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Im Rausch des Ekels: Szczepan Twardochs Morphin

Posted on 23. April 2015 by Fritz Tudyka
Fragt man Opiat-Abhängige, wie sie den Rauschzustand nach dem Konsum der Droge erleben, erhält man meist schwer greifbare und wirre Antworten. "Morphin" ist ein solches Opiat. Der auch auf Deutsch erschienene Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch steht dem namengebenden Suchtmittel in Sachen Rauschhaftigkeit in nichts nach. Von der ersten bis zur letzten Seite wird der Leser hineingesogen ins Warschau des Jahres 1939, in eine Welt voll kalten Ekels, schonungsloser Gewalt und fesselnder Begierde.

Fragt man Opiat-Abhängige, wie sie den Rauschzustand nach dem Konsum der Droge erleben, erhält man meist schwer greifbare und wirre Antworten. „Morphin“ ist ein solches Opiat. Der auch auf Deutsch erschienene Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch steht dem namengebenden Suchtmittel in Sachen Rauschhaftigkeit in nichts nach. Von der ersten bis zur letzten Seite wird der Leser hineingesogen ins Warschau des Jahres 1939, in eine Welt voll kalten Ekels, schonungsloser Gewalt und fesselnder Begierde.


twardoch_morphin_cover
Polen ist von den Deutschen besetzt. Warschau liegt am Boden. Angst herrscht in den kaputten Straßen und düster hängt die Stimmung des verlorenen Krieges über den Dächern der Stadt. All dem zu entkommen versucht der Held des Romans, ein junger, von Erinnerungen verfolgter Reserveoffizier, indem er sich den Verlockungen des Morphins, den Reizen der Frauen und dem Versprechen von Ruhm hingibt.

Der Leidensweg des Romanhelden Konstanty Willeman beginnt mit einem Kater nach einer durchzechten Nacht, eine weithin bekannte Erscheinung, der Erzähler jedoch lässt den Leser diesen Zustand fast körperlich erleben: „Schädel. Gestank. Der Schädel will platzen. Die Zunge eine dürre, tote Schnecke, rau. Der Gaumen verkrustet von angetrocknetem Schleim. Der Schädel will platzen. Wüste. Gestank.“ Das Dilemma Konstanty Willemanns scheint darin zu bestehen, dass er seinen Kater nie richtig ausschläft, nie loswird, nie abstreift. Und Szczepan Twardoch wird nicht müde, darüber in aller Ausführlichkeit zu berichten. Sein Held scheint allem und jedem verfallen zu sein. Der beleibten Hure Sala, in deren Bett er sich nicht nur den Verlockungen ihres Körpers hingibt, sondern auch dem Delirium des kleinen Fläschchens, dessen Inhalt er sich gemeinsam mit ihr in die Venen spritzt. Verfallen ist er auch seiner Frau Hela und seinem kleinen Sohn, die er abgöttisch liebt. Von seiner Mutter scheint er mindestens genauso abhängig zu sein wie von der Ekstase. Und wenn er von einem Exzess zum nächsten irrt, durch die zerstörten Straßen seiner Stadt, Warschau, ist er nie richtig bei sich, halluziniert und denkt wehleidig an vergangene Zeiten.

 

Im Kampf gegen sich selbst und die deutschen Besatzer

twardoch_morfina_coverDer Autor macht es sich hierbei zur Aufgabe, den Selbsthass und die Zerrissenheit des Helden wie eine klaffende, eitrige Wunde vor dem Leser offenzulegen, in schonungslosen Worten, die immer wieder in eine Welt hineinführen, welche jenseits der sichtbaren existiert. Eine Welt, in der Konstanty Willemann besessen ist, von einem Wesen verfolgt und geführt zugleich, das ihn auserwählt hat. „Ich bin die schwarze Göttin. Ich spreche in der Zunge der Menschen und der Engel.“ Als Konstanty, Sohn eines deutschen Schlesiers und einer schlesischen Polin, die Aufgabe bekommt, im polnischen Untergrund gegen die Nazis zu kämpfen, versucht er seine Zügellosigkeit und seine eskapistische Haltung abzulegen. Doch diese Veränderung wird von immer schmerzhafteren Erinnerungen an die Vergangenheit und immer härteren Zusammenstößen mit der Gegenwart begleitet. Er muss nun im Geheimdienst des Untergrunds die deutsche Identität annehmen, sein Land verleumden, damit man ihm glaubt. Innerlich der kämpfende Pole, äußerlich der glänzende Deutsche in Uniform, und er gefällt sich in beiden Rollen. Er findet seinen totgeglaubten Vater, der, auf das Heftigste vom Krieg entstellt, ihm seine Hilfe anbietet. Er beginnt zu töten, der Sache wegen, um seinem Land zu dienen, wie er sich einredet. Und doch bleibt er, was er schon zu Beginn des Buches war – hilflos, desorientiert und wahnsinnig. Kein Held, sondern ein selbstzerrissenes Häufchen Elend, der ewig schönen Illusion verfallen, die der Rausch ihm einst versprach. Eine Figur, die so wenig über sich selbst zu wissen scheint, immerzu ihre Identität zu ergründen versucht und doch immer wieder an Äußerlichkeiten scheitert: „Ich bin Konstanty Willemann und mag Frauen, Autos und Morphin, ich sitze gern mit bekannten Leuten im Café, ohne selbst bekannt zu sein…“

 

Szczepan Twardoch, 1979 in Oberschlesien geboren, ist der neue Shootingstar in Polens Literaturszene und gibt in der Öffentlichkeit gern den herausfordernden Dandy. Er bezeichnet sich nicht als Pole, sondern als Schlesier, und schließt sich damit den Autoren und Filmemachern an, die die kulturelle wie auch historisch-politische regionale Eigenart Schlesiens hervorheben. Mit Morphin hat er ein Werk geschaffen, das in seiner aggressiven Sinnlichkeit schon jetzt Lust auf mehr macht:
Provokativ und rücksichtslos, mit einer Vorliebe für den Genuss, führt er den Leser in das düstere Ungetüm von Buch hinein und lässt ihn dort allein. Sobald die Augen sich an die Dunkelheit zu gewöhnen beginnen und feine Konturen aus dem Schwarz hervortreten, dann muss man verweilen, kann nicht aufhören zu lesen und verfällt dem Rausch des Morphins.

 

Twardoch, Szczepan: Morphin. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Berlin: Rowohlt, 2014.
Twardoch, Szczepan: Morfina. Kraków: Wydawnictwo Literackie, 2013.

 

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Im Rausch des Ekels: Szczepan Twardochs Morphin – novinki
Redak­tion „novinki“

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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Im Rausch des Ekels: Szc­zepan Twar­dochs Morphin

Fragt man Opiat-Abhän­gige, wie sie den Rausch­zu­stand nach dem Konsum der Droge erleben, erhält man meist schwer greif­bare und wirre Ant­worten. „Mor­phin“ ist ein sol­ches Opiat. Der auch auf Deutsch erschie­nene Roman des pol­ni­schen Autors Szc­zepan Twar­doch steht dem namen­ge­benden Sucht­mittel in Sachen Rausch­haf­tig­keit in nichts nach. Von der ersten bis zur letzten Seite wird der Leser hin­ein­ge­sogen ins War­schau des Jahres 1939, in eine Welt voll kalten Ekels, scho­nungs­loser Gewalt und fes­selnder Begierde.


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Polen ist von den Deut­schen besetzt. War­schau liegt am Boden. Angst herrscht in den kaputten Straßen und düster hängt die Stim­mung des ver­lo­renen Krieges über den Dächern der Stadt. All dem zu ent­kommen ver­sucht der Held des Romans, ein junger, von Erin­ne­rungen ver­folgter Reser­ve­of­fi­zier, indem er sich den Ver­lo­ckungen des Mor­phins, den Reizen der Frauen und dem Ver­spre­chen von Ruhm hingibt.

Der Lei­densweg des Roman­helden Kon­stanty Wil­leman beginnt mit einem Kater nach einer durch­zechten Nacht, eine weithin bekannte Erschei­nung, der Erzähler jedoch lässt den Leser diesen Zustand fast kör­per­lich erleben: „Schädel. Gestank. Der Schädel will platzen. Die Zunge eine dürre, tote Schnecke, rau. Der Gaumen ver­krustet von ange­trock­netem Schleim. Der Schädel will platzen. Wüste. Gestank.“ Das Dilemma Kon­stanty Wil­le­manns scheint darin zu bestehen, dass er seinen Kater nie richtig aus­schläft, nie los­wird, nie abstreift. Und Szc­zepan Twar­doch wird nicht müde, dar­über in aller Aus­führ­lich­keit zu berichten. Sein Held scheint allem und jedem ver­fallen zu sein. Der beleibten Hure Sala, in deren Bett er sich nicht nur den Ver­lo­ckungen ihres Kör­pers hin­gibt, son­dern auch dem Deli­rium des kleinen Fläsch­chens, dessen Inhalt er sich gemeinsam mit ihr in die Venen spritzt. Ver­fallen ist er auch seiner Frau Hela und seinem kleinen Sohn, die er abgöt­tisch liebt. Von seiner Mutter scheint er min­des­tens genauso abhängig zu sein wie von der Ekstase. Und wenn er von einem Exzess zum nächsten irrt, durch die zer­störten Straßen seiner Stadt, War­schau, ist er nie richtig bei sich, hal­lu­zi­niert und denkt weh­leidig an ver­gan­gene Zeiten.

 

Im Kampf gegen sich selbst und die deut­schen Besatzer

twardoch_morfina_coverDer Autor macht es sich hierbei zur Auf­gabe, den Selbst­hass und die Zer­ris­sen­heit des Helden wie eine klaf­fende, eit­rige Wunde vor dem Leser offen­zu­legen, in scho­nungs­losen Worten, die immer wieder in eine Welt hin­ein­führen, welche jen­seits der sicht­baren exis­tiert. Eine Welt, in der Kon­stanty Wil­le­mann besessen ist, von einem Wesen ver­folgt und geführt zugleich, das ihn aus­er­wählt hat. „Ich bin die schwarze Göttin. Ich spreche in der Zunge der Men­schen und der Engel.“ Als Kon­stanty, Sohn eines deut­schen Schle­siers und einer schle­si­schen Polin, die Auf­gabe bekommt, im pol­ni­schen Unter­grund gegen die Nazis zu kämpfen, ver­sucht er seine Zügel­lo­sig­keit und seine eska­pis­ti­sche Hal­tung abzu­legen. Doch diese Ver­än­de­rung wird von immer schmerz­haf­teren Erin­ne­rungen an die Ver­gan­gen­heit und immer här­teren Zusam­men­stößen mit der Gegen­wart begleitet. Er muss nun im Geheim­dienst des Unter­grunds die deut­sche Iden­tität annehmen, sein Land ver­leumden, damit man ihm glaubt. Inner­lich der kämp­fende Pole, äußer­lich der glän­zende Deut­sche in Uni­form, und er gefällt sich in beiden Rollen. Er findet seinen tot­ge­glaubten Vater, der, auf das Hef­tigste vom Krieg ent­stellt, ihm seine Hilfe anbietet. Er beginnt zu töten, der Sache wegen, um seinem Land zu dienen, wie er sich ein­redet. Und doch bleibt er, was er schon zu Beginn des Buches war – hilflos, des­ori­en­tiert und wahn­sinnig. Kein Held, son­dern ein selbst­zer­ris­senes Häuf­chen Elend, der ewig schönen Illu­sion ver­fallen, die der Rausch ihm einst ver­sprach. Eine Figur, die so wenig über sich selbst zu wissen scheint, immerzu ihre Iden­tität zu ergründen ver­sucht und doch immer wieder an Äußer­lich­keiten schei­tert: „Ich bin Kon­stanty Wil­le­mann und mag Frauen, Autos und Mor­phin, ich sitze gern mit bekannten Leuten im Café, ohne selbst bekannt zu sein…“

 

Szc­zepan Twar­doch, 1979 in Ober­schle­sien geboren, ist der neue Shoo­ting­star in Polens Lite­ra­tur­szene und gibt in der Öffent­lich­keit gern den her­aus­for­dernden Dandy. Er bezeichnet sich nicht als Pole, son­dern als Schle­sier, und schließt sich damit den Autoren und Fil­me­ma­chern an, die die kul­tu­relle wie auch his­to­risch-poli­ti­sche regio­nale Eigenart Schle­siens her­vor­heben. Mit Mor­phin hat er ein Werk geschaffen, das in seiner aggres­siven Sinn­lich­keit schon jetzt Lust auf mehr macht:
Pro­vo­kativ und rück­sichtslos, mit einer Vor­liebe für den Genuss, führt er den Leser in das düs­tere Ungetüm von Buch hinein und lässt ihn dort allein. Sobald die Augen sich an die Dun­kel­heit zu gewöhnen beginnen und feine Kon­turen aus dem Schwarz her­vor­treten, dann muss man ver­weilen, kann nicht auf­hören zu lesen und ver­fällt dem Rausch des Mor­phins.

 

Twar­doch, Szc­zepan: Mor­phin. Aus dem Pol­ni­schen von Olaf Kühl. Berlin: Rowohlt, 2014.
Twar­doch, Szc­zepan: Mor­fina. Kraków: Wydaw­nictwo Liter­ackie, 2013.

 

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