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Zweites Miłosz-Festival in Krakau

Posted on 21. Juni 2011 by Peter Wegenschimmel
Schnell zur Hand ist die Vorstellung von Krakau als einer Hauptstadt für Poesie. Der steinere Mickiewicz im Blitzlichtgewitter, stellt man sich vor, trifft sich hier mit dem Renaissancedichter Jan Kochanowski, den eine Skulptur in den Tuchhallen zeigt. „Genau der richtige Ort“, dachten Wisława Szymborska und Czesław Miłosz und besorgten hier 1997 und 2000 die Krakauer Dichtertreffen. Auch 2011 hält man Krakau noch für die geeignete Kulisse eines Poesiefestivals.

Żebym wreszcie powiedzieć mógł, co siedzi we mnie
Damit ich endlich sagen kann, was sitzt in mir

 

milosz-miloszSchnell zur Hand ist die Vorstellung von Krakau als einer Hauptstadt für Poesie. Der steinere Mickiewicz im Blitzlichtgewitter, stellt man sich vor, trifft sich hier mit dem Renaissancedichter Jan Kochanowski, den eine Skulptur in den Tuchhallen zeigt. „Genau der richtige Ort“, dachten Wisława Szymborska und Czesław Miłosz und besorgten hier 1997 und 2000 die Krakauer Dichtertreffen. Auch 2011 hält man Krakau noch für die geeignete Kulisse eines Poesiefestivals. Es soll dem Miłosz-Jahr seinen Höhepunkt geben. Als Thema wählte der Festivaldirektor Jerzy Illg den Buchtitel Rodzinna Europa (1998, Deutsch als West und Östliches Gelände erschienen): Es könne kein Zufall sein, dass gleich auf den Geburtstag der erste polnische Ratsvorsitz in der EU folgt. In Gazeta Wyborcza fragte Illg nach der Wörtlichkeit des Titels: „Es stellt sich die Frage: Verhält sich Europa auch in Zukunft wie eine Familie, wie werden Neuankömmlinge, Immigranten aufgenommen?“ Ohne Migrationserfahrungen wäre Rodzinna Europa nicht zu schreiben gewesen. Zu deutlich artikuliert es die Schmerzhaftigkeit von Grenzen, die oft unnatürlich bleiben und von denen wenig als das Staunen der Bewohner bleibt. Hat das etwas damit zu tun, wenn sich heute tunesische Intellektuelle beschweren, dass die EU mit ihren Grenzerweiterungen viel zu lange nach Osten geschielt habe?

 

Milosz-PU-URODZENIE-2

***
 

Fast 200 Autoren, Übersetzer und Wissenschaftler waren für Lesungen, Konzerte, Diskussionen und akademische Vorträge geladen. Oftmals war Miłosz eher der Veranstaltungsanlass als das Thema. In dem Panel Tumult der vielen Religionen spricht die türkische Soziologin Nilüfer Göle über die psychischen Auswirkungen von Migration. Reflexion und „relearning“ bewirken ein neues Selbstverhältnis. Es ist beinahe ein glücklicher Zufall, wenn Göle einen Aspekt von Miłoszs Beziehung zur litauisch-polnischen Heimat und der europäischen Kultur trifft. Ein glücklicher Zufall ist es denn auch, wenn Bei Dao in dem Panel Geburtsort Exileindrücke teilt und erzählt, wie schwer es war, nach vierzehn Jahren seine Straße in Beijing wiederzufinden. Oder wenn Irena Grudzińska-Gross den polnischen Emigranten eigentümliche Komplexe unterstellt, die sich aus der steten Unsicherheit und einer „unfertigen Identität“ ergeben. Was für Miłosz die Geburtsstätte Europas gewesen sei, wird sie von einem Studenten aus dem Publikum gefragt. „Nicht so sehr Griechenland, wie das bei Zbigniew Herbert der Fall war“, meint Grudzińska-Gross. „Der Kern seines Europas war vielmehr die lateinische Welt mit ihrem Zentrum Rom. Sicherlich auch das Christentum.“ …worauf Egidijus Aleksandravičius’ Hand in die Höhe schnellt wie bei einem willigen Schüler und er eilig hinzufügt: „Und die Heiden in Litauen“.

 

***
 

Oleh Lyšecha freut sich über die Neue Synagoge als Leseort. Fein klingt Adonis’ Stimme im Klangraum von Św. Piotra i Pawła. In der Kirche Bożego Ciała stellt Mütterchen Szymborska ihre Handtasche auf das weiße Ledersofa vor dem Altar. Zu den sakralen Einheiten gesellt sich im Mai der weiße Pavillon auf dem Plac Szczepański. Für Lesungen eine Schnapsidee. Das Geräusch des Luftabzugs verbreitet eine Hüpfburgatmosphäre. Luft gerät zwischen den Menschenmassen ins Stocken und der Pavillon platzt aus allen Nähten – schließlich gibt es keinen Eintritt und Polen sind neugierig! Wer so ins Fluchen kommt auf die Veranstalter, sollte denselben Ort abends besuchen, hineinschmökern in die Installation Miłosz-Orte. Der Besucher wählt zwischen Gedichten und Prosastücken. Aufnahmen der dazugehörigen Orte werden als 360°-Panorama auf eine Leinwand geworfen. Die Bilder sind meist verpixelt, einzelne Manuskriptseiten fliegen einher. Zu dem Gedicht Durch das Spiegelkabinett zeigt M. Łuczyński Videomaterial aus den kalifornischen Klippen. Keine Urlaubsfotos. Die Natur in ihrer kantigen Unmenschlichkeit. Die Kamera fährt in einen Nadelwald mit riesigen Bäumen ein, um wieder beim unruhigen Meer zu landen.
Ein Mann mit Brille und Mantel wählt das Gedicht Saal: Die Brücken von Paris sind zu sehen, asiatische Touristen winken in die Kamera, Notre-Dame.

 

***
 

“Freunde“ ist eines der Lieblingsworte Jerzy Illgs. Das Wort zergeht ihm auf der Zunge. Und salbungsvoll erklärt er, dass es sich um eine Feier unter Freunden handelt. Gleichwohl betonte Illg (salbungsvoll) in Interviews, dass man nur in Diskussion und Auseinandersetzung dem Dichter gerecht werden könne, nicht in Verehrung. Ein zweiter Seliger neben Johannes Paul im Monat seiner Beatifikation, das wäre wohl schwer zu verdauen gewesen für Krakau. Wie alle Veranstaltungen war das Treffen Freunde erinnern Czesław Miłosz von Fernsehteams belagert. Fünf Kameras jagen Adam Zagajewskis Minen, der sich ein wenig beschwert und sich weigert aufzustehen. Er spricht über Miłoszs Untauglichkeit zur Ikone. Seine Biographie sei zu komplex, als dass es einen Miłosz gebe. „Es gab einen Rilke, einen Mandelstam, nur in ihm ist diese wunderbare Vielfalt.“ Als die Freunde darum gebeten werden ein Gedicht vorzustellen, entscheidet sich Zagajewski für Das*, vom fast Neunzigjährigen geschrieben.

 

Damit ich endlich sagen kann, was sitzt in mir.
Ausrufen: Leute, angelogen hab ich euch
Zu sagen, dass das in mir nicht ist,
Während das dauernd da ist, im Tag und der Nacht.
Obgleich dem verdank ichs gerade
Dass ich konnt beschreiben eure leichtentzündlichen Städte,
Eure kurzen Lieben und Vergnügen, bröckeln sie wie Mulm,
Ohrringe, Spiegel, zart verrutschender Träger,
Szenen in Schlafzimmern, auf Schlachtfeldern.

Schreiben war für mich die Abwehrstrategie
des Verwischens von Spuren. Weil nicht gefallen kann den Leuten
der, wer greift nach Verbotenem.
...
2000

Milosza_wspominaja_przyjaciele_1_fot_Pawel_Ulatowski
Tomas Venclova erzählt von einem Gespräch mit Miłosz in Berkeley. Sie waren irgendwie auf den Nobelpreis gekommen, als Venclova plötzlich mit der Frage konfrontiert wurde: „Was denkst du? Welcher der polnischen Autoren könnte den Nobelpreis erhalten?“ Venclova nannte Lem, der auf der ganzen Welt gelesen wird. Miłosz überlegte kurz und erwiderte: „Im Grunde ist mir der Nobelpreis egal. Aber ehrlich gesagt, wäre ich nicht besonders glücklich, wenn ihn ein anderer Pole als ich bekäme.“
Jane Hirshfield erinnert sich an die letzten Begegnungen. Sie sah den gefassten Miłosz beim Begräbnis seiner Frau Carol. Wie konnte er so ruhig sein? Erst später hatte sie etwas verstanden: „Sein ganzes Leben war Einüben in Leiden gewesen.“ Ausgewählt hat sie diese Geschichte, weil Miłosz am Ende einer von Robert Faggen ausgerichteten Konferenz bemerkte: „Ihr habt viel Kluges über mich gesagt. Aber eines habt ihr vergessen. Das Leiden.“

 

***
 

„Mit polnischer Poesie gegen den Rest der Welt“, mit diesem Essaytitel wurde im Programmheft der wissenschaftliche Part angekündigt. Aleksander Fiut leitet die Diskussion, Łukasz Tischer, für die Einhaltung des Zeitlimit verantwortlich, wippt nervös mit den Füßen. Miłosz, der Antimodernist. So wird er vorgestellt. Denn welcher Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts glaubte sonst an die Ursünde? In Das Land Ulro liest er Blake und Swedenborg gegen, um schließlich hängen zu bleiben bei der Vorstellung, dass die Menschen von etwas geschwächt sind, wofür sie selbst nicht zu verantworten sind. Ähnliche Gedanken enthält der Theologische Traktat, dessen Rhetorik Magdalena Lubelska untersucht. Gleichfalls liegt in der Poesie selbst eine Ursünde, für die sie niemals gänzlich aufkommen kann.
Und Miłosz war antisentimental, indem er es für naiv hielt, die Welten zu vermischen. Ein Gott soll zu Göttern sprechen, ein Toter spricht zu Toten, der Dichter kann sich nur an Menschen richten. Das ist weit mehr als trivial, wenn es um die Frage geht, wie den Krieg und das Ghetto beschreiben. Joanna Zach weist darauf hin, dass ein solcher Naturalismus vom Schmerz lebt und Schopenhauers Gedanken gilt, dass ein Mensch gerade so viel Mensch ist, wie er Schmerzen in sich trägt.

 

***
 

Für viele Neuerscheinungen zum Jubiläumsjahr kann man dankbar sein. Sicherlich für die Bibliografie von Agnieszka Kosińska, für Andrzej Franaszeks Biographie, zehn Jahre saß er an ihr, für einen Band mit Gesprächen, den Band Rosja, der Miłoszs Artikel zum Thema Russland versammelt. Ohne Zweifel auch für die erschwingliche Ausgabe der gesammelten Gedichte beim Verlag Znak, wofür Julia Hartwig eine Einleitung verfasste:
„Durch die Schönheit seiner Gedichte und die Kraft, mit der er Fragen aufwirft, lässt der Aufenthalt im Kreis seiner Erfahrungen zuweilen den Garten der Poesie zum Vorhof der Hölle werden. Auch deshalb nannte er sich Meister der überwundenen Verzweiflung. Wiederum konnte er auch Meister der bezaubernd-märchenhaften Momente sein, als er Welt. Naive Gedichte schrieb.“
Von Zeszyty Literackie erschien 2011 eine Sondernummer mit dem Titel „Und Bücher haben ihr Los“. Sie enthält ein bisher unveröffentlichtes Gedicht, den Briefwechsel zwischen Miłosz und Konstantin A. Jeleński und Wesentliches zum Verhältnis zu Aleksander Wat. Das Gedicht Aber Bücher** steht am Ende dieses Bandes. Als die englische Übersetzerin Clare Cavanagh mit Miłosz einmal den Ablauf einer Lesung vor Studenten besprach, meinte Miłosz, unbedingt müsse man zuerst den Lebenslauf besprechen und überhaupt diskutieren und als letztes kämen seine Gedichte an die Reihe. „Sie sollen zuerst glauben, dass ich ein ganz normaler Mensch bin“.
...
Ich male mir die Erde aus, wenn ich nicht bin
– nichts, kein Abgängiger, weiter dies Wunderliche,
Kleider der Frauen, nasser Jasmin, Lied im Tal.
Aber Bücher sind in den Regalen; gut geboren,
Von Menschen, aber auch von Klarheit, Hoheit.
1986

 

Illustration von Nastasia Louveau
Fotos von Paweł Ulatowski

 

Videos und Informationen zum Festival und seinen Gästen:
www.milosz365.pl/pl,goscie.php
www.milosz365.pl/pl,2festiwal-milosz.php

 

*   Erstdruck: Zeszyty Literackie 2000, Nr.69. Übers. p.w.
** Erstdruck: Zeszyty Literackie 1987, Nr.18. Übers. p.w.

Zweites Miłosz-Festival in Krakau – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Zweites Miłosz-Fes­tival in Krakau

Żebym wres­zcie powied­zieć mógł, co siedzi we mnie
Damit ich end­lich sagen kann, was sitzt in mir

 

milosz-milosz

Schnell zur Hand ist die Vor­stel­lung von Krakau als einer Haupt­stadt für Poesie. Der stei­nere Mickie­wicz im Blitz­licht­ge­witter, stellt man sich vor, trifft sich hier mit dem Renais­sance­dichter Jan Koch­a­nowski, den eine Skulptur in den Tuch­hallen zeigt. „Genau der rich­tige Ort“, dachten Wisława Szym­borska und Czesław Miłosz und besorgten hier 1997 und 2000 die Kra­kauer Dich­ter­treffen. Auch 2011 hält man Krakau noch für die geeig­nete Kulisse eines Poe­sie­fes­ti­vals. Es soll dem Miłosz-Jahr seinen Höhe­punkt geben. Als Thema wählte der Fes­ti­val­di­rektor Jerzy Illg den Buch­titel Rod­zinna Europa (1998, Deutsch als West und Öst­li­ches Gelände erschienen): Es könne kein Zufall sein, dass gleich auf den Geburtstag der erste pol­ni­sche Rats­vor­sitz in der EU folgt. In Gazeta Wyborcza fragte Illg nach der Wört­lich­keit des Titels: „Es stellt sich die Frage: Ver­hält sich Europa auch in Zukunft wie eine Familie, wie werden Neu­an­kömm­linge, Immi­granten auf­ge­nommen?“ Ohne Migra­ti­ons­er­fah­rungen wäre Rod­zinna Europa nicht zu schreiben gewesen. Zu deut­lich arti­ku­liert es die Schmerz­haf­tig­keit von Grenzen, die oft unna­tür­lich bleiben und von denen wenig als das Staunen der Bewohner bleibt. Hat das etwas damit zu tun, wenn sich heute tune­si­sche Intel­lek­tu­elle beschweren, dass die EU mit ihren Grenz­erwei­te­rungen viel zu lange nach Osten geschielt habe?

 

Milosz-PU-URODZENIE-2

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Fast 200 Autoren, Über­setzer und Wis­sen­schaftler waren für Lesungen, Kon­zerte, Dis­kus­sionen und aka­de­mi­sche Vor­träge geladen. Oft­mals war Miłosz eher der Ver­an­stal­tungs­an­lass als das Thema. In dem Panel Tumult der vielen Reli­gionen spricht die tür­ki­sche Sozio­login Nilüfer Göle über die psy­chi­schen Aus­wir­kungen von Migra­tion. Refle­xion und „relear­ning“ bewirken ein neues Selbst­ver­hältnis. Es ist bei­nahe ein glück­li­cher Zufall, wenn Göle einen Aspekt von Miłoszs Bezie­hung zur litau­isch-pol­ni­schen Heimat und der euro­päi­schen Kultur trifft. Ein glück­li­cher Zufall ist es denn auch, wenn Bei Dao in dem Panel Geburtsort Exi­l­ein­drücke teilt und erzählt, wie schwer es war, nach vier­zehn Jahren seine Straße in Bei­jing wie­der­zu­finden. Oder wenn Irena Grud­zińska-Gross den pol­ni­schen Emi­granten eigen­tüm­liche Kom­plexe unter­stellt, die sich aus der steten Unsi­cher­heit und einer „unfer­tigen Iden­tität“ ergeben. Was für Miłosz die Geburts­stätte Europas gewesen sei, wird sie von einem Stu­denten aus dem Publikum gefragt. „Nicht so sehr Grie­chen­land, wie das bei Zbi­gniew Her­bert der Fall war“, meint Grud­zińska-Gross. „Der Kern seines Europas war viel­mehr die latei­ni­sche Welt mit ihrem Zen­trum Rom. Sicher­lich auch das Chris­tentum.“ …worauf Egi­dijus Alek­san­dra­vičius’ Hand in die Höhe schnellt wie bei einem wil­ligen Schüler und er eilig hin­zu­fügt: „Und die Heiden in Litauen“.

 

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Oleh Lyšecha freut sich über die Neue Syn­agoge als Leseort. Fein klingt Adonis’ Stimme im Klang­raum von Św. Piotra i Pawła. In der Kirche Bożego Ciała stellt Müt­ter­chen Szym­borska ihre Hand­ta­sche auf das weiße Leder­sofa vor dem Altar. Zu den sakralen Ein­heiten gesellt sich im Mai der weiße Pavillon auf dem Plac Szc­ze­pański. Für Lesungen eine Schnaps­idee. Das Geräusch des Luft­ab­zugs ver­breitet eine Hüpf­burgat­mo­sphäre. Luft gerät zwi­schen den Men­schen­massen ins Sto­cken und der Pavillon platzt aus allen Nähten – schließ­lich gibt es keinen Ein­tritt und Polen sind neu­gierig! Wer so ins Flu­chen kommt auf die Ver­an­stalter, sollte den­selben Ort abends besu­chen, hin­einschmö­kern in die Instal­la­tion Miłosz-Orte. Der Besu­cher wählt zwi­schen Gedichten und Pro­sa­stü­cken. Auf­nahmen der dazu­ge­hö­rigen Orte werden als 360°-Panorama auf eine Lein­wand geworfen. Die Bilder sind meist ver­pi­xelt, ein­zelne Manu­skript­seiten fliegen einher. Zu dem Gedicht Durch das Spie­gel­ka­bi­nett zeigt M. Łuc­zyński Video­ma­te­rial aus den kali­for­ni­schen Klippen. Keine Urlaubs­fotos. Die Natur in ihrer kan­tigen Unmensch­lich­keit. Die Kamera fährt in einen Nadel­wald mit rie­sigen Bäumen ein, um wieder beim unru­higen Meer zu landen.
Ein Mann mit Brille und Mantel wählt das Gedicht Saal: Die Brü­cken von Paris sind zu sehen, asia­ti­sche Tou­risten winken in die Kamera, Notre-Dame.

 

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“Freunde“ ist eines der Lieb­lings­worte Jerzy Illgs. Das Wort zer­geht ihm auf der Zunge. Und sal­bungs­voll erklärt er, dass es sich um eine Feier unter Freunden han­delt. Gleich­wohl betonte Illg (sal­bungs­voll) in Inter­views, dass man nur in Dis­kus­sion und Aus­ein­an­der­set­zung dem Dichter gerecht werden könne, nicht in Ver­eh­rung. Ein zweiter Seliger neben Johannes Paul im Monat seiner Bea­ti­fi­ka­tion, das wäre wohl schwer zu ver­dauen gewesen für Krakau. Wie alle Ver­an­stal­tungen war das Treffen Freunde erin­nern Czesław Miłosz von Fern­seh­teams bela­gert. Fünf Kameras jagen Adam Zaga­jew­skis Minen, der sich ein wenig beschwert und sich wei­gert auf­zu­stehen. Er spricht über Miłoszs Untaug­lich­keit zur Ikone. Seine Bio­gra­phie sei zu kom­plex, als dass es einen Miłosz gebe. „Es gab einen Rilke, einen Man­del­stam, nur in ihm ist diese wun­der­bare Viel­falt.“ Als die Freunde darum gebeten werden ein Gedicht vor­zu­stellen, ent­scheidet sich Zaga­jewski für Das*, vom fast Neun­zig­jäh­rigen geschrieben.

 

Damit ich end­lich sagen kann, was sitzt in mir.
Aus­rufen: Leute, ange­logen hab ich euch
Zu sagen, dass das in mir nicht ist,
Wäh­rend das dau­ernd da ist, im Tag und der Nacht.
Obgleich dem ver­dank ichs gerade
Dass ich konnt beschreiben eure leicht­ent­zünd­li­chen Städte,
Eure kurzen Lieben und Ver­gnügen, brö­ckeln sie wie Mulm,
Ohr­ringe, Spiegel, zart ver­rut­schender Träger,
Szenen in Schlaf­zim­mern, auf Schlachtfeldern.

Schreiben war für mich die Abwehrstrategie
des Ver­wi­schens von Spuren. Weil nicht gefallen kann den Leuten
der, wer greift nach Verbotenem.

2000

Milosza_wspominaja_przyjaciele_1_fot_Pawel_Ulatowski
Tomas Ven­clova erzählt von einem Gespräch mit Miłosz in Ber­keley. Sie waren irgendwie auf den Nobel­preis gekommen, als Ven­clova plötz­lich mit der Frage kon­fron­tiert wurde: „Was denkst du? Wel­cher der pol­ni­schen Autoren könnte den Nobel­preis erhalten?“ Ven­clova nannte Lem, der auf der ganzen Welt gelesen wird. Miłosz über­legte kurz und erwi­derte: „Im Grunde ist mir der Nobel­preis egal. Aber ehr­lich gesagt, wäre ich nicht beson­ders glück­lich, wenn ihn ein anderer Pole als ich bekäme.“
Jane Hir­sh­field erin­nert sich an die letzten Begeg­nungen. Sie sah den gefassten Miłosz beim Begräbnis seiner Frau Carol. Wie konnte er so ruhig sein? Erst später hatte sie etwas ver­standen: „Sein ganzes Leben war Ein­üben in Leiden gewesen.“ Aus­ge­wählt hat sie diese Geschichte, weil Miłosz am Ende einer von Robert Faggen aus­ge­rich­teten Kon­fe­renz bemerkte: „Ihr habt viel Kluges über mich gesagt. Aber eines habt ihr ver­gessen. Das Leiden.“

 

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„Mit pol­ni­scher Poesie gegen den Rest der Welt“, mit diesem Essay­titel wurde im Pro­gramm­heft der wis­sen­schaft­liche Part ange­kün­digt. Alek­sander Fiut leitet die Dis­kus­sion, Łukasz Tischer, für die Ein­hal­tung des Zeit­limit ver­ant­wort­lich, wippt nervös mit den Füßen. Miłosz, der Anti­mo­der­nist. So wird er vorgestellt. Denn wel­cher Dichter des zwan­zigsten Jahr­hun­derts glaubte sonst an die Ursünde? In Das Land Ulro liest er Blake und Swe­den­borg gegen, um schließ­lich hängen zu bleiben bei der Vor­stel­lung, dass die Men­schen von etwas geschwächt sind, wofür sie selbst nicht zu ver­ant­worten sind. Ähn­liche Gedanken ent­hält der Theo­lo­gi­sche Traktat, dessen Rhe­torik Mag­da­lena Lub­elska unter­sucht. Gleich­falls liegt in der Poesie selbst eine Ursünde, für die sie nie­mals gänz­lich auf­kommen kann.
Und Miłosz war anti­sen­ti­mental, indem er es für naiv hielt, die Welten zu ver­mi­schen. Ein Gott soll zu Göt­tern spre­chen, ein Toter spricht zu Toten, der Dichter kann sich nur an Men­schen richten. Das ist weit mehr als tri­vial, wenn es um die Frage geht, wie den Krieg und das Ghetto beschreiben. Joanna Zach weist darauf hin, dass ein sol­cher Natu­ra­lismus vom Schmerz lebt und Scho­pen­hauers Gedanken gilt, dass ein Mensch gerade so viel Mensch ist, wie er Schmerzen in sich trägt.

 

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Für viele Neu­erschei­nungen zum Jubi­lä­ums­jahr kann man dankbar sein. Sicher­lich für die Biblio­grafie von Agnieszka Kosińska, für Andrzej Fra­nas­zeks Bio­gra­phie, zehn Jahre saß er an ihr, für einen Band mit Gesprä­chen, den Band Rosja, der Miłoszs Artikel zum Thema Russ­land ver­sam­melt. Ohne Zweifel auch für die erschwing­liche Aus­gabe der gesam­melten Gedichte beim Verlag Znak, wofür Julia Hartwig eine Ein­lei­tung verfasste:
„Durch die Schön­heit seiner Gedichte und die Kraft, mit der er Fragen auf­wirft, lässt der Auf­ent­halt im Kreis seiner Erfah­rungen zuweilen den Garten der Poesie zum Vorhof der Hölle werden. Auch des­halb nannte er sich Meister der über­wun­denen Ver­zweif­lung. Wie­derum konnte er auch Meister der bezau­bernd-mär­chen­haften Momente sein, als er Welt. Naive Gedichte schrieb.“
Von Zes­zyty Liter­ackie erschien 2011 eine Son­der­nummer mit dem Titel „Und Bücher haben ihr Los“. Sie ent­hält ein bisher unver­öf­fent­lichtes Gedicht, den Brief­wechsel zwi­schen Miłosz und Kon­stantin A. Jeleński und Wesent­li­ches zum Ver­hältnis zu Alek­sander Wat. Das Gedicht Aber Bücher** steht am Ende dieses Bandes. Als die eng­li­sche Über­set­zerin Clare Cava­nagh mit Miłosz einmal den Ablauf einer Lesung vor Stu­denten besprach, meinte Miłosz, unbe­dingt müsse man zuerst den Lebens­lauf bespre­chen und über­haupt dis­ku­tieren und als letztes kämen seine Gedichte an die Reihe. „Sie sollen zuerst glauben, dass ich ein ganz nor­maler Mensch bin“.

Ich male mir die Erde aus, wenn ich nicht bin
– nichts, kein Abgän­giger, weiter dies Wunderliche,
Kleider der Frauen, nasser Jasmin, Lied im Tal.
Aber Bücher sind in den Regalen; gut geboren,
Von Men­schen, aber auch von Klar­heit, Hoheit.
1986

 

Illus­tra­tion von Nastasia Louveau
Fotos von Paweł Ulatowski

 

Videos und Infor­ma­tionen zum Fes­tival und seinen Gästen:
www.milosz365.pl/pl,goscie.php
www.milosz365.pl/pl,2festiwal-milosz.php

 

*   Erst­druck: Zes­zyty Liter­ackie 2000, Nr.69. Übers. p.w.
** Erst­druck: Zes­zyty Liter­ackie 1987, Nr.18. Übers. p.w.