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"Unvergessene Geschichten" - für die einen unvergesslich, für die anderen bloß Geschichte

Posted on 18. Juni 2021 by Carla Kölling
Akkordeonmusik, ein Gespräch im Wohnzimmer, ein Dorfrundgang, alte Fotos, Postkarten und Stadtpläne: Andrzej Winiszewskis Film „Unvergessene Geschichten“ (poln. „Historie nezapomniane“, 2017) ist wie ein Fenster zur Vergangenheit - es wird für 40 Minuten geöffnet und dann ganz sanft wieder geschlossen. Für einige bleibt es immer präsent, für andere verflüchtigen sich die Eindrücke schnell.

Akkordeonmusik, ein Gespräch im Wohnzimmer, ein Dorfrundgang, alte Fotos, Postkarten und Stadtpläne: Andrzej Winiszewskis Film „Unvergessene Geschichten“ (poln. „Historie nezapomniane“. 2017) ist wie ein Fenster zur Vergangenheit - es wird für 40 Minuten geöffnet und dann ganz sanft wieder geschlossen. Für einige bleibt es immer präsent, für andere verflüchtigen sich die Eindrücke schnell.

 

Eine Spurensuche. Die Darstellung ist sehr intim und persönlich. Fünf Personen werden befragt, im Jahr 2017, zum Zeitpunkt des Drehs sind sie zwischen 81 und 93 Jahren alt. Was sie verbindet: der Ort Trzębiel, zu Deutsch Triebel. Er liegt nahe der polnisch-deutschen Grenze, lange Zeit gehörte er zu Deutschland, heute gehört er zu Polen. Es ist eine Gegenüberstellung: Zwei der Personen sind deutsch, in Triebel geboren, drei Personen polnisch und später nach Triebel gezogen.

 

Vom Krieg blieb der Ort weitestgehend verschont. Durch die Niederschlesische Operation, einer Offensive der Roten Armee an der deutsch-sowjetischen Front im Februar 1945 wurde lediglich die Kirche und eine Tankstelle zerstört. Im Film versuchen die Zeitzeug_innen das ehemalige Stadtbild gedanklich zu rekonstruieren und sich an die Bewohner_innen der Häuser zu erinnern: Günter Dutsche (*1936 in Triebel) führt das Filmteam zum einstigen Dorfplatz. Herbert Poelzig (*1931 in Triebel) erinnert sich an einen sogenannten Kolonialwarenhandel, der im dicken Turm nebenan einen Lagerraum hatte. In diesem wurde neben Sauerkraut und Essig selbstgebrannter Schnaps gelagert „Da wurde nur gefragt: Gelber oder weißer Schnaps?“. Gegenüber war ein Fleischer und daneben muss ein Seiler gewesen sein. Was heute nicht mehr steht gibt es wenigstens noch auf Fotos - und wo diese nicht existieren, helfen Stadtpläne weiter. Alles erinnernd zu rekonstruieren gelingt jedoch nicht. Es sind bereits 75 Jahre seit Kriegsende vergangen und mit dem Alter kommt auch das Vergessen. Oft fällt der Satz „Das weiß ich nicht mehr.“

 

Nach dem Krieg mussten, im Zuge der „Westverschiebung“ Polens, die Stalin 1945 als Kompensation für den Verlust der Gebiete einforderte, die östlich der so genannten „Curzon Linie“ lagen, polnische Bewohner_innen der Region die ostpolnischen Gebiete für die Sowjets räumen und wurden in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt, die dort lebenden Deutschen wiederum wurden ins Deutsche Reich zwangsausgesiedelt. Triebel ist einer jener Orte, wo die Deutschen aus ihren Häusern verjagt wurden und polnische Neuansiedler_innen nach Triebel kamen. Eine schmerzhafte Erinnerung für die beiden deutschen Zeitzeugen. An einem Junitag kam der Befehl, dass alle „raus“ müssen. Innerhalb eines kurzen Zeitraums wurde das Wichtigste gepackt, viel konnte aber nicht mitgenommen werden. Günter Dutsche und Herbert Poelzig waren damals noch Kinder.

 

Nach und nach fanden die polnischen Protagonist_innen des Filmes Władysław Zoliński (*1932 in Czernica), Olga Wiśniowaska (*1924 in Czernica; Deutsch Tschirne, 1937–1945 Großbrück) und Bożena Danielska (*1935 in Kościerzyna; Deutsch Berent) in Triebel ein neues Zuhause. Sie kamen zwischen 1946 und 1947, mit kaum etwas. Große Teile Zentralpolens waren zerbombt und es stand nur wenig Platz für Bauern zur Verfügung. Fast alle umliegenden Dörfer waren schon besiedelt. In Triebel gab es noch Häuser mit Nebengebäuden und Ländereien. Der Ort machte einen sauberen, ordentlichen und schönen Eindruck auf sie. Die guten Häuser rund um den Markt wurden jedoch vor allem von der sowjetischen Armee genutzt. Später brannten sie ab. „Hier konnte man noch wohnen wie ein Mensch, aber uns wurde das nicht erlaubt.“ bedauert Olga Wiśniowaska. Der Wiederaufbau der ihnen überlassenen, zum Teil heruntergekommenen Gebäude kostete Kraft und es gab kaum Baumaterial. Geld hatte absolut keinen Wert. Es wurde mit Lebensmitteln und Dienstleistungen getauscht.

 

Ab 1947 wurden alle leerstehenden Gebäude im Ort, und die abgebrannten Gebäude rund um den Markt abgerissen und abgetragen und die Ziegel zum Wiederaufbau nach Warschau gebracht. Olga Wiśniowaska erinnert sich an schöne Häuser, unter anderem Restaurants und eine Sporthalle, die sie gerne restauriert gewusst hätte. Auch Bożena Danielska nennt ein Haus, wo nur Türen und Fenster fehlten. Sie und die beiden anderen polnischen Zeitzeug_innen vermuten, dass diebische Banden die Ziegel für den eigenen Bedarf verwendeten oder damit handelten. Heute hat die Stadt 1350 Einwohner_innen, 1945 waren es fast doppelt so viele.

 

Der Film ist in Kapitel geteilt. Die Namen werden in weißer Schrift auf schwarzem Grund präsentiert. Nach fünf Kapiteln der Geschichte Triebels folgen „Bilder der Kindheit“ untermalt von beschwingter Akkordeonmusik. Das ehemalige Schwimmbad spielt darin eine große Rolle: Die beiden Deutschen und auch ein polnischer Zeitzeuge waren dort immer baden. Dort traf man zusammen und erlebte manchen langen Sommertag. Besonders der Geruch nach Zigarettenrauch und Bier ist in Erinnerung geblieben.

 

„Wieder in Triebel“: Günter Dutsche zeigt sein Geburts- und Wohnhaus. Die polnischen Zeitzeug_innen erzählen von unzähligen Besuchen anderer ehemaliger Bewohner. Geschenke wurden ausgetauscht, es wurde aufgetischt und mit Hilfe eines Übersetzers gemeinsam diskutiert und gefeiert. Anschließend kam eine Dankespostkarte. Noch heute kommen deutsche Personen und wollen sich den Ort ansehen.

 

Die letzte Szene: Die zuvor melancholische Klaviermusik setzt aus, Bożena Danielska blickt sehr ernst ihre Interviewpartnerin an, „Na, das ist wohl mein ganzes Leben“ sagt sie. Dann setzt wieder Klaviermusik ein. Etwas lauter und schneller als zuvor, doch immer noch nicht fröhlich. Sie spiegelt die Ambivalenz der Erinnerungen wider. Zum einen war und ist Trzębiel ein Zuhause für die Zeitzeug_innen, zum anderen ist mit dem Erzählen auch viel Schmerz und Verlust verbunden. Die Musik wurde vom Regisseur Andrzej Winiszewski eigens für den Film komponiert. Mit der Musik kommt ein schwarzes Bild, auf dem in weißer Schrift der Filmtitel steht: Unvergessene Geschichten/ Historie nezapomniane.

 

Dann werden Name, Alter, Geburtsort und jetziger Wohnort der Personen gezeigt. Die Namen der Porträtierten fallen zwar schon während des Films, alle weiteren Informationen erfahren die Zuschauer_innen erst ganz zum Schluss. Denn es geht nicht um die bloße Rekapitulation der biographischen und historischen Fakten, bei diesem kurzen Dokumentarfilm geht es vor allem um die persönliche Aufarbeitung eines bestimmten geschichtlichen Aspekts und darum, die Zeitzeug_innen selbst zu Wort kommen zu lassen, sie auf ihre Art und Weise erzählen zu lassen. Das Wissen um den restlichen Verlauf des Krieges wird vorausgesetzt, ist aber für das Porträt der Personen und „ihres Dorfes“ nicht relevant. Keine Kampf- oder Gewaltszenen sind zu sehen.

 

Filmauszug, © Andrzej Winiszewski

 

Ohne direkte Schuldzuweisungen werden alle Perspektiven nebeneinander und beide Seiten gleichwertig betrachtet, dabei wird deutlich, dass die Umsiedlungen für alle mit schmerzhaften Erinnerungen verknüpft sind. Trotz der offiziellen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze 1979 wurden im deutschen kollektiven Geschichtsbewusstsein oftmals nur die Deutschen als Opfer der Bevölkerungsverschiebung erinnert, die auf der Konferenz in Teheran 1943 entschieden und auf der Potsdamer Konferenz von den Siegermächten bestätigt wurden. Der Film macht dagegen Fenster für verschiedenen Opferperspektiven auf: Obwohl vertraglich eine „ordnungsgemäße und humane Umsiedelung“ festgehalten wurde, herrschte Chaos vor und Enteignungen waren keine Seltenheit. Die polnische Zivilbehörde übernahm die Verwaltung, entfernte deutsche Ortsnamen und die deutsche Bevölkerung aus dem Gebiet östlich der Lausitzer Neiße wurde gänzlich vertrieben oder (zwangs-)polonisiert. Was von deutscher Seite selten erwähnt wird, ist, dass auch die polnischen Neuansiedler_innen ihre eigentliche Heimat verloren haben und nicht freiwillig in die neuen Gebiete gingen. Sie litten genauso darunter, wie die Deutschen. Und genau das möchte der Film zeigen, ohne dabei zu politisieren. Stattdessen geht es darum, über den gemeinsamen Gedächtnisort in Kontakt zu treten. Das Projekt entstand durch die Initiative des Kulturhauses Trzębiel. Mitarbeitende begaben sich auf die Suche nach Zeitzeug_innen. Sie erzählen in Interviews, dass diese schwer zu finden waren, es musste erst eine Vertrauensbasis hergestellt werden.

 

Der Film ist ruhig. Er nimmt sich Zeit für die Zeitzeug_innen und ihre Geschichten. Er zeigt sie in ihrem jetzigen Umfeld, welches sich so präsentiert, wie es ist: weder kreiert, arrangiert noch perfekt. Die Zimmer sind nicht aufgeräumt, überall liegen Dinge, hier ein Kissen, da ein Stapel Blätter, dort stehen eine Blume und ein Vogelhaus im Hintergrund. Die Klamotten sind alltäglich, ein kariertes Hemd, ein grüner und ein gestreifter Pullover, eine Strickjacke und ein Hemd unter einem Pullover. Und er zeigt eben auch die Unvollkommenheit von Erinnerungen auf. Das macht ihn authentisch.

 

Die Fragenden und die Befragten stehen in einem behutsamen Dialog, wodurch eine enge emotionale Beziehung entsteht. Dennoch entspringt daraus nicht zwangsläufig eine Identifikation mit den Zeitzeug_innen. Dafür ist die Thematik zu spezifisch und wird zu sehr an persönliche Erinnerungen geknüpft. Durch die teilweise undeutlichen oder zu leise gesprochenen Äußerungen der Zeitzeug_innen ist es nicht möglich vollends in das Filmgeschehen einzutauchen. Sie verlieren hin und wieder den Faden, dadurch wird kein Spannungsbogen kreiert, der Film ist nicht fesselnd. Auch durch den Altersunterschied fällt es schwer sich zu identifizieren. Als junge Person ist es daher leicht das verschlossene Fenster einfach wieder außerhalb der eigenen Gedanken zu platzieren. Es ist ja nicht die eigene Geschichte und wir sind ohne direkte Berührung mit diesem Krieg aufgewachsen.

 

Winiszewski, Andrzej: Historie nezapomniane (Unvergessene Geschichten). Polen, 2017, 40 Min.

"Unvergessene Geschichten" - für die einen unvergesslich, für die anderen bloß Geschichte – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“Unver­ges­sene Geschichten” – für die einen unver­gess­lich, für die anderen bloß Geschichte

Akkor­de­on­musik, ein Gespräch im Wohn­zimmer, ein Dorfrund­gang, alte Fotos, Post­karten und Stadt­pläne: Andrzej Wini­szew­skis Film „Unver­ges­sene Geschichten“ (poln. „His­torie neza­p­om­niane“. 2017) ist wie ein Fenster zur Ver­gan­gen­heit – es wird für 40 Minuten geöffnet und dann ganz sanft wieder geschlossen. Für einige bleibt es immer prä­sent, für andere ver­flüch­tigen sich die Ein­drücke schnell. 

 

Eine Spu­ren­suche. Die Dar­stel­lung ist sehr intim und per­sön­lich. Fünf Per­sonen werden befragt, im Jahr 2017, zum Zeit­punkt des Drehs sind sie zwi­schen 81 und 93 Jahren alt. Was sie ver­bindet: der Ort Trzębiel, zu Deutsch Triebel. Er liegt nahe der pol­nisch-deut­schen Grenze, lange Zeit gehörte er zu Deutsch­land, heute gehört er zu Polen. Es ist eine Gegen­über­stel­lung: Zwei der Per­sonen sind deutsch, in Triebel geboren, drei Per­sonen pol­nisch und später nach Triebel gezogen.

 

Vom Krieg blieb der Ort wei­test­ge­hend ver­schont. Durch die Nie­der­schle­si­sche Ope­ra­tion, einer Offen­sive der Roten Armee an der deutsch-sowje­ti­schen Front im Februar 1945 wurde ledig­lich die Kirche und eine Tank­stelle zer­stört. Im Film ver­su­chen die Zeitzeug_innen das ehe­ma­lige Stadt­bild gedank­lich zu rekon­stru­ieren und sich an die Bewohner_innen der Häuser zu erin­nern: Günter Dut­sche (*1936 in Triebel) führt das Film­team zum eins­tigen Dorf­platz. Her­bert Poelzig (*1931 in Triebel) erin­nert sich an einen soge­nannten Kolo­ni­al­wa­ren­handel, der im dicken Turm nebenan einen Lager­raum hatte. In diesem wurde neben Sauer­kraut und Essig selbst­ge­brannter Schnaps gela­gert „Da wurde nur gefragt: Gelber oder weißer Schnaps?“. Gegen­über war ein Flei­scher und daneben muss ein Seiler gewesen sein. Was heute nicht mehr steht gibt es wenigs­tens noch auf Fotos – und wo diese nicht exis­tieren, helfen Stadt­pläne weiter. Alles erin­nernd zu rekon­stru­ieren gelingt jedoch nicht. Es sind bereits 75 Jahre seit Kriegs­ende ver­gangen und mit dem Alter kommt auch das Ver­gessen. Oft fällt der Satz „Das weiß ich nicht mehr.“

 

Nach dem Krieg mussten, im Zuge der „West­ver­schie­bung“ Polens, die Stalin 1945 als Kom­pen­sa­tion für den Ver­lust der Gebiete ein­for­derte, die öst­lich der so genannten „Curzon Linie“ lagen, pol­ni­sche Bewohner_innen der Region die ost­pol­ni­schen Gebiete für die Sowjets räumen und wurden in die deut­schen Ost­ge­biete umge­sie­delt, die dort lebenden Deut­schen wie­derum wurden ins Deut­sche Reich zwangs­aus­ge­sie­delt. Triebel ist einer jener Orte, wo die Deut­schen aus ihren Häu­sern ver­jagt wurden und pol­ni­sche Neuansiedler_innen nach Triebel kamen. Eine schmerz­hafte Erin­ne­rung für die beiden deut­schen Zeit­zeugen. An einem Junitag kam der Befehl, dass alle „raus“ müssen. Inner­halb eines kurzen Zeit­raums wurde das Wich­tigste gepackt, viel konnte aber nicht mit­ge­nommen werden. Günter Dut­sche und Her­bert Poelzig waren damals noch Kinder.

 

Nach und nach fanden die pol­ni­schen Protagonist_innen des Filmes Wła­dysław Zoliński (*1932 in Czer­nica), Olga Wiś­nio­waska (*1924 in Czer­nica; Deutsch Tschirne, 1937–1945 Groß­brück) und Bożena Dani­elska (*1935 in Kościer­zyna; Deutsch Berent) in Triebel ein neues Zuhause. Sie kamen zwi­schen 1946 und 1947, mit kaum etwas. Große Teile Zen­tral­po­lens waren zer­bombt und es stand nur wenig Platz für Bauern zur Ver­fü­gung. Fast alle umlie­genden Dörfer waren schon besie­delt. In Triebel gab es noch Häuser mit Neben­ge­bäuden und Län­de­reien. Der Ort machte einen sau­beren, ordent­li­chen und schönen Ein­druck auf sie. Die guten Häuser rund um den Markt wurden jedoch vor allem von der sowje­ti­schen Armee genutzt. Später brannten sie ab. „Hier konnte man noch wohnen wie ein Mensch, aber uns wurde das nicht erlaubt.“ bedauert Olga Wiś­nio­waska. Der Wie­der­aufbau der ihnen über­las­senen, zum Teil her­un­ter­ge­kom­menen Gebäude kos­tete Kraft und es gab kaum Bau­ma­te­rial. Geld hatte absolut keinen Wert. Es wurde mit Lebens­mit­teln und Dienst­leis­tungen getauscht.

 

Ab 1947 wurden alle leer­ste­henden Gebäude im Ort, und die abge­brannten Gebäude rund um den Markt abge­rissen und abge­tragen und die Ziegel zum Wie­der­aufbau nach War­schau gebracht. Olga Wiś­nio­waska erin­nert sich an schöne Häuser, unter anderem Restau­rants und eine Sport­halle, die sie gerne restau­riert gewusst hätte. Auch Bożena Dani­elska nennt ein Haus, wo nur Türen und Fenster fehlten. Sie und die beiden anderen pol­ni­schen Zeitzeug_innen ver­muten, dass die­bi­sche Banden die Ziegel für den eigenen Bedarf ver­wen­deten oder damit han­delten. Heute hat die Stadt 1350 Einwohner_innen, 1945 waren es fast dop­pelt so viele.

 

Der Film ist in Kapitel geteilt. Die Namen werden in weißer Schrift auf schwarzem Grund prä­sen­tiert. Nach fünf Kapi­teln der Geschichte Trie­bels folgen „Bilder der Kind­heit“ unter­malt von beschwingter Akkor­de­on­musik. Das ehe­ma­lige Schwimmbad spielt darin eine große Rolle: Die beiden Deut­schen und auch ein pol­ni­scher Zeit­zeuge waren dort immer baden. Dort traf man zusammen und erlebte man­chen langen Som­mertag. Beson­ders der Geruch nach Ziga­ret­ten­rauch und Bier ist in Erin­ne­rung geblieben.

 

„Wieder in Triebel“: Günter Dut­sche zeigt sein Geburts- und Wohn­haus. Die pol­ni­schen Zeitzeug_innen erzählen von unzäh­ligen Besu­chen anderer ehe­ma­liger Bewohner. Geschenke wurden aus­ge­tauscht, es wurde auf­ge­tischt und mit Hilfe eines Über­set­zers gemeinsam dis­ku­tiert und gefeiert. Anschlie­ßend kam eine Dan­kes­post­karte. Noch heute kommen deut­sche Per­sonen und wollen sich den Ort ansehen.

 

Die letzte Szene: Die zuvor melan­cho­li­sche Kla­vier­musik setzt aus, Bożena Dani­elska blickt sehr ernst ihre Inter­view­part­nerin an, „Na, das ist wohl mein ganzes Leben“ sagt sie. Dann setzt wieder Kla­vier­musik ein. Etwas lauter und schneller als zuvor, doch immer noch nicht fröh­lich. Sie spie­gelt die Ambi­va­lenz der Erin­ne­rungen wider. Zum einen war und ist Trzębiel ein Zuhause für die Zeitzeug_innen, zum anderen ist mit dem Erzählen auch viel Schmerz und Ver­lust ver­bunden. Die Musik wurde vom Regis­seur Andrzej Wini­szewski eigens für den Film kom­po­niert. Mit der Musik kommt ein schwarzes Bild, auf dem in weißer Schrift der Film­titel steht: Unver­ges­sene Geschichten/ His­torie neza­p­om­niane.

 

Dann werden Name, Alter, Geburtsort und jet­ziger Wohnort der Per­sonen gezeigt. Die Namen der Por­trä­tierten fallen zwar schon wäh­rend des Films, alle wei­teren Infor­ma­tionen erfahren die Zuschauer_innen erst ganz zum Schluss. Denn es geht nicht um die bloße Reka­pi­tu­la­tion der bio­gra­phi­schen und his­to­ri­schen Fakten, bei diesem kurzen Doku­men­tar­film geht es vor allem um die per­sön­liche Auf­ar­bei­tung eines bestimmten geschicht­li­chen Aspekts und darum, die Zeitzeug_innen selbst zu Wort kommen zu lassen, sie auf ihre Art und Weise erzählen zu lassen. Das Wissen um den rest­li­chen Ver­lauf des Krieges wird vor­aus­ge­setzt, ist aber für das Por­trät der Per­sonen und „ihres Dorfes“ nicht rele­vant. Keine Kampf- oder Gewalt­szenen sind zu sehen.

 

Film­auszug, © Andrzej Winiszewski

 

Ohne direkte Schuld­zu­wei­sungen werden alle Per­spek­tiven neben­ein­ander und beide Seiten gleich­wertig betrachtet, dabei wird deut­lich, dass die Umsied­lungen für alle mit schmerz­haften Erin­ne­rungen ver­knüpft sind. Trotz der offi­zi­ellen Aner­ken­nung der Oder-Neiße-Grenze 1979 wurden im deut­schen kol­lek­tiven Geschichts­be­wusst­sein oft­mals nur die Deut­schen als Opfer der Bevöl­ke­rungs­ver­schie­bung erin­nert, die auf der Kon­fe­renz in Teheran 1943 ent­schieden und auf der Pots­damer Kon­fe­renz von den Sie­ger­mächten bestä­tigt wurden. Der Film macht dagegen Fenster für ver­schie­denen Opfer­per­spek­tiven auf: Obwohl ver­trag­lich eine „ord­nungs­ge­mäße und humane Umsie­de­lung“ fest­ge­halten wurde, herrschte Chaos vor und Ent­eig­nungen waren keine Sel­ten­heit. Die pol­ni­sche Zivil­be­hörde über­nahm die Ver­wal­tung, ent­fernte deut­sche Orts­namen und die deut­sche Bevöl­ke­rung aus dem Gebiet öst­lich der Lau­sitzer Neiße wurde gänz­lich ver­trieben oder (zwangs-)polonisiert. Was von deut­scher Seite selten erwähnt wird, ist, dass auch die pol­ni­schen Neuansiedler_innen ihre eigent­liche Heimat ver­loren haben und nicht frei­willig in die neuen Gebiete gingen. Sie litten genauso dar­unter, wie die Deut­schen. Und genau das möchte der Film zeigen, ohne dabei zu poli­ti­sieren. Statt­dessen geht es darum, über den gemein­samen Gedächt­nisort in Kon­takt zu treten. Das Pro­jekt ent­stand durch die Initia­tive des Kul­tur­hauses Trzębiel. Mit­ar­bei­tende begaben sich auf die Suche nach Zeitzeug_innen. Sie erzählen in Inter­views, dass diese schwer zu finden waren, es musste erst eine Ver­trau­ens­basis her­ge­stellt werden.

 

Der Film ist ruhig. Er nimmt sich Zeit für die Zeitzeug_innen und ihre Geschichten. Er zeigt sie in ihrem jet­zigen Umfeld, wel­ches sich so prä­sen­tiert, wie es ist: weder kre­iert, arran­giert noch per­fekt. Die Zimmer sind nicht auf­ge­räumt, überall liegen Dinge, hier ein Kissen, da ein Stapel Blätter, dort stehen eine Blume und ein Vogel­haus im Hin­ter­grund. Die Kla­motten sind all­täg­lich, ein kariertes Hemd, ein grüner und ein gestreifter Pull­over, eine Strick­jacke und ein Hemd unter einem Pull­over. Und er zeigt eben auch die Unvoll­kom­men­heit von Erin­ne­rungen auf. Das macht ihn authentisch.

 

Die Fra­genden und die Befragten stehen in einem behut­samen Dialog, wodurch eine enge emo­tio­nale Bezie­hung ent­steht. Den­noch ent­springt daraus nicht zwangs­läufig eine Iden­ti­fi­ka­tion mit den Zeitzeug_innen. Dafür ist die The­matik zu spe­zi­fisch und wird zu sehr an per­sön­liche Erin­ne­rungen geknüpft. Durch die teil­weise undeut­li­chen oder zu leise gespro­chenen Äuße­rungen der Zeitzeug_innen ist es nicht mög­lich voll­ends in das Film­ge­schehen ein­zu­tau­chen. Sie ver­lieren hin und wieder den Faden, dadurch wird kein Span­nungs­bogen kre­iert, der Film ist nicht fes­selnd. Auch durch den Alters­un­ter­schied fällt es schwer sich zu iden­ti­fi­zieren. Als junge Person ist es daher leicht das ver­schlos­sene Fenster ein­fach wieder außer­halb der eigenen Gedanken zu plat­zieren. Es ist ja nicht die eigene Geschichte und wir sind ohne direkte Berüh­rung mit diesem Krieg aufgewachsen.

 

Wini­szewski, Andrzej: His­torie neza­p­om­niane (Unver­ges­sene Geschichten). Polen, 2017, 40 Min.