Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Geis­ter­be­schwö­rungen und einer ganz nor­malen Kind­heit

Kiev, 70er Jahre. Ruinen, Abriss­bagger und eine Stim­mung irgendwo zwi­schen Melan­cholie und Hoff­nung: „Die beson­ders Betrun­kenen sangen zum Moto­ren­ge­heul in der ben­zin­ge­tränkten Luft der alten Sonn­tage, und wer nicht trank und nicht sang, der träumte und litt ein­fach so.“ Wäh­rend ihre Hei­mat­stadt im sowje­ti­schen Stil neu erbaut wird, erlebt Julia ihren ersten Wod­ka­rausch, unter­hält sich nachts im Bett mit den Füh­rern des Welt­pro­le­ta­riats und ver­hei­ratet ihre Klas­sen­ka­me­radin in einer geheimen Geis­ter­be­schwö­rung mit einem ver­stor­benen fran­zö­si­schen Schau­spieler.

 

In Julia Kis­sinas Roman Früh­ling auf dem Mond schil­dert die gleich­na­mige Prot­ago­nistin ihre Jugend in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt, die in der Sowjet­union nach und nach ihrer Geschichte beraubt zu werden scheint, zumin­dest emp­findet Julia es so. Der Vater nimmt sie mit auf Spa­zier­gänge durch eine „ster­bende Stadt“ und phi­lo­so­phiert über vor­re­vo­lu­tio­näre Zeiten, die Mutter sam­melt ver­rückt gewor­dene alte Men­schen bei den Müll­tonnen ein und päp­pelt sie in der Fami­li­en­woh­nung wieder auf, und für Julia selbst fängt das Leben gerade erst so richtig an. In der epi­so­den­haft auf­ge­bauten Erzäh­lung stellt die Erzäh­lerin dem Leser Familie, Freunde und Bekannte vor und scheint dabei von außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­teren nur so umgeben zu sein: Da sind die Sta­li­nistin Lud­mila, die ihr bei­bringt, Rot­wein zu trinken und an Wänden zu lau­schen, der Pole Ju.A., der sich nach seinem Herz­in­farkt kur­zer­hand ein Schwei­ne­herz implan­tieren lässt, und nicht zuletzt Julias Klas­sen­ka­me­radin Olga, die das Leiden zum obersten Lebens­ziel und ihre bedin­gungs­lose Liebe zu einem unbe­kannten Toten zu großer Romantik erklärt.

 

Die kurzen Kapitel in Früh­ling auf dem Mond werden durch einen unter­halt­samen Erzähl­stil zusam­men­ge­halten, der Momente kind­li­cher Nai­vität mit mor­bidem Humor und einer beson­deren Mischung aus Komik und Tragik ver­bindet und den Leser bei der Lek­türe des Buches immer wieder zum Schmun­zeln bringt – selbst dann noch, wenn sich Julias anti­so­wje­ti­scher Onkel Philip mit einer gestreiften eng­li­schen Kra­watte erhängt oder Onkel Wolodja von seinen alten Gefäng­nis­freunden auf der Klo­schüssel erschossen wird.
Doch all diese Cha­rak­tere sind kei­nes­falls nur komisch, son­dern ver­kör­pern jeder für sich ein ganz eigenes Ver­ständnis vom rich­tigen Leben, das Julia mit wach­samen Augen beob­achtet und teils mit Bewun­de­rung, teils mit Abscheu und teils mit gna­den­losem Spott kom­men­tiert. Einige von ihnen beein­dru­cken die Prot­ago­nistin so sehr, dass sie ihnen nach­zu­ei­fern ver­sucht, so wie Olga. Genau wie die Klas­sen­ka­me­radin ver­sucht sie nun, Gedichte in alt­mo­di­schen, wohl­klin­genden Worten zu schreiben und sich eben­falls einen Toten zu suchen, in den sie sich ver­lieben kann – nur, um mit der Zeit fest­zu­stellen, dass alt­mo­di­sche Worte und tote Lieb­haber so gar nicht zu ihr passen.

 

Ihren Vor­namen teilt sich die junge Prot­ago­nistin in Früh­ling auf dem Mond wohl nicht ganz zufällig mit der Autorin des Buches, Julia Kis­sina, die selbst 1966 in Kiew geboren wurde. Inspi­riert von der eigenen Geschichte erzählt sie von einer Stadt, die vom Zusam­men­leben ver­schie­denster Natio­na­li­täten geprägt ist, einer Stadt, in der ihre Haupt­figur mit Haus­frauen, KGB-Offi­zieren und Sowjet­geg­nern glei­cher­maßen in Kon­takt kommt. Wie schon in Vergiß Taran­tino (2005 auf Deutsch erschienen) kann der Leser auch dieses Mal nur dar­über rät­seln, welche Teile auto­bio­gra­phisch und welche fiktiv sind, denn Früh­ling auf dem Mond ver­steht sich dezi­diert als Roman und nicht als Auto­bio­gra­phie.

 

Es ist gerade das Ende des Lebens, für das Kis­sinas Prot­ago­nistin in diesem Roman eine beson­dere Fas­zi­na­tion ent­wi­ckelt. Ob sie nun den Ster­be­pro­zess von Tante Vera in allen Ein­zel­heiten beschreibt, ver­se­hent­lich die Asche einer ver­stor­benen Bekannten im Kin­der­zimmer ver­schüttet oder den Geist Lenins her­auf­be­schwört – die The­matik des Todes und die Frage nach dem Jen­seits beschäf­tigen Julia das ganze Buch hin­durch. Dabei zieht beson­ders das Ana­to­mi­sche Theater immer wieder die Auf­merk­sam­keit des jungen Mäd­chens auf sich – dieser geheim­nis­vollste aller Orte in Kiev, der bestehen bleibt, wäh­rend um ihn herum die Stadt zer­fällt und der das Tor zum Jen­seits in sich zu ver­kör­pern scheint. Schließ­lich ent­deckt sie den Zustand des Lun­a­tismus, die Fähig­keit, sich gedank­lich völlig von der Rea­lität los­zu­reißen. „Das aber war und ist die ein­zige Mög­lich­keit, das Leben wahr­zu­nehmen, ein Zustand, in dem du das jen­sei­tige Licht siehst, ein Zustand, in dem es keine Grenze zwi­schen dieser und jener Welt gibt, ein Zustand, in dem es unmög­lich ist zu sterben.“ In diesem Zustand gelingt es Julia etwa, ihre Vor­fahren in der Ver­gan­gen­heit zu besu­chen oder mit den Geis­tern der Ver­stor­benen zu spre­chen.
Zwi­schen alldem, was Julia so außer­ge­wöhn­lich macht, erlebt der Leser aber auch ein ganz gewöhn­li­ches Mäd­chen, das auf den rund 250 Seiten des Romans zu einer jungen Frau her­an­wächst. Ein Mäd­chen, das wie jedes andere Aus­ein­an­der­set­zungen mit seinen Eltern führt und das tief erschro­cken auf seine erste Mens­trua­tion reagiert, die es als Zei­chen des bevor­ste­henden Todes inter­pre­tiert.

 

In dem Sommer, in dem Kiev „end­gültig zugrunde ging“, wird Julia erwachsen und ver­lässt ihre Hei­mat­stadt. Auch in dieser letzten Epi­sode des Buches ist die Par­al­lele zu der Bio­gra­phie der Autorin unüber­sehbar: Als junge Frau ver­ließ Julia Kis­sina die Ukraine in Rich­tung Moskau, wo sie in den 80er Jahren zum Kreis der Kon­zep­tua­listen um Vla­dimir Sorokin und Pavel Pep­perš­tejn zählte; mitt­ler­weile lebt sie in Berlin. Zum Abschluss lässt Kis­sina ihre Prot­ago­nistin ein kurzes Gedicht schreiben, das mit Worten wie „Puten­kopf“ und „Geflitter-Gewirbel-Karus­sell“ so ganz anders ist, als das, was deren Freundin Olga ihr damals bei­gebracht hatte und dessen Titel ebenso wenig im Sinne der Klas­sen­ka­me­radin gewesen wäre: Früh­ling auf dem Mond.

 

Kis­sina, Julia. Früh­ling auf dem Mond, Berlin: Suhr­kamp, 2013.

 

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