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Warnung vor der Epidemie „der falschen Mythen“: Der Roman "Kontraendorfin" von Svetislav Basara

Posted on 29. Juni 2021 by Milica Santa
Seit mehr als einem Jahr kämpft man mit der Pandemie und pendelt dabei zwischen Verzweiflung und Quarantäne, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Auf eine ähnliche Weise versucht der Protagonist des Romans Kontraendorfin, einen Weg aus der eigenen epidemischen Lage, der Epidemie falscher Geschichtsinterpretationen, zu finden, die in Serbien grassieren.

Seit mehr als einem Jahr kämpft man mit der Pandemie und pendelt dabei zwischen Verzweiflung und Quarantäne, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Auf eine ähnliche Weise versucht der Protagonist des Romans Kontraendorfin, einen Weg aus der eigenen epidemischen Lage, der Epidemie falscher Geschichtsinterpretationen, zu finden, die in Serbien grassieren.

 

Der mit dem NIN-Literaturpreis für das Jahr 2020 ausgezeichnete Roman Kontraendorfin von Svetislav Basara schildert den jahrzehntelangen Kampf eines Menschen namens Kaloperović gegen eine zerteilte Welt auf dem Balkan, in der historische Ereignisse fragwürdig dargestellt und Nationszugehörigkeiten kritisch beleuchtet werden. Um die weitere Verbreitung der Unwahrhaftigkeit zu verhindern, in der sich Serbien befindet,  nimmt Kaloperović die biblische Warnung „mene, tekel, ufarsin“ („gezählt, gewogen, zerteilt“) ernst und rechnet mit den historischen Mythen skrupellos ab. Diese prophezeienden Worte, die im Roman aus dem Munde von Kaloperovićs im Sterben liegenden Seelenverwandten kommen, deuten auf die Zukunft des Landes hin, in dem die geschichtlichen Verstrickungen und der ansteckende Nationalismus ein Problem darstellen.

 

Mit seinem jüngsten Buch bereichert Basara durch einzigartige Wortwahl seine begeisterten Anhänger_innen erneut und setzt die Darstellung des Unmöglichen aus dem Roman Andrićs Leiter der Schrecklichkeit (Andrićeva lestvica užasa) fort. Sowohl in diesem als auch im vorherigen Werk liegt der Schwerpunkt dabei nicht auf Andrić, wie einige Kritiker_innen annahmen, sondern auf „der kollektiven serbischen Adoration von Andrić“wie Basaras langjähriger Freund und Schriftstellerkollege Miljenko Jergović es schlicht formulierte. Andrić stellt in Kontraendorfin nur einen der zu entlarvenden serbischen Mythen dar, die der Roman sich vornimmt.

 

„Kontraendorfin“ als Auslöser für Verbrechen und eine existenzgefährdende Lebensart

 

Durch die Genreangabe „Disseration“ wird dem Lesepublikum schon von Anfang an aufgezeigt, dass es sich hierbei nicht um ein unkompliziertes Werk handelt, sondern um eine umfangreiche ‚Streitschrift‘. Basaras literarische ‚Dissertation‘ beruht auf der zunächst aufgestellten, dann begründeten und bewiesenen These über das irrationale Verhalten der serbischen Gesellschaft, die von einer zutiefst nationalistischen Doktrin geleitet wird. Die Ursache für diese Irrationalität identifiziert der Autor in einer übermäßigen Ausscheidung des Hormons ‚Kontraendorfin‘, das als Gegenstück zum Glückshormon Endorphin fungiert. Die Folgen der überschüssigen Sekretion dieses Hormons sind irrationale Erschießungen, blutige Kriege, die rücksichtlose Aneignung fremder Nobelpreisträger (nicht einmal, sondern zweimal!: Andrić und Handke werden als serbische Literaten gefeiert) und deren Verehrung mithilfe von staatlichen Auszeichnungen, Lauschaktionen und der Infragestellung der Loyalität der eigenen Bürgerinnen und Bürger, der Ermordung des eigenen Premierministers, der Schaffung von Schund und Kitsch… mit einem Wort zusammengefasst ein „Krpež-trpež“-Leben („ein Flickwerk, eine kaum zu ertragende Lebenslast“). Der Autor selbst erklärt seinen Neologismus als „Folge der Misere, in die Serbien geraten ist“, und erwähnt ihn sehr oft in seinen Kolumnen in der Zeitung Danas, für die er elf Jahre, drei Monate und elf Tage geschrieben hat, bevor er kurz vor der NIN-Preisverleihung auf eine populistische Zeitung umstieg. Ist Basaras Wechsel zu einer regimefreundlichen Massenzeitung als Folge der kaum zu ertragenden Lebenslast zu deuten? Das wird sich mit der Zeit zeigen.

 

Das „Delirium tremens“ („durch Alkoholmissbrauch ausgelöste Psychose“) als Weg zur Befreiung

 

Basaras Werk folgt dem Protagonisten nicht nur auf seinem Weg zur Befreiung von diesem Hormon, sondern auch auf dem Weg der Verteidigung gegen seine Doppelgänger. Der Reiz des Buches findet sich gerade in der Vervielfältigung und Mischung von Erzählperspektiven und in der Verschränkung der anachronistischen Elemente, die in Verbindung mit dem Alkoholmissbrauch des Protagonisten entstehen. Wann und wo berichtet wird, wer gerade erzählt, ist es nun der Maler Miro Glavurtić oder der Maler Mihailo Milovanović oder der Politiker Milovan Đilas, das ist nicht immer klar. Zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens kommen ins Spiel, um das Lesepublikum vom ursprünglichen Ziel des Ich-Erzählers abzulenken. Sie tauchen plötzlich mitten im Satz auf, unterbrechen den Handlungsablauf, verweilen in manchen Szenen und verabschieden sich, als ob ihr Erscheinen unwichtig gewesen wäre. Dadurch schafft der Autor ein desillusioniertes Bild seines Protagonisten, das einem delirischen Zustand entspricht und Versuche, die Erzählperspektive zu bestimmen, in Frage stellt. In mehreren Interviews erläutert Basara, dass diese Persönlichkeiten in direktem Bezug zu seinem eigenen Leben zu betrachten seien.

 

In dieser Hinsicht trägt Kontraendorfin zusätzlich Züge einer Autobiographie. Darauf weise auch Stojkovićs Rolle hin, die für die Deutung dieser ‚Dissertation‘ entscheidend sei. Der Maler Desimir Stojković steht nicht nur als Pendant zum Protagonisten, sondern auch zu jedem einzelnen Menschen, der Serbien wegen der Suche nach einem besseren Leben, nach seinem eigenen Sumatra, verlassen hat. Stojković, der „im Ausland nichts anderes außer dem Teufel gefunden hat“, ist Bestandteil des Wesens Kaloperovićs. Ähnlich wie in den Werken von Miloš Crnjanski kommt die Frage nach der Identität auch bei Basara zum Ausdruck. Während Crnjanskis Protagonist im Tagebuch über Čarnojević mit seinem widersprechenden Selbst konfrontiert wird, trifft Kaloperović in Kontraendorfin im Zustand des „delirium tremens“ mit seinem Doppelgänger zusammen. Dabei weist der Doppelgänger auf die frevelhaften Ereignisse der serbischen Geschichte hin, sehr oft auch auf eine degoutante Art und Weise. Der Ich-Erzähler wagt sich nicht, Desanka Maksimović, eine vom Teil der serbischen Bevölkerung glorifizierte Persönlichkeit, zu beleidigen, wie das Stojković im Roman hemmungslos tut.

 

Basara verwendet eine Vielzahl an sprachlichen Mitteln, einschließlich skandalöser Vergleiche und Vulgarismen, um die Hauptfigur von der noch in den Schulbänken (wo, wenn nicht hier?) eingeprägten Doktrin zu befreien. Gnadenlos schwenkt er vom Fürsten Miloš über Karađorđe, Gavrilo Princip, König Aleksandar, über Ivo Andrić, der im Roman als „enigmatischer“ Mensch dargestellt wird, der mit seinem „schwarzen Notizbuch inkognito“ durch Belgrad flaniert, bis hin zu Titos Angehörigen. Die von Basara entlarvten, polarisierend argumentierenden Geschichten „werfen die Leser_innen aus der eigenen Komfortzone hinaus“, wie Teofil Pančić, Journalist und Präsident der Jury des NIN-Preises, feststellt. Gerade wegen seines Verlassens der eigenen Komfortzone ist Basaras Roman bei einem Teil des Lesepublikums auf ein negatives Echo gestoßen. Dieses befasst sich immer wieder mehr mit den politischen Hintergründen als mit der literarischen Kunst des Autors, was wiederum einen Schatten auf den NIN-Preis-Gewinner Kontranendorfin wirft.

 

Mit Schonungslosigkeit und bissiger Sprache dringt das Werk, das vom Belgrader Verlag Laguna veröffentlicht wurde, tief in die Komplexität der kroatisch-serbischen Beziehungen vor, die sich in der Gestalt einer kroatischen Ärztin serbischer Herkunft widerspiegeln. Willentlich treibt die Ärztin den Ich-Erzähler in einen anaphylaktischen Schock, der aus Warte des Textes als Erlösung zu betrachten ist.

 

Ein anaphylaktischer Schock als Mittel der Erlösung                       

 

Basaras meisterhaftes Können, die Dinge zu banalisieren, kommt in der Auswahl der Orte zum Ausdruck, wobei es sich um Schauplätze handelt, an denen sich die Ausscheidung des überschüssigen Hormons ‚Kontraendorfin‘ abspielt. Von den luxuriösen Restaurants in Paris über die berühmten Belgrader Kneipen bis zu den trashigen Tankstellen in der Vojvodina, die nachts als Raststätte für Migrant_innen auf dem Weg in das gelobte Land dienen. Eine von diesen Tankstellen wird zum Ort, an dem der Protagonist seine eigene Katharsis in Form eines doppelten kosmischen Orgasmus erlebt, der seinen anaphylaktischen Schock auslöst. Dieser unansehnliche Ort ist die letzte Station auf seiner Reise zur Befreiung von der Epidemie „der falschen Mythen“. Durch dieses letzte Hindernis vor dem Ausgang aus dem Labyrinth der Hoffnungslosigkeit verwischt der Autor die Grenze zwischen der Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit und regt dadurch seine Leser_innen zum Hinterfragen der eigenen Geschichte an.

 

Kontraendorfin ist ein Roman, der starke Emotionen auslöst, indem er alles hinterfragt, woran man bisher fest geglaubt hat. Nach der Darstellung dieses Ausgangspunktes der ‚Dissertation‘ setzt sich die dramatische Handlung in Gang, die einen Menschen zum Wendepunkt seines Daseins treibt und zur Katharsis seiner Seele führt. Das mehrdeutige Handeln des oft nicht klar zu definierenden Protagonisten führt zur Befreiung von historischer Belastung und politischer Unmoral. Serbien steht der Ausgang aus dem Labyrinth der „falschen Mythen“ bevor. Ein Zeichen dafür ist „parthenos sylvia“, das ‘Schmetterling-Motiv’, durch das Basara eine klare Botschaft an die serbische Bevölkerung richtet, und zwar im Sinne von Goethes Metamorphose: „Stirb und werde!“ Alles, was dieses tun soll, um diese Metamorphose zu erreichen und sich von einer gewogenen und geteilten Welt zu befreien, ist, die eigene Katharsis zu finden.

 

Literatur:

Basara, Svetislav: Kontraendorfin. Beograd 2021.

Vučković, Tanja: Isečak našeg sveta prerađen u laboratoriji Basarinog temperamenta. Intervju sa Svetislavom Basarom, Bukmarker, Beograd 2021.

 

Weiterführende Links:

Basara, Svetislav: Filzofija bede. Danas 2019.

Jergović, Miljenko: Srbe i Hrvate držati odvojeno, na suhom i mračnom mjestu. Subotnja matineja 2016.
(Zitat: „Andrićeva lestvica užasa” nije roman o Andriću, premda je Andrić možda i najvažniji lik u knjizi. Ovo je roman o kolektivnom srpskom obožavanju Andrića, o tome kako je jedan genij javno konstituiran i konstatiran, a zatim likvidiran upravo tom odvratnom, neumjesnom i neprihvatljivom kolektivizacijom.“)

Pančić, Teofil: Svetislav Basara dobitnik Ninove nagrade za roman „Kontraendorfin“. knjižara roman 2021.
(Zitat: „Ovim romanom čitalac se izvodi iz zone komfora“)

Warnung vor der Epidemie „der falschen Mythen“: Der Roman "Kontraendorfin" von Svetislav Basara – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

War­nung vor der Epi­demie „der fal­schen Mythen“: Der Roman “Kon­tra­en­dorfin” von Sve­t­islav Basara

Seit mehr als einem Jahr kämpft man mit der Pan­demie und pen­delt dabei zwi­schen Ver­zweif­lung und Qua­ran­täne, in der Hoff­nung auf bes­sere Zeiten. Auf eine ähn­liche Weise ver­sucht der Prot­ago­nist des Romans Kon­tra­en­dorfin, einen Weg aus der eigenen epi­de­mi­schen Lage, der Epi­demie fal­scher Geschichts­in­ter­pre­ta­tionen, zu finden, die in Ser­bien grassieren.

 

Der mit dem NIN-Lite­ra­tur­preis für das Jahr 2020 aus­ge­zeich­nete Roman Kon­tra­en­dorfin von Sve­t­islav Basara schil­dert den jahr­zehn­te­langen Kampf eines Men­schen namens Kal­oper­ović gegen eine zer­teilte Welt auf dem Balkan, in der his­to­ri­sche Ereig­nisse frag­würdig dar­ge­stellt und Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keiten kri­tisch beleuchtet werden. Um die wei­tere Ver­brei­tung der Unwahr­haf­tig­keit zu ver­hin­dern, in der sich Ser­bien befindet,  nimmt Kal­oper­ović die bibli­sche War­nung „mene, tekel, ufarsin“ („gezählt, gewogen, zer­teilt“) ernst und rechnet mit den his­to­ri­schen Mythen skru­pellos ab. Diese pro­phe­zei­enden Worte, die im Roman aus dem Munde von Kal­oper­ovićs im Sterben lie­genden See­len­ver­wandten kommen, deuten auf die Zukunft des Landes hin, in dem die geschicht­li­chen Ver­stri­ckungen und der anste­ckende Natio­na­lismus ein Pro­blem darstellen.

 

Mit seinem jüngsten Buch berei­chert Basara durch ein­zig­ar­tige Wort­wahl seine begeis­terten Anhänger_innen erneut und setzt die Dar­stel­lung des Unmög­li­chen aus dem Roman Andrićs Leiter der Schreck­lich­keit (Andrićeva lestvica užasa) fort. Sowohl in diesem als auch im vor­he­rigen Werk liegt der Schwer­punkt dabei nicht auf Andrić, wie einige Kritiker_innen annahmen, son­dern auf „der kol­lek­tiven ser­bi­schen Ado­ra­tion von Andrić“wie Bas­aras lang­jäh­riger Freund und Schrift­stel­ler­kol­lege Mil­jenko Jer­gović es schlicht for­mu­lierte. Andrić stellt in Kon­tra­en­dorfin nur einen der zu ent­lar­venden ser­bi­schen Mythen dar, die der Roman sich vornimmt.

 

„Kon­tra­en­dorfin“ als Aus­löser für Ver­bre­chen und eine exis­tenz­ge­fähr­dende Lebensart

 

Durch die Gen­re­an­gabe „Dis­se­ra­tion“ wird dem Lese­pu­blikum schon von Anfang an auf­ge­zeigt, dass es sich hierbei nicht um ein unkom­pli­ziertes Werk han­delt, son­dern um eine umfang­reiche ‚Streit­schrift‘. Bas­aras lite­ra­ri­sche ‚Dis­ser­ta­tion‘ beruht auf der zunächst auf­ge­stellten, dann begrün­deten und bewie­senen These über das irra­tio­nale Ver­halten der ser­bi­schen Gesell­schaft, die von einer zutiefst natio­na­lis­ti­schen Dok­trin geleitet wird. Die Ursache für diese Irra­tio­na­lität iden­ti­fi­ziert der Autor in einer über­mä­ßigen Aus­schei­dung des Hor­mons ‚Kon­tra­en­dorfin‘, das als Gegen­stück zum Glücks­hormon Endor­phin fun­giert. Die Folgen der über­schüs­sigen Sekre­tion dieses Hor­mons sind irra­tio­nale Erschie­ßungen, blu­tige Kriege, die rück­sicht­lose Aneig­nung fremder Nobel­preis­träger (nicht einmal, son­dern zweimal!: Andrić und Handke werden als ser­bi­sche Lite­raten gefeiert) und deren Ver­eh­rung mit­hilfe von staat­li­chen Aus­zeich­nungen, Lausch­ak­tionen und der Infra­ge­stel­lung der Loya­lität der eigenen Bür­ge­rinnen und Bürger, der Ermor­dung des eigenen Pre­mier­mi­nis­ters, der Schaf­fung von Schund und Kitsch… mit einem Wort zusam­men­ge­fasst ein „Krpež-trpež“-Leben („ein Flick­werk, eine kaum zu ertra­gende Lebens­last“). Der Autor selbst erklärt seinen Neo­lo­gismus als „Folge der Misere, in die Ser­bien geraten ist“, und erwähnt ihn sehr oft in seinen Kolumnen in der Zei­tung Danas, für die er elf Jahre, drei Monate und elf Tage geschrieben hat, bevor er kurz vor der NIN-Preis­ver­lei­hung auf eine popu­lis­ti­sche Zei­tung umstieg. Ist Bas­aras Wechsel zu einer regi­me­freund­li­chen Mas­sen­zei­tung als Folge der kaum zu ertra­genden Lebens­last zu deuten? Das wird sich mit der Zeit zeigen.

 

Das „Deli­rium tre­mens“ („durch Alko­hol­miss­brauch aus­ge­löste Psy­chose“) als Weg zur Befreiung

 

Bas­aras Werk folgt dem Prot­ago­nisten nicht nur auf seinem Weg zur Befreiung von diesem Hormon, son­dern auch auf dem Weg der Ver­tei­di­gung gegen seine Dop­pel­gänger. Der Reiz des Buches findet sich gerade in der Ver­viel­fäl­ti­gung und Mischung von Erzähl­per­spek­tiven und in der Ver­schrän­kung der ana­chro­nis­ti­schen Ele­mente, die in Ver­bin­dung mit dem Alko­hol­miss­brauch des Prot­ago­nisten ent­stehen. Wann und wo berichtet wird, wer gerade erzählt, ist es nun der Maler Miro Gla­vurtić oder der Maler Mihailo Mil­o­va­nović oder der Poli­tiker Mil­ovan Đilas, das ist nicht immer klar. Zahl­reiche Per­sonen des öffent­li­chen Lebens kommen ins Spiel, um das Lese­pu­blikum vom ursprüng­li­chen Ziel des Ich-Erzäh­lers abzu­lenken. Sie tau­chen plötz­lich mitten im Satz auf, unter­bre­chen den Hand­lungs­ab­lauf, ver­weilen in man­chen Szenen und ver­ab­schieden sich, als ob ihr Erscheinen unwichtig gewesen wäre. Dadurch schafft der Autor ein des­il­lu­sio­niertes Bild seines Prot­ago­nisten, das einem deli­ri­schen Zustand ent­spricht und Ver­suche, die Erzähl­per­spek­tive zu bestimmen, in Frage stellt. In meh­reren Inter­views erläu­tert Basara, dass diese Per­sön­lich­keiten in direktem Bezug zu seinem eigenen Leben zu betrachten seien.

 

In dieser Hin­sicht trägt Kon­tra­en­dorfin zusätz­lich Züge einer Auto­bio­gra­phie. Darauf weise auch Sto­j­ko­vićs Rolle hin, die für die Deu­tung dieser ‚Dis­ser­ta­tion‘ ent­schei­dend sei. Der Maler Desimir Sto­j­ković steht nicht nur als Pen­dant zum Prot­ago­nisten, son­dern auch zu jedem ein­zelnen Men­schen, der Ser­bien wegen der Suche nach einem bes­seren Leben, nach seinem eigenen Sumatra, ver­lassen hat. Sto­j­ković, der „im Aus­land nichts anderes außer dem Teufel gefunden hat“, ist Bestand­teil des Wesens Kal­oper­ovićs. Ähn­lich wie in den Werken von Miloš Crn­janski kommt die Frage nach der Iden­tität auch bei Basara zum Aus­druck. Wäh­rend Crn­janskis Prot­ago­nist im Tage­buch über Čar­no­jević mit seinem wider­spre­chenden Selbst kon­fron­tiert wird, trifft Kal­oper­ović in Kon­tra­en­dorfin im Zustand des „deli­rium tre­mens“ mit seinem Dop­pel­gänger zusammen. Dabei weist der Dop­pel­gänger auf die fre­vel­haften Ereig­nisse der ser­bi­schen Geschichte hin, sehr oft auch auf eine degou­tante Art und Weise. Der Ich-Erzähler wagt sich nicht, Desanka Mak­si­mović, eine vom Teil der ser­bi­schen Bevöl­ke­rung glo­ri­fi­zierte Per­sön­lich­keit, zu belei­digen, wie das Sto­j­ković im Roman hem­mungslos tut.

 

Basara ver­wendet eine Viel­zahl an sprach­li­chen Mit­teln, ein­schließ­lich skan­da­löser Ver­gleiche und Vul­ga­rismen, um die Haupt­figur von der noch in den Schul­bänken (wo, wenn nicht hier?) ein­ge­prägten Dok­trin zu befreien. Gna­denlos schwenkt er vom Fürsten Miloš über Karađorđe, Gav­rilo Princip, König Alek­sandar, über Ivo Andrić, der im Roman als „enig­ma­ti­scher“ Mensch dar­ge­stellt wird, der mit seinem „schwarzen Notiz­buch inko­gnito“ durch Bel­grad fla­niert, bis hin zu Titos Ange­hö­rigen. Die von Basara ent­larvten, pola­ri­sie­rend argu­men­tie­renden Geschichten „werfen die Leser_innen aus der eigenen Kom­fort­zone hinaus“, wie Teofil Pančić, Jour­na­list und Prä­si­dent der Jury des NIN-Preises, fest­stellt. Gerade wegen seines Ver­las­sens der eigenen Kom­fort­zone ist Bas­aras Roman bei einem Teil des Lese­pu­bli­kums auf ein nega­tives Echo gestoßen. Dieses befasst sich immer wieder mehr mit den poli­ti­schen Hin­ter­gründen als mit der lite­ra­ri­schen Kunst des Autors, was wie­derum einen Schatten auf den NIN-Preis-Gewinner Kon­tra­nen­dorfin wirft.

 

Mit Scho­nungs­lo­sig­keit und bis­siger Sprache dringt das Werk, das vom Bel­grader Verlag Laguna ver­öf­fent­licht wurde, tief in die Kom­ple­xität der kroa­tisch-ser­bi­schen Bezie­hungen vor, die sich in der Gestalt einer kroa­ti­schen Ärztin ser­bi­scher Her­kunft wider­spie­geln. Wil­lent­lich treibt die Ärztin den Ich-Erzähler in einen ana­phy­lak­ti­schen Schock, der aus Warte des Textes als Erlö­sung zu betrachten ist.

 

Ein ana­phy­lak­ti­scher Schock als Mittel der Erlösung 

 

Bas­aras meis­ter­haftes Können, die Dinge zu bana­li­sieren, kommt in der Aus­wahl der Orte zum Aus­druck, wobei es sich um Schau­plätze han­delt, an denen sich die Aus­schei­dung des über­schüs­sigen Hor­mons ‚Kon­tra­en­dorfin‘ abspielt. Von den luxu­riösen Restau­rants in Paris über die berühmten Bel­grader Kneipen bis zu den tra­shigen Tank­stellen in der Voj­vo­dina, die nachts als Rast­stätte für Migrant_innen auf dem Weg in das gelobte Land dienen. Eine von diesen Tank­stellen wird zum Ort, an dem der Prot­ago­nist seine eigene Katharsis in Form eines dop­pelten kos­mi­schen Orgasmus erlebt, der seinen ana­phy­lak­ti­schen Schock aus­löst. Dieser unan­sehn­liche Ort ist die letzte Sta­tion auf seiner Reise zur Befreiung von der Epi­demie „der fal­schen Mythen“. Durch dieses letzte Hin­dernis vor dem Aus­gang aus dem Laby­rinth der Hoff­nungs­lo­sig­keit ver­wischt der Autor die Grenze zwi­schen der Wahr­haf­tig­keit und Unwahr­haf­tig­keit und regt dadurch seine Leser_innen zum Hin­ter­fragen der eigenen Geschichte an.

 

Kon­tra­en­dorfin ist ein Roman, der starke Emo­tionen aus­löst, indem er alles hin­ter­fragt, woran man bisher fest geglaubt hat. Nach der Dar­stel­lung dieses Aus­gangs­punktes der ‚Dis­ser­ta­tion‘ setzt sich die dra­ma­ti­sche Hand­lung in Gang, die einen Men­schen zum Wen­de­punkt seines Daseins treibt und zur Katharsis seiner Seele führt. Das mehr­deu­tige Han­deln des oft nicht klar zu defi­nie­renden Prot­ago­nisten führt zur Befreiung von his­to­ri­scher Belas­tung und poli­ti­scher Unmoral. Ser­bien steht der Aus­gang aus dem Laby­rinth der „fal­schen Mythen“ bevor. Ein Zei­chen dafür ist „par­thenos sylvia“, das ‘Schmet­ter­ling-Motiv’, durch das Basara eine klare Bot­schaft an die ser­bi­sche Bevöl­ke­rung richtet, und zwar im Sinne von Goe­thes Meta­mor­phose: „Stirb und werde!“ Alles, was dieses tun soll, um diese Meta­mor­phose zu errei­chen und sich von einer gewo­genen und geteilten Welt zu befreien, ist, die eigene Katharsis zu finden.

 

Lite­ratur:

Basara, Sve­t­islav: Kon­tra­en­dorfin. Beo­grad 2021.

Vuč­ković, Tanja: Isečak našeg sveta prer­ađen u labo­ra­to­riji Basa­rinog tem­pe­ra­menta. Intervju sa Sve­t­is­lavom Bas­arom, Buk­marker, Beo­grad 2021.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Basara, Sve­t­islav: Filzofija bede. Danas 2019.

Jer­gović, Mil­jenko: Srbe i Hrvate držati odvo­jeno, na suhom i mračnom mjestu. Sub­otnja mati­neja 2016.
(Zitat: „Andrićeva lestvica užasa” nije roman o Andriću, premda je Andrić možda i naj­važ­niji lik u knjizi. Ovo je roman o kolek­tivnom srpskom oboža­vanju Andrića, o tome kako je jedan genij javno kon­sti­tuiran i kon­sta­tiran, a zatim lik­vi­d­iran upravo tom odvratnom, neum­jesnom i neprih­vatljivom kolektivizacijom.“)

Pančić, Teofil: Sve­t­islav Basara dobitnik Ninove nagrade za roman „Kon­tra­en­dorfin“. knjižara roman 2021.
(Zitat: „Ovim romanom čitalac se izvodi iz zone komfora“)