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„Und wir spielen Bonnie und Clyde…“

Posted on 3. Juni 2022 by Philipp Stieg
Aleksandr Chant inszeniert mit "In Limbo" (Mežsezon’e, RU 2021) das tragische, auf wahren Begebenheiten basierende Schicksal zweier russischer Jugendlicher als energetischen Mahlstrom von Gefühlen und Gewalt und versetzt bekannte Urmythen Hollywoods ins postsowjetische Russland. Ein Experiment, das gelingt.

Aleksandr Chant inszeniert mit In Limbo (Mežsezon’e, RU 2021) das tragische, auf wahren Begebenheiten basierende Schicksal zweier russischer Jugendlicher als energetischen Mahlstrom von Gefühlen und Gewalt und versetzt bekannte Urmythen Hollywoods ins postsowjetische Russland. Ein Experiment, das gelingt.

Roadmovies, die von missverstandenen jugendlichen Ausreißerpärchen auf der Flucht vor Gesetz und Erziehungsberechtigten erzählen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten viele. Von klassischen amerikanischen Gangsterballaden wie Arthur Penns Bonnie and Clyde (1967) oder Terrence Malicks Badlands (1973) bis in die bunten 90er Jahre zu David Lynchs enigmatischem Wild at Heart (1990), Ridley und Tony Scotts Thelma and Louise (1991) bzw. True Romance (1993) oder Oliver Stones phantasmagorischen Natural Born Killers (1994) erzählte Hollywood mit verschiedensten Reinterpretationen die im Kern doch immer gleiche Geschichte. Dem US-Kino gelingt es, neben dem ungebundenen Leben auf der Flucht und dem gewaltvollen Konflikt mit Verfolgern und dem System stets auch mehr zu erzählen: zeitgenössische Jugendkulturen, die Entdeckung des Selbst, sexuelles Erwachen und nicht zuletzt politische Diskurse über Gewalt, Autorität und Freiheit.

 

2021 dreht Aleksandr Chant ein Coming-of-Age Roadmovie, das keinen Hehl daraus macht, wo seine Vorbilder liegen und weitestgehend die Erzählformeln des Genres mitgeht. Auch In Limbo versucht jedoch, der Genretradition auf eigene Weise eine Note hinzuzufügen. Nur: Was hat Chants Film letztlich über die Gesellschaft, das Aufwachsen und das Rebellieren im modernen Russland zu erzählen?

 

Die ungleichen Protagonist_innen von In Limbo sind die vorlaute Saša, die mit ihrem autoritären Stiefvater im Konflikt steht, und der schüchterne Danny, eingeengt von der wahnhaften Fürsorge seiner Mutter. Beide entschließen sich, mit ihren Elternhäusern zu brechen und reißen nach ersten Annäherungsversuchen zusammen aus. Was folgt, ist eine Reise von Jekaterinburg ins tiefste russische Hinterland, auf der Saša und Danny, die Autoritäten und die Eltern stets auf ihren Fersen, eine unschuldige jugendliche Liebe füreinander entdecken und den Obrigkeiten ein ums andere Mal von der Klinge springen müssen (was gelingt). Während sich die Schlinge um die beiden immer weiter zuzieht, lernen sie einander und sich selbst kennen, sie laden Schuld auf sich. Neben Episoden der Spannungen und der Gewalt sind da aber auch die Momente der Ruhe und Zärtlichkeit, die sich einander die Waage halten.

 

 

Chant versucht, die Rebellion seiner Figuren mit einem Gewitter von unkonventionellen Schnitttechniken, schnellen Kamerafahrten und aufgedrehtem Soundtrack zu untermalen. Dies unterstreicht in groß angelegten Szenarien den lauten, hektischen Charakter der Erzählung, aber auch die Auflehnung seiner energetischen und chaotischen Hauptfiguren. Vom Mut zum Experimentellen profitiert der Film immens, denn In Limbo ist hervorragend montiert. Teils kommen Szenen wie kurze Musikvideos mit Social Media Ästhetik daher, die sich zwischen den Häuserschluchten und Blocks Jekaterinburgs, der heruntergekommenen Wellblechsiedlung im Hinterland oder vor der Erhabenheit der Sibirischen Einöde abspielen. So kreiert der Regisseur einen Sog, der die Zusehenden mit auf die Höllenfahrt in den Limbo reißt.

 

Die blutige Irrfahrt ins Ungewisse als letzte Möglichkeit noch frei leben zu können, die Chants Hauptfiguren antreten, ist inspiriert von der wahren tragischen Geschichte zweier russischer Jugendlicher, die schwer bewaffnet ihre Flucht für jeden sichtbar im Internet per Livestream zeigten. Die Tat wurde 2016 zum internationalen Medienereignis. Die der Geschichte innewohnende Medienreflexivität der Ereignisse lässt Chant an mehreren Stellen seines Films einfließen und schafft es so, ein Generationenportrait über die russische Generation zu erzählen. Saša und Danny kennen das System nicht mehr, in dem ihre Eltern aufwuchsen. Dessen Zerfall erlebten sie nicht, sie sind Kinder von Putins Russland. Die beiden verkörpern eine Jugend, die von ihren Eltern nicht verstanden werden kann, nicht verstanden werden will. Es handelt sich dabei um DEN Topos des russischen Arthouse-Kinos der letzten Jahre. Hier tritt die (noch-SU-sozialisierte) alte Generation gegen die neue (postsowjetisch aufgewachsene) Generation an. Es sind Traditionen von Repression, Gewalt und Bevormundung, derer sich das Duo zu entziehen versucht und so suchen sie sich einen Platz außerhalb dieser Gesellschaft. Sie marodieren durch die Stadt, erregen öffentliches Ärgernis durch Diebstahl und Vandalismus (auch ein Konterfei Putins wird ganz beiläufig übermalt – eine Aktion, die schon im Juni 2022 undenkbar ist; im Kino UND in der Realität). Dabei flammt immer wieder eine unerbittliche Gesellschaftsdiagnostik auf. Es scheint, als haben sich die Menschen damit abgefunden, in Unglück, Armut und Repression zu leben ohne auch nur ein Anzeichen der Auflehnung gegen die Verhältnisse. Dem Regisseur gelingt es, die Hoffnungslosigkeit darstellbar zu machen, die im Abschiedsbrief des 2016 beim Sturm ihres Verstecks durch die Polizei ums Leben gekommenen jungen Paars erklingt: „Ich habe Dich geliebt, aber Du hast nicht bemerkt, dass Du meinen Verstand und mein Leben ruiniert hast.“

 

Mit In Limbo beweist Alexander Chant, dass die jugendliche Rebellion im Kino niemals wirklich auserzählt ist und versteht es, ihr weitere Facetten hinzuzufügen. Nicht zuletzt mit dem Verweis auf die wahren Hintergründe der Geschichte zeichnet der Film das gleichzeitig schrille und düstere Bild einer verrohten Gesellschaft, die einen Strudel aus Gewalt und Gegengewalt hervorbringt, in der Kinder zu Bluttäter_innen werden und die der Wirklichkeit gar nicht so unähnlich ist. Lohnt sich in einer solchen Gesellschaft der Moment des Auflehnens, der Revolution? Oder ist sie dazu verdammt, im Kugelhagel zu enden?

 

Chant, Aleksandr A.: Mežsezon’e (In Limbo), Russland, 2021, 110 Min.

„Und wir spielen Bonnie und Clyde…“ – novinki
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„Und wir spielen Bonnie und Clyde…“

Alek­sandr Chant insze­niert mit In Limbo (Mežsezon’e, RU 2021) das tra­gi­sche, auf wahren Bege­ben­heiten basie­rende Schicksal zweier rus­si­scher Jugend­li­cher als ener­ge­ti­schen Mahl­strom von Gefühlen und Gewalt und ver­setzt bekannte Urmy­then Hol­ly­woods ins post­so­wje­ti­sche Russ­land. Ein Expe­ri­ment, das gelingt.

Road­mo­vies, die von miss­ver­stan­denen jugend­li­chen Aus­rei­ßer­pär­chen auf der Flucht vor Gesetz und Erzie­hungs­be­rech­tigten erzählen, gab es in den ver­gan­genen Jahr­zehnten viele. Von klas­si­schen ame­ri­ka­ni­schen Gangs­ter­bal­laden wie Arthur Penns Bonnie and Clyde (1967) oder Ter­rence Malicks Bad­lands (1973) bis in die bunten 90er Jahre zu David Lynchs enig­ma­ti­schem Wild at Heart (1990), Ridley und Tony Scotts Thelma and Louise (1991) bzw. True Romance (1993) oder Oliver Stones phan­tas­ma­go­ri­schen Natural Born Kil­lers (1994) erzählte Hol­ly­wood mit ver­schie­densten Rein­ter­pre­ta­tionen die im Kern doch immer gleiche Geschichte. Dem US-Kino gelingt es, neben dem unge­bun­denen Leben auf der Flucht und dem gewalt­vollen Kon­flikt mit Ver­fol­gern und dem System stets auch mehr zu erzählen: zeit­ge­nös­si­sche Jugend­kul­turen, die Ent­de­ckung des Selbst, sexu­elles Erwa­chen und nicht zuletzt poli­ti­sche Dis­kurse über Gewalt, Auto­rität und Freiheit.

 

2021 dreht Alek­sandr Chant ein Coming-of-Age Road­movie, das keinen Hehl daraus macht, wo seine Vor­bilder liegen und wei­test­ge­hend die Erzähl­for­meln des Genres mit­geht. Auch In Limbo ver­sucht jedoch, der Gen­retra­di­tion auf eigene Weise eine Note hin­zu­zu­fügen. Nur: Was hat Chants Film letzt­lich über die Gesell­schaft, das Auf­wachsen und das Rebel­lieren im modernen Russ­land zu erzählen?

 

Die unglei­chen Protagonist_innen von In Limbo sind die vor­laute Saša, die mit ihrem auto­ri­tären Stief­vater im Kon­flikt steht, und der schüch­terne Danny, ein­ge­engt von der wahn­haften Für­sorge seiner Mutter. Beide ent­schließen sich, mit ihren Eltern­häu­sern zu bre­chen und reißen nach ersten Annä­he­rungs­ver­su­chen zusammen aus. Was folgt, ist eine Reise von Jeka­te­rin­burg ins tiefste rus­si­sche Hin­ter­land, auf der Saša und Danny, die Auto­ri­täten und die Eltern stets auf ihren Fersen, eine unschul­dige jugend­liche Liebe für­ein­ander ent­de­cken und den Obrig­keiten ein ums andere Mal von der Klinge springen müssen (was gelingt). Wäh­rend sich die Schlinge um die beiden immer weiter zuzieht, lernen sie ein­ander und sich selbst kennen, sie laden Schuld auf sich. Neben Epi­soden der Span­nungen und der Gewalt sind da aber auch die Momente der Ruhe und Zärt­lich­keit, die sich ein­ander die Waage halten.

 

 

Chant ver­sucht, die Rebel­lion seiner Figuren mit einem Gewitter von unkon­ven­tio­nellen Schnitt­tech­niken, schnellen Kame­ra­fahrten und auf­ge­drehtem Sound­track zu unter­malen. Dies unter­streicht in groß ange­legten Sze­na­rien den lauten, hek­ti­schen Cha­rakter der Erzäh­lung, aber auch die Auf­leh­nung seiner ener­ge­ti­schen und chao­ti­schen Haupt­fi­guren. Vom Mut zum Expe­ri­men­tellen pro­fi­tiert der Film immens, denn In Limbo ist her­vor­ra­gend mon­tiert. Teils kommen Szenen wie kurze Musik­vi­deos mit Social Media Ästhetik daher, die sich zwi­schen den Häu­ser­schluchten und Blocks Jeka­te­rin­burgs, der her­un­ter­ge­kom­menen Well­blech­sied­lung im Hin­ter­land oder vor der Erha­ben­heit der Sibi­ri­schen Einöde abspielen. So kre­iert der Regis­seur einen Sog, der die Zuse­henden mit auf die Höl­len­fahrt in den Limbo reißt.

 

Die blu­tige Irr­fahrt ins Unge­wisse als letzte Mög­lich­keit noch frei leben zu können, die Chants Haupt­fi­guren antreten, ist inspi­riert von der wahren tra­gi­schen Geschichte zweier rus­si­scher Jugend­li­cher, die schwer bewaffnet ihre Flucht für jeden sichtbar im Internet per Live­stream zeigten. Die Tat wurde 2016 zum inter­na­tio­nalen Medi­en­er­eignis. Die der Geschichte inne­woh­nende Medi­en­re­fle­xi­vität der Ereig­nisse lässt Chant an meh­reren Stellen seines Films ein­fließen und schafft es so, ein Genera­tio­nen­por­trait über die rus­si­sche Genera­tion [Z] zu erzählen. Saša und Danny kennen das System nicht mehr, in dem ihre Eltern auf­wuchsen. Dessen Zer­fall erlebten sie nicht, sie sind Kinder von Putins Russ­land. Die beiden ver­kör­pern eine Jugend, die von ihren Eltern nicht ver­standen werden kann, nicht ver­standen werden will. Es han­delt sich dabei um DEN Topos des rus­si­schen Arthouse-Kinos der letzten Jahre. Hier tritt die (noch-SU-sozia­li­sierte) alte Genera­tion gegen die neue (post­so­wje­tisch auf­ge­wach­sene) Genera­tion an. Es sind Tra­di­tionen von Repres­sion, Gewalt und Bevor­mun­dung, derer sich das Duo zu ent­ziehen ver­sucht und so suchen sie sich einen Platz außer­halb dieser Gesell­schaft. Sie maro­dieren durch die Stadt, erregen öffent­li­ches Ärgernis durch Dieb­stahl und Van­da­lismus (auch ein Kon­terfei Putins wird ganz bei­läufig über­malt – eine Aktion, die schon im Juni 2022 undenkbar ist; im Kino UND in der Rea­lität). Dabei flammt immer wieder eine uner­bitt­liche Gesell­schafts­dia­gnostik auf. Es scheint, als haben sich die Men­schen damit abge­funden, in Unglück, Armut und Repres­sion zu leben ohne auch nur ein Anzei­chen der Auf­leh­nung gegen die Ver­hält­nisse. Dem Regis­seur gelingt es, die Hoff­nungs­lo­sig­keit dar­stellbar zu machen, die im Abschieds­brief des 2016 beim Sturm ihres Ver­stecks durch die Polizei ums Leben gekom­menen jungen Paars erklingt: „Ich habe Dich geliebt, aber Du hast nicht bemerkt, dass Du meinen Ver­stand und mein Leben rui­niert hast.“

 

Mit In Limbo beweist Alex­ander Chant, dass die jugend­liche Rebel­lion im Kino nie­mals wirk­lich aus­er­zählt ist und ver­steht es, ihr wei­tere Facetten hin­zu­zu­fügen. Nicht zuletzt mit dem Ver­weis auf die wahren Hin­ter­gründe der Geschichte zeichnet der Film das gleich­zeitig schrille und düs­tere Bild einer ver­rohten Gesell­schaft, die einen Strudel aus Gewalt und Gegen­ge­walt her­vor­bringt, in der Kinder zu Bluttäter_innen werden und die der Wirk­lich­keit gar nicht so unähn­lich ist. Lohnt sich in einer sol­chen Gesell­schaft der Moment des Auf­leh­nens, der Revo­lu­tion? Oder ist sie dazu ver­dammt, im Kugel­hagel zu enden?

 

Chant, Alek­sandr A.: Mežsezon’e (In Limbo), Russ­land, 2021, 110 Min.