Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bonn ist nicht Babadag …

… und Dukla ist nicht Duis­burg. Das hätte man wohl schon erahnen können, bevor Andrzej Sta­siuk seinen Blick aus­nahms­weise nach Westen ver­legt, auf das befremd­lich ger­ma­ni­sche Dojcz­land. Der 1960 gebo­rene Schrift­steller, der in Polen zu den wich­tigsten Autoren seiner Genera­tion zählt und sich auch hier­zu­lande unter den­je­nigen, die sich für Ost­mit­tel­eu­ropa inter­es­sieren, einen Namen machte, ist in den letzten Jahren vor­wie­gend mit Rei­see­ssays über ent­le­gene mittel- und süd­ost­eu­ro­päi­sche Pro­vinzen in Erschei­nung getreten.

Auch mit Dojcz­land bleibt er im ver­trauten Genre, nur dass der Rei­se­be­richt diesmal zum Dienst­rei­se­be­richt gerät, und anstatt sich dem kar­pa­ti­schen Still­stand hin­zu­geben, wird der Autor im Dienst atemlos durch das Netz der Deut­schen Bahn geschleust. Von einem Bahnhof zum nächsten, von Hotel zu Hotel, von Lite­ra­tur­haus zu Lite­ra­tur­haus, quer durch die Repu­blik. Ein not­wen­diges Übel sind diese Lese­reisen für den “lite­ra­ri­schen Gast­ar­beiter”, für den Polen mit rumä­ni­scher See­len­ver­wandt­schaft, der sich beim Suhr­kamp Verlag alles andere als schlecht verkauft.

Zum Glück hat er immer eine Fla­sche Jim Beam im Gepäck, denn im nüch­ternen Zustand lässt sich die deut­sche Ein­sam­keit zwi­schen Mag­de­burg und Mainz, in sil­bernen ICEs und im Hotel Adlon nahezu nicht ertragen. Zum Glück hat er den Bahnhof von Buka­rest im Kopf, wenn er in Stutt­gart steht, denn nur Nost­algie und Melan­cholie bewahren einen in diesem ste­rilen, auf­ge­ta­kelten Land vorm Ver­rückt­werden. Zum Glück gibt es in den Bahn­hofs­vier­teln eine Reihe von öst­li­chen Emi­granten, die das Fremd­heits­ge­fühl mil­dern, und es gibt noch die Reste der DDR, jener Brücke zwi­schen dem Slawen- und dem Ger­ma­nentum, die mit ihrem Post­kom­mu­nis­mus­de­sign ein wenig an Zuhause erin­nern. Hier kann man sich ein biss­chen erholen von Sau­ber­keit, Geleckt­heit und spie­ßiger Per­fek­tion, die einem an Chaos und Sen­ti­men­ta­lität gewöhnten Polen in Über­for­de­rungs­zu­stände ver­setzt. Gele­gent­lich gibt er sich als Russe oder Albane aus, um sich an der Befrem­dung in den Gesich­tern seiner deut­schen Gegen­über zu erfreuen, oder ver­gnügt sich daran, als Slawe inko­gnito all diesen Abkömm­lingen vom Stamm der his­to­ri­schen Monster in War­te­sälen und Groß­raum­wa­gons gegen­über zu sitzen.

Wäh­rend er also unter­wegs ist von Mün­chen nach Frank­furt am Main, von der grauen Gäs­te­woh­nung des Ver­lags zum nächsten Termin in Koblenz, Köln oder Berlin, reflek­tiert er ein biss­chen über den ger­ma­ni­schen Geist. Immerhin lieben es die Deut­schen, ganz anders als die Fran­zosen oder Eng­länder, wenn man über sie nach­denkt, und da sie einen schon ein­laden, kann man ihnen diesen kleinen Gefallen ja tun. Und so denkt er nach über das Ver­hältnis der Deut­schen zur Form, über deren ver­krüp­pelte Emo­tio­na­lität: Die Welt sähe schon besser aus, wenn es wenigs­tens gelänge, sich eine wei­nende deut­sche Frau vor­zu­stellen, aber die ein­zige, der man diesen Akt der Erwei­chung zutrauen könnte, wäre eine Migrantin mit deut­schem Pass. Er denkt nach über die Liebe der Deut­schen zu ihren Autos, über BMW und Mer­cedes, und über die fun­da­men­talen Unter­schiede zwi­schen den deut­schen Ger­manen bzw. echten Ger­ma­nen­wessis und den benach­barten Slawen. Son­der­lich ori­gi­nell ist er nicht, der alte Kli­schee­wein, der hier zwi­schen der einen Fla­sche Schnaps und der anderen Dose Bier so sla­wisch-melan­cho­lisch, sla­wisch-sen­sibel in neue Schläuche gefüllt wird, aber es drängt sich die Ver­mu­tung auf, dass genau darin der Witz liegt.

 

Für Renate und Olaf
Das Buch ist Sta­siuks deut­schen Über­set­zern gewidmet, den Ver­mitt­lern also zwi­schen ihm und seinen deut­schen Lesern, die in all den zahl­rei­chen Lite­ra­tur­häu­sern warten, zu denen er so atemlos eilt, und die, glaubt man Sta­siuk, ganz nach luthe­risch-pro­tes­tan­ti­scher Manier, das Wort, ins­be­son­dere das lite­ra­ri­sche und diesem Falle seines, sehr ernst und wichtig nehmen. Dieses Publikum ist Sta­siuks deut­sches Gegen­über. Seine Leser sind, mit Aus­nahme der zahl­rei­chen Pas­sa­giere, die ein­zigen Deut­schen, denen er begegnet. (Freunde und Bekannte werden aus­ge­klam­mert aus dem ger­ma­ni­schen Pool.) Das heißt, zu ihnen und über sie spricht er in Dojcz­land.

Es ist eine ziem­lich pro­vo­kante Geste, um nicht zu sagen eine dreiste, seinen Lesern eine derart gering­schät­zige Beschrei­bung ihrer selbst zu ser­vieren. Vor allem des­halb, weil gerade die Selbst­wahr­neh­mung der Sta­siuk-Fans wohl kei­nes­wegs mit seinem Deut­schen­bild über­ein­stimmt. Es ist auch nicht aus­zu­schließen, dass die eine oder der andere empört oder gar belei­digt sein werden über so viel Pau­scha­li­sie­rung, und ent­täuscht von dem undif­fe­ren­zierten Blick eines Autors, der sich doch sonst durch so fein­sin­nige Beschrei­bung aus­zeichnet. Aber viel­leicht geht es gerade um dieses sonst. Sta­siuk wird in Deutsch­land gelesen, weil er eine andere Welt als die west­liche beschreibt, und sein Inter­esse eben nicht modernen Groß­städten (weder im Westen noch im Osten Europas) gilt.
Wäre es also nicht dop­pelt ver­messen, wenn er sich plötz­lich für den Westen begeis­tern würde, nur weil dieser sich für ihn inter­es­siert und nebenbei auch noch zahlt? Muss Sta­siuk nicht eben so schreiben, wie er schreibt, um kon­se­quent zu bleiben und sich dem Vor­wurf der Anbie­de­rung oder der Käuf­lich­keit zu entziehen?

Dass Dojcz­land Deutsch­land nicht gerecht wird, steht wohl gar nicht zur Debatte. Viel inter­es­santer ist, dass man nicht lange zu suchen braucht, um auf eine nach wie vor leben­dige Tra­di­tion des West­blicks auf den Osten zu stoßen, der vor Arro­ganz nur so strotzt, und der mei­len­weit davon ent­fernt ist, dif­fe­ren­ziert zu sein. Es ist im Westen lange gän­gige Praxis gewesen (und ist es viel­leicht noch), den euro­päi­schen Osten als das Andere zu exo­ti­sieren und als eine suspekte Fremde zu kon­stru­ieren, der man mit einem gehö­rigen Maß an Über­heb­lich­keit begegnet. Sta­siuk hat diesen Spieß mal umge­dreht. Sein Buch kann man als lite­ra­ri­sche Ant­wort auf das west­liche Bild des öst­li­chen Europas lesen. Aus der fett unter­stri­chenen Anders­ar­tig­keit seines Sla­wen­tums schafft sich Sta­siuk eine Grund­lage, von der aus er Deutsch­land beschreibt und die es unmög­lich macht, auf Kli­schees zu verzichten.

Es ist anzu­nehmen, dass den Deut­schen ihr eigenes, schnur­ge­rades, unsym­pa­thi­sches Ste­reotyp zum Halse her­aus­hängt, und es ist auch nicht aus­ge­schlossen, dass das Lite­ra­tur­haus­pu­blikum, ganz im eigenen Inter­esse, dafür plä­dieren würde, das Über-den-Kamm-scheren doch bitte bleiben zu lassen. Aber die Auf­gabe der Lite­ratur ist nicht die der Diplo­matie. Ihr steht es zu, zu pro­vo­zieren, zu pole­mi­sieren und man­ches auf die Spitze zu treiben. In diesem Fall viel­leicht auf die Zugspitze.

Wenn die deut­schen Leser genug Humor beweisen, über ihr über­zeich­netes Ger­ma­nen­bild zu lachen, wenn sie nicht vor Ent­rüs­tung über haar­sträu­bende Kli­schee­dre­scherei die Lust am Lesen ver­lieren, dann hat Sta­siuk mög­li­cher­weise mehr erreicht, als es mit jeder ver­söhn­li­chen, poli­tisch kor­rekten und in Dialog-Rhe­torik gehal­tenen Schreib­weise der Fall gewesen wäre. Nichts­des­to­trotz stellt Sta­siuk sein deut­sches Publikum mit Dojcz­land auf eine harte Probe.

 

Andrzej Sta­siuk: Dojcz­land. Wydaw­nictwo Czarne. Woło­wiec 2007.
Andrzej Sta­siuk: Dojcz­land. Aus dem Pol­ni­schen von Olaf Kühl. Suhr­kamp Verlag. Frank­furt am Main 2008.

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