Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

War­nung vor der Epi­demie „der fal­schen Mythen“: der Roman “Kon­tra­en­dorfin” von Sve­t­islav Basara

Seit mehr als einem Jahr kämpft man mit der Pan­demie und pen­delt dabei zwi­schen Ver­zweif­lung und Qua­ran­täne, in der Hoff­nung auf bes­sere Zeiten. Auf eine ähn­liche Weise ver­sucht der Prot­ago­nist des Romans Kon­tra­en­dorfin, einen Weg aus der eigenen epi­de­mi­schen Lage, der Epi­demie fal­scher Geschichts­in­ter­pre­ta­tionen, zu finden, die in Ser­bien grassieren.

 

Der mit dem NIN-Lite­ra­tur­preis für das Jahr 2020 aus­ge­zeich­nete Roman Kon­tra­en­dorfin von Sve­t­islav Basara schil­dert den jahr­zehn­te­langen Kampf eines Men­schen namens Kal­oper­ović gegen eine zer­teilte Welt auf dem Balkan, in der his­to­ri­sche Ereig­nisse frag­würdig dar­ge­stellt und Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keiten kri­tisch beleuchtet werden. Um die wei­tere Ver­brei­tung der Unwahr­haf­tig­keit zu ver­hin­dern, in der sich Ser­bien befindet,  nimmt Kal­oper­ović die bibli­sche War­nung „mene, tekel, ufarsin“ („gezählt, gewogen, zer­teilt“) ernst und rechnet mit den his­to­ri­schen Mythen skru­pellos ab. Diese pro­phe­zei­enden Worte, die im Roman aus dem Munde von Kal­oper­ovićs im Sterben lie­genden See­len­ver­wandten kommen, deuten auf die Zukunft des Landes hin, in dem die geschicht­li­chen Ver­stri­ckungen und der anste­ckende Natio­na­lismus ein Pro­blem darstellen.

 

Mit seinem jüngsten Buch berei­chert Basara durch ein­zig­ar­tige Wort­wahl seine begeis­terten Anhänger_innen erneut und setzt die Dar­stel­lung des Unmög­li­chen aus dem Roman Andrićs Leiter der Schreck­lich­keit (Andrićeva lestvica užasa) fort. Sowohl in diesem als auch im vor­he­rigen Werk liegt der Schwer­punkt dabei nicht auf Andrić, wie einige Kritiker_innen annahmen, son­dern auf „der kol­lek­tiven ser­bi­schen Ado­ra­tion von Andrić“wie Bas­aras lang­jäh­riger Freund und Schrift­stel­ler­kol­lege Mil­jenko Jer­gović es schlicht for­mu­lierte. Andrić stellt in Kon­tra­en­dorfin nur einen der zu ent­lar­venden ser­bi­schen Mythen dar, die der Roman sich vornimmt.

 

„Kon­tra­en­dorfin“ als Aus­löser für Ver­bre­chen und eine exis­tenz­ge­fähr­dende Lebensart

 

Durch die Gen­re­an­gabe „Dis­se­ra­tion“ wird dem Lese­pu­blikum schon von Anfang an auf­ge­zeigt, dass es sich hierbei nicht um ein unkom­pli­ziertes Werk han­delt, son­dern um eine umfang­reiche ‚Streit­schrift‘. Bas­aras lite­ra­ri­sche ‚Dis­ser­ta­tion‘ beruht auf der zunächst auf­ge­stellten, dann begrün­deten und bewie­senen These über das irra­tio­nale Ver­halten der ser­bi­schen Gesell­schaft, die von einer zutiefst natio­na­lis­ti­schen Dok­trin geleitet wird. Die Ursache für diese Irra­tio­na­lität iden­ti­fi­ziert der Autor in einer über­mä­ßigen Aus­schei­dung des Hor­mons ‚Kon­tra­en­dorfin‘, das als Gegen­stück zum Glücks­hormon Endor­phin fun­giert. Die Folgen der über­schüs­sigen Sekre­tion dieses Hor­mons sind irra­tio­nale Erschie­ßungen, blu­tige Kriege, die rück­sicht­lose Aneig­nung fremder Nobel­preis­träger (nicht einmal, son­dern zweimal!: Andrić und Handke werden als ser­bi­sche Lite­raten gefeiert) und deren Ver­eh­rung mit­hilfe von staat­li­chen Aus­zeich­nungen, Lausch­ak­tionen und der Infra­ge­stel­lung der Loya­lität der eigenen Bür­ge­rinnen und Bürger, der Ermor­dung des eigenen Pre­mier­mi­nis­ters, der Schaf­fung von Schund und Kitsch… mit einem Wort zusam­men­ge­fasst ein „Krpež-trpež“-Leben („ein Flick­werk, eine kaum zu ertra­gende Lebens­last“). Der Autor selbst erklärt seinen Neo­lo­gismus als „Folge der Misere, in die Ser­bien geraten ist“, und erwähnt ihn sehr oft in seinen Kolumnen in der Zei­tung Danas, für die er elf Jahre, drei Monate und elf Tage geschrieben hat, bevor er kurz vor der NIN-Preis­ver­lei­hung auf eine popu­lis­ti­sche Zei­tung umstieg. Ist Bas­aras Wechsel zu einer regi­me­freund­li­chen Mas­sen­zei­tung als Folge der kaum zu ertra­genden Lebens­last zu deuten? Das wird sich mit der Zeit zeigen.

 

Das „Deli­rium tre­mens“ („durch Alko­hol­miss­brauch aus­ge­löste Psy­chose“) als Weg zur Befreiung

 

Bas­aras Werk folgt dem Prot­ago­nisten nicht nur auf seinem Weg zur Befreiung von diesem Hormon, son­dern auch auf dem Weg der Ver­tei­di­gung gegen seine Dop­pel­gänger. Der Reiz des Buches findet sich gerade in der Ver­viel­fäl­ti­gung und Mischung von Erzähl­per­spek­tiven und in der Ver­schrän­kung der ana­chro­nis­ti­schen Ele­mente, die in Ver­bin­dung mit dem Alko­hol­miss­brauch des Prot­ago­nisten ent­stehen. Wann und wo berichtet wird, wer gerade erzählt, ist es nun der Maler Miro Gla­vurtić oder der Maler Mihailo Mil­o­va­nović oder der Poli­tiker Mil­ovan Đilas, das ist nicht immer klar. Zahl­reiche Per­sonen des öffent­li­chen Lebens kommen ins Spiel, um das Lese­pu­blikum vom ursprüng­li­chen Ziel des Ich-Erzäh­lers abzu­lenken. Sie tau­chen plötz­lich mitten im Satz auf, unter­bre­chen den Hand­lungs­ab­lauf, ver­weilen in man­chen Szenen und ver­ab­schieden sich, als ob ihr Erscheinen unwichtig gewesen wäre. Dadurch schafft der Autor ein des­il­lu­sio­niertes Bild seines Prot­ago­nisten, das einem deli­ri­schen Zustand ent­spricht und Ver­suche, die Erzähl­per­spek­tive zu bestimmen, in Frage stellt. In meh­reren Inter­views erläu­tert Basara, dass diese Per­sön­lich­keiten in direktem Bezug zu seinem eigenen Leben zu betrachten seien.

 

In dieser Hin­sicht trägt Kon­tra­en­dorfin zusätz­lich Züge einer Auto­bio­gra­phie. Darauf weise auch Sto­j­ko­vićs Rolle hin, die für die Deu­tung dieser ‚Dis­ser­ta­tion‘ ent­schei­dend sei. Der Maler Desimir Sto­j­ković steht nicht nur als Pen­dant zum Prot­ago­nisten, son­dern auch zu jedem ein­zelnen Men­schen, der Ser­bien wegen der Suche nach einem bes­seren Leben, nach seinem eigenen Sumatra, ver­lassen hat. Sto­j­ković, der „im Aus­land nichts anderes außer dem Teufel gefunden hat“, ist Bestand­teil des Wesens Kal­oper­ovićs. Ähn­lich wie in den Werken von Miloš Crn­janski kommt die Frage nach der Iden­tität auch bei Basara zum Aus­druck. Wäh­rend Crn­janskis Prot­ago­nist im Tage­buch über Čar­no­jević mit seinem wider­spre­chenden Selbst kon­fron­tiert wird, trifft Kal­oper­ović in Kon­tra­en­dorfin im Zustand des „deli­rium tre­mens“ mit seinem Dop­pel­gänger zusammen. Dabei weist der Dop­pel­gänger auf die fre­vel­haften Ereig­nisse der ser­bi­schen Geschichte hin, sehr oft auch auf eine degou­tante Art und Weise. Der Ich-Erzähler wagt sich nicht, Desanka Mak­si­mović, eine vom Teil der ser­bi­schen Bevöl­ke­rung glo­ri­fi­zierte Per­sön­lich­keit, zu belei­digen, wie das Sto­j­ković im Roman hem­mungslos tut.

 

Basara ver­wendet eine Viel­zahl an sprach­li­chen Mit­teln, ein­schließ­lich skan­da­löser Ver­gleiche und Vul­ga­rismen, um die Haupt­figur von der noch in den Schul­bänken (wo, wenn nicht hier?) ein­ge­prägten Dok­trin zu befreien. Gna­denlos schwenkt er vom Fürsten Miloš über Karađorđe, Gav­rilo Princip, König Alek­sandar, über Ivo Andrić, der im Roman als „enig­ma­ti­scher“ Mensch dar­ge­stellt wird, der mit seinem „schwarzen Notiz­buch inko­gnito“ durch Bel­grad fla­niert, bis hin zu Titos Ange­hö­rigen. Die von Basara ent­larvten, pola­ri­sie­rend argu­men­tie­renden Geschichten „werfen die Leser_innen aus der eigenen Kom­fort­zone hinaus“, wie Teofil Pančić, Jour­na­list und Prä­si­dent der Jury des NIN-Preises, fest­stellt. Gerade wegen seines Ver­las­sens der eigenen Kom­fort­zone ist Bas­aras Roman bei einem Teil des Lese­pu­bli­kums auf ein nega­tives Echo gestoßen. Dieses befasst sich immer wieder mehr mit den poli­ti­schen Hin­ter­gründen als mit der lite­ra­ri­schen Kunst des Autors, was wie­derum einen Schatten auf den NIN-Preis-Gewinner Kon­tra­nen­dorfin wirft.

 

Mit Scho­nungs­lo­sig­keit und bis­siger Sprache dringt das Werk, das vom Bel­grader Verlag Laguna ver­öf­fent­licht wurde, tief in die Kom­ple­xität der kroa­tisch-ser­bi­schen Bezie­hungen vor, die sich in der Gestalt einer kroa­ti­schen Ärztin ser­bi­scher Her­kunft wider­spie­geln. Wil­lent­lich treibt die Ärztin den Ich-Erzähler in einen ana­phy­lak­ti­schen Schock, der aus Warte des Textes als Erlö­sung zu betrachten ist.

 

Ein ana­phy­lak­ti­scher Schock als Mittel der Erlösung 

 

Bas­aras meis­ter­haftes Können, die Dinge zu bana­li­sieren, kommt in der Aus­wahl der Orte zum Aus­druck, wobei es sich um Schau­plätze han­delt, an denen sich die Aus­schei­dung des über­schüs­sigen Hor­mons ‚Kon­tra­en­dorfin‘ abspielt. Von den luxu­riösen Restau­rants in Paris über die berühmten Bel­grader Kneipen bis zu den tra­shigen Tank­stellen in der Voj­vo­dina, die nachts als Rast­stätte für Migrant_innen auf dem Weg in das gelobte Land dienen. Eine von diesen Tank­stellen wird zum Ort, an dem der Prot­ago­nist seine eigene Katharsis in Form eines dop­pelten kos­mi­schen Orgasmus erlebt, der seinen ana­phy­lak­ti­schen Schock aus­löst. Dieser unan­sehn­liche Ort ist die letzte Sta­tion auf seiner Reise zur Befreiung von der Epi­demie „der fal­schen Mythen“. Durch dieses letzte Hin­dernis vor dem Aus­gang aus dem Laby­rinth der Hoff­nungs­lo­sig­keit ver­wischt der Autor die Grenze zwi­schen der Wahr­haf­tig­keit und Unwahr­haf­tig­keit und regt dadurch seine Leser_innen zum Hin­ter­fragen der eigenen Geschichte an.

 

Kon­tra­en­dorfin ist ein Roman, der starke Emo­tionen aus­löst, indem er alles hin­ter­fragt, woran man bisher fest geglaubt hat. Nach der Dar­stel­lung dieses Aus­gangs­punktes der ‚Dis­ser­ta­tion‘ setzt sich die dra­ma­ti­sche Hand­lung in Gang, die einen Men­schen zum Wen­de­punkt seines Daseins treibt und zur Katharsis seiner Seele führt. Das mehr­deu­tige Han­deln des oft nicht klar zu defi­nie­renden Prot­ago­nisten führt zur Befreiung von his­to­ri­scher Belas­tung und poli­ti­scher Unmoral. Ser­bien steht der Aus­gang aus dem Laby­rinth der „fal­schen Mythen“ bevor. Ein Zei­chen dafür ist „par­thenos sylvia“, das ‘Schmet­ter­ling-Motiv’, durch das Basara eine klare Bot­schaft an die ser­bi­sche Bevöl­ke­rung richtet, und zwar im Sinne von Goe­thes Meta­mor­phose: „Stirb und werde!“ Alles, was dieses tun soll, um diese Meta­mor­phose zu errei­chen und sich von einer gewo­genen und geteilten Welt zu befreien, ist, die eigene Katharsis zu finden.

 

Lite­ratur:

Basara, Sve­t­islav: Kon­tra­en­dorfin. Beo­grad 2021.

Vuč­ković, Tanja: Isečak našeg sveta prer­ađen u labo­ra­to­riji Basa­rinog tem­pe­ra­menta. Intervju sa Sve­t­is­lavom Bas­arom, Buk­marker, Beo­grad 2021.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Basara, Sve­t­islav: Filzofija bede. Danas 2019.

Jer­gović, Mil­jenko: Srbe i Hrvate držati odvo­jeno, na suhom i mračnom mjestu. Sub­otnja mati­neja 2016.
(Zitat: „Andrićeva lestvica užasa” nije roman o Andriću, premda je Andrić možda i naj­važ­niji lik u knjizi. Ovo je roman o kolek­tivnom srpskom oboža­vanju Andrića, o tome kako je jedan genij javno kon­sti­tuiran i kon­sta­tiran, a zatim lik­vi­d­iran upravo tom odvratnom, neum­jesnom i neprih­vatljivom kolektivizacijom.“)

Pančić, Teofil: Sve­t­islav Basara dobitnik Ninove nagrade za roman „Kon­tra­en­dorfin“. knjižara roman 2021.
(Zitat: „Ovim romanom čitalac se izvodi iz zone komfora“)