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Russland, vom Schopf der Welt betrachtet...

Posted on 9. März 2009 by Ines Steger
Vom Rand der Welt betrachtet sieht Russland ganz anders aus – wie auch „Jewropa“. Mariusz Wilks Tagebuch aus Karelien führt in die Abgeschiedenheit der Onegaregion, in einen faszinierenden Kulturraum, den es zu entdecken gilt.

Die Samojeden-Frau kann sich kaum vorstellen, dass es in Polen kein Polarlicht gibt. In Nächten mit Polarlicht sieht die Welt schließlich besonders schön aus. Die Frau lebt mit ihrer Familie als Nomadin in der Tundra, auf der Halbinsel Jamal. Dort ist noch nicht alles mit Beton und Asphalt zugeschüttet wie in der ‚großen’ Welt. Über seinen Besuch bei den Nomaden schreibt Mariusz Wilk in seinem Tagebuch aus Karelien. Von dort aus betrachtet er Russland, aber vor allem zeichnet er ein Porträt der Onegaregion, wo die Menschen noch mit der Natur leben und ein faszinierender Kulturraum zu entdecken ist.

Das Haus am Onegasee (Dom nad Oniego) ist nach dem Schwarzen Eis (Wilczy Notes) das zweite Buch des polnischen Autors und Journalisten, Mariusz Wilk, das von Martin Pollack ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist ein Tagebuch, über drei Jahre hinweg in Karelien geführt. Wilk schreibt über seinen Alltag im „Geisterdorf“ Konda Berežnaja, das offiziell als „nježilaja“, also ausgestorben gilt. Mit ihm erlebt der Leser die Weite und Leere der Landschaft und die Einsamkeit im Winter. Da bleibt viel Zeit für Erinnerungen und zum Nachdenken über Literatur, Traditionen und Mystik.

Nach bewegten Jahren als Pressesprecher von Solidarność und mehreren Inhaf­tie­run­gen in den 1980er Jahren übersiedelte der Philologe Wilk vor 15 Jahren nach Russland. Dort veränderte er sein Leben radikal: Für 10 Jahre ließ er sich auf den Solovjecki-Inseln nieder, wo früher neben Mönchen vor allem Gefangene lebten. Von dieser Randlage aus betrachtete er die Welt und begann, darüber Erzählungen in der Kultura, einer polnischen Emigrationszeitschrift in Paris, zu veröffentlichen. Auf der Suche nach noch größerer Abgeschiedenheit und beeindruckt von der Schönheit Kare­liens hat der Autor nun seinen Wohnsitz an den Onegasee verlegt.

Im Winter ist Konda Berežnaja abgeschnitten vom Rest der Welt, selbst „die härtesten Fischer sitzen lieber auf dem Ofen und stecken die Nase nicht vor die Tür“. Wilk macht in solch schneereichen Monaten Erinnerungsreisen. Dabei betont er, dass er Tagebuch führt und nicht versucht, Ereignisse genau zu rekonstru­ieren. So beschreibt er frühere Exkursionen wie die zu Strojka 501, dem Eisenbahnprojekt Stalins entlang des Polarkreises, und zu samojedischen Opferstätten, wo er grinsende Schädel vorfindet und es in den Bäumen kichern hört.

Die meisten Reisen gehen aber in die Welt der Literatur. Wilk zitiert lange Passagen aus Wer­ken wenig bekannter Autoren wie Nikolaj Kljujev, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Karelien erforscht und beschrieben hat. In Kljujev sieht er eine Inspiration für seine Arbeit und widmet ihm den letzten Teil seines Buches. Neben solchen Entdeckungen stehen Größen der polnischen und russischen Lite­ratur­geschichte. Der Autor übersetzt auch tradi­tionelle Lieder der Region, und sogar mit Wer­wolfs-Flüchen kennt er sich aus. Das Staunen, mit dem Wilk die Onegaregion entdeckt, ist bei der Lektüre der Tagebücher deutlich spürbar. Liebevoll werden Details beschrieben, der ruhige Rhythmus des Dorflebens überträgt sich auf den Text. Auch Naturbeschreibungen nehmen einen großen Teil des Tagebuchs ein. Da wird ein Herbst­morgen beschrieben und die Welt beginnt, sich „vor dem Fenster langsam zu ent­wickeln – wie eine Fotografie“. Im Sommer wiederum erhitzt die Sonne „die weiße Pfanne des Onega so stark, dass das Fett, das sich während des Winters an den Hüften gesammelt hat, zu brutzeln begann“.

Es verwundert nicht, dass bei diesem Leben ein mehrwöchiger Aufenthalt in Polen ein jäher Einschnitt ist – und auch eine Zäsur zwischen den ersten beiden Teilen des Tagebuchs. Die Reise in die Heimat zieht über einige Seiten hinweg immer wieder Blicke auf „Jewropa“ nach sich, untermalt von Gombrowicz-Zitaten. Die „Fanfaren der frisch gebackenen Jewropäer“ sind für Wilk ermüdend, und bei seinen Betrachtungen vom Norden aus entdeckt er, dass in Europa „ein totaler Marasmus herrscht“. Am liebsten würde man mit Wilk zurück fahren, auf die andere Seite des Bugs, in die malerische Landschaft Kareliens, wo eine Axt noch wichtiger ist als der Laptop.

Ein Dorf im Norden Russlands, in dem wepsische, karelische und russische Einflüsse aufeinander treffen, eignet sich dem Autor zufolge auch besonders gut, um Russland vom „Schopf der Welt“ aus zu betrachten. Wilks Meinung nach war es die Zerstörung des russischen Dorfes, die das Land im 20. Jahrhundert radikal verändert hat. Mehr noch als die Kriege, die Revolution und der ‚Aufbau des Sozialismus’. Deshalb genügt es Wilk auch nicht, „die Gesichter der neuen Russen zu sehen, die in den Pubs entlang der Twerska leuchten“. Um das Land zu verstehen, lebt er mit denen, die „am Ort der Zerstörung ausgeharrt haben“, er schaut „in ihre betrunkenen, verrückten Augen“. Und er kennt die Menschen auf dem Dorf: Den alten Volodja, der 26 Jahre lang Pilot in Karelien war und der Gedichte schreibt. Oder das Ehepaar Deniskov, das im Nachbardorf alleine überwintert, und zum Zeitvertreib ordentlich streitet oder sich die Texte alter sowjetischer Filme im Radio anhört. Und die alte Baba Manja auf der anderen Seite des Sees. Sie hatte besonderes Glück und wurde von Putin – „Gott möge ihn behüten!“ – persönlich besucht!

Wilk schreibt im Original auf Polnisch, doch benutzt er zahlreiche Russizismen an Stellen, an denen das russische Wort seiner Meinung nach passender ist, mehr bedeutet. Tagebuch zu schreiben heißt für ihn nämlich „mit Worten zu spielen“ und eine eigene Wirklichkeit zu kreieren. Dies bereichert Wilks Sprache und macht seine Bilder noch leben­diger. Nötige Erklärungen flicht der Über­setzer Martin Pollack unauffällig in den Text ein. Nicht nur wegen der Russizismen werfen Kritiker dies- und jenseits der Oder dem Autor vor, selbst schon ein wenig zum russischen „mužik“ geworden zu sein. Er stünde dem Land und seiner Regierung auch zu unkritisch gegenüber. Doch gerade hier liegt Wilks Stärke: Er zeichnet ein Gegen­bild zu der üblichen Kritik an Putins Russland und auch zur Metropole Moskau. Sicher subjektiv, doch einfühlsam und mit großer Zuneigung zu Land und Leuten. Wer sich auf seine Sichtweise einlässt, bekommt unweigerlich Sehnsucht nach diesem Land oder möchte zumindest das Tagebuch nicht mehr aus der Hand geben.

Das Tagebuch geht zu Ende, denn es beginnt eine neue Reise: Wilk macht sich auf, um eine Zeit lang mit den Nomaden des russischen Nordens zu leben. Die polnischen Leser konnten darüber bereits mehr erfahren, denn Wilk schreibt Reiseberichte für die Warschauer Zeitung Rzeczpospolita. 2007 ist auch der zweite Teil seines Tagebuch erschienen: Tropami Rena (Auf den Spuren des Rentiers).

 

Das Haus am Onegasee. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Wien 2008.
Dom nad Oniego. Warszawa 2006.
Schwarzes Eis. Mein Russland. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Wien 2003.
Wilczy Notes. Zapiski sołowieckie 1996-1998. Gdańsk 1998.
Tropami Rena. Warszawa 2007.

Russland, vom Schopf der Welt betrachtet... – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Russ­land, vom Schopf der Welt betrachtet…

Die Samo­jeden-Frau kann sich kaum vor­stellen, dass es in Polen kein Polar­licht gibt. In Nächten mit Polar­licht sieht die Welt schließ­lich beson­ders schön aus. Die Frau lebt mit ihrer Familie als Nomadin in der Tundra, auf der Halb­insel Jamal. Dort ist noch nicht alles mit Beton und Asphalt zuge­schüttet wie in der ‚großen’ Welt. Über seinen Besuch bei den Nomaden schreibt Mariusz Wilk in seinem Tage­buch aus Kare­lien. Von dort aus betrachtet er Russ­land, aber vor allem zeichnet er ein Por­trät der One­ga­re­gion, wo die Men­schen noch mit der Natur leben und ein fas­zi­nie­render Kul­tur­raum zu ent­de­cken ist.

Das Haus am One­gasee (Dom nad Oniego) ist nach dem Schwarzen Eis (Wilczy Notes) das zweite Buch des pol­ni­schen Autors und Jour­na­listen, Mariusz Wilk, das von Martin Pollack ins Deut­sche über­setzt wurde. Es ist ein Tage­buch, über drei Jahre hinweg in Kare­lien geführt. Wilk schreibt über seinen Alltag im „Geis­ter­dorf“ Konda Berež­naja, das offi­ziell als „nježi­laja“, also aus­ge­storben gilt. Mit ihm erlebt der Leser die Weite und Leere der Land­schaft und die Ein­sam­keit im Winter. Da bleibt viel Zeit für Erin­ne­rungen und zum Nach­denken über Lite­ratur, Tra­di­tionen und Mystik.

Nach bewegten Jahren als Pres­se­spre­cher von Soli­dar­ność und meh­reren Inhaf­tie­run­gen in den 1980er Jahren über­sie­delte der Phi­lo­loge Wilk vor 15 Jahren nach Russ­land. Dort ver­än­derte er sein Leben radikal: Für 10 Jahre ließ er sich auf den Solo­v­jecki-Inseln nieder, wo früher neben Mön­chen vor allem Gefan­gene lebten. Von dieser Rand­lage aus betrach­tete er die Welt und begann, dar­über Erzäh­lungen in der Kul­tura, einer pol­ni­schen Emi­gra­ti­ons­zeit­schrift in Paris, zu ver­öf­fent­li­chen. Auf der Suche nach noch grö­ßerer Abge­schie­den­heit und beein­druckt von der Schön­heit Kare­liens hat der Autor nun seinen Wohn­sitz an den One­gasee verlegt.

Im Winter ist Konda Berež­naja abge­schnitten vom Rest der Welt, selbst „die här­testen Fischer sitzen lieber auf dem Ofen und ste­cken die Nase nicht vor die Tür“. Wilk macht in solch schnee­rei­chen Monaten Erin­ne­rungs­reisen. Dabei betont er, dass er Tage­buch führt und nicht ver­sucht, Ereig­nisse genau zu rekonstru­ieren. So beschreibt er frü­here Exkur­sionen wie die zu Strojka 501, dem Eisen­bahn­pro­jekt Sta­lins ent­lang des Polar­kreises, und zu samo­je­di­schen Opfer­stätten, wo er grin­sende Schädel vor­findet und es in den Bäumen kichern hört.

Die meisten Reisen gehen aber in die Welt der Lite­ratur. Wilk zitiert lange Pas­sagen aus Wer­ken wenig bekannter Autoren wie Nikolaj Kljujev, der zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts Kare­lien erforscht und beschrieben hat. In Kljujev sieht er eine Inspi­ra­tion für seine Arbeit und widmet ihm den letzten Teil seines Buches. Neben sol­chen Ent­de­ckungen stehen Größen der pol­ni­schen und rus­si­schen Lite­ratur­geschichte. Der Autor über­setzt auch tradi­tionelle Lieder der Region, und sogar mit Wer­­wolfs-Flü­chen kennt er sich aus. Das Staunen, mit dem Wilk die One­ga­re­gion ent­deckt, ist bei der Lek­türe der Tage­bü­cher deut­lich spürbar. Lie­be­voll werden Details beschrieben, der ruhige Rhythmus des Dorf­le­bens über­trägt sich auf den Text. Auch Natur­be­schrei­bungen nehmen einen großen Teil des Tage­buchs ein. Da wird ein Herbst­morgen beschrieben und die Welt beginnt, sich „vor dem Fenster langsam zu ent­wickeln – wie eine Foto­grafie“. Im Sommer wie­derum erhitzt die Sonne „die weiße Pfanne des Onega so stark, dass das Fett, das sich wäh­rend des Win­ters an den Hüften gesam­melt hat, zu brut­zeln begann“.

Es ver­wun­dert nicht, dass bei diesem Leben ein mehr­wö­chiger Auf­ent­halt in Polen ein jäher Ein­schnitt ist – und auch eine Zäsur zwi­schen den ersten beiden Teilen des Tage­buchs. Die Reise in die Heimat zieht über einige Seiten hinweg immer wieder Blicke auf „Jew­ropa“ nach sich, unter­malt von Gom­bro­wicz-Zitaten. Die „Fan­faren der frisch geba­ckenen Jew­ro­päer“ sind für Wilk ermü­dend, und bei seinen Betrach­tungen vom Norden aus ent­deckt er, dass in Europa „ein totaler Marasmus herrscht“. Am liebsten würde man mit Wilk zurück fahren, auf die andere Seite des Bugs, in die male­ri­sche Land­schaft Kare­liens, wo eine Axt noch wich­tiger ist als der Laptop.

Ein Dorf im Norden Russ­lands, in dem wep­si­sche, kare­li­sche und rus­si­sche Ein­flüsse auf­ein­ander treffen, eignet sich dem Autor zufolge auch beson­ders gut, um Russ­land vom „Schopf der Welt“ aus zu betrachten. Wilks Mei­nung nach war es die Zer­stö­rung des rus­si­schen Dorfes, die das Land im 20. Jahr­hun­dert radikal ver­än­dert hat. Mehr noch als die Kriege, die Revo­lu­tion und der ‚Aufbau des Sozia­lismus’. Des­halb genügt es Wilk auch nicht, „die Gesichter der neuen Russen zu sehen, die in den Pubs ent­lang der Twerska leuchten“. Um das Land zu ver­stehen, lebt er mit denen, die „am Ort der Zer­stö­rung aus­ge­harrt haben“, er schaut „in ihre betrun­kenen, ver­rückten Augen“. Und er kennt die Men­schen auf dem Dorf: Den alten Volodja, der 26 Jahre lang Pilot in Kare­lien war und der Gedichte schreibt. Oder das Ehe­paar Deniskov, das im Nach­bar­dorf alleine über­win­tert, und zum Zeit­ver­treib ordent­lich streitet oder sich die Texte alter sowje­ti­scher Filme im Radio anhört. Und die alte Baba Manja auf der anderen Seite des Sees. Sie hatte beson­deres Glück und wurde von Putin – „Gott möge ihn behüten!“ – per­sön­lich besucht!

Wilk schreibt im Ori­ginal auf Pol­nisch, doch benutzt er zahl­reiche Rus­si­zismen an Stellen, an denen das rus­si­sche Wort seiner Mei­nung nach pas­sender ist, mehr bedeutet. Tage­buch zu schreiben heißt für ihn näm­lich „mit Worten zu spielen“ und eine eigene Wirk­lich­keit zu kre­ieren. Dies berei­chert Wilks Sprache und macht seine Bilder noch leben­diger. Nötige Erklä­rungen flicht der Über­setzer Martin Pollack unauf­fällig in den Text ein. Nicht nur wegen der Rus­si­zismen werfen Kri­tiker dies- und jen­seits der Oder dem Autor vor, selbst schon ein wenig zum rus­si­schen „mužik“ geworden zu sein. Er stünde dem Land und seiner Regie­rung auch zu unkri­tisch gegen­über. Doch gerade hier liegt Wilks Stärke: Er zeichnet ein Gegen­bild zu der übli­chen Kritik an Putins Russ­land und auch zur Metro­pole Moskau. Sicher sub­jektiv, doch ein­fühlsam und mit großer Zunei­gung zu Land und Leuten. Wer sich auf seine Sicht­weise ein­lässt, bekommt unwei­ger­lich Sehn­sucht nach diesem Land oder möchte zumin­dest das Tage­buch nicht mehr aus der Hand geben.

Das Tage­buch geht zu Ende, denn es beginnt eine neue Reise: Wilk macht sich auf, um eine Zeit lang mit den Nomaden des rus­si­schen Nor­dens zu leben. Die pol­ni­schen Leser konnten dar­über bereits mehr erfahren, denn Wilk schreibt Rei­se­be­richte für die War­schauer Zei­tung Rze­cz­pos­po­lita. 2007 ist auch der zweite Teil seines Tage­buch erschienen: Tro­pami Rena (Auf den Spuren des Rentiers).

 

Das Haus am One­gasee. Aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack. Wien 2008.
Dom nad Oniego. Wars­zawa 2006.
Schwarzes Eis. Mein Russ­land. Aus dem Pol­ni­schen von Martin Pollack. Wien 2003.
Wilczy Notes. Zapiski soło­wieckie 1996–1998. Gdańsk 1998.
Tro­pami Rena. Wars­zawa 2007.