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Von Geisterbeschwörungen und einer ganz normalen Kindheit

Posted on 18. August 2013 by Hannah Wagner
Kiev, 70er Jahre. Ruinen, Abrissbagger und eine Stimmung irgendwo zwischen Melancholie und Hoffnung. Während ihre Heimatstadt im sowjetischen Stil neu erbaut wird, erlebt Julia ihren ersten Wodkarausch, unterhält sich nachts im Bett mit den Führern des Weltproletariats und verheiratet ihre Klassenkameradin in einer geheimen Geisterbeschwörung mit einem verstorbenen französischen Schauspieler.

Kiev, 70er Jahre. Ruinen, Abrissbagger und eine Stimmung irgendwo zwischen Melancholie und Hoffnung: „Die besonders Betrunkenen sangen zum Motorengeheul in der benzingetränkten Luft der alten Sonntage, und wer nicht trank und nicht sang, der träumte und litt einfach so.“ Während ihre Heimatstadt im sowjetischen Stil neu erbaut wird, erlebt Julia ihren ersten Wodkarausch, unterhält sich nachts im Bett mit den Führern des Weltproletariats und verheiratet ihre Klassenkameradin in einer geheimen Geisterbeschwörung mit einem verstorbenen französischen Schauspieler.

 

In Julia Kissinas Roman Frühling auf dem Mond schildert die gleichnamige Protagonistin ihre Jugend in der ukrainischen Hauptstadt, die in der Sowjetunion nach und nach ihrer Geschichte beraubt zu werden scheint, zumindest empfindet Julia es so. Der Vater nimmt sie mit auf Spaziergänge durch eine „sterbende Stadt“ und philosophiert über vorrevolutionäre Zeiten, die Mutter sammelt verrückt gewordene alte Menschen bei den Mülltonnen ein und päppelt sie in der Familienwohnung wieder auf, und für Julia selbst fängt das Leben gerade erst so richtig an. In der episodenhaft aufgebauten Erzählung stellt die Erzählerin dem Leser Familie, Freunde und Bekannte vor und scheint dabei von außergewöhnlichen Charakteren nur so umgeben zu sein: Da sind die Stalinistin Ludmila, die ihr beibringt, Rotwein zu trinken und an Wänden zu lauschen, der Pole Ju.A., der sich nach seinem Herzinfarkt kurzerhand ein Schweineherz implantieren lässt, und nicht zuletzt Julias Klassenkameradin Olga, die das Leiden zum obersten Lebensziel und ihre bedingungslose Liebe zu einem unbekannten Toten zu großer Romantik erklärt.

 

Die kurzen Kapitel in Frühling auf dem Mond werden durch einen unterhaltsamen Erzählstil zusammengehalten, der Momente kindlicher Naivität mit morbidem Humor und einer besonderen Mischung aus Komik und Tragik verbindet und den Leser bei der Lektüre des Buches immer wieder zum Schmunzeln bringt – selbst dann noch, wenn sich Julias antisowjetischer Onkel Philip mit einer gestreiften englischen Krawatte erhängt oder Onkel Wolodja von seinen alten Gefängnisfreunden auf der Kloschüssel erschossen wird.
Doch all diese Charaktere sind keinesfalls nur komisch, sondern verkörpern jeder für sich ein ganz eigenes Verständnis vom richtigen Leben, das Julia mit wachsamen Augen beobachtet und teils mit Bewunderung, teils mit Abscheu und teils mit gnadenlosem Spott kommentiert. Einige von ihnen beeindrucken die Protagonistin so sehr, dass sie ihnen nachzueifern versucht, so wie Olga. Genau wie die Klassenkameradin versucht sie nun, Gedichte in altmodischen, wohlklingenden Worten zu schreiben und sich ebenfalls einen Toten zu suchen, in den sie sich verlieben kann – nur, um mit der Zeit festzustellen, dass altmodische Worte und tote Liebhaber so gar nicht zu ihr passen.

 

Ihren Vornamen teilt sich die junge Protagonistin in Frühling auf dem Mond wohl nicht ganz zufällig mit der Autorin des Buches, Julia Kissina, die selbst 1966 in Kiew geboren wurde. Inspiriert von der eigenen Geschichte erzählt sie von einer Stadt, die vom Zusammenleben verschiedenster Nationalitäten geprägt ist, einer Stadt, in der ihre Hauptfigur mit Hausfrauen, KGB-Offizieren und Sowjetgegnern gleichermaßen in Kontakt kommt. Wie schon in Vergiß Tarantino (2005 auf Deutsch erschienen) kann der Leser auch dieses Mal nur darüber rätseln, welche Teile autobiographisch und welche fiktiv sind, denn Frühling auf dem Mond versteht sich dezidiert als Roman und nicht als Autobiographie.

 

Es ist gerade das Ende des Lebens, für das Kissinas Protagonistin in diesem Roman eine besondere Faszination entwickelt. Ob sie nun den Sterbeprozess von Tante Vera in allen Einzelheiten beschreibt, versehentlich die Asche einer verstorbenen Bekannten im Kinderzimmer verschüttet oder den Geist Lenins heraufbeschwört – die Thematik des Todes und die Frage nach dem Jenseits beschäftigen Julia das ganze Buch hindurch. Dabei zieht besonders das Anatomische Theater immer wieder die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich – dieser geheimnisvollste aller Orte in Kiev, der bestehen bleibt, während um ihn herum die Stadt zerfällt und der das Tor zum Jenseits in sich zu verkörpern scheint. Schließlich entdeckt sie den Zustand des Lunatismus, die Fähigkeit, sich gedanklich völlig von der Realität loszureißen. „Das aber war und ist die einzige Möglichkeit, das Leben wahrzunehmen, ein Zustand, in dem du das jenseitige Licht siehst, ein Zustand, in dem es keine Grenze zwischen dieser und jener Welt gibt, ein Zustand, in dem es unmöglich ist zu sterben.“ In diesem Zustand gelingt es Julia etwa, ihre Vorfahren in der Vergangenheit zu besuchen oder mit den Geistern der Verstorbenen zu sprechen.
Zwischen alldem, was Julia so außergewöhnlich macht, erlebt der Leser aber auch ein ganz gewöhnliches Mädchen, das auf den rund 250 Seiten des Romans zu einer jungen Frau heranwächst. Ein Mädchen, das wie jedes andere Auseinandersetzungen mit seinen Eltern führt und das tief erschrocken auf seine erste Menstruation reagiert, die es als Zeichen des bevorstehenden Todes interpretiert.

 

In dem Sommer, in dem Kiev „endgültig zugrunde ging“, wird Julia erwachsen und verlässt ihre Heimatstadt. Auch in dieser letzten Episode des Buches ist die Parallele zu der Biographie der Autorin unübersehbar: Als junge Frau verließ Julia Kissina die Ukraine in Richtung Moskau, wo sie in den 80er Jahren zum Kreis der Konzeptualisten um Vladimir Sorokin und Pavel Pepperštejn zählte; mittlerweile lebt sie in Berlin. Zum Abschluss lässt Kissina ihre Protagonistin ein kurzes Gedicht schreiben, das mit Worten wie „Putenkopf“ und „Geflitter-Gewirbel-Karussell“ so ganz anders ist, als das, was deren Freundin Olga ihr damals beigebracht hatte und dessen Titel ebenso wenig im Sinne der Klassenkameradin gewesen wäre: Frühling auf dem Mond.

 

Kissina, Julia. Frühling auf dem Mond, Berlin: Suhrkamp, 2013.

Von Geisterbeschwörungen und einer ganz normalen Kindheit – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von Geis­ter­be­schwö­rungen und einer ganz nor­malen Kindheit

Kiev, 70er Jahre. Ruinen, Abriss­bagger und eine Stim­mung irgendwo zwi­schen Melan­cholie und Hoff­nung: „Die beson­ders Betrun­kenen sangen zum Moto­ren­ge­heul in der ben­zin­ge­tränkten Luft der alten Sonn­tage, und wer nicht trank und nicht sang, der träumte und litt ein­fach so.“ Wäh­rend ihre Hei­mat­stadt im sowje­ti­schen Stil neu erbaut wird, erlebt Julia ihren ersten Wod­ka­rausch, unter­hält sich nachts im Bett mit den Füh­rern des Welt­pro­le­ta­riats und ver­hei­ratet ihre Klas­sen­ka­me­radin in einer geheimen Geis­ter­be­schwö­rung mit einem ver­stor­benen fran­zö­si­schen Schauspieler.

 

In Julia Kis­sinas Roman Früh­ling auf dem Mond schil­dert die gleich­na­mige Prot­ago­nistin ihre Jugend in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt, die in der Sowjet­union nach und nach ihrer Geschichte beraubt zu werden scheint, zumin­dest emp­findet Julia es so. Der Vater nimmt sie mit auf Spa­zier­gänge durch eine „ster­bende Stadt“ und phi­lo­so­phiert über vor­re­vo­lu­tio­näre Zeiten, die Mutter sam­melt ver­rückt gewor­dene alte Men­schen bei den Müll­tonnen ein und päp­pelt sie in der Fami­li­en­woh­nung wieder auf, und für Julia selbst fängt das Leben gerade erst so richtig an. In der epi­so­den­haft auf­ge­bauten Erzäh­lung stellt die Erzäh­lerin dem Leser Familie, Freunde und Bekannte vor und scheint dabei von außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­teren nur so umgeben zu sein: Da sind die Sta­li­nistin Lud­mila, die ihr bei­bringt, Rot­wein zu trinken und an Wänden zu lau­schen, der Pole Ju.A., der sich nach seinem Herz­in­farkt kur­zer­hand ein Schwei­ne­herz implan­tieren lässt, und nicht zuletzt Julias Klas­sen­ka­me­radin Olga, die das Leiden zum obersten Lebens­ziel und ihre bedin­gungs­lose Liebe zu einem unbe­kannten Toten zu großer Romantik erklärt.

 

Die kurzen Kapitel in Früh­ling auf dem Mond werden durch einen unter­halt­samen Erzähl­stil zusam­men­ge­halten, der Momente kind­li­cher Nai­vität mit mor­bidem Humor und einer beson­deren Mischung aus Komik und Tragik ver­bindet und den Leser bei der Lek­türe des Buches immer wieder zum Schmun­zeln bringt – selbst dann noch, wenn sich Julias anti­so­wje­ti­scher Onkel Philip mit einer gestreiften eng­li­schen Kra­watte erhängt oder Onkel Wolodja von seinen alten Gefäng­nis­freunden auf der Klo­schüssel erschossen wird.
Doch all diese Cha­rak­tere sind kei­nes­falls nur komisch, son­dern ver­kör­pern jeder für sich ein ganz eigenes Ver­ständnis vom rich­tigen Leben, das Julia mit wach­samen Augen beob­achtet und teils mit Bewun­de­rung, teils mit Abscheu und teils mit gna­den­losem Spott kom­men­tiert. Einige von ihnen beein­dru­cken die Prot­ago­nistin so sehr, dass sie ihnen nach­zu­ei­fern ver­sucht, so wie Olga. Genau wie die Klas­sen­ka­me­radin ver­sucht sie nun, Gedichte in alt­mo­di­schen, wohl­klin­genden Worten zu schreiben und sich eben­falls einen Toten zu suchen, in den sie sich ver­lieben kann – nur, um mit der Zeit fest­zu­stellen, dass alt­mo­di­sche Worte und tote Lieb­haber so gar nicht zu ihr passen.

 

Ihren Vor­namen teilt sich die junge Prot­ago­nistin in Früh­ling auf dem Mond wohl nicht ganz zufällig mit der Autorin des Buches, Julia Kis­sina, die selbst 1966 in Kiew geboren wurde. Inspi­riert von der eigenen Geschichte erzählt sie von einer Stadt, die vom Zusam­men­leben ver­schie­denster Natio­na­li­täten geprägt ist, einer Stadt, in der ihre Haupt­figur mit Haus­frauen, KGB-Offi­zieren und Sowjet­geg­nern glei­cher­maßen in Kon­takt kommt. Wie schon in Vergiß Taran­tino (2005 auf Deutsch erschienen) kann der Leser auch dieses Mal nur dar­über rät­seln, welche Teile auto­bio­gra­phisch und welche fiktiv sind, denn Früh­ling auf dem Mond ver­steht sich dezi­diert als Roman und nicht als Autobiographie.

 

Es ist gerade das Ende des Lebens, für das Kis­sinas Prot­ago­nistin in diesem Roman eine beson­dere Fas­zi­na­tion ent­wi­ckelt. Ob sie nun den Ster­be­pro­zess von Tante Vera in allen Ein­zel­heiten beschreibt, ver­se­hent­lich die Asche einer ver­stor­benen Bekannten im Kin­der­zimmer ver­schüttet oder den Geist Lenins her­auf­be­schwört – die The­matik des Todes und die Frage nach dem Jen­seits beschäf­tigen Julia das ganze Buch hin­durch. Dabei zieht beson­ders das Ana­to­mi­sche Theater immer wieder die Auf­merk­sam­keit des jungen Mäd­chens auf sich – dieser geheim­nis­vollste aller Orte in Kiev, der bestehen bleibt, wäh­rend um ihn herum die Stadt zer­fällt und der das Tor zum Jen­seits in sich zu ver­kör­pern scheint. Schließ­lich ent­deckt sie den Zustand des Lun­a­tismus, die Fähig­keit, sich gedank­lich völlig von der Rea­lität los­zu­reißen. „Das aber war und ist die ein­zige Mög­lich­keit, das Leben wahr­zu­nehmen, ein Zustand, in dem du das jen­sei­tige Licht siehst, ein Zustand, in dem es keine Grenze zwi­schen dieser und jener Welt gibt, ein Zustand, in dem es unmög­lich ist zu sterben.“ In diesem Zustand gelingt es Julia etwa, ihre Vor­fahren in der Ver­gan­gen­heit zu besu­chen oder mit den Geis­tern der Ver­stor­benen zu sprechen.
Zwi­schen alldem, was Julia so außer­ge­wöhn­lich macht, erlebt der Leser aber auch ein ganz gewöhn­li­ches Mäd­chen, das auf den rund 250 Seiten des Romans zu einer jungen Frau her­an­wächst. Ein Mäd­chen, das wie jedes andere Aus­ein­an­der­set­zungen mit seinen Eltern führt und das tief erschro­cken auf seine erste Mens­trua­tion reagiert, die es als Zei­chen des bevor­ste­henden Todes interpretiert.

 

In dem Sommer, in dem Kiev „end­gültig zugrunde ging“, wird Julia erwachsen und ver­lässt ihre Hei­mat­stadt. Auch in dieser letzten Epi­sode des Buches ist die Par­al­lele zu der Bio­gra­phie der Autorin unüber­sehbar: Als junge Frau ver­ließ Julia Kis­sina die Ukraine in Rich­tung Moskau, wo sie in den 80er Jahren zum Kreis der Kon­zep­tua­listen um Vla­dimir Sorokin und Pavel Pep­perš­tejn zählte; mitt­ler­weile lebt sie in Berlin. Zum Abschluss lässt Kis­sina ihre Prot­ago­nistin ein kurzes Gedicht schreiben, das mit Worten wie „Puten­kopf“ und „Geflitter-Gewirbel-Karus­sell“ so ganz anders ist, als das, was deren Freundin Olga ihr damals bei­gebracht hatte und dessen Titel ebenso wenig im Sinne der Klas­sen­ka­me­radin gewesen wäre: Früh­ling auf dem Mond.

 

Kis­sina, Julia. Früh­ling auf dem Mond, Berlin: Suhr­kamp, 2013.