http://www.novinki.de

Über die Zukunft oder auch nicht: Vladimir Sorokins Roman Tellurija

Posted on 18. April 2015 by Vera Steschin
Es bedarf Konzentration und einer ruhigen Hand. Ein fester geübter Schlag mit dem Hammer und der Tellur-Nagel gleitet in den zuvor sauber rasierten und desinfizierten Schädel. Danach ist man entweder tot oder wandelt auf langersehnten Pfaden der Glückseligkeit. Wie man sich vor allem Letzteres vorzustellen hat und wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte, verrät Vladimir Sorokin in seinem neuesten Roman "Tellurija".

Es bedarf Konzentration und einer ruhigen Hand. Ein fester geübter Schlag mit dem Hammer und der Tellur-Nagel gleitet in den zuvor sauber rasierten und desinfizierten Schädel. Danach ist man entweder tot oder wandelt auf langersehnten Pfaden der Glückseligkeit. Wie man sich vor allem Letzteres vorzustellen hat und wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte, verrät Vladimir Sorokin in seinem neuesten Roman „Tellurija“.


sorokin_tellurija
Wenn in der Vergangenheit über Vladimir Sorokins Bücher geschrieben wurde, ging der Tenor vieler Kritiken nicht selten in Richtung ,,unanständig“ bis Schlimmeres. Einmal schien die Unanständigkeit sogar so groß, dass sie öffentlich in einer riesigen Toilettenschüssel enden musste. Das war 2002. Mittlerweile hat Sorokin nicht zuletzt mit Metel‘ bewiesen, dass er ebenso gut einen ruhigen bis konventionellen Ton anschlagen kann, dennoch kommt man nicht umhin, jede seiner Neuerscheinungen auf Brennstoff zu untersuchen. So auch Tellurija.

 

Die Vorgänger Tellurijas sind bekannt: Neben Metel‘ (Der Schneesturm) gehören Den‘ opričnika (Der Tag des Opritschniks) oder Sacharnyj kreml‘ (Der Zuckerkreml) längst zum zeitgenössischen Literaturkanon. Auch kennt man den Autor. Und wenn nicht wegen seiner Bücher oder Theaterstücke, dann als immer wiederkehrenden Namen, etwa in bekannten deutschen Tageszeitungen, wenn diese um Kommentare zu Literatur und zu Russland oder Putin bitten. Der fleißige Zeitungsleser weiß den Namen Sorokin dem Mann mit dem silbernen Haar, dem adretten Mittelscheitel samt obligatorischem Kinnbart treffsicher zuzuordnen.

 

Nun war bis dato die Auseinandersetzung mit dem politischen System und der Vergangenheit Russlands, getragen von ungewöhnlicher Sprachgestaltung sowie Spielereien mit menschlichen Ekel- oder Moralgrenzen oftmals das Herzstück literarischer Arbeiten Vladimir Sorokins. So ist auch das Konzept Tellurijas. Das Buch ist 2013 in Moskau erschienen und wird im August dieses Jahres in deutscher Übersetzung bei KiWi zu erwerben sein. Um der Vielstimmigkeit des Buches gerecht zu werden, arbeitet ein ganzes Kollektiv an Übersetzern an der Übertragung ins Deutsche. Tellurija gewährt einen Einblick in eine Zukunftsvision. Es ist ein Schlüsselloch, durch das man nicht nur einen Blick auf das künftige Russland erhaschen kann, sondern auch auf große Teile Europas in den noch vor uns liegenden Jahren des 21. Jahrhunderts.

 

Zu diesem Zeitpunkt haben Kriege einen Großteil der bekannten eurasischen Welt verwüstet und unzählige Brachen hinterlassen. Verstreute Brachen, die in einer reichen Vielfalt kleiner Königreiche, Fürstentümer, Republiken oder anderer Kleinststaaten aus den hinterlassenen Trümmern im Zeitalter eines neuen Mittelalters wieder aufgestiegen sind. Gegenwärtige Staatsgrenzen existieren nicht mehr. Stattdessen ähnelt der Kontinent einem Flickenteppich – geknüpft als Ergebnis von Bürgerkriegen in Russland und einem Salafisten-Überfall auf Europa.

 

So ist zum Beispiel Stockholm mittlerweile islamisch geworden, während von der Schweiz nichts als verbrannte Erde übrig geblieben ist. An Bayern grenzt ein Staatsgebilde namens Preußen und aus den südlichen Provinzen Frankreichs hat sich der neue Staat Languedoc formiert. Das war der wichtigste Punkt des europäischen Widerstandes gegen die islamischen Angreifer. Überquert man die Ruinen der großen russischen Mauer, die de facto nie fertig gestellt wurde, entdeckt man, dass Moskau jetzt die Hauptstadt Moskowiens ist, das von einem Fürsten im Kreml regiert wird. Ein beträchtlicher Teil Moskowiens wird dabei von Chinesen bevölkert. Wer Sehnsucht nach Väterchen Stalin hat, dem sei ein Besuch in der Stalinistischen Sowjetischen Sozialistischen Republik empfohlen. Diese wurde nach dem Zerfall des postsowjetischen Russland von drei Oligarchen und Sympathisanten des schnurrbärtigen Diktators gegründet.

 

Der Vielfältigkeit der Staatsgebilde entspricht das bunte Spektrum ihrer Bewohner, das sich, neben Menschen, aus Riesen und Zwergen, zoo- sowie anthropomorphen Wesen zusammensetzt. So begegnet man Zentauren, Männern mit Hunde- oder Frauen mit Eselköpfen. Hier und da spricht man auch neue Sprachen. Rauchende Schornsteine von Fabriken, die die Menschheit einst mit Massenproduktion versorgten, gehören der Vergangenheit an. Auch ist der ewige Schrei nach dem technologischen Fortschritt verstummt. Hier sattelt man wieder ganz traditionell das Hufgetier, denn desselben gibt es viel und variabel. Pferde, so groß wie zehnstöckige Häuser oder so klein wie Katzen. Das Motto ,,höher, schneller, weiter“ hat ebenfalls ausgedient und ist zu Gunsten der Erkenntnis gewichen, dass Konsum und Fortschritt nicht glücklich machen. Das Glück in dieser Welt verspricht etwas anderes: Tellur. Eine Droge, die aus der Republik Tellurija kommt und nach der ein Jeder und eine Jede die Hände ausstrecken. Verständlich, denn sie lockt mit dem Paradies.

 

Aufflackernde Neugier und Enttäuschung

Tatsächlich kommt dieser Droge eine doppelte Funktion zu. Sie ist das Bindeelement für die Menschen der Tellurija-Welt und macht sie glücklich. Allerdings macht Tellur auch den Leser glücklich, ist es doch der Klebstoff, d.h. der rote Faden, der die 50 titellosen, aber mit römischen Zahlen nummerierten Kapitel zusammenhält. Sie sind unterschiedlich lang, sie erzählen unterschiedlich von Unterschiedlichem. Die einzige Konstante ist die besagte Droge, nach der nahezu jede Figur des Buches, ganz gleich aus welchen Gründen, lechzt.

 

Darin tritt ein sehr kreatives Konzept zutage, ähnelt schließlich kein Kapitel dem anderen. Die einzelnen Figuren und ihre Geschichten entwickelt Sorokin stets nur auf wenigen Seiten. So spinnt er Erzählfäden, die jedoch gleich wieder fallen gelassen und später nicht wieder aufgenommen werden. Seine Leser versetzt er damit in einen Zustand immer wieder neu aufflackernder Neugier und unmittelbar darauf folgender Enttäuschung. Dabei ließe sich nahezu jedes dieser 50 Fragmente einzelner Schicksale zu einem ganzen Buch ausbauen.

 

Ähnlich verhält es sich mit der Sprache des Romans. Tellurija ist ein sich auf insgesamt 441 Seiten erstreckender Beweis für Sorokins Rhetorikkünste, der die Arbeit der Übersetzer nicht leicht macht. Zeile für Zeile und Wort für Wort demonstriert Sorokin sein virtuoses Können, indem er nicht nur immer wieder mit neuen Stilen und Genres spielt, große Autoren parodiert, Zitate und Verweise einflicht, sondern sogar neue Sprachen erfindet, wie im Falle des unglücklich verliebten Zentauren, der um seine Kolombina weint. Man lauscht den wohlartikulierten Phrasen intellektueller Denkarbeit, schmunzelt über den unbeholfenen Satzbau kleiner Dorfmädchen oder liest peinlich berührt über wortkräftige Vulgarismen hinweg. Es werden epische sowie dramatische Erzählweisen aufgegriffen. Dabei taucht man in Geschichten ein, deren Redekunst an Märchen, Gebete oder auch Zeitungsartikel erinnert.

 

Sorokins Wille zum Experiment in der formalen Struktur des Buches wird damit auf jeder Seite demonstriert. Zugegeben, es ist eine Leistung, die von kreativer Schöpfungskraft und Einfallsreichtum zeugt. An einigen Stellen wirkt diese sprachliche Komplexität jedoch stark überstrapaziert und etwas aufgesetzt.

 

Vladmir Sorokin zieht seinen Roman als Dystopie auf. Er lässt eine apokalyptische Welt aus Gewalt, Sex und Vergewaltigung, Drogen, Alkohol und politischer Polemik entstehen. Zwar geht es dem Autor dabei nicht um das blanke Darstellen dieser Szenarien, um des Horrors oder Ekels willen, sondern um einen darin subtil angesiedelten Kerngedanken des Buches, der dadurch zum Ausdruck kommen soll, doch genau das hatte die Kreml‘ nahe Jugendorganisation Iduščie vmeste (Die Gemeinsamgehenden) 2002 dazu verleitet, über hundert Bücher Sorokins zu verbrennen. Diesmal dürften die Streichhölzer allerdings in der Schachtel bleiben. Das provokante Element in seinen Texten wird per se beinahe erwartet. Denn es kehrt bei Sorokin stets wieder. Szenen mit Nymphomaninnen, die euphorisch nach Abenteuern mit fremden Männern suchen, haben auf diese Weise ihr Überraschungspotenzial eingebüßt. Und Homosexuelle, die bei dem Versuch sterben, im Drogenrausch Stalin zu begegnen, sorgen ebenso wenig für Verwunderung wie alkoholisierte Zwerge oder sprechende Phallusse. Der Entwurf eines muslimischen Europas wird jedoch im Hinblick auf die sich verbreitende Islam-Skepsis einige Leser gewiss zum Nachdenken anregen – nicht über die Zukunft, sondern über die Gegenwart.

 

Sorokin, Vladimir: Tellurija. Moskva: AST, 2013.

 

Weitere Literatur von Vladimir Sorokin:
Sorokin, Vladimir: Metel‘. Moskva: AST, 2010.
Sorokin, Vladimir: Der Schneesturm. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012.

Sorokin, Vladimir: Sacharnyj kreml‘. Moskva: AST, 2008.
Sorokin, Vladimir: Der Zuckerkreml. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2012.

Sorokin, Vladimir: Den‘ opričnika. Moskva: Zacharov 2006.
Sorokin, Vladimir: Der Tag des Opritschniks. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2009.

Top

Über die Zukunft oder auch nicht: Vladimir Sorokins Roman Tellurija – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Über die Zukunft oder auch nicht: Vla­dimir Soro­kins Roman Tellurija

Es bedarf Kon­zen­tra­tion und einer ruhigen Hand. Ein fester geübter Schlag mit dem Hammer und der Tellur-Nagel gleitet in den zuvor sauber rasierten und des­in­fi­zierten Schädel. Danach ist man ent­weder tot oder wan­delt auf lang­ersehnten Pfaden der Glück­se­lig­keit. Wie man sich vor allem Letz­teres vor­zu­stellen hat und wie unser Leben in Zukunft aus­sehen könnte, verrät Vla­dimir Sorokin in seinem neu­esten Roman „Tel­lu­rija“.


sorokin_tellurija
Wenn in der Ver­gan­gen­heit über Vla­dimir Soro­kins Bücher geschrieben wurde, ging der Tenor vieler Kri­tiken nicht selten in Rich­tung „unan­ständig“ bis Schlim­meres. Einmal schien die Unan­stän­dig­keit sogar so groß, dass sie öffent­lich in einer rie­sigen Toi­let­ten­schüssel enden musste. Das war 2002. Mitt­ler­weile hat Sorokin nicht zuletzt mit Metel‘ bewiesen, dass er ebenso gut einen ruhigen bis kon­ven­tio­nellen Ton anschlagen kann, den­noch kommt man nicht umhin, jede seiner Neu­erschei­nungen auf Brenn­stoff zu unter­su­chen. So auch Tel­lu­rija.

 

Die Vor­gänger Tel­lu­rijas sind bekannt: Neben Metel‘ (Der Schnee­sturm) gehören Den‘ oprič­nika (Der Tag des Oprit­sch­niks) oder Sacharnyj kreml‘ (Der Zucker­kreml) längst zum zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur­kanon. Auch kennt man den Autor. Und wenn nicht wegen seiner Bücher oder Thea­ter­stücke, dann als immer wie­der­keh­renden Namen, etwa in bekannten deut­schen Tages­zei­tungen, wenn diese um Kom­men­tare zu Lite­ratur und zu Russ­land oder Putin bitten. Der flei­ßige Zei­tungs­leser weiß den Namen Sorokin dem Mann mit dem sil­bernen Haar, dem adretten Mit­tel­scheitel samt obli­ga­to­ri­schem Kinn­bart treff­si­cher zuzuordnen.

 

Nun war bis dato die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem poli­ti­schen System und der Ver­gan­gen­heit Russ­lands, getragen von unge­wöhn­li­cher Sprach­ge­stal­tung sowie Spie­le­reien mit mensch­li­chen Ekel- oder Moral­grenzen oft­mals das Herz­stück lite­ra­ri­scher Arbeiten Vla­dimir Soro­kins. So ist auch das Kon­zept Tel­lu­rijas. Das Buch ist 2013 in Moskau erschienen und wird im August dieses Jahres in deut­scher Über­set­zung bei KiWi zu erwerben sein. Um der Viel­stim­mig­keit des Buches gerecht zu werden, arbeitet ein ganzes Kol­lektiv an Über­set­zern an der Über­tra­gung ins Deut­sche. Tel­lu­rija gewährt einen Ein­blick in eine Zukunfts­vi­sion. Es ist ein Schlüs­sel­loch, durch das man nicht nur einen Blick auf das künf­tige Russ­land erha­schen kann, son­dern auch auf große Teile Europas in den noch vor uns lie­genden Jahren des 21. Jahrhunderts.

 

Zu diesem Zeit­punkt haben Kriege einen Groß­teil der bekannten eura­si­schen Welt ver­wüstet und unzäh­lige Bra­chen hin­ter­lassen. Ver­streute Bra­chen, die in einer rei­chen Viel­falt kleiner König­reiche, Fürs­ten­tümer, Repu­bliken oder anderer Kleinst­staaten aus den hin­ter­las­senen Trüm­mern im Zeit­alter eines neuen Mit­tel­al­ters wieder auf­ge­stiegen sind. Gegen­wär­tige Staats­grenzen exis­tieren nicht mehr. Statt­dessen ähnelt der Kon­ti­nent einem Fli­cken­tep­pich – geknüpft als Ergebnis von Bür­ger­kriegen in Russ­land und einem Sala­fisten-Über­fall auf Europa.

 

So ist zum Bei­spiel Stock­holm mitt­ler­weile isla­misch geworden, wäh­rend von der Schweiz nichts als ver­brannte Erde übrig geblieben ist. An Bayern grenzt ein Staats­ge­bilde namens Preußen und aus den süd­li­chen Pro­vinzen Frank­reichs hat sich der neue Staat Languedoc for­miert. Das war der wich­tigste Punkt des euro­päi­schen Wider­standes gegen die isla­mi­schen Angreifer. Über­quert man die Ruinen der großen rus­si­schen Mauer, die de facto nie fertig gestellt wurde, ent­deckt man, dass Moskau jetzt die Haupt­stadt Mos­ko­wiens ist, das von einem Fürsten im Kreml regiert wird. Ein beträcht­li­cher Teil Mos­ko­wiens wird dabei von Chi­nesen bevöl­kert. Wer Sehn­sucht nach Väter­chen Stalin hat, dem sei ein Besuch in der Sta­li­nis­ti­schen Sowje­ti­schen Sozia­lis­ti­schen Repu­blik emp­fohlen. Diese wurde nach dem Zer­fall des post­so­wje­ti­schen Russ­land von drei Olig­ar­chen und Sym­pa­thi­santen des schnurr­bär­tigen Dik­ta­tors gegründet.

 

Der Viel­fäl­tig­keit der Staats­ge­bilde ent­spricht das bunte Spek­trum ihrer Bewohner, das sich, neben Men­schen, aus Riesen und Zwergen, zoo- sowie anthro­po­mor­phen Wesen zusam­men­setzt. So begegnet man Zen­tauren, Män­nern mit Hunde- oder Frauen mit Esel­köpfen. Hier und da spricht man auch neue Spra­chen. Rau­chende Schorn­steine von Fabriken, die die Mensch­heit einst mit Mas­sen­pro­duk­tion ver­sorgten, gehören der Ver­gan­gen­heit an. Auch ist der ewige Schrei nach dem tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt ver­stummt. Hier sat­telt man wieder ganz tra­di­tio­nell das Huf­ge­tier, denn des­selben gibt es viel und variabel. Pferde, so groß wie zehn­stö­ckige Häuser oder so klein wie Katzen. Das Motto „höher, schneller, weiter“ hat eben­falls aus­ge­dient und ist zu Gunsten der Erkenntnis gewi­chen, dass Konsum und Fort­schritt nicht glück­lich machen. Das Glück in dieser Welt ver­spricht etwas anderes: Tellur. Eine Droge, die aus der Repu­blik Tel­lu­rija kommt und nach der ein Jeder und eine Jede die Hände aus­stre­cken. Ver­ständ­lich, denn sie lockt mit dem Paradies.

 

Auf­fla­ckernde Neu­gier und Enttäuschung

Tat­säch­lich kommt dieser Droge eine dop­pelte Funk­tion zu. Sie ist das Bin­de­ele­ment für die Men­schen der Tel­lu­rija-Welt und macht sie glück­lich. Aller­dings macht Tellur auch den Leser glück­lich, ist es doch der Kleb­stoff, d.h. der rote Faden, der die 50 titel­losen, aber mit römi­schen Zahlen num­me­rierten Kapitel zusam­men­hält. Sie sind unter­schied­lich lang, sie erzählen unter­schied­lich von Unter­schied­li­chem. Die ein­zige Kon­stante ist die besagte Droge, nach der nahezu jede Figur des Buches, ganz gleich aus wel­chen Gründen, lechzt.

 

Darin tritt ein sehr krea­tives Kon­zept zutage, ähnelt schließ­lich kein Kapitel dem anderen. Die ein­zelnen Figuren und ihre Geschichten ent­wi­ckelt Sorokin stets nur auf wenigen Seiten. So spinnt er Erzähl­fäden, die jedoch gleich wieder fallen gelassen und später nicht wieder auf­ge­nommen werden. Seine Leser ver­setzt er damit in einen Zustand immer wieder neu auf­fla­ckernder Neu­gier und unmit­telbar darauf fol­gender Ent­täu­schung. Dabei ließe sich nahezu jedes dieser 50 Frag­mente ein­zelner Schick­sale zu einem ganzen Buch ausbauen.

 

Ähn­lich ver­hält es sich mit der Sprache des Romans. Tel­lu­rija ist ein sich auf ins­ge­samt 441 Seiten erstre­ckender Beweis für Soro­kins Rhe­to­rik­künste, der die Arbeit der Über­setzer nicht leicht macht. Zeile für Zeile und Wort für Wort demons­triert Sorokin sein vir­tuoses Können, indem er nicht nur immer wieder mit neuen Stilen und Genres spielt, große Autoren par­odiert, Zitate und Ver­weise ein­flicht, son­dern sogar neue Spra­chen erfindet, wie im Falle des unglück­lich ver­liebten Zen­tauren, der um seine Kolom­bina weint. Man lauscht den wohl­ar­ti­ku­lierten Phrasen intel­lek­tu­eller Denk­ar­beit, schmun­zelt über den unbe­hol­fenen Satzbau kleiner Dorf­mäd­chen oder liest pein­lich berührt über wort­kräf­tige Vul­ga­rismen hinweg. Es werden epi­sche sowie dra­ma­ti­sche Erzähl­weisen auf­ge­griffen. Dabei taucht man in Geschichten ein, deren Rede­kunst an Mär­chen, Gebete oder auch Zei­tungs­ar­tikel erinnert.

 

Soro­kins Wille zum Expe­ri­ment in der for­malen Struktur des Buches wird damit auf jeder Seite demons­triert. Zuge­geben, es ist eine Leis­tung, die von krea­tiver Schöp­fungs­kraft und Ein­falls­reichtum zeugt. An einigen Stellen wirkt diese sprach­liche Kom­ple­xität jedoch stark über­stra­pa­ziert und etwas aufgesetzt.

 

Vladmir Sorokin zieht seinen Roman als Dys­topie auf. Er lässt eine apo­ka­lyp­ti­sche Welt aus Gewalt, Sex und Ver­ge­wal­ti­gung, Drogen, Alkohol und poli­ti­scher Polemik ent­stehen. Zwar geht es dem Autor dabei nicht um das blanke Dar­stellen dieser Sze­na­rien, um des Hor­rors oder Ekels willen, son­dern um einen darin subtil ange­sie­delten Kern­ge­danken des Buches, der dadurch zum Aus­druck kommen soll, doch genau das hatte die Kreml‘ nahe Jugend­or­ga­ni­sa­tion Iduščie vmeste (Die Gemein­sam­ge­henden) 2002 dazu ver­leitet, über hun­dert Bücher Soro­kins zu ver­brennen. Diesmal dürften die Streich­hölzer aller­dings in der Schachtel bleiben. Das pro­vo­kante Ele­ment in seinen Texten wird per se bei­nahe erwartet. Denn es kehrt bei Sorokin stets wieder. Szenen mit Nym­pho­ma­ninnen, die eupho­risch nach Aben­teuern mit fremden Män­nern suchen, haben auf diese Weise ihr Über­ra­schungs­po­ten­zial ein­ge­büßt. Und Homo­se­xu­elle, die bei dem Ver­such sterben, im Dro­gen­rausch Stalin zu begegnen, sorgen ebenso wenig für Ver­wun­de­rung wie alko­ho­li­sierte Zwerge oder spre­chende Phal­lusse. Der Ent­wurf eines mus­li­mi­schen Europas wird jedoch im Hin­blick auf die sich ver­brei­tende Islam-Skepsis einige Leser gewiss zum Nach­denken anregen – nicht über die Zukunft, son­dern über die Gegenwart.

 

Sorokin, Vla­dimir: Tel­lu­rija. Moskva: AST, 2013.

 

Wei­tere Lite­ratur von Vla­dimir Sorokin:
Sorokin, Vla­dimir: Metel‘. Moskva: AST, 2010.
Sorokin, Vla­dimir: Der Schnee­sturm. Aus dem Rus­si­schen von Andreas Tretner. Köln: Kie­pen­heuer & Witsch, 2012.

Sorokin, Vla­dimir: Sacharnyj kreml‘. Moskva: AST, 2008.
Sorokin, Vla­dimir: Der Zucker­kreml. Aus dem Rus­si­schen von Andreas Tretner. Mün­chen: Wil­helm Heyne Verlag, 2012.

Sorokin, Vla­dimir: Den‘ oprič­nika. Moskva: Zach­arov 2006.
Sorokin, Vla­dimir: Der Tag des Oprit­sch­niks. Aus dem Rus­si­schen von Andreas Tretner. Mün­chen: Wil­helm Heyne Verlag, 2009.

Top