Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Müll und Men­schen

Im Film Trash on Mars (dt. Müll auf dem Mars) finan­ziert ein dick­lich tsche­chi­scher Unter­nehmer eine absurde Expe­di­tion ins Weltall, um seine Lieb­ha­berin zu hei­raten. Bei der Wahl des Rei­se­ziels hatte er „Mars“ ver­standen, wäh­rend sie eigent­lich von „Mar­seilles“ sprach. Doch das hält die beiden nicht auf: Sie begeben sich auf die Reise, und mit ihnen ein buntes und aben­teu­er­li­ches ‚Forscher_innenteam‘. Am Ende wird es aber für das Grüpp­chen weder um For­schung noch um Team­fä­hig­keit gehen.

 

Ben­jamin Tuček ver­legt die Hand­lung seines Films in eine unbe­stimmte Zukunft, in der bereits mehr oder weniger geschei­terte Ver­suche, Men­schen auf dem Mars anzu­sie­deln, statt­ge­funden haben. Die Protagonist_innen sind die zweite Welle, die Nachfolger_innen, die gebro­chenen ‚Söhne‘ der ehe­ma­ligen Genies. Sie gehören alle zur selben Genera­tion, stellen sich aber als sehr unter­schied­lich heraus und ver­folgen ver­schie­dene Ziele. Die Figuren sind zugleich ste­reo­ty­pi­sche Pro­to­typen: Sie rei­chen von Wendy, einer dyna­mi­schen Yoga­leh­rerin, über eine frag­wür­dige Psy­cho­login und einen jungen Leader mit einem über­wäl­ti­genden Ödi­pus­kom­plex, bis zu einem ambi­tiösen Geek; jede_r stellt ein Stück Mensch­heit dar.

 

Trash on Mars ist keine lineare Geschichte im klas­si­schen Sinne, son­dern funk­tio­niert viel­mehr als Abfolge von Epi­soden. Der Film wirkt durch einen all­wis­senden Begleit­kom­mentar im Hin­ter­grund, der eine Distanz zur Hand­lung her­stellt, wie eine Unter­su­chung zum Thema „Mensch­sein“. Die Zuschauer_innen werden gedrängt, kri­tisch auf die Figuren – diese gro­tesken und zuge­spitzten Wider­spie­ge­lungen ihrer selbst – zu bli­cken. Trotz ihres groben und ein­sei­tigen Ste­reo­ty­pen­cha­rak­ters ermög­li­chen die Figuren eine humo­ris­ti­sche Refle­xion zu ernsten Themen wie Umwelt­schutz, Kolo­nia­lismus oder das Ver­hältnis zwi­schen Rea­lität und Fik­tion. Daher geht es in dem Film deut­lich mehr um die heu­tige Zeit als um die Dar­stel­lung einer hypo­the­ti­schen Zukunft. Ben­jamin Tuček schafft es, unan­ge­nehme Debatten mit Spott und Ver­gnügen zu ver­binden, wodurch aus seinem Low-Budget-Film eine mus­ter­gül­tige Komödie wird.

 

Bei ihrer Ankunft auf dem Mars erlebt die Gruppe eine Über­ra­schung: Die Mars-Sta­tion, einst große Rea­li­sie­rung der ‚Pio­niere‘ und Erbe der Väter, sieht jetzt wie eine ver­fal­lende Alu­mi­ni­um­bruch­bude aus: „This is mars. No oxygen. No life. Beau­tiful world“. Noch deut­lich ver­wun­derter sind die Figuren dar­über, dass die Sta­tion seit Jahren von einem schwarzen Andro­iden im Motor­ra­d­outfit mit Cow­boyhut namens Bot bewohnt und instand gehalten wird. Dieser wird zum unter­kühlten Beob­achter der Helden, ihrer kleinen Dramen und Hys­te­rien – zum schwarzen Ritter mit makel­losem Blick, zum naiven Zeugen des mensch­li­chen Wahn­sinns.

 

Der Film schrumpft die Figuren auf Mit­telmaß. Ihre Bezie­hungen und Dia­loge betonen im Ver­lauf des Filmes immer stärker die kleinen Schwä­chen und die all­ge­meine Hilf­lo­sig­keit. Zudem insze­niert Tuček die Story in Form einer außer­ir­di­schen Rea­lity-Show nach Vor­bild von Big Bro­ther und anderen. Das Zimmer der Psy­cho­login wirkt zum Bei­spiel wie ein Beicht­stuhl, in dem vor der Kamera Feed­backs zu eigenen Erfah­rungen gegeben werden. Die Figuren sind meis­tens in der engen Sta­tion ein­ge­sperrt, in der sie schlafen, essen, Sport machen, debat­tieren, intri­gieren, flirten, mit­ein­ander Sex haben. Doch die Wände sind dünn, und der Roboter Bot treibt sich herum.

 

Bei Exkur­sionen in die ste­rile Mar­sau­ßen­welt sind die kleinen Men­schen nicht weniger kin­disch als sonst. Sie rennen, spielen, rollen auf den Hügeln in der end­losen roten Land­schaft herum und erin­nern uns an manch hirn­lose Lebe­wesen, mit direktem Ver­weis auf die ersten Star Wars Filme.

 

Die größte Beson­der­heit dieses Films ist sein Drehort: Die Geschichte wurde in den USA in einem Simu­lator der NASA inner­halb weniger Wochen ver­filmt, angeb­lich als erster Film, der diese Mög­lich­keit hatte. Alles musste sorg­fältig geplant werden, um die strengen Fristen ein­zu­halten und das Beste aus dem kleinen Budget zu machen. Die Musik zu den Bil­dern wurde erst später kom­po­niert. Mit David Lynch und der ame­ri­ka­ni­schen Wes­tern­land­schaft als Inspi­ra­tion vor Augen wurde dem Film, wie der Regis­seur es aus­drückt, ein eigenes musi­ka­li­sches Genre geschenkt: der „Space-Country“.

 

 

Als stän­diger Begleiter aus dem Off hört man den Kom­mentar des Robo­ters, der sich als eine sym­pa­thi­sche Ver­sion von Marvin, dem pes­si­mis­ti­schen Roboter in Dou­glas Adams Roman Per Anhalter durch die Galaxis, auf­fassen lässt. Den gesamten Film hin­durch dekla­miert er eine poe­ti­sche pseudo-phi­lo­so­phi­sche Rede, ange­rei­chert mit kolo­nia­lis­ti­schen Meta­phern. So tau­chen unter anderem ame­ri­ka­ni­sche Indianer_innen und die Geschichte ihrer Ver­nich­tung auf. Auch die Neben­ef­fekte von Mas­sen­tou­rismus und Neo­ko­lo­nia­lismus werden immer wieder ange­spro­chen.

 

Die Expeditionsteilnehmer_innen müssen Eng­lisch spre­chen, obwohl alle Tschech_innen sind. „Speak eng­lish!“ wie­der­holt der Leader ständig. Der Roboter reiht „Punch­lines“ über Leben und Liebe anein­ander. Zwi­schen Sätzen wie “when people speak of love, they mean food or sex“ und „[l]ove is a bio­che­mical pro­cess“ gibt es auf den ersten Blick kaum Platz für Romantik. Jedoch geht es in diesem Film sicher­lich nicht nur um ein „Mensch­sein“, das von Grau­sam­keit, Hab­gier und Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit geprägt ist, son­dern auch um eines, dass das Streben der Men­schen nach Idea­lismus, Nai­vität und Hoff­nung the­ma­ti­siert.

 

Der Müll ver­weist im Film explizit auf die öko­lo­gi­sche Krise und das Ein­greifen des Men­schen in die Natur. Schon zu Beginn erklärt man dem tsche­chi­schen Mil­li­ardär, dass die Gruppe ihren Müll wieder zur Erde mit­nehmen muss. Eine Idee, die den geschäfts­tüch­tigen Herrn anfixt, näm­lich aus der hygie­ni­schen Not­wen­dig­keit Geld zu machen! Jedoch wird sein Vor­haben im Laufe der Hand­lung nahezu nicht mehr the­ma­ti­siert, woraus man schließen kann, dass es nur bei Andeu­tungen bleiben soll.

 

In Trash on Mars gibt es unter dem blauen Neon deut­liche „trash“-Situationen und ‑Worte. Leicht zynisch fragt man sich immer wieder, was oder wer ist eigent­lich der ‚Müll‘? Etwa die Men­schen selbst, diese kleinen Zwei­beiner, die sich so weit weg wagen von ihrem sicheren Zuhause? Viele Fragen, die der Film bewusst offen­lässt. Die irre­tie­rendste von ihnen lautet: Befinden sich die Protagonist_innen wirk­lich auf dem Mars? Man weiß es eigent­lich nicht. Auch die Figuren sind sich dar­über nicht einig. Wendy, die Yoga­leh­rerin, bezwei­felt, dass sie sich auf dem Mars befinden; sie ist davon über­zeugt, sich in einer durchweg insze­nierten Geschichte in Grie­chen­land zu befinden. Liegt sie wirk­lich so falsch?

 

Das Ende des Films bleibt genauso poe­tisch wie enig­ma­tisch: Pure Fan­tasie, Absur­dität oder doch harte Rea­lität? Der Roboter macht dem Fragen ein schein­bares Ende: „I spoke to the great dog about this. He didn’t answer.“ So wird auch die Erwar­tung der Zuschau­enden auf Ant­wort nicht erfüllt. Was bleibt, ist eine breit gezeich­nete Skizze von Fragen und Ängsten der Mensch­heit im Jahr 2019. Doch selbst diesen Her­aus­for­de­rungen, so zeigt der Film, kann durchaus mit einem Lächeln begegnet werden.

 

Tuček, Ben­jamin: Trash on Mars (Müll auf dem Mars). Tsche­chi­sche Repu­blik, 2018, 85 Min.