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Selbstentblößung einer russischen Dichterin

Posted on 19. Februar 2019 by Julia Kling
"Hier ‚im Exil‘ bin ich – unbrauchbar, dort ‚in Russland‘ bin ich undenkbar.“ Dieses Zitat stammt aus den Unveröffentlichten Schreibheften von Marina Zwetajewa [Cvetaeva], einer der bedeutendsten russischen Dichter_innen des 20. Jahrhunderts. Sie flüchtete aus der russländischen Heimat, verbrachte 17 Jahre im Exil und kehrte Ende der 1930er Jahre doch wieder zurück in das Land, das nun allerdings Sowjetunion hieß.

.„ Hier ‚im Exil‘ bin ich – unbrauchbar, dort ‚in Russland‘ bin ich undenkbar.“ Dieses Zitat stammt aus den Unveröffentlichten Schreibheften von Marina Zwetajewa , einer der bedeutendsten russischen Dichter_innen des 20. Jahrhunderts. Sie flüchtete aus der russländischen Heimat, verbrachte 17 Jahre im Exil und kehrte Ende der 1930er Jahre doch wieder zurück in das Land, das nun allerdings Sowjetunion hieß. Kurz vor ihrer Rückkehr fasste die Dichterin eine Auswahl ihrer privaten Schriften in Schreibheften zusammen. Publiziert wurden sie indes erst 1997 und lösten nach ihrer Veröffentlichung in der heutigen Russischen Föderation weltweit eine Sensation aus. Als eine Art literarisches Testament sind die Svodnye tetradi nun endlich auch ins Deutsche übersetzt worden und ermöglichen einen ganz besonderen Einblick in die Weltwahrnehmung der Dichterin.

 

Absolut ungeschützt werden Gedichtentwürfe, Träume, Gedanken, Dialoge und Beschreibungen ihres ärmlichen Alltags im Exil präsentiert. Die ersten beiden Schreibhefte stammen aus den Jahren 1932-33, die letzten beiden aus dem Jahr 1938. Die Aufzeichnungen weisen keine zeitliche Chronologie auf, sind sehr kurz, maximal ein bis zwei Seiten lang, gattungstechnisch disparat und teilweise nachträglich, bei der Zusammenfassung der Schriften, mit Kommentaren von Cvetaeva selbst versehen. Trotz des scheinbaren Chaos, sind „stilistische Unterschiede oder gar Brüche in den Heften kaum auszumachen“, hebt der Übersetzer Felix Philipp Ingold hervor.

 

 

Durch die ‚Selbstentblößung‘ der Dichterin entsteht eine intime Beziehung mit der/dem Leser_In, indem Einblick in ihrer Seele Innerstes gewährt wird. Dieses ist reich an Sorgen, Leid und Widersprüchen, aber auch an inniger Freude und Hoffnung auf ein besseres Leben. So hielt sie in den Schreibheften humorvolle Dialoge mit ihren Kindern, Freunden und Bekannten, wie auch heißblütige, nie abgeschickte Briefe fest. Es war wohl anfangs Cvetaevas Ziel, sich selbst und die Welt ringsum durch das Niederschreiben zu verstehen. Mit dem späteren Zusammenfassen der Schriften verfolgte sie jedoch darüber hinaus offenbar die Absicht, nunmehr auch den Leser_Innen ihr inneres Wesen und ihre Dichtkunst verstehen zu lassen.

 

Cvetaeva galt bereits in jungen Jahren als hochbegabt und kompromisslos, aber auch als exzentrisch und mythoman. In ihren Aufzeichnungen hebt sie die Einsamkeit und ihre Rolle einer emotionalen Außenseiterin immer wieder hervor. Das Dichtertum thematisiert sie als etwas „Überzeitliches“ und „Überpersönliches“, der Dichter stelle nämlich das „Medium der Sprache“ dar. Sie liebte die Seele und suchte die Seelenverwandtschaft ‒ ihre Brieffreunde Rainer Maria Rilke und Boris Pasternak verehrte sie leidenschaftlich aus der Ferne. Sie lebte in prekären Verhältnissen in der Tschechoslowakei und Frankreich und obgleich es die politische Situation war, die sie zur Flucht zwang, positionierte sie sich im Exil politisch nie eindeutig. Leben und Literatur waren bei ihr aufs Engste miteinander verwoben und vielleicht war es gerade in den unheilvollen Jahren des Exils die Nähe zum Leser_innen, die sie in der entblößenden Niederschrift ihrer Gedanken suchte. So, als sei dies eine Art Schutz bei der bevorstehenden Rückkehr in eine für sie nun fremde Heimat.

 

Die Dichterin stammte aus großbürgerlichem Hause in Moskau und war Gegnerin der Bolschewiken. Nach dem Bürgerkrieg folgte sie ihrem Mann Sergej Efron, der damals Soldat der ,Weißen‘ war, gemeinsam mit ihrer 10-jährigen Tochter Ariadna ins Exil. Erst in die Tschechoslowakei, kurzzeitig nach Berlin und am Ende nach Frankreich. Ihr Mann begann Mitte der 1930er Jahre mit der Sowjetunion zu sympathisieren und entschied sich für eine Rückkehr. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam es auch in Westeuropa wenig später zu gewaltigen Umbrüchen und Cvetaeva folgte ihm gemeinsam mit ihren Kindern erneut ‒ diesmal zurück in die Sowjetunion. Wider aller Erwartung wurden ihr Mann und ihre Tochter schon bald nach der Ankunft unter dem Verdacht der Spionage verhaftet und in ein Arbeitslager abtransportiert. Efron wurde gleich erschossen und Ariadna verbrachte, wie auch Cvetaevas Schwester, viele Jahre im Gulag.

 

Ganz auf sich allein gestellt, versuchte die Dichterin sich und ihren 16-jährigen Sohn Georgij eine Zeit lang mit Übersetzungen über Wasser zu halten. Sie hoffte auf die Unterstützung des offiziellen Schriftstellerverbands, erhielt diese aber nie. Am 31. August 1941 verabschiedete sich die Dichterin mit einem letzten Brief und nahm sich in ihrer Ausweglosigkeit das Leben. Mit den Zeilen, sie sei in eine „Sackgasse“ geraten, endet die bedrückende, wie auch beeindruckende Sammlung der Unveröffentlichten Schreibhefte.

 

Der vom Suhrkamp Verlag herausgegebene Band ist der erste einer geplanten Buchreihe zu Marina Cvetaeva. Er wurde aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt, wobei französische und deutsche Notizen der Künstlerin erst im Anhang erläutert werden. Sichtbar sind dadurch die Mehrsprachigkeit und Multikulturalität sowie die damit verbundene Rolle Cvetaevas als Kulturvermittlerin. Der Prozess der Übersetzung und die damit verbundenen Schwierigkeiten werden von Felix Philipp Ingold in einer Nachbemerkung am Ende aufschlussreich beschrieben. Für die Kontextualisierung sind dem Buch zudem noch ein Lebenslauf sowie kurze Anmerkungen als Erläuterungen für die deutschen Leser_innen zu möglicherweise unverständlichen, wichtigen historischen Ereignissen, Begrifflichkeiten und Persönlichkeiten beigefügt.

 

Zwetajewa, Marina : Unsre Zeit ist die Kürze. Unveröffentlichte Schreibhefte. Aus dem Russischen und Französischen übersetzt und herausgegegen von Felix Philipp Ingold. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2017.

Zwetajewa, Marina . Neizdannoe. Svodnye tetradi. Moskau: Ellis Lak, 1997.

Selbstentblößung einer russischen Dichterin – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Selbst­ent­blö­ßung einer rus­si­schen Dichterin

.„[…] Hier ‚im Exil‘ bin ich – unbrauchbar, dort ‚in Russ­land‘ bin ich undenkbar.“ Dieses Zitat stammt aus den Unver­öf­fent­lichten Schreib­heften von Marina Zweta­jewa [Cve­taeva], einer der bedeu­tendsten rus­si­schen Dichter_innen des 20. Jahr­hun­derts. Sie flüch­tete aus der russ­län­di­schen Heimat, ver­brachte 17 Jahre im Exil und kehrte Ende der 1930er Jahre doch wieder zurück in das Land, das nun aller­dings Sowjet­union hieß. Kurz vor ihrer Rück­kehr fasste die Dich­terin eine Aus­wahl ihrer pri­vaten Schriften in Schreib­heften zusammen. Publi­ziert wurden sie indes erst 1997 und lösten nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung in der heu­tigen Rus­si­schen Föde­ra­tion welt­weit eine Sen­sa­tion aus. Als eine Art lite­ra­ri­sches Tes­ta­ment sind die Svodnye tet­radi nun end­lich auch ins Deut­sche über­setzt worden und ermög­li­chen einen ganz beson­deren Ein­blick in die Welt­wahr­neh­mung der Dichterin.

 

Absolut unge­schützt werden Gedicht­ent­würfe, Träume, Gedanken, Dia­loge und Beschrei­bungen ihres ärm­li­chen All­tags im Exil prä­sen­tiert. Die ersten beiden Schreib­hefte stammen aus den Jahren 1932–33, die letzten beiden aus dem Jahr 1938. Die Auf­zeich­nungen weisen keine zeit­liche Chro­no­logie auf, sind sehr kurz, maximal ein bis zwei Seiten lang, gat­tungs­tech­nisch dis­parat und teil­weise nach­träg­lich, bei der Zusam­men­fas­sung der Schriften, mit Kom­men­taren von Cve­taeva selbst ver­sehen. Trotz des schein­baren Chaos, sind „sti­lis­ti­sche Unter­schiede oder gar Brüche […] in den Heften kaum aus­zu­ma­chen“, hebt der Über­setzer Felix Philipp Ingold hervor.

 

 

Durch die ‚Selbst­ent­blö­ßung‘ der Dich­terin ent­steht eine intime Bezie­hung mit der/dem Leser_In, indem Ein­blick in ihrer Seele Innerstes gewährt wird. Dieses ist reich an Sorgen, Leid und Wider­sprü­chen, aber auch an inniger Freude und Hoff­nung auf ein bes­seres Leben. So hielt sie in den Schreib­heften humor­volle Dia­loge mit ihren Kin­dern, Freunden und Bekannten, wie auch heiß­blü­tige, nie abge­schickte Briefe fest. Es war wohl anfangs Cve­ta­evas Ziel, sich selbst und die Welt ringsum durch das Nie­der­schreiben zu ver­stehen. Mit dem spä­teren Zusam­men­fassen der Schriften ver­folgte sie jedoch dar­über hinaus offenbar die Absicht, nun­mehr auch den Leser_Innen ihr inneres Wesen und ihre Dicht­kunst ver­stehen zu lassen.

 

Cve­taeva galt bereits in jungen Jahren als hoch­be­gabt und kom­pro­misslos, aber auch als exzen­trisch und mythoman. In ihren Auf­zeich­nungen hebt sie die Ein­sam­keit und ihre Rolle einer emo­tio­nalen Außen­sei­terin immer wieder hervor. Das Dich­tertum the­ma­ti­siert sie als etwas „Über­zeit­li­ches“ und „Über­per­sön­li­ches“, der Dichter stelle näm­lich das „Medium der Sprache“ dar. Sie liebte die Seele und suchte die See­len­ver­wandt­schaft ‒ ihre Brief­freunde Rainer Maria Rilke und Boris Pas­ternak ver­ehrte sie lei­den­schaft­lich aus der Ferne. Sie lebte in pre­kären Ver­hält­nissen in der Tsche­cho­slo­wakei und Frank­reich und obgleich es die poli­ti­sche Situa­tion war, die sie zur Flucht zwang, posi­tio­nierte sie sich im Exil poli­tisch nie ein­deutig. Leben und Lite­ratur waren bei ihr aufs Engste mit­ein­ander ver­woben und viel­leicht war es gerade in den unheil­vollen Jahren des Exils die Nähe zum Leser_innen, die sie in der ent­blö­ßenden Nie­der­schrift ihrer Gedanken suchte. So, als sei dies eine Art Schutz bei der bevor­ste­henden Rück­kehr in eine für sie nun fremde Heimat.

 

Die Dich­terin stammte aus groß­bür­ger­li­chem Hause in Moskau und war Geg­nerin der Bol­sche­wiken. Nach dem Bür­ger­krieg folgte sie ihrem Mann Sergej Efron, der damals Soldat der ‚Weißen‘ war, gemeinsam mit ihrer 10-jäh­rigen Tochter Ari­adna ins Exil. Erst in die Tsche­cho­slo­wakei, kurz­zeitig nach Berlin und am Ende nach Frank­reich. Ihr Mann begann Mitte der 1930er Jahre mit der Sowjet­union zu sym­pa­thi­sieren und ent­schied sich für eine Rück­kehr. Mit Aus­bruch des Zweiten Welt­krieges kam es auch in West­eu­ropa wenig später zu gewal­tigen Umbrü­chen und Cve­taeva folgte ihm gemeinsam mit ihren Kin­dern erneut ‒ diesmal zurück in die Sowjet­union. Wider aller Erwar­tung wurden ihr Mann und ihre Tochter schon bald nach der Ankunft unter dem Ver­dacht der Spio­nage ver­haftet und in ein Arbeits­lager abtrans­por­tiert. Efron wurde gleich erschossen und Ari­adna ver­brachte, wie auch Cve­ta­evas Schwester, viele Jahre im Gulag.

 

Ganz auf sich allein gestellt, ver­suchte die Dich­terin sich und ihren 16-jäh­rigen Sohn Georgij eine Zeit lang mit Über­set­zungen über Wasser zu halten. Sie hoffte auf die Unter­stüt­zung des offi­zi­ellen Schrift­stel­ler­ver­bands, erhielt diese aber nie. Am 31. August 1941 ver­ab­schie­dete sich die Dich­terin mit einem letzten Brief und nahm sich in ihrer Aus­weg­lo­sig­keit das Leben. Mit den Zeilen, sie sei in eine „Sack­gasse“ geraten, endet die bedrü­ckende, wie auch beein­dru­ckende Samm­lung der Unver­öf­fent­lichten Schreib­hefte.

 

Der vom Suhr­kamp Verlag her­aus­ge­ge­bene Band ist der erste einer geplanten Buch­reihe zu Marina Cve­taeva. Er wurde aus dem Rus­si­schen ins Deut­sche über­setzt, wobei fran­zö­si­sche und deut­sche Notizen der Künst­lerin erst im Anhang erläu­tert werden. Sichtbar sind dadurch die Mehr­spra­chig­keit und Mul­ti­kul­tu­ra­lität sowie die damit ver­bun­dene Rolle Cve­ta­evas als Kul­tur­ver­mitt­lerin. Der Pro­zess der Über­set­zung und die damit ver­bun­denen Schwie­rig­keiten werden von Felix Philipp Ingold in einer Nach­be­mer­kung am Ende auf­schluss­reich beschrieben. Für die Kon­tex­tua­li­sie­rung sind dem Buch zudem noch ein Lebens­lauf sowie kurze Anmer­kungen als Erläu­te­rungen für die deut­schen Leser_innen zu mög­li­cher­weise unver­ständ­li­chen, wich­tigen his­to­ri­schen Ereig­nissen, Begriff­lich­keiten und Per­sön­lich­keiten beigefügt.

 

Zweta­jewa, Marina [Cve­taeva, Marina]: Unsre Zeit ist die Kürze. Unver­öf­fent­lichte Schreib­hefte. Aus dem Rus­si­schen und Fran­zö­si­schen über­setzt und her­aus­ge­gegen von Felix Philipp Ingold. Berlin: Suhr­kamp Verlag, 2017.

Zweta­jewa, Marina [Cve­taeva, Marina]. Neiz­dannoe. Svodnye tet­radi. Moskau: Ellis Lak, 1997.