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Über das größere Übel - Ljudmila Ulickajas Kurzroman "Eine Seuche in der Stadt"

Posted on 2. Juli 2021 by Teresa Hellweger
"Eine Seuche in der Stadt" (russ. "Čuma") beschreibt das Auftreten einer potenziell pandemischen Situation im Moskau der 1930er Jahre und wie das Ausarten derselben durch den NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) verhindert wird.

„Seit Urzeiten ist die Menschheit mit schrecklichen, epidemisch auftretenden Krankheiten konfrontiert . Ebenfalls seit Urzeiten ist die Menschheit auch mit der Grausamkeit von Machtapparaten, die im Laufe der sozialen Entwicklung entstanden .“

Eine Seuche in der Stadt (russ. Čuma) beschreibt das Auftreten einer potenziell pandemischen Situation im Moskau der 1930er Jahre und wie das Ausarten derselben durch den NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) verhindert wird.

 

Die Geschichte wiederholt sich

Ljudmila Ulickajas ursprünglich als Drehbuch gedachtes, 2020 aber als fiktionaler Kurzroman basierend auf wahren Begebenheiten veröffentlichtes Werk lässt sich ohne weiteres Hinterfragen sofort in Bezug auf die momentane COVID-19 Situation lesen. Das Verwunderliche daran ist, dass Eine Seuche in der Stadt nicht im Zuge der Corona-Pandemie entstand, sondern bereits 1978 geschrieben wurde.

1939 bricht in Aserbaidschan, in der ehemaligen UdSSR, die Lungenpest aus und gelangt anschließend auch nach Moskau. Mit den wenigen Informationen, die Ulickaja durch eine Freundin, die Tochter eines damals in die Bekämpfung dieser Pest involvierten Pathologen, erhielt, konstruierte sie ein Pandemieausbruchs-Szenario in der Hauptstadt mit Fokus auf dem Partei- und Unterdrückungsapparat nach. Dieser überwachte und kontrollierte zur damaligen Zeit sämtliche, sowohl politische als auch private Geschicke innerhalb des Staates. In ihrem Nachwort schreibt die Autorin, dass es sich, bis auf den Pathologen Goldin, bei „alle handelnden Personen, auch wenn sie auf reale Vorbilder zurückgehen“, um fiktive Individuen handle und sie fügt lapidar hinzu, dass „das Ende erfunden ist“.

Das Thema des Buches ist ein ungewöhnliches, da das Auftreten der Lungenpest und die mit ihr einhergehenden pandemischen Zustände in der Sowjetunion 1939 in der Bevölkerung kaum bekannt waren. Betrachtet man aber die Biografie der Autorin, die 1943 geboren wurde und einen Abschluss in Biologie sowie eine Karriere als Genetikerin vorzuweisen hat, ist ihre Faszination für das Thema aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive nachvollziehbar.

 

Pest und Impfstoff

Die Geschichte ist ganz im Sinne eines Drehbuchs aus der Perspektive eines unbeteiligten Betrachters geschrieben, genauso bezeichnend ist die Art des szenischen Erzählens mit seinen teils langen Gesprächssequenzen in direkter Rede. Am Anfang des Kurzromans werden Personen in nur kurzen Abschnitten vorgestellt. Der Ausbruch der Pandemie in Moskau wird von einem Pest-Forscher namens Rudolf Mayer, der mit der Entwicklung eines Impfstoffs beschäftigt war und sich im Zuge der Herstellung infiziert hat, verursacht. Er reist in die Hauptstadt, um seine Fortschritte vor dem Kollegium des Volkskommissariats für Gesundheit zu präsentieren. Als noch am selben Abend Symptome auftreten und die Krankheit ausbricht, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Alle Kontaktpersonen des Forschers müssen isoliert werden. Es geht schnell: Bekannte, Zugpassgiere, Hotelangestelle werden verhaftet und müssen sich unmittelbar darauf in Quarantäne begeben.

 

„Die Pest zu Zeiten der politischen ‚Pest‘“

Das Hauptaugenmerk des Buches liegt auf der Macht- und Einflussnahme des NKWD, des sowjetischen „Innenministeriums“ bzw. des Geheimdienstes. Eine Seuche in der Stadt, weil ursprünglich als Drehbuch geschrieben, liest sich auch als solches. Allerdings ist die kurze, teils abgehackte und schnelle Aufeinanderfolge von Ereignissen bezeichnend für die Arbeit des NKWD. Anfangs wirkt diese Schreibweise noch störend, sobald die Verhaftungen durch die Geheimpolizei aber beginnen, vermittelt sie den Leser_innen ein Gefühl von Getriebenheit und Gehetztheit. Die schnelle Aufeinanderfolge dieser nüchternen Isolation möglicher Infizierter lässt den Überblick verlieren, gibt aber erbarmungslos Einsicht in Überwachung und Effizienz dieser nahezu allwissenden Institution.

In der Frage „Nur die Pest?“ einer Ehefrau, die ihren Mann aus der Quarantäne holen darf, zeigt sich am Ende des Buches der Gleichmut der Menschen gegenüber epidemischen Krankheiten, die vor dem Hintergrund der gefürchteten Verhaftungen durch den NKWD fast bedeutungslos erscheinen.

 

Die Bekämpfung einer Pandemie

In einem Interview antwortet Ljudmila Ulickaja auf die Frage, ob sie Parallelen zwischen dem, was damals, und dem, was heute passiert, sehe, damit, dass es damals sowie heute keine Offenheit gebe, momentan die Behörden aber völlig verwirrt wirken.

Die Frage, die sich beim Lesen von Eine Seuche in der Stadt aber zwangsläufig stellt, ist: Gibt es auch positive Seiten an einer solchen Überwachungsinstitution? Und, mit Blick auf das vergangene Jahr 2020/21 und die COVID-19 Pandemie: Hätte die Eskalation der Pandemie durch härteres Durchgreifen der Legislative und Exekutive verhindert werden können?

 

Literatur

Ulickaja, Ljudmila: Eine Seuche in der Stadt. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. München 2020.

 

Weiterführende Links

Ljudmila Ulickaja im Gespräch mit dem Kritiker Sergej Sdobnov in "Esquire", 2020.

Über das größere Übel - Ljudmila Ulickajas Kurzroman "Eine Seuche in der Stadt" – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Über das grö­ßere Übel – Ljud­mila Ulick­ajas Kurz­roman “Eine Seuche in der Stadt”

„Seit Urzeiten ist die Mensch­heit mit schreck­li­chen, epi­de­misch auf­tre­tenden Krank­heiten kon­fron­tiert […]. Eben­falls seit Urzeiten ist die Mensch­heit […] auch mit der Grau­sam­keit von Macht­ap­pa­raten, die im Laufe der sozialen Ent­wick­lung ent­standen [, konfrontiert].“

Eine Seuche in der Stadt (russ. Čuma) beschreibt das Auf­treten einer poten­ziell pan­de­mi­schen Situa­tion im Moskau der 1930er Jahre und wie das Aus­arten der­selben durch den NKWD (Volks­kom­mis­sa­riat für innere Ange­le­gen­heiten) ver­hin­dert wird.

 

Die Geschichte wie­der­holt sich

Ljud­mila Ulick­ajas [Ljud­mila Ulitz­kaja] ursprüng­lich als Dreh­buch gedachtes, 2020 aber als fik­tio­naler Kurz­roman basie­rend auf wahren Bege­ben­heiten ver­öf­fent­lichtes Werk lässt sich ohne wei­teres Hin­ter­fragen sofort in Bezug auf die momen­tane COVID-19 Situa­tion lesen. Das Ver­wun­der­liche daran ist, dass Eine Seuche in der Stadt nicht im Zuge der Corona-Pan­demie ent­stand, son­dern bereits 1978 geschrieben wurde.

1939 bricht in Aser­bai­dschan, in der ehe­ma­ligen UdSSR, die Lun­gen­pest aus und gelangt anschlie­ßend auch nach Moskau. Mit den wenigen Infor­ma­tionen, die Ulickaja durch eine Freundin, die Tochter eines damals in die Bekämp­fung dieser Pest invol­vierten Patho­logen, erhielt, kon­stru­ierte sie ein Pan­de­mie­aus­bruchs-Sze­nario in der Haupt­stadt mit Fokus auf dem Partei- und Unter­drü­ckungs­ap­parat nach. Dieser über­wachte und kon­trol­lierte zur dama­ligen Zeit sämt­liche, sowohl poli­ti­sche als auch pri­vate Geschicke inner­halb des Staates. In ihrem Nach­wort schreibt die Autorin, dass es sich, bis auf den Patho­logen Goldin, bei „alle[n] han­delnden Per­sonen, auch wenn sie auf reale Vor­bilder zurück­gehen“, um fik­tive Indi­vi­duen handle und sie fügt lapidar hinzu, dass „das […] Ende erfunden ist“.

Das Thema des Buches ist ein unge­wöhn­li­ches, da das Auf­treten der Lun­gen­pest und die mit ihr ein­her­ge­henden pan­de­mi­schen Zustände in der Sowjet­union 1939 in der Bevöl­ke­rung kaum bekannt waren. Betrachtet man aber die Bio­grafie der Autorin, die 1943 geboren wurde und einen Abschluss in Bio­logie sowie eine Kar­riere als Gene­ti­kerin vor­zu­weisen hat, ist ihre Fas­zi­na­tion für das Thema aus einer natur­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­tive nachvollziehbar.

 

Pest und Impfstoff

Die Geschichte ist ganz im Sinne eines Dreh­buchs aus der Per­spek­tive eines unbe­tei­ligten Betrach­ters geschrieben, genauso bezeich­nend ist die Art des sze­ni­schen Erzäh­lens mit seinen teils langen Gesprächs­se­quenzen in direkter Rede. Am Anfang des Kurz­ro­mans werden Per­sonen in nur kurzen Abschnitten vorgestellt. Der Aus­bruch der Pan­demie in Moskau wird von einem Pest-For­scher namens Rudolf Mayer, der mit der Ent­wick­lung eines Impf­stoffs beschäf­tigt war und sich im Zuge der Her­stel­lung infi­ziert hat, ver­ur­sacht. Er reist in die Haupt­stadt, um seine Fort­schritte vor dem Kol­le­gium des Volks­kom­mis­sa­riats für Gesund­heit zu prä­sen­tieren. Als noch am selben Abend Sym­ptome auf­treten und die Krank­heit aus­bricht, beginnt ein Wett­lauf gegen die Zeit. Alle Kon­takt­per­sonen des For­schers müssen iso­liert werden. Es geht schnell: Bekannte, Zug­pass­giere, Hotel­an­ge­stelle werden ver­haftet und müssen sich unmit­telbar darauf in Qua­ran­täne begeben.

 

„Die Pest zu Zeiten der poli­ti­schen ‚Pest‘“

Das Haupt­au­gen­merk des Buches liegt auf der Macht- und Ein­fluss­nahme des NKWD, des sowje­ti­schen „Innen­mi­nis­te­riums“ bzw. des Geheim­dienstes. Eine Seuche in der Stadt, weil ursprüng­lich als Dreh­buch geschrieben, liest sich auch als sol­ches. Aller­dings ist die kurze, teils abge­hackte und schnelle Auf­ein­an­der­folge von Ereig­nissen bezeich­nend für die Arbeit des NKWD. Anfangs wirkt diese Schreib­weise noch stö­rend, sobald die Ver­haf­tungen durch die Geheim­po­lizei aber beginnen, ver­mit­telt sie den Leser_innen ein Gefühl von Getrie­ben­heit und Gehetzt­heit. Die schnelle Auf­ein­an­der­folge dieser nüch­ternen Iso­la­tion mög­li­cher Infi­zierter lässt den Über­blick ver­lieren, gibt aber erbar­mungslos Ein­sicht in Über­wa­chung und Effi­zienz dieser nahezu all­wis­senden Institution.

In der Frage „Nur die Pest?“ einer Ehe­frau, die ihren Mann aus der Qua­ran­täne holen darf, zeigt sich am Ende des Buches der Gleichmut der Men­schen gegen­über epi­de­mi­schen Krank­heiten, die vor dem Hin­ter­grund der gefürch­teten Ver­haf­tungen durch den NKWD fast bedeu­tungslos erscheinen.

 

Die Bekämp­fung einer Pandemie

In einem Inter­view ant­wortet Ljud­mila Ulickaja auf die Frage, ob sie Par­al­lelen zwi­schen dem, was damals, und dem, was heute pas­siert, sehe, damit, dass es damals sowie heute keine Offen­heit gebe, momentan die Behörden aber völlig ver­wirrt wirken.

Die Frage, die sich beim Lesen von Eine Seuche in der Stadt aber zwangs­läufig stellt, ist: Gibt es auch posi­tive Seiten an einer sol­chen Über­wa­chungs­in­sti­tu­tion? Und, mit Blick auf das ver­gan­gene Jahr 2020/21 und die COVID-19 Pan­demie: Hätte die Eska­la­tion der Pan­demie durch här­teres Durch­greifen der Legis­la­tive und Exe­ku­tive ver­hin­dert werden können?

 

Lite­ratur

Ulickaja, Ljud­mila: Eine Seuche in der Stadt. Aus dem Rus­si­schen von Ganna-Maria Braun­gardt. Mün­chen 2020.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Ljud­mila Ulickaja im Gespräch mit dem Kri­tiker Sergej Sdobnov in “Esquire”, 2020.