Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Lite­ra­tur­land­schaft Belarus: Eine Begehung

„Die Kenntnis der weiß­rus­si­schen Lite­ratur außer­halb der Sowjet­union ist gering“, schrieb Fer­di­nand Neu­reiter in seiner Weiß­rus­si­schen Antho­logie von 1983. Und wo kennt man diese Lite­ratur heute? In Deutsch­land stand Vasil’ Bykaŭ (Wassil Bykau; 1924–2003), meist in Über­set­zungen aus dem Rus­si­schen, lange Jahre weit­ge­hend allein auf weiter Flur, doch nun beginnt das Bild sich langsam zu dif­fe­ren­zieren: „schon sech­zehn namen sind gefunden für den schnee / zeit, sech­zehn namen zu erfinden für die fins­ternis.“ (Val’žyna Mort)
Nach Artur Klinaŭ (*1965) im Jahr 2006 und einem Schwer­punkt zu bela­rus­si­scher Lyrik in die horen (228/2007) fand 2009 Val’žyna Mort (*1981) den Weg ins Deut­sche, Al’herd Bach­arėvič (*1975) folgt 2010 (die beiden letzt­ge­nannten sind auch auf dem Foto zu sehen). Und Zmicer Višnëŭ (*1973) ist eben­falls auf dem Sprung.
Višnëŭ ist in seiner Heimat nicht nur als Lyriker und Pro­sa­autor bekannt, er spielt auch als Kri­tiker, Her­aus­geber und Ver­leger eine wich­tige Rolle für die bela­rus­si­sche Lite­ratur. Sti­pen­dien führten ihn unter anderem an das Lite­ra­ri­sche Col­lo­quium Berlin (2006) und an die Villa Decius in Krakau (2008), außerdem war er 2008 gemeinsam mit seiner Über­set­zerin Mar­tina Jakobson mit Lesungen und Podi­ums­ge­sprä­chen in Berlin und Dresden zu Gast. Der vor­lie­gende Text war ursprüng­lich als Vor­trag im Pro­gramm des Bela­ruski Kale­gium kon­zi­piert und ist vom Autor für die Publi­ka­tion in der Zeit­schrift Annus Alba­ru­the­nicus 2010 über­ar­beitet und aktua­li­siert worden. Dort erschien er mit Kom­men­taren und zahl­rei­chen Links, für novinki wurde er vom Über­setzer leicht gekürzt und um eine Aus­wahl­bi­blio­grafie auf Deutsch vor­lie­gender bela­rus­si­scher Lite­ratur ergänzt.

 

visneu

Gleich zu Beginn möchte ich der geläu­figen These wider­spre­chen, die bela­rus­si­sche Lite­ratur befinde sich seit etwa fünf­zehn Jahren in einer Krise (und damit in guter Gesell­schaft), sie sei bes­ten­falls zweit­klassig und wenig ori­gi­nell. In meinen Augen ist das Gegen­teil der Fall. So paradox es klingt, möchte ich doch mit dem anfangen, was es bei uns nicht gibt. In Belarus exis­tiert offen­sicht­lich kein Kunst­markt, das Fern­sehen kennt keine pro­fes­sio­nellen Lite­ra­tur­sen­dungen, die Regie­rung stellt prak­tisch keine För­de­rung für den Lite­ra­tur­be­trieb bereit (keine Fes­ti­vals, Semi­nare, Wett­be­werbe, keine Unter­stüt­zung für Zeit­schriften oder Ver­lage, so gut wie keine Lite­ra­tur­preise oder Sti­pen­dien), Ver­leger genießen in Belarus keine Steu­er­erleich­te­rungen. Und doch – ange­sichts all dieser Schwie­rig­keiten ist das höchst erstaun­lich – hat sich die bela­rus­si­sche Lite­ratur in den ver­gan­genen fünf­zehn Jahren stark ent­wi­ckelt. Sie schneidet im euro­päi­schen Ver­gleich nicht einmal beson­ders schlecht ab, aller­dings ist sie dem breiten Publikum  kaum bekannt. Auch der Ein­fluss aus­ge­wählter bela­rus­si­scher Sowjet­li­te­ratur, die zwei­fellos die aktu­elle Lite­ratur mit­ge­prägt hat, ist nicht in Abrede zu stellen. In erster Linie sind hier Werke von Michas’ Stral’coŭ, Ales’ Astašonak, Janka Maŭr, Ulad­zimir Karat­kevič, Vasil’ Bykaŭ, Ales’ Ada­movič und Ales’ Naŭrocki zu nennen. Zu berück­sich­tigen ist wei­terhin, dass die bela­rus­si­sche Lite­ratur zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts prak­tisch aus­ra­diert worden war. Die dama­ligen Moder­nisten und Avant­gar­disten (Paŭljuk Šukajla, Todar Kljaš­torny, Valery Marakoŭ, Ulad­zimir Cha­dyka, Michas’ Čarot, Ales’ Dudar, Jurka Lja­vonny) waren Repres­sa­lien aus­ge­setzt, was die bela­rus­si­sche Lite­ratur  um Jahr­zehnte zurück­ge­worfen hat. So ist es kein Zufall, dass die meisten Schul­ab­gänger bela­rus­si­sche Lite­ratur nur mit Krieg und Kol­chose asso­zi­ieren. Höchste Zeit, den Lek­tü­re­kanon für Schüler zu revi­dieren und Sowjet­ideo­logen durch echte Lite­raten zu ersetzen.

 

Zeit­schriften, Zei­tungen, Internet
Wenn­gleich es in Belarus keinen wie auch immer gear­teten Markt für Lite­ratur oder Medien gibt, erscheinen doch Lite­ra­tur­zeit­schriften und Zei­tungen. Dabei ver­schob sich das Zen­trum lite­ra­ri­scher Auf­merk­sam­keit im Laufe der letzten fünf­zehn Jahre zuse­hends von staat­li­chen hin zu nicht­staat­li­chen Peri­odika. Nach wie vor erscheinen die staat­li­chen bela­rus­sisch­spra­chigen Zeit­schriften Polymja und Мala­dosc’ und die rus­sisch­spra­chigen Nёmanund Vsemirnaja lite­ra­tura, außerdem die bela­rus­sisch­spra­chige Zei­tung Litara­tura i mastactva (LiM). Bei den nicht­staat­li­chen Zeit­schriften herrscht eine grö­ßere Viel­falt (Dze­jasloŭ, ARCHE, Pamiž, pAR­Tisan, Tėksty, Kalos’se, Frah­menty, Pra­vin­cyja, Topas, die Zei­tungen Naša Niva und Novy Čas), aller­dings erscheinen neben den erwähnten Zei­tungen regel­mäßig nur Dze­jasloŭund ARCHE, deren Schwer­punkt nicht auf bel­le­tris­ti­schen, son­dern auf ana­ly­ti­schen Texten liegt. Damit ist der Raum für lite­ra­ri­sche Peri­odika doch sehr begrenzt. Das Internet ent­schärft diese Situa­tion etwas, hier sind Lite­ra­tur­seiten mit ihren Foren ent­standen, mit Online-Publi­ka­tionen und Blogs. Unter den Inter­net­an­ge­boten, die das kul­tu­relle Leben in Belarus beleuchten, ist das Lite­ra­tur­portal litara.net her­vor­zu­heben, außerdem die an Jugend­liche gerich­tete Seite uff-by.org(dort erscheinen z.B. Infor­ma­tionen über Lite­ra­tur­ver­an­stal­tungen und Inter­views mit Schrift­stel­lern) und das stu­den­ti­sche Pro­jekt stud­farmat.org. Beson­dere Beach­tung ver­dienen die elek­tro­ni­schen Biblio­theken knihi.com und kamunikat.org sowie die Online-Buch­hand­lung knihi.net. In jüngster Zeit sind auch die beiden Kul­tur­por­tale h‑a-z‑e.org und goliafy.com sehr aktiv.

Bei den staat­li­chen Lite­ra­tur­zeit­schriften sind Ideo­lo­gi­sie­rungs­ten­denzen in den letzten Jahren nicht mehr zu über­sehen. Beson­ders augen­fällig sind die inhalt­li­chen Ver­än­de­rungen im Wochen­blatt Litara­tura i mastactva, das für sich selbst in Anspruch nimmt, die „Zei­tung der krea­tiven Intel­lek­tu­ellen in Belarus“ zu sein. Tat­säch­lich fun­giert es als Sprach­rohr der staat­li­chen Ideo­logie und ist zum Tum­mel­platz für so genannte ‚rich­tige Autoren’ geworden, die hier ihre Texte ver­öf­fent­li­chen. So finden sich dort bei­spiels­weise fol­gende Gedicht­zeilen: „Ame­rika, fremder Reichtum raubt dir den Schlaf. / Wen stießt du nicht / in den Staub vom Thron, / Doch hielt dich noch immer / In Schach / Die unbe­sieg­bare / Sowjet­union.“; „Und von ferne kamen / Die Dollar-Haie zur ‘Pere­stroika’ geschwommen … / Du warst es, Ame­rika / Das geschickt, wie man neu­mo­di­schen Plunder kauft, / Uns schlag­artig neue ‘Yup­pies’ bescher­test“. Das ver­steht die LiM wohl unter hohem poe­ti­schem Stil … In der­selben Aus­gabe finde ich bei N. Hal’p­ja­rovič den Ver­gleich einer Frau mit einem Bauch­nabel – ist das viel­leicht die LiM’sche Post­mo­derne?

Die nicht­staat­liche Zei­tung Naša Niva druckt derlei Mach­werke nicht, sie berichtet aber bis­weilen recht sub­jektiv über bestimmte Erschei­nungen in Kunst und Lite­ratur.  Sie igno­riert auch bestimmte bemer­kens­werte Ereig­nisse und folgt dabei Kri­te­rien, die wohl nur zei­tungs­in­tern nach­voll­ziehbar sind. So wollen die NN-Redak­teure die im Haus der Schrift­steller in Minsk aus­ge­rich­tete Groß­ver­an­stal­tung der lite­ra­ri­schen Bewe­gung Bum-Bam-Lit (anläss­lich ihres zehn­jäh­rigen Bestehens), an der zahl­reiche Besu­cher wegen Über­fül­lung des Saales nicht teil­nehmen konnten, schlicht ‚nicht mit­be­kommen’ haben. Glei­ches ließe sich über die Prä­sen­ta­tion der ersten Aus­gabe der Zeit­schrift Nihil im Jahr 1999 sagen. Und doch gebührt der Redak­tion Aner­ken­nung für ihre Bemü­hungen um die bela­rus­si­sche Bel­le­tristik im Rahmen der Buch­reihe Kniharnja Naša Niva.
Von gewisser Bedeu­tung für das lite­ra­ri­sche Leben sind auch die staat­li­chen Zei­tungen Kul’­tura und Zvjazda. Mitte der 90er Jahre war es  der Kul’­tura zu ver­danken, dass der Begriff der ‚Post­mo­derne’ in der bela­rus­si­sche Lite­ratur Fuß fasste. Leider gibt es die lite­ra­risch-phi­lo­so­phi­sche Bei­lage ZNO, die einmal im Monat mit dieser Zei­tung erschien, nicht mehr. Heute igno­riert die Zei­tung viele nicht­staat­liche lite­ra­ri­sche und künst­le­ri­sche Ereig­nisse, sie kon­zen­triert sich haupt­säch­lich auf offi­zi­elle Ver­an­stal­tungen. In der Zei­tung Zvjazda erscheinen von Zeit zu Zeit lite­ra­ri­sche Texte. Viktar Žybul’ ist es zu ver­danken, dass in den ver­gan­genen Jahren in der Zeit­schrift Rodnae slova fun­dierte lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Auf­sätze erschienen sind. Hin und wieder sind auch in der halb­le­galen Zei­tung Narod­naja Volja lite­ra­ri­sche Texte zu finden. Und schließ­lich gab es seit Mitte 2007 in der Zei­tung Novy Čas all­mo­nat­lich die Bei­lage Litara­tur­naja Belarus’. Nach dem jüngsten Gerichts­ver­fahren und den hohen Geld­strafen gegen die Zei­tung ist deren Zukunft jedoch ernst­haft bedroht.

Das Internet scheint momentan das ein­zige nicht kon­trol­lierte Medium für das freie Wort in einem auto­ri­tären und dik­ta­to­ri­schen Regime zu sein. So ist im bela­rus­si­schen Web eine Par­al­lel­welt ent­standen. Sie schafft ihre eigenen Helden, bringt ganze Kon­ti­nente und Pla­neten hervor. Die Mehr­heit der älteren Schrift­steller­ge­nera­tion steht dem Internet kri­tisch gegen­über und fürchtet, es schade der Ver­brei­tung des Buches. Das Gegen­teil ist der Fall. Die neuen Tech­no­lo­gien stärken die Rolle des Buches und des lite­ra­ri­schen Textes. Im Internet aktiv sind u.a. Adam Globus, Juras’ Bary­sevič, Sjarhej Kalenda, Michas’ Južyk, Al’herd Bach­arėvič (Alhierd Bach­arevič), Jaŭhen Lёsik, Vika Trėnas, Ales’ Arkuš, Sjarhej Sys, Ihar Babkoŭ, Hanna Kis­li­cyna, Aksana Bjazlep­kina, Sjarhej Bal­a­chonaŭ und Sjarhej Dubavec.

 

Ver­lage und Buchreihen
Obwohl die Zahl lite­ra­ri­scher Peri­odika sehr gering ist, erschien in Belarus in den ver­gan­genen beiden Jahren eine Reihe lite­ra­risch hoch­wer­tiger Texte. Man könnte von einem spe­zi­fisch bela­rus­si­schen Phä­nomen und Para­doxon spre­chen. Diese Texte erschienen, obwohl in den Staats­ver­lagen prak­tisch ein Verbot für alle Texte gilt, die nicht dem Modell des post­so­wje­ti­schen Rea­lismus ent­spre­chen oder von Autoren aus dem oppo­si­tio­nellen Ver­band bela­rus­si­scher Schrift­steller (SBP) stammen.

Und doch erschienen in der Reihe Dėbjut des Staats­ver­lags Mastackaja litara­tura einige Bücher, die beim Lese­pu­blikum auf Inter­esse stießen: Haloŭ­naja pamylka Afa­na­sija (Afa­na­sijs ent­schei­dender Fehler) von Juhasja Kal­jada, Vjasna ŭ karotkim palito (Früh­ling im kurzen Mantel) von Zmicer Arc­juch, Voh­ne­pa­k­lonnik (Feu­er­an­beter) von Janka Lajkoŭ, Daty (Daten) von Usevalad Haračka, Sonca za tėry­ko­nami (Die Sonne hinter den Halden) von Julija Novik u.a.

Die Mehr­heit bel­le­tris­ti­scher Werke auf hohem lite­ra­ri­schem Niveau erscheint jedoch in den pri­vaten Ver­lagen Loh­vinaǔ, Bela­ruski kni­hazbor, Medy­sont, Radyёla-pljus, Chodr und Hali­jafy. Und dabei darf nicht ver­gessen werden, dass die nicht­staat­li­chen Ver­lage, die sich auf bela­rus­sisch­spra­chige Lite­ratur spe­zia­li­siert haben, mit erschwerten Bedin­gungen zu kämpfen haben. Zumin­dest ist es ihnen kaum mög­lich, Bücher auf eigene Rech­nung her­aus­zu­geben, freie Mittel sind nie in aus­rei­chendem Maße vor­handen. Und die Ver­kaufs­zahlen sind gering, gefragt sind nur Bücher bekannter Autoren. Ein Verlag der etwa das Buch des jungen Autors Zmicer Pljan ins Pro­gramm nimmt, geht ein hohes Risiko ein. Nicht für sein Image, ver­steht sich, son­dern für seine Finanzen. Dabei haben es auch die jungen Autoren nicht leicht, sich zu ‚pro­moten’. In den letzten Jahren hat die Unsitte um sich gegriffen, öffent­liche Auf­tritte zu stören oder zu ver­hin­dern. Das Fern­sehen lädt nur Mit­glieder des ‚rich­tigen’, offi­zi­ellen Ver­bandes der Schrift­steller von Belarus (SPB) ein. Im staat­li­chen Rund­funk ver­hält es sich genauso. Und nicht selten sind die Bücher junger Autoren nicht Ergebnis wirt­schaft­li­chen Han­delns, son­dern reinen Mäze­na­ten­tums. Nicht wenige Schrift­steller ver­öf­fent­li­chen ihre Bücher  auf eigene Kosten. Denn es gibt in Belarus leider zu wenig Stif­tungen und Orga­ni­sa­tionen, die wil­lens und in der Lage wären, bela­rus­si­sche Ver­lags­pro­jekte zu unter­stützen … Und nicht zuletzt ist ein pri­vater Ver­leger gezwungen, Manu­skripte nicht nur auf ihren künst­le­ri­schen Gehalt hin kri­tisch zu prüfen, son­dern auch vom Stand­punkt der poli­ti­schen Sicher­heit aus – sonst droht ihm unter Umständen der Lizenzentzug.

Zu den span­nendsten und unge­wöhn­lichsten nicht­staat­li­chen Buch­reihen zählen Druhi front mastactvaŭ (die im Jahr 2000 von Freunden der lite­ra­ri­schen Bewe­gung Bum-Bam-Lit begründet wurde). Bei­spiel­haft seien genannt: Adljus­tra­vanni peršat­vora (Spie­ge­lungen des Urbildes) von Pjatro Vas­jučėnka, Rėkan­struk­cyja neba(Rekon­struk­tion des Him­mels) von Vol’ha Hapeeva (Volha Hapie­jeva), Pra­le­tars­kija pesni(Pro­le­ta­rier­lieder) von Usevalad Haračka , Mil’jard udaraŭ (Eine Mil­li­arde Schläge) von Jury Stan­kevič, Stom­leny d”jabal(Der erschöpfte Satan) von Sjarhej Kavalёŭ, Pomnik atručanym ljudzjam(Denkmal der ver­gif­teten Menschen)von Sjarhej Kalenda oder Nul(Null) von Illja Sin. Auch die bekannte Reihe Halerėja B (Kurator Ihar Babkoŭ), die mit ver­schie­denen Ver­lagen koope­riert, findet ihre Leser. Hier erschienen Šalёny ver­tah­radar (Der ver­rückte Gar­ten­hüter) von Michas’ Bajaryn, Cela i tėkst (Körper und Text) von Juras’ Bary­sevič u. a. In der Reihe Kniharnja Naša Nivawurden u. a. Sud na Kal­jady (Das Kal­jada-Gericht) von Ales’ Kudrycki, die Antho­logie weib­li­cher Erzähl­kunst Žančyny vychodzjac’ z‑pad kan­trolju (Die Frauen geraten außer Kon­trolle) und der Über­set­zungs­band Babilёns­kaja bibli­ja­tėka (Biblothek von Babel) ver­öf­fent­licht. Im Jahr 2006 wurde die Biblio­thek der Zeit­schrift Dze­jasloŭ ins Leben gerufen, in der u. a. Ver­šnik (Reiter) von Anatol’ Ivaščanka und Krušnja (Geröll) von Usevalad Sce­buraka erschienen.

 

Grup­pie­rungen und Einzelpersonen
In den 1990er Jahren ent­stand die lite­ra­ri­sche Bewe­gung Bum-Bam-Lit (BBL). Binnen kurzer Zeit wurde der Name zum geflü­gelten Wort, eine Zeit lang galt alles Unkon­ven­tio­nelle oder Unver­ständ­liche als ‚bumbamlit’. Mit den eigent­li­chen Anhän­gern dieser Bewe­gung sprang man erst recht nicht zim­per­lich um. Serž Mins­kevič schrieb dazu in einem Bei­trag für die Zeit­schrift Tėksty: „[…] im Laufe der zehn Jahre, die diese Bewe­gung exis­tierte, fanden sich in einigen Arti­keln und nicht­amt­li­chen Reden allerlei Epi­theta für Bum-Bam-Lit: amorph, prin­zi­pi­enlos, Aku­do­vičs Jungs, Bary­sevič und ‚die Seinen’, Bach­arėvič und Freunde, Višnëŭ und Co, Mins­kevič et al., Žybul’-Sippe …“

Heute kommt aller­dings den meisten Anhän­gern dieser Bewe­gung eine gewich­tige Rolle im lite­ra­ri­schen Leben von Belarus zu. Daher scheint die Gegen­these, die die junge Kri­ti­kerin Mar­ha­ryta Aljaš­kevič in ihrem Bei­trag zur deutsch-bela­rus­si­schen Antho­logie Front­linie 2 zum Schaffen der ehe­ma­ligen Bum-Bam-Lit-Ver­treter for­mu­liert, nicht unbe­gründet (von den sieben bela­rus­si­schen Autoren in dieser Antho­logie zählten nur Vera Burlak und Vol’ha Hapeeva nicht zu dieser Bewe­gung): „Die bela­rus­si­schen Autoren dieses Bandes haben sich ihren Platz in den 90er Jahren erobert, als sich in der bela­rus­si­schen Lite­ratur, die bisher vom ‚Kol­lek­ti­vismus’ geprägt war, end­gültig der Indi­vi­dua­lismus eta­bliert hatte. Den sieben Autoren geht es kei­nes­wegs allein um das vor­der­grün­dige Ein­schleusen bru­taler Themen oder das hef­tige Ver­werfen des bis dahin ‚gän­gigen’ lite­ra­ri­schen Kanons, viel­mehr sind sie auf der Suche nach einer indi­vi­du­ellen Aus­drucks­weise. Jeder stellt seine eigenen neuen Spiel­re­geln auf.“

Bemer­kens­wert war und ist die Ver­ei­ni­gung Freier Lite­raten (TVL), die wie BBL in den 1990er Jahren gegründet wurde. Sie gibt die Zeit­schrift Kalos’se heraus, die leider nur recht unre­gel­mäßig erscheint. In ihrer besten Zeit ver­öf­fent­liche die Ver­ei­ni­gung unzäh­lige schmale Bänd­chen in der Reihe Paė­zija novaj hener­acyi. Außerdem richtet die TVL von Zeit zu Zeit inter­na­tio­nale Semi­nare aus und ver­leiht jähr­lich den Hlin­jany Vjales für das beste Buch des Jahres. Auch die lite­ra­ri­sche Ver­ei­ni­gung Vulej muss erwähnt werden, sie gab eine Zeit lang die Samisdat-Zei­tung Soty heraus. Leider hat die Ver­ei­ni­gung sich bald wieder auf­ge­löst. Eine wei­tere Gruppe junger Schrift­steller hat sich um Andrėj Cha­d­a­novič gebildet. Diese ‚Szene’ nimmt regel­mäßig an Wet­te­werben für Nach­wuchs­schrift­steller teil, die u. a. von Cha­d­a­novič selbst betreut werden. Jedes Jahr ist der Wett­be­werb einem anderen Klas­siker der schönen Lite­ratur gewidmet: Ulad­zimir Karat­kevič, Natallja Arsen­neva, Petrarca.

Im Jahr 2001 machte die Gruppe SCHMERZWERK auf sich auf­merksam, in der sich radi­kale Künstler und Autoren zusam­men­getan hatten: Juras’ Bary­sevič, Val’žyna Mort, Vol’ha Hapeeva, Al’herd Bach­rėvič, Illja Sin, Zmicer Višnëŭ (Zmicier Vish­niou). Die Gruppe ver­öf­fent­lichte ihr Mani­fest in der Zeit­schrift pAR­Tisan und der bela­rus­sisch-deut­schen Antho­logie Front­linie (2003). Auf­ge­nommen werden konnte man nur bei hun­dert­pro­zen­tiger Zustim­mung aller Mit­glieder, daher blieb die Gruppe im Unter­schied zu BBL eher her­me­tisch. SCHMERZWERK richtet Fes­ti­vals und Kunst­ak­tionen aus, ver­öf­fent­licht Bücher und die Zeit­schrift Tėksty. Im neuen Jahr­tau­send machten die Mit­glieder der Lite­ratur- und Per­for­mance-Gruppe Jana-try-ёn (Adam Šostak, Juras’ Lenski, Vol’ha Raha­vaja) von sich reden. Sie haben ihr eigenes Mani­fest und treten bei diversen Aktionen und Festen auf. Ins­ge­samt ist fest­zu­stellen, dass sich krea­tive Kräfte häufig nicht nur um lite­ra­ri­sche Grup­pie­rungen sam­meln, son­dern auch um Zei­tungen und Zeit­schriften. Hier sind beson­ders Naša Niva und ARCHE zu nennen. Diese ver­fügen nicht nur über einen festen Stamm von Autoren, son­dern ver­su­chen auch, ihr Lite­ra­tur­kon­zept zu propagieren.

 

Fes­ti­vals, Kon­gresse, Semi­nare, Wettbewerbe
Zu den arri­vier­testen Fes­ti­vals zählt sicher das jähr­lich statt­fin­dende Ne-farmat, an dem neben Autoren auch Per­former, Künstler und Musiker betei­ligt sind. Über meh­rere Jahre hin fanden in Buch­hand­lungen einen Monat lang Lesungen unter dem Titel Druhi front mastactvaŭ statt. Unter dem Slogan Try dni treten Künstler auf, außerdem werden lite­ra­ri­sche Neu­erschei­nungen vorgestellt. Auch die Wan­der­fes­ti­vals Dzen’ mumi­fi­ka­tara und Ads­utnae bela­ruskae mastactva müssen hier erwähnt werden. Zum wie­der­holten Mal fand bereits das inter­na­tio­nale Lite­ra­tur­fes­tival Paradak sloŭ statt. Zu beachten ist dabei für alle oben auf­ge­zählten Akti­vi­täten: Sie gehen auf die Initia­tiven von Pri­vat­leuten zurück, häufig ist das Ver­an­stal­tungs­budget ver­schwin­dend gering (oder gar nicht vor­handen). Für Pres­ti­ge­pro­jekte wie Dažynki und  Sla­v­janski bazar ist aber immer Geld da. Das Budget für eine dieser staat­li­chen Fei­er­lich­keiten dürfte für die Aus­rich­tung von zwanzig (hoch­wer­tigen) nicht­staat­li­chen aus­rei­chen. Vieles, was staat­lich finan­ziert wird, ist leider von vorn­herein für die Teil­nahme aus­ge­wählter ‚rich­tiger Künstler’ reser­viert. Das sei eben Geschmacks­sache, mag da man­cher ein­wenden. Ein­ver­standen, aber Auf­gabe des Staates ist es doch, Kunst für ver­schie­dene Geschmä­cker zu för­dern. Für die erwähnten Ver­an­stal­tungen wird schließ­lich das Geld aller Steu­er­zahler eingesetzt.

 

Bela­rus­si­sche Lite­ratur im euro­päi­schen Kontext
Das Inter­esse der Euro­päer an der bela­rus­si­schen Gegen­warts­li­te­ratur hat in den ver­gan­genen zehn Jahren offen­sicht­lich zuge­nommen. Zahl­reiche Gemein­schafts­pro­duk­tionen sind ent­standen: die bela­rus­sisch-schwe­di­sche Antho­logie 4 + 4 + 4 (1999), die bela­rus­sisch-deut­schen Front­linie (2003) und Front­linie 2 (2007), die bela­rus­sisch-ukrai­ni­sche Suvja­z’razryŭ (2006). Antho­lo­gien bela­rus­si­scher Lyrik erscheinen in ver­schie­denen sla­wi­schen Spra­chen. Bela­rus­si­sche Schrift­steller werden bei inter­na­tio­nalen Fes­ti­vals aus­ge­zeichnet. So errang Val’žyna Mort 2005 beim slo­we­ni­schen Vile­nica Inter­na­tional Literary Fes­tival den ersten Platz. Im Jahr 2007 fand im tsche­chi­schen Brno ein Monat der bela­rus­si­schen Lite­ratur statt. Werke von Ales’ Razanaŭ, Barys Pja­trovič, Al’herd Bach­arėvič, Vol’ha Hapeeva, Viktar Žybul’, Juras’ Bary­sevič, Vera Burlak und zahl­rei­chen anderen Autoren liegen in guten Über­set­zungen in die unter­schied­lichsten Spra­chen vor. Zu Sowjet­zeiten erfuhr man von Werken bela­rus­si­scher Schrift­steller nur über die rus­si­sche Kultur; zunächst wurden die Autoren ins Rus­si­sche über­setzt, dann konnte auch noch die Über­set­zung in andere euro­päi­sche Spra­chen folgen. Mit dem Zer­fall der Sowjet­union hat sich die Situa­tion grund­le­gend gewan­delt; Über­set­zungen aus dem Bela­rus­si­schen ins Rus­si­sche gibt es nicht mehr (zumin­dest liegen bisher keine vor), damit wurde die Bel­le­tristik gewis­ser­maßen kon­ser­viert. Doch nun scheinen sich langsam Über­set­zer­schulen her­aus­zu­bilden, die aus dem Bela­rus­si­schen in andere euro­päi­sche Spra­chen über­setzen, vor allem ins Deut­sche und Schwe­di­sche … Viel­leicht wird den bedeu­tendsten Werken bela­rus­si­scher Schrift­steller mit der Zeit über diese Spra­chen inter­na­tio­nale Beach­tung zuteil.

 

Über­setzt aus dem Bela­rus­si­schen und für novinki kon­tex­tua­li­siert von Thomas Weiler.

 

Aljaš­kevič, Mar­ha­ryta: Eigene Spiel­re­geln. Aus dem Bela­rus­si­schen von Mar­tina Mro­chen. In: Volha Hapie­jeva et al. (Hg.): Front­linie 2. Deutsch-Bela­rus­si­sche Antho­logie. Minsk 2007, 101–121.
Kis­jalëŭ, Henadz’: Ad Čačota da Bahušė­viča. Minsk 2003.
Kis’­li­cyna, Hanna: Novaja litara­tur­naja situ­acyja. Zmena kul’­turnaj para­dygmy. Minsk 2006.
L‑kritika. Eže­godnik Aka­demii russkoj sov­re­mennoj slove­snosti. 2/2001.
Mins­kevič, Serž: Da pytan’nja far­malëgii Bum-Bam-Lita. In: Tėksty 3/2007, 143–147.
Šaŭl­ja­kova, Iryna: Rėstau­ra­cyja ščy­rasci. Minsk 2005.
Škraba, Iryna: Vary­jant­nasc’ u sučasnaj bela­ruskaj move. Minsk 2004.
Vas­jučėnka, Pjatro: Adljus­tra­vanni peršat­vora. Minsk 2004.
Višnëŭ, Zmicer: Aktu­elle lite­ra­ri­sche Ent­wick­lungs­ten­denzen in Belarus. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. In: Annus Alba­ru­the­nicus 2010. 227–238.
Višnëŭ, Zmicer: Ver­y­fi­ka­cyja nara­džėnnja. Minsk 2005.

 

Bela­rus­si­sche Lite­ratur auf Deutsch. Auswahlbibliografie
Bach­arevič, Alhierd: Die Elster auf dem Galgen. Roman. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Leipzig 2010. (im Erscheinen)
Bryl’, Janka: Vögel und Nester. Roman. Aus dem Bela­rus­si­schen von Hans-Joa­chim Grimm. Berlin 1968.
Bykau, Wassil: Aus­ge­wählte Novellen. Aus dem Bela­rus­si­schen und Rus­si­schen von Nor­bert Randow u.a. Leipzig 1978.
Bykau, Wassil: Die Schlinge. Aus dem Rus­si­schen von Thomas Reschke. Berlin 1972.
Hapie­jeva, Volha et al. (Hg.): Front­linie 2. Deutsch-bela­rus­si­sche Antho­logie. Minsk 2007.
Harecki, Maxim: Zwei Seelen. Aus dem Bela­rus­si­schen von Nor­bert Randow. Unver­öf­fent­lichtes Manuskript.
Karat­ke­witsch, Uladsimir: Land unter weißen Flü­geln. Aus dem Bela­rus­si­schen von Uladsimir Tsc­ha­peha. Minsk 1983.
Klinaŭ, Artur: Minsk. Son­nen­stadt der Träume. Aus dem Rus­si­schen von Volker Weichsel. Frank­furt a. M. 2006.
Kolas, Jakub: Mär­chen des Lebens. Aus dem Bela­rus­si­schen von Gun­dula Tsche­pego. Berlin 1988.
Kudrawez, Anatol: Toten­ge­denken. Aus dem Bela­rus­si­schen von Gun­dula und Wla­dimir Tsche­pego und Nor­bert Randow. Berlin 1983.
Lite­ratur aus Weiß­russ­land. In: Lich­tungen 108. 2006, 41–114.
Melesh, Iwan: Men­schen im Sumpf. Aus dem Bela­rus­si­schen von Henryk Bereska, Gun­dula und Wla­dimir Tsche­pego. Berlin 1974.
Mort, Valžyna: Trä­nen­fa­brik. Gedichte. Aus dem Bela­rus­si­schen von Katha­rina Nar­bu­tovič. Frank­furt a. M. 2009.
Nar­bu­tovič, Katha­rina; Mort, Valžyna: „Ich will leben, Leute …“. 12+1 Dichter aus Weiß­russ­land. In: die horen 228, 2007, 5–49.
Neue Texte aus Belarus. In: Ostra­ge­hege 46–2. 2007, 12–23.
Neu­reiter, Fer­di­nand: Weiß­rus­si­sche Antho­logie. Ein Lese­buch zur weiß­rus­si­schen Lite­ratur. Mün­chen 1983.
Randow, Nor­bert (Hg.): Die junge Eiche. Klas­si­sche belo­rus­si­sche Erzäh­lungen. Leipzig 1987.
Randow, Nor­bert (Hg.): Störche über den Sümpfen. Belo­rus­si­sche Erzähler. Berlin 1971.
Rasanaŭ, Ales: Das dritte Auge. Punk­tie­rungen. Aus dem Bela­rus­si­schen von Elke Erb. Basel u.a. 2007.
Rasanaŭ, Ales: Tanz mit den Schlangen. Gedicht­aus­wahl. Aus dem Bela­rus­si­schen von Elke Erb und Uladsimir Tsc­ha­peha. Berlin 2002.
Rasanaŭ, Ales: Zei­chen ver­ti­kaler Zeit. Poeme, Ver­setten, Punk­tie­rungen, Betrach­tungen. Aus dem Bela­rus­si­schen von Elke Erb. Berlin 1995.
Saka­loŭski, Ulad­zimir (Hg.): Bela­rus­si­sche Erzäh­lungen. Minsk 2000.
Scham­jakin, Iwan: Das Bekenntnis. Roman. Aus dem Bela­rus­si­schen von Hans-Joa­chim Grimm. Berlin 1972.
Vish­niou, Zmicier: Das Brenn­nes­sel­haus. Aus dem Bela­rus­si­schen von Mar­tina Jakobson. Unver­öf­fent­lichtes Manuskript.
Višneŭ, Źmicier (Hg.): Front­linie. Deut­sche und Bela­rus­si­sche Antho­logie. Minsk 2003.
Viš­nioŭ, Zmicier: Ich sitze im Koffer. Aus dem Bela­rus­si­schen von Elke Erb und André Böhm. Berlin 2006.

 

Wei­ter­füh­render Link:
http://www.lyrikline.org/index.php?id=59&L=0#be [Bela­rus­si­sche Gegenwartslyrik]

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