Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Felder und Schlacht­felder: Vla­dislav Vančuras Roman Pole orná a válečná

Mit Anklängen an die Bibel und den Expres­sio­nismus erzählt Vla­dislav Vančura in wortge­wal­tiger wie gedrängter, der avant­gar­dis­ti­schen Ästhetik der Ver­frem­dung ver­pflich­teter Ma­nier von den Schre­cken des Ersten Welt­krieges und dem apo­ka­lyp­ti­schen Ende der alten Welt. Jetzt ist dieser 1925 ver­öf­fent­lichte, in seiner kom­plexen Bild­haf­tig­keit immer noch heraus­for­dernde Ro­man des tsche­chi­schen Autors erst­mals in kon­ge­nialer deut­scher Über­set­zung er­schie­nen.

 

Die tsche­chi­sche lite­ra­ri­sche Avant­garde der 1920er Jahre mit der Ver­ei­ni­gung „Devětsil“ (Pest­wurz) im Zen­trum steht über Lyriker wie Jaroslav Sei­fert oder Vítězslav Nezval für einen spie­le­risch-hei­teren, der zeit­ge­nös­si­schen Wirk­lich­keit der Groß­stadt und der Technik zuge­wandten Blick auf die Welt. Mit einigen dieser Autoren ist Vla­dislav Vančura auf den dem Band bei­gefügten Pho­to­gra­phien auch gemeinsam zu sehen.

 

vancura-Sonnendeck

Vančura und Nezval im Lie­ge­stuhl. © Arco Verlag

 

Über das voll­stän­dige Fehlen des Spie­le­ri­schen frei­lich unter­scheidet sich der 1925 in gleich zwei ver­schie­denen Prager Ver­lagen her­aus­ge­brachte Roman auf­fällig von der künst­le­ri­schen Praxis des tsche­chi­schen Poe­tismus. Gleich­zeitig belegt er im Rück­griff auf Techni­ken des Ex­pres­sio­nismus auch die Bedingt­heit lite­ra­tur­ge­schicht­li­cher Zuschrei­bungen.

 

„Alle Straßen münden in schwarze Ver­we­sung“

Der von Vančura bewusst gesetzte Rück­griff auf expres­sio­nis­ti­sche Tech­niken (wie etwa eine ver­knappte Aus­drucks­weise oder eine ver­dich­tete Meta­phorik) ver­leiht dem Roman zusammen mit einem deut­­­lichen, auf die Apo­ka­lypse rekur­rie­renden Inter­text seine klar mar­kierte, his­to­ri­sche Posi­tion in der euro­päi­schen Lite­ratur der 1920er Jahre. Daneben liegt aber gerade hier auch jenes pro­vo­ka­tive Moment, das min­des­tens den kon­ser­vativeren Teil der zeit­ge­nös­si­schen tsche­chi­schen Kritik irri­tierte und das auch dank der ge­nauen und metho­do­lo­gisch reflek­tierten Über­tra­gung von Kris­tina Kal­lert heute noch vi­ru­lent scheint. Beide Punkte, also die not­wen­dige lite­ra­tur­his­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­­sierung wie auch die prin­zi­pi­elle Über­setz­bar­keit des Romans, werden in zwei auf­schluss­rei­chen, ein­an­der sinn­voll ergän­zenden Nach­be­mer­kungen der Über­set­zerin und des Heraus­ge­bers Jiří Holý er­läutert (Ho­lýs Nach­wort wurde von Ger­traude Zand ins Deut­sche über­tragen). Auch die dem Band bei­­ge­fügten mili­tär­ge­schicht­li­chen Anmer­kungen zu den ver­schie­denen von Van­­čura er­wähnten Schlachten im Raum Gali­zien bieten eine will­kom­mene Zu­satz­in­for­ma­ti­on, wenn auch lei­der die auf den Haupt­text ver­wei­senden Sei­ten­zahlen dieses Kom­men­tars durch­ge­hend falsch ange­führt sind.

Neben der spe­zi­fi­schen Bild­sprache des Romans stellt auch dessen signi­fi­kant redu­zierte Su­jetführung, ganz der Poetik der his­to­ri­schen Avant­garde ge­schul­det, einen wei­teren Faktor dar, der eine pro­blem­lose und rasche Lek­türe des Textes erschwert. Vančuras Aus­gangs­punkt ist un­ge­achtet der Pro­duk­tion eines nar­ra­tiven Textes nicht die Ver­knüp­fung von Er­zähl­­linien, die sich an kon­tras­tie­renden Figuren ori­en­tiert, son­dern das poe­ti­sche Wort in sei­ner se­man­ti­schen Va­lenz. Kon­se­quen­ter­weise erscheinen dann auch die ins­ge­samt zwölf Ka­pitel, in die der Autor sei­nen Roman glie­dert, weniger als Ein­heiten einer sich suk­zes­sive ent­fal­tenden Er­zähl­hand­lung, son­dern eher als nur lose mit­ein­ander ver­knüpfte Tableaus. Diese werden über bestimmte sich wie­der­holende Motive wie Sterne, Erde oder Wasser sowie über die psy­cho­logisch kaum ve­r­tief­ten Zen­tral­fi­guren zusam­men­ge­halten

 

„Der Schmerz presste die zahl­losen blu­tigen Glieder“

Die feh­lende Innen­schau der Figuren ver­steht sich frei­lich nicht als künst­le­ri­sches Defizit des Romanes, son­dern ist dessen expres­sio­nis­tisch grun­dierter Poetik der Gro­teske geschuldet, die eine solche a priori nicht zulässt. Fol­ge­richtig betrifft sie auch jene beiden sozialen Grup­pie­rungen, die Vančura in den ersten beiden Kapi­teln des Romans gegen­über­stellt – die zwei ant­ago­nis­tisch kon­zi­pierten Knechte Fran­tišek Hora (= Berg) und Fran­tišek Řeka (= Fluss) und die Mägde im fik­tiven Dorf Ouhrov (mit­samt der tra­di­tio­nellen Figur des jüdi­schen Schank­wirts) sowie die ade­lige Herr­schaft in Gestalt von Baron Maxi­mi­lian Dano­witz und sei­­n­en beiden Söhnen, dem Offi­zier Erwin und dem schwäch­li­chen, ins Kloster ab­ge­scho­be­nen Josef. Sie alle, Ade­lige wie Knechte, Frauen wie Männer, Juden, Tsche­chen und Deut­sche, erscheinen als Mario­netten, die primär von ihren Trieben gesteuert sind und im Ver­lauf der nur lose skiz­zierten Roman­hand­lung an den ver­schie­denen Schau­plätzen der Hand­­lung – dem Gut in Ouhrov, der Groß­stadt mit ihren Bor­dellen und Kasernen, an der Front in Gali­zien und in den Spi­tä­lern in Krakau – zu­ein­ander in Re­la­tion gebracht werden.

 

Als die exis­ten­zi­ellen Klam­mern, mit denen Vančura seine Hand­lung zusam­men­hält, er­weisen sich ein kon­se­quent ins Nega­tive gewen­deter Eros und ein in der Regel als mi­li­tä­rische oder indi­vi­du­elle Gewalt erlebter Tha­natos. Der halb wahn­sin­nige Och­sen­knecht Řeka erhängt nach einem geschei­terten Ver­such, den Schank­wirt zu ermorden, zunächst Hora, ehe er ein­rü­cken und die Grauen eines tech­ni­sierten Krieges in Gali­zien am eigenen Leib erleben muss. Dem stan­des­be­wussten Erwin bleibt der ersehnte Hel­dentod in der Schlacht ver­sagt, er stirbt im Laza­rett an der Ruhr. In den Spi­tä­lern von Krakau kommen schließ­lich die Zen­tral­fi­guren wieder zusammen. Baron Maxi­mi­lian trifft auf seine zwei Söhne. Eben­so tau­chen die Dir­ne The­resia, die nun­mehr als Pfle­gerin tätig ist und Erwin noch­mals sehen möchte, sowie die fran­zösische Mätresse Maxi­mi­lians wieder auf. Řeka erduldet auf dras­ti­sche Weise die Ge­sichtslosigkeit des modernen Krieges, da ihm selbst ein Teil des Ge­­sichtes weggeschos­sen wurde, und erlebt in einer abschlie­ßenden hal­lu­zi­nato­ri­schen Szene sein eigenes Begräb­nis mit allen dazu­ge­hö­rigen mili­tä­ri­schen Ehren.

 

„Es fing die höl­li­sche Qual an“

Kor­re­spon­die­rend dazu und in signi­fi­kantem Kon­trast zu den Texten des tsche­chi­schen Po­etis­mus inklu­sive von Vančuras anderen Ro­ma­nen und Erzäh­lungen, in denen Erotik und Se­xu­a­li­tät zu­­meist positiv funk­tio­na­li­siert sind, werden sie hier immer mit einem Merkmal des Schmut­zi­gen und Ekel­haften ver­sehen, das sich je nach so­­zialer Schicht in jeweils un­ter­schied­licher Weise mani­fes­tiert. Die ein­zige Figur, die dieser all­um­fas­senden Degra­dation ent­­­hoben ist – die Magd Anna – stirbt bezeich­nen­der­weise bereits im ersten Kapitel zu­sam­men mit ihrem noch unge­bo­renen Kind. Als indi­rekten Kon­tra­punkt dazu evo­zie­ren die Schluss­passagen in adven­tis­ti­scher Manier das Her­auf­kom­men ei­nes neuen Zeit­alters, das anders als das unter­ge­gan­gene auch von sozialer Ge­rech­tig­keit ge­prägt sein wird.

Viel­leicht vermag abschlie­ßend ein Blick auf den kom­plexen Titel des Romans dessen präzi­se­re lite­ra­tur­ge­schicht­liche Posi­tio­nie­rung zu umreißen. Die Titel gebenden Felder sind so­wohl solche, auf denen gepflügt und geerntet wird („pole orná“), als auch die im Beschuss um­­gepflügten Schlacht­felder des Ersten Welt­krieges („pole válečná“). Über die expressionis­ti­sche Dar­stel­lung dieser Schlacht­felder selbst und der damit ver­bun­denen Zurich­tung der Re­kru­­ten kor­­res­pondiert Vančuras Roman etwa mit Georg Trakls berühmtem Gedicht Gro­dek, mit Mi­ro­slav Krležas Erzäh­lung Baraka pet be (Baracke 5 b) oder auch mit Józef Witt­lins pa­zifis­ti­schem Roman Sól ziemi (Das Salz der Erde); die­sen Texten sind auch die drei vorange­gan­ge­nen Zwi­schen­über­schriften ent­nom­­men.

Gleich­zeitig geht der Roman über die Dar­stel­lung bäu­er­li­cher Lebens­welten aber auch von einer lite­ra­ri­schen Tra­di­tion der Böh­mi­schen Länder im 19. Jahr­hun­dert aus, nur um diese im Zei­chen der his­to­rischen Avant­garde der 1920er Jahre radikal zu ver­ab­schieden: Die kon­tras­tie­rende Dar­stel­lung von tsche­chi­schem Dorf und deut­schem Schloss gleich in den ersten beiden Kapi­teln lässt als Hin­ter­grund­folie die Dorf- und Schloss­ge­schicht­e durch­scheinen, die in unterschied­li­cher Form etwa von Božena Něm­cová und Marie von Ebner-Eschen­bach rea­li­siert wurde. Viel­leicht mag diese lite­ra­ri­sche Genealo­gie spekula­tiv erscheinen, Vančuras Sen­so­rium für Pro­bleme der Lite­ra­tur­theorie ist in dem Band jeden­falls nach­drück­lich doku­men­tiert: Einige der von Kris­tina Kal­lert aus dem Nach­lass des Au­tors zitierten Pas­sagen lesen sich wie Aus­züge aus den struk­tu­ra­lis­ti­schen Auf­sätzen von Jan Mu­kařovský und belegen so nach­drück­lich die für die Avant­garde ins­ge­samt kenn­zeichnende Eng­füh­rung von theo­re­ti­scher Modell­bil­dung und künst­le­ri­scher Praxis. Der Um­stand, dass man über diese wich­tige Facette von Vančuras Schaffen gewis­ser­maßen en pas­sant in Kennt­nis gesetzt wird, kann abschlie­ßend als ein wei­terer Plus­punkt dieser insge­samt höchst gelun­genen wie beein­dru­ckenden Aus­gabe ver­merkt werden.

 

Vančura, Vla­dislav: Felder und Schlacht­felder. Aus dem Tsche­chi­schen von Kris­tina Kal­lert. Her­aus­ge­geben und mit einem Nach­wort von Jiří Holý (= Biblio­thek der Böh­mi­schen Länder Bd. XI). Wup­pertal: Arco, 2017.

Vančura, Vla­dislav: Pole orná a válečná. Praha: Družs­t­evní práce, 1925..

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