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Wer geht leer aus? – Die Theaterproduktion “Imitation of Life”

Posted on 3. Juni 2020 by Elisabeth Allabauer
Die Eröffnungsproduktion "Imitation of Life" des MESS Festivals 2019 in Sarajevo könnte kaum einen bedrückenderen und politischeren Inhalt behandeln. Basierend auf einem tatsächlich in Ungarn stattgefundenen Vorfall, kreiert die ungarische Autorin Kata Webér ein Stück, hiermit erstmals von Kornél Mundruczó für sein Proton Theater (Budapest) inszeniert, in dem sie die Dominanz der Banalität und die Vergänglichkeit unseres Lebens aufzeigt.

Die Eröffnungsproduktion Imitation of Life des MESS Festivals 2019 in Sarajevo könnte kaum einen bedrückenderen und politischeren Inhalt behandeln. Basierend auf einem tatsächlich in Ungarn stattgefundenen Vorfall, kreiert die ungarische Autorin Kata Webér ein Stück, hiermit erstmals von Kornél Mundruczó für sein Proton Theater (Budapest) inszeniert, in dem sie die Dominanz der Banalität und die Vergänglichkeit unseres Lebens aufzeigt. Es wird aber auch die Frage nach Schicksal oder Eigenbestimmtheit gestellt. Ist unser Leben vorgegeben oder hängt es von unseren Taten ab? Und welche Rolle hat die individuelle Handlungsmacht innerhalb politischer Prozesse, denen man ausgeliefert zu sein scheint?

 

Den Ausgangspunkt des Stücks bildet die Attacke eines jungen Mannes auf einen Jugendlichen. Wie sich herausstellt, sind beide Angehörige der Minderheitengruppe der Roma. In der Theaterproduktion Imitation of Life wird eine mögliche Lebensgeschichte des Täters konzipiert. Der Beginn der Aufführung gestaltet sich mittels Videoprojektion. Diese zeigt ein knapp 20 Minuten langes Interview zwischen einer Frau und einem Mann, wobei lediglich das Gesicht der Frau gezeigt wird. Die Mimik der Frau wird in einer Close-Up-Aufnahme bis ins kleinste Detail dargestellt. Im Publikum entsteht der Eindruck, dass sie die starke, in dem Verhör dominante Person ist. Sie wirkt ernst, unaufgeregt und spricht mit fester Stimme. Die sich selbst als Roma bezeichnende Figur erzählt ihrem Interviewpartner ihre von Ausgrenzung, Hass und Gewalt geprägte Lebensgeschichte. Sie spricht von ihrem Sohn, welcher sich seiner Ethnie schämte und deswegen seine Familie leugnete und verließ, um sich ein anderes Leben, fern von Marginalisierung, aufzubauen. Dem Publikum drängt sich die Frage auf, ob es sich hierbei um den eingangs bereits erwähnten Täter handelt.

 

Erst schrittweise stellt sich heraus, dass das Gespräch im Rahmen einer Delogierung stattfindet und der Mann die Frau der Wohnung verweisen muss. Wegen eines Hustenanfalls der Protagonistin wird die Befragung unterbrochen. In diesem Moment lüftet sich für das Publikum – wortwörtlich – der Schleier. Die Leinwand für die Videoprojektion wird hochgezogen und die Bühne zeigt eine bescheidene Einzimmerwohnung sowie die Frau und den Exekutor.

 

Der Zukunft eigener Schmied?

In Folge ihres Hustenanfalls bricht die Protagonistin zusammen. Der Exekutor, welcher anfangs den negativen, unmenschlichen Part der gegenwärtigen Gesellschaft darstellte, verständigt nun die Rettung, wodurch er das Antlitz der Menschlichkeit nach der inhumanen Interview-Situation wahrt. Er erhält jedoch die Auskunft, dass der Rettungswagen erst in 75 Minuten in dem von Roma bewohnten Gebiet eintreffen werde – Zeit, in der ein_e „echte_r“ Ungar_in Hilfe benötigen könnte, wie die Mitarbeiterin des Rettungsdienstes betont. Fünfundsiebzig Minuten. Trotz der Bemühungen des Mannes erweist sich diese Zeitspanne als zu lang, um das Leben der Frau zu retten. Das tragische, unausweichliche Ende der Protagonistin wird komplettiert durch die Wandlung und Zerstörung des Bühnenbildes. Eine 360-Grad-Drehung wirft alles durcheinander. Wahllos leeren sich die Schränke, was nicht befestigt ist, fällt zu Boden und zerbricht. So wie das Leben der Frau in der Wohnung. Zurück bleibt nach dieser langen, gespenstischen Szene ein Trümmerhaufen. Ein Blick auf eine Welt, welcher jegliche Orientierungspunkte abhandengekommen sind.

 

Auf diesen Resten, welche bis zum Ende des Stückes chaotisch auf der Bühne verstreut bleiben, zieht eine junge Mutter mit offensichtlicher Wohnungsnot in das heruntergekommene Appartement ein. Die Struktur manifester Machtverhältnisse, welche zuvor zwischen Mieterin und Exekutor bestand, setzt sich fort. Plakativ dargestellt wird diese strukturelle Ungleichheit zwischen der alleinerziehenden Frau und dem Vermieter während der Unterzeichnung des Vertrages. Ausgangspunkt ist die Banalität eines nicht funktionierenden Stiftes. Nur durch großen Druck ist es möglich, dass der Stift Tinte abgibt und verwendbar wird. Der männliche Vermieter führt die Hand der weiblichen Mieterin, damit die Unterzeichnung gelingt. Gerade in Zeiten des wieder erstarkenden Feminismus, aufgrund restriktiver Gesetze hinsichtlich der Gewalt an Frauen, dem Recht auf Körperbestimmtheit etc., vermittelt diese Darstellung ein raues Abbild der Realität und zeigt auf, warum es dieser Bewegung auch heute noch bedarf.

 

Quo vadis, Europa?

Diese hoch politische Produktion funktioniert über Analogien und Verdichtungen, sowohl innerhalb des Texts wie auch in der Inszenierung. Nicht nur am sogenannten rechten Rand, auch in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft ist ein gewisser Grad an Diskriminierung der Minderheit der Roma gesellschaftlich akzeptiert. Das Stück kann insofern als realitätsabbildend verstanden werden, als Diskriminierung oft im Kleinen beginnt und zu nicht vorhersehbaren und nicht kalkulierbaren Auswüchsen führen kann.

Die anhaltende Ausgrenzung gegenüber der Minderheit der Roma ist in Europa ein noch immer verbreitetes Phänomen; die Lage in den westlichen Balkanstaaten ist nach wie vor von erheblichen Diskriminierungen und Benachteiligungen gekennzeichnet. In einer durch ethnischen Wettbewerb gekennzeichneten Region tritt die Sensibilisierung für diese Thematik sowie der Kampf gegen die Diskriminierung der Roma in den Hintergrund. Auch deswegen ist diese Produktion als Eröffnungsstück des Theaterfestivals MESS in Sarajevo von besonderer kuratorischer Bedeutung und Symbolik.

 

Imitacija života, Proton Theatre, Regie: Kornél Mundruczó, Dramaturgie: Soma Boronkay; Vorstellung vom 28. September 2019, 19.45 Uhr, 59. MESS International Theater Festival, Narodno pozorište Sarajevo.

 

Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma

 

Weiterführende Links:

Internacionalni teatarski festival MESS: Imitacija života

Wer geht leer aus? – Die Theaterproduktion “Imitation of Life” - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wer geht leer aus? – Die Thea­ter­pro­duk­tion “Imi­ta­tion of Life”

Die Eröff­nungs­pro­duk­tion Imi­ta­tion of Life des MESS Fes­ti­vals 2019 in Sara­jevo könnte kaum einen bedrü­cken­deren und poli­ti­scheren Inhalt behan­deln. Basie­rend auf einem tat­säch­lich in Ungarn statt­ge­fun­denen Vor­fall, kre­iert die unga­ri­sche Autorin Kata Webér ein Stück, hiermit erst­mals von Kornél Mun­druczó für sein Proton Theater (Buda­pest) insze­niert, in dem sie die Domi­nanz der Bana­lität und die Ver­gäng­lich­keit unseres Lebens auf­zeigt. Es wird aber auch die Frage nach Schicksal oder Eigen­be­stimmt­heit gestellt. Ist unser Leben vor­ge­geben oder hängt es von unseren Taten ab? Und welche Rolle hat die indi­vi­du­elle Hand­lungs­macht inner­halb poli­ti­scher Pro­zesse, denen man aus­ge­lie­fert zu sein scheint?

 

Den Aus­gangs­punkt des Stücks bildet die Attacke eines jungen Mannes auf einen Jugend­li­chen. Wie sich her­aus­stellt, sind beide Ange­hö­rige der Min­der­hei­ten­gruppe der Roma. In der Thea­ter­pro­duk­tion Imi­ta­tion of Life wird eine mög­liche Lebens­ge­schichte des Täters kon­zi­piert. Der Beginn der Auf­füh­rung gestaltet sich mit­tels Video­pro­jek­tion. Diese zeigt ein knapp 20 Minuten langes Inter­view zwi­schen einer Frau und einem Mann, wobei ledig­lich das Gesicht der Frau gezeigt wird. Die Mimik der Frau wird in einer Close-Up-Auf­nahme bis ins kleinste Detail dar­ge­stellt. Im Publikum ent­steht der Ein­druck, dass sie die starke, in dem Verhör domi­nante Person ist. Sie wirkt ernst, unauf­ge­regt und spricht mit fester Stimme. Die sich selbst als Roma bezeich­nende Figur erzählt ihrem Inter­view­partner ihre von Aus­gren­zung, Hass und Gewalt geprägte Lebens­ge­schichte. Sie spricht von ihrem Sohn, wel­cher sich seiner Ethnie schämte und des­wegen seine Familie leug­nete und ver­ließ, um sich ein anderes Leben, fern von Mar­gi­na­li­sie­rung, auf­zu­bauen. Dem Publikum drängt sich die Frage auf, ob es sich hierbei um den ein­gangs bereits erwähnten Täter han­delt.

 

Erst schritt­weise stellt sich heraus, dass das Gespräch im Rahmen einer Delo­gie­rung statt­findet und der Mann die Frau der Woh­nung ver­weisen muss. Wegen eines Hus­ten­an­falls der Prot­ago­nistin wird die Befra­gung unter­bro­chen. In diesem Moment lüftet sich für das Publikum – wort­wört­lich – der Schleier. Die Lein­wand für die Video­pro­jek­tion wird hoch­ge­zogen und die Bühne zeigt eine beschei­dene Ein­zim­mer­woh­nung sowie die Frau und den Exe­kutor.

 

Der Zukunft eigener Schmied?

In Folge ihres Hus­ten­an­falls bricht die Prot­ago­nistin zusammen. Der Exe­kutor, wel­cher anfangs den nega­tiven, unmensch­li­chen Part der gegen­wär­tigen Gesell­schaft dar­stellte, ver­stän­digt nun die Ret­tung, wodurch er das Ant­litz der Mensch­lich­keit nach der inhu­manen Inter­view-Situa­tion wahrt. Er erhält jedoch die Aus­kunft, dass der Ret­tungs­wagen erst in 75 Minuten in dem von Roma bewohnten Gebiet ein­treffen werde – Zeit, in der ein_e „echte_r“ Ungar_in Hilfe benö­tigen könnte, wie die Mit­ar­bei­terin des Ret­tungs­dienstes betont. Fünf­und­siebzig Minuten. Trotz der Bemü­hungen des Mannes erweist sich diese Zeit­spanne als zu lang, um das Leben der Frau zu retten. Das tra­gi­sche, unaus­weich­liche Ende der Prot­ago­nistin wird kom­plet­tiert durch die Wand­lung und Zer­stö­rung des Büh­nen­bildes. Eine 360-Grad-Dre­hung wirft alles durch­ein­ander. Wahllos leeren sich die Schränke, was nicht befes­tigt ist, fällt zu Boden und zer­bricht. So wie das Leben der Frau in der Woh­nung. Zurück bleibt nach dieser langen, gespens­ti­schen Szene ein Trüm­mer­haufen. Ein Blick auf eine Welt, wel­cher jeg­liche Ori­en­tie­rungs­punkte abhan­den­ge­kommen sind.

 

Auf diesen Resten, welche bis zum Ende des Stü­ckes chao­tisch auf der Bühne ver­streut bleiben, zieht eine junge Mutter mit offen­sicht­li­cher Woh­nungsnot in das her­un­ter­ge­kom­mene Appar­te­ment ein. Die Struktur mani­fester Macht­ver­hält­nisse, welche zuvor zwi­schen Mie­terin und Exe­kutor bestand, setzt sich fort. Pla­kativ dar­ge­stellt wird diese struk­tu­relle Ungleich­heit zwi­schen der allein­er­zie­henden Frau und dem Ver­mieter wäh­rend der Unter­zeich­nung des Ver­trages. Aus­gangs­punkt ist die Bana­lität eines nicht funk­tio­nie­renden Stiftes. Nur durch großen Druck ist es mög­lich, dass der Stift Tinte abgibt und ver­wendbar wird. Der männ­liche Ver­mieter führt die Hand der weib­li­chen Mie­terin, damit die Unter­zeich­nung gelingt. Gerade in Zeiten des wieder erstar­kenden Femi­nismus, auf­grund restrik­tiver Gesetze hin­sicht­lich der Gewalt an Frauen, dem Recht auf Kör­per­be­stimmt­heit etc., ver­mit­telt diese Dar­stel­lung ein raues Abbild der Rea­lität und zeigt auf, warum es dieser Bewe­gung auch heute noch bedarf.

 

Quo vadis, Europa?

Diese hoch poli­ti­sche Pro­duk­tion funk­tio­niert über Ana­lo­gien und Ver­dich­tungen, sowohl inner­halb des Texts wie auch in der Insze­nie­rung. Nicht nur am soge­nannten rechten Rand, auch in der Mitte der Mehr­heits­ge­sell­schaft ist ein gewisser Grad an Dis­kri­mi­nie­rung der Min­der­heit der Roma gesell­schaft­lich akzep­tiert. Das Stück kann inso­fern als rea­li­täts­ab­bil­dend ver­standen werden, als Dis­kri­mi­nie­rung oft im Kleinen beginnt und zu nicht vor­her­seh­baren und nicht kal­ku­lier­baren Aus­wüchsen führen kann.

Die anhal­tende Aus­gren­zung gegen­über der Min­der­heit der Roma ist in Europa ein noch immer ver­brei­tetes Phä­nomen; die Lage in den west­li­chen Bal­kan­staaten ist nach wie vor von erheb­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungen und Benach­tei­li­gungen gekenn­zeichnet. In einer durch eth­ni­schen Wett­be­werb gekenn­zeich­neten Region tritt die Sen­si­bi­li­sie­rung für diese The­matik sowie der Kampf gegen die Dis­kri­mi­nie­rung der Roma in den Hin­ter­grund. Auch des­wegen ist diese Pro­duk­tion als Eröff­nungs­stück des Thea­ter­fes­ti­vals MESS in Sara­jevo von beson­derer kura­to­ri­scher Bedeu­tung und Sym­bolik.

 

Imit­a­cija života, Proton Theatre, Regie: Kornél Mun­druczó, Dra­ma­turgie: Soma Boronkay; Vor­stel­lung vom 28. Sep­tember 2019, 19.45 Uhr, 59. MESS Inter­na­tional Theater Fes­tival, Narodno pozorište Sara­jevo.

 

Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Inter­na­cio­nalni teatarski fes­tival MESS: Imit­a­cija života