Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Viktor Krotov – Phi­lo­soph ‘ein­fa­cher’ Menschen

Das Internet – ein Ort und Mittel für Vieles. Ob pri­vates Chatten, Nach­richten lesen oder eine vir­tu­elle Fir­men­feier über Video­kon­fe­renz ver­an­stalten – die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­mate durch­ziehen fast alle Lebens­be­reiche. Aber wie wäre es mit täg­li­chen phi­lo­so­phi­schen Refle­xi­ons­übungen in Form von kleinen Mär­chen? Genau das prak­ti­ziert der rus­si­sche Schrift­steller Viktor Krotov (*1946), indem er seit 2007 mit stei­gender Fre­quenz kleine Mär­chen mit weniger als 100 Wör­tern (auch Mär­chen-Brösel genannt) in seinem Life­Journal ver­öf­fent­licht und mitt­ler­weile in wei­teren sozialen Netz­werken wie Twitter und Vkon­takte verlinkt.

In Mär­chen denken: Schrift­steller aus phi­lo­so­phi­schem Interesse

Viktor Krotov ent­stammt einer sowje­ti­schen Päd­ago­gen­fa­milie. Er stu­dierte Mathe­matik an der Lomo­no­ssow-Uni­ver­sität Moskau, begann aber bereits wäh­rend des Stu­diums zu schreiben und unter­nahm in dieser Zeit seine ersten Ver­suche, eine „sinn­erfüllte Welt­an­schauung“ zu for­mu­lieren. Seitdem geht seine Arbeit als Mathe­ma­tiker, Pro­gram­mierer und For­scher unmit­telbar mit schrift­stel­le­ri­scher Tätig­keit einher, die von großer per­sön­li­cher phi­lo­so­phi­scher Neu­gier, einen ebenso schlichten wie uni­ver­sellen Weg für das Begreifen der Welt zu finden, begleitet wurde. Heute ist der 75-jäh­rige Viktor Krotov vor allem als Kin­der­buch­autor und Leiter lite­ra­ri­scher Work­shops für Kinder und Erwach­sene bekannt, was seinem einst gestellten phi­lo­so­phi­schen Ziel kei­nes­wegs zuwi­der­läuft, denn gerade in seinen Kin­der­bü­chern ist ihm gelungen, ein brei­teres Publikum an Kin­dern und Eltern für „die wich­tigsten Dinge” im Leben zu inter­es­sieren. Auch wenn Krotov absicht­lich nie­mals direkt aus­for­mu­liert, welche „wich­tigsten Dinge“ er meint, ist es ihm immer gelungen, seine Leser­schaft dazu zu bewegen, es selbst für sich her­aus­zu­finden. Kro­tovs Werke umfassen Trak­tate und Bücher zu unter­schied­li­chen phi­lo­so­phi­schen Fragen, sowie Essays, Erzäh­lungen, zahl­reiche Bücher zu päd­ago­gi­schen Themen über Kind­heit, Erzie­hung und Krea­ti­vität, von denen ein bedeu­tender Teil dem Erfinden eigener Geschichten und Bücher gewidmet ist. Doch was seine Werke durch­gängig begleitet, ist die kleine Form. Das Kleine scheint in Kro­tovs Schaffen ein beson­deres Denk­mittel zu sein. Selbst seine Auto­bio­grafie über die frü­heste Kind­heit ist in Form kleiner Erin­ne­rungs­skizzen ver­fasst. Von allen kleinen Formen ist aber das Mär­chen das belieb­teste und meist­ge­druckte Genre.

 

Drei kleine Formen: Mär­chen – Apho­rismus – Dreizeiler

Heute darf man auf seinem Blog auf Live­Journal fast jeden Tag ein Kurz­mär­chen lesen, das zumeist ebenso ein­falls­reich wie ein­fältig ist. Einige Mär­chen erin­nern an Gleich­nisse, weil sie in meta­pho­ri­scher Form phi­lo­so­phi­sche Fragen for­mu­lieren, andere erzählen von erfun­denen Kurio­si­täten und lassen der Phan­tasie freien Lauf. Durch Kürze, Skiz­zen­haf­tig­keit und meta­pho­ri­sche Ver­dich­tung lassen sich die Mär­chen als kleine phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­ons­im­pulse rezi­pieren, deren Fort­set­zung der Leser_innenschaft über lassen wird.

Das Buch­wei­zen­korn

Alle Körner in der Buch­wei­zen­pa­ckung wollten später Brei werden. Nur das eine Korn träumte davon, zu reisen. Als die Packung aus dem Super­markt nach Hause getragen wurde, sprang das Korn heraus und flog mit dem Wind über den Asphalt. Erst wurde es fast von einem Spatz ver­schlungen. Danach bei­nahe von einem Schuh zer­treten – dar­aufhin ver­steckte sich das Korn in der Erde. Doch nach dem Regen keimte es aus. Und so begann seine Reise aus dem Erd­reich zum Himmel.

 

Anzeige ohne Gegenstand 

Wü träumte davon, eine Anzeige in der Zei­tung auf­zu­geben. Aber er wusste nicht wor­über. Das Geld hatte er im Übrigen auch nicht. Aber eines Tages schenkte man ihm einen Gut­schein für eine Anzeige aus zehn Wör­tern. Wü schrieb: „Danke fürs Lesen. Ich brauche nichts. Alles Gute!“ Als die Anzeige gedruckt wurde, freute er sich sehr. Wie viele Ant­worten er bekam! Von wem? Von genau sol­chen wie er, die nichts brauchten, außer ein gutes Wort.

 

Ver­ir­rung im Kopf

Es war einmal ein Mäd­chen. Es war so winzig, dass es sich in den eigenen Haaren ver­irrte. Und geriet direkt in den Kopf. Dort war es dann ganz einsam. Es schlen­derte umher und spie­gelte sich in den eigenen Gedanken wie in ebenso vielen Spie­geln. „Wie ist es doch lang­weilig hier!“, dachte das Mäd­chen schwer­mütig. Plötz­lich kam ihr eine Idee: „Ich sollte über die Anderen nach­denken!“ Siehe da –sofort tauchten die Anderen auf. Und halfen ihr raus.

aus: Abwärts! (2020)

Die Mär­chen-Brösel sind die belieb­teste, aber nicht die ein­zige kleine Form, die Krotov in sein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk ein­bringt: seit der Anmel­dung auf Twitter in 2019 erprobt der Schrift­steller das Netz­werk, um eine wei­tere kleine Form zu dis­tri­bu­ieren – den Apho­rismus. Kro­tovs Apho­rismen stellen genau wie seine Mär­chen eine Art regel­mä­ßige lite­ra­ri­sche Praxis dar. Jeder ein­zelne Apho­rismus hat den Cha­rakter einer Defi­ni­tion – ein belie­biges Wort wird in beson­ders prä­gnanter und scharf­sin­niger Weise aus­de­fi­niert und im Thread alpha­be­tisch ange­ordnet. Für solche ein­zei­ligen Pointen scheint gerade Twitter mit seiner lis­ten­ar­tigen Thread­struktur beson­ders geeignet:

AUTORITÄT – jemand, den wir zur Bestä­ti­gung unseres Stand­punkts heranziehen.

BEGREIFEN – etwas fangen, ohne es der Frei­heit zu berauben.

CHANCE – ein Flug­ti­cket und die Mög­lich­keit, den Flug zu verpassen.

DUMMHEIT – ein­ziger trif­tiger Grund, um auf die eigene Denk­weise stolz zu sein. 

ERFAHRUNG – Stütze der Zukunft in der Vergangenheit.

aus: Abwärts! (2021)

Viktor Krotov, ©Marija Romanuško.

Die Akti­vität des Schrift­stel­lers in sozialen Netz­werken reprä­sen­tiert aber nur den gerin­geren Teil seines Œuvre der kleinen Formen, die er seit Jahr­zehnten erfindet und sam­melt. Seit 1995 wurden meh­rere Tau­send Apho­rismen von Viktor Krotov her­aus­ge­geben, sowohl von eta­blierten Ver­lagen als auch auf Eigen­in­itia­tive des Autors im Inter­net­verlag Ridero in Form von elek­tro­ni­schen Büchern. Die kleinen Mär­chen-Brösel, von denen Krotov über andert­halb Tau­send geschrieben hat, wurden in zwölf Bänden her­aus­ge­geben, neue Kurz­mär­chen erscheinen aktuell eben­falls als E‑Book oder auf sozialen Netzwerken.

Neben Kurz­mär­chen und Apho­rismen gibt es noch eine dritte kleine Form der Lyrik – Drei­zeiler, oder, wie Krotov sie selbst bezeichnet, freie Drei­zeiler. Diese kleinen unge­reimten Gedichte stellen kurze drei­zei­lige Medi­ta­tionen dar und han­deln meist von beson­deren auto­bio­gra­fi­schen Momenten oder all­täg­li­chen Beob­ach­tungen. Die Drei­zeiler wurden im Selbst­verlag in acht Bänden herausgegeben.

„Der Pfad von der Metro zur Arbeit – 
das ist mein Meditationsraum.
Macht nichts, dass Glatteis ist“

„Ich komme stolz daher:
Habe den Ball gut getroffen,
der von den Jungs wegrollt“

„Blätt­chen für Blätt­chen welkt die Rose.
Und es schmerzt mich wie einen Säugling,
der nicht wusste, dass Blumen sterben“ 

(aus dem Rus­si­schen ins Deut­sche über­tragen von Darja Benert, 2021)

Alle drei kleinen Formen bezeichnet Krotov als seine Lieb­lings­genres. Zurecht, denn gerade durch Kürze und Prä­gnanz kann eine meta­pho­ri­sche Kon­zen­tra­tion erreicht werden, deren Bild­haf­tig­keit nur mit wenigen Worten einen starken Refle­xi­ons­im­puls gibt. Ob ein­ziger Wen­de­punkt in der kurzen Hand­lung des Mär­chens, ein­prä­gende Meta­pher eines Drei­zei­lers oder kurze Ein­deu­tig­keit eines Apho­rismus – mit der Erfin­dung und Ver­öf­fent­li­chung dieser kleinen Formen kommt Viktor Krotov über die Jahre und Jahr­zehnte nicht nur dem Ziel näher, eine „sinn­erfüllte Welt­an­schauung“ zu for­mu­lieren, son­dern betreibt eine bemer­kens­wert all­tags­taug­liche Praxis des phi­lo­so­phi­schen Reflek­tie­rens in lite­ra­ri­scher Form. Die kom­mu­ni­ka­ti­ons­stif­tende Rolle der sozialen Netz­werke scheint diese Praxis bes­tens zu unter­stützen, denn gerade durch die schnelle Dis­tri­bu­tion  können Effekte von Spon­ta­neität und Unmit­tel­bar­keit erzeugt werden. Die durch Ver­dich­tung erzielte Prä­gnanz und die Offen­heit des nicht zu Ende Aus­buch­sta­bierten sind glei­cher­maßen in Kro­tovs Sinn: jeder kann seine ganz per­sön­li­chen „wich­tigen Dinge“ für sich her­aus­finden, und zwar bei jedem Lesen wieder aufs Neue.

Lite­ratur:

 

Krotov, Viktor: Kak izmenitʹ filo­so­fiju k lučšemu: Popytka zagl­janutʹ v buduščee. (Dt.: „Wie kann man die Phi­lo­so­phie ver­bes­sern. Ein Ver­such in die Zukunft zu bli­cken“), Online-Verlag Ridero, 2019.

Krotov, Viktor: Neue Kurz­mär­chen, in: Abwärts! Nummer 38, Berlin, Basis­Druck Verlag 2020, S. 22–23.

Krotov, Viktor: Einige Ver­ständ­nisse und Unver­ständ­nisse, in: Abwärts! Nummer 40, Berlin, Basis­Druck Verlag 2021, S. 22.

Benert, Darja: Poetik der Nai­vität bei Viktor Krotov, in: Haiku – Epi­gramm – Kurz­ge­dicht. Kleine Formen in der Lyrik Mittel- und Ost­eu­ropas. Köln, Böhlau Verlag 2021, S. 231–248.