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"Abflüsse aus der Realität gespeist von sibirischen Ein- und gedanklichen Nebenflüssen"

Posted on 3. November 2006 by Antonia Stötzler
Man kennt Evgenij Griškovec als Dramatiker, als Regisseur und als Interpret der eigenen Bühnenwerke. Seine erfolgreichen Stücke wie etwa "Gleichzeitig" oder "Wie ich einen Hund gegessen habe" sind in mehrere Sprachen übersetzt und werden gerade in Deutschland wiederholt gezeigt.

die Erzählung Flüsse von Evgenij Griškovec

Man kennt Evgenij Griškovec als Dramatiker, als Regisseur und als Interpret der eigenen Bühnenwerke. Seine erfolgreichen Stücke wie etwa Wie ich einen Hund gegessen habe (Kak ja s’el sobaku, 1998) oder Gleichzeitig (Odnovremenno, 1999) sind in mehrere Sprachen übersetzt und werden gerade in Deutschland wiederholt aufgeführt (beispielsweise in Tübingen, Berlin, Frankfurt und Lübeck – um nur jüngste Inszenierungen zu nennen).

Um sich einer neuen Herausforderung zu stellen, hat sich der „Erfinder der russischen Performance“ in den letzen Jahren der Prosa zugewandt. 2004 erschien sein erster Roman Rubaška (Das Hemd), der in  kürzester Zeit die zweite Auflage erreichte und den Preis ‚Buch des Jahres 2004’ erhielt. Mit Reki (Flüsse) ist nun ein weiteres Prosawerk von Griškovec herausgekommen.
Das kleinformatige Buch, 2005 im Verlag Machaon erschienen, ist eine für den russischen Buchmarkt ungewöhnlich schöne Ausgabe, mit schlichtem Deckblatt und von guter Papier- und Druckqualität. Neben dem Titel Flüsse wird es durch die Genrebezeichnung Povest charakterisiert – eine in der russischen Literaturtradition eigenständige Form der mittleren Prosa-Erzählung. Flüsse, so betont Griškovec in einem Interview, habe ihn endlich zu einem „vollformatigen“ Autor gemacht, der nun neben Theaterstücken und einem Roman auch eine Erzählung vorweisen könne.
Es ist schwer zu sagen, wovon die Erzählung Flüsse eigentlich handelt. Wie in den meisten Texten von Griškovec fehlt auch hier das Sujet. Der Autor sagt diesbezüglich: „Das lässt sich leicht erklären. Ich bin unfähig, ein Sujet zu entwickeln, katastrophal unfähig, mir irgendetwas Abgehobenes  auszudenken.“
In Flüsse treffen wir auf einen sehr lebhafen Ich-Erzähler, der uns nach Sibirien entführt, in sein von ihm inzwischen verlassenes Heimatland. Aufgewachsen ist er in einer mittelgroßen sibirischen Stadt und an einem großen Fluss. Doch weder Stadt noch Fluss werden benannt, überhaupt findet man in der Erzählung kaum Toponyme, so dass eine Verortung der Ereignisse unmöglich ist. In der Vorbemerkung zu Flüsse heißt es, der Autor sei unbekannt, doch hat man beim Lesen den starken Eindruck, dass in Flüsse viel Autobiografisches eingeflossen ist. Griškovec’ Geburtsstadt ist das sibirische Keremovo am Fluss Tom’, und ebenso wie der Erzähler hat auch der Autor seine sibirische Heimat inzwischen verlassen. Man solle keine frei erfundenen Geschichten von ihm erwarten, meint Griškovec: „Ich schreibe über das, was mir passiert oder über das, was ich weiß – wobei letzteres meine Möglichkeiten stark erweitert. Es handelt sich dabei um eine Subtraktion aus der Realität, deren wahre Exotik ich sorgfältig herausputze.“
Flüsse beginnt: „Ich habe nur einmal einen Bären gesehen – außerhalb des Zoos. Nur einmal im Leben. Obwohl ich in Sibirien geboren wurde und meine ersten dreißig Jahre und etwas darüber dort gelebt habe. In Sibirien, wo schon mein Urgroßvater geboren wurde und starb, wo mein Großvater geboren wurde und starb, wo mein Vater geboren wurde. Ich bin fortgegangen aus Sibirien, weit fort und dies, höchstwahrscheinlich, ohne Bedauern.“ Dieser Auftakt ist in vieler Hinsicht aussagekräftig für die gesamte Erzählung: nicht nur inhaltlich, sondern auch im Erzählstil – eigenwillig, unmittelbar, knappe Sätze und Wiederholungen. Immer wieder mokiert sich der Erzähler über sein Heimatland, er räumt auf mit gängigen Klischees über Sibirien und mit sibirischem Pathos. Die ambivalente Haltung des Erzählers zu seiner Heimat lässt den Leser bis zuletzt im Zweifel darüber, was besser sei, Sibirien zu verlassen oder dazubleiben. Ob der Zustände in seinem Land schwankt der Erzähler zwischen Aufbegehren und Resignation. In Augenblicken größter Verzweiflung darüber, was mit seinem Land passiert oder eben gerade nicht passiert, vermag den Erzähler nur ein einziger Gedanke beruhigen: in diesem Moment eilt irgendwo auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn ein Zug dahin, in dem mit Sicherheit ein Mensch sitzt, der gerade Tee trinkt. „Aus dieser Gewissheit lässt sich zwar nicht ableiten, dass das Land sich nicht verändert, in ihr liegt jedoch ein gewisser Trost, zumindest kann man sich etwas beruhigen. Aber das Land verändert sich nicht, ob mir das nun  gefällt oder nicht.“
Die Blickwinkel, die der Erzähler bei der Betrachtung seines Heimatlandes wählt, sind vielfältig. Zugang findet er nicht nur über die eigene Abstammung, über den Urgroßvater und Großvater, über die Geschichte der Heimatstadt, über geographische Gegebenheiten, sondern oft auch über vergleichende Darstellungen (Sibirien und andere Länder, Dorf und Stadt, Industrie und Natur, Untertage und Übertage, Sibirer und Südrussen). Vieles ist dabei einfach nur ein Wachrufen von Erinnerungen aus der Kindheit und Jugendzeit. Erzählt wird von Hinterhofabenteuern, Studienfahrten, Museumsbesuchen genauso wie von der Begegnung mit dem zahnlosen Dorfältesten oder der verzweifelten unbekannten Dame auf nächtlicher Straße. Man erfährt einiges über die Sibirer, über sibirische Flughäfen, sibirische Züge, über das Dilemma der nichtvorhandenen sibirischen Kunst und der nicht eindeutigen Landesgrenzen Sibiriens. Und immer wieder sibirische Wasser: das Polarmeer, Eis, Schnee, Regen, Pfützen, Eisblumen und natürlich der große Fluss, der von jeher eine ganz besondere Wirkung auf den Erzähler hatte.

Während seiner teils meditativen Betrachtungen über das Land Sibirien, über dessen Bewohner und ihre Lebensweise, wird dem Erzähler immer klarer, mit welchem Mangel und in welchem Nichts er aufgewachsen ist. Das Sibirien des Erzählers von Flüsse hat keine Vergangenheit, keine Zukunft und im Grunde auch keine Gegenwart, da von Lebensqualität nicht die Rede sein kann. Dieses Sibirien ist ein ödes Land, das seine Bewohner durch sinnlos viel Raum bedrückt. Es verfügt weder über eine exotische Tier- und Pflanzenwelt, noch über nennenswerte Sehenswürdigkeiten oder besondere historische Begebenheiten. Weder führten Kreuzzüge nach Sibirien, noch gab es griechische oder römische Einflüsse, ja nicht einmal Napoleon schaffte es bis nach Sibirien. Daher gab es keine sibirischen Helden, so der Erzähler, mit denen man sich in der Kindheit hätte identifizieren können – keine Könige, keine Ritter, nicht einmal Piraten. „Räuber und Mörder, die gab es natürlich. Aber was ist dran an einem plündernden Kerl mit Pelzmantel, einem langem Bart und einem Beil?“ Was gibt es also in Sibirien? Bodenschätze. In der Schule quält sich der junge Sibirer mit dem Auswendiglernen  von Daten: Wann und wo wurden welche Erz-, Kohle- und Ölvorkommen gefunden?

Flüsse ist weniger eine Erzählung als vielmehr eine Art Ideenkomposition, ein Ineinanderfließen von Abschweifungen einerseits und Annäherungen andererseits, eine Hydro-Autobiographie, angeordnet um verschiedene Wasser, die die Gedanken und Erinnerungen  von hier nach dort treiben. Griškovec selbst nennt Flüsse den „Versuch eines Erinnerungs-monologs“.
Trotz des Wechsels von der Dramatik zur Prosa bleibt Griškovec’ typischer Erzählstil erhalten und sofort erkennbar. Zwar handelt es sich hier nicht um gesprochene Sprache, gleichwohl schafft es der Erzähler, an vielen Stellen die Unmittelbarkeit mündlicher Rede zu erzeugen. Griškovec erfindet hier seine eigene Form des Skaz (von russisch skazat’ – sprechen: Erzählstil als Imitation mündlicher Rede), die ungekünstelt und unverblümt daherkommt, ohne dabei jedoch flapsig zu wirken. Seine Sprache ist  mal schwärmerisch und ausschweifend, mal lakonisch knapp, dann wieder zögerlich, auf der Suche nach einer treffenderen Beschreibung, einem passenderen Begriff. Neben häufig abdriftenden Gedankengänge und assoziativen Gedankensprüngen des Erzählers finden sich alle charakteristischen Merkmale von Skaz: offene Sätze, häufige Wiederholungen, direktes Ansprechen des Lesers, Interjektionen, umgangssprachliche Wendungen, Wechsel der erzählten Zeit, Ausrufesätze und herausgehobene Einzelwörter.
Flüsse
ist zudem geprägt von ständigen Wechseln und überraschenden Wendungen: vom Wechsel zwischen Erzählen und Reflektieren über das Erzählte, zwischen Nahperspektive und Gesamtschau, von der Wendung des Banalen ins Besondere, vom Vergleich des persönlichen Erlebnisses mit allgemeinen Zusammenhängen, dem Wandel vom Privaten ins Universelle. Der Erzähler ist Privatperson und zugleich Prototyp, in dem sich der Leser fortwährend wiederfindet, und dies nicht ohne schmunzeln. Flüsse ist voll unerbittlicher Erkenntnis, voll entwaffnender Offenheit, voll Sprachwitz und dabei wohltuend frei von postmodernem Zynismus und gewollter Mehrdeutigkeit. Was erzählt wird, ist unspektakulär, beinahe banal, so dass man leicht übersieht, wie geschickt die Erzählung gebaut ist: mit Liebe zum Detail und in stets ungewöhnlicher Perspektive auf Situationen und Handlungen. Griškovec’ Flüsse ertränken den Leser nicht mit skandalösen Eröffnungen, sondern benetzen ihn unaufdringlich mit plätschernden Anekdötchen aus dem sibirischen Alltagstrom, dessen verschiedene Ober-, Unter- und Nebenläufe über Assoziationskanäle ineinanderfließen. An einigen Stellen der Flüsse führt ein gewisser Überfluss beim Leser jedoch bisweilen zum Überdruss. Das passiert immer dann, wenn das Verfahren schnell erkennbar wird, beispielsweise wenn sich der Erzähler penetrant wieder und wieder dieselben Fragen stellt, zwar umformuliert, aber nie beantwortet, wenn er übertrieben pathetisch wird, wenn er Gefühlsduselei mit Wahrheitsfindung verwechselt.

In Russland fällt das Urteil über Griškovec’ Flüsse zwiespältig aus. Neben den üblichen Lobeshymnen gibt es auch kritische Anmerkungen – beispielsweise, dass Flüsse nicht für Russen geschrieben sei, sondern vielmehr mit der Intention, dem Nicht-Russen Russland näher zu bringen. Der Russe brauche keine Erklärungen über sein Land und für eine Auseinandersetzung mit den Daseinsfragen habe vor allem der Sibirer keine Zeit. Im eigenen Land fließen die sprudelnden Griškovecschen „Aus-Flüsse“ eher ins Leere. Das große Potential von Flüsse liege in der wahrscheinlich positiven Aufnahme im Ausland. Dem Autor wird gar unterstellt, dass er genau diese Möglichkeit im Kopf gehabt habe, als er sich daran machte, seinen „sibirischen Psalm“ zu verfassen.
Bleibt abzuwarten, ob es bald eine deutsche Fassung von Flüsse geben wird und die Russen mit ihren Mutmaßungen über die ausländischen Leser Recht behalten.

 

www.odnovremenno.ru/texts/t42.html

www.odnovremenno.ru

www.machaon.net

www.grishkovets.com/press/release_66.html

"Abflüsse aus der Realität gespeist von sibirischen Ein- und gedanklichen Nebenflüssen" – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“Abflüsse aus der Rea­lität gespeist von sibi­ri­schen Ein- und gedank­li­chen Nebenflüssen”

die Erzäh­lung Flüsse von Evgenij Griškovec

Man kennt Evgenij Griš­kovec als Dra­ma­tiker, als Regis­seur und als Inter­pret der eigenen Büh­nen­werke. Seine erfolg­rei­chen Stücke wie etwa Wie ich einen Hund gegessen habe (Kak ja s’el sobaku, 1998) oder Gleich­zeitig (Odno­v­re­menno, 1999) sind in meh­rere Spra­chen über­setzt und werden gerade in Deutsch­land wie­der­holt auf­ge­führt (bei­spiels­weise in Tübingen, Berlin, Frank­furt und Lübeck – um nur jüngste Insze­nie­rungen zu nennen).

Um sich einer neuen Her­aus­for­de­rung zu stellen, hat sich der „Erfinder der rus­si­schen Per­for­mance“ in den letzen Jahren der Prosa zuge­wandt. 2004 erschien sein erster Roman Rubaška (Das Hemd), der in  kür­zester Zeit die zweite Auf­lage erreichte und den Preis ‚Buch des Jahres 2004’ erhielt. Mit Reki (Flüsse) ist nun ein wei­teres Pro­sa­werk von Griš­kovec herausgekommen.
Das klein­for­ma­tige Buch, 2005 im Verlag Machaon erschienen, ist eine für den rus­si­schen Buch­markt unge­wöhn­lich schöne Aus­gabe, mit schlichtem Deck­blatt und von guter Papier- und Druck­qua­lität. Neben dem Titel Flüsse wird es durch die Gen­re­bezeich­nung Povest cha­rak­te­ri­siert – eine in der rus­si­schen Lite­ra­tur­tra­di­tion eigen­stän­dige Form der mitt­leren Prosa-Erzäh­lung. Flüsse, so betont Griš­kovec in einem Inter­view, habe ihn end­lich zu einem „voll­for­ma­tigen“ Autor gemacht, der nun neben Thea­ter­stü­cken und einem Roman auch eine Erzäh­lung vor­weisen könne.
Es ist schwer zu sagen, wovon die Erzäh­lung Flüsse eigent­lich han­delt. Wie in den meisten Texten von Griš­kovec fehlt auch hier das Sujet. Der Autor sagt dies­be­züg­lich: „Das lässt sich leicht erklären. Ich bin unfähig, ein Sujet zu ent­wi­ckeln, kata­stro­phal unfähig, mir irgend­etwas Abge­ho­benes  auszudenken.“
In Flüsse treffen wir auf einen sehr leb­hafen Ich-Erzähler, der uns nach Sibi­rien ent­führt, in sein von ihm inzwi­schen ver­las­senes Hei­mat­land. Auf­ge­wachsen ist er in einer mit­tel­großen sibi­ri­schen Stadt und an einem großen Fluss. Doch weder Stadt noch Fluss werden benannt, über­haupt findet man in der Erzäh­lung kaum Top­onyme, so dass eine Ver­or­tung der Ereig­nisse unmög­lich ist. In der Vor­be­mer­kung zu Flüsse heißt es, der Autor sei unbe­kannt, doch hat man beim Lesen den starken Ein­druck, dass in Flüsse viel Auto­bio­gra­fi­sches eingeflossen ist. Griš­kovec’ Geburts­stadt ist das sibi­ri­sche Kere­movo am Fluss Tom’, und ebenso wie der Erzähler hat auch der Autor seine sibi­ri­sche Heimat inzwi­schen ver­lassen. Man solle keine frei erfun­denen Geschichten von ihm erwarten, meint Griš­kovec: „Ich schreibe über das, was mir pas­siert oder über das, was ich weiß – wobei letz­teres meine Mög­lich­keiten stark erwei­tert. Es han­delt sich dabei um eine Sub­trak­tion aus der Rea­lität, deren wahre Exotik ich sorg­fältig herausputze.“
Flüsse beginnt: „Ich habe nur einmal einen Bären gesehen – außer­halb des Zoos. Nur einmal im Leben. Obwohl ich in Sibi­rien geboren wurde und meine ersten dreißig Jahre und etwas dar­über dort gelebt habe. In Sibi­rien, wo schon mein Urgroß­vater geboren wurde und starb, wo mein Groß­vater geboren wurde und starb, wo mein Vater geboren wurde. Ich bin fort­ge­gangen aus Sibi­rien, weit fort und dies, höchst­wahr­schein­lich, ohne Bedauern.“ Dieser Auf­takt ist in vieler Hin­sicht aus­sa­ge­kräftig für die gesamte Erzäh­lung: nicht nur inhalt­lich, son­dern auch im Erzähl­stil – eigen­willig, unmit­telbar, knappe Sätze und Wie­der­ho­lungen. Immer wieder mokiert sich der Erzähler über sein Hei­mat­land, er räumt auf mit gän­gigen Kli­schees über Sibi­rien und mit sibi­ri­schem Pathos. Die ambi­va­lente Hal­tung des Erzäh­lers zu seiner Heimat lässt den Leser bis zuletzt im Zweifel dar­über, was besser sei, Sibi­rien zu ver­lassen oder dazu­bleiben. Ob der Zustände in seinem Land schwankt der Erzähler zwi­schen Auf­be­gehren und Resi­gna­tion. In Augen­bli­cken größter Ver­zweif­lung dar­über, was mit seinem Land pas­siert oder eben gerade nicht pas­siert, vermag den Erzähler nur ein ein­ziger Gedanke beru­higen: in diesem Moment eilt irgendwo auf der Strecke der trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn ein Zug dahin, in dem mit Sicher­heit ein Mensch sitzt, der gerade Tee trinkt. „Aus dieser Gewiss­heit lässt sich zwar nicht ableiten, dass das Land sich nicht ver­än­dert, in ihr liegt jedoch ein gewisser Trost, zumin­dest kann man sich etwas beru­higen. Aber das Land ver­än­dert sich nicht, ob mir das nun  gefällt oder nicht.“
Die Blick­winkel, die der Erzähler bei der Betrach­tung seines Hei­mat­landes wählt, sind viel­fältig. Zugang findet er nicht nur über die eigene Abstam­mung, über den Urgroß­vater und Groß­vater, über die Geschichte der Hei­mat­stadt, über geo­gra­phi­sche Gege­ben­heiten, son­dern oft auch über ver­glei­chende Dar­stel­lungen (Sibi­rien und andere Länder, Dorf und Stadt, Indus­trie und Natur, Unter­tage und Über­tage, Sibirer und Süd­russen). Vieles ist dabei ein­fach nur ein Wach­rufen von Erin­ne­rungen aus der Kind­heit und Jugend­zeit. Erzählt wird von Hin­ter­hof­aben­teuern, Stu­di­en­fahrten, Muse­ums­be­su­chen genauso wie von der Begeg­nung mit dem zahn­losen Dorf­äl­testen oder der ver­zwei­felten unbe­kannten Dame auf nächt­li­cher Straße. Man erfährt einiges über die Sibirer, über sibi­ri­sche Flug­häfen, sibi­ri­sche Züge, über das Dilemma der nicht­vor­han­denen sibi­ri­schen Kunst und der nicht ein­deu­tigen Lan­des­grenzen Sibi­riens. Und immer wieder sibi­ri­sche Wasser: das Polar­meer, Eis, Schnee, Regen, Pfützen, Eis­blumen und natür­lich der große Fluss, der von jeher eine ganz beson­dere Wir­kung auf den Erzähler hatte.

Wäh­rend seiner teils medi­ta­tiven Betrach­tungen über das Land Sibi­rien, über dessen Bewohner und ihre Lebens­weise, wird dem Erzähler immer klarer, mit wel­chem Mangel und in wel­chem Nichts er auf­ge­wachsen ist. Das Sibi­rien des Erzäh­lers von Flüsse hat keine Ver­gan­gen­heit, keine Zukunft und im Grunde auch keine Gegen­wart, da von Lebens­qua­lität nicht die Rede sein kann. Dieses Sibi­rien ist ein ödes Land, das seine Bewohner durch sinnlos viel Raum bedrückt. Es ver­fügt weder über eine exo­ti­sche Tier- und Pflan­zen­welt, noch über nen­nens­werte Sehens­wür­dig­keiten oder beson­dere his­to­ri­sche Bege­ben­heiten. Weder führten Kreuz­züge nach Sibi­rien, noch gab es grie­chi­sche oder römi­sche Ein­flüsse, ja nicht einmal Napo­leon schaffte es bis nach Sibi­rien. Daher gab es keine sibi­ri­schen Helden, so der Erzähler, mit denen man sich in der Kind­heit hätte iden­ti­fi­zieren können – keine Könige, keine Ritter, nicht einmal Piraten. „Räuber und Mörder, die gab es natür­lich. Aber was ist dran an einem plün­dernden Kerl mit Pelz­mantel, einem langem Bart und einem Beil?“ Was gibt es also in Sibi­rien? Boden­schätze. In der Schule quält sich der junge Sibirer mit dem Aus­wen­dig­lernen  von Daten: Wann und wo wurden welche Erz‑, Kohle- und Ölvor­kommen gefunden?

Flüsse ist weniger eine Erzäh­lung als viel­mehr eine Art Ideen­kom­po­si­tion, ein Inein­an­der­fließen von Abschwei­fungen einer­seits und Annä­he­rungen ande­rer­seits, eine Hydro-Auto­bio­gra­phie, ange­ordnet um ver­schie­dene Wasser, die die Gedanken und Erin­ne­rungen  von hier nach dort treiben. Griš­kovec selbst nennt Flüsse den „Ver­such eines Erinnerungs-monologs“.
Trotz des Wech­sels von der Dra­matik zur Prosa bleibt Griš­kovec’ typi­scher Erzähl­stil erhalten und sofort erkennbar. Zwar han­delt es sich hier nicht um gespro­chene Sprache, gleich­wohl schafft es der Erzähler, an vielen Stellen die Unmit­tel­bar­keit münd­li­cher Rede zu erzeugen. Griš­kovec erfindet hier seine eigene Form des Skaz (von rus­sisch skazat’ – spre­chen: Erzähl­stil als Imi­ta­tion münd­li­cher Rede), die unge­küns­telt und unver­blümt daher­kommt, ohne dabei jedoch flapsig zu wirken. Seine Sprache ist  mal schwär­me­risch und aus­schwei­fend, mal lako­nisch knapp, dann wieder zöger­lich, auf der Suche nach einer tref­fen­deren Beschrei­bung, einem pas­sen­deren Begriff. Neben häufig abdrif­tenden Gedan­ken­gänge und asso­zia­tiven Gedan­ken­sprüngen des Erzäh­lers finden sich alle cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­male von Skaz: offene Sätze, häu­fige Wie­der­ho­lungen, direktes Anspre­chen des Lesers, Inter­jek­tionen, umgangs­sprach­liche Wen­dungen, Wechsel der erzählten Zeit, Aus­ru­fe­sätze und her­aus­ge­ho­bene Einzelwörter. 
Flüsse
ist zudem geprägt von stän­digen Wech­seln und über­ra­schenden Wen­dungen: vom Wechsel zwi­schen Erzählen und Reflek­tieren über das Erzählte, zwi­schen Nah­per­spek­tive und Gesamt­schau, von der Wen­dung des Banalen ins Beson­dere, vom Ver­gleich des per­sön­li­chen Erleb­nisses mit all­ge­meinen Zusam­men­hängen, dem Wandel vom Pri­vaten ins Uni­ver­selle. Der Erzähler ist Pri­vat­person und zugleich Pro­totyp, in dem sich der Leser fort­wäh­rend wie­der­findet, und dies nicht ohne schmun­zeln. Flüsse ist voll uner­bitt­li­cher Erkenntnis, voll ent­waff­nender Offen­heit, voll Sprach­witz und dabei wohl­tuend frei von post­mo­dernem Zynismus und gewollter Mehr­deu­tig­keit. Was erzählt wird, ist unspek­ta­kulär, bei­nahe banal, so dass man leicht über­sieht, wie geschickt die Erzäh­lung gebaut ist: mit Liebe zum Detail und in stets unge­wöhn­li­cher Per­spek­tive auf Situa­tionen und Hand­lungen. Griš­kovec’ Flüsse ertränken den Leser nicht mit skan­da­lösen Eröff­nungen, son­dern benetzen ihn unauf­dring­lich mit plät­schernden Anek­döt­chen aus dem sibi­ri­schen All­tags­trom, dessen ver­schie­dene Ober‑, Unter- und Neben­läufe über Asso­zia­ti­ons­ka­näle inein­an­der­fließen. An einigen Stellen der Flüsse führt ein gewisser Über­fluss beim Leser jedoch bis­weilen zum Über­druss. Das pas­siert immer dann, wenn das Ver­fahren schnell erkennbar wird, bei­spiels­weise wenn sich der Erzähler pene­trant wieder und wieder die­selben Fragen stellt, zwar umfor­mu­liert, aber nie beant­wortet, wenn er über­trieben pathe­tisch wird, wenn er Gefühls­du­selei mit Wahr­heits­fin­dung verwechselt.

In Russ­land fällt das Urteil über Griš­kovec’ Flüsse zwie­spältig aus. Neben den übli­chen Lobes­hymnen gibt es auch kri­ti­sche Anmer­kungen – bei­spiels­weise, dass Flüsse nicht für Russen geschrieben sei, son­dern viel­mehr mit der Inten­tion, dem Nicht-Russen Russ­land näher zu bringen. Der Russe brauche keine Erklä­rungen über sein Land und für eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Daseins­fragen habe vor allem der Sibirer keine Zeit. Im eigenen Land fließen die spru­delnden Griš­ko­vec­schen „Aus-Flüsse“ eher ins Leere. Das große Poten­tial von Flüsse liege in der wahr­schein­lich posi­tiven Auf­nahme im Aus­land. Dem Autor wird gar unter­stellt, dass er genau diese Mög­lich­keit im Kopf gehabt habe, als er sich daran machte, seinen „sibi­ri­schen Psalm“ zu verfassen.
Bleibt abzu­warten, ob es bald eine deut­sche Fas­sung von Flüsse geben wird und die Russen mit ihren Mut­ma­ßungen über die aus­län­di­schen Leser Recht behalten.

 

www.odnovremenno.ru/texts/t42.html [Die Erzäh­lung Flüsse online in rus­si­scher Sprache]

www.odnovremenno.ru [Offi­zi­elle Inter­net­seite von Evgenij Griškovec]

www.machaon.net [Inter­net­seite des Ver­lags Machaon]

www.grishkovets.com/press/release_66.html [Inter­view mit Evgenij Griš­kovec in der Zeit­schrift Afiša]