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Über Schweben und Fall auf dem „Belgrader Festival für europäische Literatur“: Dževad Karahasan im Interview mit novinki

Posted on 25. Juni 2022 by Dževad Karahasan, Philine Bickhardt
Belgrad – die Stadt der Festivals. Gestern ging das „Belgrader Festival der europäischen Literatur“ (22. - 25.06) zu Ende, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut vom Verlagshaus „Arhipelag“ ausgetragen wurde. Einer der vier literarischen Gäste war der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, mit dem novinki über seinen neu erschienenen Roman „Uvod u lebdenje“ (2022) sprach.

Belgrad – die Stadt der Festivals. Gestern ging das „Belgrader Festival der europäischen Literatur“ (22. - 25.06) zu Ende, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut vom Verlagshaus „Arhipelag“ ausgetragen wurde. Einer der vier literarischen Gäste war Dževad Karahasan, mit dem novinki über seinen neu erschienenen Roman Uvod u lebdenje (2022) sprach.

 

„Nach zwei Jahren Corona-Pause findet unser Festival erstmals wieder in Präsenz statt“, sagt mit Erleichterung der Verleger von „Arhipelag“ Gojko Božović. Drei Abendprogramme widmeten sich primär der Frage nach Kultur und Freiheit in Zeiten der Angst. Auf das erste Autorengespräch am 22.06 mit Dževad Karahasan über seinen neuen Roman „Uvod u lebdenje“, eschienen im Verlag „Bulevar Books“ in Novi Sad, folgte am zweiten Festivaltag eine Lesung des deutschen Schriftstellers Ingo Schulze aus dem Roman „Adam und Evelyn“ (2008), der aus Berlin anreiste. Am dritten und letzten Tag des Festivals sprachen die Belgrader Schriftstellerin Nina Savčić und der slowenische Schriftsteller und Übersetzer Jani Virk.

Das Original kann ⇒ hier eingesehen werden.

Das Interview wurde im Bosnischen (Jekavica) geführt und im serbischen Standard (Ekavica) transkribiert.

novinki: Folgend auf das gestrige Eröffnungspanel „Kultur in Zeiten der Angst“ (Gäste: Milena Bogavac, Blagoje Pantelić, Gojko Božović; Moderation: Marija Nenezić) sprachen Sie in Ihrem Autorengespräch über Freiheit und die Angst vor der Freiheit. Was Ihr neues Buch betrifft, stellt sich mir die Frage, ob nicht „Die Einführung ins Schweben“ (Uvod u lebdenje) ebendieser Zustand ist, wenn wir lernen zu fliegen, wenn immer die Möglichkeit des Falls gegeben ist, wir stetig Gefahr laufen in den Abgrund zu stürzen. Erzählt Ihr Buch vom Fall als Misserfolg?

 

Dževad Karahasan: Ja, das ist eine gute Frage. Für den Schriftsteller ist es schwer, sein Buch zu definieren, es in kurzen Sätzen wiederzugeben. Denn das, was ich darüber sagen kann, habe ich im Buch geschrieben. In jedem Falle stimme ich Ihnen zu, dass das Schweben Hoffnung und Gefahr zugleich ist; Schweben kann heißen zu fliegen, absolut frei zu sein; endgültig, definitiv frei. Und gleichzeitig ist es Fall, Abgrund und Gefahr. Es ist überhaupt nicht zufällig, dass - sagen wir für die Agnostiker, eine wichtige Bewegung und Denkschule, beim Übergang aus der alten in die neue Ära - jede Existenz, jedes Leben der Fall ist, der Fall aus der Ewigkeit in die Zeit.

 

novinki: Das erinnert mich u.a. an den „Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus und den Stein, der trotz großer Anstrengungen immer und immer wieder den Berg hinunterrollt.

 

D.K.: Ja, stellen Sie sich jetzt vor, dass dieser Stein zu schweben beginnt. Der Flug ist unabdingbar mit der Möglichkeit des Falls verbunden. Dieses Buch ist tatsächlich der Versuch die Ambivalenz alles Seienden zu zeigen, all das zu zeigen, was mindestens zweideutig ist. Eindeutigkeit, von der uns immer weis gemacht wird, dass sie gut, wünschenswert ist, ist nur möglich in Konstrukten, in künstlichen `Quasi`-Welten in der Arithmetik; die Eindeutigkeit ist also überall dort unmöglich, wo das Leben Körper und Form hat. Im Leben, in der Wirklichkeit gibt es keine Eindeutigkeit, denn eine Eindimensionalität ist hier unmöglich. Die Existenz ist immer sehr komplex. Und ich habe versucht, über diese Mehrdimensionalität, über die Vieldeutigkeit in meinem Buch zu erzählen.

 

novinki: Freiheit ist, wie Sie gestern sagten, das Unterscheiden bzw. Differenzieren zwischen Meinungen und Gedanken. Das, was Sie jetzt soeben über die Ein- und Zweideutigkeit gesagt haben, erinnert mich wiederum daran, was Sie gestern auf dem Podium sagten: Der zeitgenössische Mensch lebt gemütlich, aber völlig unecht. Bei jedmöglichem Problem (Familie, Arbeit etc.) wird ein_e Expert_in von außen herangezogen, die Lücken im "Perfekten" werden durch die Expertise anderer gefüllt, auch weil die Arbeitsteilung extrem ausgeprägt ist (Dienstleistungsgesellschaft, Auslagerung von Entscheidungen, Rationalisierung von Lebensbereichen). Ist es die menschliche Erfahrung, d.h. Erfolge, Fehler und auch Misserfolge, die uns fehlt?

 

D.K.: Ich denke ja. Schauen Sie, ich denke, dass vordergründig die Mystifizierung von Erfolg ein ernstes Problem der heutigen Zeit ist. Wir vergessen den schönen Ausspruch von Pythagoras. Er sprach unentwegt davon, dass „der Weg das Ziel ist“, beim Ziel ankommen bedeutet etwas zu beenden. Wir müssen den Sinn im Weg, im Reisen, in der Bewegung sehen, nicht im Ziel. Wir mystifizieren fürchterlich den Erfolg, wir vergessen die große Weisheit, die uns die griechische Tragödie gelehrt hat, nämlich dass man aus Niederlagen, aus Misserfolgen lernt. Erfolg und Sieg bringen keine Erkenntnis, aber wir Menschen sollten nach ihr streben.

Wir denken, dass Scheitern etwas sehr Schlechtes, etwas ausschließlich Schlechtes ist. Das muss es aber überhaupt nicht sein. Wir finden, dass es etwas außerordentlich Negatives ist aufzugeben, Fehler zu machen. Uns drängt sich die Maschine als Ideal auf. Die Maschine sagt, mach keine Fehler, mach keine Fehler, weil sie nicht denkt.

 

novinki: Können wir also Ihren Roman auch als einen existenzialistischen deuten?

 

D.K.: Jein. Ja und Nein. Die existenzialistische Philosophie und Literatur ist tatsächlich meinem Roman sehr nah. Existentialisten haben uns davor gewarnt, dass wir ins Leben geworfen sind. Sie haben uns davor gewarnt, dass wir uns unsere Geburt nicht ausgewählt haben. Und in diesem Sinne ist mein Roman existenzialistisch, er ist gewissermaßen mein Gespräch mit den großen Lehrern Krleža, Satre und Camus. Aber andererseits haben Sie in meinem Roman nicht diesen Widerstand gegen die Notwendigkeiten, den die Existentialisten immer haben. Meine Helden sind in der Tat bereit, sich damit abzufinden, dass es Dinge gibt, die wir nicht auswählen bzw. bestimmen können, weil auch unsere Wahl sehr fehlerhaft sein kann. Und das, was uns aufgezwungen wird, kann prinzipiell auch gut sein. Verstehen Sie, der Existentialismus ist extrem stark vom Gefühl des Menschen geprägt, vom menschlichen Bedürfnis, dass alles, was uns widerfährt, unsere Wahl ist. Freiheit ist untrennbar mit der Möglichkeit der Wahl verbunden.

 

novinki: Ja, und wenn Camus sagt, die wichtigste aller philosophischen Fragen ist die Frage nach dem Selbstmord, was würden Sie sagen?

 

D.K.: Ja, natürlich ist sie wichtig, aber es gibt auch andere philosophische Fragen, die gleichermaßen wichtig und wesentlich sind, zum Beispiel die Frage nach der Liebe, die Beziehung zwischen Notwendigkeiten/Zwängen und der Freiheit des Auswählens. Und solange unsere Freiheit auf die Möglichkeit des Todes oder Selbstmords beschränkt ist, bieten sich nicht viele Möglichkeiten. In meinem Roman „Die Einführung ins Schweben“ suchen und versuchen die Helden Freiheit in Relationen zu sehen, die mehr Möglichkeiten bieten. Der Existentialismus reduzierte die Frage der menschlichen Freiheit auf eine Opposition, die dualistische Opposition. Ja oder Nein. Tod oder Leben. Meine Helden empfinden das als zu wenig. Das Leben oder die wirkliche Welt ist nicht so einfach, dass man es auf einen arithmetischen Gegensatz reduzieren könnte. Sie wollen, sie sehen, sie glauben fest daran, dass dem Menschen ein viel breiteres Spektrum an Wahlmöglichkeiten geboten wird. Und insofern ist mein Roman eine Art der Polemik gegen den Existentialismus.

 

novinki: Warum handelt die Freiheit von den Formen, von den Grenzen?

 

D.K.: Ich denke, dass die Freiheit und all das, was wirklich wichtig für unseren Aufenthalt auf dieser Erde und in diesem Leben ist und was wir erkennen und wirklich begreifen können, immer eine Form bzw. eine Grenze aufweist. Das, was unendlich ist, können wir nicht erkennen. Um also überhaupt über Freiheit nachdenken zu können, um zu wissen, was Freiheit ist, müssen wir sie in irgendeiner Form erkennen, wir müssen ihr eine bestimmte Form geben. Und eine der Möglichkeiten, Freiheit so zu sehen und zu lernen, besteht darin, Freiheit als Begegnung mit anderen zu definieren. Du bist die Grenze meiner Freiheit. Das bedeutet: Du bist die Form meiner Freiheit. Meine Freiheit nimmt durch mein Gegenüber Form an. Wenn wir die Freiheit als etwas Unendliches definieren, würden wir ihr die Konkretheit nehmen. Deswegen ist die moderne, bei unseren Zeitgenossen so beliebte Manier wirklich unerträglich: Ich darf alles. Der, der alles darf, ist kein Mensch mehr. Freiheit müssen wir immer in Beziehung mit Verantwortung denken. Wenn meine Freiheit nicht mehr Sie im Blick hat, dann ist das keine Freiheit mehr, es ist Gewalt.

 

novinki: Der Epilog in Ihrem Roman hat mich an einige serbische bzw. jugoslawische Romane des 20. Jahrhunderts erinnert, in denen die Epiloge eine wichtige Rolle für die Erzählinstanz bzw. das Erzählen spielen. Zum Beispiel, wenn eine literarische Figur vorgibt, die Erzählung zu beenden (Hasan in „Derviš i smrt“ bei Meša Selimović oder Eduard in „Peščanik“ von Danilo Kiš), oder wenn eine Illusion bzw. Gleichsetzung des tatsächlichen Autors mit dem Erzähler im literarischen Text erzeugt wird, wie im Epilog des Romans „Hodočašće Arsenija Njegovana“ von Borislav Pekić. Warum ist es wichtig, dass Rajko Šurup uns die Geschichte des Schwebens aus dem Sizilien des Jahres 1994 erzählt?

 

D.K.: Ich mag Ihre Frage, obgleich ich Sie daran erinnern möchte dass Rajko Šurup keine literarische Figur, sondern der Erzähler ist. Ich konstelliere die Dinge so, dass Rajko Šurup der Autor des Romans ist.

 

novinki: Ja, aber der alleinige Autor sind tatsächlich nur Sie. Worin besteht also Ihr Spiel mit dem Erzähler?

 

D.K.: Ich bin der Autor, sagen wir, aus der Perspektive von außen. Aber aus der Perspektive von innen ist Rajko Šurup der Autor. Das ist ein Perspektivspiel. Ich interessiere mich in erster Linie für den Namen dieses Helden, also des Autors. Rajko ist derjenige, der im Paradies (Anm. d. Red.: „raj“ bedeutet Paradies) wohnt, derjenige, der das Paradies in sich trägt. Und der Name meines Helden, also des Erzählers, ist etwas paradox. Er fungiert als Vergil, als Anführer, als Mann, der den Peter Hurdt durch die Hölle von Sarajevo führt – und sein Name ist Rajko. Dieses Spiel des Paradoxons, des Kontrasts, ist sehr wichtig. Ich versuche, dieses Spiel auf die Beziehung zwischen Autor, Erzähler und Figur zu übertragen. Rajko ist gleichzeitig der Held meines Romans, eine der Romanfiguren, und präsentiert sich defacto als Erzähler, als Autor. Dieses Spiel der Doppelbeleuchtung ist mir sehr wichtig, weil ich denke, dass es die eigentliche Grundlage des Romans ist. Es ist ein Mittel, um technisch die Zwei- und Vieldeutigkeit zu zeigen, über die wir zu Beginn unseres Gesprächs gesprochen haben.

 

novinki: Ich bedanke mich herzlich für das Interview!

Das Interview führte Philine Bickhardt.

Beitragsquelle: © Arhipelag, 2022, URL: https://www.arhipelag.rs/arhipelag-magazin/11-beogradski-festival-evropske-knjizevnosti/

Über Schweben und Fall auf dem „Belgrader Festival für europäische Literatur“: Dževad Karahasan im Interview mit novinki – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Über Schweben und Fall auf dem „Bel­grader Fes­tival für euro­päi­sche Lite­ratur“: Dževad Karahasan im Inter­view mit novinki

Bel­grad – die Stadt der Fes­ti­vals. Ges­tern ging das „Bel­grader Fes­tival der europäischen Lite­ratur“ (22. – 25.06) zu Ende, das in Koope­ra­tion mit dem Goethe-Institut vom Ver­lags­haus „Arhi­pelag“ aus­ge­tragen wurde. Einer der vier lite­ra­ri­schen Gäste war Dževad Karahasan, mit dem novinki über seinen neu erschie­nenen Roman Uvod u leb­denje (2022) sprach. 

 

„Nach zwei Jahren Corona-Pause findet unser Fes­tival erst­mals wieder in Prä­senz statt“, sagt mit Erleich­te­rung der Ver­leger von „Arhi­pelag“ Gojko Božović. Drei Abend­pro­gramme wid­meten sich primär der Frage nach Kultur und Frei­heit in Zeiten der Angst. Auf das erste Autoren­ge­spräch am 22.06 mit Dževad Karahasan über seinen neuen Roman „Uvod u leb­denje“, eschienen im Verlag „Bulevar Books“ in Novi Sad, folgte am zweiten Fes­ti­valtag eine Lesung des deut­schen Schrift­stel­lers Ingo Schulze aus dem Roman „Adam und Evelyn“ (2008), der aus Berlin anreiste. Am dritten und letzten Tag des Fes­ti­vals spra­chen die Bel­grader Schrift­stel­lerin Nina Savčić und der slo­we­ni­sche Schrift­steller und Über­setzer Jani Virk.

Das Ori­ginal kann ⇒ hier ein­ge­sehen werden.

Das Inter­view wurde im Bos­ni­schen (Jeka­vica) geführt und im ser­bi­schen Stan­dard (Eka­vica) transkribiert.

novinki: Fol­gend auf das gest­rige Eröff­nungs­panel „Kultur in Zeiten der Angst“ (Gäste: Milena Bogavac, Blagoje Pan­telić, Gojko Božović; Mode­ra­tion: Marija Nenezić) spra­chen Sie in Ihrem Autoren­ge­spräch über Frei­heit und die Angst vor der Frei­heit. Was Ihr neues Buch betrifft, stellt sich mir die Frage, ob nicht „Die Ein­füh­rung ins Schweben“ (Uvod u leb­denje) eben­dieser Zustand ist, wenn wir lernen zu fliegen, wenn immer die Mög­lich­keit des Falls gegeben ist, wir stetig Gefahr laufen in den Abgrund zu stürzen. Erzählt Ihr Buch vom Fall als Misserfolg? 

 

Dževad Karahasan: Ja, das ist eine gute Frage. Für den Schrift­steller ist es schwer, sein Buch zu defi­nieren, es in kurzen Sätzen wie­der­zu­geben. Denn das, was ich dar­über sagen kann, habe ich im Buch geschrieben. In jedem Falle stimme ich Ihnen zu, dass das Schweben Hoff­nung und Gefahr zugleich ist; Schweben kann heißen zu fliegen, absolut frei zu sein; end­gültig, defi­nitiv frei. Und gleich­zeitig ist es Fall, Abgrund und Gefahr. Es ist über­haupt nicht zufällig, dass – sagen wir für die Agnos­tiker, eine wich­tige Bewe­gung und Denk­schule, beim Über­gang aus der alten in die neue Ära – jede Exis­tenz, jedes Leben der Fall ist, der Fall aus der Ewig­keit in die Zeit.

 

novinki: Das erin­nert mich u.a. an den „Mythos des Sisy­phos“ von Albert Camus und den Stein, der trotz großer Anstren­gungen immer und immer wieder den Berg hinunterrollt.

 

D.K.: Ja, stellen Sie sich jetzt vor, dass dieser Stein zu schweben beginnt. Der Flug ist unab­dingbar mit der Mög­lich­keit des Falls ver­bunden. Dieses Buch ist tat­säch­lich der Ver­such die Ambi­va­lenz alles Sei­enden zu zeigen, all das zu zeigen, was min­des­tens zwei­deutig ist. Ein­deu­tig­keit, von der uns immer weis gemacht wird, dass sie gut, wün­schens­wert ist, ist nur mög­lich in Kon­strukten, in künst­li­chen ‘Quasi‘-Welten in der Arith­metik; die Ein­deu­tig­keit ist also überall dort unmög­lich, wo das Leben Körper und Form hat. Im Leben, in der Wirk­lich­keit gibt es keine Ein­deu­tig­keit, denn eine Ein­di­men­sio­na­lität ist hier unmög­lich. Die Exis­tenz ist immer sehr kom­plex. Und ich habe ver­sucht, über diese Mehr­di­men­sio­na­lität, über die Viel­deu­tig­keit in meinem Buch zu erzählen.

 

novinki: Frei­heit ist, wie Sie ges­tern sagten, das Unter­scheiden bzw. Dif­fe­ren­zieren zwi­schen Mei­nungen und Gedanken. Das, was Sie jetzt soeben über die Ein- und Zwei­deu­tig­keit gesagt haben, erin­nert mich wie­derum daran, was Sie ges­tern auf dem Podium sagten: Der zeit­ge­nös­si­sche Mensch lebt gemüt­lich, aber völlig unecht. Bei jed­mög­li­chem Pro­blem (Familie, Arbeit etc.) wird ein_e Expert_in von außen her­an­ge­zogen, die Lücken im “Per­fekten” werden durch die Exper­tise anderer gefüllt, auch weil die Arbeits­tei­lung extrem aus­ge­prägt ist (Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft, Aus­la­ge­rung von Ent­schei­dungen, Ratio­na­li­sie­rung von Lebens­be­rei­chen). Ist es die mensch­liche Erfah­rung, d.h. Erfolge, Fehler und auch Miss­erfolge, die uns fehlt?

 

D.K.: Ich denke ja. Schauen Sie, ich denke, dass vor­der­gründig die Mys­ti­fi­zie­rung von Erfolg ein ernstes Pro­blem der heu­tigen Zeit ist. Wir ver­gessen den schönen Aus­spruch von Pytha­goras. Er sprach unent­wegt davon, dass „der Weg das Ziel ist“, beim Ziel ankommen bedeutet etwas zu beenden. Wir müssen den Sinn im Weg, im Reisen, in der Bewe­gung sehen, nicht im Ziel. Wir mys­ti­fi­zieren fürch­ter­lich den Erfolg, wir ver­gessen die große Weis­heit, die uns die grie­chi­sche Tra­gödie gelehrt hat, näm­lich dass man aus Nie­der­lagen, aus Miss­erfolgen lernt. Erfolg und Sieg bringen keine Erkenntnis, aber wir Men­schen sollten nach ihr streben.

Wir denken, dass Schei­tern etwas sehr Schlechtes, etwas aus­schließ­lich Schlechtes ist. Das muss es aber über­haupt nicht sein. Wir finden, dass es etwas außer­or­dent­lich Nega­tives ist auf­zu­geben, Fehler zu machen. Uns drängt sich die Maschine als Ideal auf. Die Maschine sagt, mach keine Fehler, mach keine Fehler, weil sie nicht denkt.

 

novinki: Können wir also Ihren Roman auch als einen exis­ten­zia­lis­ti­schen deuten?

 

D.K.: Jein. Ja und Nein. Die exis­ten­zia­lis­ti­sche Phi­lo­so­phie und Lite­ratur ist tat­säch­lich meinem Roman sehr nah. Exis­ten­tia­listen haben uns davor gewarnt, dass wir ins Leben geworfen sind. Sie haben uns davor gewarnt, dass wir uns unsere Geburt nicht aus­ge­wählt haben. Und in diesem Sinne ist mein Roman exis­ten­zia­lis­tisch, er ist gewis­ser­maßen mein Gespräch mit den großen Leh­rern Krleža, Satre und Camus. Aber ande­rer­seits haben Sie in meinem Roman nicht diesen Wider­stand gegen die Not­wen­dig­keiten, den die Exis­ten­tia­listen immer haben. Meine Helden sind in der Tat bereit, sich damit abzu­finden, dass es Dinge gibt, die wir nicht aus­wählen bzw. bestimmen können, weil auch unsere Wahl sehr feh­ler­haft sein kann. Und das, was uns auf­ge­zwungen wird, kann prin­zi­piell auch gut sein. Ver­stehen Sie, der Exis­ten­tia­lismus ist extrem stark vom Gefühl des Men­schen geprägt, vom mensch­li­chen Bedürfnis, dass alles, was uns wider­fährt, unsere Wahl ist. Frei­heit ist untrennbar mit der Mög­lich­keit der Wahl verbunden.

 

novinki: Ja, und wenn Camus sagt, die wich­tigste aller phi­lo­so­phi­schen Fragen ist die Frage nach dem Selbst­mord, was würden Sie sagen?

 

D.K.: Ja, natür­lich ist sie wichtig, aber es gibt auch andere phi­lo­so­phi­sche Fragen, die glei­cher­maßen wichtig und wesent­lich sind, zum Bei­spiel die Frage nach der Liebe, die Bezie­hung zwi­schen Notwendigkeiten/Zwängen und der Frei­heit des Aus­wäh­lens. Und solange unsere Frei­heit auf die Mög­lich­keit des Todes oder Selbst­mords beschränkt ist, bieten sich nicht viele Mög­lich­keiten. In meinem Roman „Die Ein­füh­rung ins Schweben“ suchen und ver­su­chen die Helden Frei­heit in Rela­tionen zu sehen, die mehr Mög­lich­keiten bieten. Der Exis­ten­tia­lismus redu­zierte die Frage der mensch­li­chen Frei­heit auf eine Oppo­si­tion, die dua­lis­ti­sche Oppo­si­tion. Ja oder Nein. Tod oder Leben. Meine Helden emp­finden das als zu wenig. Das Leben oder die wirk­liche Welt ist nicht so ein­fach, dass man es auf einen arith­me­ti­schen Gegen­satz redu­zieren könnte. Sie wollen, sie sehen, sie glauben fest daran, dass dem Men­schen ein viel brei­teres Spek­trum an Wahl­mög­lich­keiten geboten wird. Und inso­fern ist mein Roman eine Art der Polemik gegen den Existentialismus.

 

novinki: Warum han­delt die Frei­heit von den Formen, von den Grenzen? 

 

D.K.: Ich denke, dass die Frei­heit und all das, was wirk­lich wichtig für unseren Auf­ent­halt auf dieser Erde und in diesem Leben ist und was wir erkennen und wirk­lich begreifen können, immer eine Form bzw. eine Grenze auf­weist. Das, was unend­lich ist, können wir nicht erkennen. Um also über­haupt über Frei­heit nach­denken zu können, um zu wissen, was Frei­heit ist, müssen wir sie in irgend­einer Form erkennen, wir müssen ihr eine bestimmte Form geben. Und eine der Mög­lich­keiten, Frei­heit so zu sehen und zu lernen, besteht darin, Frei­heit als Begeg­nung mit anderen zu defi­nieren. Du bist die Grenze meiner Frei­heit. Das bedeutet: Du bist die Form meiner Frei­heit. Meine Frei­heit nimmt durch mein Gegen­über Form an. Wenn wir die Frei­heit als etwas Unend­li­ches defi­nieren, würden wir ihr die Kon­kret­heit nehmen. Des­wegen ist die moderne, bei unseren Zeit­ge­nossen so beliebte Manier wirk­lich uner­träg­lich: Ich darf alles. Der, der alles darf, ist kein Mensch mehr. Frei­heit müssen wir immer in Bezie­hung mit Ver­ant­wor­tung denken. Wenn meine Frei­heit nicht mehr Sie im Blick hat, dann ist das keine Frei­heit mehr, es ist Gewalt.

 

novinki: Der Epilog in Ihrem Roman hat mich an einige ser­bi­sche bzw. jugo­sla­wi­sche Romane des 20. Jahr­hun­derts erin­nert, in denen die Epi­loge eine wich­tige Rolle für die Erzählin­stanz bzw. das Erzählen spielen. Zum Bei­spiel, wenn eine lite­ra­ri­sche Figur vor­gibt, die Erzäh­lung zu beenden (Hasan in „Derviš i smrt“ bei Meša Seli­mović oder Eduard in „Peščanik“ von Danilo Kiš), oder wenn eine Illu­sion bzw. Gleich­set­zung des tat­säch­li­chen Autors mit dem Erzähler im lite­ra­ri­schen Text erzeugt wird, wie im Epilog des Romans „Hodočašće Arsenija Njego­vana“ von Borislav Pekić. Warum ist es wichtig, dass Rajko Šurup uns die Geschichte des Schwe­bens aus dem Sizi­lien des Jahres 1994 erzählt? 

 

D.K.: Ich mag Ihre Frage, obgleich ich Sie daran erin­nern möchte dass Rajko Šurup keine lite­ra­ri­sche Figur, son­dern der Erzähler ist. Ich kon­stel­liere die Dinge so, dass Rajko Šurup der Autor des Romans ist.

 

novinki: Ja, aber der allei­nige Autor sind tat­säch­lich nur Sie. Worin besteht also Ihr Spiel mit dem Erzähler?

 

D.K.: Ich bin der Autor, sagen wir, aus der Per­spek­tive von außen. Aber aus der Per­spek­tive von innen ist Rajko Šurup der Autor. Das ist ein Per­spek­tiv­spiel. Ich inter­es­siere mich in erster Linie für den Namen dieses Helden, also des Autors. Rajko ist der­je­nige, der im Para­dies (Anm. d. Red.: „raj“ bedeutet Para­dies) wohnt, der­je­nige, der das Para­dies in sich trägt. Und der Name meines Helden, also des Erzäh­lers, ist etwas paradox. Er fun­giert als Vergil, als Anführer, als Mann, der den Peter Hurdt durch die Hölle von Sara­jevo führt – und sein Name ist Rajko. Dieses Spiel des Para­do­xons, des Kon­trasts, ist sehr wichtig. Ich ver­suche, dieses Spiel auf die Bezie­hung zwi­schen Autor, Erzähler und Figur zu über­tragen. Rajko ist gleich­zeitig der Held meines Romans, eine der Roman­fi­guren, und prä­sen­tiert sich defacto als Erzähler, als Autor. Dieses Spiel der Dop­pel­be­leuch­tung ist mir sehr wichtig, weil ich denke, dass es die eigent­liche Grund­lage des Romans ist. Es ist ein Mittel, um tech­nisch die Zwei- und Viel­deu­tig­keit zu zeigen, über die wir zu Beginn unseres Gesprächs gespro­chen haben.

 

novinki: Ich bedanke mich herz­lich für das Interview!

Das Inter­view führte Phi­line Bickhardt.

Bei­trags­quelle: © Arhi­pelag, 2022, URL: https://www.arhipelag.rs/arhipelag-magazin/11-beogradski-festival-evropske-knjizevnosti/