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Zwischen Traum und Rausch – Erzählungen aus der Tiefe der Imagination

Posted on 3. November 2006 by Benjamin Voelkel
De profundis ist der Titel, unter dem 12 Erzählungen Viktor Erofeevs in deutscher Übersetzung erschienen sind. Die von Erofeev selbst ausgewählten Erzählungen wurden für den Band neu zusammen- gestellt.

De profundis ist der Titel, unter dem zwölf Erzählungen Viktor Erofeevs in deutscher Übersetzung erschienen sind. Die von Erofeev selbst ausgewählten Erzählungen wurden für den Band neu zusammengestellt. Der  Großteil von ihnen entstammt dem 2002 erschienenen Erzählband Pupok. Rasskazy krasnogo červjaka (Der Bauchnabel. Erzählungen des roten Wurms), jeweils eine Erzählung der Anthologie Russkie cvety zla (Die russischen Blumen des Bösen, Moskau 1998) sowie Šarovaja molnija. Malen’kie ėsse (Kugelblitz. Kleine Essays, Moskau 2002). Die Erzählung Mütter und Töchter wird das erste Mal veröffentlicht.

Erofeev ist auf dem deutschen Buchmarkt längst nicht mehr unbekannt. Auf Deutsch sind bislang vier Romane von ihm erschienen: Die Moskauer Schönheit (1993), Das jüngste Gericht (1997), Fluß (1998) und Der gute Stalin (2004). De profundis ist nach Leben mit einem Idioten (1991), diese Erzählung wurde sogar als Oper des deutsch-russischen Pianisten und Komponisten Alfred Schnittke aufgeführt, der zweite Erzählband, der in Übersetzung verlegt wird. Außerdem sind zwei Essaybände Erofeevs zugänglich, Im Labyrinth der verfluchten Fragen (1993) und Männer: ein Nachruf (2000). Die Übersetzung der Erzählungen hat auch dieses Mal Beate Rausch besorgt, mit der Erofeev schon seit 1991 zusammenarbeitet. Seither hat sie alle Übersetzungen seiner auf Deutsch veröffentlichten Werke angefertigt. Und das nicht ohne Grund. Sie versteht es, den von poetisch bis frivol geschmacklos changierenden Tonfall der Erzählungen im Deutschen wiederzugeben und ihren provokanten Charakter zu erhalten.

 

Teaserbild-ErofeevDe profundisaus der Tiefe – lautet der Titel des Erzählbandes, der sich damit auf Psalm 130 des Alten Testaments bezieht. Im Wallfahrtslied der Bibel ist es ein Ruf aus der Tiefe nach Vergebung der begangenen Sünden. Wofür, fragt man sich, wird hier um Vergebung gebeten, und wer bittet wen?
Nach Erofeevs eigener Darstellung auf dem 6. Internationalen Literaturfestival in Berlin, sind die zwölf Erzählungen in De profundis einem  Laboratorium vergleichbar, einem Versuchsfeld, auf dem die unterschiedlichsten Texte zusammengekommen sind. Das stimmt insofern, als dass Schauplätze, Personen und der Zeitpunkt der geschilderten Handlungen von Erzählung zu Erzählung wechseln, was in einem Erzählband allerdings keine Besonderheit darstellt. Es trifft auch auf die Struktur der Texte zu, die sich durchaus deutlich von einander unterscheidet. Meistens jedoch trifft man auf einen Ich-Erzähler, der seine Gedanken frei schweifen lässt, was sich auf der Ebene des Textes in scheinbar zusammenhangslosen Aneinanderreihungen von Themen und einer aufzählenden oder seriellen Struktur widerspiegelt. Man gewinnt den Eindruck, dass die Erzählungen sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit zu einem gewissen Grad durch etwas ähneln: durch ihre Surrealität und Skurrilität. Die Skurrilität wird vor allem durch die irritierende Struktur der Erzählungen hervorgerufen. Auffällig ist jedoch auch ihre Thematik. Ähnlich wie in Leben mit einem Idioten oder Die Moskauer Schönheit findet sich in den Erzählungen neben den Schilderungen sexueller Phantasien und Vorlieben eine teilweise stark sexualisierte Sprache. Als Metaphern zu verstehende Formulierungen wie „deine kindliche Fotze“ verleihen den Texten jedoch keinen erotischen, sondern eher einen plumpen Charakter.

Waren die russischen Buchcover der bei Zebra E in Moskau verlegten Bände Šarovaja molnija und Pupok noch durch plakative Umschlaggestaltungen wie eine barbusige Frau mit Laserkanone oder einen schamhaarunterlegten Bauchnabel gekennzeichnet, fällt die deutsche Ausgabe des Berlin Verlags wesentlich zurückhaltender aus. Die Erzählungen dagegen haben dank der detailgetreuen Übersetzung ihren Charakter behalten. Nicht selten bewegen sie sich an der Grenze zum Traum oder zum Rausch.

 

Vom Traum zum Rausch

Die titelgebende Erzählung De profundis beginnt mit eingehenden Betrachtungen der Stadtpläne Moskaus und dem Plädoyer an einen unbekannten Adressaten, die Stadt besser kennen zu lernen und sich durch eigene Beobachtungen anzueignen. Sie wechselt jedoch schnell in einen konkreten Erzählstrang, die Erlebnisse eines Bewohners der Stadt. Eben jener wird durch die Laune eines Taxifahrers und eine unvorhersehbare Reifenpanne in eine unbekannte Gegend verschlagen, die in ihrer Wunderlichkeit an die Bilder eines Traums erinnert. „Es gibt in unserer Stadt so etwas wie vergessene Stadtteile mit heruntergekommenen, halb tot aussehenden Häusern, die nichtsdestoweniger reichlich bevölkert sind. Was das für Bewohner sind, welcher Art ihre Tätigkeiten, ist schwer zu sagen; ich verkehre nicht in solchen Häusern. Allerdings ist mir bekannt, dass sich in den Treppenhäusern Jahre alte Gerüche halten und über dem ganzen Gebiet eine unbeschädigt gebliebene, von einer wunderlichen Feuerspitze gekrönte Feuerwarte thront.“ Die Entdeckungsreise des nun zu Fuß die Stadt erkundenden Ich-Erzählers führt ihn an den Auslagen im Schaufenster eines Bestattungsinstituts vorbei, in welchem zwei täuschend echt aussehende Kinderpuppen in Holzsärgen um Kundschaft werben. Seine Stimmung beim  Beobachtung dieser regelrecht fleischlichen „Todespropaganda“ verändert sich in dem Moment, als sich der Erzähler seinen Voyeurismus an den Puppen eingesteht und ihm die fehlende Moral des Beobachteten wie seines eigenen Beobachtens zu schaffen macht. Gleichzeitig kann er sich jedoch nicht von seiner „Leidenschaft“ freimachen und wertet seinen Voyerismus positiv als „Charaktermerkmal der schöpferischen Persönlichkeit“ auf. Auf der Straße begegnet ihm kurz darauf eine wirkliche Tote, und hier schlägt der Traum zum Albtraum um. In eine Wolldecke gewickelt trägt eine Mutter ihre verstorbene Tochter, der jede Ähnlichkeit mit den bezaubernden Kinderpuppen im Schaufenster fehlt, durch die herbstlichen Straßen. Verlorene Nerven, offene Angst und eine atemlose Flucht sind seine Reaktion. Trotz seines Schrecks findet der Erzähler zu seiner ursprünglichen Forderung zurück und resümiert: „Die Stadt ist im Großen und Ganzen sauber und adrett. Es wäre schön, den Kindern doch noch das Spazierengehen beizubringen. Sonst tun sie das nicht. Das ist nicht gut. Darum wirken Touristen in den Straßen unserer Stadt ja auch so bizarr.“

In der Erzählung Der Bauchnabel ist der Ich-Erzähler ein Reisender, zu Gast in Tibet, der zutiefst davon überzeugt ist, in einen Gully gefallen zu sein und dabei eine rätselhafte Krankheit davongetragen zu haben. Die Erzählung handelt von seinem Aufenthalt in Tibet und seiner Krankheit – wie er sie wahrnimmt. Dass die ihn umgebenden Personen ständig von Höhenkrankheit und Blausucht sprechen, ist für ihn nicht mehr als eine von vielen unverständlichen Belästigungen. Für den Leser dagegen ist der Hinweis durchaus hilfreich, lässt er doch das poetische Konzept nicht nur dieser Erzählung erahnen. Brüche und Diskontinuitäten in Gegenstand und Struktur der Erzählungen sind nicht bloß willkürliches ästhetisches Moment sondern entsprechen der Wahrnehmungsperspektive eines Erzählers, in anderen Erzählungen dem Charakteristikum eines Ortes oder dem Verhaltenscodex bestimmter Menschen. Im Falle des Reisenden in Tibet ist die Form der Erzählung jedenfalls symptomatisch, hervorgerufen durch die Höhenkrankheit. Eine verminderte Sauerstoffsättigung des Blutes führt zu rauschhaften Wahrnehmungszuständen und Bewusstseinsstörungen, die sich in den alogischen Zusammenhängen und ins leere laufenden Gesprächen des Textes widerspiegeln: „Einer feindlichen Luftlandetruppe dürfte es nicht leicht fallen, die Stadt von den Chinesen zu befreien. Wenn sich tierische Laute der Kehle entringen, wenn unten der Urin herausläuft und nachts die Körpertemperatur sinkt, dann bedeutet dass, ich werde im nächsten Leben ein Tier sein. Eine Seilwinde beförderte mich unter dem einmütigen Gelächter der tibetischen Verkäufer und Verkäuferinnen von Silbersachen an die Erdoberfläche – sie hatten allen Grund zur Belustigung.
‚Mit welcher Absicht sind sie nach Tibet gekommen?’
‚Um die Wahrheit zu schreiben. Die Wahrheit aber ist, das einzige tibetische Wort, das ich gelernt habe, ist Momo, was auf Russisch Pelmeni bedeutet.’
‚Haben Sie Momo mit Yakfleisch probiert?’
‚Woher können Sie Russisch?’
‚Sie sind der erste Russe, dem ich bisher in meinem Leben begegnet bin.’"

Ähnlich sprunghaft und fragmentarisch ist auch die Erzählung Die Macht des Richtplatzes. Die Erzählung setzt sich aus Kindheitserinnerungen eines männlichen Ich-Erzählers, den Beziehungskonstellationen zweier bisexueller Künstlerinnen und verschiedensten Gedanken über Moskau zusammen, die Absatz für Absatz durcheinander gewürfelt sind. Während in der russischen Ausgabe der Erzählung von 1998 jeder Absatz mit einer Jahreszahl von 1947 bis 1996 eingeleitet wird, fehlt diese Gliederung in der deutschen Ausgabe gänzlich. Der Eindruck einer scheinbar unmotivierten Kombination von Textfragmenten wird dadurch um einiges verstärkt. In De profundis finden sich jedoch auch realistischere Texte. In einem Gespräch zwischen Zugreisenden in der Erzählung Im Vorbeifahren, ist die Desorientierung so wohldosiert eingesetzt, dass sie gerade noch nicht die Wirklichkeitsillusion des Lesers stört, wohl aber das Gespräch der Reisenden charakterisiert. Die Menschen reden zwar miteinander, viel stärker jedoch reden sie an einander vorbei, wobei es Erofeev gelingt, die Situationskomik eines Gesprächs einzufangen, das durch skurrile Wiederholungen und ein dominantes Mitteilungsbedürfnis der vier Reisenden im gleichen Zugabteil geprägt ist.

 

Moskau und russischer Alltag – ein fiktionaler Bericht

„Für mich ist nicht die Stadt an sich wichtig“, lässt Erofeev die Protagonistin in der  Erzählung Mütter und Töchtersagen, „sondern die Leute um mich rum. Und weil alle Leute, die ich mag, in Moskau leben, verändert sich für mich die Stadt, je nachdem, was gerade passiert.“ Es ist auch ein Bild Moskaus, das Erofeev in seinen Erzählungen als Versatzstück aus den Bildern verschiedenster Menschen entwirft. Doch besteht kein Zweifel daran, dass es sich um fiktionale Texte handelt. Also weder um einen Bericht über das alltägliche russische Leben, noch über eine wie auch immer geartete „russische Seele“, als was die Erzählungen im Klappentext des Buches vom Verlag angepriesen werden. Es ist, als ob Erofeev dies hätte voraussehen können. So heißt es in Die Macht des Richtplatzes, dem Leser mit dem Zaunpfahl winkend: „Moscou, au contraire, a grand besoin de vous pour aquérire quelque réalité. Son seul architecte, c’est vous, même si vous n’êtes pas un professionnel!“ So sind und bleiben Erofeevs Erzählungen auf Provokation ausgerichtete ästhetische Texte, deren zweiter, nicht minder wichtiger Architekt im Leser und seiner Imagination zu suchen ist, welcher sich aus einem wirren Sammelsurium an Eindrücken sein Bild zusammenklauben muss.

Am treffendsten lässt sich wohl Erofeev selbst in seiner Zweideutigkeit paraphrasieren: Es wäre schön, den Lesern doch noch das Imaginieren beizubringen. Sonst tun sie das nicht. Das ist nicht gut. Darum wirken Erofeevs Texte ja auch so bizarr.

 

Erofeev, Viktor: De profundis. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 2006.
Erofeev, Viktor: Sila lobnogo mesta. In: Erofeev, Viktor (Hg.): Russkie cvety zla. Izdatel’skij Dom Podkova. Moskva 1998, S. 471-485.
Erofeev, Viktor: Pupok. Rasskazy krasnogo červjaka. Zebra E. Moskva 2002.
Erofeev, Viktor: Šarovaja molnija. Malen’kie ėsse. Zebra E. Moskva 2002.
Erofeev, Viktor: Leben mit einem Idioten: Erzählungen. Aus dem Russischen von Beate Rausch und Rüdiger Wehling-Raspé. S. Fischer. Frankfurt am Main 1991.
Erofeev, Viktor: Die Moskauer Schönheit. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1993.
Erofeev, Viktor: Im Labyrinth der verfluchten Fragen: Essays. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Fischer. Frankfurt am Main 1993.
Eroveef, Viktor: Schenkas Thesaurus. In: Erofeev, Viktor (Hg.): Tigerliebe. Russische Erzähler am Ende des 20. Jahrhunderts. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 1995, S. 321-343.
Erofeev, Viktor: Das jüngste Gericht. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 1997.
Erofeev, Viktor: Fluß. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Aufbau Verlag. Berlin 1998.
Erofeev, Viktor: Männer: ein Nachruf. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2000.
Erofeev, Viktor: Der gute Stalin. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 2004.

Zwischen Traum und Rausch – Erzählungen aus der Tiefe der Imagination – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Zwi­schen Traum und Rausch – Erzäh­lungen aus der Tiefe der Imagination

De pro­fundis ist der Titel, unter dem zwölf Erzäh­lungen Viktor Ero­feevs [Viktor Jer­o­fejew] in deut­scher Über­set­zung erschienen sind. Die von Ero­feev selbst aus­ge­wählten Erzäh­lungen wurden für den Band neu zusam­men­ge­stellt. Der  Groß­teil von ihnen ent­stammt dem 2002 erschie­nenen Erzähl­band Pupok. Rass­kazy kras­nogo čer­v­jaka (Der Bauch­nabel. Erzäh­lungen des roten Wurms), jeweils eine Erzäh­lung der Antho­logie Russkie cvety zla (Die rus­si­schen Blumen des Bösen, Moskau 1998) sowie Šaro­vaja mol­nija. Malen’kie ėsse (Kugel­blitz. Kleine Essays, Moskau 2002). Die Erzäh­lung Mütter und Töchter wird das erste Mal veröffentlicht.

Ero­feev ist auf dem deut­schen Buch­markt längst nicht mehr unbe­kannt. Auf Deutsch sind bis­lang vier Romane von ihm erschienen: Die Mos­kauer Schön­heit (1993), Das jüngste Gericht (1997), Fluß (1998) und Der gute Stalin (2004). De pro­fundis ist nach Leben mit einem Idioten (1991), diese Erzäh­lung wurde sogar als Oper des deutsch-rus­si­schen Pia­nisten und Kom­po­nisten Alfred Schnittke auf­ge­führt, der zweite Erzähl­band, der in Über­set­zung ver­legt wird. Außerdem sind zwei Essay­bände Ero­feevs zugäng­lich, Im Laby­rinth der ver­fluchten Fragen (1993) und Männer: ein Nachruf (2000). Die Über­set­zung der Erzäh­lungen hat auch dieses Mal Beate Rausch besorgt, mit der Ero­feev schon seit 1991 zusam­men­ar­beitet. Seither hat sie alle Über­set­zungen seiner auf Deutsch ver­öf­fent­lichten Werke ange­fer­tigt. Und das nicht ohne Grund. Sie ver­steht es, den von poe­tisch bis frivol geschmacklos chan­gie­renden Ton­fall der Erzäh­lungen im Deut­schen wie­der­zu­geben und ihren pro­vo­kanten Cha­rakter zu erhalten.

 

Teaserbild-Erofeev

De pro­fundisaus der Tiefe – lautet der Titel des Erzähl­bandes, der sich damit auf Psalm 130 des Alten Tes­ta­ments bezieht. Im Wall­fahrts­lied der Bibel ist es ein Ruf aus der Tiefe nach Ver­ge­bung der began­genen Sünden. Wofür, fragt man sich, wird hier um Ver­ge­bung gebeten, und wer bittet wen?
Nach Ero­feevs eigener Dar­stel­lung auf dem 6. Inter­na­tio­nalen Lite­ra­tur­fes­tival in Berlin, sind die zwölf Erzäh­lungen in De pro­fundis einem  Labo­ra­to­rium ver­gleichbar, einem Ver­suchs­feld, auf dem die unter­schied­lichsten Texte zusam­men­ge­kommen sind. Das stimmt inso­fern, als dass Schau­plätze, Per­sonen und der Zeit­punkt der geschil­derten Hand­lungen von Erzäh­lung zu Erzäh­lung wech­seln, was in einem Erzähl­band aller­dings keine Beson­der­heit dar­stellt. Es trifft auch auf die Struktur der Texte zu, die sich durchaus deut­lich von ein­ander unter­scheidet. Meis­tens jedoch trifft man auf einen Ich-Erzähler, der seine Gedanken frei schweifen lässt, was sich auf der Ebene des Textes in scheinbar zusam­men­hangs­losen Anein­an­der­rei­hungen von Themen und einer auf­zäh­lenden oder seri­ellen Struktur wider­spie­gelt. Man gewinnt den Ein­druck, dass die Erzäh­lungen sich trotz ihrer Unter­schied­lich­keit zu einem gewissen Grad durch etwas ähneln: durch ihre Sur­rea­lität und Skur­ri­lität. Die Skur­ri­lität wird vor allem durch die irri­tie­rende Struktur der Erzäh­lungen her­vor­ge­rufen. Auf­fällig ist jedoch auch ihre The­matik. Ähn­lich wie in Leben mit einem Idioten oder Die Mos­kauer Schön­heit findet sich in den Erzäh­lungen neben den Schil­de­rungen sexu­eller Phan­ta­sien und Vor­lieben eine teil­weise stark sexua­li­sierte Sprache. Als Meta­phern zu ver­ste­hende For­mu­lie­rungen wie „deine kind­liche Fotze“ ver­leihen den Texten jedoch keinen ero­ti­schen, son­dern eher einen plumpen Charakter.

Waren die rus­si­schen Buch­cover der bei Zebra E in Moskau ver­legten Bände Šaro­vaja mol­nija und Pupok noch durch pla­ka­tive Umschlag­ge­stal­tungen wie eine bar­bu­sige Frau mit Laser­ka­none oder einen scham­haar­un­ter­legten Bauch­nabel gekenn­zeichnet, fällt die deut­sche Aus­gabe des Berlin Ver­lags wesent­lich zurück­hal­tender aus. Die Erzäh­lungen dagegen haben dank der detail­ge­treuen Über­set­zung ihren Cha­rakter behalten. Nicht selten bewegen sie sich an der Grenze zum Traum oder zum Rausch.

 

Vom Traum zum Rausch

Die titel­ge­bende Erzäh­lung De pro­fundis beginnt mit ein­ge­henden Betrach­tungen der Stadt­pläne Mos­kaus und dem Plä­doyer an einen unbe­kannten Adres­saten, die Stadt besser kennen zu lernen und sich durch eigene Beob­ach­tungen anzu­eignen. Sie wech­selt jedoch schnell in einen kon­kreten Erzähl­strang, die Erleb­nisse eines Bewoh­ners der Stadt. Eben jener wird durch die Laune eines Taxi­fah­rers und eine unvor­her­seh­bare Rei­fen­panne in eine unbe­kannte Gegend ver­schlagen, die in ihrer Wun­der­lich­keit an die Bilder eines Traums erin­nert. „Es gibt in unserer Stadt so etwas wie ver­ges­sene Stadt­teile mit her­un­ter­ge­kom­menen, halb tot aus­se­henden Häu­sern, die nichts­des­to­we­niger reich­lich bevöl­kert sind. Was das für Bewohner sind, wel­cher Art ihre Tätig­keiten, ist schwer zu sagen; ich ver­kehre nicht in sol­chen Häu­sern. Aller­dings ist mir bekannt, dass sich in den Trep­pen­häu­sern Jahre alte Gerüche halten und über dem ganzen Gebiet eine unbe­schä­digt geblie­bene, von einer wun­der­li­chen Feu­er­spitze gekrönte Feu­er­warte thront.“ Die Ent­de­ckungs­reise des nun zu Fuß die Stadt erkun­denden Ich-Erzäh­lers führt ihn an den Aus­lagen im Schau­fenster eines Bestat­tungs­in­sti­tuts vorbei, in wel­chem zwei täu­schend echt aus­se­hende Kin­der­puppen in Holz­särgen um Kund­schaft werben. Seine Stim­mung beim  Beob­ach­tung dieser regel­recht fleisch­li­chen „Todes­pro­pa­ganda“ ver­än­dert sich in dem Moment, als sich der Erzähler seinen Voy­eu­rismus an den Puppen ein­ge­steht und ihm die feh­lende Moral des Beob­ach­teten wie seines eigenen Beob­ach­tens zu schaffen macht. Gleich­zeitig kann er sich jedoch nicht von seiner „Lei­den­schaft“ frei­ma­chen und wertet seinen Voye­rismus positiv als „Cha­rak­ter­merkmal der schöp­fe­ri­schen Per­sön­lich­keit“ auf. Auf der Straße begegnet ihm kurz darauf eine wirk­liche Tote, und hier schlägt der Traum zum Alb­traum um. In eine Woll­decke gewi­ckelt trägt eine Mutter ihre ver­stor­bene Tochter, der jede Ähn­lich­keit mit den bezau­bernden Kin­der­puppen im Schau­fenster fehlt, durch die herbst­li­chen Straßen. Ver­lo­rene Nerven, offene Angst und eine atem­lose Flucht sind seine Reak­tion. Trotz seines Schrecks findet der Erzähler zu seiner ursprüng­li­chen For­de­rung zurück und resü­miert: „Die Stadt ist im Großen und Ganzen sauber und adrett. Es wäre schön, den Kin­dern doch noch das Spa­zie­ren­gehen bei­zu­bringen. Sonst tun sie das nicht. Das ist nicht gut. Darum wirken Tou­risten in den Straßen unserer Stadt ja auch so bizarr.“

In der Erzäh­lung Der Bauch­nabel ist der Ich-Erzähler ein Rei­sender, zu Gast in Tibet, der zutiefst davon über­zeugt ist, in einen Gully gefallen zu sein und dabei eine rät­sel­hafte Krank­heit davon­ge­tragen zu haben. Die Erzäh­lung han­delt von seinem Auf­ent­halt in Tibet und seiner Krank­heit – wie er sie wahr­nimmt. Dass die ihn umge­benden Per­sonen ständig von Höhen­krank­heit und Blau­sucht spre­chen, ist für ihn nicht mehr als eine von vielen unver­ständ­li­chen Beläs­ti­gungen. Für den Leser dagegen ist der Hin­weis durchaus hilf­reich, lässt er doch das poe­ti­sche Kon­zept nicht nur dieser Erzäh­lung erahnen. Brüche und Dis­kon­ti­nui­täten in Gegen­stand und Struktur der Erzäh­lungen sind nicht bloß will­kür­li­ches ästhe­ti­sches Moment son­dern ent­spre­chen der Wahr­neh­mungs­per­spek­tive eines Erzäh­lers, in anderen Erzäh­lungen dem Cha­rak­te­ris­tikum eines Ortes oder dem Ver­hal­tens­codex bestimmter Men­schen. Im Falle des Rei­senden in Tibet ist die Form der Erzäh­lung jeden­falls sym­pto­ma­tisch, her­vor­ge­rufen durch die Höhen­krank­heit. Eine ver­min­derte Sauer­stoff­sät­ti­gung des Blutes führt zu rausch­haften Wahr­neh­mungs­zu­ständen und Bewusst­seins­stö­rungen, die sich in den alo­gi­schen Zusam­men­hängen und ins leere lau­fenden Gesprä­chen des Textes wider­spie­geln: „Einer feind­li­chen Luft­lan­de­truppe dürfte es nicht leicht fallen, die Stadt von den Chi­nesen zu befreien. Wenn sich tie­ri­sche Laute der Kehle ent­ringen, wenn unten der Urin her­aus­läuft und nachts die Kör­per­tem­pe­ratur sinkt, dann bedeutet dass, ich werde im nächsten Leben ein Tier sein. Eine Seil­winde beför­derte mich unter dem ein­mü­tigen Gelächter der tibe­ti­schen Ver­käufer und Ver­käu­fe­rinnen von Sil­ber­sa­chen an die Erd­ober­fläche – sie hatten allen Grund zur Belustigung.
‚Mit wel­cher Absicht sind sie nach Tibet gekommen?’
‚Um die Wahr­heit zu schreiben. Die Wahr­heit aber ist, das ein­zige tibe­ti­sche Wort, das ich gelernt habe, ist Momo, was auf Rus­sisch Pel­meni bedeutet.’
‚Haben Sie Momo mit Yak­fleisch probiert?’
‚Woher können Sie Russisch?’
‚Sie sind der erste Russe, dem ich bisher in meinem Leben begegnet bin.’”

Ähn­lich sprung­haft und frag­men­ta­risch ist auch die Erzäh­lung Die Macht des Richt­platzes. Die Erzäh­lung setzt sich aus Kind­heits­er­in­ne­rungen eines männ­li­chen Ich-Erzäh­lers, den Bezie­hungs­kon­stel­la­tionen zweier bise­xu­eller Künst­le­rinnen und ver­schie­densten Gedanken über Moskau zusammen, die Absatz für Absatz durch­ein­ander gewür­felt sind. Wäh­rend in der rus­si­schen Aus­gabe der Erzäh­lung von 1998 jeder Absatz mit einer Jah­res­zahl von 1947 bis 1996 ein­ge­leitet wird, fehlt diese Glie­de­rung in der deut­schen Aus­gabe gänz­lich. Der Ein­druck einer scheinbar unmo­ti­vierten Kom­bi­na­tion von Text­frag­menten wird dadurch um einiges ver­stärkt. In De pro­fundis finden sich jedoch auch rea­lis­ti­schere Texte. In einem Gespräch zwi­schen Zug­rei­senden in der Erzäh­lung Im Vor­bei­fahren, ist die Des­ori­en­tie­rung so wohl­do­siert ein­ge­setzt, dass sie gerade noch nicht die Wirk­lich­keits­il­lu­sion des Lesers stört, wohl aber das Gespräch der Rei­senden cha­rak­te­ri­siert. Die Men­schen reden zwar mit­ein­ander, viel stärker jedoch reden sie an ein­ander vorbei, wobei es Ero­feev gelingt, die Situa­ti­ons­komik eines Gesprächs ein­zu­fangen, das durch skur­rile Wie­der­ho­lungen und ein domi­nantes Mit­tei­lungs­be­dürfnis der vier Rei­senden im glei­chen Zug­ab­teil geprägt ist.

 

Moskau und rus­si­scher Alltag – ein fik­tio­naler Bericht

„Für mich ist nicht die Stadt an sich wichtig“, lässt Ero­feev die Prot­ago­nistin in der  Erzäh­lung Mütter und Töchtersagen, „son­dern die Leute um mich rum. Und weil alle Leute, die ich mag, in Moskau leben, ver­än­dert sich für mich die Stadt, je nachdem, was gerade pas­siert.“ Es ist auch ein Bild Mos­kaus, das Ero­feev in seinen Erzäh­lungen als Ver­satz­stück aus den Bil­dern ver­schie­denster Men­schen ent­wirft. Doch besteht kein Zweifel daran, dass es sich um fik­tio­nale Texte han­delt. Also weder um einen Bericht über das all­täg­liche rus­si­sche Leben, noch über eine wie auch immer gear­tete „rus­si­sche Seele“, als was die Erzäh­lungen im Klap­pen­text des Buches vom Verlag ange­priesen werden. Es ist, als ob Ero­feev dies hätte vor­aus­sehen können. So heißt es in Die Macht des Richt­platzes, dem Leser mit dem Zaun­pfahl win­kend: „Moscou, au con­tr­aire, a grand besoin de vous pour aquérire quelque réa­lité. Son seul archi­tecte, c’est vous, même si vous n’êtes pas un pro­fes­si­onnel!“ So sind und bleiben Ero­feevs Erzäh­lungen auf Pro­vo­ka­tion aus­ge­rich­tete ästhe­ti­sche Texte, deren zweiter, nicht minder wich­tiger Archi­tekt im Leser und seiner Ima­gi­na­tion zu suchen ist, wel­cher sich aus einem wirren Sam­mel­su­rium an Ein­drü­cken sein Bild zusam­men­klauben muss.

Am tref­fendsten lässt sich wohl Ero­feev selbst in seiner Zwei­deu­tig­keit para­phra­sieren: Es wäre schön, den Lesern doch noch das Ima­gi­nieren bei­zu­bringen. Sonst tun sie das nicht. Das ist nicht gut. Darum wirken Ero­feevs Texte ja auch so bizarr.

 

Ero­feev, Viktor: De pro­fundis. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 2006.
Ero­feev, Viktor: Sila lob­nogo mesta. In: Ero­feev, Viktor (Hg.): Russkie cvety zla. Izdatel’skij Dom Pod­kova. Moskva 1998, S. 471–485.
Ero­feev, Viktor: Pupok. Rass­kazy kras­nogo čer­v­jaka. Zebra E. Moskva 2002.
Ero­feev, Viktor: Šaro­vaja mol­nija. Malen’kie ėsse. Zebra E. Moskva 2002.
Ero­feev, Viktor: Leben mit einem Idioten: Erzäh­lungen. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch und Rüdiger Weh­ling-Raspé. S. Fischer. Frank­furt am Main 1991.
Ero­feev, Viktor: Die Mos­kauer Schön­heit. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Fischer Taschen­buch Verlag. Frank­furt am Main 1993.
Ero­feev, Viktor: Im Laby­rinth der ver­fluchten Fragen: Essays. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Fischer. Frank­furt am Main 1993.
Eroveef, Viktor: Schenkas The­saurus. In: Ero­feev, Viktor (Hg.): Tiger­liebe. Rus­si­sche Erzähler am Ende des 20. Jahr­hun­derts. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 1995, S. 321–343.
Ero­feev, Viktor: Das jüngste Gericht. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 1997.
Ero­feev, Viktor: Fluß. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Aufbau Verlag. Berlin 1998.
Ero­feev, Viktor: Männer: ein Nachruf. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Kie­pen­heuer & Witsch. Köln 2000.
Ero­feev, Viktor: Der gute Stalin. Aus dem Rus­si­schen von Beate Rausch. Berlin Verlag. Berlin 2004.