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"Terroristin in der Terra Incognita der Zwischensprachlichkeit"

Posted on 15. Dezember 2010 by Anne Sturm
1. Preis im novinki-Wettbewerb - für das beste Autorenportrait! Als sie vor fünfzehn Jahren nach Deutschland kam, kannte Tzveta Sofronieva vier Wörter: »gut«, »kaputt«, »heil« (von »Heil Hitler!«) aus russischen Kriegsfilmen und »das Sein«, wegen Kant. Derart ausgerüstet startete die 28-Jährige in ihre fünfte Sprache, die sie spielerisch lernte, „da sie nicht beabsichtigte, im Deutschen zu bleiben, wie Kinder nichts beabsichtigen“.

„Als ich vor fünfzehn Jahren nach Deutschland kam“, schreibt die Bulgarin Tzveta Sofronieva über sich, „kannte ich vier Wörter: »gut«, »kaputt«, »heil« (von »Heil Hitler!«) aus russischen Kriegsfilmen und »das Sein«, wegen Kant“. Derart ausgerüstet startete die 28-Jährige in ihre fünfte Sprache, die sie spielerisch lernte, „da sie nicht beabsichtigte, im Deutschen zu bleiben, wie Kinder nichts beabsichtigen“.
Entgegen ihrer Absicht ist sie geblieben und spätestens seit der Auszeichnung durch den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis 2009 ist Tzveta Sofronieva keine Unbekannte im deutschen Literaturbetrieb mehr. Die Ehrung erhielt die Autorin, die zuvor unter anderem Stipendiatin beim KulturKontakt Wien und der Villa Aurora in Los Angeles war, für ihren 2008 erschienenen Gedichtband Eine Hand voll Wasser, den sie als ersten komplett auf Deutsch schrieb.

Eigentlich hätte das Deutsche sie zunächst verführt, Kurzgeschichten zu schreiben, sagt Sofronieva in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Gedichte kamen erst später und für sie selbst überraschend dazu. Inzwischen machen Poesieveröffentlichungen den größten Teil ihres Oeuvres aus, das neben Gedichten auch Kurzerzählungen, ein experimentelles Theaterstück sowie Essays, Rezensionen und Artikel zu den unterschiedlichsten Themen umfasst. Sofronieva schreibt auf bulgarisch, englisch und deutsch und überträgt viele ihrer Texte selbst von der einen in die andere Sprache. Häufig wechseln diese innerhalb eines Textes unvermittelt, was ihren Ruf als Grenzgängerin begründet.
Dass es sich bei der Autorin um eine studierte Physikerin handelt, die eine Dissertation über kulturelle Einflüsse auf den Wissenstransfer verfasst hat, schlägt sich nicht nur in der Vorliebe für Metaphern aus dem Bereich der Naturwissen-schaften nieder. Sofronievas Philosophie ist die einer Erklärbarkeit der Welt, in der Mysterien existieren, jedoch deshalb noch lange nichts unaussprechlich bleibt. „Kommunikationsverbote lehne ich grundsätzlich ab“, lautet der unmissverständliche Standpunkt der Autorin, für die Schreiben vor allem Erforschen bedeutet.
Nur zu gern verlassen ihre Gedichte daher das Papier, um als Literaturinstallationen den öffentlichen Raum zu bevölkern; wie das Gedicht „Zwischen“ in einen riesigen, begehbaren Holzstapel eingraviert oder wie „Taufe“ im Rahmen eines Graffitiwettbewerbs an die Wand gebracht.

Viele von Tzveta Sofronievas Texten wurden in digitalen Zeitschriften wie der „Transcript Review“ und auf der von ihr mitinitiierten Internetplattform „Kakanien revisited“ veröffentlicht. Auf ihrer Homepage stellt sie einen Großteil ihrer Texte, häufig in drei Sprachen, zur Verfügung – bei Tzveta Sofronieva handelt es sich um eine Autorin, für die das Internet keine Bedrohung geistigen Eigentums, sondern die Möglichkeit, Entfernungen zu überbrücken, darstellt.
Als Mitglied von Auropolis, einer Plattform für Multimediakünstler, experimentiert sie mit Web Streaming Poetry, die es ermöglicht, eine virtuelle Gleichzeitigkeit von Ereignissen herzustellen und den Austausch zwischen Künstlern unabhängig von ihren tatsächlichen räumlichen Entfernungen zu organisieren. 2006 präsentierte Sofronieva ihren bulgarischsprachigen Gedichtband „Wahr/nehmungen“ zeitgleich mit einem Konzert der Belgrader Künstlerin Manja Ristić und den Lesungen von vier weiteren AutorInnen in London, Belgrad, Sofia, Paris, Prag, Berlin und Washington DC – für den Zuschauer ein phantastisches Sich-Ergänzen von Kunstformen und Künstlern, die sich persönlich noch nie getroffen hatten.

Das Überwinden von Entfernungen ist auch für Sofronievas Texte programmatisch. Es wird gereist, gewandert, Berge werden erklommen und Meere durchschwommen. Erzählungen tragen die Namen „Berlin-Sofia-Berlin“ oder „Reise in die Einsamkeit“ - „Der Mensch geht und kommt, um wieder zu gehen.“, lautet ein Vers aus dem Gedicht „Ein unbekanntes Wort“.

Sofronievas genaue Beobachtungsgabe, die Radikalität, mit der sie weit auseinander liegende Sachverhalte engführt und ihr Sprachwitz finden in ihrer Lyrik insgesamt einen prägnanteren Ausdruck als in ihrer Prosa, die zum Teil statisch wirkt.
Die Gedichte versammeln Reime aus bulgarischen Kinderliedern und physikalische Fachbegriffe; chemische Reaktionen sind zugleich emotionale Experimente und die Verwandlung der Elemente ineinander zielt auch auf die Übersetzbarkeit von Sprachen und Erfahrungen.

1992 erschien Chicago Blues im Sofioter SPO-Verlag, Sofronievas erster Gedicht-band, der bulgarische und englische Gedichte versammelt. Unter den weiteren fünf Gedichtbänden befindet sich mit dem 1999 erschienenen Gefangen im Licht, erneut eine zweisprachige Publikation, die diesmal den bulgarischen Gedichten ihre deutsche Übersetzung gegenüberstellt. Eine Hand voll Wasser, 2008 im Unartig-Verlag herausgegeben, ist Sofronievas erster, komplett auf Deutsch geschriebener Gedichtband.
Dieser versammelt 21 Gedichte, von denen einige wenige Zeilen lang sind, während andere mehrere Seiten füllen. Das Wasser, bereits im Titel des Gedichtbandes präsent, taucht leitmotivisch in fast jedem Gedicht, sei es als Wasserglas oder als Ozean, auf. Im Fließen und in seiner Grenzenlosigkeit wird es an vielen Stellen zum Sinnbild für die Sprache selbst. Panta rhei scheint auch das Entstehungsprinzip der Gedichte zu sein, die sich in selbstreferentiellen Anspielungen kunstvoll aufeinander beziehen und sich häufig mit einem Augenzwinkern gegenseitig zitieren. In einem poetischen Universum, in dem alles immerfort in Bewegung ist, bilden sich wieder-holende Formeln wie die des „anderen Wortes“, der „Schatten der Worte“ und des „Lichts der Sprache“ – Fixpunkte, um die sich immer wieder neue Gedankenexperimente gruppieren.
Auch Sofronievas poetische Sprache hat etwas Rastloses, Unstetes. Mit Vorliebe bewegt sie sich über Assoziationen fort, wobei sie mal äußerst exakt benennt, mal ins Ungefähre abschweift.
Einzelne Silben werden sorgfältig auf ihre sinnliche Beschaffenheit hin untersucht, probehalber auseinandergerissen und zu neuen Worten zusammengesetzt. Witz und Ironie ihres Schreibens gründen sich wesentlich in einer Unvoreingenommenheit, die durch die Distanz der Autorin zum verwendeten Sprachmaterial ermöglicht wird.

„Über das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer, in Kalifornien 6.

Über das Glück - ach, wunderbares Wort!- lest bei Schopenhauer nach.
Meine Analyse ist lautvergleichend, nicht objektiv.
Es gibt viele Lücken im Glück, auch verrückt und bedrückt stecken im luck.
Im Bulgarischen wird das Glück, schtastie, oft verschluckt, viel sch und t, viel scht,
Schweigen ist im Glück,
auch viel st, Angst, Steine, Stolpern, Stolz, Stelle, Stop.
Das Phänomen schtastie und sein Verschlucken im Hals
sind so angenehm zu erforschen.
Nicht der quälende Wunsch nach Glück, sondern ehrliches Stottern
taucht in den anderen Sprachen auf.
Happiness stolpert bei dem p.
Glück gluckert leise in der Kehle,kasmet, um genau zu sein,
kismet wird es richtig ausgesprochen,
gerinnt und wird sauer bei Aufbewahrung außerhalb des Kühlschranks,
du willst es nicht schlucken und fängst an, konvulsivisch zu stottern
bei dem a, entsprechend bei dem i.
Die Behältnisse zur Aufbewahrung des Glücks sind offenbar von Bedeutung.“

Die Stimme des lyrischen Ichs ist zumeist weiblich. Auch in den schreibenden Frauen und Wissenschaftlerinnen der Erzählungen erkennt man häufig Alter Ego der Dichterin, die in einem Café ihre alte Freundin Frau T. zu sehen glaubt oder eine Poetik der Küsse an einen Fahrradhändler schreibt („Von ihrem Kuss kann ich mich noch nicht erholen. Und auch zu dichten nutzt hier wenig.“). Die Liste weiblicher Attribute: Höhe der Absätze, Farbe der Bettwäsche, Blumen in der Vase. Das klingt zunächst einfach, doch bei genauerem Hinsehen wird hier mit durchaus feministischen Untertönen um Recht und Gleichberechtigung gekämpft; ist es bei Sofronieva Penelope, die über die Meere fährt: „Das Ionische Meer erkennt mich,/ und alle Reisen von Odysseus bin ich schon gereist, und habe den Zorn Poseidons nicht geweckt,/ womit auch?-/ und keiner wartet auf mich in Ithaka,“. Häufig werden die klassischen Rollen der Mutter, Ehefrau und Geliebten in archetypisch klingenden Konstellationen wie „Die Berge, ein Mann, eine Frau“ oder „Der alte Mann, das Meer, die Frau“ scheinbar affirmiert, um letzten Endes doch ad absurdum geführt zu werden. Die Frau und ihr Anderssein sind ständiger Störfaktor im Männeridyll, das pointiert und mit fast jelinekscher Lakonie beschrieben wird: „Wer hat ihn beauftragt, die Berge zu durchwandern?/ Niemand. Und genau das macht das Recht des Mannes aus.“

Die Erfahrungen, die Sofronieva beim Dichten in fremden Sprachen machte, führten zur Gründung des Netzwerkes „Verbotene Worte“, das literarische und wissenschaftliche Projekte vereint, die sich mit dem Gedächtnis der Worte, der Macht der Erinnerung in der Sprache bei interkulturellen Begegnungen und mit der Mehrsprachigkeit auseinandersetzen.
Der konkrete Auslöser war für Sofronieva, wie sie im Vorwort der Anthologie Verbotene Worte schreibt, dass eines ihrer Gedichte über Sprache mit dem bulgarischen Titel „Heimat“ in der deutschen Übersetzung nicht so heißen durfte. „‚Seele’ und sogar ein Wort wie ‚Großmutter’ stießen auf Skepsis und Ablehnung, ‚Gott’ wurde ausschließlich der christlichen Religion zugeordnet; ‚Trost’, ‚Sehnsucht’, ‚Elite’, ‚Begabung’ klangen suspekt“, erinnert sich die Autorin. Aus Gesprächen mit befreundeten AutorInnen über dieses Phänomen, ergaben sich bald erste Texte, die schließlich in der Anthologie Verbotene Worte versammelt wurden. Diese Publikation wurde zum Auslöser weiterer Veröffentlichungen, Symposien und Workshops, die sich mit der Frage auseinandersetzten, inwiefern Worte in Ost- wie Westeuropa politisch und ideologisch belastet sind und was beim Zusam-mentreffen von sprachlichen Bildern in der Mehrsprachigkeit passiert.

Mit der Übersetzbarkeit von Worten, aber auch von den Erfahrungen und Gefühlen, die dahinter stehen, ist man indes zum Kern von Sofronievas poetischem Nachdenken gelangt. Wenn Worte für bestimmte Gefühle in einer fremden Sprache nicht zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage, ob die entsprechenden Gefühle existieren. „Sprache hat viel mit Grenzen zu tun“, schreibt Sofronieva in ihrem Essay „andere (W)Orte“: „Sprachen haben auch eine besondere Eigenschaft: einerseits kennen sie keine Grenzen, sind grenzenlos, sowohl in der Suche nach Benennung, als auch, weil sie fließend ineinander übergehen; andererseits können sie gerade Grenzen setzen, schaffen.“ Die Sprache kann kulturelle Kluft und Brücke zugleich sein, es gibt eine fließende Grenze zwischen dem „Nicht-Verstehen-Können“ und dem „Nicht-Verstehen-Wollen“. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist die Zwischensprachlichkeit, die einen „Zustand der Freiheit“ darstellen kann, wie Ilma Rakusa in ihrer Laudatio zur Verleihung des Chamisso-Preises formulierte.
Die Rolle der Vermittlerin zwischen den Sprachen und Kulturen, wie es in der Ausschreibung des Preises heißt, der ja selbst zunehmend kontrovers diskutiert wird, weist Sofronieva jedoch von sich, vor allem den Zwang von außen, eine literarische Brückenfunktion zu übernehmen. Als Antwort auf jegliche politische Vereinnahmungsversuche würde die Autorin vermutlich einfach auf ihre Lyrik verweisen, wo es unmissverständlich heißt:

„Und
lasst es in Frieden weiterziehen,
das Wasser,
und lasst sie in Frieden weiterziehen und wandern,
die Sprache,
und lasst mich in Frieden
weiter
ziehen,

lasst mich in Frieden weiterziehen,
in Frieden weiterziehen und wandern.“

 

Illustration von Nastasia Louveau

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"Terroristin in der Terra Incognita der Zwischensprachlichkeit" – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“Ter­ro­ristin in der Terra Inco­gnita der Zwischensprachlichkeit”

„Als ich vor fünf­zehn Jahren nach Deutsch­land kam“, schreibt die Bul­garin Tzveta Sofro­nieva über sich, „kannte ich vier Wörter: »gut«, »kaputt«, »heil« (von »Heil Hitler!«) aus rus­si­schen Kriegs­filmen und »das Sein«, wegen Kant“. Derart aus­ge­rüstet star­tete die 28-Jäh­rige in ihre fünfte Sprache, die sie spie­le­risch lernte, „da sie nicht beab­sich­tigte, im Deut­schen zu bleiben, wie Kinder nichts beabsichtigen“.
Ent­gegen ihrer Absicht ist sie geblieben und spä­tes­tens seit der Aus­zeich­nung durch den Adal­bert-von-Cha­misso-För­der­preis 2009 ist Tzveta Sofro­nieva keine Unbe­kannte im deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb mehr. Die Ehrung erhielt die Autorin, die zuvor unter anderem Sti­pen­diatin beim Kul­tur­Kon­takt Wien und der Villa Aurora in Los Angeles war, für ihren 2008 erschie­nenen Gedicht­band Eine Hand voll Wasser, den sie als ersten kom­plett auf Deutsch schrieb.

Eigent­lich hätte das Deut­sche sie zunächst ver­führt, Kurz­ge­schichten zu schreiben, sagt Sofro­nieva in einem Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung. Gedichte kamen erst später und für sie selbst über­ra­schend dazu. Inzwi­schen machen Poe­sie­ver­öf­fent­li­chungen den größten Teil ihres Oeu­vres aus, das neben Gedichten auch Kur­z­er­zäh­lungen, ein expe­ri­men­telles Thea­ter­stück sowie Essays, Rezen­sionen und Artikel zu den unter­schied­lichsten Themen umfasst. Sofro­nieva schreibt auf bul­ga­risch, eng­lisch und deutsch und über­trägt viele ihrer Texte selbst von der einen in die andere Sprache. Häufig wech­seln diese inner­halb eines Textes unver­mit­telt, was ihren Ruf als Grenz­gän­gerin begründet.
Dass es sich bei der Autorin um eine stu­dierte Phy­si­kerin han­delt, die eine Dis­ser­ta­tion über kul­tu­relle Ein­flüsse auf den Wis­sens­transfer ver­fasst hat, schlägt sich nicht nur in der Vor­liebe für Meta­phern aus dem Bereich der Natur­wissen-schaften nieder. Sofro­nievas Phi­lo­so­phie ist die einer Erklär­bar­keit der Welt, in der Mys­te­rien exis­tieren, jedoch des­halb noch lange nichts unaus­sprech­lich bleibt. „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­bote lehne ich grund­sätz­lich ab“, lautet der unmiss­ver­ständ­liche Stand­punkt der Autorin, für die Schreiben vor allem Erfor­schen bedeutet.
Nur zu gern ver­lassen ihre Gedichte daher das Papier, um als Lite­ra­tur­in­stal­la­tionen den öffent­li­chen Raum zu bevöl­kern; wie das Gedicht „Zwi­schen“ in einen rie­sigen, begeh­baren Holz­stapel ein­gra­viert oder wie „Taufe“ im Rahmen eines Graf­fi­ti­wett­be­werbs an die Wand gebracht.

Viele von Tzveta Sofro­nievas Texten wurden in digi­talen Zeit­schriften wie der „Tran­script Review“ und auf der von ihr mit­in­iti­ierten Inter­net­platt­form „Kaka­nien revi­sited“ ver­öf­fent­licht. Auf ihrer Home­page stellt sie einen Groß­teil ihrer Texte, häufig in drei Spra­chen, zur Ver­fü­gung – bei Tzveta Sofro­nieva han­delt es sich um eine Autorin, für die das Internet keine Bedro­hung geis­tigen Eigen­tums, son­dern die Mög­lich­keit, Ent­fer­nungen zu über­brü­cken, darstellt.
Als Mit­glied von Auro­polis, einer Platt­form für Mul­ti­me­dia­künstler, expe­ri­men­tiert sie mit Web Strea­ming Poetry, die es ermög­licht, eine vir­tu­elle Gleich­zei­tig­keit von Ereig­nissen her­zu­stellen und den Aus­tausch zwi­schen Künst­lern unab­hängig von ihren tat­säch­li­chen räum­li­chen Ent­fer­nungen zu orga­ni­sieren. 2006 prä­sen­tierte Sofro­nieva ihren bul­ga­risch­spra­chigen Gedicht­band „Wahr/nehmungen“ zeit­gleich mit einem Kon­zert der Bel­grader Künst­lerin Manja Ristić und den Lesungen von vier wei­teren AutorInnen in London, Bel­grad, Sofia, Paris, Prag, Berlin und Washington DC – für den Zuschauer ein phan­tas­ti­sches Sich-Ergänzen von Kunst­formen und Künst­lern, die sich per­sön­lich noch nie getroffen hatten.

Das Über­winden von Ent­fer­nungen ist auch für Sofro­nievas Texte pro­gram­ma­tisch. Es wird gereist, gewan­dert, Berge werden erklommen und Meere durch­schwommen. Erzäh­lungen tragen die Namen „Berlin-Sofia-Berlin“ oder „Reise in die Ein­sam­keit“ – „Der Mensch geht und kommt, um wieder zu gehen.“, lautet ein Vers aus dem Gedicht „Ein unbe­kanntes Wort“.

Sofro­nievas genaue Beob­ach­tungs­gabe, die Radi­ka­lität, mit der sie weit aus­ein­ander lie­gende Sach­ver­halte eng­führt und ihr Sprach­witz finden in ihrer Lyrik ins­ge­samt einen prä­gnan­teren Aus­druck als in ihrer Prosa, die zum Teil sta­tisch wirkt.
Die Gedichte ver­sam­meln Reime aus bul­ga­ri­schen Kin­der­lie­dern und phy­si­ka­li­sche Fach­be­griffe; che­mi­sche Reak­tionen sind zugleich emo­tio­nale Expe­ri­mente und die Ver­wand­lung der Ele­mente inein­ander zielt auch auf die Über­setz­bar­keit von Spra­chen und Erfahrungen.

1992 erschien Chi­cago Blues im Sofioter SPO-Verlag, Sofro­nievas erster Gedicht-band, der bul­ga­ri­sche und eng­li­sche Gedichte ver­sam­melt. Unter den wei­teren fünf Gedicht­bänden befindet sich mit dem 1999 erschie­nenen Gefangen im Licht, erneut eine zwei­spra­chige Publi­ka­tion, die diesmal den bul­ga­ri­schen Gedichten ihre deut­sche Über­set­zung gegen­über­stellt. Eine Hand voll Wasser, 2008 im Unartig-Verlag her­aus­ge­geben, ist Sofro­nievas erster, kom­plett auf Deutsch geschrie­bener Gedichtband.
Dieser ver­sam­melt 21 Gedichte, von denen einige wenige Zeilen lang sind, wäh­rend andere meh­rere Seiten füllen. Das Wasser, bereits im Titel des Gedicht­bandes prä­sent, taucht leit­mo­ti­visch in fast jedem Gedicht, sei es als Was­ser­glas oder als Ozean, auf. Im Fließen und in seiner Gren­zen­lo­sig­keit wird es an vielen Stellen zum Sinn­bild für die Sprache selbst. Panta rhei scheint auch das Ent­ste­hungs­prinzip der Gedichte zu sein, die sich in selbst­re­fe­ren­ti­ellen Anspie­lungen kunst­voll auf­ein­ander beziehen und sich häufig mit einem Augen­zwin­kern gegen­seitig zitieren. In einem poe­ti­schen Uni­versum, in dem alles immer­fort in Bewe­gung ist, bilden sich wieder-holende For­meln wie die des „anderen Wortes“, der „Schatten der Worte“ und des „Lichts der Sprache“ – Fix­punkte, um die sich immer wieder neue Gedan­ken­ex­pe­ri­mente gruppieren.
Auch Sofro­nievas poe­ti­sche Sprache hat etwas Rast­loses, Unstetes. Mit Vor­liebe bewegt sie sich über Asso­zia­tionen fort, wobei sie mal äußerst exakt benennt, mal ins Unge­fähre abschweift.
Ein­zelne Silben werden sorg­fältig auf ihre sinn­liche Beschaf­fen­heit hin unter­sucht, pro­be­halber aus­ein­an­der­ge­rissen und zu neuen Worten zusam­men­ge­setzt. Witz und Ironie ihres Schrei­bens gründen sich wesent­lich in einer Unvor­ein­ge­nom­men­heit, die durch die Distanz der Autorin zum ver­wen­deten Sprach­ma­te­rial ermög­licht wird.

„Über das Glück nach der Lek­türe von Scho­pen­hauer, in Kali­for­nien 6.

Über das Glück – ach, wun­der­bares Wort!- lest bei Scho­pen­hauer nach.
Meine Ana­lyse ist laut­ver­glei­chend, nicht objektiv.
Es gibt viele Lücken im Glück, auch ver­rückt und bedrückt ste­cken im luck.
Im Bul­ga­ri­schen wird das Glück, schtastie, oft ver­schluckt, viel sch und t, viel scht,
Schweigen ist im Glück,
auch viel st, Angst, Steine, Stol­pern, Stolz, Stelle, Stop.
Das Phä­nomen schtastie und sein Ver­schlu­cken im Hals
sind so ange­nehm zu erforschen.
Nicht der quä­lende Wunsch nach Glück, son­dern ehr­li­ches Stottern
taucht in den anderen Spra­chen auf.
Hap­pi­ness stol­pert bei dem p.
Glück glu­ckert leise in der Kehle,kasmet, um genau zu sein,
kismet wird es richtig ausgesprochen,
gerinnt und wird sauer bei Auf­be­wah­rung außer­halb des Kühlschranks,
du willst es nicht schlu­cken und fängst an, kon­vul­si­visch zu stottern
bei dem a, ent­spre­chend bei dem i.
Die Behält­nisse zur Auf­be­wah­rung des Glücks sind offenbar von Bedeutung.“

Die Stimme des lyri­schen Ichs ist zumeist weib­lich. Auch in den schrei­benden Frauen und Wis­sen­schaft­le­rinnen der Erzäh­lungen erkennt man häufig Alter Ego der Dich­terin, die in einem Café ihre alte Freundin Frau T. zu sehen glaubt oder eine Poetik der Küsse an einen Fahr­rad­händler schreibt („Von ihrem Kuss kann ich mich noch nicht erholen. Und auch zu dichten nutzt hier wenig.“). Die Liste weib­li­cher Attri­bute: Höhe der Absätze, Farbe der Bett­wä­sche, Blumen in der Vase. Das klingt zunächst ein­fach, doch bei genauerem Hin­sehen wird hier mit durchaus femi­nis­ti­schen Unter­tönen um Recht und Gleich­be­rech­ti­gung gekämpft; ist es bei Sofro­nieva Pene­lope, die über die Meere fährt: „Das Ioni­sche Meer erkennt mich,/ und alle Reisen von Odys­seus bin ich schon gereist, und habe den Zorn Posei­dons nicht geweckt,/ womit auch?-/ und keiner wartet auf mich in Ithaka,“. Häufig werden die klas­si­schen Rollen der Mutter, Ehe­frau und Geliebten in arche­ty­pisch klin­genden Kon­stel­la­tionen wie „Die Berge, ein Mann, eine Frau“ oder „Der alte Mann, das Meer, die Frau“ scheinbar affir­miert, um letzten Endes doch ad absurdum geführt zu werden. Die Frau und ihr Anders­sein sind stän­diger Stör­faktor im Män­ner­idyll, das poin­tiert und mit fast jelin­ek­scher Lakonie beschrieben wird: „Wer hat ihn beauf­tragt, die Berge zu durchwandern?/ Nie­mand. Und genau das macht das Recht des Mannes aus.“

Die Erfah­rungen, die Sofro­nieva beim Dichten in fremden Spra­chen machte, führten zur Grün­dung des Netz­werkes „Ver­bo­tene Worte“, das lite­ra­ri­sche und wis­sen­schaft­liche Pro­jekte ver­eint, die sich mit dem Gedächtnis der Worte, der Macht der Erin­ne­rung in der Sprache bei inter­kul­tu­rellen Begeg­nungen und mit der Mehr­spra­chig­keit auseinandersetzen.
Der kon­krete Aus­löser war für Sofro­nieva, wie sie im Vor­wort der Antho­logie Ver­bo­tene Worte schreibt, dass eines ihrer Gedichte über Sprache mit dem bul­ga­ri­schen Titel „Heimat“ in der deut­schen Über­set­zung nicht so heißen durfte. „‚Seele’ und sogar ein Wort wie ‚Groß­mutter’ stießen auf Skepsis und Ableh­nung, ‚Gott’ wurde aus­schließ­lich der christ­li­chen Reli­gion zuge­ordnet; ‚Trost’, ‚Sehn­sucht’, ‚Elite’, ‚Bega­bung’ klangen suspekt“, erin­nert sich die Autorin. Aus Gesprä­chen mit befreun­deten AutorInnen über dieses Phä­nomen, ergaben sich bald erste Texte, die schließ­lich in der Antho­logie Ver­bo­tene Worte ver­sam­melt wurden. Diese Publi­ka­tion wurde zum Aus­löser wei­terer Ver­öf­fent­li­chungen, Sym­po­sien und Work­shops, die sich mit der Frage aus­ein­an­der­setzten, inwie­fern Worte in Ost- wie West­eu­ropa poli­tisch und ideo­lo­gisch belastet sind und was beim Zusam-men­treffen von sprach­li­chen Bil­dern in der Mehr­spra­chig­keit passiert.

Mit der Über­setz­bar­keit von Worten, aber auch von den Erfah­rungen und Gefühlen, die dahinter stehen, ist man indes zum Kern von Sofro­nievas poe­ti­schem Nach­denken gelangt. Wenn Worte für bestimmte Gefühle in einer fremden Sprache nicht zur Ver­fü­gung stehen, stellt sich die Frage, ob die ent­spre­chenden Gefühle exis­tieren. „Sprache hat viel mit Grenzen zu tun“, schreibt Sofro­nieva in ihrem Essay „andere (W)Orte“: „Spra­chen haben auch eine beson­dere Eigen­schaft: einer­seits kennen sie keine Grenzen, sind gren­zenlos, sowohl in der Suche nach Benen­nung, als auch, weil sie flie­ßend inein­ander über­gehen; ande­rer­seits können sie gerade Grenzen setzen, schaffen.“ Die Sprache kann kul­tu­relle Kluft und Brücke zugleich sein, es gibt eine flie­ßende Grenze zwi­schen dem „Nicht-Ver­stehen-Können“ und dem „Nicht-Ver­stehen-Wollen“. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist die Zwi­schen­sprach­lich­keit, die einen „Zustand der Frei­heit“ dar­stellen kann, wie Ilma Rakusa in ihrer Lau­datio zur Ver­lei­hung des Cha­misso-Preises formulierte.
Die Rolle der Ver­mitt­lerin zwi­schen den Spra­chen und Kul­turen, wie es in der Aus­schrei­bung des Preises heißt, der ja selbst zuneh­mend kon­tro­vers dis­ku­tiert wird, weist Sofro­nieva jedoch von sich, vor allem den Zwang von außen, eine lite­ra­ri­sche Brü­cken­funk­tion zu über­nehmen. Als Ant­wort auf jeg­liche poli­ti­sche Ver­ein­nah­mungs­ver­suche würde die Autorin ver­mut­lich ein­fach auf ihre Lyrik ver­weisen, wo es unmiss­ver­ständ­lich heißt:

„Und
lasst es in Frieden weiterziehen,
das Wasser,
und lasst sie in Frieden wei­ter­ziehen und wandern,
die Sprache,
und lasst mich in Frieden
weiter
ziehen,

lasst mich in Frieden weiterziehen,
in Frieden wei­ter­ziehen und wandern.“

 

Illus­tra­tion von Nastasia Louveau

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