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Ernüchterungen in Zagreb

Posted on 26. November 2008 by Maximilian Sekira
"Izlaz Zagreb Jug" (Ausfahrt Zagreb Süd) und "Oči" (Kalda): Zwei Romane, mit denen Popović ein Porträt seiner Generation vorlegt und die gesellschaftlichen Transformationen in Kroatien und Zagreb fühlbar macht. Mit beißendem Witz werden hier die Orientierungslosigkeit und die Desintegration durch die neuen Verhältnisse beschrieben...

Kroatiens „lost generation“ und ihr Chronist Edo Popović

 

Izlaz Zagreb Jug (Ausfahrt Zagreb Süd) und Oči (Kalda): Zwei Romane, mit denen Popović ein Porträt seiner Generation vorlegt und die gesellschaftlichen Transformationen in Kroatien und Zagreb fühlbar macht. Mit beißendem Witz werden hier die Orientierungslosigkeit und die Desintegration durch die neuen Verhältnisse beschrieben.

In Kroatien wurde Edo Popović durch seine Kriegsreportagen in den 1990er Jahren bekannt, seit dem Roman Ponoćni Boogie – zu deutsch „Mitternachtsboogie“ – gilt er als einer der interessantesten Erzähler seiner Generation. Doch auch zuvor ist Edo Popović kein Unbekannter: Geboren wurde er 1957 in Bosnien-Herzegowina, lebte seit 1968 in Zagreb und war Mitbegründer von Quorum, einer zentralen Literaturzeitschrift in Jugoslawien.

Sein Roman Izlaz Zagreb jug dessen Titel auf Hubert Selbys Last Exit to Brooklyn (1964) verweist, erschien 2003, wurde von der kroatischen Literaturkritik begeistert aufgenommen und 2006 von Alida Bremer ins Deutsche übersetzt. Er erschien unter dem wortgetreu übersetzten Titel Ausfahrt Zagreb-Süd bei Voland & Quist (www.voland-quist.de). 2008 folgte ein weiterer Roman mit dem Titel Kalda.
Die beiden Romane weisen bezüglich stilistischer und inhaltlicher Elemente große Ähnlichkeiten auf. Die zentrale Figur ist jeweils ein scheiternder Künstler – in einem Fall ein Schriftsteller, im anderen ein Fotograf. Die autobiographische Färbung ist mitunter nicht zu übersehen: Popović führt in Ausfahrt Zagreb Süd zwei Schriftsteller seiner Generation vor, die in ihrem privaten und gesellschaftlichen Scheitern der bissigen Ironie des Autors preisgegeben werden. Die Hauptfigur in Kalda weist offensichtliche Parallelen zu Popovićs Biographie auf: Beide kommen aus Bosnien-Herzegowina, verbringen ihre Jugend in Zagreb und arbeiten in den 1990er Jahren als Kriegsreporter.

 

Die Romane sind vor allem im Hinblick auf die ausgefeilten Figurenentwürfe vergleichbar und aufeinander beziehbar, lassen sich also als inhaltliche Fortführungen oder Erweiterungen lesen. Denn Popović beschreibt in beiden Romanen Lebensskizzen jener, die durch den Krieg ihre Illusionen verloren haben und in der neuen kapitalistischen Ordnung Kroatiens auf der Verliererseite gelandet sind. Das Aufwachsen im Sozialismus, der Krieg und die von Korruption, Arbeitslosigkeit und traumatischen Erinnerungen geprägte Nachkriegszeit bilden den Hintergrund für das Schlingern seiner Protagonisten durch zwischenmenschliche und finanzielle Katastrophen. Sie erinnern an die von Douglas Coupland als Generation X sprichwörtlich gewordenen amerikanischen Slacker der 1980er und -90er Jahre und deren Unfähigkeit, sich mit ihrer Gesellschaft zu identifizieren. Im Unterschied zu diesen sind Popovićs Protagonisten jedoch ein paar Jahrzehnte zu alt für ihre pubertär-rebellische Attitüde.

In Ausfahrt Zagreb Süd begegnet dem Leser der ständig trinkende ehemalige Erfolgsautor Baba, der nach dem frustrierenden Brotjob bei einer Zeitung in seiner Stammkneipe die Zeit absitzt und die schäbige Einrichtung und die speckigen Finger der Kellnerin als Oasen der Authentizität Zagrebs hochleben lässt. Seine Liebesbeziehung mit einer weiteren Romanfigur Vera, ist durch die Trinkerei längst zerstört, und so sitzt er an der Bar, mit einer "Scheißangst, nach Hause zu gehen. Die Angst vorm Nachhausegehen ist eine unerforschte Krankheit. Sie wird aus unerfindlichen Gründen völlig vernachlässigt, und im Unterschied zu anderen Ängsten hat sie keinen medizinischen Status. Sie hat nicht mal einen Namen. Wie kuriert man sich von einer namenlosen Krankheit, die von der Medizin ignoriert wird?"

Edo_Popovic_Portait1Der zweite verhinderte Schriftsteller des Romans ist Robi. Von einem Mutterkomplex geplagt und finanziell von den Eltern abhängig, leitet er einen Buchladen, in dem kaum etwas gekauft wird außer Lebensratgeber. Mit seinen kulturpessimistischen Schimpftiraden pflegt er seine spärliche Kundschaft zu verprellen, bis sich eine junge Frau durch sein intellektuelles Schaulaufen zunächst beeindrucken lässt. Prototyp für Popovićs Konsumkritik ist der ehemalige Anwalt Kančeli, der sich in ein Eremitendasein in seine Wohnung zurückgezogen hat: "Stellt euch einen Typen vor, der Strom, Telefon, Fernseher, Computer und Ähnliches abgeschafft hat, heutzutage, wo jeder Nichtsnutz über eine erhebliche Anzahl solcher neumodischen Strahlenquellen verfügt. Jemanden, der sagt: Wozu brauch ich das alles? Ich brauch das nicht. Von solchen Sachen, von all diesen Bildern, Geräuschen und Informationen bekomme ich nur Kopfschmerzen." Wie sein Freund Baba ist Kančeli ein heftiger Trinker. Als er beschließt, damit aufzuhören, macht er dies mit größtmöglicher Selbstbestimmung und scheinbar unbeschwert, sein Kurzbesuch in einer Entzugsklinik wird zur Farce. Tee bereitet er mit dem Campingkocher zu und der Hanf gedeiht und grünt auf dem Fensterbrett. Das Notwendigste verdient er – drastisch überqualifiziert – beim Säubern von Fischen auf dem Markt oder von Autos in der Waschanlage. Die scheinbare Selbstzufriedenheit wird aber durch die Erinnerung an Tochter und Frau durchbrochen, die er wegen seines Alkoholismus verloren hat.
Babas Frau Vera sehnt das Ende der Beziehung herbei und gratuliert sich selbst zu ihrem 40. Geburtstag: "Prost, ihr Augenringe, erhob sie die Tasse vor dem Spiegel. Es ist echt unglaublich, wie gut ihr mir steht. Alle Achtung. Ein Prosit auch auf euch, ihr Falten, ich bin stolz auf euch und liebe euch alle. Ich werde alt, na und, fuhr sie den Spiegel an. Die Jahre, mein Freundchen, sind kein Problem, keine Katastrophe, ganz im Gegenteil, sie sind ein hervorragender Schutz vor den Männern, wenn du es noch nicht gewusst haben solltest." Die Erinnerung an ihre vergangene Jugend wärmt sie in einem E-Mail-Verkehr mit einem emigrierten alten Freund auf. Für dessen Verklärung der guten Zeit mit der alten Clique hat sie eine Menge Zynismus parat, dennoch hält sie diese Konversation für "billiger als eine Therapie".
Stjepan, ein ehemaliger Matrose und Gastarbeiter auf den Baugerüsten Deutschlands versucht das Leben von der angenehmen Seite zu betrachten. Er beginnt eine zunächst rein sexuelle Beziehung mit Magda. Als Magda später verschwunden scheint, sucht er sie verzweifelt und stellt erstaunt fest, dass er tiefere Gefühle für sie hegt.

Die Figuren des Romans erzählen ihren Alltag selbst. In einer Montage aus inneren Monologen und direkten Reden lassen sie den Leser an ihrer Sicht auf ihre Umgebung teilhaben. Die Auslassung von Satzzeichen, abrupte und unmarkierte Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede, verknappte Sätze und Halbsätze und der Perspektivenwechsel werden so zu einem Sprachfluss, der Bewusstsein, Beobachtung und Gefühl auf unmittelbarem Weg wiedergibt. Darin liegt auch die besondere Stärke von Ausfahrt Zagreb Süd: Die scheinbar ungefilterte Emotion wird durch immer wieder unterbrochene Gedankenstränge und kurzatmige Dialoge an den Leser weitergereicht, wodurch die brutale Ehrlichkeit und der bissige Humor ihre Wirkung entfalten.

Die vielfältig ausgeformten Charaktere sind kunstvoll miteinander verwoben. Nicht nur werden alle in Eigen- und Fremdperspektive, bzw. durch Innen- und Außenansicht je nach Kapitel für den Leser greifbarer. Sie bilden gemeinsam das Mosaik einer Gemeinschaft, die zahlreiche Schnittstellen aufweist: So treffen, streiten, betrinken und beschimpfen sich die Figuren, sind Freunde oder Rivalen, stehen in unterschiedlich intensiven Beziehungen zueinander. Durch das regelmäßige Wiederauftauchen der Figuren, ob in Gesprächen oder in persona entsteht beim Leser der Eindruck, Einblicke in einen in sich vernetzten Mikrokosmos zu erhalten, für den die Peripherie Zagrebs eine ideale, abgrenzbare Bühne bietet. Die Geschichten sind fest in einem Viertel verankert, der Schauplatz bestimmt die Menschen und damit den Text maßgeblich, auch wenn die Themen universell sind. Der Autor lässt am Ort der Geschehnisse keinen Zweifel, das Viertel Utrine, die Straßennamen, die Märkte und Cafés, sie sind alle namentlich genannt.
Ausfahrt Zagreb Süd ist ein Großstadtroman über Zagreb, das in den Nachwehen des nationalistischen Wahns ein kleines Refugium des Rückzugs darstellt. Der Krieg wird zwar nur gestreift, sein Schatten lastet dennoch ständig über der Stadt und ihren Menschen. Popović belässt seinen Figuren die Möglichkeit auf ein glückliches Weiterwursteln, es ergeben sich neue Konstellationen und Chancen. Nicht ohne Ironie heißt es gegen Ende: "Dies ist eine Geschichte mit Happy End. Wie schon Blaise Cendrars sagte: Traurig zu sein, ist zu leicht, zu blöd, zu bequem, ist nicht schlau und liegt immer auf der Hand."

Auch Ivan Kalda, der Protagonist und Ich-Erzähler des gleichnamigen Romans, versucht sein turbulentes Leben zu rekonstruieren – eine verwickelte Angelegenheit: die Kindheit ohne Vater, die Jugend mit zu vielen Drogen und zu wenig Sex, das Überleben als Fotograf im Krieg und im darauf folgenden Turbokapitalismus. Kalda wächst in Dubrava, einem Arbeiterviertel Zagrebs, auf. Er war alles andere als ein Wunschkind, so hinterfragt er die Intentionen seiner Eltern auf skurrile Weise: "Mal ganz ehrlich, fragst du dich nicht auch schon mal, ob man ein Kind produzieren und dann sagen kannst: Es tut uns leid, wir haben uns vertan, wir hätten lieber eine Katze oder so etwas Ähnliches." Nachdem der spielsüchtige Vater die Familie für immer verlässt, um als Zocker durch Europa zu ziehen, müssen sich Kalda und seine Mutter alleine durchschlagen, was in seiner Erinnerung kein großes Problem darstellt. Denn erstens vermissen beide den Vater nicht unbedingt und "überhaupt waren das noch Zeiten, in denen man von der eigenen Arbeit noch leben konnte. Man konnte ganz solide glücklich sein, wenn man nicht zu viel verlangte, und meine Mutter gehörte zu dieser Sorte glücklicher Menschen." Dubrava wird als hartes Pflaster beschrieben, Kalda kann sich aber durchaus beweisen, wenn nötig, behilft er sich schon mal mit einem Ziegelstein, um einen stärkeren Kontrahenten niederzuschlagen. Es herrschen also - so ironisch-verklärt stellt Kalda seine Kindheit dar - raue Sitten, wobei die ethnische Herkunft kaum eine Rolle spielt.

Der Roman erzählt Kaldas Biografie in zwei Strängen. Dessen Werdegang wird rückblickend aufgerollt und durch Bestandsaufnahmen seiner aktuelle Situation unterbrochen, die sich auch durch die Verwendung von Präsens vom Rest abheben. Daraus ergibt sich eine besondere Spannung: Der Erzähler ist eine gestrandete Persönlichkeit, er schmeißt seinen Job hin, um den verachteten Chef, einen Zeitungsherausgeber und Kriegsgewinnler, zu demütigen. Er lebt getrennt von Frau und Sohn, dem gegenüber er sich nicht würdig fühlt, ein Vater zu sein. Die offensichtlich schwierige Kindheit, die sein Therapeut als Auslöser seiner Neurosen sieht, betrachtet Kalda zwar mit lakonischem Weltekel. Dennoch merkt der Leser, dass dessen Traumatisierung anderswo begründet liegt und sich daher dem Leser und Kalda selbst erst nach und nach eröffnet.
Nach dem widerwilligen Abschluss der Schule kauft sich der junge Mann eine Kamera, was sein Leben verändert: er wird Fotograf. Der aufkommende Krieg rüttelt am Ethos des Künstlers. Kalda wird Kriegsfotograf. Die Rolle der Medien, die den Krieg zur Stärkung der Auflagen benutzen, wird von Kalda zwar durchschaut, dennoch spielt er ihr Spiel mit. Es kommt zum Bruch mit seinen Auftraggebern, als er aus moralisch-idealistischen Gründen deren Handeln nicht mehr mittragen will. Nun muss er mit den neuen Verhältnissen zurechtkommen, denn der Krieg spülte die Skrupellosesten nach oben und ließ für ihn nur noch einen Platz am Rande der Gesellschaft übrig. Die biographisch begründeten Zweifel des Autors an der Rolle der Kriegsberichterstatter werden hier ersichtlich.

Kalda ist nicht nur die Entwicklungsgeschichte eines Mannes, es ist auch eine Tour de Force durch die Geschichte Jugoslawiens, Kroatiens, Zagrebs. Ohne Verklärung der "schlechten alten Zeiten" wird die Korrumpierung und Orientierungslosigkeit nach dem Krieg gezeigt, eine Gesellschaft die nicht verarbeiten kann, woran sie sich nicht erinnern möchte: "Aber lassen wir das, wir wollen doch nicht zu Ruinen werden, in denen die Erinnerungen vor sich hinmodern. Das bringt nichts. Erinnerungen helfen auch nicht. Es gibt keinen Weg, die Wirklichkeit abzuschütteln, sie zu vergessen. Ich habe viele Menschen gesehen, die versucht haben zu fliehen, aber sie waren nicht zu retten. Die Wirklichkeit ist ein Käfig, grausamer als ein Konzentrationslager. Es gibt kein Entkommen." Kalda muss sich dennoch erinnern, an den Krieg und wie er ihn gesehen hat, mit eigenen Augen und durch die Linse seiner Leica, und an seine "verschwundene" Mutter. Obendrein taucht nach Jahrzehnten sein Vater wieder auf. Das Ende des Romans gibt aber Hoffnung, dass die harten Zeiten für Kalda vorbei sein könnten, dass vor allem drei Generationen von männlichen Kaldas, Väter und Söhne, eine Chance auf Versöhnung und eine mögliche gemeinsame Zukunft haben.

Die beiden Romane lichten in komplexen und vielfältigen Schattierungen die Lebenswelt der Nachkriegsgeneration in Zagreb ab, einer Stadt die nicht mehr vergleichbar ist mit jener vor 1991. Edo Popović gelingt damit eine trotzige, von skurrilem Humor geprägte und höchst unterhaltsame Bestandsaufnahme seiner Generation.

 

Kalda. Voland und Quist. Dresden/ Leipzig 2008.

Ausfahrt Zagreb-Süd. Voland und Quist. Dresden/ Leipzig 2006.

Ernüchterungen in Zagreb – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ernüch­te­rungen in Zagreb

Kroa­tiens „lost genera­tion“ und ihr Chro­nist Edo Popović

 

Izlaz Zagreb Jug (Aus­fahrt Zagreb Süd) und Oči (Kalda): Zwei Romane, mit denen Popović ein Por­trät seiner Genera­tion vor­legt und die gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­tionen in Kroa­tien und Zagreb fühlbar macht. Mit bei­ßendem Witz werden hier die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und die Des­in­te­gra­tion durch die neuen Ver­hält­nisse beschrieben.

In Kroa­tien wurde Edo Popović durch seine Kriegs­re­por­tagen in den 1990er Jahren bekannt, seit dem Roman Ponoćni Boogie – zu deutsch „Mit­ter­nachts­boogie“ – gilt er als einer der inter­es­san­testen Erzähler seiner Genera­tion. Doch auch zuvor ist Edo Popović kein Unbe­kannter: Geboren wurde er 1957 in Bos­nien-Her­ze­go­wina, lebte seit 1968 in Zagreb und war Mit­be­gründer von Quorum, einer zen­tralen Lite­ra­tur­zeit­schrift in Jugoslawien.

Sein Roman Izlaz Zagreb jug dessen Titel auf Hubert Selbys Last Exit to Brooklyn (1964) ver­weist, erschien 2003, wurde von der kroa­ti­schen Lite­ra­tur­kritik begeis­tert auf­ge­nommen und 2006 von Alida Bremer ins Deut­sche über­setzt. Er erschien unter dem wort­ge­treu über­setzten Titel Aus­fahrt Zagreb-Süd bei Voland & Quist (www.voland-quist.de). 2008 folgte ein wei­terer Roman mit dem Titel Kalda.
Die beiden Romane weisen bezüg­lich sti­lis­ti­scher und inhalt­li­cher Ele­mente große Ähn­lich­keiten auf. Die zen­trale Figur ist jeweils ein schei­ternder Künstler – in einem Fall ein Schrift­steller, im anderen ein Foto­graf. Die auto­bio­gra­phi­sche Fär­bung ist mit­unter nicht zu über­sehen: Popović führt in Aus­fahrt Zagreb Süd zwei Schrift­steller seiner Genera­tion vor, die in ihrem pri­vaten und gesell­schaft­li­chen Schei­tern der bis­sigen Ironie des Autors preis­ge­geben werden. Die Haupt­figur in Kalda weist offen­sicht­liche Par­al­lelen zu Popo­vićs Bio­gra­phie auf: Beide kommen aus Bos­nien-Her­ze­go­wina, ver­bringen ihre Jugend in Zagreb und arbeiten in den 1990er Jahren als Kriegsreporter.

 

Die Romane sind vor allem im Hin­blick auf die aus­ge­feilten Figu­ren­ent­würfe ver­gleichbar und auf­ein­ander beziehbar, lassen sich also als inhalt­liche Fort­füh­rungen oder Erwei­te­rungen lesen. Denn Popović beschreibt in beiden Romanen Lebens­skizzen jener, die durch den Krieg ihre Illu­sionen ver­loren haben und in der neuen kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung Kroa­tiens auf der Ver­lie­rer­seite gelandet sind. Das Auf­wachsen im Sozia­lismus, der Krieg und die von Kor­rup­tion, Arbeits­lo­sig­keit und trau­ma­ti­schen Erin­ne­rungen geprägte Nach­kriegs­zeit bilden den Hin­ter­grund für das Schlin­gern seiner Prot­ago­nisten durch zwi­schen­mensch­liche und finan­zi­elle Kata­stro­phen. Sie erin­nern an die von Dou­glas Cou­p­land als Genera­tion X sprich­wört­lich gewor­denen ame­ri­ka­ni­schen Sla­cker der 1980er und ‑90er Jahre und deren Unfä­hig­keit, sich mit ihrer Gesell­schaft zu iden­ti­fi­zieren. Im Unter­schied zu diesen sind Popo­vićs Prot­ago­nisten jedoch ein paar Jahr­zehnte zu alt für ihre pubertär-rebel­li­sche Attitüde.

In Aus­fahrt Zagreb Süd begegnet dem Leser der ständig trin­kende ehe­ma­lige Erfolgs­autor Baba, der nach dem frus­trie­renden Brotjob bei einer Zei­tung in seiner Stamm­kneipe die Zeit absitzt und die schä­bige Ein­rich­tung und die spe­ckigen Finger der Kell­nerin als Oasen der Authen­ti­zität Zagrebs hoch­leben lässt. Seine Lie­bes­be­zie­hung mit einer wei­teren Roman­figur Vera, ist durch die Trin­kerei längst zer­stört, und so sitzt er an der Bar, mit einer “Scheiß­angst, nach Hause zu gehen. Die Angst vorm Nach­hau­se­gehen ist eine uner­forschte Krank­heit. Sie wird aus uner­find­li­chen Gründen völlig ver­nach­läs­sigt, und im Unter­schied zu anderen Ängsten hat sie keinen medi­zi­ni­schen Status. Sie hat nicht mal einen Namen. Wie kuriert man sich von einer namen­losen Krank­heit, die von der Medizin igno­riert wird?”

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Der zweite ver­hin­derte Schrift­steller des Romans ist Robi. Von einem Mut­ter­kom­plex geplagt und finan­ziell von den Eltern abhängig, leitet er einen Buch­laden, in dem kaum etwas gekauft wird außer Lebens­rat­geber. Mit seinen kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Schimpf­ti­raden pflegt er seine spär­liche Kund­schaft zu ver­prellen, bis sich eine junge Frau durch sein intel­lek­tu­elles Schau­laufen zunächst beein­dru­cken lässt. Pro­totyp für Popo­vićs Kon­sum­kritik ist der ehe­ma­lige Anwalt Kančeli, der sich in ein Ere­mi­ten­da­sein in seine Woh­nung zurück­ge­zogen hat: “Stellt euch einen Typen vor, der Strom, Telefon, Fern­seher, Com­puter und Ähn­li­ches abge­schafft hat, heut­zu­tage, wo jeder Nichts­nutz über eine erheb­liche Anzahl sol­cher neu­mo­di­schen Strah­len­quellen ver­fügt. Jemanden, der sagt: Wozu brauch ich das alles? Ich brauch das nicht. Von sol­chen Sachen, von all diesen Bil­dern, Geräu­schen und Infor­ma­tionen bekomme ich nur Kopf­schmerzen.” Wie sein Freund Baba ist Kančeli ein hef­tiger Trinker. Als er beschließt, damit auf­zu­hören, macht er dies mit größt­mög­li­cher Selbst­be­stim­mung und scheinbar unbe­schwert, sein Kurz­be­such in einer Ent­zugs­klinik wird zur Farce. Tee bereitet er mit dem Cam­ping­ko­cher zu und der Hanf gedeiht und grünt auf dem Fens­ter­brett. Das Not­wen­digste ver­dient er – dras­tisch über­qua­li­fi­ziert – beim Säu­bern von Fischen auf dem Markt oder von Autos in der Wasch­an­lage. Die schein­bare Selbst­zu­frie­den­heit wird aber durch die Erin­ne­rung an Tochter und Frau durch­bro­chen, die er wegen seines Alko­ho­lismus ver­loren hat.
Babas Frau Vera sehnt das Ende der Bezie­hung herbei und gra­tu­liert sich selbst zu ihrem 40. Geburtstag: “Prost, ihr Augen­ringe, erhob sie die Tasse vor dem Spiegel. Es ist echt unglaub­lich, wie gut ihr mir steht. Alle Ach­tung. Ein Prosit auch auf euch, ihr Falten, ich bin stolz auf euch und liebe euch alle. Ich werde alt, na und, fuhr sie den Spiegel an. Die Jahre, mein Freund­chen, sind kein Pro­blem, keine Kata­strophe, ganz im Gegen­teil, sie sind ein her­vor­ra­gender Schutz vor den Män­nern, wenn du es noch nicht gewusst haben soll­test.” Die Erin­ne­rung an ihre ver­gan­gene Jugend wärmt sie in einem E‑Mail-Ver­kehr mit einem emi­grierten alten Freund auf. Für dessen Ver­klä­rung der guten Zeit mit der alten Clique hat sie eine Menge Zynismus parat, den­noch hält sie diese Kon­ver­sa­tion für “bil­liger als eine Therapie”.
Stjepan, ein ehe­ma­liger Matrose und Gast­ar­beiter auf den Bau­ge­rüsten Deutsch­lands ver­sucht das Leben von der ange­nehmen Seite zu betrachten. Er beginnt eine zunächst rein sexu­elle Bezie­hung mit Magda. Als Magda später ver­schwunden scheint, sucht er sie ver­zwei­felt und stellt erstaunt fest, dass er tie­fere Gefühle für sie hegt.

Die Figuren des Romans erzählen ihren Alltag selbst. In einer Mon­tage aus inneren Mono­logen und direkten Reden lassen sie den Leser an ihrer Sicht auf ihre Umge­bung teil­haben. Die Aus­las­sung von Satz­zei­chen, abrupte und unmar­kierte Wechsel zwi­schen direkter und indi­rekter Rede, ver­knappte Sätze und Halb­sätze und der Per­spek­ti­ven­wechsel werden so zu einem Sprach­fluss, der Bewusst­sein, Beob­ach­tung und Gefühl auf unmit­tel­barem Weg wie­der­gibt. Darin liegt auch die beson­dere Stärke von Aus­fahrt Zagreb Süd: Die scheinbar unge­fil­terte Emo­tion wird durch immer wieder unter­bro­chene Gedan­ken­stränge und kurz­at­mige Dia­loge an den Leser wei­ter­ge­reicht, wodurch die bru­tale Ehr­lich­keit und der bis­sige Humor ihre Wir­kung entfalten.

Die viel­fältig aus­ge­formten Cha­rak­tere sind kunst­voll mit­ein­ander ver­woben. Nicht nur werden alle in Eigen- und Fremd­per­spek­tive, bzw. durch Innen- und Außen­an­sicht je nach Kapitel für den Leser greif­barer. Sie bilden gemeinsam das Mosaik einer Gemein­schaft, die zahl­reiche Schnitt­stellen auf­weist: So treffen, streiten, betrinken und beschimpfen sich die Figuren, sind Freunde oder Rivalen, stehen in unter­schied­lich inten­siven Bezie­hungen zuein­ander. Durch das regel­mä­ßige Wie­der­auf­tau­chen der Figuren, ob in Gesprä­chen oder in per­sona ent­steht beim Leser der Ein­druck, Ein­blicke in einen in sich ver­netzten Mikro­kosmos zu erhalten, für den die Peri­pherie Zagrebs eine ideale, abgrenz­bare Bühne bietet. Die Geschichten sind fest in einem Viertel ver­an­kert, der Schau­platz bestimmt die Men­schen und damit den Text maß­geb­lich, auch wenn die Themen uni­ver­sell sind. Der Autor lässt am Ort der Gescheh­nisse keinen Zweifel, das Viertel Utrine, die Stra­ßen­namen, die Märkte und Cafés, sie sind alle nament­lich genannt.
Aus­fahrt Zagreb Süd ist ein Groß­stadt­roman über Zagreb, das in den Nach­wehen des natio­na­lis­ti­schen Wahns ein kleines Refu­gium des Rück­zugs dar­stellt. Der Krieg wird zwar nur gestreift, sein Schatten lastet den­noch ständig über der Stadt und ihren Men­schen. Popović belässt seinen Figuren die Mög­lich­keit auf ein glück­li­ches Wei­ter­wurs­teln, es ergeben sich neue Kon­stel­la­tionen und Chancen. Nicht ohne Ironie heißt es gegen Ende: “Dies ist eine Geschichte mit Happy End. Wie schon Blaise Cen­drars sagte: Traurig zu sein, ist zu leicht, zu blöd, zu bequem, ist nicht schlau und liegt immer auf der Hand.”

Auch Ivan Kalda, der Prot­ago­nist und Ich-Erzähler des gleich­na­migen Romans, ver­sucht sein tur­bu­lentes Leben zu rekon­stru­ieren – eine ver­wi­ckelte Ange­le­gen­heit: die Kind­heit ohne Vater, die Jugend mit zu vielen Drogen und zu wenig Sex, das Über­leben als Foto­graf im Krieg und im darauf fol­genden Tur­bo­ka­pi­ta­lismus. Kalda wächst in Dubrava, einem Arbei­ter­viertel Zagrebs, auf. Er war alles andere als ein Wunsch­kind, so hin­ter­fragt er die Inten­tionen seiner Eltern auf skur­rile Weise: “Mal ganz ehr­lich, fragst du dich nicht auch schon mal, ob man ein Kind pro­du­zieren und dann sagen kannst: Es tut uns leid, wir haben uns vertan, wir hätten lieber eine Katze oder so etwas Ähn­li­ches.” Nachdem der spiel­süch­tige Vater die Familie für immer ver­lässt, um als Zocker durch Europa zu ziehen, müssen sich Kalda und seine Mutter alleine durch­schlagen, was in seiner Erin­ne­rung kein großes Pro­blem dar­stellt. Denn ers­tens ver­missen beide den Vater nicht unbe­dingt und “über­haupt waren das noch Zeiten, in denen man von der eigenen Arbeit noch leben konnte. Man konnte ganz solide glück­lich sein, wenn man nicht zu viel ver­langte, und meine Mutter gehörte zu dieser Sorte glück­li­cher Men­schen.” Dubrava wird als hartes Pflaster beschrieben, Kalda kann sich aber durchaus beweisen, wenn nötig, behilft er sich schon mal mit einem Zie­gel­stein, um einen stär­keren Kon­tra­henten nie­der­zu­schlagen. Es herr­schen also – so iro­nisch-ver­klärt stellt Kalda seine Kind­heit dar – raue Sitten, wobei die eth­ni­sche Her­kunft kaum eine Rolle spielt.

Der Roman erzählt Kaldas Bio­grafie in zwei Strängen. Dessen Wer­de­gang wird rück­bli­ckend auf­ge­rollt und durch Bestands­auf­nahmen seiner aktu­elle Situa­tion unter­bro­chen, die sich auch durch die Ver­wen­dung von Prä­sens vom Rest abheben. Daraus ergibt sich eine beson­dere Span­nung: Der Erzähler ist eine gestran­dete Per­sön­lich­keit, er schmeißt seinen Job hin, um den ver­ach­teten Chef, einen Zei­tungs­her­aus­geber und Kriegs­ge­winnler, zu demü­tigen. Er lebt getrennt von Frau und Sohn, dem gegen­über er sich nicht würdig fühlt, ein Vater zu sein. Die offen­sicht­lich schwie­rige Kind­heit, die sein The­ra­peut als Aus­löser seiner Neu­rosen sieht, betrachtet Kalda zwar mit lako­ni­schem Welt­ekel. Den­noch merkt der Leser, dass dessen Trau­ma­ti­sie­rung anderswo begründet liegt und sich daher dem Leser und Kalda selbst erst nach und nach eröffnet.
Nach dem wider­wil­ligen Abschluss der Schule kauft sich der junge Mann eine Kamera, was sein Leben ver­än­dert: er wird Foto­graf. Der auf­kom­mende Krieg rüt­telt am Ethos des Künst­lers. Kalda wird Kriegs­fo­to­graf. Die Rolle der Medien, die den Krieg zur Stär­kung der Auf­lagen benutzen, wird von Kalda zwar durch­schaut, den­noch spielt er ihr Spiel mit. Es kommt zum Bruch mit seinen Auf­trag­ge­bern, als er aus mora­lisch-idea­lis­ti­schen Gründen deren Han­deln nicht mehr mit­tragen will. Nun muss er mit den neuen Ver­hält­nissen zurecht­kommen, denn der Krieg spülte die Skru­pel­lo­sesten nach oben und ließ für ihn nur noch einen Platz am Rande der Gesell­schaft übrig. Die bio­gra­phisch begrün­deten Zweifel des Autors an der Rolle der Kriegs­be­richt­erstatter werden hier ersichtlich.

Kalda ist nicht nur die Ent­wick­lungs­ge­schichte eines Mannes, es ist auch eine Tour de Force durch die Geschichte Jugo­sla­wiens, Kroa­tiens, Zagrebs. Ohne Ver­klä­rung der “schlechten alten Zeiten” wird die Kor­rum­pie­rung und Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit nach dem Krieg gezeigt, eine Gesell­schaft die nicht ver­ar­beiten kann, woran sie sich nicht erin­nern möchte: “Aber lassen wir das, wir wollen doch nicht zu Ruinen werden, in denen die Erin­ne­rungen vor sich hin­mo­dern. Das bringt nichts. Erin­ne­rungen helfen auch nicht. Es gibt keinen Weg, die Wirk­lich­keit abzu­schüt­teln, sie zu ver­gessen. Ich habe viele Men­schen gesehen, die ver­sucht haben zu fliehen, aber sie waren nicht zu retten. Die Wirk­lich­keit ist ein Käfig, grau­samer als ein Kon­zen­tra­ti­ons­lager. Es gibt kein Ent­kommen.” Kalda muss sich den­noch erin­nern, an den Krieg und wie er ihn gesehen hat, mit eigenen Augen und durch die Linse seiner Leica, und an seine “ver­schwun­dene” Mutter. Oben­drein taucht nach Jahr­zehnten sein Vater wieder auf. Das Ende des Romans gibt aber Hoff­nung, dass die harten Zeiten für Kalda vorbei sein könnten, dass vor allem drei Genera­tionen von männ­li­chen Kaldas, Väter und Söhne, eine Chance auf Ver­söh­nung und eine mög­liche gemein­same Zukunft haben.

Die beiden Romane lichten in kom­plexen und viel­fäl­tigen Schat­tie­rungen die Lebens­welt der Nach­kriegs­ge­nera­tion in Zagreb ab, einer Stadt die nicht mehr ver­gleichbar ist mit jener vor 1991. Edo Popović gelingt damit eine trot­zige, von skur­rilem Humor geprägte und höchst unter­halt­same Bestands­auf­nahme seiner Generation.

 

Kalda. Voland und Quist. Dresden/ Leipzig 2008.

Aus­fahrt Zagreb-Süd. Voland und Quist. Dresden/ Leipzig 2006.