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Bestens präpariert. Al’herd Bacharėvičs Roman Die Elster auf dem Galgen

Posted on 19. November 2010 by Thomas Weiler
Man übersieht sie leicht. Dabei sitzt die Elster im Bild Pieter Bruegels d. Ä. genau im Mittelpunkt, auf dem Galgen. Wer die detail- und anspielungsreichen Arbeiten Bruegels betrachtet, sollte lange Weile haben und ganz Auge werden. Ähnliches gilt für den Roman "Die Elster auf dem Galgen" des belarussischen Schriftstellers Al’herd Bacharėvič, der sich nicht nur des bruegelschen Titels bedient.

Man übersieht sie leicht. Dabei sitzt die Elster im Bild Pieter Bruegels d. Ä. genau im Mittelpunkt, auf dem Galgen. Wer die detail- und anspielungsreichen Arbeiten Bruegels betrachtet, sollte lange Weile haben und ganz Auge werden. Ähnliches gilt für den Roman "Die Elster auf dem Galgen" des belarussischen Schriftstellers Al’herd Bacharėvič, der sich nicht nur des bruegelschen Titels bedient.

 

 

Als unscharfes Dia, projiziert auf die mit chemischen Formeln beschriebene Tafel, begegnet das Bild Vieranika wohl nur ein einziges Mal: „Ein Bild eben, Michelangelo-Raffael-Leonardodavinci, einer von ihnen würde es schon sein. Viel Wald, ein Stück Himmel, Berge. Irgendetwas Verschwommenes im Vordergrund.“ Vieranika ist nicht sonderlich motiviert, sich eingehender mit dem Gegenstand der öden Vorlesung zu befassen. Wer wollte es ihr verdenken: „Es war schließlich Herbst und sie war achtzehn.“

Al’herd Bacharėvič präsentiert seine Hauptfigur als eher schlichtes Durchschnittsgemüt in einem (teilweise auffällig an Belarus erinnernden) autoritären Staat. Beengte Wohnverhältnisse, Pionierlagergeschichten, pubertierende Jungs, triste Studienjahre und Fluchten in virtuelle Welten – in Vieranika dürften sich viele Minskerinnen wiederfinden, vielleicht wehmütig, vielleicht auch unangenehm berührt. Die junge Frau gerät an eine Stelle in der Bezirksabteilung des staatlichen Sicherheitsdienstes und ist dem Regime treu zu Diensten. An ihrer unreflektierten Systemgläubigkeit zerbricht die Beziehung zu ihrem Freund, dem Ich-Erzähler, der sich ins freiwillige Exil einer (auffällig an Hamburg erinnernden) „nördlichen Hafenstadt“ begibt – Parallelen zu autorbiografischen Details sind nicht zu übersehen. Er blickt mit Abstand zurück auf sein Land und auf Vieranika. Und dieser Abstand lässt ihn nun auch die Elster erkennen, wo er früher nur den Galgen wahrnahm.

Dieser Plot ließe sich durchaus chronologisch erzählen. Zumal er auf ein dramatisches Finale zusteuert: „In circa fünf Minuten ist sie tot“, lautet der starke erste Satz. Von Beginn an weiß der Leser um Vieranikas Ermordung, er darf sie sogar mehrfach miterleben. Bacharėvič hat seinen Roman nämlich nicht dem Diktat der Zeit unterworfen, sondern dem des Körpers, er folgt keiner Chrono-, sondern einer Physiologie. Jedes Kapitel kreist um ein Körperteil, der zergliederte Körper gibt dem Text seine Struktur. Vieranika und mit ihr der Leser wird bald ganz Ohr, bald Haar oder Zunge. Da wird von der kleinen Vieranika, die sich an einem Eiszapfen festlutscht, zum ersten Tiefenkuss gesprungen, weiter zum Haar im Munde des Vorgesetzten und wieder zurück zum rituellen Briefmarkenanfeuchten in Kindertagen. Zunächst fühlt man sich angesichts wiederholt gekappter Handlungsfäden irritiert. Sobald man aber erkannt hat, wie souverän der Präparator Bacharėvič sein Skalpell handhabt, kann man die Irritation getrost fahren lassen und sich einfach an seinen Schnittkünsten erfreuen.

Immer wieder bricht sich die anatomische Perspektive auch in der Sprache Bahn, in Sätzen wie: „Der zentrale Schnitt führt vom Kinn zur Schambeinfuge bei linksseitiger Umschneidung des Nabels.“ Kapitel für Kapitel werden die Körperregionen Vieranikas inspiziert, wird die Mordszene neu beleuchtet und dargestellt, welche Lebensfunktionen gerade versagen, wann und wo die Tardieu-Flecken auftreten oder welche inneren Organe wie geschädigt sind. Der Autor bleibt dabei aber nicht bei der Sprache rechtsmedizinischer Obduktionsprotokolle stehen. Sie dient ihm vielmehr als Ansatzpunkt für poe(ti)sche Reflexionen. Als Subtext des Romans, bereits im vorangestellten Motto aufgerufen, ist Poes Erzählung Berenice mitzudenken. Berenice ist weit mehr als eine bloße Namensvetterin Vieranikas. Natürlich werden auch Anspielungen auf das Haar der Berenike und Seitenhiebe auf Coelho und seinem Roman Veronika beschließt zu sterben nicht ausgelassen.

 

Außerdem leistet sich Bacharėvič Exkurse ins florentinische Museum La Specola mit seinen anatomischen Wachsmodellen, zu einem spektakulären Mordfall im London des Jahres 1910 oder er gibt ausführliche Hinweise zum nutzbringenden Einsatz von Mascara- Bürstchen und Wimpernzange. Die offene Erzählstruktur verleitet dazu, bisweilen auch Passagen aufzunehmen, die zwar thematisch zu rechtfertigen sind, letztlich aber weder ästhetisch noch inhaltlich unentbehrlich wären. Hier hätte man sich manches Mal beherztere Amputationen von Autor oder Lektor gewünscht. Zumal die Geschichte Vieranikas in der freiwilligen Sklaverei, die Erfahrungen des Ich-Erzählers im freiwilligen Exil und die Abenteuer von Vieranikas Alter Ego Regima in einer Second-life-Welt an sich spannend genug sind. Der Präparator schneidet nicht nur gut, er hat auch hochwertiges Material unterm Messer. Mit Die Elster auf dem Galgen hat Bacharėvič einen gewagten Roman vorgelegt, der nicht nur in der belarussischen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. In der Osteuropa-Bibliothek des Leipziger Literaturverlags erscheint er nun in deutscher Übersetzung. Man übersieht ihn leicht.

 

Alhierd Bacharevič: Die Elster auf dem Galgen. Roman. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler. Leipzig 2010.

Siehe auch das von Thomas Weiler ins Deutsche übertragene Interview mit Al’herd Bacharėvič:
Wahre Leser wollen betrogen sein

 

Buchpublikationen von Al’herd Bacharėvič:

Malaja Mėdyčnaja Ėncykljapėdyja Bacharėviča (Bacharėvičs kleines Medizinlexikon). Minsk 2011. (im Erscheinen)

Chalodnae sėrca. Peraklad z’ njameckaj i pas’ljamova Al’herda Bacharėviča (Wilhelm Hauff: Das kalte Herz. Aus dem Deutschen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Al’herd Bacharėvič). Minsk 2009. (auch als Hörbuch bei BelTonMedia 2009)

Saroka na šybenicy (Die Elster auf dem Galgen). Minsk 2009.

Alhierd Bacharewicz: Talent do jąkania się. Opowiadania wybrane (Die Gabe des Stotterns. Ausgewählte Erzählungen). Tłumaczenie Katarzyna Bortnowska, Katarzyna Kwiatkowska, Maryja Łucewicz-Napałkow. Wydanie dwujęzyczne: polsko-białoruskie. Wrocław 2008.

Prakljatyja hos’ci stalicy (Verdammte Hauptstadtgäste). Minsk 2008.

Nijakaj litas’ci Valjancine H. (Keine Gnade für Valjanzina H.). Minsk 2006.

Natural’naja afarboŭka (Die natürliche Färbung). Minsk 2003. Praktyčny dapamožnik pa rujnavan’ni haradoŭ (Praxishandbuch zur Zerstörung von Städten). Sankt-Pecjarburh, Vil’nja 2002.

Bestens präpariert. Al’herd Bacharėvičs Roman Die Elster auf dem Galgen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bes­tens prä­pa­riert. Al’herd Bach­arė­vičs Roman Die Elster auf dem Galgen

Man über­sieht sie leicht. Dabei sitzt die Elster im Bild Pieter Brue­gels d. Ä. genau im Mit­tel­punkt, auf dem Galgen. Wer die detail- und anspie­lungs­rei­chen Arbeiten Brue­gels betrachtet, sollte lange Weile haben und ganz Auge werden. Ähn­li­ches gilt für den Roman “Die Elster auf dem Galgen” des bela­rus­si­schen Schrift­stel­lers Al’herd Bach­arėvič, der sich nicht nur des brue­gel­schen Titels bedient.

 

 

Als unscharfes Dia, pro­ji­ziert auf die mit che­mi­schen For­meln beschrie­bene Tafel, begegnet das Bild Vier­a­nika wohl nur ein ein­ziges Mal: „Ein Bild eben, Michel­an­gelo-Raf­fael-Leo­nar­do­da­vinci, einer von ihnen würde es schon sein. Viel Wald, ein Stück Himmel, Berge. Irgend­etwas Ver­schwom­menes im Vor­der­grund.“ Vier­a­nika ist nicht son­der­lich moti­viert, sich ein­ge­hender mit dem Gegen­stand der öden Vor­le­sung zu befassen. Wer wollte es ihr ver­denken: „Es war schließ­lich Herbst und sie war achtzehn.“

Al’herd Bach­arėvič [Alhierd Bach­arevič] prä­sen­tiert seine Haupt­figur als eher schlichtes Durch­schnitts­gemüt in einem (teil­weise auf­fällig an Belarus erin­nernden) auto­ri­tären Staat. Beengte Wohn­ver­hält­nisse, Pio­nier­la­ger­ge­schichten, puber­tie­rende Jungs, triste Stu­di­en­jahre und Fluchten in vir­tu­elle Welten – in Vier­a­nika dürften sich viele Mins­ke­rinnen wie­der­finden, viel­leicht weh­mütig, viel­leicht auch unan­ge­nehm berührt. Die junge Frau gerät an eine Stelle in der Bezirks­ab­tei­lung des staat­li­chen Sicher­heits­dienstes und ist dem Regime treu zu Diensten. An ihrer unre­flek­tierten Sys­tem­gläu­big­keit zer­bricht die Bezie­hung zu ihrem Freund, dem Ich-Erzähler, der sich ins frei­wil­lige Exil einer (auf­fällig an Ham­burg erin­nernden) „nörd­li­chen Hafen­stadt“ begibt – Par­al­lelen zu autor­bio­gra­fi­schen Details sind nicht zu über­sehen. Er blickt mit Abstand zurück auf sein Land und auf Vier­a­nika. Und dieser Abstand lässt ihn nun auch die Elster erkennen, wo er früher nur den Galgen wahrnahm.

Dieser Plot ließe sich durchaus chro­no­lo­gisch erzählen. Zumal er auf ein dra­ma­ti­sches Finale zusteuert: „In circa fünf Minuten ist sie tot“, lautet der starke erste Satz. Von Beginn an weiß der Leser um Vier­a­nikas Ermor­dung, er darf sie sogar mehr­fach mit­er­leben. Bach­arėvič hat seinen Roman näm­lich nicht dem Diktat der Zeit unter­worfen, son­dern dem des Kör­pers, er folgt keiner Chrono‑, son­dern einer Phy­sio­logie. Jedes Kapitel kreist um ein Kör­per­teil, der zer­glie­derte Körper gibt dem Text seine Struktur. Vier­a­nika und mit ihr der Leser wird bald ganz Ohr, bald Haar oder Zunge. Da wird von der kleinen Vier­a­nika, die sich an einem Eis­zapfen fest­lutscht, zum ersten Tie­fen­kuss gesprungen, weiter zum Haar im Munde des Vor­ge­setzten und wieder zurück zum ritu­ellen Brief­mar­ken­an­feuchten in Kin­der­tagen. Zunächst fühlt man sich ange­sichts wie­der­holt gekappter Hand­lungs­fäden irri­tiert. Sobald man aber erkannt hat, wie sou­verän der Prä­pa­rator Bach­arėvič sein Skal­pell hand­habt, kann man die Irri­ta­tion getrost fahren lassen und sich ein­fach an seinen Schnitt­künsten erfreuen.

Immer wieder bricht sich die ana­to­mi­sche Per­spek­tive auch in der Sprache Bahn, in Sätzen wie: „Der zen­trale Schnitt führt vom Kinn zur Scham­bein­fuge bei links­sei­tiger Umschnei­dung des Nabels.“ Kapitel für Kapitel werden die Kör­per­re­gionen Vier­a­nikas inspi­ziert, wird die Mord­szene neu beleuchtet und dar­ge­stellt, welche Lebens­funk­tionen gerade ver­sagen, wann und wo die Tar­dieu-Fle­cken auf­treten oder welche inneren Organe wie geschä­digt sind. Der Autor bleibt dabei aber nicht bei der Sprache rechts­me­di­zi­ni­scher Obduk­ti­ons­pro­to­kolle stehen. Sie dient ihm viel­mehr als Ansatz­punkt für poe(ti)sche Refle­xionen. Als Sub­text des Romans, bereits im vor­an­ge­stellten Motto auf­ge­rufen, ist Poes Erzäh­lung Bere­nice mit­zu­denken. Bere­nice ist weit mehr als eine bloße Namens­vet­terin Vier­a­nikas. Natür­lich werden auch Anspie­lungen auf das Haar der Bere­nike und Sei­ten­hiebe auf Coelho und seinem Roman Vero­nika beschließt zu sterben nicht ausgelassen.

 

Außerdem leistet sich Bach­arėvič Exkurse ins flo­ren­ti­ni­sche Museum La Spe­cola mit seinen ana­to­mi­schen Wachs­mo­dellen, zu einem spek­ta­ku­lären Mord­fall im London des Jahres 1910 oder er gibt aus­führ­liche Hin­weise zum nutz­brin­genden Ein­satz von Mas­cara- Bürst­chen und Wim­pern­zange. Die offene Erzähl­struktur ver­leitet dazu, bis­weilen auch Pas­sagen auf­zu­nehmen, die zwar the­ma­tisch zu recht­fer­tigen sind, letzt­lich aber weder ästhe­tisch noch inhalt­lich unent­behr­lich wären. Hier hätte man sich man­ches Mal beherz­tere Ampu­ta­tionen von Autor oder Lektor gewünscht. Zumal die Geschichte Vier­a­nikas in der frei­wil­ligen Skla­verei, die Erfah­rungen des Ich-Erzäh­lers im frei­wil­ligen Exil und die Aben­teuer von Vier­a­nikas Alter Ego Regima in einer Second-life-Welt an sich span­nend genug sind. Der Prä­pa­rator schneidet nicht nur gut, er hat auch hoch­wer­tiges Mate­rial unterm Messer. Mit Die Elster auf dem Galgen hat Bach­arėvič einen gewagten Roman vor­ge­legt, der nicht nur in der bela­rus­si­schen Gegen­warts­li­te­ratur sei­nes­glei­chen sucht. In der Ost­eu­ropa-Biblio­thek des Leip­ziger Lite­ra­tur­ver­lags erscheint er nun in deut­scher Über­set­zung. Man über­sieht ihn leicht.

 

Alhierd Bach­arevič: Die Elster auf dem Galgen. Roman. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Leipzig 2010.

Siehe auch das von Thomas Weiler ins Deut­sche über­tra­gene Inter­view mit Al’herd Bacharėvič:
Wahre Leser wollen betrogen sein

 

Buch­pu­bli­ka­tionen von Al’herd Bacharėvič:

Malaja Mėdyč­naja Ėncy­kl­ja­pė­dyja Bach­arė­viča (Bach­arė­vičs kleines Medi­zin­le­xikon). Minsk 2011. (im Erscheinen)

Cha­lodnae sėrca. Pera­klad z’ nja­me­ckaj i pas’ljamova Al’herda Bach­arė­viča (Wil­helm Hauff: Das kalte Herz. Aus dem Deut­schen über­setzt und mit einem Nach­wort ver­sehen von Al’herd Bach­arėvič). Minsk 2009. (auch als Hör­buch bei Bel­Ton­Media 2009)

Saroka na šybe­nicy (Die Elster auf dem Galgen). Minsk 2009.

Alhierd Bach­a­rewicz: Talent do jąkania się. Opowia­dania wybrane (Die Gabe des Stot­terns. Aus­ge­wählte Erzäh­lungen). Tłu­maczenie Katar­zyna Bort­nowska, Katar­zyna Kwiat­kowska, Maryja Łuce­wicz-Napałkow. Wydanie dwu­ję­zy­czne: polsko-biało­ruskie. Wro­cław 2008.

Pra­kl­ja­tyja hos’ci sta­licy (Ver­dammte Haupt­stadt­gäste). Minsk 2008.

Nijakaj litas’ci Val­jan­cine H. (Keine Gnade für Val­janzina H.). Minsk 2006.

Natural’naja afarboŭka (Die natür­liche Fär­bung). Minsk 2003. Prak­tyčny dapa­možnik pa rujnavan’ni haradoŭ (Pra­xis­hand­buch zur Zer­stö­rung von Städten). Sankt-Pec­jar­burh, Vil’nja 2002.