Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Russ­land, vom Schopf der Welt betrachtet…

Die Samo­jeden-Frau kann sich kaum vor­stellen, dass es in Polen kein Polar­licht gibt. In Nächten mit Polar­licht sieht die Welt schließ­lich beson­ders schön aus. Die Frau lebt mit ihrer Familie als Nomadin in der Tundra, auf der Halb­insel Jamal. Dort ist noch nicht alles mit Beton und Asphalt zuge­schüttet wie in der ‚großen’ Welt. Über seinen Besuch bei den Nomaden schreibt Mariusz Wilk in seinem Tage­buch aus Kare­lien. Von dort aus betrachtet er Russ­land, aber vor allem zeichnet er ein Por­trät der One­ga­re­gion, wo die Men­schen noch mit der Natur leben und ein fas­zi­nie­render Kul­tur­raum zu ent­de­cken ist.

Das Haus am One­gasee (Dom nad Oniego) ist nach dem Schwarzen Eis (Wilczy Notes) das zweite Buch des pol­ni­schen Autors und Jour­na­listen, Mariusz Wilk, das von Martin Pollack ins Deut­sche über­setzt wurde. Es ist ein Tage­buch, über drei Jahre hinweg in Kare­lien geführt. Wilk schreibt über seinen Alltag im „Geis­ter­dorf“ Konda Berež­naja, das offi­ziell als „nježi­laja“, also aus­ge­storben gilt. Mit ihm erlebt der Leser die Weite und Leere der Land­schaft und die Ein­sam­keit im Winter. Da bleibt viel Zeit für Erin­ne­rungen und zum Nach­denken über Lite­ratur, Tra­di­tionen und Mystik.

Nach bewegten Jahren als Pres­se­spre­cher von Soli­dar­ność und meh­reren Inhaf­tie­run­gen in den 1980er Jahren über­sie­delte der Phi­lo­loge Wilk vor 15 Jahren nach Russ­land. Dort ver­än­derte er sein Leben radikal: Für 10 Jahre ließ er sich auf den Solo­v­jecki-Inseln nieder, wo früher neben Mön­chen vor allem Gefan­gene lebten. Von dieser Rand­lage aus betrach­tete er die Welt und begann, dar­über Erzäh­lungen in der Kul­tura, einer pol­ni­schen Emi­gra­ti­ons­zeit­schrift in Paris, zu ver­öf­fent­li­chen. Auf der Suche nach noch grö­ßerer Abge­schie­den­heit und beein­druckt von der Schön­heit Kare­liens hat der Autor nun seinen Wohn­sitz an den One­gasee verlegt.

Im Winter ist Konda Berež­naja abge­schnitten vom Rest der Welt, selbst „die här­testen Fischer sitzen lieber auf dem Ofen und ste­cken die Nase nicht vor die Tür“. Wilk macht in solch schnee­rei­chen Monaten Erin­ne­rungs­reisen. Dabei betont er, dass er Tage­buch führt und nicht ver­sucht, Ereig­nisse genau zu rekonstru­ieren. So beschreibt er frü­here Exkur­sionen wie die zu Strojka 501, dem Eisen­bahn­pro­jekt Sta­lins ent­lang des Polar­kreises, und zu samo­je­di­schen Opfer­stätten, wo er grin­sende Schädel vor­findet und es in den Bäumen kichern hört.

Die meisten Reisen gehen aber in die Welt der Lite­ratur. Wilk zitiert lange Pas­sagen aus Wer­ken wenig bekannter Autoren wie Nikolaj Kljujev, der zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts Kare­lien erforscht und beschrieben hat. In Kljujev sieht er eine Inspi­ra­tion für seine Arbeit und widmet ihm den letzten Teil seines Buches. Neben sol­chen Ent­de­ckungen stehen Größen der pol­ni­schen und rus­si­schen Lite­ratur­geschichte. Der Autor über­setzt auch tradi­tionelle Lieder der Region, und sogar mit Wer­­wolfs-Flü­chen kennt er sich aus. Das Staunen, mit dem Wilk die One­ga­re­gion ent­deckt, ist bei der Lek­türe der Tage­bü­cher deut­lich spürbar. Lie­be­voll werden Details beschrieben, der ruhige Rhythmus des Dorf­le­bens über­trägt sich auf den Text. Auch Natur­be­schrei­bungen nehmen einen großen Teil des Tage­buchs ein. Da wird ein Herbst­morgen beschrieben und die Welt beginnt, sich „vor dem Fenster langsam zu ent­wickeln – wie eine Foto­grafie“. Im Sommer wie­derum erhitzt die Sonne „die weiße Pfanne des Onega so stark, dass das Fett, das sich wäh­rend des Win­ters an den Hüften gesam­melt hat, zu brut­zeln begann“.

Es ver­wun­dert nicht, dass bei diesem Leben ein mehr­wö­chiger Auf­ent­halt in Polen ein jäher Ein­schnitt ist – und auch eine Zäsur zwi­schen den ersten beiden Teilen des Tage­buchs. Die Reise in die Heimat zieht über einige Seiten hinweg immer wieder Blicke auf „Jew­ropa“ nach sich, unter­malt von Gom­bro­wicz-Zitaten. Die „Fan­faren der frisch geba­ckenen Jew­ro­päer“ sind für Wilk ermü­dend, und bei seinen Betrach­tungen vom Norden aus ent­deckt er, dass in Europa „ein totaler Marasmus herrscht“. Am liebsten würde man mit Wilk zurück fahren, auf die andere Seite des Bugs, in die male­ri­sche Land­schaft Kare­liens, wo eine Axt noch wich­tiger ist als der Laptop.

Ein Dorf im Norden Russ­lands, in dem wep­si­sche, kare­li­sche und rus­si­sche Ein­flüsse auf­ein­ander treffen, eignet sich dem Autor zufolge auch beson­ders gut, um Russ­land vom „Schopf der Welt“ aus zu betrachten. Wilks Mei­nung nach war es die Zer­stö­rung des rus­si­schen Dorfes, die das Land im 20. Jahr­hun­dert radikal ver­än­dert hat. Mehr noch als die Kriege, die Revo­lu­tion und der ‚Aufbau des Sozia­lismus’. Des­halb genügt es Wilk auch nicht, „die Gesichter der neuen Russen zu sehen, die in den Pubs ent­lang der Twerska leuchten“. Um das Land zu ver­stehen, lebt er mit denen, die „am Ort der Zer­stö­rung aus­ge­harrt haben“, er schaut „in ihre betrun­kenen, ver­rückten Augen“. Und er kennt die Men­schen auf dem Dorf: Den alten Volodja, der 26 Jahre lang Pilot in Kare­lien war und der Gedichte schreibt. Oder das Ehe­paar Deniskov, das im Nach­bar­dorf alleine über­win­tert, und zum Zeit­ver­treib ordent­lich streitet oder sich die Texte alter sowje­ti­scher Filme im Radio anhört. Und die alte Baba Manja auf der anderen Seite des Sees. Sie hatte beson­deres Glück und wurde von Putin – „Gott möge ihn behüten!“ – per­sön­lich besucht!

Wilk schreibt im Ori­ginal auf Pol­nisch, doch benutzt er zahl­reiche Rus­si­zismen an Stellen, an denen das rus­si­sche Wort seiner Mei­nung nach pas­sender ist, mehr bedeutet. Tage­buch zu schreiben heißt für ihn näm­lich „mit Worten zu spielen“ und eine eigene Wirk­lich­keit zu kre­ieren. Dies berei­chert Wilks Sprache und macht seine Bilder noch leben­diger. Nötige Erklä­rungen flicht der Über­setzer Martin Pollack unauf­fällig in den Text ein. Nicht nur wegen der Rus­si­zismen werfen Kri­tiker dies- und jen­seits der Oder dem Autor vor, selbst schon ein wenig zum rus­si­schen „mužik“ geworden zu sein. Er stünde dem Land und seiner Regie­rung auch zu unkri­tisch gegen­über. Doch gerade hier liegt Wilks Stärke: Er zeichnet ein Gegen­bild zu der übli­chen Kritik an Putins Russ­land und auch zur Metro­pole Moskau. Sicher sub­jektiv, doch ein­fühlsam und mit großer Zunei­gung zu Land und Leuten. Wer sich auf seine Sicht­weise ein­lässt, bekommt unwei­ger­lich Sehn­sucht nach diesem Land oder möchte zumin­dest das Tage­buch nicht mehr aus der Hand geben.

Das Tage­buch geht zu Ende, denn es beginnt eine neue Reise: Wilk macht sich auf, um eine Zeit lang mit den Nomaden des rus­si­schen Nor­dens zu leben. Die pol­ni­schen Leser konnten dar­über bereits mehr erfahren, denn Wilk schreibt Rei­se­be­richte für die War­schauer Zei­tung Rze­cz­pos­po­lita. 2007 ist auch der zweite Teil seines Tage­buch erschienen: Tro­pami Rena (Auf den Spuren des Rentiers).

 

Das Haus am One­gasee. Aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack. Wien 2008.
Dom nad Oniego. Wars­zawa 2006.
Schwarzes Eis. Mein Russ­land. Aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack. Wien 2003.
Wilczy Notes. Zapiski soło­wieckie 1996–1998. Gdańsk 1998.
Tro­pami Rena. Wars­zawa 2007.

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