Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
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10099 Berlin

Sex sells – aber was ist mit den Neben­wir­kungen?

Dieser Text hätte am zweiten Juni ver­öf­fent­licht werden sollen, denn an diesem Tag, dem “Inter­na­tional Sex Workers Day”, wird jähr­lich an die Dis­kri­mi­nie­rung von Pro­sti­tu­ierten erin­nert; an Pro­sti­tu­ierte wie auch die kleine “Kukolka” aus dem gleich­na­migen Roman (2017) von Lana Lux eine ist.

 

„Ich will mal so werden, dass ich jedem Mann gefalle. So, dass jeder sich in mich ver­liebt, wenn er mich sieht“‒ sagte die sie­ben­jäh­rige Samira. Hätte sie geahnt, in wel­cher Weise sich dieser Wunsch in nur ein paar Jahren erfüllt, hätte sie ihn wahr­schein­lich nie aus­ge­spro­chen. Die Männer kamen, doch sie suchten bei ihr nicht nach Liebe, son­dern nach Sex. So begann ihr Leben als Pro­sti­tu­ierte, ein Leben am Rande der Gesell­schaft.

 

kukolka

 

Eigent­lich wollte Lana Lux ein Kin­der­buch schreiben. Ein Mär­chen, viel­leicht mit einem Prinzen, einer Fee oder einem Ein­horn. Irgend­etwas, was sie einmal selbst ihrem Kind vor­lesen wird. Das war ihr Plan, als sie im Kin­der­buch­schreib­kurs an der Volks­hoch­schule saß. Lux schrieb jedoch alles andere als ein Kin­der­buch; es wurde ein Roman über Drogen, Pro­sti­tu­tion und die Willkür des Lebens. Schuld daran ist ein Foto aus dem Kurs ‒ ein Mäd­chen mit schwarzen Haaren und gespren­kelten grünen Augen. Für sie war es die kleine Samira, die Heldin ihres Romans.

 

Lana Lux stammt aus der Ukraine und kam im Alter von zehn Jahren als Kon­tin­gent­flücht­ling nach Deutsch­land. 2017 ver­öf­fent­lichte sie ihren Debüt­roman Kukolka. Ein Buch, das mit so viel nüch­terner Bru­ta­lität geschrieben ist, dass man es vor Schmerz und Ekel am liebsten zer­reißen möchte, aber den­noch wei­ter­liest. Die Geschichte ist nicht neu. Sie ist eine von vielen Geschichten, die im Ost­eu­ropa der 1990er spielen, in einer Zeit, in der der ver­spro­chene Neu­aufbau wohl eher einem Kom­plett­ab­riss ähnelte.

 

Samira wächst in einem Kin­der­heim in Dni­pro­pe­trovsk auf und flieht, nachdem ihre ein­zige Freundin Marina von einem rei­chen deut­schen Ehe­paar adop­tiert worden ist. Völlig des­ori­en­tiert gerät sie an Rocky, der sie nur noch Kukolka („Püpp­chen“) nennt. Zusammen mit anderen Stra­ßen­kin­dern wohnt sie nun unter seiner Obhut. Die Kinder besorgen Geld und Rocky kas­siert dieses ein. Sobald sie den Sexu­al­trieb der Männer ken­nen­lernt, beginnt Samira die Rea­lität der Welt zu ver­stehen ‒ und vor allem ihre Rolle darin. Doch plötz­lich taucht Dima auf und die Geschichte scheint sich von Oliver Twist zu Aschen­brödel zu wan­deln. Sie landet in Berlin-Mar­zahn, wo der Aufzug genauso nach Pisse stinkt wie in Topol und sich die Jugend­li­chen auf Rus­sisch belei­digen. Der Prinz zeigt sein wahres Gesicht als Loverboy und schickt die erst 13-Jäh­rige zum Anschaffen. Als Alkohol und Drogen sie kaputt machen, ver­kauft er Samira an eine Sexa­gentur, wo Kunden die Mäd­chen rund um die Uhr bestellen können ‒ wie bei einem Lie­fer­ser­vice. Ihr Körper ist zer­stört, er funk­tio­niert wie eine Wasch­ma­schine: „Ganz viele Pro­gramme, alle laufen auto­ma­tisch ab. Aber was macht die Maschine. Wo kommt der ganze Dreck hin?“ Erstaun­lich ist nur, dass dieses Mäd­chen immer noch Mut hat. Und Hoff­nung. So gelingt ihr die Flucht, sie rennt und rennt und rennt.

 

Kukolka ist aus der Sicht der 15-jäh­rigen Samira geschrieben. Aus der Per­spek­tive eines Mäd­chens, das die bru­talsten Gescheh­nisse auf kind­lich direkte und unver­hoh­lene Weise beschreibt. Genauso ist die Sprache: platt, nüch­tern und äußerst vulgär. Als sie das erste Mal Sex sieht, erin­nert sie sich an die sich paa­renden Stra­ßen­hunde – doch diese keuchten wenigsten nicht so heftig. Die Funk­tionen des weib­li­chen Kör­pers werden ihr detail­ge­treu wie auf einem Bei­pack­zettel eines Medi­ka­mentes erklärt ‒ nur dass Anmer­kungen zu den Neben­wir­kungen fehlen. Manchmal jedoch fragen sich die Leser_innen, ob nicht doch die erwach­sene Lana Lux anstelle der jugend­li­chen Samira spricht. Der Roman ähnelt mit­unter einer Repor­tage, hin­ein­ge­zogen in den Wirr­warr aus Kri­mi­na­lität, Sex und Gewalt kann man ein­fach nicht auf­hören zu lesen.

 

Jeg­liche Refle­xi­ons­ebene fehlt, denn reflek­tieren sollen hier ledig­lich die Leser_innen. Vor allem die Pro­bleme, die Lana Lux nur indi­rekt anspricht. Die Geschichte von Samira ist nichts Neues, doch gelingt es der Autorin durch Neben­be­mer­kungen auf Pro­bleme in der Gesell­schaft auf­merksam zu machen. Pro­bleme, die eine Geschichte wie die von Samira über­haupt erst ermög­li­chen. Das sind einer­seits die Lega­lität von Pro­sti­tu­tion in Deutsch­land – „Nutte, Pro­sti­tu­ierte, Kur­ti­sane, Sex-Arbei­terin, such dir aus, wie du es nennen willst. Ist eine ganz nor­male legale Arbeit“ – und ande­rer­seits die orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität. Lana Lux betreibt Gesell­schafts­kritik auf eine berüh­rende und ein­dring­liche Weise und zugleich jen­seits jeg­li­chen beleh­renden Tons. Pro­sti­tu­tion, Drogen, ille­gale Ein­wan­de­rung, Ras­sismus, sadis­ti­sche Erzie­hungs­me­thoden kommen in Samira zusammen. In dem kleinen Mäd­chen, das sich eigent­lich nur nach Liebe und Auf­merk­sam­keit sehnt.

 

Indi­rekt und den­noch unglaub­lich aus­drucks­stark beschreibt die Autorin die psy­chi­schen Pro­bleme, die dieses Leben mit sich bringt. Die Lek­türe zwingt einen gera­dezu unwei­ger­lich mit Scham, Ekel, gar mit einem schlechten Gewissen dar­über nach­zu­denken. Letzten Endes geht es um tiefe Bezie­hungen, oder besser den Mangel an diesen. So wie das unbe­hol­fene Mäd­chen Lydia an den Zuhälter Rocky gebunden war, so liebte Samira Dima, auch wenn das abwegig erscheinen mag.Nebenbei, ja fast über­lesbar wirft die Autorin den Satz ein: „Im Rus­si­schen ist Mama etwas Exklu­sives, aber hier gibt es diverse Mamas. Tages-Mama, Stief-Mama, Schwieger-Mama, Gast-Mama und sogar Leih-Mama“. Ist das viel­leicht der Ursprung der Lebens- oder besser Lei­dens­ge­schichte von Samira? Das Fehlen einer Mutter, das Fehlen von Liebe, das Fehlen von Zunei­gung. Das Buch stellt Samira und letzt­lich auch die Leser_innen vor grund­sätz­liche Fragen zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hungen. Eine Ant­wort auf diese gibt es jedoch nicht.

 

Lux, Lana: Kukolka. Aufbau Verlag 2017. 375 Seiten. 22 EUR.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Felix Münger im Gespräch mit Lana Lux: “Kukolka” von Lana Lux, 2017..