Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Sprach­terror. Refle­xionen von Lev Rubinštejn

Litotes als Straf­tat­be­stand oder: Das Her­un­ter­spielen von Bedeutungen. 

Was pas­siert, wenn eine Nation die größte sein will?

Lev Rubin­stein, Dichter, Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 13. März 2022

Über Sprache, wor­über sonst sollte man reden und schreiben in einer Zeit des müh­samen Nach­den­kens und des all­ge­gen­wär­tigen Unbe­ha­gens, das vor allem mit einem hohen Maß an Unsi­cher­heit ver­bunden ist.

Sie ist unsere ein­zige Hoff­nung und Stütze, und diese Stütze wird, offen gesagt, immer wacke­liger. Aber eine andere haben wir nicht. Wir werden doch nicht die Hoff­nung zu Hilfe rufen, oder? Kein gesunder Men­schen­ver­stand! Wo sie sind und wo wir sind!

Nun, das war sozu­sagen das Vor­wort. Und jetzt werden wir über die große zer­stö­re­ri­sche Kraft des mäch­tigen Geni­tivs sprechen.

Bei dem Ver­such, wie echte Schrift­steller sagen, Ord­nung in meinen Schreib­tisch zu bringen, oder, in diesem Fall, in einige Com­pu­ter­ordner mit Zitaten und Vor­be­rei­tungen, stieß ich wie­der­einmal auf ein ver­bales Ungetüm aus dem rhe­to­ri­schen Reper­toire eines unserer inspi­rierten Gesetzgeber.

Näm­lich dieses Ungetüm: “Die Bedeu­tung der Hel­den­taten des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vater­landes her­un­ter­zu­spielen…”. Und so weiter.

Wenn man sich mit sol­chen Kon­struk­tionen ver­traut macht, kann man nicht umhin, sich zu fri­volen Wort­spielen ver­leiten zu lassen, indem man zum Bei­spiel die Struktur von “The House that Jack built” als Grund­lage nimmt. Und dann bekommen wir so etwas von dieser Art.

Die ganze Serie beginnt mit den Worten “Dies ist das Vater­land”. Dann: “Und das ist die Ver­tei­di­gung des Vater­landes”. Und so weiter. Und am Ende heißt es dann in etwa so: “Und das ist ein Her­un­ter­spielen (eine Her­ab­wür­di­gung) der Leis­tung des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vater­landes”. Und weiter: “Und das ist eine kri­mi­nelle Ver­ant­wor­tung für die Her­ab­wür­di­gung der Hel­dentat des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vaterlandes”.

Nun, im All­ge­meinen ist alles klar.

Die Syntax kann die seman­tisch belang­lo­sesten Wörter mit Bedeu­tung auf­laden oder im Gegen­teil Wör­tern, die selbst einen hohen seman­ti­schen Status bean­spru­chen, kom­plett den Sinn nehmen. Aber das ist ja seit langem bereits gang und gäbe.

Außerdem ist es seit langem üblich, dass der kol­lek­tive Geist unserer “Gesetz­geber” krampf­haft ver­sucht, die Praxis des Straf­ver­fah­rens auf so sen­sible Sphären wie die Gefühle – ins­be­son­dere das Sprach­ge­fühl oder reli­giöse Gefühle – anzu­wenden und dabei kom­plett zu verzerren.

Manchmal hat man den Ein­druck, dass diese Art von For­mu­lie­rungen ganz bewusst und mit voller Absicht so vage gehalten sind, dass sie sich viel­leicht für Jubi­läums- oder Trau­er­reden eignen, aber kei­nes­falls für eine kohä­rente Geset­zes­an­wen­dung. Und das alles nur, um jeder­zeit eine ein­fache Mög­lich­keit zu haben, jeden und jede zu jeder Zeit zu packen und für jedes Wort und jede Geste mit festem Griff anzuklagen.

Und natür­lich können all diese und ähn­liche sti­lis­tisch unbe­hol­fene und juris­tisch inkon­gru­ente For­mu­lie­rungen bei Bür­gern, die sich auch nur irgendwie nach­zu­denken ange­wöhnt haben, kei­nes­wegs unmit­tel­bare Bereit­schaft zu ihrer Anwen­dung wecken und dazu, sich in der täg­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­praxis von ihnen leiten zu lassen. Sie müssen eine Reihe von Fragen auf­werfen. Und das tun sie.

Was ist zum Bei­spiel die “Her­ab­wür­di­gung einer Hel­dentat”? Was genau ist damit gemeint, und was bedeutet diese “Her­ab­wür­di­gung”?

Und vor allem: Was bedeutet “Hel­dentat des Volkes”? Nicht auf einem Plakat, son­dern im Leben, sozusagen.

Der Begriff “das Volk” eignet sich immer noch für die Prä­am­beln ver­schie­dener Ver­fas­sungen und anderer fei­er­li­cher Doku­mente, in denen es in der Regel heißt: “Das Volk ist das Sub­jekt der direkten und unmit­tel­baren Demokratie”.

Aber diese stolze Behaup­tung hat mehr fei­er­liche Rhe­torik als wirk­li­chen Inhalt. Der Sub­jekt­status des “Volkes” endet näm­lich mehr oder weniger genau da, ohne jemals wirk­lich begonnen zu haben.

Hel­den­taten werden, ebenso wie Ver­bre­chen, von Ein­zel­per­sonen oder zumin­dest von Gruppen von Men­schen begangen. Aber nicht von Völ­kern. Ein Volk, jedes belie­bige Volk, besteht aus einer rie­sigen Anzahl völlig unter­schied­li­cher Men­schen, sol­chen, die zu Hel­dentum, und sol­chen, die zu Feig­heit neigen, sol­chen, die zu Selbst­auf­op­fe­rung und sol­chen, die zu Verrat neigen, sol­chen, die zu schöp­fe­ri­schen Gedan­ken­flügen und sol­chen, die zur stumpfen, mecha­ni­schen Wie­der­ho­lung der Hand­lungen und Sub­stan­tive anderer in ver­schie­denen und nicht immer kor­rekt ver­wen­deten Fällen neigen.

Dieses oder jenes Volk pau­schal zu ver­herr­li­chen ist nicht weniger absurd und, wie die Geschichte zeigt, nicht weniger gefähr­lich, als dieses oder jenes Volk pau­schal zu beschuldigen.

Übri­gens, im zweiten Drittel des 20. Jahr­hun­derts basierte die Ideo­logie und Politik einer mit­tel­eu­ro­päi­schen Nation auf der Theorie und Praxis, dass ein Volk will­kür­lich als das größte und ewige bezeichnet wurde, wäh­rend andere bes­ten­falls als zweit­rangig, dritte als defekt und min­der­wertig bezeichnet wurden, und vierte, als so min­der­wertig und schäd­lich, dass die Frage ihrer Exis­tenz eine “End­lö­sung” erfor­derte, die dann auch heim­lich an den Ufern eines schönen Sees beschlossen wurde, sich aber zum Ärger der Theo­re­tiker und Prak­tiker dieser “Lösung” doch nicht als ganz “end­gültig” erwies.

Alle, die den Geschichts­un­ter­richt nicht geschwänzt haben, wissen, wie das Ganze ausging.

Und die­je­nigen, die dazu neigen, die Folgen sol­cher Theo­rien und erst recht der Prak­tiken zu ver­harm­losen, liegen völlig, wirk­lich völlig falsch.

Über­set­zungs­pro­bleme.

Wer führt hier einen mas­siven Beschuss der Logik und der rus­si­schen Sprache durch? 

Lev Rubin­stein, Dichter, Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 18. März 2022

Und schon ist man wieder bei Orwell! Jeder erin­nert sich natür­lich daran, dass “Frei­heit Skla­verei ist”! Und anders­herum! Und so weiter. Und immer öfter fühlt man sich daran erin­nert. Ja es ist ganz all­täg­lich geworden. Und zwar schon ziem­lich lang.

Ja, das ist das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man solche Dinge hört oder liest, von denen unsere Kreml-Kenner nicht einmal zu träumen wagen. Genauer gesagt, genau das, was sie in ihren schweren geo­po­li­ti­schen Träumen träumen, sehen und hören.

Es gibt keine andere Erklä­rung für das, was in diesen Tagen in der Ukraine geschieht, als die Mate­ria­li­sie­rung geo­po­li­ti­scher Halluzinationen.

Es ist auch unmög­lich, nicht an einige rein lin­gu­is­ti­sche Beson­der­heiten des rus­si­schen öffent­li­chen und poli­ti­schen Lebens zu erinnern.

Zum Bei­spiel, Homonymie.

Von Homo­nymie spricht man, wenn iden­tisch klin­gende Wörter ver­wendet werden, um völlig unter­schied­liche und manchmal sogar völlig unähn­liche Dinge zu bezeichnen. Wenn Sie zum Bei­spiel das Wort “Zwiebel” („лук“) ohne Kon­text hören oder lesen, werden Sie nicht ver­stehen, ob es sich um eine „Scharte“ („лук“) han­delt, aus der man schießt, oder um eine Zwiebel („лук“), die man in Schnitzel steckt. Oder ist es gar die Bezeich­nung dessen, deines äußeren Erschei­nungs­bilds, des „лук“ also?

Homo­nymie kann irre­füh­rend sein, wenn die wahre Bedeu­tung von Wör­tern nicht ganz klar ist, und ist es oft auch.

Und erst wenn man klar ver­steht, dass “Par­teien”, “Par­la­mente” und “Wahlen” in unserem Land gar nicht Par­teien, Par­la­mente und Wahlen bedeuten, son­dern etwas ganz anderes, obwohl es genau gleich geschrieben und aus­ge­spro­chen wird, dann wird das Leben zwar nicht so viel ein­fa­cher und lus­tiger, aber zumin­dest irgendwie verständlicher.

Das Gleiche gilt für “Gericht”. Das Wort “Gericht” kann in unserem demons­trativ nach­ah­menden Rechts­system alles Mög­liche bedeuten, nur nicht Gericht. Richter nach der Ange­mes­sen­heit oder Fair­ness ihrer Urteile zu beur­teilen, ist daher ebenso wenig ange­messen, wie eine Dru­cker­presse nach Form und Inhalt der auf ihr gedruckten Texte zu beurteilen.

In diesen ganz beson­deren Tagen wird beson­ders viel geschrieben und gesagt, was jeden gewöhn­li­chen Durch­schnitts­bürger, der das Pech hatte, schon mal ein paar Bücher gelesen und etwas gelernt zu haben, erschau­dern und sich nervös umsehen lassen, auf der Suche nach einem ver­nünf­tigen, intel­li­genten und sach­kun­digen Men­schen, der erklären könnte, was das alles ist und wie es prin­zi­piell mög­lich ist.

So sagte bei­spiels­weise jemand aus dem Kreml laut, dass Prä­si­dent Biden für alles, was der­zeit in der Ukraine geschieht, gera­de­stehen muss.

Oder der Außen­mi­nister sagte vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit, ohne zu stot­tern oder zu erröten, dass Russ­land die Ukraine nicht ange­griffen habe.

Der ein­fäl­tige Mann, der an alles gewöhnt zu sein scheint, ver­schluckt sich bei diesen Worten an seinem Sand­wich und seiner Brille. “Wie bitte?” – Kaum konnte sich dieser arme Mann räus­pern, schon geraten seine Grund­vor­stel­lungen über die Welt­ord­nung, die Logik der Grund­schule und die über­schau­baren Grenzen des Lügens wieder einmal massiv unter Beschuss, und das Leck ist groß.

“So ist das! – möchte man zu ihm sagen. – Sie müssen sich nicht zu viele Sorgen machen. Seien Sie nur nicht zu faul, bei Wiki­pedia das Wort “Pro­jek­tion” nach­zu­schlagen. Zunächst werden sie über etwas geo­me­trisch Figür­li­ches lesen. Und dann können Sie lernen, und wenn Sie es schon wussten, sich daran erin­nern, dass “Pro­jek­tion ein Mecha­nismus der psy­cho­lo­gi­schen Ver­tei­di­gung ist, bei dem das Innere fälsch­li­cher­weise als von außen kom­mend wahr­ge­nommen wird. Eine Person schreibt jemandem oder etwas ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Motive, Cha­rak­ter­ei­gen­schaften usw. zu und glaubt, dass das, was sie wahr­ge­nommen hat, von außen kam und nicht, wie es eigent­lich der Fall ist, von innen, aus sich selbst heraus.

Und noch etwas weiter: “Pro­jek­tion ist einer der grund­le­genden Abwehr­me­cha­nismen bei para­no­iden oder hys­te­ro­iden Persönlichkeitsstörungen.

Man könnte sich dar­über beru­higen, wäre da nicht der unbän­dige Gedanke, dass diese Men­schen – mit diesen “para­no­iden Stö­rungen” ihrer nicht sehr gefes­tigten Per­sön­lich­keiten – in der so genannten hohen Politik tätig sind.

Natür­lich ist es ange­sichts dessen absolut aus­ge­schlossen, sich zu beru­higen. Aber jeder kleinste Hin­weis auf Ein­sicht in den wahren Sach­ver­halt dient dem wich­tigen Ziel, unsere geis­tige und psy­chi­sche Nor­ma­lität zu bewahren. Und wir werden sie noch brau­chen können.

Wenn du deine kogni­tiven Kom­pe­tenzen ein­schal­test, wirst du dich kaum dar­über ver­wun­dern, dass die im offi­zi­ellen Pro­pa­gan­da­dis­kurs „Patrioten“ genannten in anderen Län­dern als Faschisten bezeichnet werden und dass im eigenen Land die Faschisten „Patrioten“ heißen.

Dabei kann man auch an die so genannten “fal­schen Freunde“ des Dol­met­schers denken. Das heißt, dass manche Wörter in ver­wandten, aber unter­schied­li­chen Spra­chen gleich klingen, aber völlig unter­schied­liche Dinge oder Phä­no­mene bedeuten. Und diese Eigen­schaft ist oft der Grund für ver­schie­dene komi­sche – und nicht nur komi­sche – Missverständnisse.

Aber manchmal gibt es diese “fal­schen Freunde” nicht in ver­schie­denen Spra­chen, son­dern in ein und der­selben Sprache. In unserem Fall zum Beispiel.

(Ü: Susanne Frank)