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Über Schweben und Fall auf dem „Belgrader Festival für europäische Literatur“: Dževad Karahasan im Interview mit novinki

Posted on 25. Juni 2022 by Dževad Karahasan, Philine Bickhardt
Belgrad – die Stadt der Festivals. Gestern ging das „Belgrader Festival der europäischen Literatur“ (22. - 25.06) zu Ende, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut vom Verlagshaus „Arhipelag“ ausgetragen wurde. Einer der vier literarischen Gäste war der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, mit dem novinki über seinen neu erschienenen Roman „Uvod u lebdenje“ (2022) sprach.

Belgrad – die Stadt der Festivals. Gestern ging das „Belgrader Festival der europäischen Literatur“ (22. - 25.06) zu Ende, das in Kooperation mit dem Goethe-Institut vom Verlagshaus „Arhipelag“ ausgetragen wurde. Einer der vier literarischen Gäste war Dževad Karahasan, mit dem novinki über seinen neu erschienenen Roman Uvod u lebdenje (2022) sprach.

 

„Nach zwei Jahren Corona-Pause findet unser Festival erstmals wieder in Präsenz statt“, sagt mit Erleichterung der Verleger von „Arhipelag“ Gojko Božović. Drei Abendprogramme widmeten sich primär der Frage nach Kultur und Freiheit in Zeiten der Angst. Auf das erste Autorengespräch am 22.06 mit Dževad Karahasan über seinen neuen Roman „Uvod u lebdenje“, eschienen im Verlag „Bulevar Books“ in Novi Sad, folgte am zweiten Festivaltag eine Lesung des deutschen Schriftstellers Ingo Schulze aus dem Roman „Adam und Evelyn“ (2008), der aus Berlin anreiste. Am dritten und letzten Tag des Festivals sprachen die Belgrader Schriftstellerin Nina Savčić und der slowenische Schriftsteller und Übersetzer Jani Virk.

Das Original kann ⇒ hier eingesehen werden.

Das Interview wurde im Bosnischen (Jekavica) geführt und im serbischen Standard (Ekavica) transkribiert.

novinki: Folgend auf das gestrige Eröffnungspanel „Kultur in Zeiten der Angst“ (Gäste: Milena Bogavac, Blagoje Pantelić, Gojko Božović; Moderation: Marija Nenezić) sprachen Sie in Ihrem Autorengespräch über Freiheit und die Angst vor der Freiheit. Was Ihr neues Buch betrifft, stellt sich mir die Frage, ob nicht „Die Einführung ins Schweben“ (Uvod u lebdenje) ebendieser Zustand ist, wenn wir lernen zu fliegen, wenn immer die Möglichkeit des Falls gegeben ist, wir stetig Gefahr laufen in den Abgrund zu stürzen. Erzählt Ihr Buch vom Fall als Misserfolg?

 

Dževad Karahasan: Ja, das ist eine gute Frage. Für den Schriftsteller ist es schwer, sein Buch zu definieren, es in kurzen Sätzen wiederzugeben. Denn das, was ich darüber sagen kann, habe ich im Buch geschrieben. In jedem Falle stimme ich Ihnen zu, dass das Schweben Hoffnung und Gefahr zugleich ist; Schweben kann heißen zu fliegen, absolut frei zu sein; endgültig, definitiv frei. Und gleichzeitig ist es Fall, Abgrund und Gefahr. Es ist überhaupt nicht zufällig, dass - sagen wir für die Agnostiker, eine wichtige Bewegung und Denkschule, beim Übergang aus der alten in die neue Ära - jede Existenz, jedes Leben der Fall ist, der Fall aus der Ewigkeit in die Zeit.

 

novinki: Das erinnert mich u.a. an den „Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus und den Stein, der trotz großer Anstrengungen immer und immer wieder den Berg hinunterrollt.

 

D.K.: Ja, stellen Sie sich jetzt vor, dass dieser Stein zu schweben beginnt. Der Flug ist unabdingbar mit der Möglichkeit des Falls verbunden. Dieses Buch ist tatsächlich der Versuch die Ambivalenz alles Seienden zu zeigen, all das zu zeigen, was mindestens zweideutig ist. Eindeutigkeit, von der uns immer weis gemacht wird, dass sie gut, wünschenswert ist, ist nur möglich in Konstrukten, in künstlichen `Quasi`-Welten in der Arithmetik; die Eindeutigkeit ist also überall dort unmöglich, wo das Leben Körper und Form hat. Im Leben, in der Wirklichkeit gibt es keine Eindeutigkeit, denn eine Eindimensionalität ist hier unmöglich. Die Existenz ist immer sehr komplex. Und ich habe versucht, über diese Mehrdimensionalität, über die Vieldeutigkeit in meinem Buch zu erzählen.

 

novinki: Freiheit ist, wie Sie gestern sagten, das Unterscheiden bzw. Differenzieren zwischen Meinungen und Gedanken. Das, was Sie jetzt soeben über die Ein- und Zweideutigkeit gesagt haben, erinnert mich wiederum daran, was Sie gestern auf dem Podium sagten: Der zeitgenössische Mensch lebt gemütlich, aber völlig unecht. Bei jedmöglichem Problem (Familie, Arbeit etc.) wird ein_e Expert_in von außen herangezogen, die Lücken im "Perfekten" werden durch die Expertise anderer gefüllt, auch weil die Arbeitsteilung extrem ausgeprägt ist (Dienstleistungsgesellschaft, Auslagerung von Entscheidungen, Rationalisierung von Lebensbereichen). Ist es die menschliche Erfahrung, d.h. Erfolge, Fehler und auch Misserfolge, die uns fehlt?

 

D.K.: Ich denke ja. Schauen Sie, ich denke, dass vordergründig die Mystifizierung von Erfolg ein ernstes Problem der heutigen Zeit ist. Wir vergessen den schönen Ausspruch von Pythagoras. Er sprach unentwegt davon, dass „der Weg das Ziel ist“, beim Ziel ankommen bedeutet etwas zu beenden. Wir müssen den Sinn im Weg, im Reisen, in der Bewegung sehen, nicht im Ziel. Wir mystifizieren fürchterlich den Erfolg, wir vergessen die große Weisheit, die uns die griechische Tragödie gelehrt hat, nämlich dass man aus Niederlagen, aus Misserfolgen lernt. Erfolg und Sieg bringen keine Erkenntnis, aber wir Menschen sollten nach ihr streben.

Wir denken, dass Scheitern etwas sehr Schlechtes, etwas ausschließlich Schlechtes ist. Das muss es aber überhaupt nicht sein. Wir finden, dass es etwas außerordentlich Negatives ist aufzugeben, Fehler zu machen. Uns drängt sich die Maschine als Ideal auf. Die Maschine sagt, mach keine Fehler, mach keine Fehler, weil sie nicht denkt.

 

novinki: Können wir also Ihren Roman auch als einen existenzialistischen deuten?

 

D.K.: Jein. Ja und Nein. Die existenzialistische Philosophie und Literatur ist tatsächlich meinem Roman sehr nah. Existentialisten haben uns davor gewarnt, dass wir ins Leben geworfen sind. Sie haben uns davor gewarnt, dass wir uns unsere Geburt nicht ausgewählt haben. Und in diesem Sinne ist mein Roman existenzialistisch, er ist gewissermaßen mein Gespräch mit den großen Lehrern Krleža, Satre und Camus. Aber andererseits haben Sie in meinem Roman nicht diesen Widerstand gegen die Notwendigkeiten, den die Existentialisten immer haben. Meine Helden sind in der Tat bereit, sich damit abzufinden, dass es Dinge gibt, die wir nicht auswählen bzw. bestimmen können, weil auch unsere Wahl sehr fehlerhaft sein kann. Und das, was uns aufgezwungen wird, kann prinzipiell auch gut sein. Verstehen Sie, der Existentialismus ist extrem stark vom Gefühl des Menschen geprägt, vom menschlichen Bedürfnis, dass alles, was uns widerfährt, unsere Wahl ist. Freiheit ist untrennbar mit der Möglichkeit der Wahl verbunden.

 

novinki: Ja, und wenn Camus sagt, die wichtigste aller philosophischen Fragen ist die Frage nach dem Selbstmord, was würden Sie sagen?

 

D.K.: Ja, natürlich ist sie wichtig, aber es gibt auch andere philosophische Fragen, die gleichermaßen wichtig und wesentlich sind, zum Beispiel die Frage nach der Liebe, die Beziehung zwischen Notwendigkeiten/Zwängen und der Freiheit des Auswählens. Und solange unsere Freiheit auf die Möglichkeit des Todes oder Selbstmords beschränkt ist, bieten sich nicht viele Möglichkeiten. In meinem Roman „Die Einführung ins Schweben“ suchen und versuchen die Helden Freiheit in Relationen zu sehen, die mehr Möglichkeiten bieten. Der Existentialismus reduzierte die Frage der menschlichen Freiheit auf eine Opposition, die dualistische Opposition. Ja oder Nein. Tod oder Leben. Meine Helden empfinden das als zu wenig. Das Leben oder die wirkliche Welt ist nicht so einfach, dass man es auf einen arithmetischen Gegensatz reduzieren könnte. Sie wollen, sie sehen, sie glauben fest daran, dass dem Menschen ein viel breiteres Spektrum an Wahlmöglichkeiten geboten wird. Und insofern ist mein Roman eine Art der Polemik gegen den Existentialismus.

 

novinki: Warum handelt die Freiheit von den Formen, von den Grenzen?

 

D.K.: Ich denke, dass die Freiheit und all das, was wirklich wichtig für unseren Aufenthalt auf dieser Erde und in diesem Leben ist und was wir erkennen und wirklich begreifen können, immer eine Form bzw. eine Grenze aufweist. Das, was unendlich ist, können wir nicht erkennen. Um also überhaupt über Freiheit nachdenken zu können, um zu wissen, was Freiheit ist, müssen wir sie in irgendeiner Form erkennen, wir müssen ihr eine bestimmte Form geben. Und eine der Möglichkeiten, Freiheit so zu sehen und zu lernen, besteht darin, Freiheit als Begegnung mit anderen zu definieren. Du bist die Grenze meiner Freiheit. Das bedeutet: Du bist die Form meiner Freiheit. Meine Freiheit nimmt durch mein Gegenüber Form an. Wenn wir die Freiheit als etwas Unendliches definieren, würden wir ihr die Konkretheit nehmen. Deswegen ist die moderne, bei unseren Zeitgenossen so beliebte Manier wirklich unerträglich: Ich darf alles. Der, der alles darf, ist kein Mensch mehr. Freiheit müssen wir immer in Beziehung mit Verantwortung denken. Wenn meine Freiheit nicht mehr Sie im Blick hat, dann ist das keine Freiheit mehr, es ist Gewalt.

 

novinki: Der Epilog in Ihrem Roman hat mich an einige serbische bzw. jugoslawische Romane des 20. Jahrhunderts erinnert, in denen die Epiloge eine wichtige Rolle für die Erzählinstanz bzw. das Erzählen spielen. Zum Beispiel, wenn eine literarische Figur vorgibt, die Erzählung zu beenden (Hasan in „Derviš i smrt“ bei Meša Selimović oder Eduard in „Peščanik“ von Danilo Kiš), oder wenn eine Illusion bzw. Gleichsetzung des tatsächlichen Autors mit dem Erzähler im literarischen Text erzeugt wird, wie im Epilog des Romans „Hodočašće Arsenija Njegovana“ von Borislav Pekić. Warum ist es wichtig, dass Rajko Šurup uns die Geschichte des Schwebens aus dem Sizilien des Jahres 1994 erzählt?

 

D.K.: Ich mag Ihre Frage, obgleich ich Sie daran erinnern möchte dass Rajko Šurup keine literarische Figur, sondern der Erzähler ist. Ich konstelliere die Dinge so, dass Rajko Šurup der Autor des Romans ist.

 

novinki: Ja, aber der alleinige Autor sind tatsächlich nur Sie. Worin besteht also Ihr Spiel mit dem Erzähler?

 

D.K.: Ich bin der Autor, sagen wir, aus der Perspektive von außen. Aber aus der Perspektive von innen ist Rajko Šurup der Autor. Das ist ein Perspektivspiel. Ich interessiere mich in erster Linie für den Namen dieses Helden, also des Autors. Rajko ist derjenige, der im Paradies (Anm. d. Red.: „raj“ bedeutet Paradies) wohnt, derjenige, der das Paradies in sich trägt. Und der Name meines Helden, also des Erzählers, ist etwas paradox. Er fungiert als Vergil, als Anführer, als Mann, der den Peter Hurdt durch die Hölle von Sarajevo führt – und sein Name ist Rajko. Dieses Spiel des Paradoxons, des Kontrasts, ist sehr wichtig. Ich versuche, dieses Spiel auf die Beziehung zwischen Autor, Erzähler und Figur zu übertragen. Rajko ist gleichzeitig der Held meines Romans, eine der Romanfiguren, und präsentiert sich defacto als Erzähler, als Autor. Dieses Spiel der Doppelbeleuchtung ist mir sehr wichtig, weil ich denke, dass es die eigentliche Grundlage des Romans ist. Es ist ein Mittel, um technisch die Zwei- und Vieldeutigkeit zu zeigen, über die wir zu Beginn unseres Gesprächs gesprochen haben.

 

novinki: Ich bedanke mich herzlich für das Interview!

Das Interview führte Philine Bickhardt.

Beitragsquelle: © Arhipelag, 2022, URL: https://www.arhipelag.rs/arhipelag-magazin/11-beogradski-festival-evropske-knjizevnosti/