Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
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10099 Berlin

Kil­ler­kom­mando im Rollstuhl

Quer­schnitts­ge­lähmt? Egal! In Kills On Wheels sitzt der Auf­trags­killer im Roll­stuhl. Der Film des unga­ri­schen Regis­seurs Attila Till ist kurios, span­nend und lustig zugleich – und kommt zum Glück ohne Mit­leid aus.
Tiszta_szivvel
Damit hätte die Ver­bre­cher­bande nicht gerechnet: Der Mafia­boss schickt den Roll­stuhl­fahrer Rupaszov (Szabolcs Thuróczy), um eine Bot­schaft zu über­bringen. Vier Gangster gegen einen Roll­stuhl­fahrer. Da ist klar, wer stärker ist – könnte man zumin­dest meinen. Um seine Über­le­gen­heit zu demons­trieren, rammt einer der Gangster Rupaszov ein Messer in den Ober­schenkel. Doch Rupaszov schaut nur gelang­weilt auf sein Bein. Er ist schließ­lich von der Hüfte abwärts gelähmt und spürt nichts. Die Szene endet damit, dass Rupaszov alle vier erschießt. Job erle­digt für den Auf­trags­killer, der dann die Knarre in seinen Schoß legt und davonrollt.

Das ist die kuriose Geschichte des Films Kills On Wheels: Rupaszov, der nach einem Unfall quer­schnitts­ge­lähmt ist und des­halb nicht mehr als Feu­er­wehr­mann arbeiten kann, wird Auf­trags­killer und arbeitet für den Mafia­boss Radoš. Als die Auf­gaben kniff­liger werden, bekommt er Hilfe von Zolika (Zoltán Feny­vesi) und Barba (Adám Fekete). Die beiden gehan­di­capten jungen Männer sind Zim­mer­ge­nossen in einer Pfle­ge­ein­rich­tung und wollen nicht im Heim dahin­ve­ge­tieren. Zolika braucht außerdem Geld für eine Ope­ra­tion, will aber nicht den von seiner Mutter getrennten Vater danach fragen. Rupaszov ist der Gangster, der die beiden ins Ver­bre­chen zieht: gerade frisch aus dem Knast. Dort wird er zu Beginn des Films gezeigt, wie er im Roll­stuhl Klimm­züge macht. Direkt nach seiner Ent­las­sung ist er schon in Mafia­kreisen unterwegs.

Harm­lose Rollstuhlfahrer?

Doch der Roll­stuhl macht Rupaszov zu einem sym­pa­thi­schen Gangster. Durch die Behin­de­rung ist er näm­lich nicht hilflos, wie man vor­ur­teils­be­lastet viel­leicht meinen könnte. Er weiß die Behin­de­rung sogar ein­zu­setzen. So begeht Rupaszov mit der Hilfe von Zolika und Barba einen Auf­trags­mord am hell­lichten Tag. Denn wer würde schon die harm­losen Roll­stuhl­fahrer ver­däch­tigen, die ein­fach nur Tauben gefüt­tert haben?

Als Zuschauer traut man sich gar nicht, wegen der Behin­de­rungen Mit­leid mit den Haupt­fi­guren zu haben. Und das ist auch gut so. Denn trotz allem, was sie durch­ma­chen müssen, sind es starke Per­sön­lich­keiten, die nicht auf­geben. Rupaszov hat seinen Lebens­willen nicht ver­loren und glaubt daran, dass er eines Tages wieder gehen kann. Mit diesem Enthu­si­asmus steckt er Zolika und Barba an. Er ist eben ein Killer mit Herz. Pas­sen­der­weise heißt der Film im unga­ri­schen Ori­ginal „Von ganzem Herzen“ (Tiszta szívvel).

Helden wie im echten Leben

Die Kamera nimmt gerne humor­voll die Per­spek­tive der Roll­stuhl­fahrer ein. So schaut der Zuschauer den gegen­über­ste­henden Ver­bre­chern nicht zuerst ins Gesicht, son­dern in den Schritt, denn das ist schließ­lich Rupas­zovs Augen­höhe, wenn er im Roll­stuhl sitzt.

Kills On Wheels ist manchmal gewalt­ge­laden, über­zeugt aber an anderen Stellen durch schwarzen Humor: eine Mischung aus Coming-of-Age‑, Action­film und Komödie. Gelungen sind auch die Comic-Ele­mente, die immer wieder auf­tau­chen. Denn Zolika und Barba zeichnen in der Pfle­ge­ein­rich­tung an einem gemein­samen Comic. Dass die beiden Schau­spieler Zoltán Feny­vesi und Adám Fekete auch im echten Leben kör­per­lich behin­dert sind, macht die Figuren im Film umso authentischer.

Attila Tills Kills On Wheels hat zuletzt beim Film­fes­tival in Cottbus den Preis der Öku­me­ni­schen Jury bekommen. Es ist nur ver­ständ­lich, dass der kurios-wit­zige Action­film für Ungarn ins Rennen um den Aus­lands-Oscar geht.

von Janina Semenova

Till, Attila: Tiszta szívvel (Kills On Wheels). Ungarn, 2016, 105 Min.

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