Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Mein Gott, Gott­linde!

Kapri­ziös, ver­rucht und sex­be­sessen sind die Gestalten aus Michał Wit­kow­skis Roman Lub­iewo. In dem Buch des 1975 gebo­renen Autors geht es um Tunten im
All­ge­meinen und um die Bres­lauer Szene im Beson­deren. Es geht um jene Gruppe homo­se­xu­eller Männer; die „die Ziga­rette ein biss­chen anders halten”, die „mit den Händen rum­we­deln, quieken, ‘Ach hör doch auf’ – sagen und ‘Mein Gott, Gott­linde’ ”, die sich wie Frauen ver­halten und die auf rich­tige Kerle stehen. “Hach ja” ant­wortet eine der Prot­ago­nis­tinnen (oder ist es doch ein Prot­ago­nist?) auf die Frage, was so einen Kerl denn aus­mache: “Ein Kerl, das ist der Sinn unseres Lebens, ein Kerl, das ist ein Stier, ein besof­fener Stier, männ­li­cher Abschaum, ein Lump, ein Hengst, ein Proll, der hin und wieder durch den Park heim­kehrt oder betrunken im Graben (…) liegt. Unsere betrun­kenen Orpheuse. Eine Tunte will ja schließ­lich nicht mit einer anderen Tunte her­um­les­bi­sieren! Wir brau­chen Hetero-Fleisch! Ein Kerl kann auch ein Schwuler sein, Haupt­sache schlicht wie Eichen­holz, unge­bildet, denn mit Abitur ist das schon kein rich­tiger Mann mehr.(…) Er darf keine Miene ver­ziehen, muss eine Fresse haben wie ein Ober­schenkel”
Im ersten Teil des Buches inter­viewt der Ich-Erzähler, ein Jour­na­list, zwei alternde Tunten in deren gemein­samer Woh­nung: Patrycja, beschrieben als dicker, ver­lebter Mann mit leb­haften, buschigen Augen­brauen und einer großen Glatze, und Lukrecja, eben­falls dick, glatt­ra­siert mit zyni­schem Gesichts­aus­druck. Durch die Erzäh­lungen beider über ver­gan­gene Lie­bes­aben­teuer und wilde Zeiten werden die Lesenden in die 70er und 80er Jahre ent­führt. In eine Welt hinein, deren Haupt­schau­plätze stin­kende Män­ner­klos, nächt­liche Parks und die unmit­tel­bare Umge­bung von Kasernen dar­stellen. Eine Welt, in der sich an abge­le­genen Orten und im Schatten der Gesell­schaft, alles um Sex dreht. Um Sex mit zahl­rei­chen, wech­selnden Lieb­ha­bern, um Auf­reißen und Abschleppen, um Kör­per­lich­keit, Bru­ta­lität und Schmutz. Aber auch um Lust, Humor und Drauf­gän­gertum. Und seit einiger Zeit um AIDS.
Doch mitt­ler­weile haben sich die Zeiten gewan­delt und aus den beiden Damen, die „in den höheren Regionen der Gosse wie im Para­dies” lebten, sind zwei „alte Kna­cke­rinnen” geworden, die ihrer eigenen Jugend und dem gol­denen Kom­mu­nismus nach­trauern. Einer Zeit näm­lich, in der man frei von finan­zi­ellen Zwängen seinem hedo­nis­ti­schen Lebens­wandel nach­gehen konnte, und die – im wahrsten Sinne des Wortes – jede Menge Nischen bereit­hielt. Heute dagegen sind die Parks ver­baut oder beleuchtet und die modernen Dixi­klos sind zu eng für sexu­elle Aus­schwei­fungen.

Der zweite Teil des Buches spielt vor­wie­gend an dem titel­ge­benden Ost­see­strand Lub­iewo, an dem sich die Tunten seit Jahr­zehnten zur Som­mer­fri­sche treffen. Der Ich-Erzähler hat sich inzwi­schen als Mit­glied der Szene ent­puppt und ver­bringt seine Ferien an eben jenem Strand. Die dor­tige Hand­lung wird immer wieder unter­bro­chen durch unter­schied­lichste Geschichten von und über Tunten. Mal spre­chen sie selbst, mal werden sie vom Erzähler beschrieben.
Für die Schil­de­rung dieser teils schil­lernden, teils schä­bigen Halb­welt, bedient sich Wit­kowski mal einer zotig dahin­ge­rotzten, mal einer kapri­ziös geschraubten  Sprache. Inter­tex­tu­elle Ver­weise auf die Dziady von Mickie­wicz lassen sich ebenso finden wie derbste Umgangs­sprache. Der vul­gäre, humor­volle Stil ist dem Kli­entel vom Mund abge­schaut, und tat­säch­lich arbeitet Wit­kowski mit doku­men­ta­ri­schen Ver­fahren, indem er seinen fik­tiven Figuren die Geschichten und vor allem die Sprache realer Per­sonen in den Mund legt.
Groß­spu­rig­keit und Über­trei­bung prägen den Ton­fall der Protagonist(innen), sich selbst und ihre Welt beschreiben sie vulgär und intri­gant.
Manchmal fühlt man sich an Szenen aus Pedro Almo­do­vars Patty Diphusa und andere Wilde Geschichten erin­nert, oder an die Auto­bio­gra­phie des Kuba­ners Rei­naldo Arenas Before night falls. Das mag an dem spe­zi­fi­schen Ver­hältnis zur eigenen Rolle liegen, das das Wesen des ‘Tun­ten­seins’ bereits impli­ziert. Unkon­ven­tio­na­lität einer­seits und die zwin­gende Not­wen­dig­keit von über­trie­benen Weib­lich­keits­kli­schees ande­rer­seits leisten dem Exal­tierten, Schrillen und viel­leicht dadurch Poe­ti­schen Vor­schub.
Es geht um ein gene­relles Infra­ge­stellen von Iden­tität und Rol­len­ver­ständnis: Mal spre­chen Wit­kow­skis Figuren von sich selbst in der weib­li­chen, mal in der männ­li­chen Form, mal werden sie mit Männer‑, mal mit Frau­en­namen ange­spro­chen. Was nun echt ist und was nicht, wird in dieser Welt völlig neben­säch­lich.
Dieses Spiel mit Mys­ti­fi­ka­tion, Fik­tion und mög­li­cher Wirk­lich­keit unter­streicht der Autor durch die Figur seines Erzäh­lers, Mich­aśka Liter­acka (manchmal auch Michał Wit­kowski genannt), der als Jour­na­list und Schrift­steller auf­tritt und ein Buch über Tunten zu schreiben gedenkt. Aber die schein­bare Gleich­set­zung von Autor und Sub­jekt wird immer wieder unter­graben und so erfährt man gegen Ende aus dem Mund einer der Per­sonen, dass Mich­aśka auf­grund der Skan­dal­wir­kung seines Buches die Heimat ver­lassen muss und sich auf der Flucht in die Schweiz befindet. Außerdem sei er von einer selt­samen Krank­heit befallen und oben­drein von Zigeu­nern geraubt worden.

Lub­iewo ist nicht nur ein amü­santes, fri­sches Buch, das Ein­blicke in eine Welt gewährt, die den meisten der Lesenden nicht ver­traut sein dürfte, son­dern Wit­kowski schreibt auf inter­es­sante Weise über Sub­kultur und Par­al­lel­welten.
Den hier beschrie­benen Tunten geht es nicht im geringsten um gesell­schaft­liche Akzep­tanz. Sie sind völlig apo­li­tisch, in vielen Belangen höchst kon­ser­vativ und igno­rieren alles, was sich außer­halb ihrer Welt aus anderen Tunten, Lieb­ha­bern und Freiern befindet. Erfah­rungen mit prü­gelnden Skin­heads werden zwar beschrieben, aber trotz aller Bru­ta­lität bleibt jeg­liche Wer­tung über diese feind­liche Gegen­welt aus. Die Tunten aus Wit­kow­skis Buch setzten sich über die Gesell­schaft und deren Normen ein­fach hinweg und leben ihr spe­zi­fi­sches Leben einer­seits an den Gesell­schafts­rän­dern, ande­rer­seits mit­ten­drin. Und so scheint es merk­wür­di­ger­weise nicht wider­sprüch­lich, dass das halbe Leben in Bahn­hofs­toi­letten ver­bracht wird, in denen man anderen Män­nern gierig den Hin­tern hin­streckt, wäh­rend man am Sonntag zur Kirche geht, wie alle anderen älteren Damen auch.

Es geht also nicht in erster Linie um eine aktu­elle Debatte über Homo­se­xua­lität, es geht auch nicht darum, den poli­tisch enga­gierten Schwulen und Lesben eine Stimme zu geben und sie dabei zu unter­stützen, ihre Rechte ein­zu­for­dern. Ganz im Gegen­teil: gerade diese Gruppe, die sich ein­setzt für Homo­ehen, Adop­tionen, und Akzep­tanz wird im zweiten Teil von Lub­iewo ziem­lich zynisch kari­kiert.

Den­noch liegt durch die Abwen­dung von der Kon­ven­tion und die Igno­ranz von Normen in Lub­iewo trotz der pro­gram­ma­ti­schen Miss­ach­tung des Gleich­be­rech­ti­gungs-Dis­kurses eine sehr poli­ti­sche Aus­sage. Denn da können sich die Tunten noch so uneman­zi­piert und apo­li­tisch ver­halten und sich lustig machen über enga­gierte Schwule, die – ihrer Mei­nung nach – lächer­liche Mit­tel­klasse-Werte anstreben. Durch ihre bloße Exis­tenz stellen die Tunten das gän­gige Wer­te­system in Frage, stoßen die Gesell­schaft vor den Kopf und werben so, unaus­ge­spro­chen, für Plu­ra­lität, und ein Recht auf Anders­ar­tig­keit. Dieses Recht nehmen sie für sich in Anspruch, mal kon­ser­vativ, mal unkon­ven­tio­nell, egal ob es die Gesell­schaft gewährt oder nicht.

In Polen hat Lub­iewo ziem­lich Furore gemacht. Wit­kowski, dessen erster Erzähl­band Copy­right bereits 2001 erschien, und der als Jour­na­list für diverse Zei­tungen sowie an einer Dis­ser­ta­tion zu Queer und Gender-Themen schreibt, wurde nach dem Erscheinen von Lub­iewo massiv ins Licht der Öffent­lich­keit kata­pul­tiert. Dieses mediale Inter­esse ist nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass das The­ma­ti­sieren von Homo­se­xua­lität in Polen in höchstem Maß poli­tisch und reli­giös auf­ge­laden ist. Eine der­ar­tige Dar­stel­lung von Sexua­lität muss also zwangs­läufig pro­vo­zie­renden Cha­rakter haben. Den­noch kann man die Auf­merk­sam­keit nicht nur der ’skan­da­lösen’ The­matik zuschreiben. Immerhin war Wit­kowski unter anderem 2006 für den Nike­preis (die wich­tigste Lite­ra­tur­aus­zeich­nung Polens) nomi­niert und hat soeben den Lite­ra­tur­preis von Gdynia gewonnen, was für die Beach­tung des lite­ra­ri­schen Wertes von Lub­iewo in der Öffent­lich­keit spricht.

Im Juli 2007 wird Lub­iewo bei Suhr­kamp erscheinen, in der her­vor­ra­genden Über­set­zung von Marie Haupt­meier (daraus stammen die hier zitierten Text­stellen), der es gelingt, den humor­vollen, vul­gären, sze­ne­ty­pi­schen Stil ins Deut­sche zu über­tragen. Auch wenn das Spiel mit Geschlech­ter­rollen durch die Struktur der pol­ni­schen Gram­matik besser funk­tio­niert als im Deut­schen, bleibt die Über­set­zung sehr nahe am Ori­ginal, ver­mit­telt einen getreuen Ein­druck und gibt dem deutsch­spra­chigen Publikum jeden Grund zur Vor­freude.

 

Michał Wit­kowski. Lub­iewo. Kor­por­acja Ha!art. Kraków 2005.

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