Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wie man Hand­lung weger­zählt. Saša Sokolov reloaded

Es gehört zum para­doxen Dasein jener Schrei­benden, die in ihren Texten die sprach­li­chen Finessen ihrer Mut­ter­sprache zele­brieren, dass ihr Erfolg im fremd­spra­chigen Aus­land von den Qua­li­täten der Über­setzer abhängig ist. Und nicht selten teilen gerade die talen­tier­testen unter diesen auf die Sprache fokus­sierten Autoren das bedau­erns­werte Schicksal, dass sich kaum jemand an einer Über­set­zung ver­sucht – sie bzw. ihre Werke sind, sozu­sagen, lost in trans­la­tion, wie man es mit Sofia Cop­pola aus­drü­cken mag.
Saša Sokolov (Sascha Sokolow) reiht sich ein unter jene Schrift­steller, deren Erfolg beim aus­ser­rus­si­schen Publikum bei der Über­set­zung ver­loren gegangen ist. Seine Texte dringen so tief in die Seele der rus­si­schen Sprache ein, dass selbst Mut­ter­sprachler sich darin zu ver­irren Gefahr laufen. Für die deut­schen Leser hin­gegen bleiben Sokolovs Bücher zum grössten Teil eine Sym­phonie, deren Pracht ihnen als taube Rezi­pi­enten unzu­gäng­lich bleibt. Und dies ist schade.

Saša Sokolov wurde am 6. November 1943 im kana­di­schen Ottawa geboren, wo sein Vater Vse­volod Sokolov als Major des Geheim­dienstes bei der sowje­ti­schen Bot­schaft ange­glie­dert war. Major Sokolov spielte eine zen­trale Rolle bei der Infor­ma­ti­ons­über­mitt­lung über das ame­ri­ka­ni­sche Atom­pro­gramm. Nach dem Auf­fliegen des Spio­na­ge­rings im Jahr 1946 kehrten die Sokolovs nach Moskau zurück. Dank der hohen Stel­lung des Vaters genoss die Familie ein Leben über dem dama­ligen Stan­dard: eine Dat­scha aus­ser­halb Mos­kaus, ein Dienst­wagen und Som­mer­fe­rien am Schwarzen Meer zeugen von den Annehm­lich­keiten der Macht.
Nach seinem Schul­ab­schluss schrieb sich Saša Sokolov 1962 ins Institut für Fremd­spra­chen der Armee ein, wo er wäh­rend dreier Jahre Eng­lisch und Spa­nisch stu­dierte. Mehr schlecht als recht mit den strikten Regeln des Insti­tuts zurech­kom­mend, simu­lierte er ein schi­zo­phrenes Leiden, wofür er drei Monate in einer psych­ia­tri­schen Anstalt ver­brachte. Im Februar 1965 wurde er aus der Klinik und aus dem Mili­tär­dienst entlassen.
Zurück in Moskau wurde Sokolov Mit­glied der lite­ra­ri­schen Bohème und schloss sich der Autoren­gruppe SMOG (Sme­lost’, Mysl’, Obraz, Glubina oder Samoe Molodoe Obščestvo Geniev) an, der unter anderem Leonid Gubanov, Jurij Kubla­novskij, Vla­dimir Ale­j­nikov oder Arkadij Pachomov ange­hörten. Von 1966 bis 1971 stu­dierte Sokolov Jour­na­listik an der MGU und schrieb nebenbei für ver­schie­dene Zei­tungen. In der Zeit­schrift Novor­os­s­ijskij rabočij erschien 1967 seine erste Erzäh­lung Za molokom. 1971 wurde seine Kurz­ge­schichte Staryj šturman vom Magazin Naša žizn’ als „beste Geschichte über einen Blinden“ ausgezeichnet.
Nach dem Abschluss des Stu­diums arbei­tete Sokolov über ein Jahr als Wild­hüter in der Oblast’ Kalinin an der oberen Wolga. Er nutzte die Zeit und voll­endete im Früh­jahr 1973 seinen ersten Roman Škola dlja durakov (Die Schule der Dummen). Im November fuhr er zurück nach Moskau, wo es ihm nicht gelang, einen Job zu finden. Kurze Zeit später lernte er die Öster­rei­cherin Johanna Steindl kennen, die in der Haupt­stadt Deutsch unter­rich­tete. Als er nach­zu­for­schen begann, ob seine Geburt in Ottawa ihm die Mög­lich­keit für die kana­di­sche Staats­bür­ger­schaft bot, wurde der KGB zuneh­mend auf­merksam. Nach einigen Ver­hören und dem spürbar stei­gendem Druck beschloss das Paar zu hei­raten. Ein Termin auf dem Mos­kauer Stan­desamt war bereits gebucht, als Steindl zur Erneue­rung des Visums das Land ver­lassen musste. Doch ein neues Visum wurde ihr fortan ver­wei­gert. Zudem ertrugen seine Eltern die Schande einer mög­li­chen Emi­gra­tion ihres Sohnes nicht und stellten sich der geplanten Hoch­zeit ent­gegen: sie ver­suchten, ihn als Geis­tes­kranken zu entmündigen.
Zur glei­chen Zeit lan­cierte Johanna Steindl eine öffent­liche Kam­pagne, um Auf­merk­sam­keit für das Schicksal ihres Ver­lobten zu erregen. Sie trat in einen Hun­ger­streik und inter­na­tio­nale Medien berich­teten über den Fall. Schliess­lich war es dem öster­rei­chi­schen Kanzler Kreisky, der sich per­sön­lich bei Brežnev für das Paar ein­setzte, zu ver­danken, dass Sokolov das Land ver­lassen konnte und am 8. Oktober 1975  in Wien eintraf.
Noch vor Sokolovs Aus­reise war das Manu­skript der Škola dlja durkov in den Westen gelangt. Johanna Steindl schickte es an Carl Proffer von Ardis Publis­hers, dem Verlag, der auch Vla­dimir Nabokov publi­zierte. Proffer war begeis­tert vom jungen Talent und beschloss, das Werk zu ver­öf­fent­li­chen. Die rus­si­sche Ver­sion erschien im Früh­ling 1976. Nabokov selbst schrieb Proffer einen Brief und lobte Škola dlja durakov als „an enchan­ting, tragic, and tou­ching book. It is by far the best thing you have published in the way of modern Soviet prose.“ Nabo­kovs Worte zierten den Umschlag der 1977 erschie­nenen eng­li­schen Über­set­zung und wirkten als publi­zis­ti­scher Kata­ly­sator: Noch im selben Jahr kam die kon­ge­niale Über­set­zung ins Deut­sche von Wolf­gang Kasack heraus, bis heute wurde das Werk in zwölf Spra­chen übersetzt.
Durch die Ver­mitt­lung von Kanzler Kreisky fand Sokolov eine Anstel­lung als Wald­ar­beiter in der Nähe Wiens. Gleich­zeitig schrieb er weiter an seinem zweiten Roman Meždu sobakoj i volkom (Zwi­schen Hund und Wolf), den er noch in der Sowjet­union begonnen hatte. Im Früh­ling 1976 traf er in Wien erst­mals auf seinen Ver­leger Carl Proffer, wel­cher ihn in die Ver­ei­nigten Staaten einlud. Sokolov ent­schloss sich, im Sep­tember 1976 nach Nord­ame­rika zu fliegen, kurze Zeit darauf erhielt er seinen lange ersehnten kana­di­schen Pass.

1980 erschien Meždu sobakoj i volkom, wie­derum bei Ardis. Noch viel stärker als sein Debüt lebt Sokolovs zweiter Roman von den Eigen­heiten der rus­si­schen Sprache und wurde von der Kritik überaus zurück­hal­tend auf­ge­nommen. Bis heute ist einzig eine von Alek­sander Bogusławski besorgte Über­set­zung ins Pol­ni­sche erschienen. Nichts­des­to­trotz wurde das Buch vom Lenin­grader Unter­grund­ma­gazin Časy mit dem Andrej Belyj-Preis für das beste rus­si­sche Pro­sa­werk des Jahres 1981 ausgezeichnet.
Im Früh­ling 1985 erschien Sokolovs bisher letzter Roman Pali­sandrija. Doch die Hoff­nungen auf einen kom­mer­zi­ellen Erfolg wurden ent­täuscht. Die eng­li­sche Über­set­zung unter dem Titel Astro­phobia erschien 1989, konnte jedoch nicht an den frü­heren Erfolg von Škola dlja durakov anknüpfen.
Seither ist es ruhig geworden um Sokolov. Nur ver­ein­zelt hat er Essays oder Gedichte ver­öf­fent­licht, nur selten äußert er sich in Inter­views über sich und sein Werk. Ein vierter Roman ist am Ent­stehen, über seinen Inhalt hüllt sich der Autor jedoch in eisernes Schweigen.

Trotz seines vom Umfang her beschei­denen Werks kommt man nicht umhin, Saša Sokolov zu den bedeu­tendsten rus­si­schen Pro­sa­stimmen der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts zu zählen. Wie kaum ein anderer Autor kon­zen­triert sich Sokolov auf das Wort und dessen Wir­kung beim Leser. Sokolov sieht sich selbst als Ver­treter des Moder­nismus, dessen cha­rak­te­ri­sie­rendes Merkmal darin bestehe, das wie über das  was zu stellen.

Die Gescheh­nisse von Sokolovs Erst­ling Škola dlja durakov resü­mieren zu wollen, wäre ein hoff­nungs­loses Unter­fangen. Im Zen­trum des Buches steht der Ich-Erzähler, der namen­lose ‚Schüler soundso’ (učenik takoj-to) einer Son­der­schule für geistig Behin­derte – der ‚Schule der Dummen’ eben. In einem unun­ter­bro­chenen Zwie­ge­spräch mit seinem forsch auf­tre­tenden Alter Ego dis­ku­tiert er seine miss­li­chen Lebens­um­stände in der Son­der­schule, welche sich als­bald als Symbol einer alle krea­tive Frei­heit des Quer­den­kers unter­drü­ckende Insti­tu­tion ent­puppt. Der schi­zo­phrene Dialog (Monolog?) der Hauptfigur(en) zieht sich durch die ganze Erzäh­lung hin­durch und struk­tu­riert diese in glei­chem Masse wie er jeg­liche Struktur ver­un­mög­licht. Als patho­lo­gi­sches Merkmal des Ich-Erzäh­lers prä­sen­tiert uns Sokolov sei­ten­lange Pas­sagen eines Stream of con­scious­ness, dessen Rein­heit in der rus­si­schen Lite­ratur sei­nes­glei­chen sucht. Nicht irgend­eine Hand­lung ver­bindet die ein­zelnen Teile des Buches mit­ein­ander, son­dern das selektiv-asso­zia­tive Gedächtnis des Schü­lers soundso, dessen Gedan­ken­gänge wie aus dem Nichts von der ein­ge­schla­genen Rich­tung abwei­chen, sich zu län­geren Ein­schüben über ein scheinbar nur zufällig erwähntes Stück Kreide aus­weiten, um dann unver­hofft wieder zum begon­nenen Gespräch zurück­zu­kehren, als wäre es das natür­lichste der Welt. Nach und nach kris­tal­li­sieren sich auf diese Art wie­der­keh­rende Ele­mente heraus, welche die Erzäh­lung als Ganzes begleiten: Das Leben in der som­mer­li­chen Dat­schen­sied­lung mit den ver­schie­denen Per­sonen, welche sich aus der Stadt zurück­ge­zogen haben und ihr Leben zu leben ver­su­chen, die uner­wi­derte Liebe des Schü­lers soundso zu seiner Bio­lo­gie­leh­rerin Veta Aka­tova, der ödi­pale Kon­flikt mit seinem Vater und die damit zusam­men­hän­gende Zunei­gung zu seiner Mutter, oder aber die Gespräche mit dem Geo­gra­phie­lehrer Pavel/Savl Nor­vegov, wel­cher sich in der Son­der­schule ähn­lich unwohl fühlt wie der Ich-Erzähler selbst. Die Erkenntnis am Ende des Buches, dass Nor­vegov bereits vor einiger Zeit ver­storben ist, stellt ein ‚rea­lis­ti­sches’ Her­aus­fil­tern des Plots vor wei­tere Hürden: Ent­springen die Gespräche mit dem Lehrer schlicht der Ima­gi­na­tion des Erzäh­lers? Und welche Kon­se­quenzen bringt dies für die Kon­tin­genz der beschrie­benen Roman­welt im All­ge­meinen? Oder ist ein­fach nur etwas mit der Zeit durch­ein­ander geraten?
In der Tat gestaltet sich eine zeit­liche Ein­ord­nung des Gesche­hens noch um ein Viel­fa­ches schwie­riger als das Auf­spüren des Gesche­hens an sich. Abso­lute Zeit­be­züge braucht man im Roman schon gar nicht zu suchen und die spär­li­chen rela­tiven Bezüge (‚damals’, ‚seit jenem Tag’ o.Ä.) bringen nur bedingt Klar­heit in den Ablauf der Ereig­nisse. Die Geschichte scheint retro­spektiv erzählt zu sein, aber wie alt der Erzähler zum Zeit­punkt des Berichtes ist, bleibt genauso undeut­lich wie die gesamte Summe der erzählten Zeit, so dass man dem Schüler soundso nickend zustimmt, wenn er ver­kündet: „Es steht schlecht bei uns um die Zeit“.

Sokolov_Dobrin

Auch in Sokolovs zweitem Roman Meždu sobakoj i volkom ist die Zeit kaum fassbar. Ort der ‚Hand­lung’ ist ein mythi­sches Land am Fluss Itil’ (die mit­tel­al­ter­liche, aus Turk­spra­chen stam­mende Bezeich­nung für die Wolga), an dem die Gesetze des Zeit­flusses auf­ge­hoben zu sein scheinen. Der Fluss – und mit ihm die Zeit, die er sym­bo­li­siert – fliesst mal in die eine, mal in die andere Rich­tung, mal schneller, mal lang­samer, und bestimmt so das Leben der Figuren, welche sich in diese Gegend ver­loren haben. Jäger, Bettler, Tage­löhner, Witwen und Pro­sti­tu­ierte; die Figuren des Romans bewegen sich am Rande einer Gesell­schaft, deren Exis­tenz als Ganzes nur schlei­er­haft ange­deutet wird. Es ist eine rauhe Welt, die da beschrieben ist, eine Welt im Däm­me­rungs­zu­stand – die Phra­seo­logie des Titels ‚zwi­schen Hund und Wolf’ beschreibt die Zeit des Tages, zu wel­cher der Jäger auf­grund der Däm­me­rung nicht imstande ist, zwi­schen Freund (Hund) und Feind (Wolf) zu unter­scheiden. Der Leser sieht sich gezwungen, seine Augen zuzu­kneifen, um die Kon­turen einer Hand­lung zu erkennen. Doch noch stärker als in seinem ersten Roman ver­wischt Sokolov hier alle Ansätze eines Plots und prä­sen­tiert uns statt dessen eine frag­men­tierte Erzäh­lung, deren Bruch­stücke sich nicht zu einem ein­heit­li­chen Ganzen zusam­men­fügen lassen. Aber ver­mut­lich ent­sprach dies auch nie der Absicht des Autors: Sokolov beschreibt in Meždu sobakoj i volkom eine Phi­lo­so­phie der zykli­schen Zeit­wahr­neh­mung, welche ver­schie­dene Mög­lich­keiten eines Ereig­nisses gleich­wertig neben­ein­ander stehen lässt. Nur so ist zu begreifen, dass inner­halb der Erzäh­lung meh­rere Vari­anten ein und des­selben Gescheh­nisses berichtet werden, ohne dass der Wahr­heits­ge­halt jeweils steigen würde.
Sokolov hat in diesem Roman Ein­drücke seiner per­sön­li­chen Erfah­rung ver­ar­beitet, die er wäh­rend seiner Zeit als Jagd­auf­seher an der oberen Wolga gemacht hat. Sein erklärtes Ziel war es, die Stim­mung jenes Ortes und die Sprache der Jäger in der rus­si­schen Pro­vinz ein­zu­fangen. Ent­spre­chend gestaltet sich der Stil des Buches: Der Skaz wird zum domi­nie­renden Ele­ment, umgangs­sprach­liche Aus­drücke und länd­liche Phra­seo­lo­gismen ver­fremden die Sprache und kre­ieren eine fast schon mythi­sche Vari­ante des Rus­si­schen, die irgendwo im neun­zehnten Jahr­hun­dert anzu­sie­deln wäre.

Sokolov war sich der sprach­li­chen Dichte seines zweiten Romans durchaus bewusst und ging schon gar nicht davon aus, dass ihn jemand ver­stehen würde, wie er in Briefen an seinen Ver­leger Proffer gesteht. Nichts­des­to­trotz ver­sprach er, dass sein nächstes Buch „um einiges sujet­hafter und leser­li­cher“ sein würde als die beiden vor­an­ge­gan­genen. Und in der Tat zieht sich durch seinen dritten Roman Pali­sandrija so etwas wie ein Ansatz einer Handlung:
Der Kreml-Waise und Anwärter auf die Erb­folge an der Macht des grossen Russ­land, Pali­sander Dah­l­berg, wird nach einem kind­li­chen Scherz, der Sta­lins Tod zur Folge hatte (ein im Schrank ver­steckter Schloss­hund pro­vo­zierte einen Herz­an­fall), ins Novo­de­vichi-Kloster ver­bannt, das als Bor­dell für die Macht­elite seinen Zweck erfüllt. Nach wei­teren Rän­ke­spielen und einem miss­glückten Attentat auf den Usur­pa­toren Brežnev, wird Pali­sander nach Sibi­rien und anschlies­send ins west­liche Exil ver­bannt, wo, nach jah­re­langem Umher­streifen, schliess­lich sein wahres Geheimnis – er/sie/es ist Herm­aphrodit – ent­hüllt wird. Pali­sander wird zur Speer­spitze einer Art Queer-Bewe­gung, wird für sein eman­zi­pa­to­ri­sches Enga­ge­ment mit dem Frie­dens- und für seine pro­mis­kui­tive Auto­bio­gra­phie mit dem Lite­ra­tur­no­bel­preis aus­ge­zeichnet, kommt zu Reichtum und Ruhm, was ihn in die Lage ver­setzt, die auf der Welt ver­streuten sterb­li­chen Über­reste sämt­li­cher Exil­russen zusam­men­zu­kaufen, um dann mit dieser Armee der Toten im Schlepptau einen tri­um­phalen Einzug in Moskau zu halten, wo er als recht­mäs­siger Thron­folger von der Menge gefeiert wird.
Allein die Absur­dität der Fabel lässt jedoch erahnen, dass es Sokolov mit dem Plot nicht allzu ernst ist, bzw. dass dieser nur die Fas­sade für ein wei­teres sprach­li­ches Feu­er­werk dar­stellt. Sokolov, der mit seinem dritten Buch ohne Beschei­den­heit ein Buch schreiben wollte, wel­ches „das Genre des Romans als sol­chen beenden“ würde, nimmt die absurde Hand­lung zum Anlass für eine wilde Par­odie der rus­si­schen Gegen­warts­li­te­ratur, nament­lich der Memoi­ren­li­te­ratur und der sexuell frei­zü­gigen Skandal­li­te­ratur. Im Gegen­satz zu letz­terer ver­zichtet Sokolov jedoch völlig auf den in Mode gekom­menen Mat, die rus­si­sche Fluch­sprache, was seine Schil­de­rungen der amou­rösen Aben­teuer seines Helden Pali­sander jedoch nicht weniger obszön erscheinen lässt. Im Gegen­teil: Sokolov zeigt als Meister des sprach­li­chen Aus­drucks, dass das Rus­si­sche in seiner Mäch­tig­keit Bilder zulässt, welche den obs­zönen Mat zu Sand­kas­ten­vo­ka­bular degradiert.

Saša Sokolovs Werk oszil­liert zwi­schen Moderne und Post­mo­derne, seine Nähe zu Nabo­kovs Lite­ra­tur­ver­ständnis ist genauso wenig umstritten wie seine Rolle als „Schlüs­sel­figur der rus­si­schen Post­mo­derne“ (T. Brajnina).
Bei Saša Sokolov zeigt sich das Erzählen in seiner reinsten Form. Die Frage ‚Wer spricht?’ ver­liert ihre sonst übliche Rele­vanz, ganz zu schweigen vom lapi­daren ‚Was geschieht?’. Das ein­zige, was noch zählt, ist, dass gespro­chen, dass erzählt wird. Es ist dieses Sicht­bar­ma­chen des Erzäh­lens, wel­ches in Sokolovs Büchern einen so atem­be­rau­benden Ein­druck hinterlässt.

 

Auf Rus­sisch sind erschienen:
Škola dlja durakov. Ann Arbor 1976.
Meždu sobakoj i volkom. Ann Arbor 1980.
Pali­sandrija. Ann Arbor 1985
Tre­vož­naja kukolka. Ėsse. Sankt-Peter­burg 2008. [gesam­melte Essays]
Škola dlja durakov. Meždu sobakoj i volkom. Pali­sandrija. Ėsse. Sankt-Peter­burg 2009. [Werk­aus­gabe mit allen drei Romanen sowie gesam­melten Essays]

 

Auf Deutsch sind erschienen:
Die Schule der Dummen. Aus dem Russ. von Wolf­gang Kasack. Mit einem Nach­wort von Iris Radisch. Frank­furt a.M. 1993.
„Puppe in Auf­ruhr“. Aus dem Russ. von Felix Philipp Ingold. In: Schreib­heft. Zeit­schrift für Lite­ratur. Nr. 36, November 1990. S. 11–14. [Über­set­zung des Essays „Tre­vož­naja kukolka“]
„Dsyn­d­sy­relas Tran­si­ti­lien“ Aus dem Russ. von Birgit Veit. In: Schreib­heft. Zeit­schrift für Lite­ratur. Nr. 36, November 1990. S. 23–30. [Über­set­zung eines Kapi­tels aus Meždu sobakoj i volkom]
„Pali­sandrija“ Aus dem Russ. von Eve­line Passet. In: Schreib­heft. Zeit­schrift für Lite­ratur. Nr. 36, November 1990. S. 31–39. [Über­set­zung eines Kapi­tels aus Pali­sandrija]

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