Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Erfinder der „erfun­denen Dichter“ fahren mit ihrem Autor in dessen Heimat

Skizzen und Refle­xionen zu einem Semi­nar­pro­jekt und einer außer­ge­wöhn­li­chen Stu­di­en­reise mit Jurij Andruchovyč

 

In einer free style Repor­tage berichten Stu­die­rende, die gemeinsam mit Jurij Andruchovyč das Lyrik­fes­tival Meri­dian Czer­no­witz in der Ukraine besucht haben, von ihren Ein­drü­cken und Begeg­nungen mit einem Land, das nicht wenige bis dahin nur aus den Nach­richten kannten. Jurij Andruchovyč, der im Sommer 2014 als Sieg­fried-Unseld-Pro­fessor an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Gast war, hat in Berlin mit seinem Auf­trag, im Seminar eigene Dich­te­rInnen zu „erfinden“, Ein­druck hin­ter­lassen und ukrai­ni­sche Lite­ratur und Kultur lebendig erfahrbar gemacht. Stu­die­rende bli­cken in per­sön­li­chen, essay­is­ti­schen Schil­de­rungen und in einem Inter­view zurück…

 

von Maria Beke­tova, Eka­te­rina Feld­mann, Kai-Oliver Gut­a­cker, Iwi Hagenau und Lina Zalitok

 

I. Die Liga der außer­ge­wöhn­li­chen Ver­se­ma­cher – ein dich­te­ri­sches Semi­nar­pro­jekt mit Jurij Andruchovyč

Institut für Sla­wistik, Doro­the­en­straße 65, Berlin, Semi­nar­raum 5.38, 10–12 Uhr Don­nerstag vor­mit­tags.
Ich weiß noch, dass ich zur ersten Sit­zung ein wenig zu spät kam, mich rasch an den Mit­stu­die­renden vor­bei­drängte und mir als ein­ziger freier Sitz­platz nur der Stuhl direkt vor dem Dozen­ten­tisch geblieben war. Dort, wo eigent­lich nie­mand sitzen möchte, weil man sich ständig beob­achtet fühlt. Ich sah mich im Raum um, wenige der Kom­mi­li­to­ninnen und Kom­mi­li­tonen waren mir bekannt; und alles, was ich von Jurij Andruchovyč wusste, war, dass er einer der bedeu­tendsten zeit­ge­nös­si­schen Schrift­steller der Ukraine ist. Mir war der Name früher völlig unbe­kannt gewesen, und im Nach­hinein habe ich erfahren, dass es den meisten aus dem Kurs nicht anders ging. Auch unter dem Kurs­thema konnte ich mir nur wenig Kon­kretes vor­stellen. Also hörte ich unserem neuen Semi­nar­leiter zu. Nun, das Ziel sei, eine Mys­ti­fi­ka­tion zu erar­beiten. Einen Dichter, egal aus wel­cher Zeit, als ver­schol­lenen Schrift­steller zu „ent­de­cken“, seine Bio­gra­phie auf­zu­schreiben und zu erklären, warum er ers­tens ver­gessen und zwei­tens wie­der­ge­funden wurde. Die Sprache dabei sei egal, je mehr Spra­chen es später geben würde, desto besser.
Einen zweiten Shake­speare zu erfinden, eine unver­ges­sene Ikone der Lite­ra­tur­ge­schichte – das ging also nicht. Aber den­noch sollte unser Poet, dem wir unsere Stimme leihen würden, kein dritt­klas­siger Künstler und unsere Auf­gabe keine bloße Schreib­auf­gabe sein, mit der man sich einen Teil­nah­me­schein erkauft. Das war die erste Schwie­rig­keit an dem Pro­jekt. Die zweite war, dass man auch Teile des Werks nach­dichten sollte. Wer einen Autor aus der Barock­zeit mys­ti­fi­zieren wollte, der musste also auch in den sauren Apfel beißen und schon mal brav das Sonet­te­schreiben üben.

In der zweiten Woche war der Semi­nar­raum erheb­lich leerer. Und unter denen, die geblieben waren, herrschte Unsi­cher­heit. Schaffen wir das? Ist das nicht eine Nummer zu groß für uns? – Für viele war es über­haupt die erste Erfah­rung im lite­ra­ri­schen Schreiben. Solche Kurse sind an der Uni­ver­sität sonst nicht vor­ge­sehen. Jurij Andruchovyč dis­ku­tierte mit uns über berühmte Mys­ti­fi­ka­tionen in der Geschichte. Nebenbei sprach er über das Pro­jekt, erwähnte da ein gewisses Lite­ra­tur­fes­tival in der Ukraine. „Bis in einer Woche bitte die grobe Idee der Dich­ter­bio­gra­phie auf einer Seite vor­stellen und dann im Kurs vor­tragen!“
Jetzt wurde es ernst.

Ich habe mich nie so richtig mit den anderen dar­über unter­halten, wie sie zu ihren Dich­tern gefunden haben. Bei mir ging es so, dass ich später in dieser Woche einmal im Uni­ver­si­täts­café saß, nach­dachte, und dabei von der Frau hin­term Tresen mit Unmengen von Kaffee ver­sorgt wurde (an dieser Stelle: Danke noch einmal, liebe Scholle, ohne Dich hätte es meinen Dichter nie gegeben). Irgend­wann kam mir die zün­dende Idee: Einer meiner anderen Pro­fes­soren hatte doch neu­lich im Seminar gesagt, es gäbe keinen deutsch­spra­chigen Poeten des Sur­rea­lismus. Also, warum nicht ein­fach einen erfinden? Da ging es aber schon mit den Schwie­rig­keiten los … Wel­chen Namen sollte er haben? Ich ent­schloss mich, meinen Namen bei jemandem zu klauen und dann ein biss­chen zu ver­än­dern. Bei wem, sage ich nicht, er oder sie hat bis heute keine Ahnung davon. Dann die Eck­daten der Bio­gra­phie. Wo sollte er her­kommen? Am besten da, wo ich auch geboren wurde. Nur etwas mehr als hun­dert Jahre früher. Aus der Mit­tel­hes­si­schen Wet­terau, wo einem das Fort­schreiten der Jahr­hun­derte nicht unbe­dingt auf­fallen muss. Wo hat er gewirkt? Natür­lich im Berlin der 1920er Jahre. Nach und nach kamen die klei­neren Details: Eltern, Stu­dium, Liebe, Beruf,… Am Ende musste ich ihn nur noch ver­schwinden lassen. Ich dachte mir ein Schiff in die Südsee aus, und einen blinden Pas­sa­gier. Ohne Rück­fahrt. Das, was wir uns alle einmal vor­stellen, wenn wir depri­miert sind. Er hat es durch­ge­zogen, damals, als die Nazis kamen.

Nach und nach prä­sen­tierten wir unsere Dichter, und im Laufe der Wochen wurden die Bio­gra­phien immer aus­führ­li­cher und mit jedem neuen Puzzle-Teil wuchs auch unser Ver­trauen in das, was wir da taten. Es begann, Spaß zu machen. Gerade das Dichten, der Ver­such, etwas kom­plett Neues zu unter­nehmen, so zu schreiben, wie man sonst nicht schreibt. Jurij Andrucho­vyčch ermu­tigte uns ständig, lobte uns und gab kon­struk­tive Kritik, wenn etwas nicht logisch schien oder wenn er sonst irgend­welche Pro­bleme sah. Nach den Sit­zungen begannen wir Stu­die­rende, mit­ein­ander zu reden, Ideen aus­zu­tau­schen. Fast jeder gestand nach einem kleinen Zögern, dass er oder sie inzwi­schen ein Buch von Andruchovyč gekauft hatte – es aber lieber nicht an die große Glocke hängen wollte, um nicht als Streber abge­stem­pelt zu werden. Nach einem zweiten, etwas län­geren Zögern gestanden wir uns auch ein, dass das (auf Deutsch) ja ziem­lich unge­wöhn­lich geschrieben ist und sich nicht so ein­fach lesen lässt. Trotzdem, nach einiger Zeit hatten alle zumin­dest ein Buch durch, die meisten waren letzt­lich über­zeugt – und es war gut, unseren Kurs­leiter von dieser Seite ken­nen­zu­lernen: über die Art, wie er schreibt und wie er in seinen eigenen Romanen Per­ver­sion und Zwölf Ringe selbst mit lite­ra­ri­schen Mys­ti­fi­ka­tionen umgeht.

Genauso unge­wöhn­lich und viel­seitig wurden unsere Spröss­linge. Da gab es verspleente Ade­lige um die Jahr­hun­dert­wende mit Hang zur Berg­ar­beiter-Romantik, einen lite­ra­risch hoch­be­gabten Affen, einen Renais­sance-Dichter, der das Meer bereiste und dessen Über­lie­fe­rungs­ge­schichte so kom­plex war, dass sie leicht ein ganzes Buch füllen konnte. Es gab die neue, nicht ganz anspie­lungs­freie barocke Schule des Mans­felder Neu­pla­to­nismus, dessen dich­te­ri­sche Umset­zung es leider nicht in die Jetzt­zeit geschafft hat, und Träger der höchsten kul­tu­rellen Aus­zeich­nungen der Sowjet­union. Jan Wagner kam und stellte uns seinen Band Die Eulen­hasser in den Hal­len­häu­sern vor, der sich eben­falls um mys­ti­fi­zierte Dichter dreht. Mir zumin­dest ging es so, dass das Pro­jekt einen immer stär­keren Sog ent­wi­ckelte. Mein Dichter for­derte einen sehr großen Teil meiner Auf­merk­sam­keit ein, ich ging durch die Stadt und fragte mich unwill­kür­lich, was er wohl vor achtzig Jahren hier gesehen und bedichtet haben könnte. Die Schwarz­weiß-Sen­dung auf dem History-Channel, zu der es sich sonst so gut ein­schlafen lässt, wurde auf einmal zur span­nenden und wich­tigen Inspi­ra­ti­ons­quelle, und als ich einmal meine Groß­el­tern anrief, bat ich sie, ganz aus­führ­lich von ihrer Kind­heit zu erzählen.

Als das Semester zu Ende ging, dachten viele, das sei es jetzt auch mit unseren Dich­tern. Gerade, als es so richtig los­ging. Dann kam auf einmal wieder das Fes­tival ins Gespräch und die Idee, die Texte unserer Dichter in einem Sam­mel­band zu ver­öf­fent­li­chen. Von da an ging alles ziem­lich schnell; Gelder wurden bewil­ligt, Flüge gebucht. Für viele würde es das erste Mal in der Ukraine sein: ein Aben­teuer, nicht nur in lite­ra­ri­scher Hin­sicht. Spä­tes­tens jetzt erkannte jeder, der zuge­sagt hatte, wie beson­ders dieses Pro­jekt war, an dem wir teil­nahmen, wie wenig uni­ver­sitär es war und wie wenig auf einmal Teil­nah­me­scheine und Modul­ab­schluss­prü­fungen bedeu­teten. Spä­tes­tens jetzt wussten wir, dass es um Kunst ging und wir wirk­lich etwas Grö­ßeres auf die Beine gestellt hatten. Also machten wir uns auf den Weg, unsere Poeten im Gepäck, und erlebten eine unver­gess­liche Woche in Czer­no­witz, Ivano-Fran­kivsk und L’viv.

Mein Ver­se­ma­cher hatte das Glück, diese Woche in guter Gesell­schaft zu ver­bringen: Da gab es Zane Civ­lāme, eine ein­fühl­same, aber wil­lens­starke junge Frau aus dem Bal­tikum, die sich mit den Ber­liner Aus­lands­äm­tern der Ver­gan­gen­heit her­um­schlagen musste, und mit einem Ehe­mann, dem sie nie wirk­lich nahe war. (Meinen Dichter hat sie übri­gens kennen gelernt, damals, in den glit­zernden Nächten der Zwan­ziger). Dann war da Lena Staub, eine noch lebende Dich­terin, die von töd­li­chen Fahr­rad­un­fällen, grünen Rück­lich­tern an den Autos, Poesie, Per­ma­kultur und Wiki­pedia schrieb; Aleška Bystřiča­nová, die ein län­geres, aber unge­heuer tem­po­rei­ches und kraft­volles tsche­chisch­spra­chiges Gedicht um die beiden Begriffe „minimal“ und „maximal“ geschrieben hat, das ich bis heute nicht hun­dert­pro­zentig ver­standen habe – aber das durch seinen Klang und seine Geschwin­dig­keit auch für die­je­nigen eine Dynamik ver­mit­telt, die kein Tsche­chisch spre­chen. Ena Krot und Leonid Garz, ukrai­ni­sche Autoren, die sich beide nur in ihren Neben­stunden der Lyrik widmen konnten und deren Werk uns aus dem umfang­rei­chen Nach­lass über­lie­fert ist.
Und dann gab es noch den armen Ilya Niki­feroff – den ein­zigen, der auf dem Fes­tival stumm bleiben musste. Sein ganzes Werk besteht näm­lich aus Figu­ren­ge­dichten, also Lese­texten, die man nicht vor­tragen kann. Aber ich bin sicher, seine Zeit wird kommen, spä­tes­tens, wenn wir unser nächstes Ziel in Angriff nehmen: die Ver­öf­fent­li­chung unseres Sam­mel­bands, hof­fent­lich auch mit vielen Bei­trägen von unseren Dich­ter­freunden, die nicht in die Ukraine mit­kommen konnten.

 

von Kai-Oliver Gut­a­cker (Stu­dent der „Euro­päi­schen Lite­ra­turen“ an der HU Berlin, Kai-Oliver war zum ersten Mal in der Ukraine)

 

II. Tele­gramm und Bild­serie zum Rei­se­ver­lauf

4. Sep­tember 2014: Flug­reise Berlin – L’viv; Zug­reise L’viv – Czer­no­witz. Auf halber Strecke, in Ivano-Fran­kivsk, stieg Jurij Andruchovyč zu.

5. bis zum 8. Sep­tember: Czer­no­witz. Am ersten Tag wurde das V. Inter­na­tio­nale Lyrik­fes­tival Meri­dian Czer­no­witz in der Natio­nalen Jurij-Fed­kovyč-Uni­ver­sität fei­er­lich eröffnet. Um 1 Uhr nachts stand unser Auf­tritt im Palast der Kultur, einst das Jüdi­sche Natio­nal­haus, auf dem Pro­gramm. Am 6. Sep­tember: Füh­rung mit Pro­fessor Petro Rychlo durch die jüdi­sche Geschichte der Stadt Czer­no­witz.

8. bis 9. Sep­tember: Wei­ter­reise mit dem wan­dernden Fes­tival nach Ivano-Fran­kivsk. Noch in der glei­chen Nacht fand unser zweiter Auf­tritt in der Bas­tion, zwi­schen den Resten der ehe­ma­ligen Fes­tungs­mauern von Ivano-Fran­kivsk, statt. Am dar­auf­fol­genden Morgen: lyri­sche Stadt­füh­rung mit der Schrift­stel­lerin Halyna Petro­sanyak, auf der uns Prof. Andreas Kap­peler, der sich ganz zufällig auch in Ivano-Fran­kivsk auf­hält, begleitet.

9. bis 11. Sep­tember: letzte Sta­tion der Reise, L’viv. Es wird ein Uni­ver­si­täts­ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag zwi­schen der Natio­nalen Ivan-Franko-Uni­ver­sität L’viv und der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin unter­zeichnet. Die His­to­ri­kerin Olha Sydor führt uns durch die Stadt und ins­be­son­dere die ehe­ma­ligen jüdi­schen Viertel, die außer­halb der engsten Innen­stadt lagen.

von Iwi Hagenau (Stu­dentin der „Kul­turen Mittel- und Ost­eu­ropas” an der HU Berlin, Schwer­punkt tsche­chi­sche Lite­ratur; Iwi Hagenau war zum ersten Mal in der Ukraine)

III. Lyrik in Zeiten des Krieges

Die Orga­ni­sa­toren des inter­na­tio­nalen Lyrik­fes­ti­vals Meri­dian Czer­no­witz und auch das Publikum haben sich gefragt, ob es ange­bracht sei, ein Lite­ra­tur­fes­tival zu ver­an­stalten, wäh­rend in Teilen des Landes Krieg herrscht. Es zeigt sich aber, dass es nicht nur ange­bracht, son­dern sogar not­wendig ist. Meri­dian Czer­no­witz wird mit einer Schwei­ge­mi­nute für die Sol­daten eröffnet, die in Donezk und Luhansk getötet wurden. Danach erklärt der Haupt­or­ga­ni­sator, Svja­to­slav Pome­rancev, das Motto des Fes­ti­vals „Die Musen schweigen nicht“: Meri­dian Czer­no­witz sei ein Ver­such, die Gräuel des Krieges zu über­winden. Im Pro­gramm des Fes­ti­vals sind meh­rere Dis­kus­sionen zum Thema „Krieg und Lite­ratur“ ein­ge­plant, an denen berühmte Autoren, wie Igor Pome­rancev, Jurij Andruchovyč, Kate­ryna Bab­kina, Serhij Žadan, teil­nehmen. Irgendwie können sich alle auf die pro­gram­ma­ti­sche Hoff­nung einigen, dass Lite­ratur und Kunst den Tod über­winden können. Serhij Žadan betont, es sei in dieser Zeit wichtig, Energie aus­zu­tau­schen, ein­ander zu unter­stützen; wenn die Lyrik ver­schwunden wäre, wäre es nicht besser geworden.

Meri­dian Czer­no­witz ist auch ein Brü­cken­schlag, der Autoren und Über­setzer aus der Schweiz, Deutsch­land, Öster­reich, Däne­mark, Polen, Eng­land in die Ukraine gebracht hat, dar­unter auch den Sohn von Paul Celan. Das scheinbar pro­vin­zi­elle Czer­no­witz mit gerade mal 200 000 Ein­woh­nern wird zur kul­tu­rellen Haupt­stadt. Die gemein­samen Werte ver­binden die Men­schen unter­schied­lichster Her­kunft. Dabei spielt die Sprache, spielen Worte, die man genau ver­steht, erstaun­li­cher­weise keine wich­tige Rolle. Nicht alle Gedichte und Dis­kus­sionen werden über­setzt, das stört aber nie­manden. Auf den Straßen hört man Deutsch, Eng­lisch, Pol­nisch, Rus­sisch, Ukrai­nisch. Meine deut­schen Freunde lehnen über­ra­schen­der­weise meinen Vor­schlag ab, ukrai­ni­sche Gedichte für sie zu über­setzen. Sie wollen lieber den Klang der ukrai­ni­schen Poesie genießen. Obwohl längst nicht alle Zuhörer Deutsch ver­stehen, ist es kaum mög­lich, in den Lesungen der deutsch­spra­chigen Poesie einen freien Sitz­platz zu finden.

Das Fes­tival bestä­tigt, dass die ukrai­ni­sche Kultur blüht, trotz allem. Es werden Essays, Gedichte, Romane und Erzäh­lungen von ukrai­ni­schen Autoren ver­öf­fent­licht, fremd­spra­chige Werke werden ins Ukrai­ni­sche über­setzt. Somit wird die inter­kul­tu­relle Kom­mu­ni­ka­tion berei­chert. Die für Sep­tember unge­wöhn­lich son­nigen und warmen Tage in den west­ukrai­ni­schen, euro­pä­isch aus­se­henden Städten Czer­no­witz und Ivano-Fran­kivsk unter­strei­chen die kul­tu­relle Pracht des Fes­ti­vals.

An allen Ecken sind die blau-gelben Farben der ukrai­ni­schen Natio­nal­flagge zu sehen, in den Son­nen­strahlen glänzen sie noch mehr. Es scheint, dass die Luft mit Liebe erfüllt ist. Es fühlt sich an wie ein ent­blößter Nerv, eine ent­blößte Seele. Die ein­ander unbe­kannten Men­schen lächeln und umarmen sich gedank­lich. In jeder Ver­an­stal­tung gibt es viel junges Publikum. Die Gesichter sind begeis­tert, hoff­nungs­voll, selbst­si­cher und auf­ge­schlossen. Die Ver­käufer in einem Lebens­mit­tel­laden machen sich über die rus­si­sche Pro­pa­ganda lustig und fragen uns, ob wir etwa keine Angst vor „Ban­de­rivci“ haben. Aller­dings gibt es keine Hass­slo­gans gegen Feinde, nur Witze und begrün­dete Auf­rufe zum Boy­kott der rus­si­schen Waren.

Viele Male wird das Wort „Natio­na­lismus“ von aus­län­di­schen Gästen des Fes­ti­vals in pri­vaten Gesprä­chen hin­sicht­lich der auf­fal­lenden Prä­senz der natio­nalen Sym­bole in den Städten auf­ge­worfen. Das Zusam­men­halten, die gegen­sei­tige Unter­stüt­zung und Ach­tung vor der eigenen Kultur in der Ukraine sind jedoch etwas anderes, als das, was man mit diesem Wort sonst nor­ma­ler­weise asso­zi­iert. Beim Lite­ra­tur­fes­tival erzählen auch meh­rere Dich­te­rInnen, dass sie in der letzten Zeit viel über die Liebe schreiben. Liebe als eine Abwehr­re­ak­tion gegen Krieg, Tod, gegen Feind­lich­keit.

 

von Lina Zalitok (Stu­dentin der „Euro­päi­schen Lite­ra­turen“ an der HU Berlin; Lina Zalitok stammt aus Kiev, wo sie ihr erstes Stu­dium abge­schlossen hat. Als Teil­neh­merin der Exkur­sion war sie zum ersten Mal im Leben in der Buko­wina.)

 

IV. Geo­poe­ti­sche Refle­xionen

 

1. Über die geo­poe­ti­schen Land­schaften und Czer­no­witz

Jedes Mal, wenn ich auf Reisen bin,
gelange ich auf alle Straßen, die ich gegangen bin.
Jedes Mal, wenn ich in einer neuen Stadt bin,
gelange ich in alle Städte, in denen ich früher war.

 

Im Som­mer­se­mester 2014 hatte der ukrai­ni­sche Autor Jurij Andruchovyč die Sieg­fried-Unseld-Pro­fessur inne. Neben einem Seminar zum krea­tiven Schreiben, aus dem sich das Pro­jekt „Erfun­dene Dich­te­rInnen“ ent­wi­ckelte, gab Andruchovyč ein lite­ra­tur­theo­re­ti­sches Seminar mit dem Schwer­punkt Geo­poetik . In dem Seminar haben wir uns mit der Frage befasst, ob es eine spe­zi­fi­sche ost- und mit­tel­eu­ro­päi­sche Poetik gibt. Dafür hat Juri Andrucho­vych uns eine Aus­wahl an theo­re­ti­schen und fik­tio­nalen Texten vor­ge­schlagen, dar­unter die Antho­logie Last&Lost, Bruno Schultz, Gregor von Rezzori, Taras Prochas’ko. Als eine span­nende Abwech­se­lung zum Seminar wurden Refe­ren­tInnen ein­ge­laden und inter­viewt: der ukrai­ni­sche Über­setzer Petro Rychlo, die Lek­torin des Suhr­kamp Ver­lages Katha­rina Raabe und andere berich­teten uns von ihren prak­ti­schen Erfah­rungen mit den regio­nalen Lite­ra­turen. Im his­to­ri­sie­renden Über­blick über die Ima­gi­na­tionen Mit­tel­eu­ropas haben wir eine Sen­si­bi­li­sie­rung für die sprach­li­chen und kul­tu­rellen Beson­der­heiten Mittel- und Ost­eu­ropas gewonnen. Bei mir sind am Ende des Semes­ters mehr offene Fragen als fer­tige Ant­worten geblieben, aber das ist wahr­schein­lich der Sinn einer refle­xiven wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Im Anschluss an seine Semi­nare bot Jurij Andruchovyč eine Stu­di­en­reise in die Ukraine an. Ich habe mich ohne zu zögern für die Reise ent­schieden.

Die Stu­di­en­reise führte uns in einer Woche in drei ukrai­ni­sche Städte und war durch die Teil­nahme unserer Semi­nar­gruppe „erfun­dene Dich­te­rInnen“ am lite­ra­ri­schen Fes­tival Meri­dian Czer­no­witz struk­tu­riert. Das Fes­tival wurde vor fünf Jahren in Czer­no­witz ins Leben gerufen, und findet seither stets in meh­reren Län­dern Mit­tel­eu­ropas statt. Diesmal, 2014, in der Ukraine, Polen und Deutsch­land. Ein rei­sendes Fes­tival war für mich eine Ent­de­ckung. Es inspi­rierte mich ganz beson­ders beim Nach­denken über Fragen, die ich mir immer wieder stelle, Fragen bezüg­lich einer gemein­samen ost- und mit­tel­eu­ro­päi­schen Iden­tität und dem­entspre­chenden lite­ra­ri­schen Praxis. Jurij Izdryk hat Serhij Žadans Prosa „unend­li­cher Road-Movie, berauschtes Treiben“ genannt. „Du kannst auf einer belie­bigen Seite sein Werk auf­schlagen, und das wird richtig sein.“ Ohne die Meta­phern der Bewe­gung lässt sich die trans­for­mie­rende ost- und mit­tel­eu­ro­päi­sche Lite­ratur nicht beschreiben.

Czer­no­witz. Zarte Pro­vinz­stadt bezau­bert und bewirtet mich mit einem Übermaß an Licht. Ich atme ein neues Versmaß. Das ist das Wesent­liche, was ich mit­bringen werde. Meine eigene Stimme und die Fähig­keit zu schreiben. Die Straßen sind mit der früh­sep­tem­bri­schen, trans­pa­renten und geschmei­digen Luft über­füllt. Mein ver­stauchter Fuß grüßt, aber ich gehe weiter, weg von der fest­li­chen Fuß­gän­ger­zone der Kobyl­janska-Straße, in die golden-grauen Sei­ten­straßen mit zer­bro­chenem Asphalt und ver­staubten Fas­saden, Säu­len­gänge im Jugend­stil, ich kann nicht weg­schauen, kann nur staunen und mich ver­laufen. Pas­santen erklären mir den Weg. Es ent­stehen Gespräche über Gott und den Krieg, über Poesie und Kunst, mit ganz unbe­kannten Men­schen beim Ein­kaufen. Die Gespräche ent­stehen aus der Luft. Die Begeg­nungen lösen sich genauso schnell auf. Die Gespenster der „Erfun­denen Dich­te­rInnen“ begleiten uns von Stadt zu Stadt. Und ich glaube daran, dass sich irgendwo in der Nähe eine Aus­sicht aufs Meer eröffnet. Da, wo jetzt die Kar­paten sind, war vor vielen Mil­lionen Jahren ein Meer.

Die Frage, ob es eine beson­dere mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche lite­ra­ri­sche Dar­stel­lung oder Wahr­neh­mung der Land­schaft gibt, erscheint mir am Ende der Reise über­flüssig. Jurko Prohas’ko hat das so tref­fend for­mu­liert: Jede Stadt erfährt ihre Ein­zig­ar­tig­keit durch ihre Ähn­lich­keit mit anderen Städten. Nur im Ver­gleich ent­steht ein Bewusst­sein für die Maß­stäbe, Farben und Klänge der Orte. In anderen Semi­naren habe ich gelernt, dass Orte durch mensch­li­ches Han­deln kon­stru­iert werden. In einem Traum auf dem Rückweg sehe ich einen Text, der „Migran­ti­sche Geo­poetik: erfun­dene Orte“ heißt. Ich wache auf.

 

2. Über den Kellner in L’viv

Der letzte Abend in L’viv, unsere bunte Gruppe, Ber­liner Stu­die­rende, „erfun­dene Dich­te­rInnen“, und echte junge Dich­te­rInnen aus der Ukraine, die wich­tigen Bekannt­schaften dieser Reise, trinken im Café „Dzyga“ Kaffee und Glüh­wein. Der Abschied steht bevor, der Herbst macht sich schon ein wenig bemerkbar, manche kuscheln sich in Decken. Aber wir lachen und unter­halten uns laut­stark in mehr oder weniger gebro­chenem Eng­lisch: über Reisen und Schreiben, über unsere Träume. Als wir bezahlen wollen, sagt der Kellner, dass es unter­schied­liche Kunden gibt: solche, die ihm die Laune ver­derben, solche, die nicht in Erin­ne­rung bleiben, und solche, die die Stim­mung auf­hellen und ihn bei der Arbeit erhei­tern, und dass wir eben solche sind. Dann schüt­telt er jeder/m von uns per­sön­lich die Hand und bedankt sich. Auf dem Weg zum Hostel frage ich eine junge ukrai­ni­sche Dich­terin, ob das eine neue wit­zige PR-Methode ist, und sie sagt: eigent­lich nicht. „Mensch­lich­keit“ flammt es in mir auf und ich bin so gerührt, dass ich los­h­eule, als wir uns ver­ab­schieden.

 

3. Für die Erfin­dung der Dichter

Schau mal – wir stehen auf der Bühne, ich und du – ein­fache Stu­den­tinnen, die gewiss heim­lich Texte pro­du­zieren, aber noch nie auf so einer Bühne standen. Das ist ein biss­chen wie Prü­fung und ein biss­chen wie Tri­umph. Für mich gibt es auch etwas Revo­lu­tio­näres darin: junge Frauen, die noch keine „rich­tigen“ Publi­ka­tionen haben, stehen plötz­lich auf einer erwach­senen Bühne mit berühmten Dich­te­rInnen.

Das Pro­jekt Erfun­dene Dich­te­rInnen hat sich aus der Luft her­aus­kris­tal­li­siert. Gespenster der Dich­te­rInnen ließen sich beschwören, als ob es nicht schon genug real vor­han­dene, jedoch nicht aner­kannte AutorInnen gäbe. Wäh­rend eines Tref­fens ist die Idee ent­standen, die „Erfun­denen Dichter“ in „Gefun­dene“ bzw. „Ver­ges­sene“ umzu­be­nennen, damit das Geheimnis nicht allzu schnell ver­raten wird. Aber ich finde den Gedanken, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen, eigent­lich sehr span­nend. Bereits im Titel des Pro­jekts über die Refle­xi­vität des Pro­jekts zu spre­chen, ist das nicht lustig? Die Technik der Par­odie hat viele AutorInnen aus krea­tiven Krisen gerettet. Zudem ist es etwas Post­mo­dernes, fast Soro­kin­sches – Stimmen der Klas­siker nach­zu­ahmen. Und gleich­zeitig stellen wir unseren Lern­pro­zess bloß. Denn keine/r von uns ist bekannt und aner­kannt. Dafür leitet Jurij Andruchovyč die Gruppe. Und sein post­mo­dernes Spiel baut eigent­lich darauf auf, die (bisher) unbe­kannten fremd­sprach­li­chen Stimmen ins Ukrai­ni­sche zu über­setzen. Somit unter­läuft das Pro­jekt „Erfun­dene Dich­te­rInnen“ die Idee von auto­ri­sierter Kunst, indem es die lite­ra­ri­sche Über­set­zung, die phan­ta­sie­volle Erfin­dung und die prä­zise Arbeit mit Lite­ra­tur­ge­schichte sich in einem krea­tiven Zusam­men­spiel begegnen lässt.

 

4. Mehr­spra­chig­keit: zwi­schen Trauma und Utopie

 

Kurtz­schluss
von Gefühlen
gegen alles
was Men­schen trennt
Dra­gica Rajčič

 

Rus­si­sche Pro­pa­gan­da­sen­dungen beschwören das Bild von einer russo­phoben ukrai­nisch-natio­na­lis­ti­schen Ukraine, in der sich die rus­sisch­spra­chige Bevöl­ke­rung in Gefahr befindet. Teile der deut­schen Linken über­nehmen dieses Denken. Es gibt tat­säch­lich Natio­na­lismus in der Ukraine, aber es müsste unter­schieden werden zwi­schen einem Natio­na­lismus in einem besetzten Land und einem kolo­ni­sie­renden Natio­na­lismus. Kom­ple­xität der sprach­li­chen Situa­tion in der Ukraine und die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen eth­ni­schen Selbst­be­zeich­nungen, der Mut­ter­sprache, der Sprache der all­täg­li­chen Kom­mu­ni­ka­tion und poli­ti­schen Aus­rich­tungen werden leider selten von west­eu­ro­päi­schen Medien erfasst. Andrij Port­novs Seminar zu Stadt­my­tho­lo­gien der Ost­ukraine, das er im Win­ter­se­mester 2014/15 an der Hum­boldt-Uni­ver­sität abhält, ist da sehr hilf­reich für mich, wo das Zusam­men­spiel von Kultur- und Sprach­grenzen anhand sym­bo­li­scher, aber auch sta­tis­ti­scher Karten nach­voll­zogen werden kann. Was ist Sprache? In wel­cher Rela­tion steht sie eigent­lich zur Kultur? Und wie hängt Sprache mit natio­nalen Zuge­hö­rig­keits­ge­fühlen zusammen?

Mir, die ich in der Ost­ukraine geboren und dann als Schul­kind mit den Eltern nach Deutsch­land aus­ge­wan­dert bin, hat die Stu­di­en­reise mit Jurij Andruchovyč einen ersten wich­tigen Ein­blick in die Ver­hält­nisse der Ukraine als einem mehr­spra­chigen Land gegeben und geholfen, einen Ein­druck von den tat­säch­li­chen sprach­li­chen Beson­der­heiten zu bekommen.

Auch in das Semi­nar­pro­jekt „Erfun­dene Dich­te­rInnen“ war Mehr­spra­chig­keit als ein wich­tiger Aspekt invol­viert: auf der Ebene der erfun­denen Dich­te­rInnen selbst und auf der­je­nigen der stu­den­ti­schen Teil­neh­me­rInnen. Ukrai­ni­sche, pol­ni­sche, tsche­chi­sche, rus­si­sche, deut­sche, tür­ki­sche und let­ti­sche Dich­te­rInnen wurden erfunden. Die Über­set­zung der im Seminar ent­stan­denen Texte ins Ukrai­ni­sche, aber auch die Reise und Prä­sen­ta­tion der stu­den­ti­schen Werke durch einen renom­mierten Autor war eine Art von kar­ne­val­eskem Spiel mit der Sprache und Hier­ar­chie. Unsere fik­tiven Cha­rak­tere hatten gemein­same Geschichten und waren inter­tex­tuell ver­bunden. Viele von ihnen hatten jüdi­sche Vor­fahren, einige gelten als spurlos in fremden Län­dern ver­schwunden. Es wäre keine vage Spe­ku­la­tion zu sagen, dass diese Ten­denzen die per­sön­li­chen Hin­ter­gründe der Stu­die­renden, wenn auch ver­zerrt, reflek­tieren.

Mehr­spra­chig­keit aber ist für mich der Schlüssel zum Pro­jekt und zu der damit ver­bun­denen Stu­di­en­reise.

Als das Fes­tival Meri­dian Czer­no­witz vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde, sollte Czer­no­witz als mehr­spra­chiges Zen­trum mit­tel­eu­ro­päi­scher Lite­ratur, dessen Tra­di­tion und Gedächtnis durch den Holo­caust und die nach­fol­gende sowje­ti­sche Zeit prak­tisch gelöscht oder wenigs­tens voll­kommen über­deckt worden war, nicht nur erin­nert, son­dern auch wie­der­be­lebt werden. His­to­risch wurde Czer­no­witz von Deutsch, Rumä­nisch, Pol­nisch, Rus­sisch, Jid­disch und Ukrai­nisch geprägt und behält diese Spuren in ihrem Gesicht. Die habs­bur­gi­sche Urba­nität lasst die Stadt viel­fältig und doch zugleich har­mo­nisch erscheinen. Durch das Fes­tival sollte es von Neuem zum Ort des kul­tu­rellen und lite­ra­ri­schen Aus­tauschs zwi­schen ukrai­ni­schen und inter­na­tio­nalen Lite­ra­tInnen werden. Von Anfang an war „der Meri­dian“ mehr­spra­chig wie die Stadt selbst.

Wir haben das Fes­tival in vieler Hin­sicht als mehr­spra­chige und mul­ti­kul­tu­relle künst­le­ri­sche Begeg­nung erlebt: Jüdi­sche Geschichte konnten wir auf der Füh­rung durch den jüdi­schen Friedhof, einen der größten jüdi­schen Fried­höfe in Europa, mit dem Über­setzer Petro Rychlo erfahren. Es gab ein Kon­zert mit jüdi­scher Musik. Der Sohn von Paul Celan hielt seine Begrü­ßungs­rede auf Fran­zö­sisch. Die_der däni­sche Künstler_in Nielsen sang ihre_seine Lieder auf Eng­lisch Gen­der­normen wurden durch den Auf­tritt von Nielsen gebro­chen, die_der in einem Kleid herz­zer­rei­ßende Lieder über den Frieden singt, eine Schleife mit der Auf­schrift „Miss World“ trägt und sich für einen Engel hält. Ein wahrer Lebens­künstler, der sich gegen Iden­tität posi­tio­niert und dessen Pass­foto eigent­lich eines von Andy Warhol ist. Buko­wi­ni­sche und gali­zi­sche Lyrik in den jewei­ligen regio­nalen Dia­lekten des Ukrai­ni­schen wurde teil­weise ins Deut­sche über­setzt. Aber manchmal auch ohne Über­set­zung belassen. Denn intui­tives Emp­finden der Lyrik auf Gehör ist auch eine Art des Ver­ste­hens. Lite­ra­ri­sches Hoch­rus­sisch und Suržik – die Misch­sprache aus Rus­sisch und Ukrai­nisch waren auf dem Fes­tival auch zu hören. Auch Varia­tionen der deut­schen Sprache wurden prä­sen­tiert: deut­sches und öster­rei­chi­sches Deutsch und kroa­ti­sches Schwei­zer­deutsch. Eine der wich­tigsten Begeg­nungen auf dem Fes­tival war für mich Dra­gica Rajčič: eine Autorin, die auf „Gast­ar­bei­ter­deutsch“ (Selbst­be­zeich­nung) ihre Texte ver­fasst. Ich ver­stehe es als ein ganz klares poli­ti­sches Pro­jekt, dass Rajčič ihre migran­ti­sche Stimme sichtbar macht. Dabei gelingen ihr unge­wöhn­lich scharfe, zugleich sati­ri­sche und rüh­rende Texte. Rajčič macht aus den gram­ma­ti­ka­li­schen Feh­lern Meta­phern, ver­fremdet die Sprache selbst, macht ihre Schwäche zu ihrer Stärke, und bleibt so in Erin­ne­rung. Auf dem Meri­dian wurde nun ein Band mit Ori­gi­nal­texten und Über­set­zungen ins Ukrai­ni­sche und Rus­si­sche prä­sen­tiert.

Auch in medialer Hin­sicht fiel das Fes­tival durch „Mehr­spra­chig­keit“ auf: Wenn der Natio­nal­dichter number one (Serhij Žadan) in Beglei­tung pun­kiger Ska-Musik anar­chis­ti­sche Texte rappt, oder Lyrik­le­sungen in einer Box-Sport­halle oder vor der Tür eines Super­marktes durch­ge­führt werden, ent­stehen daraus eben­falls span­nende mul­ti­me­diale und mul­ti­lin­guale Begeg­nungen.

Natür­lich, Fes­ti­vals sind immer Uto­pien. Aber Meri­dian war keine Fusion, kein Bur­ning Man. Hier wurde die Praxis der Koexis­tenz der diversen künst­le­ri­schen und per­sön­li­chen Hin­ter­gründe und Zuge­hö­rig­keiten und ihre Pro­ble­ma­ti­sie­rung geübt, erfahren und reflek­tiert. Das Ukrai­ni­sche aber fun­gierte wäh­rend des Fes­ti­vals als lingua franca: Die meisten Texte und Ver­an­stal­tungen waren auf Ukrai­nisch. Wäh­rend des schwe­lenden Krieges in der Ost­ukraine hatte dies eine beson­dere Bedeu­tung.

Ich selbst konnte mich wäh­rend der ganzen Reise mit Über­set­zungen amü­sieren: die ukrai­ni­schen Spei­se­karten für meine deutsch­spra­chigen Freunde über­set­zend, die Gesten und Blicke für meine neuen ukrai­ni­schen Freunde über­set­zend, mich selbst dabei ertap­pend, frag­men­tiert und zer­streut zu sein und aus ver­schie­denen Spra­chen und Kul­turen gleich­zeitig zu bestehen. So ver­wan­delte sich für mich migran­ti­sche Erfah­rung zum ersten Mal aus dem Trauma, das sie bis­lang immer irgendwie war, in einen Schatz, der künftig – ich fühle es – zur Quelle von Energie und geis­tiger oder lite­ra­ri­scher Krea­ti­vität werden kann.

 

von Maria Beke­tova (Stu­dentin der Gender Stu­dies und der „Kul­turen Mittel- und Ost­eu­ropas“ an der HU Berlin. Maria Beke­tova hat ihre Kind­heit in Charkiv ver­bracht und war jetzt zum ersten Mal im west­li­chen Teil der Ukraine)

 

V. Der Krieg – so fern und doch so nah. Eine Begeg­nung in Czer­no­witz

Ich treffe Kon­stantin, kurz Kostja genannt, am zweiten Tag unseres Auf­ent­halts in Czer­no­witz. Als ich mor­gens mit dem Was­ser­regler der Dusche kämpfe und auf Rus­sisch ver­zwei­felt „Ver­dammt, gibt es hier etwa kein heißes Wasser?!“ aus­rufe, unter­bricht er sein Früh­stück und eilt mir zur Hilfe. Ich halte ihn sofort für jemanden vom Hos­tel­per­sonal. Wie sich her­aus­stellt, funk­tio­niert der Was­ser­regler in unserem Like Hostel anders­herum als gewöhn­lich. Mir ist die Situa­tion ein biss­chen pein­lich. Wieso bin ich nicht selbst drauf gekommen, den Hahn in die andere Rich­tung zu drehen?
Abends kommen wir ins Gespräch. Ich leiste ihm beim Abend­essen Gesell­schaft. Er würde sonst alleine in der kleinen Hostel-Küche sitzen. Er stellt mir viele Fragen zum Leben in Deutsch­land und bittet mich, ihm ein paar Phrasen auf Deutsch bei­zu­bringen. Er finde den Klang der deut­schen Sprache so schön, sagt er und lächelt. Dabei ver­engen sich seine braunen Augen und werden ganz klein. Er löf­felt dünne Suppe, von der er einen rie­sigen Pott für die ganze Woche gekocht hat. Am nächsten Tag wird er sie auch zum Früh­stück essen. Ich finde das befremd­lich. Er findet es hin­gegen befremd­lich, dass man in Deutsch­land Abend­BROT isst.

Wenn sich hier alles gere­gelt habe, werde er anfangen, Deutsch zu lernen. Das hätte er schon so lange vor­ge­habt. Sein Arbeit­geber sei ja auch Deut­scher. Ich höre Stolz in seiner Stimme. „Alles“ bedeutet: Wohn­si­tua­tion klären, Arbeit behalten, ein paar Dinge anschaffen (Hemden für die Arbeit zum Bei­spiel), Alltag ein­kehren lassen.

Ich finde heraus, dass er doch nicht zum Hos­tel­per­sonal gehört, son­dern eigent­lich illegal auf dem harten Sofa im Gemein­schafts­raum schläft. Im Like Hostel dürfen sich in jenen Tagen näm­lich nur Teil­nehmer des Lite­ra­tur­fes­ti­vals Meri­dian Czer­no­witz auf­halten. Doch das tat­säch­liche Hos­tel­per­sonal hat es wohl nicht übers Herz gebracht, ihn vor die Tür zu setzen. Soli­da­rität in Zeiten des Krieges.

Kon­stantin ist 24 und hat bereits zwei Abschlüsse – einen als Lebens­mit­tel­tech­niker und einen als Infor­ma­tiker. „Aber ich habe noch keine Beschei­ni­gung, die mir die zweite Aus­bil­dung offi­ziell nach­weist“, ärgert sich Kostja. Sein zweiter Stu­di­en­ab­schluss fiel mit dem Kriegs­be­ginn zusammen. Die Beschei­ni­gung inter­es­sierte da nie­manden mehr. Zum Glück kann er jetzt in Czer­no­witz trotzdem als Pro­gram­mierer arbeiten. „Die Beschei­ni­gung werde ich mir aber noch aus­stellen lassen! Die brauche ich doch!“, sagt Kostja mit fester Stimme und erklärt mir, dass dies viel­leicht in einer Filiale seiner Uni­ver­sität in L’viv mög­lich sein werde. „Das werde ich aber dann klären, wenn hier alles gere­gelt ist.“

Zum Zeit­punkt unseres Tref­fens, liegt Kostjas Flucht aus dem knapp 1000 Kilo­meter ent­fernten Donezk in der umkämpften Ost­ukraine zwanzig Tage zurück. Wahr­schein­lich wird er sich sein Leben lang an das genaue Datum erin­nern: 17. August 2014. Sein Stu­di­en­freund war schon einige Wochen zuvor nach Czer­no­witz gekommen. Er hatte schnell einen Job im Restau­rant und eine bezahl­bare Woh­nung gefunden. Er rief Kostja an und for­derte ihnn auf, nach­zu­kommen. Er musste nicht viel Über­zeu­gungs­ar­beit leisten. „Was sollte ich denn auch in Donezk machen, außer den Schüssen und Explo­sionen zuzu­hören?“ Zwei Tage rei­chen zur Vor­be­rei­tung. Dann packt er eine Hand­ge­päck-große Rei­se­ta­sche, auf der das Logo der Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft prangt, die zwei Jahre zuvor in der Ukraine statt­ge­funden hatte, setzt sich in den Zug und macht sich auf den Weg ins Unge­wisse. Pein­lich berührt stelle ich fest, dass er wesent­lich weniger Gepäck für einen Umzug auf unbe­stimmte Zeit dabei hat als ich für meinen 7‑Tage-Trip.

In Donezk lässt er seine Mutter, seine Schwester und seinen kleinen Neffen zurück. „Nie­mand hat noch Arbeit in Donezk – außer meine Mutter, denn sie ist Ret­tungs­ärztin. Ja, sie hat zur Zeit mehr als genug Arbeit.“ Kostja klingt nicht ver­bit­tert oder traurig, wenn er das sagt. Er erzählt mir vom Schuss­lärm und den Explo­sionen, die er mit­er­lebt hat, im glei­chen Ton wie von der Tat­sache, dass er nicht gerne Süßig­keiten isst. Ich frage mich, ob er das Erlebte tat­säch­lich so cool weg­steckt oder ob er so tun muss als ob, damit es ihn nicht fertig macht. Damit er sich die Kräfte auf­spart, die er für das neue Leben, das er auf­zu­bauen ver­sucht, braucht.

Mit seiner Familie tele­fo­niert er einmal die Woche. Er sagt seiner Mutter nicht, dass er solange im Hostel wohnt, bis sich die Woh­nungs­frage geklärt hat. Die würde sich nur unnötig Sorgen machen. Sie denkt, er sei bei dem Freund unter­ge­kommen. Kostja ver­si­chert seiner Mutter, dass alles gut sei und spricht über das schöne Wetter. Seiner Schwester erzählt er das Gleiche. Fragt nach seinem sie­ben­jäh­rigen Neffen, der am 1. Sep­tember ein­ge­schult worden wäre, wenn in Donezk nor­maler Schul­be­trieb herr­schen würde. Seine Schwester wird ihn jetzt erst einmal zu Hause unter­richten. Kostja ver­ab­redet sich mit ihr zu einem Skype-Gespräch am Ende der Woche, damit sie sich einmal kurz sehen und davon über­zeugen können, dass es dem jeweils anderen gut geht. Wann sie sich tat­säch­lich wie­der­sehen werden, weiß keiner von beiden. Später wird Kostja mir ver­raten, dass er nicht mehr nach Donezk zurück­kehren wolle. Er kann sich dort kein Leben mehr vor­stellen.

Als ich Kostjas Gespräch mit seiner Familie mit­höre, frage ich mich, wie in einem Teil des Landes das Leben wei­ter­gehen kann, wie wir ein paar Momente zuvor die Fuß­gän­ger­zone ent­lang spa­zieren und Eis essen konnten, wäh­rend das Leben in dem anderen Teil des Landes kom­plett still steht. Nein, viel­leicht eher: kom­plett auf den Kopf gestellt ist.

Ich rufe meine Familie einmal aus der Ukraine an. Mein Vater sagt, allen gehe es gut und es gebe soweit nichts Neues. Meine Schwester erzählt mir von ihrer Klas­sen­fahrt nach Wan­ger­ooge. Ich schaue Kostja kurz durch meine Son­nen­brille an und beginne, mich für dieses banale Tele­fonat zu schämen.

Wäh­rend mein neuer Freund mich durch seinen neuen Wohnort führt, den er selbst nur minimal besser kennt als ich, erzählt er mir nichts über Czer­no­witz, son­dern ganz viel über seine Hei­mat­stadt Donezk. Czer­no­witz sei ja ganz schön, aber nicht mit Donezk ver­gleichbar. Donezk sei größer, quir­liger, auf­re­gender. Dort geäbe es alles. Dort würde man sich an einem Sonntag nicht lang­weilen. Es sei eine schöne Groß­stadt. War. Der Bahnhof, erst vor Kurzem zur Fuß­ball-EM restau­riert – zer­bombt. Auch das Fuß­ball­sta­tion von Schachtar Donezk, die Donbas Arena, schwer beschä­digt.

Auf der male­ri­schen Fla­nier­meile in Czer­no­witz, der Olga-Kobyl­janska-Straße, die bis heute das geschlos­sene Stra­ßen­bild der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts bewahrt, kann man gegen eine Spende Bilder in ukrai­ni­schen Natio­nal­trachten machen. Ich oute mich als Touri und zerre Kostja vor die Linse. „Es ist unser letzter gemein­samer Tag. Wir müssen doch ein Bild zur Erin­ne­rung machen!“ Nach unserem kleinen Foto­shoo­ting, das wir mit einer Spende von zwanzig Griwni bezahlen, erklärt Kostja mir, dass das Geld für die chro­nisch unter­fi­nan­zierte ukrai­ni­sche Armee gesam­melt werde. In der ganzen Ukraine gebe es Aktionen wie diese. Soli­da­rität in Zeiten des Krieges. Und im glei­chen Atemzug weisßt er lako­nisch auf die Para­doxie der Situa­tion hin: „Viel­leicht habe ich gerade Geld für die Zer­stö­rung meiner Hei­mat­stadt gespendet…“ Und mich über­fällt schon wieder die Scham.

 

Ekaterina und Konstantin

Eka­te­rina und Kon­stantin

 

von Eka­te­rina Feld­mann (Stu­dentin des MA-Stu­di­en­gangs „Kul­turen Mittel- und Ost­eu­ropas“. Eka­te­rina Feld­mann hat wie Lina Zalitok und Masha Beke­tova einen rus­sisch­spra­chigen fami­liären Hin­ter­grund. Sie war zum ersten Mal in der Ukraine)