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„Mein Buch ist wie eine Art Stromschlag, der die ganze Stadt erfasst“

Posted on 8. August 2015 by Ekaterina Vassilieva
In seinem Debütroman "Paranoia" entwirft der belarussische Schriftsteller Viktor Martinovič eine antiutopische Welt, die offensichtliche Parallelen zum heutigen Belarus aufweist. Seit 2014 liegt der Roman auch in deutscher Übersetzung vor. Im Gespräch mit Ekaterina Vassilieva erzählt Martinovič über das Verbot von "Paranoia" in seinem Heimatland, die neue Sprachpolitik in Minsk und seinen neuesten Roman "Mova".

Interview mit Viktor Martinovič

Viktor Martinovič ist ein belarussischer Schriftsteller und Kunsthistoriker. Sein 2009 in Russland publizierter Debütroman Paranoia ist kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen. Die Romanhandlung ist in einer antiutopischen Welt angesiedelt, die offensichtliche Parallelen zum heutigen Belarus aufweist. Im Gespräch mit der in Berlin lebenden russischen Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ekaterina Vassilieva erzählt Martinovič über das Verbot von Paranoia in seinem Heimatland, die neue Sprachpolitik in Minsk und seinen neuesten auf Belarussisch verfassten Roman Mova.

 

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Foto: Elena Zueva

 

novinki: Die erste Frage betrifft natürlich den in Deutschland frisch erschienenen Roman Paranoia, zu dem recht widersprüchliche Informationen kursieren. Die deutschen Medien berichten, dass er in Belarus verboten sei. Andererseits habe ich gehört, dass es kein offizielles Verbot gebe. Wie sieht es nun in Wirklichkeit aus? Wurde der Roman verboten, oder ist er vielleicht einfach nur unerwünscht?

 

Viktor Martinovič: Nun, einen Beschluss des Präsidenten, der diesen Roman verbietet, habe ich nicht gesehen. Aber wissen Sie, im DDR-Museum gibt es eine spannende Sache: Nachdem man die Aussagen bestimmter Kulturschaffender gelesen hat, bekommt man eine Liste mit Namen und muss diejenigen von ihnen streichen, die, wie man meint, die Partei verleumdet haben. Als ich mich auf diese Weise amüsierte, leuchtete mir ein, dass mein Schicksal möglicherweise so ähnlich entschieden wurde. Irgendein Dummkopf, der wahrscheinlich bloß die Synopsis meines Romans oder was weiß ich gelesen hatte, hat mich aus irgendeinem Grund auf die "schwarze Liste" gesetzt. Wir haben sie nämlich immer noch, diese "schwarzen Listen". Auch in Russland gibt es sie übrigens. Jedenfalls ist das Buch auf die "schwarze Liste" gekommen. Das heißt, dass Buchhändler von Leuten aufgesucht wurden, die sie warnten, dass jeder, der diesen Roman verkauft, 500 Dollar Strafe zahlen muss. Ich habe zusammen mit einem Journalisten von Euroradio ein Experiment durchgeführt. Wir sind 2010 über einen großen Markt in Minsk gegangen, und ich habe nach Paranoia gefragt. Schließlich haben wir den Roman gekauft, aber unter dem Ladentisch, in einer schwarzen Tüte, mit Isolierband zugeklebt. So sah also das Verbot aus! Offiziell wurde darüber allerdings nicht berichtet: Es gab keinen Artikel in einer Zentralzeitung oder so.

 

n.: Man kann also in Minsk immer noch nicht einfach in eine Buchhandlung gehen und dort Paranoia bestellen?

 

V.M.: Nein, natürlich nicht! Ich habe seitdem noch drei Romane geschrieben. Die kann man alle frei kaufen. Aber mit diesem Buch ist es so eine Geschichte: Im belarussischen Internet kann man alles kaufen – von Drogen bis hin zum Kinderporno – nur nicht Paranoia!

 

n.: Man kann es aber herunterladen?

 

V.M.: Herunterladen schon. Ich denke, die Leute, die durchgesetzt haben, dass der Roman auf die "schwarze Liste" kommt, haben eine simple Tatsache nicht berücksichtigt: dass man im 21. Jahrhundert ein Buch rein technisch nicht verbieten kann. Es gibt schlicht keine Mechanismen, die das ermöglichen würden.

 

n.: Das ist ein guter Übergang zu Ihrem neuesten Roman Mova (dt.: „Die Sprache“), der auf Belarussisch verfasst wurde und auch in russischer Übersetzung vorliegt, aber noch nicht auf Deutsch. Er spielt in einer Zukunft, in der alle Bücher auf Belarussisch verboten sind. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Warum verbreitet sich die „mova“ (die belarussische Sprache) dann nicht über das Internet? Warum müssen in dieser Welt die sehr begehrten Fragmente von Hand kopiert werden?

 

V.M.: Die Welt im Roman ist nun mal so organisiert, dass im Internet und überall spezielle Filter installiert sind. Für jede Veröffentlichung eines belarussischen Textes wird man sofort abgeholt. Aber vielleicht ist alles ja noch viel tragischer. Ihre Frage offenbart quasi die alte liberale Hoffnung, die Bürger würden sich unter allen Umständen vernünftig verhalten und es gäbe dazu ein geheimes Wissen, das jederzeit per Internet abrufbar ist...

 

n.: Aber Sie haben doch gesagt, dass man die Bücher heute unmöglich verbieten kann, und ich habe Ihnen nur zugestimmt...

 

V.M.: Jaja, aber in dieser Welt besteht kein Interesse daran, auf Belarussisch zu lesen, weil alle diese Sprache einfach vergessen haben. Es gibt nur einzelne „Sprachjunkies“, die streng überwacht werden und die eine furchtbare Angst haben, sich im Internet darüber auszutauschen, weil sie sonst sofort einen Besuch von der Drogenkontrollbehörde bekommen – das ist eine Organisation, deren Allmacht uns in der Szene am Grenzübergang zwischen Europa und den sogenannten „Nordwestlichen Territorien“ klar wird. Wir sehen, wie sich einer der beiden Erzähler, ein „Drogendealer“ namens Sergej, psychologisch auf das Gespräch mit dem Grenzsoldaten vorbereitet, um bloß nicht in die Fänge dieser Leute zu geraten... Die Frage mit dem Internet wird dort nicht erschöpfend beantwortet, aber technisch ist das wohl doch möglich, auch jetzt schon. Vor Kurzem erst kam die Nachricht, dass man, um zu bestimmten politischen Internetseiten aus Belarus Zugang zu bekommen, mittlerweile Proxy-Server einsetzen muss, weil sie sonst hinter Filtern versperrt bleiben. Deswegen habe ich es gar nicht für nötig befunden, im Rahmen des Romans alle Details zu schildern, wie genau man die Nationalsprache verboten hat. Sie ist einfach vor Jahren verboten worden, und alle haben sie vergessen – sie existiert nunmehr lediglich als Droge.

 

n.: Ja, aber die Idee ist doch, eine antiutopische Welt zu kreieren, die sich zum Teil vielleicht mit der Realität deckt, zum Teil aber eine Zukunftsprojektion ist, nicht wahr? Sie schenken den Nuancen normalerweise viel Aufmerksamkeit, und das bedingt nicht zuletzt auch den Genuss, den man bei der Lektüre empfindet. Es macht Spaß, diese Welt für sich zu entdecken, und man fragt sich deshalb: „Wie ist dieses oder jenes dort geregelt?“ Und man wünscht sich eine ganz konkrete Antwort... Meine nächste Frage bezieht sich unmittelbar auf die Situation der Nationalsprache, wie sie im Roman beschrieben wird: Inwiefern reflektiert Ihre Vision die Sprachpolitik im heutigen Belarus?

 

V.M.: Im Moment beobachten wir in Belarus eine Art Wiederbelebung des Interesses an der Nationalsprache – unter anderem auch von staatlicher Seite. Es gibt anscheinend ein Bestreben, die belarussische Sprache und Literatur zu fördern. Aber das alles geschieht vor dem Hintergrund der Situation, von der ich gesprochen habe: Alle haben schon vergessen, was Belarussisch überhaupt für eine Sprache ist und wie man sie benutzt. Ich vermute, im Land gibt es keine Fachleute mehr, die an den Universitäten auf Belarussisch unterrichten könnten. Die sind einfach nicht da. Und die Tradierung der Sprache ist eigentlich ein sehr langer Prozess. Du kannst also nicht heute die Belarussifizierung verkünden und morgen dieses Projekt bereits effektiv realisieren, weil man bestimmte Mechanismen der Weitergabe des Wissens braucht. Und dies beinhaltet vor allem das Interesse für die Nationalliteratur und die Fähigkeit, sie zu lesen. Diese Mechanismen sind während der letzten 20 Jahre, in denen eine aktive Russifizierung stattfand, zerstört worden.

 

n.: In der sowjetischen Zeit war es also besser?

 

V.M.: Genau so ist es, die Stellung der Nationalsprache war damals eine bessere! Verstehen Sie, wir reden jetzt von den staatlichen Interventionen, aber das ist eigentlich nur das Geringste. Sprechen wir lieber von den tiefer greifenden Prozessen, zum Beispiel von der Identität. Wenn man jemanden vor 20 Jahren Belarussisch sprechen hörte, oder auch vor 10 oder sogar vor 5 Jahren, dann sah man ihn sofort als Oppositionellen an. Aufgrund der schwachen nationalen Identität konnte man nicht anders urteilen. Eine etwas unkluge Haltung der Spitzenpolitiker der Nationalparteien in den 1990ern hat eine Situation geschaffen, in der die Sprache stark politisiert wurde. Denn die Regierung hat eigentlich nichts gegen den Willen der Bevölkerung getan. Die Menschen im Land wollten damals mehrheitlich, dass Belarussisch quasi verboten wird – und sie hat es verboten. Die Menschen wollten, dass alle Fernsehsendungen wieder auf Russisch ausgestrahlt werden – der Staat hat das durchgesetzt. Lukaschenko hat einfach die Ängste ausgenutzt, die die Menschen sowieso schon hatten...

 

n.: Aber warum hatte man Angst vor Belarussisch? Mit welcher Bedeutung war es aufgeladen?

 

V.M.: Verstehen Sie, wir hatten in Belarus in den 1990ern ungefähr dieselbe Situation wie in Litauen. Nach den Parlamentswahlen sind Leute an die Macht gekommen, die sehr nationalistisch eingestellt waren. Als sie dann anfingen, die Nationalsprache mit Gewalt überall einzuführen, bekam man Angst.

 

n.: Aber entspannt sich denn die Einstellung zur Sprache jetzt nicht?

 

V.M.: Nein, im Moment passiert etwas anderes. Erstens haben alle die 1990er Jahre vergessen. Einfach vergessen! Die Generation, die Angst hatte, den Job zu verlieren, weil sie auf Belarussisch nicht schreiben konnte, ist älter geworden und fürchtet sich nicht mehr. Andererseits haben die Menschen angesichts der Ereignisse auf der Krim und im Donecker Becken das Gefühl, dass wir hier, wenn wir weiter Russisch sprechen, dieselbe Spaltung erleben werden. Und das Gefühl ist recht unangenehm. Dazu kommt noch, dass die Sprache jetzt einfach im Trend ist, die jungen Leute unterhalten sich auf Belarussisch, nicht weil sie ihren Nonkonformismus demonstrieren wollen, sondern umgekehrt: weil sie konform sein, mit der Mode gehen wollen. Diese drei Faktoren haben insgesamt zu einer Art Renaissance der belarussischen Sprache beigetragen: Die Auflagen belarussischer Bücher sind enorm gestiegen, die nationalen Schriftsteller sind endlich wieder Helden...

 

n.: Ihren ersten Roman haben Sie noch auf Russisch geschrieben. Danach kam aber die „belarussische Periode“?

 

V.M.: Nach Paranoia wurde tatsächlich der belarussische Roman Scjudzeny vyraj geschrieben, was man als „Das kalte Paradies“ übersetzen kann. Das Wort „vyraj“ bezeichnet in der belarussischen Mythologie zweierlei: den Ort, an den die Seelen der Gerechten nach dem Tod kommen, und ein warmes Land, wohin die Vögel im Winter fliegen. Ein schönes Bild, nicht wahr? Dieser Text ist, was den Stil und die Komposition betrifft, das Komplexeste, was ich je geschrieben habe. Es ist eine Art Krimi mit dreimaliger Widerlegung, was ein wenig an Fahles Feuer von Nabokov erinnert, mit dem Unterschied jedoch, dass die „Kommentare“ hier abwechselnd von unterschiedlichen Instanzen kommen. Das provoziert eine quasi schizophrene Störung der Realitätswahrnehmung beim Leser. Danach schrieb ich erneut einen Roman in russischer Sprache, Sfagnum. Er spielt in der belarussischen Provinz und erzählt von drei Kerlen aus der sozialen Unterschicht von Minsk, die einen Mord begangen haben. Sie verstecken sich nun vor der Justiz in den belarussischen Sümpfen, wo schließlich alles anders wird, als es vorher zu sein schien... Sfagnum ist ein Versuch, über die komplizierten Dinge – die Metaphysik, das Leben, den Tod, das Unsichtbare – in einer bewusst einfachen Sprache zu erzählen. Ich habe diesen Roman auf Russisch geschrieben, weil ich es für etwas unglaubwürdig hielt, dass diese „Jungs“ sich in der Sprache der belarussischen Intellektuellen unterhalten würden. Aber dann kam es zu einer Kooperation mit dem „belarussischen Žadan“, Vitalij Ryžkov. Er fertigte eine hervorragende Übersetzung an, die beweist, dass „einfache Burschen“, die sich auf Belarussisch verständigen, keine Sache der Unmöglichkeit sind. Auch bei Žadan sprechen die „Proleten“ Ukrainisch.

 

n.: Ihren letzten Roman Mova haben Sie wieder auf Belarussisch verfasst. Ich habe die russische Version gelesen und kann mir schwer vorstellen, wie er auf Belarussisch funktioniert. Denn die russische Version lebt gerade vom Kontrast zwischen dem Russischen und den eingestreuten literarischen Zitaten auf Belarussisch, die die beiden Ich-Erzähler, die im Alltag ja nur Russisch sprechen und schreiben, mit ihrer exotischen Ausdruckskraft betören. Wie haben Sie diese „Zweisprachigkeit“ denn im belarussischen Original wiedergegeben?

 

V.M.: Durch den Stil natürlich! Hauptsächlich durch den Stilwechsel. Meine Protagonisten benutzen ein sehr primitives Belarussisch, das sozusagen schon „russifiziert“ ist.

 

n.: Ich fand diese scharfe Trennung zwischen der alltäglichen und der poetischen Sprache, die gleichzeitig wie eine Droge wirkt, sehr spannend. Ich denke, dass man die „mova“, also die verbotene belarussische Sprache, auch als eine Metapher jeder Literatursprache verstehen kann, die den Menschen im Alltag fehlt. Denn auch wenn du als russischer Schriftsteller auf Russisch schreibst, bist du in Wirklichkeit auf der Suche nach einer ganz anderen Sprache, die im täglichen Gebrauch einfach nicht existiert. Du erfindest also deine Sprache neu oder versuchst vielmehr einen Anschluss an eine Tradition zu finden, die diese Suche schon seit Jahrhunderten betreibt. Das ist auch eine Art „mova“, die im Alltag unmöglich und doch so begehrt ist. Deswegen bleibt das, worüber Sie schreiben, verständlich, auch wenn man sich im belarussischen Kontext nicht auskennt.

 

V.M.: Das ist ein interessanter Gedanke. Mein Übersetzer, Thomas Weiler, bereitet zur Zeit die deutsche Übersetzung von Mova vor. Und das ist eine der Strategien, über die er nachdenkt. Er möchte sozusagen diesen Trick, den wir im belarussischen Original haben, wiederholen, indem er die Alltagssprache und die Hochsprache kombiniert.

 

n.: Die zukünftige Welt, die Sie in Mova entwerfen, ist ziemlich eigenartig und voll verblüffender Details. Es gibt also den Westen und es gibt auch die sogenannten „Nordwestlichen Territorien“, eine Union von Russland mit Belarus und China. Der Westen ist verarmt, zumindest stürmen die westeuropäischen Migranten die Grenzen der Union in der Hoffnung, ihre ökonomische Situation zu verbessern. Dafür haben sie im Westen Freiheit. Oder zumindest keine Diktatur, wodurch Ordnung und Moral etwas zu leiden haben... Es herrscht ein Konsumkult und die Religionen der unterschiedlichen Marken konkurrieren untereinander um die Seelen der Kunden. Was die russisch-chinesische Union betrifft, geht es den Menschen dort ökonomisch relativ gut. Die Verhältnisse sind stabil, allerdings wird der Staat totalitär regiert. Auch hier haben die traditionellen Werte allerdings nicht gerade Hochkonjunktur. Als einer der Protagonisten, Sergej, gefragt wird, ob er an etwas glaube, ob er sich vielleicht zum Christentum bekenne, sagt er: „Nein. Wenn ich im Westen bin, dann glaube ich an Hermes. Aber wir hier haben Hermes nicht, also bleibt uns gar nichts!“. Gemeint ist hier freilich nicht der antike Gott, sondern die Marke. Auf jeden Fall besteht der Unterschied zwischen Westen und Osten vor allem in der Regierungsform. Das spirituelle Leben verkümmert in beiden Fällen...

 

V.M.: Ich muss zuerst sagen, dass uns alles, was wir im Roman über den Westen erfahren, durch zwei relativ unzuverlässige Erzähler mitgeteilt wird, die einander teilweise widersprechen. Deshalb können wir uns auch kein Bild machen, wie die Situation im Westen tatsächlich ist. Wir gehen durch Warschau und sehen die Stadt mit den Augen eines einfachen Burschen, der „Drogen“, also verbotene Textfragmente, ankauft und sie über die Grenze schmuggelt. Zu dem, was wir auf diese Weise wahrnehmen, muss man natürlich eine ironische Distanz beibehalten. Denn es ist auch ein Versuch, die Leute zu entlarven, die ein primitives Bild vom Westen haben. Und ich hoffe, meine Leser werden das verstehen, anstatt es für bare Münze zu nehmen.

 

n.: Aber diese Welt, die Sie durch die Aufzeichnungen Ihrer Erzähler konstruieren, sie muss ja in sich schlüssig sein...

 

V.M.: Verstehen Sie, die Ironie besteht hier darin, dass jene, die den Westen beschuldigen, die traditionellen Werte fallen gelassen zu haben, in der Tat selber nur an die Hermes-Boutiquen glauben! Sie sind selbst ein sekundäres Produkt der westlichen Kultur. Und diese Einstellung, diese Überheblichkeit gegenüber dem Westen wird hier persifliert, ohne dass ich eine ernste Aussage über die tatsächlichen Verhältnisse mache... In meinem Buch behandele ich übrigens die Rechten wie die Linken gleich ironisch...

 

n.: Das ist aber gerade die Frage, wer von den Protagonisten noch zu den Rechten oder zu den Linken gehört! Ich wollte an den Text unvoreingenommen herangehen... Natürlich sind dort bestimmte Reflexe der Gegenwart zu erwarten, aber zuerst möchte ich diese fiktionale Welt für mich entdecken und begreifen, was dort genau passiert. Sie ist jedoch dermaßen anders, dass viele Begriffe aus unserer Realität dort scheinbar keine Gültigkeit besitzen. Vieles ist einfach verkehrt. Etwa die Boutiquen, die zu Kultstätten geworden sind. Man kann natürlich sagen, dass sie auch heute schon in gewissem Sinne Kultstätten sind, wir machen jedoch immer noch eine scharfe Trennung zwischen Kirche und Shoppingcenter. In ihrem Roman ist „Konsumtempel“ keine Metapher mehr, da es ansonsten scheinbar gar keine Kirchen gibt. Was die Linken und die Rechten betrifft, kann man das auch nicht so einfach auf unsere Verhältnisse übertragen... Ich wollte gerade eine Frage zur Ironie stellen. Wenn man ein Buch liest, sucht man nach bestimmten Analogien, um den literarischen Kontext zu verstehen, in dem sich der Autor positioniert. Als ich Ihren Roman las, hatte ich den Eindruck, dass er sich in der Postmoderne, im Konzeptualismus verortet. Manches wird die Leser sicherlich an Sorokin erinnern, anderes vielleicht an die Zukunftsentwürfe von Houellebecq... Aber was für die Postmoderne insgesamt charakteristisch ist, das ist eben die Verwischung der moralischen Eindeutigkeit bis zur völligen Verunsicherung der Leser. Doch je weiter man Mova liest, desto stärker wird der Eindruck, dass die Sympathien des Autors einer bestimmten Interessensgruppe innerhalb des Romans gelten, und zwar derjenigen, die die Nationalsprache und Nationalkultur verteidigt. Oder ist es vielleicht auch eine Art Ironie, die sich nur besonders geschickt tarnt?

 

V.M.: Ja, selbstverständlich! Ich habe übrigens einige Freunde verloren, weil sie diese Ironie nicht wahrgenommen haben. Man darf auch nicht vergessen, dass dieser Text von einem Autor geschrieben ist, der im Alltag Russisch spricht. Zur Zeit ist es zumindest so. Wenn ich über Menschen schreibe, die bereit sind, die Fernsehstudios zu stürmen, nur um Belarussisch wieder einzuführen, ist auf jeden Fall eine gewisse Ironie dabei, zumal dieser Sturm die Situation im Endeffekt nur verschlimmert.

 

n.: Sie haben diesen Sturm dennoch sehr lebendig beschrieben, so dass der Leser die Atmosphäre des Kampfes spürt und fühlt, dass die Menschen nicht sinnlos fallen, sondern im Augenblick des Todes glücklich sind, da sie ihre Ideen verteidigt haben.

 

V.M.: Ja, aber dann sieht man doch, dass es alles sehr dumm war und nichts gebracht hat...

 

n.: Nun, man versteht schon von Anfang an, dass diese Aktion hoffnungslos ist. Aber mir schien entscheidend zu sein, mit welcher Einstellung diese Leute in den Kampf ziehen. Ich finde, dass der Text teilweise regelrecht einen gewissen Heldenmut, die Ekstase des Kampfes und die Opferbereitschaft feiert, zumal man sich als Leser rein emotional mit diesem Helden identifiziert. Der Roman bietet mit dem zweiten Erzähler, dem intellektuellen Junkie, auch keine wirkliche Alternative. Oder was denken Sie zu dieser zweiten Figur? Ist er ein Typ Mensch, der heute schon existiert, oder ist es eine Warnung davor, was in Zukunft noch auf uns zukommt?

 

V.M.: Meine ursprüngliche Intention bestand darin, zwei Erzählstimmen zu schaffen, die, obwohl sie über unterschiedliche Dinge und in unterschiedlichen Worten sprechen, zusammengehören und sich langsam aufeinander zu bewegen. Wir als Leser haben vielleicht den Eindruck, dass es sogar ein und derselbe Mensch sein könnte, der sich in unterschiedlichen Phasen seines Lebens mitteilt. Aber dann gehen sie auseinander. Mehr noch: Einer ermordet den anderen. Ich glaube, das Wichtigste hier ist nicht der Versuch eine Prognose aufzustellen, ob solche „Ungeheuer“ wie dieser Intellektuelle irgendwann mal die Welt erobern, sondern das Fixieren des für mich wichtigen Gefühls, dass die Freundschaft und sogar die Liebe in der heutigen Gesellschaft nach dem Schema „Drogendealer-Junkie“ funktionieren. Wir verkaufen einander alle Arten von Rausch. Und wir kommunizieren mit dem anderen nur, solange er das für uns wichtige Rauschmittel besitzt. Wir wollen uns alle grundsätzlich nur vergessen – im Sex, im Alkohol, im ständigen Konsum, in den Boutiquen, die zu Tempeln geworden sind, usw...

 

n.: Also deckt sich die Zukunft, die Sie im Roman entwerfen, zum Teil schon mit unserer Gegenwart? Sie haben bloß als Schriftsteller die Möglichkeit, die heutige Situation wie mit Röntgenstrahlen zu durchdringen und einige Phänomene zu beobachten, die sonst verborgen bleiben...

 

V.M.: Ja, das hängt vom Blickwinkel ab!

n.: Aber man kann trotzdem den Eindruck nicht loswerden, dass Sie diese Tendenzen nicht ganz objektiv, also sozusagen nicht mit einem neutralen Blick erfassen...

 

V.M.: Der Autor ist in diesem Buch nur als jemand präsent, der am Ende einen Punkt setzt. Er bestimmt also den Moment, in dem alles zu Ende ist. Ich glaube, man könnte diese Geschichte so lange fortsetzen, bis diese Kämpfer sich als völlige Idioten erwiesen haben. Aber die Tatsache ist, dass, rein historisch gesehen, Romantiker eine größere Attraktivität besitzen als Pragmatiker. Wir sind nun mal so programmiert, dass unsere Sympathien – aus historischer, ethnographischer und welcher Perspektive auch immer – auf der Seite jener sein werden, die in einen offensichtlich hoffnungslosen Kampf für den Erhalt einer Sprache ziehen, von der in 50 Jahren sowieso nichts mehr übrig bleibt.

 

n.: Dann ist es tatsächlich so, dass dieser Roman nicht nur und nicht einmal in erster Linie von der belarussischen Sprache handelt, sondern von dem Versuch, eine Situation zu beenden, die nicht mehr befriedigend ist – vielleicht für beide Seiten nicht?

 

V.M.: Verstehen Sie, alles, was dort steht, ist die Realität des heutigen Belarus...

 

n.: Ja, ich denke gerade darüber nach, wie man durch dieses Buch die Realität besser verstehen könnte. Und Verstehen heißt auch irgendwie Verändern, oder?

 

V.M.: Ja, das auch! Malevič hat in seiner Vitebsker Periode eine Theorie darüber entwickelt, wie die Kunst die Realität verändern kann, ohne sie nachzuahmen. Und mit seinen abstrakten Gemälden hat er versucht, auf eine magische Weise einen Einfluss zu nehmen. Mova ist in diesem Sinne auch ein magischer Text, der in die Zukunft gerichtet ist... Als ich das erste Tattoo mit Mova gesehen habe, ist es mir wie ein Licht aufgegangen!

 

n.: Was sind das für Tattoos?

 

V.M.: Als wir die dritte Auflage von Mova vorbereiteten, fanden wir einen chinesischen Kalligrafen, der zwei Hieroglyphen – „Mo“ und „Va“ – für uns gezeichnet hat. So konnten wir diese Auflage mit Illustrationen versehen. Und die Leute haben dann diese Hieroglyphen für ihre Tattoos verwendet. Man fühlt, welche Wellen das schlägt!

 

n.: Ist es also jetzt zu einer Art Kultbuch geworden? So vom Gefühl her?

 

V.M.: Ja, ich hatte das Gefühl, das ist mehr als ein Text. Vielleicht eine Art Pille, oder Stromschlag, der die ganze Stadt erfasst.

Das Gespräch wurde von Ekaterina Vassilieva geführt und aus dem Russischen übersetzt.

 

Bisher erschienene Romane von Viktor Martinovič:

In deutscher Übersetzung:
Martinowitsch, Viktor: Paranoia. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Dresden / Leipzig: Voland & Quist, 2014.

 

Erstveröffentlichungen auf Russisch/Belarussisch:
Martinovič, Viktor: Paranojja. Moskva: AST, 2009.
Martinovič, Viktor: Scjudzeny vyraj. Minsk: Pjaršak (elektronische Herausgabe, Belarussisch), 2011.
Martinovič, Viktor: Sfagnum. Minsk: Knigazbor (Belarussische Übersetzung), Pjaršak (elektronische Herausgabe, Originalversion Russisch), 2013.
Martinovič, Viktor: Mova. Minsk: Knigazbor (Belarussisches Original), Minsk: Lohvinaŭ (Russische Übersetzung), Pjaršak (elektronische Herausgabe), 2014.

„Mein Buch ist wie eine Art Stromschlag, der die ganze Stadt erfasst“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Mein Buch ist wie eine Art Strom­schlag, der die ganze Stadt erfasst“

Inter­view mit Viktor Martinovič

Viktor Mar­ti­novič [Viktor Mar­ti­no­witsch] ist ein bela­rus­si­scher Schrift­steller und Kunst­his­to­riker. Sein 2009 in Russ­land publi­zierter Debüt­roman Para­noia ist kürz­lich in deut­scher Über­set­zung erschienen. Die Roman­hand­lung ist in einer antiuto­pi­schen Welt ange­sie­delt, die offen­sicht­liche Par­al­lelen zum heu­tigen Belarus auf­weist. Im Gespräch mit der in Berlin lebenden rus­si­schen Autorin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Eka­te­rina Vas­si­lieva erzählt Mar­ti­novič über das Verbot von Para­noia in seinem Hei­mat­land, die neue Sprach­po­litik in Minsk und seinen neu­esten auf Bela­rus­sisch ver­fassten Roman Mova.

 

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Foto: Elena Zueva

 

novinki: Die erste Frage betrifft natür­lich den in Deutsch­land frisch erschie­nenen Roman Para­noia, zu dem recht wider­sprüch­liche Infor­ma­tionen kur­sieren. Die deut­schen Medien berichten, dass er in Belarus ver­boten sei. Ande­rer­seits habe ich gehört, dass es kein offi­zi­elles Verbot gebe. Wie sieht es nun in Wirk­lich­keit aus? Wurde der Roman ver­boten, oder ist er viel­leicht ein­fach nur unerwünscht?

 

Viktor Mar­ti­novič: Nun, einen Beschluss des Prä­si­denten, der diesen Roman ver­bietet, habe ich nicht gesehen. Aber wissen Sie, im DDR-Museum gibt es eine span­nende Sache: Nachdem man die Aus­sagen bestimmter Kul­tur­schaf­fender gelesen hat, bekommt man eine Liste mit Namen und muss die­je­nigen von ihnen strei­chen, die, wie man meint, die Partei ver­leumdet haben. Als ich mich auf diese Weise amü­sierte, leuch­tete mir ein, dass mein Schicksal mög­li­cher­weise so ähn­lich ent­schieden wurde. Irgendein Dumm­kopf, der wahr­schein­lich bloß die Syn­opsis meines Romans oder was weiß ich gelesen hatte, hat mich aus irgend­einem Grund auf die “schwarze Liste” gesetzt. Wir haben sie näm­lich immer noch, diese “schwarzen Listen”. Auch in Russ­land gibt es sie übri­gens. Jeden­falls ist das Buch auf die “schwarze Liste” gekommen. Das heißt, dass Buch­händler von Leuten auf­ge­sucht wurden, die sie warnten, dass jeder, der diesen Roman ver­kauft, 500 Dollar Strafe zahlen muss. Ich habe zusammen mit einem Jour­na­listen von Euro­radio ein Expe­ri­ment durch­ge­führt. Wir sind 2010 über einen großen Markt in Minsk gegangen, und ich habe nach Para­noia gefragt. Schließ­lich haben wir den Roman gekauft, aber unter dem Laden­tisch, in einer schwarzen Tüte, mit Iso­lier­band zuge­klebt. So sah also das Verbot aus! Offi­ziell wurde dar­über aller­dings nicht berichtet: Es gab keinen Artikel in einer Zen­tral­zei­tung oder so.

 

n.: Man kann also in Minsk immer noch nicht ein­fach in eine Buch­hand­lung gehen und dort Para­noia bestellen?

 

V.M.: Nein, natür­lich nicht! Ich habe seitdem noch drei Romane geschrieben. Die kann man alle frei kaufen. Aber mit diesem Buch ist es so eine Geschichte: Im bela­rus­si­schen Internet kann man alles kaufen – von Drogen bis hin zum Kin­der­porno – nur nicht Para­noia!

 

n.: Man kann es aber herunterladen?

 

V.M.: Her­un­ter­laden schon. Ich denke, die Leute, die durch­ge­setzt haben, dass der Roman auf die “schwarze Liste” kommt, haben eine simple Tat­sache nicht berück­sich­tigt: dass man im 21. Jahr­hun­dert ein Buch rein tech­nisch nicht ver­bieten kann. Es gibt schlicht keine Mecha­nismen, die das ermög­li­chen würden.

 

n.: Das ist ein guter Über­gang zu Ihrem neu­esten Roman Mova (dt.: „Die Sprache“), der auf Bela­rus­sisch ver­fasst wurde und auch in rus­si­scher Über­set­zung vor­liegt, aber noch nicht auf Deutsch. Er spielt in einer Zukunft, in der alle Bücher auf Bela­rus­sisch ver­boten sind. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Warum ver­breitet sich die „mova“ (die bela­rus­si­sche Sprache) dann nicht über das Internet? Warum müssen in dieser Welt die sehr begehrten Frag­mente von Hand kopiert werden?

 

V.M.: Die Welt im Roman ist nun mal so orga­ni­siert, dass im Internet und überall spe­zi­elle Filter instal­liert sind. Für jede Ver­öf­fent­li­chung eines bela­rus­si­schen Textes wird man sofort abge­holt. Aber viel­leicht ist alles ja noch viel tra­gi­scher. Ihre Frage offen­bart quasi die alte libe­rale Hoff­nung, die Bürger würden sich unter allen Umständen ver­nünftig ver­halten und es gäbe dazu ein geheimes Wissen, das jeder­zeit per Internet abrufbar ist…

 

n.: Aber Sie haben doch gesagt, dass man die Bücher heute unmög­lich ver­bieten kann, und ich habe Ihnen nur zugestimmt…

 

V.M.: Jaja, aber in dieser Welt besteht kein Inter­esse daran, auf Bela­rus­sisch zu lesen, weil alle diese Sprache ein­fach ver­gessen haben. Es gibt nur ein­zelne „Sprach­jun­kies“, die streng über­wacht werden und die eine furcht­bare Angst haben, sich im Internet dar­über aus­zu­tau­schen, weil sie sonst sofort einen Besuch von der Dro­gen­kon­troll­be­hörde bekommen – das ist eine Orga­ni­sa­tion, deren All­macht uns in der Szene am Grenz­über­gang zwi­schen Europa und den soge­nannten „Nord­west­li­chen Ter­ri­to­rien“ klar wird. Wir sehen, wie sich einer der beiden Erzähler, ein „Dro­gen­dealer“ namens Sergej, psy­cho­lo­gisch auf das Gespräch mit dem Grenz­sol­daten vor­be­reitet, um bloß nicht in die Fänge dieser Leute zu geraten… Die Frage mit dem Internet wird dort nicht erschöp­fend beant­wortet, aber tech­nisch ist das wohl doch mög­lich, auch jetzt schon. Vor Kurzem erst kam die Nach­richt, dass man, um zu bestimmten poli­ti­schen Inter­net­seiten aus Belarus Zugang zu bekommen, mitt­ler­weile Proxy-Server ein­setzen muss, weil sie sonst hinter Fil­tern ver­sperrt bleiben. Des­wegen habe ich es gar nicht für nötig befunden, im Rahmen des Romans alle Details zu schil­dern, wie genau man die Natio­nal­sprache ver­boten hat. Sie ist ein­fach vor Jahren ver­boten worden, und alle haben sie ver­gessen – sie exis­tiert nun­mehr ledig­lich als Droge.

 

n.: Ja, aber die Idee ist doch, eine antiuto­pi­sche Welt zu kre­ieren, die sich zum Teil viel­leicht mit der Rea­lität deckt, zum Teil aber eine Zukunfts­pro­jek­tion ist, nicht wahr? Sie schenken den Nuancen nor­ma­ler­weise viel Auf­merk­sam­keit, und das bedingt nicht zuletzt auch den Genuss, den man bei der Lek­türe emp­findet. Es macht Spaß, diese Welt für sich zu ent­de­cken, und man fragt sich des­halb: „Wie ist dieses oder jenes dort gere­gelt?“ Und man wünscht sich eine ganz kon­krete Ant­wort… Meine nächste Frage bezieht sich unmit­telbar auf die Situa­tion der Natio­nal­sprache, wie sie im Roman beschrieben wird: Inwie­fern reflek­tiert Ihre Vision die Sprach­po­litik im heu­tigen Belarus?

 

V.M.: Im Moment beob­achten wir in Belarus eine Art Wie­der­be­le­bung des Inter­esses an der Natio­nal­sprache – unter anderem auch von staat­li­cher Seite. Es gibt anschei­nend ein Bestreben, die bela­rus­si­sche Sprache und Lite­ratur zu för­dern. Aber das alles geschieht vor dem Hin­ter­grund der Situa­tion, von der ich gespro­chen habe: Alle haben schon ver­gessen, was Bela­rus­sisch über­haupt für eine Sprache ist und wie man sie benutzt. Ich ver­mute, im Land gibt es keine Fach­leute mehr, die an den Uni­ver­si­täten auf Bela­rus­sisch unter­richten könnten. Die sind ein­fach nicht da. Und die Tra­die­rung der Sprache ist eigent­lich ein sehr langer Pro­zess. Du kannst also nicht heute die Bela­rus­si­fi­zie­rung ver­künden und morgen dieses Pro­jekt bereits effektiv rea­li­sieren, weil man bestimmte Mecha­nismen der Wei­ter­gabe des Wis­sens braucht. Und dies beinhaltet vor allem das Inter­esse für die Natio­nal­li­te­ratur und die Fähig­keit, sie zu lesen. Diese Mecha­nismen sind wäh­rend der letzten 20 Jahre, in denen eine aktive Rus­si­fi­zie­rung statt­fand, zer­stört worden.

 

n.: In der sowje­ti­schen Zeit war es also besser?

 

V.M.: Genau so ist es, die Stel­lung der Natio­nal­sprache war damals eine bes­sere! Ver­stehen Sie, wir reden jetzt von den staat­li­chen Inter­ven­tionen, aber das ist eigent­lich nur das Geringste. Spre­chen wir lieber von den tiefer grei­fenden Pro­zessen, zum Bei­spiel von der Iden­tität. Wenn man jemanden vor 20 Jahren Bela­rus­sisch spre­chen hörte, oder auch vor 10 oder sogar vor 5 Jahren, dann sah man ihn sofort als Oppo­si­tio­nellen an. Auf­grund der schwa­chen natio­nalen Iden­tität konnte man nicht anders urteilen. Eine etwas unkluge Hal­tung der Spit­zen­po­li­tiker der Natio­nal­par­teien in den 1990ern hat eine Situa­tion geschaffen, in der die Sprache stark poli­ti­siert wurde. Denn die Regie­rung hat eigent­lich nichts gegen den Willen der Bevöl­ke­rung getan. Die Men­schen im Land wollten damals mehr­heit­lich, dass Bela­rus­sisch quasi ver­boten wird – und sie hat es ver­boten. Die Men­schen wollten, dass alle Fern­seh­sen­dungen wieder auf Rus­sisch aus­ge­strahlt werden – der Staat hat das durch­ge­setzt. Luka­schenko hat ein­fach die Ängste aus­ge­nutzt, die die Men­schen sowieso schon hatten…

 

n.: Aber warum hatte man Angst vor Bela­rus­sisch? Mit wel­cher Bedeu­tung war es aufgeladen?

 

V.M.: Ver­stehen Sie, wir hatten in Belarus in den 1990ern unge­fähr die­selbe Situa­tion wie in Litauen. Nach den Par­la­ments­wahlen sind Leute an die Macht gekommen, die sehr natio­na­lis­tisch ein­ge­stellt waren. Als sie dann anfingen, die Natio­nal­sprache mit Gewalt überall ein­zu­führen, bekam man Angst.

 

n.: Aber ent­spannt sich denn die Ein­stel­lung zur Sprache jetzt nicht?

 

V.M.: Nein, im Moment pas­siert etwas anderes. Ers­tens haben alle die 1990er Jahre ver­gessen. Ein­fach ver­gessen! Die Genera­tion, die Angst hatte, den Job zu ver­lieren, weil sie auf Bela­rus­sisch nicht schreiben konnte, ist älter geworden und fürchtet sich nicht mehr. Ande­rer­seits haben die Men­schen ange­sichts der Ereig­nisse auf der Krim und im Don­ecker Becken das Gefühl, dass wir hier, wenn wir weiter Rus­sisch spre­chen, die­selbe Spal­tung erleben werden. Und das Gefühl ist recht unan­ge­nehm. Dazu kommt noch, dass die Sprache jetzt ein­fach im Trend ist, die jungen Leute unter­halten sich auf Bela­rus­sisch, nicht weil sie ihren Non­kon­for­mismus demons­trieren wollen, son­dern umge­kehrt: weil sie kon­form sein, mit der Mode gehen wollen. Diese drei Fak­toren haben ins­ge­samt zu einer Art Renais­sance der bela­rus­si­schen Sprache bei­getragen: Die Auf­lagen bela­rus­si­scher Bücher sind enorm gestiegen, die natio­nalen Schrift­steller sind end­lich wieder Helden…

 

n.: Ihren ersten Roman haben Sie noch auf Rus­sisch geschrieben. Danach kam aber die „bela­rus­si­sche Periode“?

 

V.M.: Nach Para­noia wurde tat­säch­lich der bela­rus­si­sche Roman Scjud­zeny vyraj geschrieben, was man als „Das kalte Para­dies“ über­setzen kann. Das Wort „vyraj“ bezeichnet in der bela­rus­si­schen Mytho­logie zwei­erlei: den Ort, an den die Seelen der Gerechten nach dem Tod kommen, und ein warmes Land, wohin die Vögel im Winter fliegen. Ein schönes Bild, nicht wahr? Dieser Text ist, was den Stil und die Kom­po­si­tion betrifft, das Kom­ple­xeste, was ich je geschrieben habe. Es ist eine Art Krimi mit drei­ma­liger Wider­le­gung, was ein wenig an Fahles Feuer von Nabokov erin­nert, mit dem Unter­schied jedoch, dass die „Kom­men­tare“ hier abwech­selnd von unter­schied­li­chen Instanzen kommen. Das pro­vo­ziert eine quasi schi­zo­phrene Stö­rung der Rea­li­täts­wahr­neh­mung beim Leser. Danach schrieb ich erneut einen Roman in rus­si­scher Sprache, Sfa­gnum. Er spielt in der bela­rus­si­schen Pro­vinz und erzählt von drei Kerlen aus der sozialen Unter­schicht von Minsk, die einen Mord begangen haben. Sie ver­ste­cken sich nun vor der Justiz in den bela­rus­si­schen Sümpfen, wo schließ­lich alles anders wird, als es vorher zu sein schien… Sfa­gnum ist ein Ver­such, über die kom­pli­zierten Dinge – die Meta­physik, das Leben, den Tod, das Unsicht­bare – in einer bewusst ein­fa­chen Sprache zu erzählen. Ich habe diesen Roman auf Rus­sisch geschrieben, weil ich es für etwas unglaub­würdig hielt, dass diese „Jungs“ sich in der Sprache der bela­rus­si­schen Intel­lek­tu­ellen unter­halten würden. Aber dann kam es zu einer Koope­ra­tion mit dem „bela­rus­si­schen Žadan“, Vitalij Ryžkov. Er fer­tigte eine her­vor­ra­gende Über­set­zung an, die beweist, dass „ein­fache Bur­schen“, die sich auf Bela­rus­sisch ver­stän­digen, keine Sache der Unmög­lich­keit sind. Auch bei Žadan spre­chen die „Pro­leten“ Ukrainisch.

 

n.: Ihren letzten Roman Mova haben Sie wieder auf Bela­rus­sisch ver­fasst. Ich habe die rus­si­sche Ver­sion gelesen und kann mir schwer vor­stellen, wie er auf Bela­rus­sisch funk­tio­niert. Denn die rus­si­sche Ver­sion lebt gerade vom Kon­trast zwi­schen dem Rus­si­schen und den ein­ge­streuten lite­ra­ri­schen Zitaten auf Bela­rus­sisch, die die beiden Ich-Erzähler, die im Alltag ja nur Rus­sisch spre­chen und schreiben, mit ihrer exo­ti­schen Aus­drucks­kraft betören. Wie haben Sie diese „Zwei­spra­chig­keit“ denn im bela­rus­si­schen Ori­ginal wiedergegeben?

 

V.M.: Durch den Stil natür­lich! Haupt­säch­lich durch den Stil­wechsel. Meine Prot­ago­nisten benutzen ein sehr pri­mi­tives Bela­rus­sisch, das sozu­sagen schon „rus­si­fi­ziert“ ist.

 

n.: Ich fand diese scharfe Tren­nung zwi­schen der all­täg­li­chen und der poe­ti­schen Sprache, die gleich­zeitig wie eine Droge wirkt, sehr span­nend. Ich denke, dass man die „mova“, also die ver­bo­tene bela­rus­si­sche Sprache, auch als eine Meta­pher jeder Lite­ra­tur­sprache ver­stehen kann, die den Men­schen im Alltag fehlt. Denn auch wenn du als rus­si­scher Schrift­steller auf Rus­sisch schreibst, bist du in Wirk­lich­keit auf der Suche nach einer ganz anderen Sprache, die im täg­li­chen Gebrauch ein­fach nicht exis­tiert. Du erfin­dest also deine Sprache neu oder ver­suchst viel­mehr einen Anschluss an eine Tra­di­tion zu finden, die diese Suche schon seit Jahr­hun­derten betreibt. Das ist auch eine Art „mova“, die im Alltag unmög­lich und doch so begehrt ist. Des­wegen bleibt das, wor­über Sie schreiben, ver­ständ­lich, auch wenn man sich im bela­rus­si­schen Kon­text nicht auskennt.

 

V.M.: Das ist ein inter­es­santer Gedanke. Mein Über­setzer, Thomas Weiler, bereitet zur Zeit die deut­sche Über­set­zung von Mova vor. Und das ist eine der Stra­te­gien, über die er nach­denkt. Er möchte sozu­sagen diesen Trick, den wir im bela­rus­si­schen Ori­ginal haben, wie­der­holen, indem er die All­tags­sprache und die Hoch­sprache kombiniert.

 

n.: Die zukünf­tige Welt, die Sie in Mova ent­werfen, ist ziem­lich eigen­artig und voll ver­blüf­fender Details. Es gibt also den Westen und es gibt auch die soge­nannten „Nord­west­li­chen Ter­ri­to­rien“, eine Union von Russ­land mit Belarus und China. Der Westen ist ver­armt, zumin­dest stürmen die west­eu­ro­päi­schen Migranten die Grenzen der Union in der Hoff­nung, ihre öko­no­mi­sche Situa­tion zu ver­bes­sern. Dafür haben sie im Westen Frei­heit. Oder zumin­dest keine Dik­tatur, wodurch Ord­nung und Moral etwas zu leiden haben… Es herrscht ein Kon­sum­kult und die Reli­gionen der unter­schied­li­chen Marken kon­kur­rieren unter­ein­ander um die Seelen der Kunden. Was die rus­sisch-chi­ne­si­sche Union betrifft, geht es den Men­schen dort öko­no­misch relativ gut. Die Ver­hält­nisse sind stabil, aller­dings wird der Staat tota­litär regiert. Auch hier haben die tra­di­tio­nellen Werte aller­dings nicht gerade Hoch­kon­junktur. Als einer der Prot­ago­nisten, Sergej, gefragt wird, ob er an etwas glaube, ob er sich viel­leicht zum Chris­tentum bekenne, sagt er: „Nein. Wenn ich im Westen bin, dann glaube ich an Hermes. Aber wir hier haben Hermes nicht, also bleibt uns gar nichts!“. Gemeint ist hier frei­lich nicht der antike Gott, son­dern die Marke. Auf jeden Fall besteht der Unter­schied zwi­schen Westen und Osten vor allem in der Regie­rungs­form. Das spi­ri­tu­elle Leben ver­küm­mert in beiden Fällen…

 

V.M.: Ich muss zuerst sagen, dass uns alles, was wir im Roman über den Westen erfahren, durch zwei relativ unzu­ver­läs­sige Erzähler mit­ge­teilt wird, die ein­ander teil­weise wider­spre­chen. Des­halb können wir uns auch kein Bild machen, wie die Situa­tion im Westen tat­säch­lich ist. Wir gehen durch War­schau und sehen die Stadt mit den Augen eines ein­fa­chen Bur­schen, der „Drogen“, also ver­bo­tene Text­frag­mente, ankauft und sie über die Grenze schmug­gelt. Zu dem, was wir auf diese Weise wahr­nehmen, muss man natür­lich eine iro­ni­sche Distanz bei­be­halten. Denn es ist auch ein Ver­such, die Leute zu ent­larven, die ein pri­mi­tives Bild vom Westen haben. Und ich hoffe, meine Leser werden das ver­stehen, anstatt es für bare Münze zu nehmen.

 

n.: Aber diese Welt, die Sie durch die Auf­zeich­nungen Ihrer Erzähler kon­stru­ieren, sie muss ja in sich schlüssig sein…

 

V.M.: Ver­stehen Sie, die Ironie besteht hier darin, dass jene, die den Westen beschul­digen, die tra­di­tio­nellen Werte fallen gelassen zu haben, in der Tat selber nur an die Hermes-Bou­ti­quen glauben! Sie sind selbst ein sekun­däres Pro­dukt der west­li­chen Kultur. Und diese Ein­stel­lung, diese Über­heb­lich­keit gegen­über dem Westen wird hier per­si­fliert, ohne dass ich eine ernste Aus­sage über die tat­säch­li­chen Ver­hält­nisse mache… In meinem Buch behan­dele ich übri­gens die Rechten wie die Linken gleich ironisch…

 

n.: Das ist aber gerade die Frage, wer von den Prot­ago­nisten noch zu den Rechten oder zu den Linken gehört! Ich wollte an den Text unvor­ein­ge­nommen her­an­gehen… Natür­lich sind dort bestimmte Reflexe der Gegen­wart zu erwarten, aber zuerst möchte ich diese fik­tio­nale Welt für mich ent­de­cken und begreifen, was dort genau pas­siert. Sie ist jedoch der­maßen anders, dass viele Begriffe aus unserer Rea­lität dort scheinbar keine Gül­tig­keit besitzen. Vieles ist ein­fach ver­kehrt. Etwa die Bou­ti­quen, die zu Kult­stätten geworden sind. Man kann natür­lich sagen, dass sie auch heute schon in gewissem Sinne Kult­stätten sind, wir machen jedoch immer noch eine scharfe Tren­nung zwi­schen Kirche und Shop­ping­center. In ihrem Roman ist „Kon­sum­tempel“ keine Meta­pher mehr, da es ansonsten scheinbar gar keine Kir­chen gibt. Was die Linken und die Rechten betrifft, kann man das auch nicht so ein­fach auf unsere Ver­hält­nisse über­tragen… Ich wollte gerade eine Frage zur Ironie stellen. Wenn man ein Buch liest, sucht man nach bestimmten Ana­lo­gien, um den lite­ra­ri­schen Kon­text zu ver­stehen, in dem sich der Autor posi­tio­niert. Als ich Ihren Roman las, hatte ich den Ein­druck, dass er sich in der Post­mo­derne, im Kon­zep­tua­lismus ver­ortet. Man­ches wird die Leser sicher­lich an Sorokin erin­nern, anderes viel­leicht an die Zukunfts­ent­würfe von Hou­el­le­becq… Aber was für die Post­mo­derne ins­ge­samt cha­rak­te­ris­tisch ist, das ist eben die Ver­wi­schung der mora­li­schen Ein­deu­tig­keit bis zur völ­ligen Ver­un­si­che­rung der Leser. Doch je weiter man Mova liest, desto stärker wird der Ein­druck, dass die Sym­pa­thien des Autors einer bestimmten Inter­es­sens­gruppe inner­halb des Romans gelten, und zwar der­je­nigen, die die Natio­nal­sprache und Natio­nal­kultur ver­tei­digt. Oder ist es viel­leicht auch eine Art Ironie, die sich nur beson­ders geschickt tarnt?

 

V.M.: Ja, selbst­ver­ständ­lich! Ich habe übri­gens einige Freunde ver­loren, weil sie diese Ironie nicht wahr­ge­nommen haben. Man darf auch nicht ver­gessen, dass dieser Text von einem Autor geschrieben ist, der im Alltag Rus­sisch spricht. Zur Zeit ist es zumin­dest so. Wenn ich über Men­schen schreibe, die bereit sind, die Fern­seh­stu­dios zu stürmen, nur um Bela­rus­sisch wieder ein­zu­führen, ist auf jeden Fall eine gewisse Ironie dabei, zumal dieser Sturm die Situa­tion im End­ef­fekt nur verschlimmert.

 

n.: Sie haben diesen Sturm den­noch sehr lebendig beschrieben, so dass der Leser die Atmo­sphäre des Kampfes spürt und fühlt, dass die Men­schen nicht sinnlos fallen, son­dern im Augen­blick des Todes glück­lich sind, da sie ihre Ideen ver­tei­digt haben.

 

V.M.: Ja, aber dann sieht man doch, dass es alles sehr dumm war und nichts gebracht hat…

 

n.: Nun, man ver­steht schon von Anfang an, dass diese Aktion hoff­nungslos ist. Aber mir schien ent­schei­dend zu sein, mit wel­cher Ein­stel­lung diese Leute in den Kampf ziehen. Ich finde, dass der Text teil­weise regel­recht einen gewissen Hel­denmut, die Ekstase des Kampfes und die Opfer­be­reit­schaft feiert, zumal man sich als Leser rein emo­tional mit diesem Helden iden­ti­fi­ziert. Der Roman bietet mit dem zweiten Erzähler, dem intel­lek­tu­ellen Junkie, auch keine wirk­liche Alter­na­tive. Oder was denken Sie zu dieser zweiten Figur? Ist er ein Typ Mensch, der heute schon exis­tiert, oder ist es eine War­nung davor, was in Zukunft noch auf uns zukommt?

 

V.M.: Meine ursprüng­liche Inten­tion bestand darin, zwei Erzähl­stimmen zu schaffen, die, obwohl sie über unter­schied­liche Dinge und in unter­schied­li­chen Worten spre­chen, zusam­men­ge­hören und sich langsam auf­ein­ander zu bewegen. Wir als Leser haben viel­leicht den Ein­druck, dass es sogar ein und der­selbe Mensch sein könnte, der sich in unter­schied­li­chen Phasen seines Lebens mit­teilt. Aber dann gehen sie aus­ein­ander. Mehr noch: Einer ermordet den anderen. Ich glaube, das Wich­tigste hier ist nicht der Ver­such eine Pro­gnose auf­zu­stellen, ob solche „Unge­heuer“ wie dieser Intel­lek­tu­elle irgend­wann mal die Welt erobern, son­dern das Fixieren des für mich wich­tigen Gefühls, dass die Freund­schaft und sogar die Liebe in der heu­tigen Gesell­schaft nach dem Schema „Dro­gen­dealer-Junkie“ funk­tio­nieren. Wir ver­kaufen ein­ander alle Arten von Rausch. Und wir kom­mu­ni­zieren mit dem anderen nur, solange er das für uns wich­tige Rausch­mittel besitzt. Wir wollen uns alle grund­sätz­lich nur ver­gessen – im Sex, im Alkohol, im stän­digen Konsum, in den Bou­ti­quen, die zu Tem­peln geworden sind, usw…

 

n.: Also deckt sich die Zukunft, die Sie im Roman ent­werfen, zum Teil schon mit unserer Gegen­wart? Sie haben bloß als Schrift­steller die Mög­lich­keit, die heu­tige Situa­tion wie mit Rönt­gen­strahlen zu durch­dringen und einige Phä­no­mene zu beob­achten, die sonst ver­borgen bleiben…

 

V.M.: Ja, das hängt vom Blick­winkel ab!

n.: Aber man kann trotzdem den Ein­druck nicht los­werden, dass Sie diese Ten­denzen nicht ganz objektiv, also sozu­sagen nicht mit einem neu­tralen Blick erfassen…

 

V.M.: Der Autor ist in diesem Buch nur als jemand prä­sent, der am Ende einen Punkt setzt. Er bestimmt also den Moment, in dem alles zu Ende ist. Ich glaube, man könnte diese Geschichte so lange fort­setzen, bis diese Kämpfer sich als völ­lige Idioten erwiesen haben. Aber die Tat­sache ist, dass, rein his­to­risch gesehen, Roman­tiker eine grö­ßere Attrak­ti­vität besitzen als Prag­ma­tiker. Wir sind nun mal so pro­gram­miert, dass unsere Sym­pa­thien – aus his­to­ri­scher, eth­no­gra­phi­scher und wel­cher Per­spek­tive auch immer – auf der Seite jener sein werden, die in einen offen­sicht­lich hoff­nungs­losen Kampf für den Erhalt einer Sprache ziehen, von der in 50 Jahren sowieso nichts mehr übrig bleibt.

 

n.: Dann ist es tat­säch­lich so, dass dieser Roman nicht nur und nicht einmal in erster Linie von der bela­rus­si­schen Sprache han­delt, son­dern von dem Ver­such, eine Situa­tion zu beenden, die nicht mehr befrie­di­gend ist – viel­leicht für beide Seiten nicht?

 

V.M.: Ver­stehen Sie, alles, was dort steht, ist die Rea­lität des heu­tigen Belarus…

 

n.: Ja, ich denke gerade dar­über nach, wie man durch dieses Buch die Rea­lität besser ver­stehen könnte. Und Ver­stehen heißt auch irgendwie Ver­än­dern, oder?

 

V.M.: Ja, das auch! Malevič hat in seiner Vitebsker Periode eine Theorie dar­über ent­wi­ckelt, wie die Kunst die Rea­lität ver­än­dern kann, ohne sie nach­zu­ahmen. Und mit seinen abs­trakten Gemälden hat er ver­sucht, auf eine magi­sche Weise einen Ein­fluss zu nehmen. Mova ist in diesem Sinne auch ein magi­scher Text, der in die Zukunft gerichtet ist… Als ich das erste Tattoo mit Mova gesehen habe, ist es mir wie ein Licht aufgegangen!

 

n.: Was sind das für Tattoos?

 

V.M.: Als wir die dritte Auf­lage von Mova vor­be­rei­teten, fanden wir einen chi­ne­si­schen Kal­li­grafen, der zwei Hie­ro­gly­phen – „Mo“ und „Va“ – für uns gezeichnet hat. So konnten wir diese Auf­lage mit Illus­tra­tionen ver­sehen. Und die Leute haben dann diese Hie­ro­gly­phen für ihre Tat­toos ver­wendet. Man fühlt, welche Wellen das schlägt!

 

n.: Ist es also jetzt zu einer Art Kult­buch geworden? So vom Gefühl her?

 

V.M.: Ja, ich hatte das Gefühl, das ist mehr als ein Text. Viel­leicht eine Art Pille, oder Strom­schlag, der die ganze Stadt erfasst.

Das Gespräch wurde von Eka­te­rina Vas­si­lieva geführt und aus dem Rus­si­schen übersetzt.

 

Bisher erschie­nene Romane von Viktor Martinovič:

In deut­scher Übersetzung:
Mar­ti­no­witsch, Viktor: Para­noia. Aus dem Rus­si­schen von Thomas Weiler. Dresden / Leipzig: Voland & Quist, 2014.

 

Erst­ver­öf­fent­li­chungen auf Russisch/Belarussisch:
Mar­ti­novič, Viktor: Para­nojja. Moskva: AST, 2009.
Mar­ti­novič, Viktor: Scjud­zeny vyraj. Minsk: Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Bela­rus­sisch), 2011.
Mar­ti­novič, Viktor: Sfa­gnum. Minsk: Kni­gazbor (Bela­rus­si­sche Über­set­zung), Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Ori­gi­nal­ver­sion Rus­sisch), 2013.
Mar­ti­novič, Viktor: Mova. Minsk: Kni­gazbor (Bela­rus­si­sches Ori­ginal), Minsk: Loh­vinaŭ (Rus­si­sche Über­set­zung), Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe), 2014.