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Ein Tornado aus Wałbrzych

Posted on 26. April 2014 by Nina Seiler
Dominika Chmura wird vom Wind in die Welt hinausgeblasen. Jenem Wind, der alle Figuren in Joanna Bators Roman "Wolkenfern (Chmurdalia)" mal stürmischer, mal zärtlicher umweht. Der Roman spannt einen Bogen zwischen verschiedenen Generationen, verbindet Realität und Mythos – und ist ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Lebensweise, die die vergangene und die zukünftige Welt umarmt, ohne sich ihr zu ergeben.

Joanna Bator eröffnet den Figuren in Wolkenfern die Welt außerhalb Polens

 

Dominika Chmura wird vom Wind in die Welt hinausgeblasen. Nach einem Autounfall wacht sie 1990 in einer Klinik in München aus dem Koma auf, doch die Rückkehr nach Wałbrzych, in ihre Heimatstadt in Niederschlesien, erscheint ihr unmöglich. So steigt ihre Mutter Jadzia alleine in den Bus Richtung Polen, während Dominika mit der – zum Schrecken Jadzias – schwarzen Krankenschwester Sara auf Reisen geht. Mit sich nimmt sie kaum mehr als den Geruch verbrannten Fleisches, den Verlust ihres mathematischen Talents sowie eine neue Fotokamera, und sie wird sich in den nächsten Jahren vom Wind treiben lassen, der alle Figuren in diesem Roman mal stürmischer, mal zärtlicher umweht. Ganz besonders heftig tobt der Wind allerdings nach wie vor in Wałbrzych, „vor allem im Durchgang zwischen dem Babel und dem nächsten, ganz ähnlichen Block, in diesem Durchgang führt das mysteriöse Zusammentreffen bestimmter Umstände dazu, dass hier immer, unabhängig von Temperatur und Jahreszeit, ein Tornado tobt. Jadzia hat den Eindruck, es sei jetzt sogar noch zugiger als früher im Sozialismus, die Frauen halten sich an ihren schweren Einkaufsnetzen fest, die Hundebesitzer klemmen sich die kleineren Exemplare unter den Arm, Mütter stopfen die Decke fester um ihre Kinder, und trotzdem ist es vorgekommen, dass der Wind einen ganzen Kinderwagen mit einem Frühchen drin und zwei Cockerspaniels in die Lüfte gerissen hat, so eine Tragödie, und das direkt vor den Feiertagen.“ Und dennoch vermag der Wind die langsam vor sich hin schrumpelnde, neue und doch schon abgenutzte nachsozialistische Realität nur selten zu durchbrechen. Bekanntlich herrscht im Auge des Tornados ja Windstille.

 

Joanna Bator legt mit Wolkenfern (Chmurdalia) ihren zweiten Roman vor, in dem sie an die Erzählung aus ihrem Erstling Sandberg (Piaskowa Góra) anknüpft. Die 46-Jährige konzentriert sich seit 2011 ausschließlich auf ihre schriftstellerische Tätigkeit, die sie 2002 mit der autofiktionalen Erzählung Kobieta (Frau) begonnen hatte. Die mittlerweile niedergelegte Beschäftigung in den Geisteswissenschaften schimmert aber noch durch, und so kann der geneigte Leser Anleihen feministischer und postkolonialer Kritik oder Entwürfe eines postmodernen Lebens in ihrem Roman ausmachen. Bator ist jedoch zugute zu halten, dass sie diesen Hintergrund der Erzählung nicht im Sinne einer Belehrung oder Demonstration ihres Wissens überstülpt, sondern spielerisch und kreativ mit den Konzepten umgeht. Man ist ihr dankbar dafür, dass man während der Lektüre kein Lexikon der Dekonstruktion neben sich liegen haben muss. Esther Kinsky bringt den angeregten Erzählfluss in Wolkenfern leichtfüßig ins Deutsche und schafft es, die Soziolekte der Figuren anzudeuten, ohne sie ins Extrem zu verzerren.

 

Wolkenfern ist eine Art Generationengeschichte, die den Bogen der Erzählung bis vor den Zweiten Weltkrieg spannt. Wie Olga Tokarczuk trägt Bator die Schichten der Vergangenheit ab und lackiert die Funde mit ihrer Erzählkunst neu. Auch sie bedient sich eines magischen Realismus, denkt Realität und Mythos zusammen. Es ist allerdings weniger die Magie eines bestimmten Ortes als das Netz von persönlichem Austausch und odysseischer Bewegung, das der Erzählung Struktur gibt. Nach der Elterngeneration in Sandberg widmet sich Wolkenfern der Tochter Dominika, die die poröse Klammer um das Geschehen bildet. Es kann aber keine Rede von einem konventionellen Familienepos sein. Schon allein deshalb, weil die „Familie“ aus lauter Bruchstücken besteht, Findelkindern, Angeheirateten, Hinzugedichteten, Nachbarn, Geistern oder den Teetanten, diesen zwei Schwestern, denen man die Verwandtschaft nicht ganz abkauft, die so ganz ohne Mann auskommen und doch ein Kind aufziehen. Aber für solche Lebensweisen gibt es im Kamieńsk der 1930er Jahre keine Bezeichnung, und so nennt man die angeblichen Schwestern einfach Teetanten und akzeptiert sie als solche. Immer wieder tauchen Menschen auf, die sich nicht so ganz in das in Polen stark verankerte und von vielen Figuren explizit gepflegte traditionelle Verständnis der Geschlechterrollen einfügen lassen. Dominikas Mutter, Jadzia Chmura, etwa findet im „Homodingsbums“ Jeremiasz Mucha, ihrem ehemaligen Nachbarn, einen willkommenen Gesprächspartner, und plötzlich ist es nicht mehr wichtig, dass dieser nicht als Witwentröster in Frage kommt. Auch Dominika selbst, die alle neuen Bekannten an irgendjemanden erinnert und so, wie der ebenfalls durch die Welt reisende Nachttopf Napoleons, ein leeres Gefäß darstellt, das jeder nach Belieben füllen kann – auch Dominika erweckt bei ihrem Angetrauten, einem homosexuellen amerikanischen Konditor, schon mal das Gefühl, dass sie der lange herbeigesehnte „süßmäulige Junge“ sein könnte. Trotz dieser zeitweiligen Verwischungen zwischen den Geschlechtern spielen doch die weiblichen Figuren in diesem Roman die erste Geige, womit Bator wiederum eine ähnliche Erzählperspektive vorgibt wie in Sandberg.

 

Die polnischen Männer, arbeitslos geworden durch Schließung der schlesischen Bergwerke, sitzen depressiv zuhause vor dem Fernseher, betrinken sich oder sind ohnehin schon tot. In Amerika ist es kaum anders, da tauchen die Männer einmal monatlich auf, um das eventuell liegen gelassene Lohnkuvert ihrer Frauen mitgehen zu lassen. Die Frauen sind Hauptfokus des Erzählens, und dass viele davon als verschroben oder „spinnert-spleenig“ gelten, liegt vor allem an der Betrachtungsweise ihrer Umwelt. Denn was exzentrisch ist, das ist es vor allem für die Anderen; und so gibt Bator allen das Recht, ihre Geschichte zu erzählen. Diese Frauen sind herrlich eigenwillig, ohne rücksichtslos zu sein. In diesem Sinne ist Wolkenfern ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Lebensweise, die sich nicht an haltlos gewordenen Normen orientiert; die die vergangene und die zukünftige Welt umarmt, ohne sich ihr zu ergeben. Und dennoch ist diese Lebensweise immer unabgeschlossen, eine stete Suche in einer unsteten Realität, die immer weiter von Wałbrzych wegführt und doch seltsam zentriert ist. Die Odyssee, die sich wie der napoleonische Nachttopf oder die Referenzen auf Haare und Frisuren leitmotivisch durch das Buch zieht, ist hier das Sich-treiben-lassen hin zu einer imaginierten Heimat, einem Wolkenfern, Chmurdalia, das wie der Horizont unerreichbar bleibt.

Obwohl die Welt von Wolkenfern tief in der Realität verwurzelt ist und die Widrigkeiten des Lebens kaum beschönigt, wird die ganze Erzählung von einem Hauch von Magie beschwingt. Vielleicht ist es der unbestimmte Glaube an Wolkenfern, der es ermöglicht, dass eine Gruppe polnischer Ausflügler in ihrem Auto unbeschadet an einen Hügel von Wałbrzych gespült wird, als die Flut aus einem geborstenen Staudamm sie mitreißt. Oder dass die ertrunkenen Teetanten nicht etwa auf den Grund des Flusses sinken, sondern als Nixen die Fantasie des Dorfsäufers beflügeln. Doch die Magie bewirkt nicht nur Erfreuliches. Dem jüdischen Fotografen Ludek Borowic aus Kamieńsk enthüllt sie Prophezeiungen des Todes, wenn die abgelichteten Personen unerklärlicherweise verschwommen, wie von Nebel umhüllt auf dem Abzug erscheinen. Am Vorabend des Holocaust erfüllt ihn dies mit einer grausamen Ahnung.

 

Doch Fotografien sind nicht nur Vorboten des Todes. Dominika zerlegt mit ihrer Fotokamera New York, London oder die griechische Insel Karpathos in Einzelteile, und während sie ihre Mitmenschen und ihre Umgebung fragmentarisch festhält, entdeckt sie im Fotografieren ihre Berufung. Alte Aufnahmen wiederum dienen den Protagonisten dazu, in die Vergangenheit einzudringen, Erinnerungen wach werden zu lassen. Ganz zentral sind Bilder als Ausgangspunkt einer Geschichte. Und so ist dieser Roman auch eine Geschichte vom Erzählen, vom Ausgraben, Nachforschen, vom Wieder- und Weitergeben, vom Ausschmücken oder frei Erfinden. Jeder erzählt seine – manchmal auch eine fremde – Geschichte nach Gutdünken, und über diese Erzählfäden und -netze bildet sich ein weltumspannender Teppich von Beziehungen, Querverbindungen, Sehnsüchten und nie ganz spurlosem Verschwinden. Die Figuren, allen voran die Kristallisationsfigur Grażynka, an deren Haut Neid und Begehren wie Blasen zerplatzen, bewegen sich unumgänglich in diesem Spannungsfeld, das einem das Gefühl gibt, nie ganz einsam zu sein, und das von unzähligen Erinnerungen getragen wird. Grażynka, die sich einer dauerhaften Festlegung sanft, aber bestimmt entzieht, bildet eine Art Nährboden dieses Geflechts. „Keine Erzählungen kommen aus ihrem Mund, nur ein besänftigender Strom von Worten, die wie Musik sind, doch man kann nicht behaupten, dass sie von nichts redet, es ist vielmehr, als könnte sie die Worte finden, die das Leben selbst zum Ausdruck bringen.“

 

Inzwischen ist ein weiteres Werk Bators erschienen, Ciemno, prawie noc (Dunkel, fast Nacht), das 2013 den bedeutendsten polnischen Literaturpreis Nike gewann. Wiederum geht es darin um Bators Heimatstadt Wałbrzych, doch im Mittelpunkt steht nicht mehr die Familie Chmura, sondern eine Reporterin, die den mysteriösen Vorgängen um eine Reihe verschwundener Kinder in der Stadt auf den Grund gehen will. Man kann dem deutschsprachigen Publikum nur wünschen, dass Esther Kinsky bereits an der Übersetzung arbeitet.

 

Bator, Joanna: Chmurdalia. Warszawa: Wydawnictwo W.A.B., 2010.
Bator, Joanna: Wolkenfern. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2013.

 

Weitere im Text erwähnte Werke Bators:
Bator, Joanna: Kobieta. Warszawa: Wydawnictwo Twój Styl, 2002.
Bator, Joanna: Piaskowa Góra. Warszawa: Wydawnictwo W.A.B., 2009.
Bator, Joanna: Sandberg. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011.
Bator, Joanna: Ciemno, prawie noc. Warszawa: Wydawnictwo W.A.B., 2012.

Rezension_Bator

Ein Tornado aus Wałbrzych – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Tor­nado aus Wałbrzych

Joanna Bator eröffnet den Figuren in Wol­ken­fern die Welt außer­halb Polens

 

Domi­nika Chmura wird vom Wind in die Welt hin­aus­ge­blasen. Nach einem Auto­un­fall wacht sie 1990 in einer Klinik in Mün­chen aus dem Koma auf, doch die Rück­kehr nach Wał­brzych, in ihre Hei­mat­stadt in Nie­der­schle­sien, erscheint ihr unmög­lich. So steigt ihre Mutter Jadzia alleine in den Bus Rich­tung Polen, wäh­rend Domi­nika mit der – zum Schre­cken Jad­zias – schwarzen Kran­ken­schwester Sara auf Reisen geht. Mit sich nimmt sie kaum mehr als den Geruch ver­brannten Flei­sches, den Ver­lust ihres mathe­ma­ti­schen Talents sowie eine neue Foto­ka­mera, und sie wird sich in den nächsten Jahren vom Wind treiben lassen, der alle Figuren in diesem Roman mal stür­mi­scher, mal zärt­li­cher umweht. Ganz beson­ders heftig tobt der Wind aller­dings nach wie vor in Wał­brzych, „vor allem im Durch­gang zwi­schen dem Babel und dem nächsten, ganz ähn­li­chen Block, in diesem Durch­gang führt das mys­te­riöse Zusam­men­treffen bestimmter Umstände dazu, dass hier immer, unab­hängig von Tem­pe­ratur und Jah­res­zeit, ein Tor­nado tobt. Jadzia hat den Ein­druck, es sei jetzt sogar noch zugiger als früher im Sozia­lismus, die Frauen halten sich an ihren schweren Ein­kaufs­netzen fest, die Hun­de­be­sitzer klemmen sich die klei­neren Exem­plare unter den Arm, Mütter stopfen die Decke fester um ihre Kinder, und trotzdem ist es vor­ge­kommen, dass der Wind einen ganzen Kin­der­wagen mit einem Früh­chen drin und zwei Cocker­spa­niels in die Lüfte gerissen hat, so eine Tra­gödie, und das direkt vor den Fei­er­tagen.“ Und den­noch vermag der Wind die langsam vor sich hin schrum­pelnde, neue und doch schon abge­nutzte nach­so­zia­lis­ti­sche Rea­lität nur selten zu durch­bre­chen. Bekannt­lich herrscht im Auge des Tor­nados ja Windstille.

 

Joanna Bator legt mit Wol­ken­fern (Chmur­dalia) ihren zweiten Roman vor, in dem sie an die Erzäh­lung aus ihrem Erst­ling Sand­berg (Pias­kowa Góra) anknüpft. Die 46-Jäh­rige kon­zen­triert sich seit 2011 aus­schließ­lich auf ihre schrift­stel­le­ri­sche Tätig­keit, die sie 2002 mit der auto­fik­tio­nalen Erzäh­lung Kobieta (Frau) begonnen hatte. Die mitt­ler­weile nie­der­ge­legte Beschäf­ti­gung in den Geis­tes­wis­sen­schaften schim­mert aber noch durch, und so kann der geneigte Leser Anleihen femi­nis­ti­scher und post­ko­lo­nialer Kritik oder Ent­würfe eines post­mo­dernen Lebens in ihrem Roman aus­ma­chen. Bator ist jedoch zugute zu halten, dass sie diesen Hin­ter­grund der Erzäh­lung nicht im Sinne einer Beleh­rung oder Demons­tra­tion ihres Wis­sens über­stülpt, son­dern spie­le­risch und kreativ mit den Kon­zepten umgeht. Man ist ihr dankbar dafür, dass man wäh­rend der Lek­türe kein Lexikon der Dekon­struk­tion neben sich liegen haben muss. Esther Kinsky bringt den ange­regten Erzähl­fluss in Wol­ken­fern leicht­füßig ins Deut­sche und schafft es, die Sozio­lekte der Figuren anzu­deuten, ohne sie ins Extrem zu verzerren.

 

Wol­ken­fern ist eine Art Genera­tio­nen­ge­schichte, die den Bogen der Erzäh­lung bis vor den Zweiten Welt­krieg spannt. Wie Olga Tokar­czuk trägt Bator die Schichten der Ver­gan­gen­heit ab und lackiert die Funde mit ihrer Erzähl­kunst neu. Auch sie bedient sich eines magi­schen Rea­lismus, denkt Rea­lität und Mythos zusammen. Es ist aller­dings weniger die Magie eines bestimmten Ortes als das Netz von per­sön­li­chem Aus­tausch und odyss­ei­scher Bewe­gung, das der Erzäh­lung Struktur gibt. Nach der Eltern­ge­nera­tion in Sand­berg widmet sich Wol­ken­fern der Tochter Domi­nika, die die poröse Klammer um das Geschehen bildet. Es kann aber keine Rede von einem kon­ven­tio­nellen Fami­li­en­epos sein. Schon allein des­halb, weil die „Familie“ aus lauter Bruch­stü­cken besteht, Fin­del­kin­dern, Ange­hei­ra­teten, Hin­zu­ge­dich­teten, Nach­barn, Geis­tern oder den Tee­tanten, diesen zwei Schwes­tern, denen man die Ver­wandt­schaft nicht ganz abkauft, die so ganz ohne Mann aus­kommen und doch ein Kind auf­ziehen. Aber für solche Lebens­weisen gibt es im Kamieńsk der 1930er Jahre keine Bezeich­nung, und so nennt man die angeb­li­chen Schwes­tern ein­fach Tee­tanten und akzep­tiert sie als solche. Immer wieder tau­chen Men­schen auf, die sich nicht so ganz in das in Polen stark ver­an­kerte und von vielen Figuren explizit gepflegte tra­di­tio­nelle Ver­ständnis der Geschlech­ter­rollen ein­fügen lassen. Domi­nikas Mutter, Jadzia Chmura, etwa findet im „Homo­dings­bums“ Jere­miasz Mucha, ihrem ehe­ma­ligen Nach­barn, einen will­kom­menen Gesprächs­partner, und plötz­lich ist es nicht mehr wichtig, dass dieser nicht als Wit­wen­tröster in Frage kommt. Auch Domi­nika selbst, die alle neuen Bekannten an irgend­je­manden erin­nert und so, wie der eben­falls durch die Welt rei­sende Nacht­topf Napo­leons, ein leeres Gefäß dar­stellt, das jeder nach Belieben füllen kann – auch Domi­nika erweckt bei ihrem Ange­trauten, einem homo­se­xu­ellen ame­ri­ka­ni­schen Kon­ditor, schon mal das Gefühl, dass sie der lange her­bei­ge­sehnte „süß­mäu­lige Junge“ sein könnte. Trotz dieser zeit­wei­ligen Ver­wi­schungen zwi­schen den Geschlech­tern spielen doch die weib­li­chen Figuren in diesem Roman die erste Geige, womit Bator wie­derum eine ähn­liche Erzähl­per­spek­tive vor­gibt wie in Sand­berg.

 

Die pol­ni­schen Männer, arbeitslos geworden durch Schlie­ßung der schle­si­schen Berg­werke, sitzen depressiv zuhause vor dem Fern­seher, betrinken sich oder sind ohnehin schon tot. In Ame­rika ist es kaum anders, da tau­chen die Männer einmal monat­lich auf, um das even­tuell liegen gelas­sene Lohn­ku­vert ihrer Frauen mit­gehen zu lassen. Die Frauen sind Haupt­fokus des Erzäh­lens, und dass viele davon als ver­schroben oder „spin­nert-spleenig“ gelten, liegt vor allem an der Betrach­tungs­weise ihrer Umwelt. Denn was exzen­trisch ist, das ist es vor allem für die Anderen; und so gibt Bator allen das Recht, ihre Geschichte zu erzählen. Diese Frauen sind herr­lich eigen­willig, ohne rück­sichtslos zu sein. In diesem Sinne ist Wol­ken­fern ein Plä­doyer für eine selbst­be­stimmte Lebens­weise, die sich nicht an haltlos gewor­denen Normen ori­en­tiert; die die ver­gan­gene und die zukünf­tige Welt umarmt, ohne sich ihr zu ergeben. Und den­noch ist diese Lebens­weise immer unab­ge­schlossen, eine stete Suche in einer unsteten Rea­lität, die immer weiter von Wał­brzych weg­führt und doch seltsam zen­triert ist. Die Odyssee, die sich wie der napo­leo­ni­sche Nacht­topf oder die Refe­renzen auf Haare und Fri­suren leit­mo­ti­visch durch das Buch zieht, ist hier das Sich-treiben-lassen hin zu einer ima­gi­nierten Heimat, einem Wol­ken­fern, Chmur­dalia, das wie der Hori­zont uner­reichbar bleibt.

Obwohl die Welt von Wol­ken­fern tief in der Rea­lität ver­wur­zelt ist und die Wid­rig­keiten des Lebens kaum beschö­nigt, wird die ganze Erzäh­lung von einem Hauch von Magie beschwingt. Viel­leicht ist es der unbe­stimmte Glaube an Wol­ken­fern, der es ermög­licht, dass eine Gruppe pol­ni­scher Aus­flügler in ihrem Auto unbe­schadet an einen Hügel von Wał­brzych gespült wird, als die Flut aus einem gebors­tenen Stau­damm sie mit­reißt. Oder dass die ertrun­kenen Tee­tanten nicht etwa auf den Grund des Flusses sinken, son­dern als Nixen die Fan­tasie des Dorfsäu­fers beflü­geln. Doch die Magie bewirkt nicht nur Erfreu­li­ches. Dem jüdi­schen Foto­grafen Ludek Borowic aus Kamieńsk ent­hüllt sie Pro­phe­zei­ungen des Todes, wenn die abge­lich­teten Per­sonen uner­klär­li­cher­weise ver­schwommen, wie von Nebel umhüllt auf dem Abzug erscheinen. Am Vor­abend des Holo­caust erfüllt ihn dies mit einer grau­samen Ahnung.

 

Doch Foto­gra­fien sind nicht nur Vor­boten des Todes. Domi­nika zer­legt mit ihrer Foto­ka­mera New York, London oder die grie­chi­sche Insel Kar­pa­thos in Ein­zel­teile, und wäh­rend sie ihre Mit­men­schen und ihre Umge­bung frag­men­ta­risch fest­hält, ent­deckt sie im Foto­gra­fieren ihre Beru­fung. Alte Auf­nahmen wie­derum dienen den Prot­ago­nisten dazu, in die Ver­gan­gen­heit ein­zu­dringen, Erin­ne­rungen wach werden zu lassen. Ganz zen­tral sind Bilder als Aus­gangs­punkt einer Geschichte. Und so ist dieser Roman auch eine Geschichte vom Erzählen, vom Aus­graben, Nach­for­schen, vom Wieder- und Wei­ter­geben, vom Aus­schmü­cken oder frei Erfinden. Jeder erzählt seine – manchmal auch eine fremde – Geschichte nach Gut­dünken, und über diese Erzähl­fäden und ‑netze bildet sich ein welt­um­span­nender Tep­pich von Bezie­hungen, Quer­ver­bin­dungen, Sehn­süchten und nie ganz spur­losem Ver­schwinden. Die Figuren, allen voran die Kris­tal­li­sa­ti­ons­figur Grażynka, an deren Haut Neid und Begehren wie Blasen zer­platzen, bewegen sich unum­gäng­lich in diesem Span­nungs­feld, das einem das Gefühl gibt, nie ganz einsam zu sein, und das von unzäh­ligen Erin­ne­rungen getragen wird. Grażynka, die sich einer dau­er­haften Fest­le­gung sanft, aber bestimmt ent­zieht, bildet eine Art Nähr­boden dieses Geflechts. „Keine Erzäh­lungen kommen aus ihrem Mund, nur ein besänf­ti­gender Strom von Worten, die wie Musik sind, doch man kann nicht behaupten, dass sie von nichts redet, es ist viel­mehr, als könnte sie die Worte finden, die das Leben selbst zum Aus­druck bringen.“

 

Inzwi­schen ist ein wei­teres Werk Bators erschienen, Ciemno, prawie noc (Dunkel, fast Nacht), das 2013 den bedeu­tendsten pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis Nike gewann. Wie­derum geht es darin um Bators Hei­mat­stadt Wał­brzych, doch im Mit­tel­punkt steht nicht mehr die Familie Chmura, son­dern eine Repor­terin, die den mys­te­riösen Vor­gängen um eine Reihe ver­schwun­dener Kinder in der Stadt auf den Grund gehen will. Man kann dem deutsch­spra­chigen Publikum nur wün­schen, dass Esther Kinsky bereits an der Über­set­zung arbeitet.

 

Bator, Joanna: Chmur­dalia. Wars­zawa: Wydaw­nictwo W.A.B., 2010.
Bator, Joanna: Wol­ken­fern. Aus dem Pol­ni­schen von Esther Kinsky. Berlin: Suhr­kamp Verlag, 2013.

 

Wei­tere im Text erwähnte Werke Bators: 
Bator, Joanna: Kobieta. Wars­zawa: Wydaw­nictwo Twój Styl, 2002.
Bator, Joanna: Pias­kowa Góra. Wars­zawa: Wydaw­nictwo W.A.B., 2009.
Bator, Joanna: Sand­berg. Aus dem Pol­ni­schen von Esther Kinsky. Berlin: Suhr­kamp Verlag, 2011.
Bator, Joanna: Ciemno, prawie noc. Wars­zawa: Wydaw­nictwo W.A.B., 2012.

Rezension_Bator