Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bes­tens prä­pa­riert. Al’herd Bach­arė­vičs Roman Die Elster auf dem Galgen

Man über­sieht sie leicht. Dabei sitzt die Elster im Bild Pieter Brue­gels d. Ä. genau im Mit­tel­punkt, auf dem Galgen. Wer die detail- und anspie­lungs­rei­chen Arbeiten Brue­gels betrachtet, sollte lange Weile haben und ganz Auge werden. Ähn­li­ches gilt für den Roman “Die Elster auf dem Galgen” des bela­rus­si­schen Schrift­stel­lers Al’herd Bach­arėvič, der sich nicht nur des brue­gel­schen Titels bedient.

 

 

Als unscharfes Dia, pro­ji­ziert auf die mit che­mi­schen For­meln beschrie­bene Tafel, begegnet das Bild Vier­a­nika wohl nur ein ein­ziges Mal: „Ein Bild eben, Michel­an­gelo-Raf­fael-Leo­nar­do­da­vinci, einer von ihnen würde es schon sein. Viel Wald, ein Stück Himmel, Berge. Irgend­etwas Ver­schwom­menes im Vor­der­grund.“ Vier­a­nika ist nicht son­der­lich moti­viert, sich ein­ge­hender mit dem Gegen­stand der öden Vor­le­sung zu befassen. Wer wollte es ihr ver­denken: „Es war schließ­lich Herbst und sie war acht­zehn.“

Al’herd Bach­arėvič [Alhierd Bach­arevič] prä­sen­tiert seine Haupt­figur als eher schlichtes Durch­schnitts­gemüt in einem (teil­weise auf­fällig an Belarus erin­nernden) auto­ri­tären Staat. Beengte Wohn­ver­hält­nisse, Pio­nier­la­ger­ge­schichten, puber­tie­rende Jungs, triste Stu­di­en­jahre und Fluchten in vir­tu­elle Welten – in Vier­a­nika dürften sich viele Mins­ke­rinnen wie­der­finden, viel­leicht weh­mütig, viel­leicht auch unan­ge­nehm berührt. Die junge Frau gerät an eine Stelle in der Bezirks­ab­tei­lung des staat­li­chen Sicher­heits­dienstes und ist dem Regime treu zu Diensten. An ihrer unre­flek­tierten Sys­tem­gläu­big­keit zer­bricht die Bezie­hung zu ihrem Freund, dem Ich-Erzähler, der sich ins frei­wil­lige Exil einer (auf­fällig an Ham­burg erin­nernden) „nörd­li­chen Hafen­stadt“ begibt – Par­al­lelen zu autor­bio­gra­fi­schen Details sind nicht zu über­sehen. Er blickt mit Abstand zurück auf sein Land und auf Vier­a­nika. Und dieser Abstand lässt ihn nun auch die Elster erkennen, wo er früher nur den Galgen wahr­nahm.

Dieser Plot ließe sich durchaus chro­no­lo­gisch erzählen. Zumal er auf ein dra­ma­ti­sches Finale zusteuert: „In circa fünf Minuten ist sie tot“, lautet der starke erste Satz. Von Beginn an weiß der Leser um Vier­a­nikas Ermor­dung, er darf sie sogar mehr­fach mit­er­leben. Bach­arėvič hat seinen Roman näm­lich nicht dem Diktat der Zeit unter­worfen, son­dern dem des Kör­pers, er folgt keiner Chrono‑, son­dern einer Phy­sio­logie. Jedes Kapitel kreist um ein Kör­per­teil, der zer­glie­derte Körper gibt dem Text seine Struktur. Vier­a­nika und mit ihr der Leser wird bald ganz Ohr, bald Haar oder Zunge. Da wird von der kleinen Vier­a­nika, die sich an einem Eis­zapfen fest­lutscht, zum ersten Tie­fen­kuss gesprungen, weiter zum Haar im Munde des Vor­ge­setzten und wieder zurück zum ritu­ellen Brief­mar­ken­an­feuchten in Kin­der­tagen. Zunächst fühlt man sich ange­sichts wie­der­holt gekappter Hand­lungs­fäden irri­tiert. Sobald man aber erkannt hat, wie sou­verän der Prä­pa­rator Bach­arėvič sein Skal­pell hand­habt, kann man die Irri­ta­tion getrost fahren lassen und sich ein­fach an seinen Schnitt­künsten erfreuen.

Immer wieder bricht sich die ana­to­mi­sche Per­spek­tive auch in der Sprache Bahn, in Sätzen wie: „Der zen­trale Schnitt führt vom Kinn zur Scham­bein­fuge bei links­sei­tiger Umschnei­dung des Nabels.“ Kapitel für Kapitel werden die Kör­per­re­gionen Vier­a­nikas inspi­ziert, wird die Mord­szene neu beleuchtet und dar­ge­stellt, welche Lebens­funk­tionen gerade ver­sagen, wann und wo die Tar­dieu-Fle­cken auf­treten oder welche inneren Organe wie geschä­digt sind. Der Autor bleibt dabei aber nicht bei der Sprache rechts­me­di­zi­ni­scher Obduk­ti­ons­pro­to­kolle stehen. Sie dient ihm viel­mehr als Ansatz­punkt für poe(ti)sche Refle­xionen. Als Sub­text des Romans, bereits im vor­an­ge­stellten Motto auf­ge­rufen, ist Poes Erzäh­lung Bere­nice mit­zu­denken. Bere­nice ist weit mehr als eine bloße Namens­vet­terin Vier­a­nikas. Natür­lich werden auch Anspie­lungen auf das Haar der Bere­nike und Sei­ten­hiebe auf Coelho und seinem Roman Vero­nika beschließt zu sterben nicht aus­ge­lassen.

 

Außerdem leistet sich Bach­arėvič Exkurse ins flo­ren­ti­ni­sche Museum La Spe­cola mit seinen ana­to­mi­schen Wachs­mo­dellen, zu einem spek­ta­ku­lären Mord­fall im London des Jahres 1910 oder er gibt aus­führ­liche Hin­weise zum nutz­brin­genden Ein­satz von Mas­cara- Bürst­chen und Wim­pern­zange. Die offene Erzähl­struktur ver­leitet dazu, bis­weilen auch Pas­sagen auf­zu­nehmen, die zwar the­ma­tisch zu recht­fer­tigen sind, letzt­lich aber weder ästhe­tisch noch inhalt­lich unent­behr­lich wären. Hier hätte man sich man­ches Mal beherz­tere Ampu­ta­tionen von Autor oder Lektor gewünscht. Zumal die Geschichte Vier­a­nikas in der frei­wil­ligen Skla­verei, die Erfah­rungen des Ich-Erzäh­lers im frei­wil­ligen Exil und die Aben­teuer von Vier­a­nikas Alter Ego Regima in einer Second-life-Welt an sich span­nend genug sind. Der Prä­pa­rator schneidet nicht nur gut, er hat auch hoch­wer­tiges Mate­rial unterm Messer. Mit Die Elster auf dem Galgen hat Bach­arėvič einen gewagten Roman vor­ge­legt, der nicht nur in der bela­rus­si­schen Gegen­warts­li­te­ratur sei­nes­glei­chen sucht. In der Ost­eu­ropa-Biblio­thek des Leip­ziger Lite­ra­tur­ver­lags erscheint er nun in deut­scher Über­set­zung. Man über­sieht ihn leicht.

 

Alhierd Bach­arevič: Die Elster auf dem Galgen. Roman. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Leipzig 2010.

Siehe auch das von Thomas Weiler ins Deut­sche über­tra­gene Inter­view mit Al’herd Bach­arėvič:
Wahre Leser wollen betrogen sein

 

Buch­pu­bli­ka­tionen von Al’herd Bach­arėvič:

Malaja Mėdyč­naja Ėncy­kl­ja­pė­dyja Bach­arė­viča (Bach­arė­vičs kleines Medi­zin­le­xikon). Minsk 2011. (im Erscheinen)

Cha­lodnae sėrca. Pera­klad z’ nja­me­ckaj i pas’ljamova Al’herda Bach­arė­viča (Wil­helm Hauff: Das kalte Herz. Aus dem Deut­schen über­setzt und mit einem Nach­wort ver­sehen von Al’herd Bach­arėvič). Minsk 2009. (auch als Hör­buch bei Bel­Ton­Media 2009)

Saroka na šybe­nicy (Die Elster auf dem Galgen). Minsk 2009.

Alhierd Bach­a­rewicz: Talent do jąkania się. Opowia­dania wybrane (Die Gabe des Stot­terns. Aus­ge­wählte Erzäh­lungen). Tłu­maczenie Katar­zyna Bort­nowska, Katar­zyna Kwiat­kowska, Maryja Łuce­wicz-Napałkow. Wydanie dwu­ję­zy­czne: polsko-biało­ruskie. Wro­cław 2008.

Pra­kl­ja­tyja hos’ci sta­licy (Ver­dammte Haupt­stadt­gäste). Minsk 2008.

Nijakaj litas’ci Val­jan­cine H. (Keine Gnade für Val­janzina H.). Minsk 2006.

Natural’naja afarboŭka (Die natür­liche Fär­bung). Minsk 2003. Prak­tyčny dapa­možnik pa rujnavan’ni haradoŭ (Pra­xis­hand­buch zur Zer­stö­rung von Städten). Sankt-Pec­jar­burh, Vil’nja 2002.

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