Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
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10099 Berlin

Ser­biens Jagd auf Schrift­steller: der Fall Sreten Ugričić

Dieser Text wurde am 29. Januar 2012 auf dem novinki-Blog ver­öf­fent­licht. Nach Grün­dung von novinki.de 2006 kam der novinki-Blog ab 2010 hinzu. Im 15. ‘Lebens­jahr’ von novinki ver­öf­fent­li­chen wir im Rahmen der Lese­reihe REWIND – 15 Jahre novinki ehe­ma­lige Blog-Texte aus den 2010er Jahren in über­ar­bei­teter Form. Der Blog ist seit 2019 ein­ge­stellt. Diese Texte aus den Anfangs­jahren doku­men­tieren als Arte­fakte die Ent­wick­lung der Platt­form, Zeit­schrift und Redak­tion novinki.de – Neu­erschei­nungen aus Ost‑, Mittel- und Südosteuropa.

Kom­mentar:

Im Jahr 2021 ist der von Svet­lana Gav­ri­l­ović und Saša Ilić her­aus­ge­ge­bene Sam­mel­band “Sreten Ugričić: pisac, astronom, ter­orista” im Verlag “Most Art Jugo­s­la­vija” erschienen. Neben Auf­sätzen, die dem lite­ra­ri­schen und essay­is­ti­schen Werk von Sreten Ugričić gewidmet sind, stellt der Sam­mel­band einen Ver­such dar, auf die poli­ti­schen Pro­zesse und den ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grund ein­zu­gehen, die im Januar 2012 zur Ent­las­sung des Direk­tors der Natio­nal­bi­blio­thek Ser­biens führten, zu einem Ereignis, das seinen Nach­hall auch in der deutsch­spra­chigen Sla­wistik und im Feuil­leton fand.

Ser­biens Jagd auf Schrift­steller: der Fall Sreten Ugričić

 

Der ser­bi­sche Schrift­steller und Leiter der Natio­nal­bi­blio­thek Sreten Ugričić sprach sich für die Mei­nungs­frei­heit und die Frei­heit der Inter­pre­ta­tion aus. Das hat ihm in der ser­bi­schen regie­rungs­nahen Presse den Vor­wurf, ein Ter­ro­rist zu sein und die sofor­tige Ent­las­sung ein­ge­bracht. Doch schon jetzt wird deut­lich, dass seine Schriftsteller_innenkollegen und die intel­lek­tu­ellen nach-jugo­sla­wi­schen Eliten es dabei nicht bewenden lassen werden.

 

Wohl dem, der gegen­wärtig nicht in ser­bi­schen Staats­diensten steht. Hier ist man einem Sou­verän aus­ge­lie­fert, der – ganz superanus – über allen und eben auch über allem steht. Dar­über täu­schen Boris Tadićs euro­päi­sche Anzüge und sein pro-west­li­cher, libe­raler Ruf nicht hinweg. Wenn sich die Mei­nungs­äu­ße­rung nicht ver­bieten lässt, so lässt sie sich doch wenigs­tens bestrafen. Diese Erfah­rung musste ver­gan­genes Wochen­ende Sreten Ugričić, Roman­autor und Leiter der ser­bi­schen Natio­nal­bi­blio­thek in Bel­grad, machen. Er hatte gemeinsam mit einer über­schau­baren Anzahl Intel­lek­tu­eller eine Peti­tion des ser­bi­schen forum pisaca unter­zeichnet, die Hetz­jagd auf den mon­te­ne­gri­ni­schen Autor und poli­ti­schen Kolum­nisten Andrej Niko­laidis end­lich ein­zu­stellen.  Das 1998 gegrün­dete, damals bereits Milošević-kri­ti­sche Schriftsteller_innenforum bezog sich mit der Peti­tion nicht nur auf den jüngsten, in der Tages­presse auf­ge­bauschten Text Niko­laidis’. Niko­laidis ist lange schon der öffent­li­chen Dif­fa­mie­rung aus­ge­setzt. Emir Kus­tu­rica, einst geschätzter Regis­seur und heute Serbo-Kul­tur­ak­ti­vist der beson­deren Art, hatte Niko­laidis jah­re­lang von ser­bi­schen Gerichten wegen erlit­tener ‚see­li­scher Schäden‘ ver­folgen lassen.

 

Nun hat Niko­laidis Anfang Januar unter den Titeln „Was von Groß-Ser­bien übrig ist“ und „Make-up eines poli­ti­schen Mons­trums“ die ser­bi­sche Ver­stri­ckung mit der Repu­blika Srpska (kurz RS), der ser­bi­schen Entität des Staats­pro­vi­so­riums Bos­nien und Her­ze­go­wina, ange­pran­gert und in dras­ti­schen Bil­dern und der seinen Texten eigenen Schärfe zwar hef­tige, aber nicht ganz von der Hand zu wei­sende Sprüche geklopft. Vor allem ein Satz, der auf einen Spreng­stoff­fund in Banja Luka anspielte, erregte die Gemüter. Niko­laidis ver­steigt sich hier zur Aus­sage, es hätte einen zivi­li­sa­to­ri­schen Akt dar­ge­stellt, diese Ladung zur 20-Jahr-Feier der Teil­re­pu­blik hoch­gehen zu lassen. Nicht diese pole­misch vor­ge­tra­gene Mei­nung Niko­laidis’, son­dern die Frei­heit des Lesens stand für die Unter­zeich­nenden der Peti­tion des Schrift­stel­lerfo­rums im Vor­der­grund. Niko­laidis’ kom­plexer Text wurde in der Anklage füh­renden ser­bi­schen Presse stets nur in Aus­zügen gedruckt, sogar Zitate aus seinem 2003 erschie­nenen Roman Mimesis mussten zur mora­li­schen Ver­ur­tei­lung des Autors her­halten. Als Ter­ro­rist bezeichnet wurde Niko­laidis von der ser­bi­schen Regie­rung für untragbar erklärt und einer bei­spiel­losen hajka (Hetz­jagd) aus­ge­setzt, die die anti­na­tio­na­lis­ti­sche online Zeit­schrift e‑novine gegen­wärtig akri­bisch dokumentiert.

 

Sreten Ugričić, der als ein­ziger Unter­zeichner seine Hal­tung zum Fall Niko­laidis öffent­lich kom­men­tierte, lie­ferte sich damit selbst ans Messer. Der Innen­mi­nister Ivica Dačić reagierte umge­hend in Press und Blic, den auf­la­gen­stärksten ser­bi­schen Bou­le­vard­zei­tungen, Ugričić müsse als Sym­pa­thi­sant und Unter­stützer ter­ro­ris­ti­schen Gedan­ken­guts sofort seines Pos­tens ent­hoben werden. Dačić äußerte wört­lich und ganz im Tenor der ser­bi­schen Hal­tung zur Mei­nungs­frei­heit: „Er kann das gerne unter­stützen, aber nicht von der Posi­tion des Biblio­theks­lei­ters aus, son­dern aus dem Gefängnis.“ Svet­lana Sla­pšak hat als scharf­sin­nige Kom­men­ta­torin und auf­merk­same Beob­ach­terin der post­ju­go­sla­wi­schen Kul­turen post­wen­dend auf die ver­nich­tende Evi­denz der Tat­sache, dass „der erste Poli­zist im Land den Direktor der Natio­nal­bi­blio­thek ent­lässt“, hin­ge­wiesen. Und Enver Kazaz, bos­ni­scher Lite­ra­tur­pro­fessor und berüch­tigt wider­stän­diger Geist, kom­men­tierte frei nach Kun­dera, nur para­noide und tota­li­täre poli­ti­sche Sys­teme ließen ihren Schriftsteller_innen die Auf­merk­sam­keit zu Teil werden, die sie tat­säch­lich auch ver­dienten. Olja Savičević-Ivančević, von der kroa­ti­schen Presse um ein State­ment zur Affäre gebeten, ver­fasste statt­dessen unter dem pla­ka­tiven Titel „Tod der Kultur – Faschismus dem Volk!“ (eine Anspie­lung auf die jugo­sla­wi­sche Gene­ral­pa­role: „Tod dem Faschismus – Frei­heit dem Volk!“) einen bis­sigen Essay über eben diese selek­tive Auf­merk­sam­keit, die Dichter_innen in Ser­bien, aber auch in Kroa­tien zu Teil wird. Man müsse ein aus­ge­spro­chener Trottel sein, so die kroa­ti­sche Autorin weiter, um Niko­laidis’ Text zu ver­stehen, wie er aus­ge­legt wurde.

 

Zahl­reiche Schriftstellerkolleg_innen haben sich in den letzten Tagen ähn­lich und mutig zu Wort gemeldet: Saša Ilić, Bil­jana Srbl­ja­nović, Filip David, Sve­t­islav Basara… Sie alle scheinen nicht wil­lens, den Fall des Kol­legen Ugričić schwei­gend abzu­ni­cken. Nenad Prokić vom ser­bi­schen Schriftsteller_innenforum klagt, ein Raus­wurf wegen Unter­stüt­zung schrift­stel­le­ri­scher Frei­heit, werfe Ser­bien um 20 Jahre (das heißt auf das Jahr 1992!) zurück. Der kroa­ti­sche und bos­ni­sche PEN zeigen sich besorgt.

 

Die eigent­liche Krux am Fall Ugričić wie auch am Fall Niko­laidis liegt in ihren ‚Dop­pel­äm­tern‘, die Politik und Lite­ratur für ser­bi­sche Leser_innen unun­ter­scheidbar zu machen scheinen. Niko­laidis’ Zei­tungs­kom­men­tare liest man in Ser­bien gern vor dem Hin­ter­grund der Tat­sache, dass er Berater Ranko Kri­vo­ka­pićs, des Prä­si­denten des mon­te­ne­gri­ni­schen Par­la­ments ist. Für die mon­te­ne­gri­ni­sche Abset­zungs­po­litik hat man in Ser­bien nicht viel übrig. Niko­laidis’ sati­risch-poli­ti­sche Essay­istik dis­qua­li­fi­ziert ihn in den Augen der ser­bi­schen Regie­rung für das Amt des mon­te­ne­gri­ni­schen Regie­rungs­be­ra­ters. Ugričić wie­derum, der diese Ver­mi­schung von Mei­nung, Lite­ratur und Funk­ti­ons­po­si­tion gemeinsam mit den anderen Unterzeichner_innen nicht hin­nehmen wollte, wird aus­ge­rechnet an der Posi­tion – an seinem Amt als Biblio­theks­leiter – gepackt und von der Lohn­liste des ser­bi­schen Staates gestri­chen. Dass er seine Auf­gabe über Jahre mit Bra­vour erfüllt und erfolg­reich inter­na­tio­nale Stan­dards in der Natio­nal­bi­blio­thek ein­ge­führt hat, bleibt unbe­stritten und macht umso deut­li­cher, dass die ser­bi­sche Regie­rung ledig­lich die Gunst der Stunde nutzt, um einen unlieb­samen (lite­ra­ri­schen!) Kri­tiker loszuwerden.

 

„Der Dik­tator dik­tiert. Das ver­blen­dete Volk Ser­biens liegt im rever­si­blen Koma“, schreibt Sreten Ugričić in seinem im letzten Jahr auch in deut­scher Sprache erschienen Roman An den unbe­kannten Helden. „Am meisten haben die Kinder zu leiden. Babys wei­gern sich, geboren zu werden. Wer möchte denn auch in einem Land geboren sein und leben, wo es keinen ein­zigen Stern am Himmel gibt!“ Ugričićs Roman, in dem Der Dik­tator herrscht und Der Narr Chef der Geheim­po­lizei ist, hat sich als pro­phe­tisch für sein eigenes Schicksal erwiesen. Ein lächer­li­cher Poli­zei­chef hat Ugričić mit Rücken­de­ckung eines als Anwalt ver­klei­deten Herr­schers auf die Straße gesetzt: Wegen staats­feind­li­cher Äuße­rungen, für die man in den USA angeb­lich eben­falls den Hut nehmen müsse. „Ser­bien ist Des­in­for­ma­tion“, schreibt Ugričić in seinem Roman. Wir werden sehen, wer hier Recht behält!

 

Ser­bi­sche Fas­sung: http://pescanik.net/2012/01/lov-srbije-na-pisca/