Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Ende der schöp­fe­ri­schen Ermü­dung?

Sen­ność von Wojciech Kuczok

 

Die Helden von Sen­ność sind unglück­liche, ein­same Männer und Frauen, die ihr Leben ver­schlafen: Adam ist ein frisch­ge­ba­ckener Ortho­päde, der sich von der Pro­vinz und vom kon­ser­va­tiven Eltern­haus los­reißen will. Seine Schläf­rig­keit ist eine Art kind­liche Rat­lo­sig­keit gegen­über dem Vater, der ver­sucht, das Leben seines Sohnes nach dem ein­fa­chen Dorf­de­kalog zu planen. Zu gut kann sich Adam noch an strenge väter­liche Erzie­hungs­me­thoden erin­nern und an die klaus­tro­pho­bi­sche Dun­kel­heit des „Nach­denk­raums“. Róża wie­derum, „die Frau großen For­mats“, die Königin der schönen Gesichter auf rie­sen­großen Stadt­pos­tern, war früher eine erfolg­reiche Thea­ter­schau­spie­lerin. Ihre Schläf­rig­keit ist real, sie leidet an Nar­ko­lepsie. Und Robert ist ein Schrift­steller, der sich in einer schöp­fe­ri­schen Krise befindet. Vom Erfolg seines letzten Romans nie­der­ge­drückt, fühlt er sich nicht imstande, weiter zu schreiben. Er ist davon über­zeugt, dass man sein Buch über­schätzte: „Alle, die sich schamlos für Roberts Roman begeis­terten, sollten sich jetzt in der Pflicht fühlen, sein neues Buch zu unter­schätzen. Sie sollten auf seinen miss­lun­genen Roman warten.“

Auf den neuen Roman von Wojciech Kuczok haben die pol­ni­schen Leser vier Jahre lang mit großen Hoff­nungen gewartet. In dieser Zeit beklagte der junge Autor aus Chorzów (Ober­schle­sien) mehr­mals in Inter­views, dass er unter einer schöp­fe­ri­schen Krise leide. 2003 erschien Kuc­zoks erster Roman Gnój (Dreckskerl), der den pol­ni­schen Nike-Lite­ra­tur­preis bekam. Auf der Grund­lage des Romans ver­fasste Kuczok ein Dreh­buch zum Film Pręgi (Striemen) von Mag­da­lena Pie­korz, der 2004 den Haupt­preis des pol­ni­schen Film­fes­ti­vals in Gdynia erhielt. Inzwi­schen ver­öf­fent­lichte er auch zwei Erzähl­bände Wid­mo­krąg (Im Kreis der Gespenster) und Opowieści prze­brane (Aus­ge­wählte Erzäh­lungen). Gleich­zeitig setzte Kuczok die Zusam­men­ar­beit mit Mag­da­lena Pie­korz fort und schrieb das Dreh­buch zu ihrem zweiten Film, Sen­ność (Schläf­rig­keit), der im Oktober 2008 urauf­ge­führt wurde. Aus diesem Dreh­buch ent­stand wie­derum Kuc­zoks zweiter, gleich­na­miger Roman. Die Ähn­lich­keit von Robert, dem Schrift­steller im Roman, und dem Autor selbst ist hier nicht zu über­sehen: Robert wird zum Sprach­rohr seiner Gedanken. Kuczok als Roman­cier ist wieder auf­ge­wacht und ser­viert uns seine Prosa zur Schläf­rig­keit, die sich im ganzen Roman aus­breitet und die auch den Leser über­mannt.

Die Hand­lung bilden drei Geschichten – von Adam, Róża und Robert –, die zunächst lose anein­an­der­ge­reiht und zum Schluss auf­fal­lend künst­lich mit­ein­ander ver­flochten werden.
Adam ver­liebt sich in einen hüb­schen Gas­sen­jungen und Taschen­dieb, den er Schön­ling nennt. Eines Tages erscheint der ver­letzte Schön­ling nach einer Eska­pade rein zufällig aus­ge­rechnet in dem Kran­ken­haus, in dem Adam arbeitet. Und so beginnt zwi­schen den beiden ein lei­den­schaft­li­ches Ver­hältnis. Adam hul­digt dem Jüng­ling im Schön­ling und möchte den Mann aus ihm ver­treiben. Die Schluss­szene ist die Krö­nung des Kitschs: Die beiden Geliebten ziehen aufs Land, in die homo­phobe Pro­vinz, und wohnen in einem Haus unweit von Adams Eltern. Der Vater schließt sich aus Pro­test im „Nach­denk­raum“ ein und die Mutter bringt dem jungen Paar But­ter­brote.
Róża wie­derum hat einen kar­rie­re­g­eilen Geschäfts­mann gehei­ratet: Ihr Leben ver­läuft zwi­schen Ver­zweif­lung und Traum und sie schläft immer häu­figer ein­fach ein. Sie, eine von Män­nern begehrte und erfolg­reiche Künst­lerin, wird vom eigenen Mann nicht geliebt. Für den Ehe­mann ist sie nur eine gute und nutz­brin­gende Inves­ti­tion.
Und Robert? Er wurde „der popu­lärste nicht schrei­bende Schrift­steller im Lande“, als er seine Frau hei­ra­tete. Gleich­zeitig ver­mählte er sich mit seinen Schwie­ger­el­tern und lebt jetzt mit ihnen zusammen unter einem Dach. Die Familie lässt keinen Platz für indi­vi­du­elle Bedürf­nisse und Träume. Das Fami­li­en­leben mit der hypo­chon­dri­schen Ehe­frau, dem kon­ser­va­tiven Schwie­ger­vater und der Schwie­ger­mutter als treuer Hörerin von Radio Maryja bewirkt, dass Robert immer tiefer in der Lethargie ver­sinkt.

Zum Schluss kreuzen sich die Wege der Prot­ago­nisten: Aus der Erstar­rung wird Robert durch die Nach­richt über seine unheil­bare Krank­heit und durch seine Liebe zu Róża erweckt. Robert trifft Adam in seiner Arzt­praxis, der als Ortho­päde erstaun­li­cher­weise auch ein Berater im Bereich der Onko­logie ist. Ähn­lich künst­lich erscheint das Treffen von Robert und Róża. Der Erzähler insze­niert wie ein Film­re­gis­seur ihre Begeg­nung und kom­men­tiert sein Arran­ge­ment: „Warum soll ich nicht ver­su­chen, diese beiden ein­samen Men­schen zusam­men­zu­bringen?“

Der neue Roman Kuc­zoks fällt – wie seine frü­here Prosa – durch die Sprache auf, die in sich Ele­ganz und Aus­schwei­fung ver­bindet und durch aus­ge­fal­lene Neo­lo­gismen und Wort­spiele beein­druckt. Die Kon­flikte der Roman­helden erin­nern aber an sche­ma­ti­sche und banale Tele­no­vela-Sze­na­rien. Die para­doxe Ver­bin­dung von Kuc­zoks leben­diger Sprache mit der kit­schigen Hand­lung ruft einen komi­schen Effekt hervor. Die Prot­ago­nisten erscheinen als höl­zerne Mario­netten, deren Leben einem Tanz von Schlaf­wand­lern ähnelt. Gleich­zeitig ver­führt Kuczok mit der Viel­falt von Stimmen: mal subtil mit lyri­schen Meta­phern, mal sug­gestiv mit schle­si­schem Dia­lekt, dann wieder absurd mit Aus­drü­cken im Stil von Gom­bro­wicz.

Kuczok ver­wi­ckelt seine Helden in ein schnelles und ein­fa­ches Happy End. Dadurch scheint der Moment des Erwa­chens nicht real zu sein und den Helden wird der letzte Anschein von Authen­ti­zität genommen. Und noch einmal meldet sich selbst­re­flexiv der Erzähler dazu: „Was ist das für ein Tele­no­vela-Tratsch und ‑Klatsch? Irgendein fal­scher Akkord schallt hier heraus.“ Ist Schläf­rig­keit ein Roman über unser vom Kitsch der medialen Welt ange­stecktes Leben, in dem sich jede Geschichte in eine banale Erzäh­lung, einer Tele­no­vela ähn­lich, ver­wan­deln muss? Wenn ja, dann stellt der Schluss des Romans auch einen selbst­iro­ni­schen, bit­teren Kom­mentar zum Wunsch nach dem Ende der schöp­fe­ri­schen Ermü­dung dar.

 

Kuczok, Wojciech: Sen­ność. Wars­zawa 2008.
Kuczok, Wojciech: Dreckskerl. Frank­furt am Main, 2007.
Kuczok, Wojciech: Im Kreis der Gespenster. Frank­furt am Main, 2006.
Kuczok, Wojciech: Opowieści prze­brane. Wars­zawa 2005.
Kuczok, Wojciech: Wid­mo­krąg. Wars­zawa 2004.
Kuczok, Wojciech: Gnój. Wars­zawa 2003.

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