Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Visi­bi­lität, Reprä­sen­ta­tion, Aneig­nung: Aktionen in Soli­da­rität mit Buča

Seitdem ab dem 2. April ver­mehrt die inter­na­tio­nale Presse in den Gebieten bei Kyiv ein­traf, die seit Anfang März von rus­si­schen Truppen besetzt gehalten worden waren, häufen sich Berichte über durch die rus­si­schen Besatzer ver­übte Fol­te­rungen, Ver­ge­wal­ti­gungen und Erschie­ßungen an der Zivil­be­völ­ke­rung. Neben Irpin’, Motižin und Borod­janka ist dabei ins­be­son­dere die Stadt Buča, wo man zur Zeit von mehr als 400 zivilen Todes­op­fern aus­geht, zur met­ony­mi­schen Bezeich­nung für die von rus­si­schen Sol­daten an der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung ver­übten bru­talen Kriegs­ver­bre­chen geworden.

Die Auf­nahmen aus den Orten und Klein­städten in der Kyiver Oblast wurden Anlass für eine Reihe von Aktionen in Gedenken an und Soli­da­rität mit den zivilen Opfern: Am 5. April ver­öf­fent­lichte das rus­si­sche Online-Magazin Cholod Bilder der Aktion „Buča-Moskva“, auf denen ein*e anonyme Aktivist*in an ver­schie­denen Orten im Zen­trum Mos­kaus mit hinter dem Rücken zusam­men­ge­bun­denen Händen auf dem Boden lie­gend zu sehen ist. Tags darauf fanden in Berlin, Tbi­lissi, Vil­nius und War­schau, etwas später auch in Almaty, Bra­tis­lava, Hel­sinki und Krasnodar Aktionen statt, bei denen die Teil­neh­menden sich in Posi­tionen, ähn­lich denen, in denen die ermor­deten Zivilist*innen gefunden wurden, aus­ge­streckt auf die Erde legten.

 

Trotz ihres gemein­samen Bezugs auf die Ver­bre­chen von und die Bilder aus Buča sind die Aktionen in ihrem Gehalt und ihren Impli­ka­tionen kei­nes­falls ein­deutig und nicht ohne wei­teres ein­ander gleich­zu­setzen, wes­halb sie sich nur schwer auf einen gemein­samen Begriff bringen lassen. In klarer Unter­schei­dung von den Ereig­nissen selbst, bei denen es sich ent­gegen der Behaup­tung der rus­si­schen Pro­pa­ganda in keiner Weise um eine Insze­nie­rung han­delt, lassen sich die hier bespro­chenen Aktionen viel­leicht als per­for­mances im Sinne bewusster sym­bo­li­scher Hand­lungen fassen. Auf höchst unter­schied­liche und nicht immer ein­deu­tige Weise setzen sich darin ver­schie­dene Akteure in Bezie­hung zu den Opfern und richten sich in spe­zi­fi­scher Weise an ein bestimmtes Publikum – etwa durch die Details der Insze­nie­rung der sym­bo­li­schen Akte, aber auch durch dis­kur­sives Framing im Titel oder kom­men­tie­renden Begleit­text. Diese Akte stehen dabei inner­halb von his­to­ri­schen und bestehenden geo­po­li­ti­schen Macht­ver­hält­nissen und nehmen aktiv Bezug auf diese. Im Vor­der­grund stehen dabei meist die­je­nigen zwi­schen der Impe­ri­al­macht Russ­land und den­je­nigen Staaten und Gebieten, auf die Russ­land ent­weder als ‚Teil des eigenen Ter­ri­to­riums‘ oder als ‚Ein­fluss­sphäre‘ einen Impe­ri­al­an­spruch erhebt, den es aggressiv durch­ge­setzt hat, durch­setzt oder durch­zu­setzen versucht.

 

Die zah­len­mäßig größte der Aktionen war die­je­nige, die in Berlin im Rahmen einer Kund­ge­bung für ein sofor­tiges Ener­gie­em­bargo gegen Russ­land am 6. April statt­fand: Die Organisator*innen Vit­sche Berlin, eine zivil­ge­sell­schaft­liche Asso­zia­tion von Ukrainer*innen, spra­chen von 5000 Teil­neh­menden. Für zehn Minuten legten diese sich auf den Boden vor dem Bun­destag, wäh­rend die Namen ukrai­ni­scher Städte, die unter Bela­ge­rung, Angriff oder Okku­pa­tion durch rus­si­sche Truppen standen oder stehen, dar­unter mehr­mals wie­der­holt Buča, ver­lesen wurden. Viele der Teil­neh­menden waren in ukrai­ni­sche Flaggen gehüllt und hielten auch wäh­rend der Aktion ihre Pla­kate mit For­de­rungen nach einem Import­verbot für rus­si­sches Gas und Öl in die Höhe. Hier ging es weniger um eine exakte Nach­stel­lung der Bilder aus Buča als viel­mehr um ein Zei­chen der Soli­da­rität, das seinen Effekt vor allem über die große Zahl der Teil­neh­menden ent­faltet und seine direkten Adressat*innen im Deut­schen Bun­destag hat, vor dem Kund­ge­bung und Aktion stattfanden.

 

Soli­da­rität mit den Opfern aus Buča, 06.04.2022, Berlin, © Filip Trubač.

 

Der Anspruch, den Vit­sche im die Bilder der Aktion beglei­tenden Kom­mentar for­mu­liert, ist dem­entspre­chend einer der (dezi­diert auch poli­ti­schen) Reprä­sen­ta­tion: „5000 people laid down on the ground to repre­sent the people killed, tor­tured and raped by rus­sian sol­diers.“ Die Dif­fe­renz der teil­neh­menden Demonstrant*innen zu den in Buča grausam Getö­teten ist damit der Aktion explizit ein­ge­tragen. Wer aber kann und sollte einen Anspruch auf deren Reprä­sen­ta­tion, deren Ver­tre­tung erheben? Nur die (in Berlin sehr zahl­reich teil­neh­menden) direkt vom der­zei­tigen rus­si­schen Angriffs­krieg betrof­fenen Men­schen aus der Ukraine? Oder in einem Akt der Soli­da­ri­sie­rung auch andere: etwa Men­schen in und aus Belarus, Russ­land, Deutsch­land etc.? Nur die­je­nigen, die sich schon 2014 gegen die Anne­xion der Krim durch Russ­land und im Fol­genden gegen den Krieg im Don­bass aus­spra­chen und ein­setzten? Jede*r, der*die sich jetzt aktiv dazu ent­scheidet? Dass einige Teil­neh­mende der Kund­ge­bung zögerten, sich eben­falls hin­zu­legen, und statt­dessen wäh­rend der Aktion am Rand ste­hen­blieben, deutet viel­leicht schon darauf hin, dass der Grat zwi­schen einer Soli­da­ri­sie­rung mit den Opfern einer­seits und einer Aneig­nung von deren Rolle ande­rer­seits ein schmaler ist. Denn wäh­rend der Akt der Soli­da­ri­sie­rung eine Ver­bun­den­heit über geteilte Ziele und Werte gerade unter Aner­ken­nung dessen, dass man selbst nicht glei­cher­maßen betroffen ist, aus­drückt, liegt im Akt der Aneig­nung stets auch eine Anma­ßung, die instru­men­tell sein kann.

 

Dies wird auch anhand der Aktion „Buča—Moskva“ deut­lich, die wie­derum ganz anders ver­fährt: Hier wurde ein bestimmtes Bild aus Buča her­aus­ge­griffen, das eine mit dem Gesicht nach unten auf der Straße lie­gende Person zeigt, der die Hände mit einer weißen Binde hinter dem Rücken gefes­selt sind. Auf den Bil­dern aus Moskau liegt eine fast iden­ti­sche geklei­dete Person mit eben­falls zusam­men­ge­bun­denen Händen in ähn­li­cher Posi­tion auf dem Boden. Statt von Reprä­sen­ta­tion ist hier fast schon von einer Imi­ta­tion der Opfer zu spre­chen. Im Kom­mentar zur Aktion, den Cholod zwei Tage später ver­öf­fent­lichte, erklärt der*die anonyme Aktivist*in: „Als ich an diesem Tag die Fotos aus Buča anschaute […], hatte ich nur ein Gefühl – dass auf diesen Auf­nahmen ich liege, man mich ver­ge­wal­tigt, gefol­tert und aus­ge­löscht hat.“ Was mög­li­cher­weise als Aus­druck von Erschüt­te­rung und Empa­thie mit den Opfern inten­diert ist, läuft letzt­lich auf eine Iden­ti­fi­zie­rung mit diesen, viel­leicht gar auf eine Usur­pa­tion von deren Posi­tion hinaus, die des­halb äußerst pro­ble­ma­tisch ist, weil die Aneig­nung der Opfer­rolle sowohl von jeg­li­cher Mit­ver­ant­wor­tung für die Ver­bre­chen ent­lastet als auch die realen Opfer sym­bo­lisch ver­drängen kann.

 

Ange­sichts der sys­te­ma­ti­schen Angriffe des rus­si­schen Mili­tärs auf die ukrai­ni­sche Zivil­be­völ­ke­rung (bei weitem nicht nur in der Kyiver Oblast) sowie des von der rus­si­schen Regie­rung und den rus­si­schen Staats­me­dien pro­pa­gierten Pro­gramms der „De-Ukrai­ni­sie­rung“ der Ukraine, das unter dem, wie Susanne Frank schreibt, „von jeder nach­weis­baren Refe­ren­tia­lität losgelöst[en]“ Pro­pa­gan­da­be­griff der „Ent­na­zi­fi­zie­rung“ nicht nur auf eine Aus­lö­schung des ukrai­ni­schen Staates, son­dern der eigen­stän­digen ukrai­ni­schen Iden­tität als sol­cher zielt, gehen viele Expert*innen mitt­ler­weile von einer geno­zi­dalen Dimen­sion dieser Ver­bre­chen aus. Ins­be­son­dere des­halb scheint eine Los­lö­sung der Opfer und damit auch der Ver­bre­chen von eben dieser ukrai­ni­schen Iden­tität extrem gefährlich.

 

Die Aktion voll­zieht zugleich eine topo­lo­gi­sche Trans­po­si­tion der Ver­bre­chen an die Orte der impe­rialen Macht: ins­be­son­dere die Auf­nahmen vor der Christ-Erlöser-Kathe­drale und den Mauern des Kremls als Zen­tralen dieser Macht führen die Opfer zurück ins „Zen­trum“, von dem die Aggres­sion aus­geht. Dies repro­du­ziert einer­seits das gewalt­volle hege­mo­niale Ver­hältnis von „Zen­trum“ und „Peri­pherie“, kon­fron­tiert ande­rer­seits sym­bo­lisch aber auch Opfer und Täter, wobei hier nicht nur die rus­si­sche Regie­rung und die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche, son­dern in den Passant*innen auch die rus­si­sche Öffent­lich­keit ange­spro­chen ist. Die fast in Post­kar­ten­ma­nier ein­ge­fan­genen Ansichten aus dem Zen­trum Mos­kaus evo­zieren zudem unwei­ger­lich den Ver­gleich mit den ver­wüs­teten Straßen Bučas, auf denen nicht wie in Moskau Spaziergänger*innen, son­dern wei­tere Tote zu sehen sind.

 

Eine wei­tere Dimen­sion, die allen diesen Aktionen gemein, im rus­si­schen Kon­text aber noch einmal von beson­derer Rele­vanz ist, ist die eines Sicht­bar­ma­chens der Opfer im öffent­li­chen Raum: Die rus­si­schen Behörden hatten die Auf­nahmen aus der Kyiver Oblast zunächst als „Fake“ bezeichnet, die rus­si­sche Medi­en­auf­sichts- und Zen­sur­be­hörde dann offenbar die ent­spre­chenden Such­ergeb­nisse aus dem RuNet getilgt, wie eine in den sozialen Medien kur­sie­rende Gegen­über­stel­lung der für den Such­be­giff „Buča“ bei Yandex ange­zeigten Bilder mit den bei Google ver­füg­baren zeigt. Die Web­site von Cholod wurde schließ­lich am 9. April blo­ckiert. Aktuell ver­su­chen die rus­si­schen staat­li­chen Medien, die eigenen Ver­bre­chen als die Taten von Ver­tre­tern der ukrai­ni­schen Staats­ge­walt – ent­weder im Sinne einer „Pro­vo­ka­tion“ oder als „Säu­be­rungen“ unter angeb­lich „pro­rus­si­schen“ oder auch rus­sisch­spra­chigen Bürger*innen – dar­zu­stellen und diese damit in einer gro­tesken Ver­keh­rung der Tat­sa­chen gar im Hin­blick auf das eigene zen­trale Pro­pa­gan­da­nar­rativ vom Genozid an der rus­sisch­spra­chigen Bevöl­ke­rung in der Ukraine zu instrumentalisieren.

 

Soli­da­rität mit den Opfern aus Buča, 06.04.2022, Berlin, © Olexiy Bardadym.

Aber auch dort, wo Infor­ma­tionen und Bilder der in Buča ver­übten Ver­bre­chen ohne wei­teres abrufbar sind, spielt Visi­bi­lität und öffent­liche Wahr­neh­mung eine Rolle, jedoch unter jeweils ver­än­derten Vor­zei­chen: Neben der Aktion vor dem Bun­destag fand in Berlin etwa auch eine klei­nere Aktion unter dem Titel „Buča —Berlin“ statt, die ähn­lich wie „Buča —Moskva“ die Ver­bre­chen von Buča nach Berlin – etwa vor das Bran­den­burger Tor oder auf den Alex­an­der­platz – ver­legte. Die Initia­to­rinnen ukraine_girls_berlin erklären: „Diese Fotos werden gemacht, damit die Leute sehen, was in der Ukraine pas­siert, und sich einig sind, dass es Bucha ist und morgen eine Lieb­lings­stadt [in] der Euro­päi­schen Union sein könnte.“ Die Bilder sind auf Insta­gram unter dem Hashtag #heu­te­wirm­or­ge­nihr zu finden. Die Aktion for­mu­liert damit einen von Ukrainer*innen an deut­sche Behörden und die deut­sche Öffent­lich­keit gerich­teten Appell, die Ukraine im Kampf um ihre Frei­heit und Exis­tenz zu unter­stützen. Dieser wird von der War­nung gestützt, auch Deutsch­land könnte bald von der Aggres­sion Russ­lands betroffen sein, und for­dert damit zur Iden­ti­fi­ka­tion oder Ein­füh­lung auf, wobei zugleich eine (einst­weilen) klare Tren­nung zwi­schen „wir“ und „ihr“ eta­bliert wird.

 

In Tbi­lissi stellt sich dieses Ver­hältnis noch einmal anders dar. Hier fand die Aktion vor dem Par­la­ments­ge­bäude statt, wo am 9. April 1989 eine fried­liche Demons­tra­tion für die Wie­der­her­stel­lung der staat­li­chen Unab­hän­gig­keit Geor­giens von Son­der­ein­heiten der sowje­ti­schen Armee brutal nie­der­ge­schlagen und 21 Men­schen getötet wurden. Ein Video der Aktion, bei der die Teil­neh­menden mit gefes­selten Händen zu sehen sind, ver­öf­fent­lichte Echo Kav­kaza unter dem Titel „Wer wird der nächste sein?“ Die Frage scheint vor dem Hin­ter­grund des Mas­sa­kers von 1989, des Geor­gi­en­kriegs 2008 sowie der kürz­li­chen Ankün­di­gung des Prä­si­denten des völ­ker­recht­lich zu Geor­gien gehö­renden de facto-Staates Süd­os­se­tien, Mitte April ein Refe­rendum über die Ein­glie­de­rung in die Rus­si­sche Föde­ra­tion abhalten zu wollen, fast rhe­to­risch. Die Soli­da­ri­sie­rung mit der Ukraine ist hier zugleich auch ein Akt des Geden­kens an die eigenen Opfer eines aggres­siven rus­si­schen Impe­ri­al­an­spruchs und geht mit der sehr realen Angst einher, selbst „der nächste zu sein“ – oder zum wie­der­holten Male zu werden. Hier zeigt sich auch eine grund­sätz­liche Span­nung, die die Trans­po­si­tionen dort, wo sie eine wenigs­tens rela­tive Trans­fe­rier­bar­keit der Ereig­nisse impli­zieren, erzeugen: die zwi­schen einer Sen­si­bi­lität für die Spe­zifik der Ver­bre­chen von Buča inner­halb des spe­zi­fi­schen Impe­ri­al­ver­hält­nisses Russland/Ukraine sowie spe­ziell des der­zei­tigen rus­si­schen Angriffs­kriegs auf der einen Seite und einem Auf­zeigen von his­to­ri­schen Zusam­men­hängen und Kon­ti­nui­täten eines rus­si­schen Impe­ria­lismus (inklu­sive mög­li­cher zukünf­tiger Kon­se­quenzen), der letzt­lich aber immer auch his­to­risch kon­krete Betrach­tung ver­langt, auf der anderen Seite.

 

Auch in Polen, dessen Staat­lich­keit, Unab­hän­gig­keit und ter­ri­to­riale Inte­grität in seiner Geschichte immer wieder exis­ten­tiell bedroht wurde – längst nicht nur, aber neben dem Deut­schen Reich maß­geb­lich auch durch das Rus­si­sche Zaren­reich und die Sowjet­union – ist die Sorge, „der nächste zu sein“ groß. Unter expli­zitem Bezug auf die von Russ­land ver­übten Kriegs­ver­bre­chen in der Ukraine gab der pol­ni­sche Prä­si­dent Andrzej Duda kürz­lich bekannt, das Mas­saker von Katyn, das sym­bo­lisch für die Ermor­dung von über 22.000 Polen durch den sowje­ti­schen Geheim­dienst NKWD im Jahre 1940 steht, vor einem inter­na­tio­nalen Gericht anklagen zu wollen. Erst Gor­bat­schow hatte im Jahre 1990 offi­ziell die sowje­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Mas­sen­er­schie­ßungen aner­kannt, die Auf­ar­bei­tung wurde von Seiten Russ­lands 2004 wieder eingestellt.

 

Gleich­zeitig ist die Ukraine immer wieder auch von pol­ni­scher Seite eher als eigenes „Grenz­ge­biet“ zu Russ­land denn als eigen­stän­diger Staat und eigen­stän­dige Kultur wahr­ge­nommen und zur Pro­jek­ti­ons­fläche für Fragen der pol­ni­schen natio­nalen Iden­tität gerade in Abgren­zung zur rus­si­schen geworden, wie Marta Fig­le­ro­wicz aus­führt. Die Aktion in War­schau, bei der sich eine Person mit gefes­selten Händen und dem Gesicht nach unten auf die Straße legte, ist durch die ukrai­ni­sche Flagge, die die Person dabei in den Händen hält, jedoch explizit als Akt der Soli­da­ri­sie­rung und nicht der Iden­ti­fi­zie­rung mit den Opfern von Buča gekennzeichnet.

 

Was die Ori­gi­nal­auf­nahmen aus Buča, auf die in den Aktionen Bezug genommen wird, nicht zeigen, sind die Täter. Dass es rus­si­sche Truppen waren, die dort gefol­tert, ver­ge­wal­tigt und gemordet haben, ist durch ver­schie­dene unab­hän­gige Quellen belegt. Auch welche Ein­heiten genau an den Ver­bre­chen betei­ligt waren, lässt sich etwa über Han­dy­daten, Satel­li­ten­auf­nahmen und Geheim­diens­t­er­kennt­nisse rekon­stru­ieren, sogar ein­zelne Per­sonen sollen mitt­ler­weile durch Auf­nahmen von Über­wa­chungs­ka­meras und Daten aus sozialen Netz­werken als Täter iden­ti­fi­ziert worden sein. Dar­über hinaus stellt sich aber auch die Frage nach Mitt­tä­ter­schaft und ‑ver­ant­wor­tung nicht unmit­telbar Betei­ligter – nicht nur im rus­si­schen, son­dern auch im euro­päi­schen Kon­text. Und hier invol­vieren die Aktionen ganz ent­schieden auch ihr Publikum. Durch die Aus­wahl des Ortes inner­halb der ver­schie­denen Aktionen werden zunächst auch je ver­schie­dene pri­märe Adressat*innen gewählt: Die Aktionen in Almaty, Bra­tis­lava und Hel­sinki etwa, die dort jeweils vor den Gebäuden der rus­si­schen Bot­schaft statt­fanden, for­mu­lieren dadurch eine klare Anklage gegen den rus­si­schen Staat und seine Vertreter*innen. Die Aktion vor dem Bun­destag erhebt gemeinsam mit ihrer For­de­rung nach einem Ener­giem­bargo gegen Russ­land auch den Vor­wurf der Mit­tä­ter­schaft gegen den deut­schen Staat, der über Gas- und Ölim­porte aus Russ­land dessen Kriegs­füh­rung bis dato mit­fi­nan­ziert. In Krasnodar posi­tio­nierte sich eine junge Frau vor einem Pro­pa­gan­da­plakat mit der Auf­schrift „Zа наших – Zа русский мир“ („Für die unseren – für die Rus­si­sche Welt“) und adres­siert damit die Ideo­lo­geme, in deren Zei­chen der Krieg von rus­si­scher Seite geführt wird, und deren Träger*innen. Eine ‚Ant­wort‘ folgte hier auf dem Fuße: Ein Pas­sant rief die Polizei, die Frau wurde – wie auch die Demonstrant*innen in Almaty – ver­haftet. All­ge­meiner aber stellen alle diese Aktionen, die im öffent­li­chen Raum die Ver­bre­chen der rus­si­schen Truppen und deren Opfer sichtbar zu machen ver­su­chen und die dar­über hinaus in Form von Foto- und Video­auf­nahmen über das Internet Ver­brei­tung finden, auch die Frage nach der Mit­tä­ter­schaft und ‑ver­ant­wor­tung eben jener Welt­öf­fent­lich­keit, vor deren Augen diese Morde begangen werden.

Quelle des Bei­trags­bildes: Ukraine-Soli­da­rität vor dem Reichstag, 06.04.2022, © Sophie Tichinenko.