Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Les­bi­sche Liebe im pol­ni­schen Theater oder die Frage nach der Provokation

Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Prze­mysław Wojcieszek

 

Titelbild_WojcieszekIm April 2006 konnte man in Berlin im HAU (Hebbel am Ufer) das Stück Was immer geschieht ich liebe dich des pol­ni­schen Autors und Regis­seurs Prze­mysław Wojci­eszek sehen. Es ging darin um zwei junge Frauen Anfang zwanzig, die sich bei der Arbeit in einem Hähn­chen­grill kennen lernen und inein­ander ver­lieben. Natür­lich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre junge, impul­sive und lei­den­schaft­liche Liebe inmitten eines Milieus aus­zu­leben, das einem les­bi­schen Paar gegen­über bes­ten­falls skep­tisch ein­ge­stellt ist. Die eine der beiden, Magda, ist aus der Pro­vinz in die Stadt gekommen, um sowohl dem pro­vin­zi­ellen Milieu als auch ihren into­le­ranten Eltern zu ent­kommen. Die andere, Sugar, ist eine typi­sche Groß­stadt­göre, die ihre über­schüs­sige Energie bei eksta­ti­schem Tanzen und wildem Sprech­ge­sang in der Slam­poetry-Szene loswird.
Im Grunde zeigt das Stück die Dis­kre­panz zwi­schen dem jungen Paar und seiner Umwelt. Eine wich­tige Rolle spielt hier der Bruder Sugars, in dem sich die Into­le­ranz am deut­lichsten ver­kör­pert. Frisch aus dem Irak­krieg gekommen, träumt er von einer tra­di­tio­nellen Familie in der die katho­li­schen Werte hoch­ge­halten werden und die Ord­nung gewahrt ist. Selbst­ver­ständ­lich ist hier kein Platz für eine les­bi­sche Schwester und deren Freundin, die auch noch unterm glei­chen Dach lebt. Und weil das Sol­da­ten­leben ver­mut­lich nicht zim­per­lich macht, setzt er seine neu erwor­benen oder auf­ge­frischten Fähig­keiten gleich gegen Magda ein und ver­sucht, die Stö­ren­friedin mit geballter Faust zu ver­treiben. Zim­per­lich sind auch nicht die Reak­tionen der Sze­ne­freunde Sugars, die die ein­ge­stan­dene Homo­se­xua­lität der beiden als Auf­hänger für Aggres­sionen nützen. Oder der Golf fah­renden Kol­lege, der sich als qua­li­fi­zierter Les­ben­por­no­spe­zia­list entpuppt.
Aber allen Anfein­dungen zum Trotz lassen sich die beiden nicht von ihrer Liebe abbringen und so endet das Stück mit einem öffent­li­chen Lie­bes­be­kenntnis Magdas in Form eines Slam­poetry-Gedichts, das im Grunde zur Aus­sage hat, dass die beiden auf gesell­schaft­liche Normen und die Vor­stel­lung, Homo­se­xua­lität habe etwas mit Krank­heit zu tun, zu scheißen gedenken. Ein offenes und doch opti­mis­ti­sches Ende und man wünscht den beiden Prot­ago­nis­tinnen, denen man wäh­rend der Auf­füh­rungs­dauer sehr nahe zu kommen glaubt, alles Gute.
Diese Nähe resul­tiert aus der Art der Insze­nie­rung. Die Bühne wird von drei Seiten von Publikum umschlossen, an der vierten Seite steht die Rock­band Pustki, die live den Sound­track lie­fert. Das Büh­nen­bild besteht fast aus­schließ­lich aus einem tisch­ar­tigen Utensil, das sich mal zum Geschirr­spül­be­cken, mal zur Slam­poe­try­bühne, mal zum fami­liären Tisch umwan­deln, und sich von unter­schied­li­chen Seiten bespielen lässt. Die Schau­spie­le­rInnen sind hautnah zu spüren, vor allem bei den exzes­siven Tanz­szenen erscheinen sie wie unter einer Lupe, nah, greifbar, prä­sent, und spielen in einem unge­heuren Tempo.
Schnell, frisch und ener­ge­tisch solle Theater sein, sagt Wojci­eszek, und das scheint ihm hier tat­säch­lich gelungen zu sein. Das Stück reißt mit, steckt an und irgendwie hin­ter­lässt es auf den Lippen den Geschmack eines Energydrinks.
Man sieht hier eine Ästhetik der Schnell­le­big­keit und Geschwin­dig­keit, die sich dem Selbst­ge­fühl der Prot­ago­nis­tInnen anpasst. Kurz gesagt: Es geht hier um eine, von MTV geprägte Genera­tion, die mit den ästhe­ti­schen Mit­teln einer MTV Pro­duk­tion gezeigt wird.
Ver­lässt man den Thea­ter­saal, hat man das Gefühl, den Rhythmus des Stü­ckes noch nach­zu­spüren und mag es nun an den rockigen Klängen oder an der The­matik liegen, es stellt sich der Ein­druck ein, man hätte etwas Auf­wüh­lendes gesehen.

Aber die Geschichte, die hier erzählt wird, ist im Grunde sehr banal. Es geht um Liebe, ein wenig um Familie und um Jugend, um unge­wisse Zukunft und Selbstfindungsprozesse.
Es gibt keinen großen Plot, keine dra­ma­ti­schen Wen­dungen, keine Lösungs­vor­schläge oder Beleh­rungen. Es ist ein nor­males Stück Rea­lität, das hier auf den Prä­sen­tier­teller gehoben wird. Ein All­tags­schnapp­schuss, der nur in der Gegen­wart seine Wir­kung ent­falten kann. In zwei Jahren ist ein Bruder aus dem Irak­krieg ver­mut­lich Schnee von ges­tern; keiner weiß, wie schnell sich die mit Vul­ga­rismen gespickte Jugend­sprache ver­än­dert und über­haupt ist es frag­lich, ob Text und Insze­nie­rung hier je getrennt von­ein­ander exis­tieren können. Aber im Moment hat das Stück poli­ti­sche Zünd­kraft: Es geht um Homosexualität.
Und weil dieses Thema nicht ebenso schnell vom Tisch ist wie ein Som­merhit, lässt sich Wojci­es­zeks Stück auch nicht als bloßer Teen­ager-Kram abtun, wie dies einige der Kri­ti­ke­rInnen getan haben.
Das Stück scheint zu pro­vo­zieren und Pro­vo­ka­tion kann schließ­lich nur vor einem Hin­ter­grund funk­tio­nieren, der dafür anfällig ist. Der pol­ni­sche Thea­ter­kri­tiker Piotr Gruszc­zyński hat in einem Artikel im Tygodnik Pows­zechny bemerkt, dass dieses Stück zwar in London, Paris oder New York spielen könnte, da das Ambi­ente – der Hähn­chen­grill – und die dor­tigen Bedin­gungen in einer glo­ba­li­sierten Welt wie dieser, weit­ge­hend iden­tisch seien. Aber das Grund­pro­blem der homo­phoben Gesell­schaft, sei ein spe­zi­fisch pol­ni­sches und des­halb würde dieses Stück in einem anderen groß­städ­ti­schen Umfeld nie­mals auf diese Art und Weise dis­ku­tiert werden.
Ein Blick auf die pol­ni­sche Debatte ist inter­es­sant: Die Redak­teu­rInnen der unter­schied­li­chen Tages­zei­tungen, libe­raler und kon­ser­va­tiver Prä­gung, greifen sich gegen­seitig an und werfen sich ihre unter­schied­li­chen Hal­tungen vor. Die einen werden von den anderen, die andern von den einen ver­un­glimpft. Dabei steht vor allem die Figur des Bru­ders Piotr im Mit­tel­punkt. Um ihn ist eine regel­rechte Polemik ent­brannt, ob er nun die katho­li­schen Grund­werte ver­tritt oder nicht, und ob er als ein Stell­ver­treter des kon­ser­va­tiven Lagers fun­giert, der hier in schlechtem Licht erscheint. National und katho­lisch fallen mehr oder weniger zusammen. Mit der rot-weißen Flagge und seinem Mari­en­an­hänger macht er deut­lich, wofür er steht, was er sich von seiner Schwester erwartet und für welche Gesell­schaft er in den Krieg gezogen ist. Es scheint, als würde allein die Ver­wen­dung der Reli­gions- und Natio­nal­sym­bole aus­rei­chen, um wütende Kri­tiker auf den Plan zu rufen.
Die Ultra­kon­ser­va­tiven, allen voran Temida Stan­kie­wicz-Podhor­ecka von Nasz Dzi­ennik nehmen das Stück, dem sie auch auf ästhe­ti­scher Ebene rein gar nichts abge­winnen können, als Anlass, ihre homo­se­xu­el­len­feind­liche Gesin­nung zu beteuern. Dabei wird an nichts gespart: Begriffe wie Ent­ar­tung, Per­ver­sion, krank­hafte Sexua­lität und Sünde tau­chen ebenso auf wie die Furcht davor, dass die Schwulen und ihre Anhänger die Eli­mi­nie­rung der Katho­liken im Sinn haben. Alle Sym­pa­thien gelten dem Bruder, dessen Reak­tion als zwin­gend und legitim ein­ge­stuft wird. Wojci­eszek selbst und dem libe­ralen Kri­tiker Roman Pawłowski von der Gazeta Wyborcza wird unter anderem der Vor­wurf gemacht, dass diese ver­meint­liche Rea­lität eine mediale Erfin­dung sei, und dass nie­mand das Recht habe, eine der­ar­tige (homo­se­xu­el­len­freund­liche) Umge­stal­tung der Gesell­schaft ein­zu­for­dern. Dazwi­schen werden Stimmen laut, die vor­geben, nichts gegen Schwule zu haben, solange diese ihre Sexua­lität bitte als Pri­vat­sache begreifen und nicht in die Öffent­lich­keit tragen.
Dagegen schreibt in erster Linie der eben genannte Kri­tiker Pawłowski an, der das Theater als geeig­netsten Ort ansieht, um homo­phoben Ten­denzen ent­ge­gen­zu­wirken und Ste­reo­type auf­zu­lösen. Außerdem ver­tritt er die Mei­nung, dass durch den besagten Bruder die Gesell­schaft sehr tref­fend cha­rak­te­ri­siert ist und ihr an der rich­tigen Stelle auf den Zahn gefühlt wird.

Worum es aber in diesem Kri­ti­ker­streit eigent­lich geht, ist natür­lich nicht das Thea­ter­stück, auch nicht Homo­se­xua­lität. Im Grunde geht es um ein Gesell­schafts­bild, um rechts und links und um Grundwerte.
Auf den ersten Blick scheint Wojci­es­zeks Posi­tio­nie­rung in dieser Ange­le­gen­heit ganz deut­lich zu sein. Beliebte Themen der Links­ge­sinnten werden hier zur Sprache gebracht: Homo­se­xua­lität, Irak­krieg, tra­di­tio­nelle Fami­lien und Rol­len­bilder. Der teils bissig, teils iro­ni­sche Umgang mit den Sym­bolen und Merk­malen des kon­ser­va­tiven Wer­te­sys­tems zeichnet ihn aus als einen Gegner des rechten Lagers.
Dabei tritt Wojci­eszek gar nicht als großer Pro­vo­ka­teur oder Rebell in Erschei­nung. Ein Blick auf sein Werk macht deut­lich, dass es ihm ganz klar um Nor­ma­li­täten geht: In dem Stück Made in Poland löst sich die unge­bän­digte Wut eines her­an­wach­senden Mannes, der sich aus lauter Pro­test­hal­tung „Fuck off” auf die Stirn hat täto­wieren lassen, schließ­lich auf in der Aus­sicht auf eine Ehe. Pries­ter­lich abge­segnet von seinem einen Ansprech­partner, dem Pfarrer, und unter­stützt von seinem anderen Vor­bild, dem Geschichtslehrer.
In dem Film Dos­ko­nałe popołudnie wird ein junges Paar begleitet und gezeigt, das eben­falls hei­ratet (wenn auch nicht vor dem Altar) und zu diesem Zweck die Familie zusam­men­bringt. Die beiden sind zwei äußerst sym­pa­thi­sche Men­schen, die mit Über­zeu­gung und Enthu­si­asmus in der Stadt Gli­wice leben, dort einen Verlag auf­bauen und sich bewusst dagegen ent­scheiden, ins viel­ver­spre­chende Aus­land abzu­wan­dern. Eine sym­pa­thi­sche, alter­na­tive Form von Patrio­tismus wird hier pro­kla­miert, die man leicht in eine wert­kon­ser­va­tive Ecke stellen kann. Und auch in der Bezie­hung zwi­schen den beiden jungen Frauen, Magda und Sugar, liegt eigent­lich nichts Revo­lu­tio­näres: Es geht um Treue, um Liebe, um Anerkennung.

Aber wieso wählt Wojci­eszek ein poli­tisch bri­santes Thema wie Homo­se­xua­lität, wenn es ihm in keiner Weise um Pro­vo­ka­tion geht? Seine Hal­tung scheint dies­be­züg­lich nicht ganz ein­deutig zu sein und viel­leicht bekommt man nur Klar­heit, wenn man diese Frage vor dem Hin­ter­grund einer zwei­ge­teilten Gesell­schaft betrachtet:
Für die Kon­ser­va­tiven tritt Wojci­eszek ein­deutig als pro­vo­zie­rende Gestalt auf. Dafür genügt die Dar­stel­lung der banalen, all­täg­li­chen Rea­lität eines les­bi­schen Paares. Und solange dem so ist, solange sollten diese Themen aufs Tablett gebracht werden. Da mag es an Tiefe und über­dau­ernden Größe des Stü­ckes ruhig man­geln. Allein die Tat­sache, dass sich Thea­ter­schaf­fende, die nicht aus dem homo­se­xu­ellen Milieu kommen, auf diese Art und Weise mit der The­matik aus­ein­ander setzen, ist ein erfri­schendes Statement.
Aber dann gibt es schließ­lich noch die andere Gruppe, das eigent­liche Ziel­pu­blikum für Stücke wie dieses, das den Thea­ter­saal bereits mit homo­se­xu­el­len­freund­li­cher Gesin­nung betritt. Hier stellt sich die Frage, ob der­artig gesell­schafts­po­li­ti­sche Themen inner­halb dieser Gruppe nicht kon­tro­verser dis­ku­tieren werden müssten. Viel­leicht sollte etwas mehr im Gedächtnis bleiben als exzel­lente Schau­spieler, eine anspre­chende Ästhetik und ein­gän­gige Rock­musik. Es wäre zu wün­schen, dass Per­sonen wie Wojci­eszek anders pro­vo­zieren als nur durch Nor­ma­lität und dass die soge­nannten eigenen Reihen ein wenig mehr zum Nach­denken gezwungen würden. Wenn dies aus­bleibt, dann läuft ein Autor Gefahr, dass er sich poli­ti­scher oder gesell­schaft­li­cher Themen nur aus effekt­ha­sche­ri­schen Gründen bedient.
Bild im Ausland

Für das Publikum in Berlin, mitten in Kreuz­berg, ten­diert der Pro­vo­ka­ti­ons­ge­halt von Was immer geschieht, ich liebe dich ver­mut­lich gegen Null. Aber immerhin ist dieses Publikum ganz andere Nach­richten aus Polen gewöhnt. Man hört von ver­bo­tenen Schwu­len­pa­raden und geschlos­senen Schwu­len­clubs, von einer enorm kon­ser­va­tiven Regie­rung und einer Par­tei­en­land­schaft, in der eine andere Linke als die Post­kom­mu­nisten gar nicht auf­taucht. Man hört von einer uner­mess­li­chen Begeis­te­rung für den Papst und einem immensen Ein­fluss radi­kalka­tho­li­scher Insti­tu­tionen wie Radio Maryja. Von einer schwu­len­freund­li­chen Bewe­gung oder einem Enga­ge­ment in diese Rich­tung hört man gewöhn­lich nichts.
Das mag daran liegen, dass sich die Links­ge­sinnten in Polen nicht poli­tisch for­mieren und das Pri­vate offen­sicht­lich nicht als das Öffent­liche betrachtet wird. Autoren wie Michał Wit­kowski bestä­tigen diese gesell­schaft­liche Tendenz.
Und selbst wenn Stimmen laut werden, die sich für eman­zi­pa­to­ri­sche Werte ein­setzen und sich gegen eine kon­ser­va­tive Welt­vor­stel­lung wehren, sind diese oft immer noch zu leise, um in der grenz­über­grei­fenden Medi­en­land­schaft Gehör zu finden. Durch Wojcis­zeks Stück ist eine solche Stimme über die Grenze geschwappt und hat dem Publikum im HAU zwi­schen gerappten Gedichten, Rock­musik und Slang­sprache, zu ver­stehen gegeben, dass es sie gibt. Dass es sie gibt und dass sie ihren pro­vo­zie­renden Sta­chel ins kon­ser­va­tive Fleisch sticht.
Viel­leicht war dies für einige der Zuschauer ein Grund für die offen­sicht­liche  Begeis­te­rung, meiner Ansicht nach nicht der schlechteste.

 

Insze­nie­rungen /Film:

Cokol­wiek się zdarzy, kocham cię  TR Wars­zawa, 25.10.2005

Was immer geschieht ich liebe dich HAU Polski Express II, 8.4.2006

Made in Poland Teatr im. Heleny Modrze­jew­skiej Leg­nica, 21.11.2004

Dos­ko­nałe Popołudniu, Polen, 2005

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