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Sprachterror. Reflexionen von Lev Rubinštejn

Posted on 22. März 2022 by Susanne Frank
Der Dichter, Journalist und Interlektuelle Lev Rubinstein schrieb in der "Novaja Gazeta" am 13. März 2022 über die derzeitige (Kriegs-)Sprache. Novinki hat diesen Beitrag übersetzt.

Litotes als Straftatbestand oder: Das Herunterspielen von Bedeutungen.

Was passiert, wenn eine Nation die größte sein will?

Lev Rubinstein, Dichter, Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 13. März 2022

Über Sprache, worüber sonst sollte man reden und schreiben in einer Zeit des mühsamen Nachdenkens und des allgegenwärtigen Unbehagens, das vor allem mit einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden ist.

Sie ist unsere einzige Hoffnung und Stütze, und diese Stütze wird, offen gesagt, immer wackeliger. Aber eine andere haben wir nicht. Wir werden doch nicht die Hoffnung zu Hilfe rufen, oder? Kein gesunder Menschenverstand! Wo sie sind und wo wir sind!

Nun, das war sozusagen das Vorwort. Und jetzt werden wir über die große zerstörerische Kraft des mächtigen Genitivs sprechen.

Bei dem Versuch, wie echte Schriftsteller sagen, Ordnung in meinen Schreibtisch zu bringen, oder, in diesem Fall, in einige Computerordner mit Zitaten und Vorbereitungen, stieß ich wiedereinmal auf ein verbales Ungetüm aus dem rhetorischen Repertoire eines unserer inspirierten Gesetzgeber.

Nämlich dieses Ungetüm: "Die Bedeutung der Heldentaten des Volkes bei der Verteidigung des Vaterlandes herunterzuspielen...". Und so weiter.

Wenn man sich mit solchen Konstruktionen vertraut macht, kann man nicht umhin, sich zu frivolen Wortspielen verleiten zu lassen, indem man zum Beispiel die Struktur von "The House that Jack built" als Grundlage nimmt. Und dann bekommen wir so etwas von dieser Art.

Die ganze Serie beginnt mit den Worten "Dies ist das Vaterland". Dann: "Und das ist die Verteidigung des Vaterlandes". Und so weiter. Und am Ende heißt es dann in etwa so: "Und das ist ein Herunterspielen (eine Herabwürdigung) der Leistung des Volkes bei der Verteidigung des Vaterlandes". Und weiter: "Und das ist eine kriminelle Verantwortung für die Herabwürdigung der Heldentat des Volkes bei der Verteidigung des Vaterlandes".

Nun, im Allgemeinen ist alles klar.

Die Syntax kann die semantisch belanglosesten Wörter mit Bedeutung aufladen oder im Gegenteil Wörtern, die selbst einen hohen semantischen Status beanspruchen, komplett den Sinn nehmen. Aber das ist ja seit langem bereits gang und gäbe.

Außerdem ist es seit langem üblich, dass der kollektive Geist unserer "Gesetzgeber" krampfhaft versucht, die Praxis des Strafverfahrens auf so sensible Sphären wie die Gefühle - insbesondere das Sprachgefühl oder religiöse Gefühle - anzuwenden und dabei komplett zu verzerren.

Manchmal hat man den Eindruck, dass diese Art von Formulierungen ganz bewusst und mit voller Absicht so vage gehalten sind, dass sie sich vielleicht für Jubiläums- oder Trauerreden eignen, aber keinesfalls für eine kohärente Gesetzesanwendung. Und das alles nur, um jederzeit eine einfache Möglichkeit zu haben, jeden und jede zu jeder Zeit zu packen und für jedes Wort und jede Geste mit festem Griff anzuklagen.

Und natürlich können all diese und ähnliche stilistisch unbeholfene und juristisch inkongruente Formulierungen bei Bürgern, die sich auch nur irgendwie nachzudenken angewöhnt haben, keineswegs unmittelbare Bereitschaft zu ihrer Anwendung wecken und dazu, sich in der täglichen Kommunikationspraxis von ihnen leiten zu lassen. Sie müssen eine Reihe von Fragen aufwerfen. Und das tun sie.

Was ist zum Beispiel die "Herabwürdigung einer Heldentat"? Was genau ist damit gemeint, und was bedeutet diese "Herabwürdigung"?

Und vor allem: Was bedeutet "Heldentat des Volkes"? Nicht auf einem Plakat, sondern im Leben, sozusagen.

Der Begriff "das Volk" eignet sich immer noch für die Präambeln verschiedener Verfassungen und anderer feierlicher Dokumente, in denen es in der Regel heißt: "Das Volk ist das Subjekt der direkten und unmittelbaren Demokratie".

Aber diese stolze Behauptung hat mehr feierliche Rhetorik als wirklichen Inhalt. Der Subjektstatus des "Volkes" endet nämlich mehr oder weniger genau da, ohne jemals wirklich begonnen zu haben.

Heldentaten werden, ebenso wie Verbrechen, von Einzelpersonen oder zumindest von Gruppen von Menschen begangen. Aber nicht von Völkern. Ein Volk, jedes beliebige Volk, besteht aus einer riesigen Anzahl völlig unterschiedlicher Menschen, solchen, die zu Heldentum, und solchen, die zu Feigheit neigen, solchen, die zu Selbstaufopferung und solchen, die zu Verrat neigen, solchen, die zu schöpferischen Gedankenflügen und solchen, die zur stumpfen, mechanischen Wiederholung der Handlungen und Substantive anderer in verschiedenen und nicht immer korrekt verwendeten Fällen neigen.

Dieses oder jenes Volk pauschal zu verherrlichen ist nicht weniger absurd und, wie die Geschichte zeigt, nicht weniger gefährlich, als dieses oder jenes Volk pauschal zu beschuldigen.

Übrigens, im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts basierte die Ideologie und Politik einer mitteleuropäischen Nation auf der Theorie und Praxis, dass ein Volk willkürlich als das größte und ewige bezeichnet wurde, während andere bestenfalls als zweitrangig, dritte als defekt und minderwertig bezeichnet wurden, und vierte, als so minderwertig und schädlich, dass die Frage ihrer Existenz eine "Endlösung" erforderte, die dann auch heimlich an den Ufern eines schönen Sees beschlossen wurde, sich aber zum Ärger der Theoretiker und Praktiker dieser "Lösung" doch nicht als ganz "endgültig" erwies.

Alle, die den Geschichtsunterricht nicht geschwänzt haben, wissen, wie das Ganze ausging.

Und diejenigen, die dazu neigen, die Folgen solcher Theorien und erst recht der Praktiken zu verharmlosen, liegen völlig, wirklich völlig falsch.

Übersetzungsprobleme.

Wer führt hier einen massiven Beschuss der Logik und der russischen Sprache durch? 

Lev Rubinstein, Dichter, Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 18. März 2022

Und schon ist man wieder bei Orwell! Jeder erinnert sich natürlich daran, dass "Freiheit Sklaverei ist"! Und andersherum! Und so weiter. Und immer öfter fühlt man sich daran erinnert. Ja es ist ganz alltäglich geworden. Und zwar schon ziemlich lang.

Ja, das ist das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man solche Dinge hört oder liest, von denen unsere Kreml-Kenner nicht einmal zu träumen wagen. Genauer gesagt, genau das, was sie in ihren schweren geopolitischen Träumen träumen, sehen und hören.

Es gibt keine andere Erklärung für das, was in diesen Tagen in der Ukraine geschieht, als die Materialisierung geopolitischer Halluzinationen.

Es ist auch unmöglich, nicht an einige rein linguistische Besonderheiten des russischen öffentlichen und politischen Lebens zu erinnern.

Zum Beispiel, Homonymie.

Von Homonymie spricht man, wenn identisch klingende Wörter verwendet werden, um völlig unterschiedliche und manchmal sogar völlig unähnliche Dinge zu bezeichnen. Wenn Sie zum Beispiel das Wort "Zwiebel" („лук“) ohne Kontext hören oder lesen, werden Sie nicht verstehen, ob es sich um eine „Scharte“ („лук“) handelt, aus der man schießt, oder um eine Zwiebel („лук“), die man in Schnitzel steckt. Oder ist es gar die Bezeichnung dessen, deines äußeren Erscheinungsbilds, des „лук“ also?

Homonymie kann irreführend sein, wenn die wahre Bedeutung von Wörtern nicht ganz klar ist, und ist es oft auch.

Und erst wenn man klar versteht, dass "Parteien", "Parlamente" und "Wahlen" in unserem Land gar nicht Parteien, Parlamente und Wahlen bedeuten, sondern etwas ganz anderes, obwohl es genau gleich geschrieben und ausgesprochen wird, dann wird das Leben zwar nicht so viel einfacher und lustiger, aber zumindest irgendwie verständlicher.

Das Gleiche gilt für "Gericht". Das Wort "Gericht" kann in unserem demonstrativ nachahmenden Rechtssystem alles Mögliche bedeuten, nur nicht Gericht. Richter nach der Angemessenheit oder Fairness ihrer Urteile zu beurteilen, ist daher ebenso wenig angemessen, wie eine Druckerpresse nach Form und Inhalt der auf ihr gedruckten Texte zu beurteilen.

In diesen ganz besonderen Tagen wird besonders viel geschrieben und gesagt, was jeden gewöhnlichen Durchschnittsbürger, der das Pech hatte, schon mal ein paar Bücher gelesen und etwas gelernt zu haben, erschaudern und sich nervös umsehen lassen, auf der Suche nach einem vernünftigen, intelligenten und sachkundigen Menschen, der erklären könnte, was das alles ist und wie es prinzipiell möglich ist.

So sagte beispielsweise jemand aus dem Kreml laut, dass Präsident Biden für alles, was derzeit in der Ukraine geschieht, geradestehen muss.

Oder der Außenminister sagte vor den Augen der Weltöffentlichkeit, ohne zu stottern oder zu erröten, dass Russland die Ukraine nicht angegriffen habe.

Der einfältige Mann, der an alles gewöhnt zu sein scheint, verschluckt sich bei diesen Worten an seinem Sandwich und seiner Brille. "Wie bitte?" - Kaum konnte sich dieser arme Mann räuspern, schon geraten seine Grundvorstellungen über die Weltordnung, die Logik der Grundschule und die überschaubaren Grenzen des Lügens wieder einmal massiv unter Beschuss, und das Leck ist groß.

"So ist das! - möchte man zu ihm sagen. - Sie müssen sich nicht zu viele Sorgen machen. Seien Sie nur nicht zu faul, bei Wikipedia das Wort "Projektion" nachzuschlagen. Zunächst werden sie über etwas geometrisch Figürliches lesen. Und dann können Sie lernen, und wenn Sie es schon wussten, sich daran erinnern, dass "Projektion ein Mechanismus der psychologischen Verteidigung ist, bei dem das Innere fälschlicherweise als von außen kommend wahrgenommen wird. Eine Person schreibt jemandem oder etwas ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Motive, Charaktereigenschaften usw. zu und glaubt, dass das, was sie wahrgenommen hat, von außen kam und nicht, wie es eigentlich der Fall ist, von innen, aus sich selbst heraus.

Und noch etwas weiter: "Projektion ist einer der grundlegenden Abwehrmechanismen bei paranoiden oder hysteroiden Persönlichkeitsstörungen.

Man könnte sich darüber beruhigen, wäre da nicht der unbändige Gedanke, dass diese Menschen – mit diesen "paranoiden Störungen" ihrer nicht sehr gefestigten Persönlichkeiten – in der so genannten hohen Politik tätig sind.

Natürlich ist es angesichts dessen absolut ausgeschlossen, sich zu beruhigen. Aber jeder kleinste Hinweis auf Einsicht in den wahren Sachverhalt dient dem wichtigen Ziel, unsere geistige und psychische Normalität zu bewahren. Und wir werden sie noch brauchen können.

Wenn du deine kognitiven Kompetenzen einschaltest, wirst du dich kaum darüber verwundern, dass die im offiziellen Propagandadiskurs „Patrioten“ genannten in anderen Ländern als Faschisten bezeichnet werden und dass im eigenen Land die Faschisten „Patrioten“ heißen.

Dabei kann man auch an die so genannten "falschen Freunde“ des Dolmetschers denken. Das heißt, dass manche Wörter in verwandten, aber unterschiedlichen Sprachen gleich klingen, aber völlig unterschiedliche Dinge oder Phänomene bedeuten. Und diese Eigenschaft ist oft der Grund für verschiedene komische - und nicht nur komische - Missverständnisse.

Aber manchmal gibt es diese "falschen Freunde" nicht in verschiedenen Sprachen, sondern in ein und derselben Sprache. In unserem Fall zum Beispiel.

(Ü: Susanne Frank)

 

Sprachterror. Reflexionen von Lev Rubinštejn – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Sprach­terror. Refle­xionen von Lev Rubinštejn

Litotes als Straf­tat­be­stand oder: Das Her­un­ter­spielen von Bedeutungen. 

Was pas­siert, wenn eine Nation die größte sein will?

Lev Rubin­stein, Dichter, Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 13. März 2022

Über Sprache, wor­über sonst sollte man reden und schreiben in einer Zeit des müh­samen Nach­den­kens und des all­ge­gen­wär­tigen Unbe­ha­gens, das vor allem mit einem hohen Maß an Unsi­cher­heit ver­bunden ist.

Sie ist unsere ein­zige Hoff­nung und Stütze, und diese Stütze wird, offen gesagt, immer wacke­liger. Aber eine andere haben wir nicht. Wir werden doch nicht die Hoff­nung zu Hilfe rufen, oder? Kein gesunder Men­schen­ver­stand! Wo sie sind und wo wir sind!

Nun, das war sozu­sagen das Vor­wort. Und jetzt werden wir über die große zer­stö­re­ri­sche Kraft des mäch­tigen Geni­tivs sprechen.

Bei dem Ver­such, wie echte Schrift­steller sagen, Ord­nung in meinen Schreib­tisch zu bringen, oder, in diesem Fall, in einige Com­pu­ter­ordner mit Zitaten und Vor­be­rei­tungen, stieß ich wie­der­einmal auf ein ver­bales Ungetüm aus dem rhe­to­ri­schen Reper­toire eines unserer inspi­rierten Gesetzgeber.

Näm­lich dieses Ungetüm: “Die Bedeu­tung der Hel­den­taten des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vater­landes her­un­ter­zu­spielen…”. Und so weiter.

Wenn man sich mit sol­chen Kon­struk­tionen ver­traut macht, kann man nicht umhin, sich zu fri­volen Wort­spielen ver­leiten zu lassen, indem man zum Bei­spiel die Struktur von “The House that Jack built” als Grund­lage nimmt. Und dann bekommen wir so etwas von dieser Art.

Die ganze Serie beginnt mit den Worten “Dies ist das Vater­land”. Dann: “Und das ist die Ver­tei­di­gung des Vater­landes”. Und so weiter. Und am Ende heißt es dann in etwa so: “Und das ist ein Her­un­ter­spielen (eine Her­ab­wür­di­gung) der Leis­tung des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vater­landes”. Und weiter: “Und das ist eine kri­mi­nelle Ver­ant­wor­tung für die Her­ab­wür­di­gung der Hel­dentat des Volkes bei der Ver­tei­di­gung des Vaterlandes”.

Nun, im All­ge­meinen ist alles klar.

Die Syntax kann die seman­tisch belang­lo­sesten Wörter mit Bedeu­tung auf­laden oder im Gegen­teil Wör­tern, die selbst einen hohen seman­ti­schen Status bean­spru­chen, kom­plett den Sinn nehmen. Aber das ist ja seit langem bereits gang und gäbe.

Außerdem ist es seit langem üblich, dass der kol­lek­tive Geist unserer “Gesetz­geber” krampf­haft ver­sucht, die Praxis des Straf­ver­fah­rens auf so sen­sible Sphären wie die Gefühle – ins­be­son­dere das Sprach­ge­fühl oder reli­giöse Gefühle – anzu­wenden und dabei kom­plett zu verzerren.

Manchmal hat man den Ein­druck, dass diese Art von For­mu­lie­rungen ganz bewusst und mit voller Absicht so vage gehalten sind, dass sie sich viel­leicht für Jubi­läums- oder Trau­er­reden eignen, aber kei­nes­falls für eine kohä­rente Geset­zes­an­wen­dung. Und das alles nur, um jeder­zeit eine ein­fache Mög­lich­keit zu haben, jeden und jede zu jeder Zeit zu packen und für jedes Wort und jede Geste mit festem Griff anzuklagen.

Und natür­lich können all diese und ähn­liche sti­lis­tisch unbe­hol­fene und juris­tisch inkon­gru­ente For­mu­lie­rungen bei Bür­gern, die sich auch nur irgendwie nach­zu­denken ange­wöhnt haben, kei­nes­wegs unmit­tel­bare Bereit­schaft zu ihrer Anwen­dung wecken und dazu, sich in der täg­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­praxis von ihnen leiten zu lassen. Sie müssen eine Reihe von Fragen auf­werfen. Und das tun sie.

Was ist zum Bei­spiel die “Her­ab­wür­di­gung einer Hel­dentat”? Was genau ist damit gemeint, und was bedeutet diese “Her­ab­wür­di­gung”?

Und vor allem: Was bedeutet “Hel­dentat des Volkes”? Nicht auf einem Plakat, son­dern im Leben, sozusagen.

Der Begriff “das Volk” eignet sich immer noch für die Prä­am­beln ver­schie­dener Ver­fas­sungen und anderer fei­er­li­cher Doku­mente, in denen es in der Regel heißt: “Das Volk ist das Sub­jekt der direkten und unmit­tel­baren Demokratie”.

Aber diese stolze Behaup­tung hat mehr fei­er­liche Rhe­torik als wirk­li­chen Inhalt. Der Sub­jekt­status des “Volkes” endet näm­lich mehr oder weniger genau da, ohne jemals wirk­lich begonnen zu haben.

Hel­den­taten werden, ebenso wie Ver­bre­chen, von Ein­zel­per­sonen oder zumin­dest von Gruppen von Men­schen begangen. Aber nicht von Völ­kern. Ein Volk, jedes belie­bige Volk, besteht aus einer rie­sigen Anzahl völlig unter­schied­li­cher Men­schen, sol­chen, die zu Hel­dentum, und sol­chen, die zu Feig­heit neigen, sol­chen, die zu Selbst­auf­op­fe­rung und sol­chen, die zu Verrat neigen, sol­chen, die zu schöp­fe­ri­schen Gedan­ken­flügen und sol­chen, die zur stumpfen, mecha­ni­schen Wie­der­ho­lung der Hand­lungen und Sub­stan­tive anderer in ver­schie­denen und nicht immer kor­rekt ver­wen­deten Fällen neigen.

Dieses oder jenes Volk pau­schal zu ver­herr­li­chen ist nicht weniger absurd und, wie die Geschichte zeigt, nicht weniger gefähr­lich, als dieses oder jenes Volk pau­schal zu beschuldigen.

Übri­gens, im zweiten Drittel des 20. Jahr­hun­derts basierte die Ideo­logie und Politik einer mit­tel­eu­ro­päi­schen Nation auf der Theorie und Praxis, dass ein Volk will­kür­lich als das größte und ewige bezeichnet wurde, wäh­rend andere bes­ten­falls als zweit­rangig, dritte als defekt und min­der­wertig bezeichnet wurden, und vierte, als so min­der­wertig und schäd­lich, dass die Frage ihrer Exis­tenz eine “End­lö­sung” erfor­derte, die dann auch heim­lich an den Ufern eines schönen Sees beschlossen wurde, sich aber zum Ärger der Theo­re­tiker und Prak­tiker dieser “Lösung” doch nicht als ganz “end­gültig” erwies.

Alle, die den Geschichts­un­ter­richt nicht geschwänzt haben, wissen, wie das Ganze ausging.

Und die­je­nigen, die dazu neigen, die Folgen sol­cher Theo­rien und erst recht der Prak­tiken zu ver­harm­losen, liegen völlig, wirk­lich völlig falsch.

Über­set­zungs­pro­bleme.

Wer führt hier einen mas­siven Beschuss der Logik und der rus­si­schen Sprache durch? 

Lev Rubin­stein, Dichter, Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens, Journalist

Novaja Gazeta, 18. März 2022

Und schon ist man wieder bei Orwell! Jeder erin­nert sich natür­lich daran, dass “Frei­heit Skla­verei ist”! Und anders­herum! Und so weiter. Und immer öfter fühlt man sich daran erin­nert. Ja es ist ganz all­täg­lich geworden. Und zwar schon ziem­lich lang.

Ja, das ist das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man solche Dinge hört oder liest, von denen unsere Kreml-Kenner nicht einmal zu träumen wagen. Genauer gesagt, genau das, was sie in ihren schweren geo­po­li­ti­schen Träumen träumen, sehen und hören.

Es gibt keine andere Erklä­rung für das, was in diesen Tagen in der Ukraine geschieht, als die Mate­ria­li­sie­rung geo­po­li­ti­scher Halluzinationen.

Es ist auch unmög­lich, nicht an einige rein lin­gu­is­ti­sche Beson­der­heiten des rus­si­schen öffent­li­chen und poli­ti­schen Lebens zu erinnern.

Zum Bei­spiel, Homonymie.

Von Homo­nymie spricht man, wenn iden­tisch klin­gende Wörter ver­wendet werden, um völlig unter­schied­liche und manchmal sogar völlig unähn­liche Dinge zu bezeichnen. Wenn Sie zum Bei­spiel das Wort “Zwiebel” („лук“) ohne Kon­text hören oder lesen, werden Sie nicht ver­stehen, ob es sich um eine „Scharte“ („лук“) han­delt, aus der man schießt, oder um eine Zwiebel („лук“), die man in Schnitzel steckt. Oder ist es gar die Bezeich­nung dessen, deines äußeren Erschei­nungs­bilds, des „лук“ also?

Homo­nymie kann irre­füh­rend sein, wenn die wahre Bedeu­tung von Wör­tern nicht ganz klar ist, und ist es oft auch.

Und erst wenn man klar ver­steht, dass “Par­teien”, “Par­la­mente” und “Wahlen” in unserem Land gar nicht Par­teien, Par­la­mente und Wahlen bedeuten, son­dern etwas ganz anderes, obwohl es genau gleich geschrieben und aus­ge­spro­chen wird, dann wird das Leben zwar nicht so viel ein­fa­cher und lus­tiger, aber zumin­dest irgendwie verständlicher.

Das Gleiche gilt für “Gericht”. Das Wort “Gericht” kann in unserem demons­trativ nach­ah­menden Rechts­system alles Mög­liche bedeuten, nur nicht Gericht. Richter nach der Ange­mes­sen­heit oder Fair­ness ihrer Urteile zu beur­teilen, ist daher ebenso wenig ange­messen, wie eine Dru­cker­presse nach Form und Inhalt der auf ihr gedruckten Texte zu beurteilen.

In diesen ganz beson­deren Tagen wird beson­ders viel geschrieben und gesagt, was jeden gewöhn­li­chen Durch­schnitts­bürger, der das Pech hatte, schon mal ein paar Bücher gelesen und etwas gelernt zu haben, erschau­dern und sich nervös umsehen lassen, auf der Suche nach einem ver­nünf­tigen, intel­li­genten und sach­kun­digen Men­schen, der erklären könnte, was das alles ist und wie es prin­zi­piell mög­lich ist.

So sagte bei­spiels­weise jemand aus dem Kreml laut, dass Prä­si­dent Biden für alles, was der­zeit in der Ukraine geschieht, gera­de­stehen muss.

Oder der Außen­mi­nister sagte vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit, ohne zu stot­tern oder zu erröten, dass Russ­land die Ukraine nicht ange­griffen habe.

Der ein­fäl­tige Mann, der an alles gewöhnt zu sein scheint, ver­schluckt sich bei diesen Worten an seinem Sand­wich und seiner Brille. “Wie bitte?” – Kaum konnte sich dieser arme Mann räus­pern, schon geraten seine Grund­vor­stel­lungen über die Welt­ord­nung, die Logik der Grund­schule und die über­schau­baren Grenzen des Lügens wieder einmal massiv unter Beschuss, und das Leck ist groß.

“So ist das! – möchte man zu ihm sagen. – Sie müssen sich nicht zu viele Sorgen machen. Seien Sie nur nicht zu faul, bei Wiki­pedia das Wort “Pro­jek­tion” nach­zu­schlagen. Zunächst werden sie über etwas geo­me­trisch Figür­li­ches lesen. Und dann können Sie lernen, und wenn Sie es schon wussten, sich daran erin­nern, dass “Pro­jek­tion ein Mecha­nismus der psy­cho­lo­gi­schen Ver­tei­di­gung ist, bei dem das Innere fälsch­li­cher­weise als von außen kom­mend wahr­ge­nommen wird. Eine Person schreibt jemandem oder etwas ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Motive, Cha­rak­ter­ei­gen­schaften usw. zu und glaubt, dass das, was sie wahr­ge­nommen hat, von außen kam und nicht, wie es eigent­lich der Fall ist, von innen, aus sich selbst heraus.

Und noch etwas weiter: “Pro­jek­tion ist einer der grund­le­genden Abwehr­me­cha­nismen bei para­no­iden oder hys­te­ro­iden Persönlichkeitsstörungen.

Man könnte sich dar­über beru­higen, wäre da nicht der unbän­dige Gedanke, dass diese Men­schen – mit diesen “para­no­iden Stö­rungen” ihrer nicht sehr gefes­tigten Per­sön­lich­keiten – in der so genannten hohen Politik tätig sind.

Natür­lich ist es ange­sichts dessen absolut aus­ge­schlossen, sich zu beru­higen. Aber jeder kleinste Hin­weis auf Ein­sicht in den wahren Sach­ver­halt dient dem wich­tigen Ziel, unsere geis­tige und psy­chi­sche Nor­ma­lität zu bewahren. Und wir werden sie noch brau­chen können.

Wenn du deine kogni­tiven Kom­pe­tenzen ein­schal­test, wirst du dich kaum dar­über ver­wun­dern, dass die im offi­zi­ellen Pro­pa­gan­da­dis­kurs „Patrioten“ genannten in anderen Län­dern als Faschisten bezeichnet werden und dass im eigenen Land die Faschisten „Patrioten“ heißen.

Dabei kann man auch an die so genannten “fal­schen Freunde“ des Dol­met­schers denken. Das heißt, dass manche Wörter in ver­wandten, aber unter­schied­li­chen Spra­chen gleich klingen, aber völlig unter­schied­liche Dinge oder Phä­no­mene bedeuten. Und diese Eigen­schaft ist oft der Grund für ver­schie­dene komi­sche – und nicht nur komi­sche – Missverständnisse.

Aber manchmal gibt es diese “fal­schen Freunde” nicht in ver­schie­denen Spra­chen, son­dern in ein und der­selben Sprache. In unserem Fall zum Beispiel.

(Ü: Susanne Frank)