Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
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10099 Berlin

Wer geht leer aus? – Die Thea­ter­pro­duk­tion “Imi­ta­tion of Life”

Die Eröff­nungs­pro­duk­tion Imi­ta­tion of Life des MESS Fes­ti­vals 2019 in Sara­jevo könnte kaum einen bedrü­cken­deren und poli­ti­scheren Inhalt behan­deln. Basie­rend auf einem tat­säch­lich in Ungarn statt­ge­fun­denen Vor­fall, kre­iert die unga­ri­sche Autorin Kata Webér ein Stück, hiermit erst­mals von Kornél Mun­druczó für sein Proton Theater (Buda­pest) insze­niert, in dem sie die Domi­nanz der Bana­lität und die Ver­gäng­lich­keit unseres Lebens auf­zeigt. Es wird aber auch die Frage nach Schicksal oder Eigen­be­stimmt­heit gestellt. Ist unser Leben vor­ge­geben oder hängt es von unseren Taten ab? Und welche Rolle hat die indi­vi­du­elle Hand­lungs­macht inner­halb poli­ti­scher Pro­zesse, denen man aus­ge­lie­fert zu sein scheint?

 

Den Aus­gangs­punkt des Stücks bildet die Attacke eines jungen Mannes auf einen Jugend­li­chen. Wie sich her­aus­stellt, sind beide Ange­hö­rige der Min­der­hei­ten­gruppe der Roma. In der Thea­ter­pro­duk­tion Imi­ta­tion of Life wird eine mög­liche Lebens­ge­schichte des Täters kon­zi­piert. Der Beginn der Auf­füh­rung gestaltet sich mit­tels Video­pro­jek­tion. Diese zeigt ein knapp 20 Minuten langes Inter­view zwi­schen einer Frau und einem Mann, wobei ledig­lich das Gesicht der Frau gezeigt wird. Die Mimik der Frau wird in einer Close-Up-Auf­nahme bis ins kleinste Detail dar­ge­stellt. Im Publikum ent­steht der Ein­druck, dass sie die starke, in dem Verhör domi­nante Person ist. Sie wirkt ernst, unauf­ge­regt und spricht mit fester Stimme. Die sich selbst als Roma bezeich­nende Figur erzählt ihrem Inter­view­partner ihre von Aus­gren­zung, Hass und Gewalt geprägte Lebens­ge­schichte. Sie spricht von ihrem Sohn, wel­cher sich seiner Ethnie schämte und des­wegen seine Familie leug­nete und ver­ließ, um sich ein anderes Leben, fern von Mar­gi­na­li­sie­rung, auf­zu­bauen. Dem Publikum drängt sich die Frage auf, ob es sich hierbei um den ein­gangs bereits erwähnten Täter han­delt.

 

Erst schritt­weise stellt sich heraus, dass das Gespräch im Rahmen einer Delo­gie­rung statt­findet und der Mann die Frau der Woh­nung ver­weisen muss. Wegen eines Hus­ten­an­falls der Prot­ago­nistin wird die Befra­gung unter­bro­chen. In diesem Moment lüftet sich für das Publikum – wort­wört­lich – der Schleier. Die Lein­wand für die Video­pro­jek­tion wird hoch­ge­zogen und die Bühne zeigt eine beschei­dene Ein­zim­mer­woh­nung sowie die Frau und den Exe­kutor.

 

Der Zukunft eigener Schmied?

In Folge ihres Hus­ten­an­falls bricht die Prot­ago­nistin zusammen. Der Exe­kutor, wel­cher anfangs den nega­tiven, unmensch­li­chen Part der gegen­wär­tigen Gesell­schaft dar­stellte, ver­stän­digt nun die Ret­tung, wodurch er das Ant­litz der Mensch­lich­keit nach der inhu­manen Inter­view-Situa­tion wahrt. Er erhält jedoch die Aus­kunft, dass der Ret­tungs­wagen erst in 75 Minuten in dem von Roma bewohnten Gebiet ein­treffen werde – Zeit, in der ein_e „echte_r“ Ungar_in Hilfe benö­tigen könnte, wie die Mit­ar­bei­terin des Ret­tungs­dienstes betont. Fünf­und­siebzig Minuten. Trotz der Bemü­hungen des Mannes erweist sich diese Zeit­spanne als zu lang, um das Leben der Frau zu retten. Das tra­gi­sche, unaus­weich­liche Ende der Prot­ago­nistin wird kom­plet­tiert durch die Wand­lung und Zer­stö­rung des Büh­nen­bildes. Eine 360-Grad-Dre­hung wirft alles durch­ein­ander. Wahllos leeren sich die Schränke, was nicht befes­tigt ist, fällt zu Boden und zer­bricht. So wie das Leben der Frau in der Woh­nung. Zurück bleibt nach dieser langen, gespens­ti­schen Szene ein Trüm­mer­haufen. Ein Blick auf eine Welt, wel­cher jeg­liche Ori­en­tie­rungs­punkte abhan­den­ge­kommen sind.

 

Auf diesen Resten, welche bis zum Ende des Stü­ckes chao­tisch auf der Bühne ver­streut bleiben, zieht eine junge Mutter mit offen­sicht­li­cher Woh­nungsnot in das her­un­ter­ge­kom­mene Appar­te­ment ein. Die Struktur mani­fester Macht­ver­hält­nisse, welche zuvor zwi­schen Mie­terin und Exe­kutor bestand, setzt sich fort. Pla­kativ dar­ge­stellt wird diese struk­tu­relle Ungleich­heit zwi­schen der allein­er­zie­henden Frau und dem Ver­mieter wäh­rend der Unter­zeich­nung des Ver­trages. Aus­gangs­punkt ist die Bana­lität eines nicht funk­tio­nie­renden Stiftes. Nur durch großen Druck ist es mög­lich, dass der Stift Tinte abgibt und ver­wendbar wird. Der männ­liche Ver­mieter führt die Hand der weib­li­chen Mie­terin, damit die Unter­zeich­nung gelingt. Gerade in Zeiten des wieder erstar­kenden Femi­nismus, auf­grund restrik­tiver Gesetze hin­sicht­lich der Gewalt an Frauen, dem Recht auf Kör­per­be­stimmt­heit etc., ver­mit­telt diese Dar­stel­lung ein raues Abbild der Rea­lität und zeigt auf, warum es dieser Bewe­gung auch heute noch bedarf.

 

Quo vadis, Europa?

Diese hoch poli­ti­sche Pro­duk­tion funk­tio­niert über Ana­lo­gien und Ver­dich­tungen, sowohl inner­halb des Texts wie auch in der Insze­nie­rung. Nicht nur am soge­nannten rechten Rand, auch in der Mitte der Mehr­heits­ge­sell­schaft ist ein gewisser Grad an Dis­kri­mi­nie­rung der Min­der­heit der Roma gesell­schaft­lich akzep­tiert. Das Stück kann inso­fern als rea­li­täts­ab­bil­dend ver­standen werden, als Dis­kri­mi­nie­rung oft im Kleinen beginnt und zu nicht vor­her­seh­baren und nicht kal­ku­lier­baren Aus­wüchsen führen kann.

Die anhal­tende Aus­gren­zung gegen­über der Min­der­heit der Roma ist in Europa ein noch immer ver­brei­tetes Phä­nomen; die Lage in den west­li­chen Bal­kan­staaten ist nach wie vor von erheb­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungen und Benach­tei­li­gungen gekenn­zeichnet. In einer durch eth­ni­schen Wett­be­werb gekenn­zeich­neten Region tritt die Sen­si­bi­li­sie­rung für diese The­matik sowie der Kampf gegen die Dis­kri­mi­nie­rung der Roma in den Hin­ter­grund. Auch des­wegen ist diese Pro­duk­tion als Eröff­nungs­stück des Thea­ter­fes­ti­vals MESS in Sara­jevo von beson­derer kura­to­ri­scher Bedeu­tung und Sym­bolik.

 

Imit­a­cija života, Proton Theatre, Regie: Kornél Mun­druczó, Dra­ma­turgie: Soma Boronkay; Vor­stel­lung vom 28. Sep­tember 2019, 19.45 Uhr, 59. MESS Inter­na­tional Theater Fes­tival, Narodno pozorište Sara­jevo.

 

Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Inter­na­cio­nalni teatarski fes­tival MESS: Imit­a­cija života