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„Smashed to Pieces“ von La belle Meunière – La poétique des Signes

Posted on 29. Mai 2020 by Barbara Wohlgemuth
Das französische Theaterkollektiv La belle Meunière bot dem MESS-Publikum eine 75-minütige, wortlose und eindrucksvolle Dekonstruktion einer massiven Kommode. 2014 wurde die Produktion im Rahmen des Theaterfestivals in Avignon unter dem französischen Originaltitel Buffet à vif uraufgeführt. Seither wurde sie in Frankreich, Tschechien, Serbien und Bulgarien gezeigt. Im Rahmen des 59. MESS Theaterfestivals in Sarajevo war Smashed to Pieces erstmals in Bosnien-Herzegowina zu erleben.

Das französische Theaterkollektiv La belle Meunière bot dem MESS-Publikum eine 75-minütige, wortlose und eindrucksvolle Dekonstruktion einer massiven Kommode. 2014 wurde die Produktion im Rahmen des Theaterfestivals in Avignon unter dem französischen Originaltitel Buffet à vif uraufgeführt. Seither wurde sie in Frankreich, Tschechien, Serbien und Bulgarien gezeigt. Im Rahmen des 59. MESS Theaterfestivals in Sarajevo war Smashed to Pieces erstmals in Bosnien-Herzegowina zu erleben.

 

Während der französische Originaltitel auf die Dynamik und Lebendigkeit des titelgebenden Objekts hinweist (Buffet à vif – rohes, entblößtes Möbel), setzt die englische Übersetzung Smashed to pieces den Fokus auf dessen Zerstörung. Beides sind zentrale Elemente dieser Produktion – das Publikum wird Zeuge eines rohen, brachialen Gewaltakts an einem Möbelstück und abschließend aufgefordert, mit den losen Holzfragmenten gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Obwohl es sich im ersten Teil der Performance um eine systematische Zerstörung handelt, stiftet dieses Attentat an einem antiquierten, sperrigen Holzbuffet keinerlei Traurigkeit, sondern weckt die Lebensgeister.

 

Die Protagonisten des Stücks werden von Pierre Meunier und Raphael Cottin gespielt, der eine Schauspieler und der andere Tänzer. Dieses dynamische und zugleich ungleiche Duo hievt mühevoll ein schweres, sperriges Holzbuffet auf die Bühne. Es ist sorgfältig in einer weißen Schutzfolie verpackt, als Zuschauer_in beobachtet man das ungleiche Möbelpacker-Paar etwas skeptisch und verwundert; man ist unschlüssig, was einen erwartet.

 

Mit großer Sorgfalt und Mühe wird die Schutzfolie abgelöst. Das klotzige Möbelstück steht nun auf der kahlen Bühne, die beiden Protagonisten gehen gemächlich hin und her, stellen ein kleines, schwarzes Radio ab und spielen französische Chansons. Dann zückt einer der beiden plötzlich einen Hammer und schlägt euphorisch auf das Möbelstück ein, während im Hintergrund immer noch die Musik aus dem kleinen Radio trällert. Das Holz birst, es entstehen große Löcher. Die Protagonisten kriechen in das immer kleinteiliger werdende Holzbuffet und führen einen virtuosen und wilden Totentanz auf. Sie stellen sich mal hinter, mal vor das demolierte Möbelstück, heben und senken es in Zeitlupe, mimen die letzten Atemzüge, bevor sie es Stück für Stück auseinanderbrechen und nur noch lose Holzfragmente auf der Bühne liegen.

 

Dies bildet einen Schlüsselmoment der Darbietung – doch nun tritt überraschenderweise eine dritte Figur in Erscheinung. Eine Frau betritt die Bühne und lädt die Zuschauer_innen ein, aus ihrer passiven Rolle zu treten und kollektiv etwas Neues aus den herumliegenden Holzstücken zu kreieren. Zuerst zögerlich, doch dann mit wachsender Begeisterung, entscheidet sich ein großer Teil des Publikums, die Initiative zu ergreifen und gemeinsam eine neue Ordnung zu schaffen. Dies geschieht jedoch in kompletter Stille, die französischen Chansons sind nun verstummt und man arbeitet ruhig und respektvoll zusammen. Die Stimmung auf der Bühne ist hoch konzentriert – man realisiert, wo man sich befindet und was man gerade tut. Dadurch, dass das Stück im “Sarajevski Ratni Teatar” (SARTR; dt. Sarajevoer Kriegstheater) gezeigt wird, gewinnt die Metapher der Zerstörung und des Neuaufbaus eine zusätzliche Intensität.

 

La Belle Meunière sieht in dieser poetischen Choreografie der Zerstörung und des Neuaufbaus eine Möglichkeit, zu zeigen, dass es sich lohnt, Dinge anzufassen, aufzubrechen, komplett zu zerstören, um Raum für Klarheit und Innovation zu schaffen. Die zerstörerischen Gewaltakte der namenlosen Möbelpacker ermöglichen einen kollektiven Neuanfang für die passiven Zusehenden.

 

Smashed to Pieces war eine imposante Metapher für das Leitmotiv des diesjährigen MESS Festivals – fluid life. Es illustrierte die ephemere Natur des Lebens, ohne dabei pathetisch oder klischeehaft zu werden. Die Produktion bietet eine einfache, nie kaschierte Lesart an, überzeugt jedoch gerade in ihrer konsequenten konzeptuellen Schlichtheit. Durch das minimalistische Bühnenbild und den fehlenden Dialog wird der Blick auf das wilde, brutale, absurde und eben auch schöne Geschehen geschärft, das sich auf der Bühne abspielt.

 

Durch die Miteinbeziehung des Publikums wird der Theaterabend gegen Ende zur Improvisation – und bewegt sich weg von einer vorgegebenen Choreografie zu einer fließenden, kollektiven Performance, die jedes Mal anders und einzigartig ausfällt.

 

Smashed to pieces, La Belle Meunière – La Poétique des Signes, Cast: Marguerite Bordat, Raphael Cottin, Pierre Meunier; Vorstellung vom 1. Oktober 2019, 22 Uhr, 59. MESS International Theater Festival, Sarajevo War Theater SARTR.

 

Weiterführende Links

Smashed to pieces auf dem MESS International Theater Festival.
Buffet à vif von La Belle Meunière.

„Smashed to Pieces“ von La belle Meunière – La poétique des Signes – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Smashed to Pieces“ von La belle Meu­n­ière – La poé­tique des Signes

Das fran­zö­si­sche Thea­ter­kol­lektiv La belle Meu­n­ière bot dem MESS-Publikum eine 75-minü­tige, wort­lose und ein­drucks­volle Dekon­struk­tion einer mas­siven Kom­mode. 2014 wurde die Pro­duk­tion im Rahmen des Thea­ter­fes­ti­vals in Avi­gnon unter dem fran­zö­si­schen Ori­gi­nal­titel Buffet à vif urauf­ge­führt. Seither wurde sie in Frank­reich, Tsche­chien, Ser­bien und Bul­ga­rien gezeigt. Im Rahmen des 59. MESS Thea­ter­fes­ti­vals in Sara­jevo war Smashed to Pieces erst­mals in Bos­nien-Her­ze­go­wina zu erleben. 

 

Wäh­rend der fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­titel auf die Dynamik und Leben­dig­keit des titel­ge­benden Objekts hin­weist (Buffet à vif – rohes, ent­blößtes Möbel), setzt die eng­li­sche Über­set­zung Smashed to pieces den Fokus auf dessen Zer­stö­rung. Beides sind zen­trale Ele­mente dieser Pro­duk­tion – das Publikum wird Zeuge eines rohen, bra­chialen Gewalt­akts an einem Möbel­stück und abschlie­ßend auf­ge­for­dert, mit den losen Holz­frag­menten gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Obwohl es sich im ersten Teil der Per­for­mance um eine sys­te­ma­ti­sche Zer­stö­rung han­delt, stiftet dieses Attentat an einem anti­quierten, sper­rigen Holz­buffet kei­nerlei Trau­rig­keit, son­dern weckt die Lebensgeister.

 

Die Prot­ago­nisten des Stücks werden von Pierre Meu­nier und Raphael Cottin gespielt, der eine Schau­spieler und der andere Tänzer. Dieses dyna­mi­sche und zugleich ungleiche Duo hievt mühe­voll ein schweres, sper­riges Holz­buffet auf die Bühne. Es ist sorg­fältig in einer weißen Schutz­folie ver­packt, als Zuschauer_in beob­achtet man das ungleiche Möbel­pa­cker-Paar etwas skep­tisch und ver­wun­dert; man ist unschlüssig, was einen erwartet.

 

Mit großer Sorg­falt und Mühe wird die Schutz­folie abge­löst. Das klot­zige Möbel­stück steht nun auf der kahlen Bühne, die beiden Prot­ago­nisten gehen gemäch­lich hin und her, stellen ein kleines, schwarzes Radio ab und spielen fran­zö­si­sche Chan­sons. Dann zückt einer der beiden plötz­lich einen Hammer und schlägt eupho­risch auf das Möbel­stück ein, wäh­rend im Hin­ter­grund immer noch die Musik aus dem kleinen Radio träl­lert. Das Holz birst, es ent­stehen große Löcher. Die Prot­ago­nisten krie­chen in das immer klein­tei­liger wer­dende Holz­buffet und führen einen vir­tuosen und wilden Toten­tanz auf. Sie stellen sich mal hinter, mal vor das demo­lierte Möbel­stück, heben und senken es in Zeit­lupe, mimen die letzten Atem­züge, bevor sie es Stück für Stück aus­ein­an­der­bre­chen und nur noch lose Holz­frag­mente auf der Bühne liegen.

 

Dies bildet einen Schlüs­sel­mo­ment der Dar­bie­tung – doch nun tritt über­ra­schen­der­weise eine dritte Figur in Erschei­nung. Eine Frau betritt die Bühne und lädt die Zuschauer_innen ein, aus ihrer pas­siven Rolle zu treten und kol­lektiv etwas Neues aus den her­um­lie­genden Holz­stü­cken zu kre­ieren. Zuerst zöger­lich, doch dann mit wach­sender Begeis­te­rung, ent­scheidet sich ein großer Teil des Publi­kums, die Initia­tive zu ergreifen und gemeinsam eine neue Ord­nung zu schaffen. Dies geschieht jedoch in kom­pletter Stille, die fran­zö­si­schen Chan­sons sind nun ver­stummt und man arbeitet ruhig und respekt­voll zusammen. Die Stim­mung auf der Bühne ist hoch kon­zen­triert – man rea­li­siert, wo man sich befindet und was man gerade tut. Dadurch, dass das Stück im “Sara­je­vski Ratni Teatar” (SARTR; dt. Sara­je­voer Kriegs­theater) gezeigt wird, gewinnt die Meta­pher der Zer­stö­rung und des Neu­auf­baus eine zusätz­liche Intensität.

 

La Belle Meu­n­ière sieht in dieser poe­ti­schen Cho­reo­grafie der Zer­stö­rung und des Neu­auf­baus eine Mög­lich­keit, zu zeigen, dass es sich lohnt, Dinge anzu­fassen, auf­zu­bre­chen, kom­plett zu zer­stören, um Raum für Klar­heit und Inno­va­tion zu schaffen. Die zer­stö­re­ri­schen Gewalt­akte der namen­losen Möbel­pa­cker ermög­li­chen einen kol­lek­tiven Neu­an­fang für die pas­siven Zusehenden.

 

Smashed to Pieces war eine impo­sante Meta­pher für das Leit­motiv des dies­jäh­rigen MESS Fes­ti­vals – fluid life. Es illus­trierte die ephe­mere Natur des Lebens, ohne dabei pathe­tisch oder kli­schee­haft zu werden. Die Pro­duk­tion bietet eine ein­fache, nie kaschierte Lesart an, über­zeugt jedoch gerade in ihrer kon­se­quenten kon­zep­tu­ellen Schlicht­heit. Durch das mini­ma­lis­ti­sche Büh­nen­bild und den feh­lenden Dialog wird der Blick auf das wilde, bru­tale, absurde und eben auch schöne Geschehen geschärft, das sich auf der Bühne abspielt.

 

Durch die Mit­ein­be­zie­hung des Publi­kums wird der Thea­ter­abend gegen Ende zur Impro­vi­sa­tion – und bewegt sich weg von einer vor­ge­ge­benen Cho­reo­grafie zu einer flie­ßenden, kol­lek­tiven Per­for­mance, die jedes Mal anders und ein­zig­artig ausfällt.

 

Smashed to pieces, La Belle Meu­n­ière – La Poé­tique des Signes, Cast: Mar­gue­rite Bordat, Raphael Cottin, Pierre Meu­nier; Vor­stel­lung vom 1. Oktober 2019, 22 Uhr, 59. MESS Inter­na­tional Theater Fes­tival, Sara­jevo War Theater SARTR.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Smashed to pieces auf dem MESS Inter­na­tional Theater Festival.
Buffet à vif von La Belle Meunière.