dalia sich in Litauen auf­hält, schreibt sie ihre Erin­ne­rungen an ihr erstes Jahr in der Ver­ban­nung auf vielen losen Blät­tern auf und ver­scharrt diese dann in einem Ein­weck­glas im Garten des Eltern­hauses. Kurz darauf macht der KGB die Geflo­hene aus­findig – und schickt sie zurück in die Ver­ban­nung.

 

Erst 1991, etwa vierzig Jahre später tau­chen die ori­gi­nalen Auf­zeich­nungen zufällig wieder auf. Das Grund­stück hatte längst andere Besitzer und sollte zwecks Umge­stal­tung umge­graben werden. Da stieß man auf das schmut­zige Ein­weck­glas, dessen Inhalt zügig unter dem Titel Lie­tu­viai prie Lap­tevų jūros (Litauer an der Lap­tewsee) ver­öf­fent­licht wurde.
Die auto­bio­gra­fi­sche Erzäh­lung über das (Über-)Leben im sowje­ti­schen Gulag fügt sich in eine Reihe von Ver­ban­nungs­be­richten ein. Einer der bekann­testen ist zwei­fels­ohne Der Archipel Gulag des Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Alek­sandr Solže­nicyn. Ver­ban­nungs­be­richte sind Zeug­nisse der Grau­sam­keiten und Demü­ti­gungen, die Depor­tierte über Jahre und Jahr­zehnte erleiden mussten. Die Autoren ver­eint nicht selten ihr unbe­zwing­barer Über­le­bens­wille, ohne den die Nach­welt nie von ihren Leiden erfahren hätte. Doch die unter dem deut­schen Titel Aber der Himmel – gran­dios erschie­nenen Auf­zeich­nungen schil­dern nicht nur den Kampf eines Mäd­chens um ihr Leben (vor dem ihr Vater sie einst gewarnt hatte), son­dern zugleich eine Rebel­lion gegen zwei Gewalten, die sie um jeden Preis beugen wollen, den sowje­ti­schen Staat und die Natur.

 

1949 befand sich die 22-jäh­rige Dalia auf der Flucht vor dem KGB, wes­halb sie ihre Erin­ne­rungen an ihr Jahr im Gulag nie­der­schrieb. In der Eile blieb keine Zeit für Aus­schmü­ckungen, rhe­to­ri­sche Mittel oder gar lange, kunst­voll ver­schach­telte Sätze. Die Sprache der Auf­zeich­nungen ver­harrt daher auf einem sehr ein­fa­chen, all­täg­li­chen, manchmal sogar derben Niveau und nimmt gerade dadurch mit­unter bis­sige Züge an. So schil­dert Dalia bei­spiels­weise, wie sie gemeinsam mit Hun­derten anderer Ver­bannter ein­ge­pfercht auf engstem Raum in einem sti­ckigen Waggon in Rich­tung Russ­land reist: „Die Reise dehnt sich ins Unend­liche. Plötz­lich beherrscht mich der Wunsch, der Zug möge ent­gleisen und die Wag­gons aus­ein­an­der­bre­chen, damit ich end­lich fri­sche Luft bekomme. Ich werde wahn­sinnig.“ Solche Ein­sichten in die innere, ver­zwei­felte Welt der Depor­tierten, die Offen­heit, mit der Dalia erzählt, machen das Werk über­zeu­gend und lebendig.

 

Dalias Bericht stellt einen Fluss von Erin­ne­rungen dar. Chro­no­lo­gisch geordnet und ohne eine künst­liche Ein­tei­lung in Kapitel, ist er von Dalias Emo­tionen durch­zogen und ent­hält immer wie­der­keh­rende Erin­ne­rungen an ihr frü­heres Leben in Litauen. Es sind selbst­ver­ständ­liche, all­täg­liche Dinge wie Satt-Sein, Kör­per­pflege und sau­bere Klei­dung, die ihr rück­bli­ckend als uner­reich­barer Luxus erscheinen. Dalia und die anderen Ver­bannten beherrscht nur noch der Gedanke ans Essen. Es sind zwei Gewalten, die sowje­ti­sche Staats­ge­walt und die Natur­ge­walt, die den Men­schen zu einer Grat­wan­de­rung zwi­schen Tier-Sein und Tot-Sein zwingen. Alle fühlen sich zu Tieren degra­diert, sind befallen von Läusen und ver­dammt dazu, die immer gleiche nach Schweiß und Exkre­menten stin­kende Klei­dung am Leib zu tragen. Aus­nahmslos alle leiden an Schmerzen und oft qual­vollen Krank­heiten. Um in der klir­renden Kälte eine kleine Über­le­bens­chance zu haben, stehlen die Bewohner der selbst­ge­bauten ärm­li­chen Bara­cken Feu­er­holz für die win­zigen Öfen. Wer keine Kraft für den Über­le­bens­kampf hat, stirbt, und zwar oft unbe­merkt oder unbe­achtet. Trotz des Elends, das sie umgibt, rea­li­siert Dalia in einem Moment der Nach­denk­lich­keit die tan­zenden Nord­lichter am nacht­dunklen Himmel. „Aber der Himmel – gran­dios“, denkt sie.

 

Dieser Schlüs­sel­mo­ment in dem auto­bio­gra­fi­schen Text steht für den starken Über­le­bens­willen, den diese junge Frau in sich trägt. Dalia ist längst kein Kind mehr, son­dern eine starke, selbst­si­chere Rebellin. Selbst im Ange­sicht des mög­li­chen Todes bewahrt sie ihren Willen, ihre Kraft und ihre mensch­liche Würde, indem sie das „Tier“ besiegt, den Zustand der anima, nur noch atmendes und essendes Lebe­wesen zu sein, wel­cher Besitz von ihr ergreifen will. Reste von vor­han­dener Mensch­lich­keit und von Hoff­nung blitzen immer wieder auf. Das geht nicht nur Dalia so, son­dern auch anderen Ver­bannten, zumeist, wenn Musik erklingt oder Gesang ange­stimmt wird.

 

Dalia Grin­ke­vičiūtės Auf­zeich­nungen enden mit dem Beginn des zwei­mo­na­tigen Som­mers im Jahre 1943. Zu diesem Zeit­punkt ist sie 16 Jahre alt. Sie ver­bringt wei­tere Jahre im Gulag, schafft kurz­zeitig die Flucht nach Litauen und wird erneut ver­schickt. In ihr altes Leben sollte sie nie wieder zurück­kehren.

 

Grin­ke­vičiūtė, Dalia: Aber der Himmel – gran­dios. Aus dem Litaui­schen von Vytenė Muschick. Berlin: Mat­thes & Seitz 2014.
Grin­ke­vičiūtė, Dalia: Lie­tu­viai prie Lap­tevᶙ jūros. Vil­nius: Lie­tuvos rašy­tojų sąjungos leidykla 2005.

Top